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Full text of "Deutsche Vierteljahrsschrift Für Öffentliche Gesundheitspflege 34.1902 Michigan"

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Durchlass-Öffnung 
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Deutsche Vierteljahrsschrift für 
öffentliche Gesundheitspflege 


Alexander Spiess, Moritz Pistor, Emanuel Roth, Sigmund 
Merkel, Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege 


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Deutsche Vierteljahrsschrift 

für 

öffentliche Gesundheitspflege 


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Deutsche Yierteljahrsschrift 

~~ für 

öffentliche Gesundheitspflege 

Organ ; 

des : *: 

„Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege“ 

Herausgegeben von 

Oberbürgermeister Dr. F. Adickes (Frankfurt a. M.), Prof. Dr. Hans 
Bnchner (München), Oberbürgermeister P. Fass (Kiel), Geh. Med.- 
Rath Prof. Dr. G. Gaffky (Giessen), Geh. Baurath Dr. J. Hobrecht 
(Berlin), Geh. Ober-Medicinalrath Dr. M. Pistor (Berlin), Medicinal- 
rath Dr. J. J. Reineke (Hamburg), Regierungs- und Medicinalrath 
Dr. Roth (Potsdam), Geh. Sanitätsrath Dr. A. Spiess (Frankfurt a. M.), 
Geh. Baurath J. Stübben (Köln), Regierungs- und Medicinalrath 
Dr. R. Wehmer (Berlin) 

Redigirt von 

Dr. A. Spiess und Dr. M. Pistor 

Frankfurt a. M. Berlin 


Vierunddreissigster Band 


Braunschweig 

Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn 

1902 


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Alle Hechte, namentlich dasjenige der Uebersetzung in fremde Sprachen, 

Vorbehalten 


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Inhalt des vierunddreissigsten Bandes. 


Erstes Heft. . 

Bericht des Ausschusses über die sechsundzwanzigste Versammlung: idfes 
„Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege“ zu Rostock 


am 18., 19. und 20. September 1901. 

Erste Sitzung. 

Eröffnung der Versammlung. 1 

Rechenschaftsbericht. 6 

Tagesordnung. 6 


Nr. I. Die örtlichen Gesundheitscommissionen in ihrer 
Bedeutung für Staat und Gemeinde, sowie für 
die amtliche Thätigkeit der Medicinalbeamteu . 11 

Leitsätze der Referenten Regierungs- und Geh. Medi- 
cinalrath Dr. Rapmund (Minden) und Privatdocent 

Stadtrath Dr. Jastrow (Charlottenburg). 11 

Referat von Regierungs- und Geh. Medicinalrath Dr. 

Rapmund.11, 41 

Correferat von Privatdocent Stadtrath Dr. Jastrow . 23 

Discussion. 24 

Nr. II. Hygiene der Molkereiproduote. 64 

Schlusssätze des Referenten Geh. Medicinalrath Pro¬ 
fessor Dr. Löffler (Greifswald). 54 

Referat von Geh. Medicinalrath Professor Dr. Löffler 65 
Discussion. 75 


Zweite Sitzung. 

Nr. Hi. Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs¬ 
und Lüftungsanlagen für Wohnhäuser und 
öffentliche Gebäude im letzten Jahrzehnt .... 89 

Referat von Landes-Maschinen-Ingenieur Oslender 

(Düsseldorf). 89 

Schlusssätze.106 

Discussion.106 

Nr. IV. Die Bedeutung der hygienisch wichtigen Metalle 
(Aluminium, Blei, Kupfer, Nickel, Zinn und Zink) 
im Haushalt und in den Nahrungsgewerben . . 119 
Schlusssätze der Referenten Professor Dr. K. B. Leh¬ 
mann (Würzburg).119 

Referat von Professor Dr. K. B. Lehmann.119 

Discussion.132 


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VI 


Inhalt des vierunddreissigsten Randes. 


Beit« 


Dritte Sitzung. 

Neuwahl des Ausschusses.. 1S5 

Nr. V. Strassenbefestigungsmaterialien und Ausführungs¬ 
arten sowie ihr Einfluss auf die Gesundheit. . . 135 
Leitsätze der Referenten Stadtbaurath E. Genzmer 
(Halle a. S.) und Privatdocent Dr. Th. Weyl 

(Charlottenburg).135 

Referat von Stadtbaurath E. Genzmer.136 

Correferat von Privatdocent Dr. Th. Weyl . .. . . . 151 

Discussion.158 

Schluss der Versammlung.168 

Kritiken kintt Besprechungen. 

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0; Rj^pj&iund: Das öffentliche Gesundheitswesen. (Roth, Potsdam) . 171 
Ssihlockow — Roth-Lippmann: Der Kreisarzt. I. Band. (M. P.) 172 
Dr. Ernst Joest: Grundlage der bacteriologischen Diagnostik der 

thierischen Infectionskrankheiten. (D.). 173 

Medicinalrath Dr. Hensgen: Leitfaden der Desinfectoren. (D.) . . . 173 
Dr. Fritz Kirstein: Leitfaden für Desinfectoren in Frage und Ant¬ 
wort. (M. Neisser, Frankfurt a. M.) . ..174 

Hofrath Dr. Blass: Die Impfung und ihre Technik. (Fl. P.) .... 174 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege. (91. Ver- 

zeichniBs).175 


Zweites Heft. 

Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren im Kleingewerbe und in 
der Hausindustrie, vom gesundheitlichen und sittlichen Standpunkte be¬ 


trachtet. Von Dr. Paul Schenk (Berlin).185 

Ueber die Beaufsichtigung der in entgeltliche Aussenpflege gegebenen Kin¬ 
der, mit besonderer Berücksichtigung eines in Temesvar angewandten 

neuen Systems. Von Dr. Alexander Szana (Temesvar).205 

Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. Von Wasserbau¬ 
inspector Schümann (Berlin).226 

Wodurch unterscheiden sich die Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten 

von denen auf dem Lande? Von Dr. A. Noder (Türkheim).251 

Versuche mit Nachbehandlung der Frankfurter Abwässer in Oxydations¬ 
filtern. Von Prof. Dr. Freund (Frankfurt a. M.) und H. Uhlfelder 

(Frankfurt a. M.).294 

Die Beschaffenheit der Luft in den Lade- und Formirräumen von Accumu- 
latorenbatterieen und ihre hygienische Beurtheilung. Von Fritz Kir¬ 
stein (Giessen).308 

Ueber Pikrinsäure. Von Dr. Kittsteiner (Hanau).320 

Naturheilkunde und öffentliche Gesundheitspflege. Von Medicinalrath Dr. 

Dornblüth (Rostock). 324 

Kritiken nnd Besprechungen. 

Troels-Lund: Gesundheit und Krankheit in der Anschauung alter 

Zeiten. (Wodtke, Köslin).331 

Dr. A. Gottstein: Geschichte der Hygiene im XIX. Jahrhundert. 

(Wodtke, Köslin).332 

Gesundheitsbüchlein. (A. S.).332 

Th. Weyl: Handbuch der Hygiene. 1. Supplemeutband. (Roth, Potsdam) 332 
Otto Janke: Grundriss der Schulhygiene. (Altschul, Prag) .... 333 


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Inhalt des vierunddreissigsten Bandes. VII 

Seite 

Th. Oehmcke: Mittheilungen über die Luft in Versammlungssälen, 
Schulen und in Räumen für öffentliche Erholung und Belehrung. 

(H. Chr. Nussbaum).335 

Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Volksbäder, Heft 5 u. 6 

(A. S.).335 

P. Schmidt: Ueber Hitzschlag an Bord von Dampfern der Handels¬ 
flotte, seine Ursachen und seine Abwehr. (F. Reiche, Hamburg). 336 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege. (92. Ver¬ 
zeichniss) .337 

Drittes Heft. 

Bacteriologie,~ Epidemiologie und medicinische Statistik. Unmoderne Be¬ 
trachtungen von Dr. Theodor Altschul, k. k. Sanitätsrath (Prag) . 346 
Rinder- und Menschentuberculose. Von Dr. Tjaden, Director des bacterio- 

logischen Staatsinstituts in Bremen.366 

Wie ist es nach unseren Kenntnissen der Alkoholwirkung und nach den 
Erfahrungen der Tropenbewohner zu erklären, dass die Trmksitte ein 
wesentliches Hindern iss für die Acclimatisation der weissen Rasse in 
den Tropen bildet? Von Sanitätsrath Dr. Wulffert, in Berlin .... 393 

Hygienische Verhältnisse auf dem platten Lande nach im Regierungsbezirke 
Stade gemachten Beobachtungen. Von Dr. Ritter und Kreisthierarzt 

Nevermann in Bremervörde.414 

Das Verhalten einer Diphtherieepidemie in einem Genossenschafternolkerei¬ 
bezirke. Von Dr. Fritz Prölss (Scheesei).446 

Ueber die Anforderungen, welche vom gesundheitlichen Standpunkte aus an 
ein öffentliches Schlachthaus zu stellen sind. Von Dr. G. Feldmann 

in Stuttgart .464 

Das Abdeckereiwesen und seine Regelung. Von Dr. Boretius, Königl. 

Kreis-Assistenzarzt (Waldenburg i. Schl.).475 

Kritiken und Besprechungen. 

Dr. R. Wehm er, Regierungs- und Medicinalrath: Die neuen Medicin al¬ 
gesetze PreusBens. (M. P.).499 

Dr. med. G. Bonne: Die Nothwendigkeit der Reinhaltung der deutschen 

Gewässer. (Curt Merckel, Hamburg).499 

Dr. Hermann Haefcke: Städtische und Fabrikabwässer. Ihre Natur, 

Schädlichkeit und Reinigung. (Curt Merckel, Hamburg) .... 506 

W. Assmann in Bochum, B. Röhrecke und Dr. Weyl in Berlin: Fort¬ 
schritte der Strassenhygiene. (J. St.).607 

Dr. Leo Burgerstein und Dr. August Netolitzky: Handbuch der 

Schulhygiene. (A. S.).508 

Alexander Bennstein: Die Reinigung der Schulzimmer. (Altschul, 

Prag).508 


Dr. Paul Jacob und Dr. Gotthold Pannwitz: Entstehung und Be¬ 
kämpfung der Lungentuberculose auf Grund ihrer in den deutschen 
Lungenheilstätten angestellten Sammelforschung. (Kolim, Berlin) 611 
Dr. E. Marx: Die experimentelle Diagnostik, Serumtherapie und Pro¬ 


phylaxe der Infectionskrankheiten. (Neisser, Frankfurt a. M.) . . 515 
Dr. Otto Hess: Das Formaldehyd. (Neisser, Frankfurt a. M.) . . . 516 

Henri Bertin-Sans: L’Habitation. (J. St.).616 

K. Weisbach: Wohnhäuser. (N.).516 

Vereine und Versammlungen: 

Preussischer Medicinalbeamten - Verein. Achtzehnte Haupt¬ 
versammlung zu Cassel am 13. September 1902. 517 


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VIII 


Inhalt dos vierunddreissigeten Bandes. 


Seite 


Deutscher Medicinalbeamten-Verein. Erste Hauptversammlung 

zu München am 15. und 16. September 1902. 517 

Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege. Sieben¬ 
undzwanzigste Versammlung zu München vom 17. bis 20. Sept. 1902 518 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege. (93. Ver¬ 
zeichniss) .519 

Viertes Heft: Erste Hälfte. 

Ueber Gesundheitsschädigungen in Accumulatorenfabriken und gesundheits¬ 
polizeiliche Maassregeln dagegen. Von Dr. med. Oskar Wagener 

(Niesky, Schlesien).529 

Zur Bekämpfung des Typhus. Von Oberstabsarzt Dr. P. Mus eh old (Strass- 

burg i. E.).579 

Zur Hygiene im Schneidergewerbe. Von Dr. med. Sigmund Merkel 

(Nürnberg).597 

Die österreichischen Bauordnungen in hygienischer Beziehung. Von Ober¬ 
bezirksarzt Dr. Eugen Hofmokl (Wien).615 

Beobachtungen über Wohnungsklima. Von Dr. Franz Spaet (Ebern) 631 
Die Frau als Krankenpflegerin. Von Dr. Pfeil Schneider (Schönebeck, 

Elbe).649 

Kritiken und Besprechungen: 

Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheitsamt. XVIII. Bd. (Dr. Kiss- 

kalt, Giessen).660 

Das Sanitätswesen des Preussisohen Staates während der Jahre 1895, 

1896, 1897. (Pfeiffer, Hamburg).666 

Dr. Basil Klaczenko: Sanitätsbericht der Bukowina für die Jahre 

1899 und 1900. (M. P.).668 

Dr. Stefan Ingerle: Die Anstalten für Reoonvalescenten, Erholungs¬ 


bedürftige und Tuberculöse der Krankenkassen und Versicherungs¬ 
anstalten Deutschlands. (Dr. E. Fromm, Frankfurt a. M.) .... 669 
Karl Hinträger, Professor an der Technischen Hochschule in Wien: 
Volksschulhäuser in Oesterreich-Ungarn, Bosnien und der Herze¬ 


gowina. (N.).671 

Long-Preusse: Praktische Anleitung zur Trichinenschau. (D.) . . . 671 

Vereine und Versammlungen: 

Preussischer Medicinalbeamten-Verein. Neunzehnte Haupt¬ 
versammlung zu Cassel, Freitag den 12. September 1902 . 672 

Deutscher Medicinalbeamten-Verein. Erste Hauptversammlung 

zu München am 15. und 16. September 1902 . 678 

Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege. Sieben¬ 
undzwanzigste Versammlung zu München vom 16. bis 20. Septem¬ 
ber 1902 . 674 

Verband deutscher Bahnärzte. Fünfte Versammlung zu München 

am 18. und 19. September 1902 . 676 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege. (94. Ver¬ 
zeichniss) .677 

Viertes Heft: Zweite Hälfte. 

Rückblicke auf die zweite internationale Syphilis-Conferenz zu Brüssel vom 

1. bis 6. September 1902. Von R. Wehmer (Berlin).689 

Kritiken und Besprechungen« 

Prof. Dr. Dun bar und Dr. R. Thumm: Beitrag zum derzeitigen 
Stande der Abwässerreinigungsfrage mit besonderer Berücksich¬ 
tigung der biologischen Reinigungsverfahren. (Roth, Potsdam) . 711 


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Inhalt des vierunddreissigsten Bandes. IX 

Seite 

Prof. Dr. A. Gärtner: Die Quellen in ihren Beziehungen zum Grund- 

wasser und zum Typhus. (J. J. Reineke« Hamburg).712 

Dr. A. Riffel: Weitere pathogenetische Studien über Schwindsucht 
und Krebs und einige andere Krankheiten. (Dr. Emil Fromm« 

Frankfurt a. M.).715 

Geheimrath Prof. Dr. E. von Leyden: Verhütung der Tuberculose 

(Dr. Emil Fromm, Frankfurt a. M.).717 

Dr. Philalethes Kuhn: Ueber eine Impfung gegeu Malaria. (Roth« 

Potsdam).718 

B. Scheube: Die venerischen Krankheiten in den warmen Ländern. 

(Dr. Emil Fromm, Frankfurt a. M.).719 

Bericht über die vom Comite für Krebsforschung am 15. October 1900 

erhobene Sammelforschung. (Dr. Emil Fromm, Frankfurt a. M.) 719 
Dr. Emil Ekstein: Geburtshülfliehe Neuorganisation in Oesterreich. 

(Altschul, Prag) . '.722 

Georges Reverdy: Contribution ä l’etude de l’hopital modele. (KoUm, 

Berlin).722 

Dr. Alfred Spitzner: Die pädagogische Pathologie im Seminarunter¬ 
richt. (L. Laquer, Frankfurt a. M.).725 

Dr. med. K. Schmid-Monnard und Rudolf Schmidt: Schulgesund¬ 
heitspflege. (Altschul, Prag).726 

Dr. Alfred Baur: l)a9 kranke Schulkind. (L. Laquer, Frankfurt a. M.) 726 

H. Griesbach: Gesundheit und Schule. (Altschul, Prag).727 

Dr. Fr. Schmied: Die schulhygienischen Vorschi iften in der Schweiz. 

(Altschul, Prag) .728 

E. v. Schenckendorff und Dr. med. F. Schmidt: Jahrbuch für Volks¬ 
und Jugendspiele, XI. Jahrgang. (Alt sch ul, Prag).728 

Dr. K. Doll: Aerztliche Untersuchungen aus der Hülfsschule für 

schwachsinnige Kinder zu Karlsruhe. (L. Laquer, Frankfurt a. M.) 730 
Prof. Dr. Oster tag: Handbuch der Fleischbeschau für Thierärzte, 

Aerzte und Richter. (Reissmann, Berlin).732 

Geh. Baurath J. Stübben: Die Bedeutung der Bauordnungen und Be¬ 
bauungspläne für das Wohnungswesen. (N.).732 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (95. Ver- 

zeichniss).733 

Repertorium der im Laufe des Jahres 1901 in deutschen und ausländischen 
Zeitschriften erschienenen Aufsätze über öffentliche Gesundheitspflege. 
Zusammengestellt von Geh. San.-Rath Dr. Spiess.741 

General-Register des XXXIII. und XXXIV. Bandes.951 


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Bericht des Ausschusses 

über die 

Sechsundzwanzigste Versammlung 

des 

Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 

zu Rostock 

am 18., 19. und 20. September 1901. 


Erste Sitzung. 

Mittwoch, den 18. September 1901, Vormittags 9 Uhr. 

Vorsitzender Oberbürgermeister Schneider (Magdeburg): 

„Meine Damen und Herren! Indem ich meiner Freude über Ihr zahl¬ 
reiches Erscheinen am hiesigen Platze Ausdruck verleihe, erkläre ich die 
sechsundzwanzigste Jahresversammlung des Deutschen Vereins für öffent¬ 
liche Gesundheitspflege für eröffnet. 

„Zunächst ertheile ich das Wort dem Herrn Vertreter der Grossherzog¬ 
lich Mecklenburgischen Staatsregierung, Herrn Geheimen Ministerial- 
rath Mühlenbruch.“ 

Geh. Ministerialrath Mühlenbruch: „Seine Königliche Hoheit der 
Grossherzog hatte den Minister für Medicinalangelegenheiten beauftragt, 
der Versammlung seinen fürstlichen Grass zu überbringen und die Hoffnung 
auszusprechen, dass auch die Tagung in Rostock das hohe Ziel fördern möge, 
welches sich der Verein gesteckt hat, und welches das ganze Interesse des 
Hohen Herrn besitzt. 

„Aber seine Excellenz Herr Staatsrath von Arnsberg ist leider 
plötzlich erkrankt, und so liegt es mir ob, den Allerhöchsten Auftrag aus¬ 
zuführen und den Deutschen Verein für öffentliche Gesundheitspflege im 
Namen der Mecklenburgischen Regierung hier im Lande willkommen zu 
heissen. Der Verein ist wie kaum ein anderer Verein in einem anderen 
Fache, ein Mitarbeiter und oft auch Promotor der Staatsverwaltung auf 
dem Gebiete der Volksgesundheit geworden, von welchem der Staatsmann 
Disraeli gesagt hat: die öffentliche Gesundheitspflege ist eine der Grund¬ 
lagen, auf welchen die Wohlfahrt des Volkes und die Macht des Staates 
beruhen. Der Verein hat, wenn ich recht sehe, diese bedeutsame Stellung 
wesentlich durch den Umstand errungen, dass er einmüthig in seltener 
Weise in sich Männer der Wissenschaft, der Technik und der Verwaltung 
vereinigt, und dass er die Hygiene aus dem Gesichtspunkte einer socialen 
Kunst behandelt. 

VTerteüehrsschrift für Gesundheitspflege, 1902. j 


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2 


XXVI. Versammlung des Deutschen Vereins 

„Meine Herren! Sie tagen heute in einem Lande, welches mit Lust 
und Liebe ein Agriculturstaat ist. Wer, wie Sie, für Sonnenlicht, frische 
Luft, klares Wasser und reine Lebensmittel plaidirt, der ist naturgemäss 
sicher, in diesem Lande ein gern gesehener Gast zu sein, und ich bin über¬ 
zeugt, dass die Themata Ihres Programms, insbesondere die Ziffern II und 
III, auch in weiteren Kreisen der Bevölkerung ein offenes und williges Ohr 
finden werden. 

„So heisse ich Sie nochmals im Namen der Mecklenburgischen Regierung 
hier im Lande willkommen, mit dem Wunsche, dass die Aussaat auch dieser 
gegenwärtigen Versammlung weithin auf einen tragkräftigen Boden fallen 
möge.“ 

Bürgermeister Br. Massmann (Rostock): „Hochverehrte Ver¬ 
sammlung! Ein Ehrbarer Rath der Stadt Rostock hat mich beauftragt, den 
Deutschen Verein für öffentliche Gesundheitspflege freundlich st zu begrüssen 
und Ihnen seine aufrichtige Freude darüber auszusprechen, dass der Verein 
in diesem Jahre unsere Stadt zum Sitze seiner Berathungen und zum Orte 
seiner Versammlung gewählt hat. Wir haben dadurch den Vorzug, gewisser- 
maa8sen in der Vorhand zu sein beim Erlernen, Prüfen und Anwenden des¬ 
jenigen, was durch Ihre Berathungen festgestellt worden ist. Diese Ihre 
Berathungen, meine Herren, beziehen sich ja theilweise auf Gegenstände, 
welche hauptsächlich für die städtischen Verwaltungen von Bedeutung sind, 
theilweise aber auch auf andere, welche für Stadt und Land das gleiche 
Interesse haben. So blicken denn alle deutschen Gemeinden mit Spannung 
auf Ihre Berathungen und Ihre Arbeiten hin, die ja im letzten Grunde an¬ 
geregt sind durch unsere gemeinsame Liebe für unser gemeinsames deutsches 
Vaterland, und die zum Ziele haben, die sanitären Einrichtungen desselben 
in dem Wettkampfe der Nationen auf diesem Gebiete zu möglichst voll¬ 
kommenen zu gestalten. Es ist uns von ganz besonderem Werthe, meine 
hochgeehrten Herren, so viele von Ihnen persönlich kennen zu lernen, die 
die gleichen Aufgaben wie wir zu lösen haben, und von denen wir ja dem¬ 
nächst Rath und Auskunft über die Bewährung neuer communaler Ein¬ 
richtungen uns erbitten können. Vor allen Dingen aber liegt uns daran, 
dass es Ihnen in unserer Stadt gut gefallen möge, und dass Sie eine freund¬ 
liche Erinnerung an unsere Stadt und ihre Bewohner demnächst mit in Ihre 
Heimath nehmen mögen. Wir werden alles thun, um Ihnen den Aufenthalt 
in hiesiger Stadt so angenehm wie möglich zu gestalten, und so, meine 
verehrten Herren, heisse ich Sie denn, den Deutschen Verein für öffentliche 
Gesundheitspflege mit allen seinen Mitgliedern, auch Namens der Stadt aufs 
herzlichste willkommen!“ 

Professor Dr. Staude (Rostock): „Hochverehrte Versammlung! 
Auch im Namen der Landesuniversität erlaube ich mir, dem Deutschen 
Verein für öffentliche Gesundheitspflege einen herzlichen Willkommensgruss 
darzubringen. 

„In der Universität sind die verschiedenartigsten Wissenschaften zu 
einem Organismus verbunden, der belebt und zusammengehalten wird 
von dem gemeinsamen Streben nach Erweiterung und Vervollkommnung 


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3 


für öffentliche Gesundheitspflege zu Rostock. 

unserer Erkenntnisse. So laufen auch in dem Verein, den ich hier zu 
begrüssen die Ehre habe, die Fäden der mannigfachsten Interessen zusammen. 
Nicht nur, dass in seinen Händen die sämmtlichen Naturwissenschaften, die 
Medicin, die Statistik, die Geschichte zu wichtigen Werkzeugen werden, 
auch das Interesse des Staates an demWohle seiner Bürger und das Interesse 
des einzelnen an seiner eigenen Gesundheit müssen sich in dem Wirken des 
Vereins vereinigen und ihm allseitige Anerkennung und dankbares Entgegen¬ 
kommen sichern. 

„So möge denn Ihr Verein, wie in den vergangenen Decennien, auch 
fernerhin blühen und gedeihen zum Wohle des Vaterlandes und zu seiner 
eigenen Genugthuung und Befriedigung!“ 

Medicinalrath Dr. Dornblüth, Vertreter des Rostocker Vereins 
für öffentliche Gesundheitspflege: „Ich bin von unserem Verein 
beauftragt worden, hier seine grosse Freude auszusprechen darüber, dass 
Sie so zahlreich der Einladung der Stadt Rostock gefolgt sind. Wir sind hier 
gewissermaassen Prediger in der Wüste gewesen lange Zeit, haben aber doch 
Einiges erreicht, was wir glauben, Ihnen zeigen zu können. Wenn Sie darüber 
befriedigt sein werden, bitte ich, die Anerkennung uns nicht zu versagen. 
Aber ich bitte Sie auch zugleich im Namen des Vereins, wenn Sie etwas 
finden, was Ihnen weniger gefällt, uns das zu sagen, damit wir nachholen 
können und weiter streben. Wir wissen sehr wohl, dass wir erst am An¬ 
fänge stehen. Wir sind nicht zufrieden mit dem Wort Magna voluisse sat 
este, es ist nicht genug, Grosses zu wollen, sondern es genügt erst die 
That. Den Anfang haben wir gemacht, die That wollen wir weiter führen, 
und dazu erbitten wir Ihren Beistand. Wir wünschen, dass es Ihnen bei 
uns gut gefallen möge, und dass wir viel von Ihnen lernen u . 

Vorsitzender Oberbfirgermeistcr Schneider (zu Geh. Ministerial- 
rath Mühlenbruch): „Hochverehrter Herr Geheimrath! Es ist uns allen 
gewiss ein tief empfundenes Bedürfniss, Ihnen als Vertreter der Grossherzog¬ 
lichen Staatsregierung von Herzen für die überaus freundlichen Worte zu 
danken, die Sie beim Beginn unserer Verhandlungen an uns gerichtet haben. 
Wir sind tief davon durchdrungen, dass wir die Bestrebungen, die wir in 
der Theorie verfolgen, in die Praxis nur übersetzen können, wenn wir der 
thatkräftigen Hülfe der Hohen Staatsregierungen und der Gemeindebehörden 
jeder Zeit versichert sein dürfen, und es war uns stets eine grosse Freude, 
dass wir bisher an allen Orten, wo wir getagt haben, uns des freundlichen 
Entgegenkommens dieser Behörden zu erfreuen hatten. Es ist uns eine 
grosse Genugthuung, dass uns das jetzt auch hier zu Theil geworden ist 
seitens der Grossherzoglichen Regierung. Wir können Ihnen versichern, 
dass, wie wir seither bestrebt gewesen sind, in objectiver Weise zu erforschen, 
wo Mängel auf dem Gebiete des öffentlichen Gesundheitswesens sich finden, 
und mit erreichbaren Mitteln thunlichst dafür zu sorgen, dass diesen Mängeln 
Abhülfe geschaffen wird, wir diesen unseren Bestrebungen auch für alle 
Zukunft treu bleiben werden. Wir dürfen Sie wohl bitten, uns das freund¬ 
liche Wohlwollen, welches Sie uns heute dargebracht haben, auch fernerhin 
erhalten zu wollen. 

1 * 


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4 (2/ XXVI. Versammlung des Deutschen Vereins 

(Zum Oberbürgermeister Dr. Massmann): „Hochverehrter Herr College! 
Es ist mir ein ganz besonderes Bedürfniss, Ihnen und der Stadt Rostock zu 
danken für die überaus freundliche Aufnahme, die wir bei Ihnen gefunden 
haben, und der Sie eben ja in so herzlichen Worten Ausdruck verliehen haben. 
Ich darf wohl Namens aller Anwesenden versichern, dass die Nachricht, dass 
wir hier im Norden' unseres Vaterlandes, in dieser altberühmten, durch 
.Handel und Industrie von je her hervorragenden Hansastadt, der bedeutendsten 
Stadt des Grossherzogthums, unsere Tagung halten dürften, uns zur besonderen 
Genugthuung gereichte. Ihre Stadt liegt ja nicht an der grossen Heeres¬ 
strasse, die Sommer- und sonstigen Ausflüge, die uns ins deutsche Vater¬ 
land und über dasselbe hinaus zu entführen pflegen, nehmen nur ausnahms¬ 
weise ihren Weg nach Ihrer Stadt. Aber eine um so grössere Freude ist 
es uns, dass diese Veranlassung uns Gelegenheit bietet, Ihre schöne Stadt, 
von der wir in der Ferne schon so Manches, und berechtigter Weise Gutes, 
gehört haben, auch näher kennen zu lernen. Ich danke Ihnen nochmals 
Namens der Versammlung für Ihre freundlichen Worte und Ihre herzliche 
Begrü8sung. a 

(Zu Professor Dr. Staude): „Hochverehrter Herr Professor! Magni- 
flcenz! Sie haben Namens der Landesuniversität Rostock uns in überaus 
sympathischer Weise begrüsst, und Ihnen und der Universität bin ich für 
diesen Beweis Ihres Wohlwollens herzlichen Dank schuldig. Wir Männer 
der Praxis — und aus denen besteht ja unser Verein zum grossen Theil, 
Verwaltungsbeamten und Technikern — wir wissen sehr wohl, dass wir ohne 
fortlaufende Fühlung mit der Wissenschaft nicht im Stande sind, die Auf¬ 
gaben, die wir uns gestellt haben, zu erfüllen. Wir wissen sehr wohl, dass 
die Wissenschaft der Nährboden ist, auf dem allein diejenigen Bestrebungen 
gedeihen können, die wir uns zum Ziele gesetzt haben, und mit besonderem 
Stolze, mit besonderer Freude haben wir es jeder Zeit empfunden, dass wir 
zahlreiche Vertreter auch der Universitäten als unsere hochverehrten und 
hochgeschätzten Mitglieder unter uns haben begrüssen dürfen. Wir haben 
häufig Gelegenheit gehabt, gerade aus dem Stande der Universitätsprofessoren 
belehrende und anregende Vorträge zu hören, und gerade von den Uni¬ 
versitäten ist manches Samenkorn gesäet worden, welche wir demnächst 
bemüht gewesen sind, in der Praxis zur Frucht heranreifen zu lassen. 
Nochmals Euerer Magnificenz herzlichen Dank!“ 

(Zu Medicinalrath Dr. Dornblüth): „Und Ihnen, mein verehrter 
Herr Medicinalrath, dem Vertreter des hiesigen Ortsvereins für öffentliche 
Gesundheitspflege, Ihnen kommen wir ja entgegen als einem alten, lieben 
.und bewährten Freunde und Bekannten, denn seit einer langen Reihe von 
Jahren gehören Sie als eines unserer thätigsten Mitglieder unserem Verein 
an. Das, was Sie gesagt haben, möchten wir nur bedingungsweise unter¬ 
schreiben. Wir sind überzeugt, wie Sie hier in unserem Verein jeder Zeit 
bemüht gewesen sind, unsere Aufgaben zu fördern, so sind Sie es zweifellos 
auch in dem Rostocker Localvereine gewesen und ganz gewiss auch mit 
entsprechendem Erfolge. Davon werden wir uns nun hier voll überzeugen 
dürfen. Die localen Gesundheitsvereine sind ja gewissermaassen Fleisch 
von unserem Fleisch und Bein von unserem Bein. Es sind Glieder von uns, 
deren thatkräftiger Mitwirkung wir in allererster Reihe bedürfen, um uns 


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für öffentliche Gesundheitspflege zu RostookJ 

kräftig entwickeln zu können. Das, was wir theoretisch lehren und predigen, 
da® kann nur dann in die Praxis übersetzt werden, wenn in den Gemeinden 
sich Männer finden, die die Propaganda verbreiten für das Verständnis des¬ 
jenigen in weiten Kreisen, was wir auf unseren jährlichen Versammlungen 
immer nur einem beschränkten Kreise von Gesinnungsgenossen sagen kön¬ 
nen. Also nochmals, hochverehrter Herr Medicinalrath, Ihnen und dem 
Verein für öffentliche Gesundheitspflege in Rostock den herzlichsten Dank 
für Ihre freundlichen Worte!“ 

„Ich ertheile nunmehr das Wort unserem ständigen Secretär, Herrn 
Geheimrath Dr. Spiess zur Mittheilung des Rechenschaftsberichts.“ 

Der ständige Secretär Dr/ Spiess verliest hierauf den 
Rechenschafts-Bericht 1 

des Ausschusses des Deutschen Vereins für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege für das Rechnungsjahr 1900 bis 1901. 

Durch Beschluss der Vereinsversammlung in Trier wurde der Aus¬ 
schuss für das Geschäftsjahr 1900/1901, wie folgt, zusammengesetzt: 
Oberbürgermeister Delbrück (Danzig), 

Stadtbaurath Hopfner (Cassel), 

Medicinalrath Dr. Reineke (Hamburg), 

Oberbürgermeister Schneider (Magdeburg), 

Hofrath Dr. Stich (Nürnberg), 

Geh. Baurath Stübben (Köln) und 

Dr. Spies8 (Frankfurt a. M.), ständiger Secretär. 

Nach Schluss der Versammlung trat der Ausschuss zu einer Sitzung 
zusammen und wählte gemäss §. 7 der Satzungen Herrn Oberbürger¬ 
meister Schneider zum Vorsitzen den für das Geschäftsjahr 1900/1901. 


Der Ausschuss trat sodann satzungsgemäss am 2. und 3. Februar zu 
einer vollzähligen Sitzung in Frankfurt a. M. zusammen. 

Zunächst beschloss der Ausschuss in Betreff der von der Versammlung 
in Trier angenommenen Resolution für Einführung der allgemeinen ärzt¬ 
lichen Leichenschau eine dahin gehende Eingabe an den Reichskanzler 
zu richten; dieselbe ist am 15. Februar abgegangen. 

In Betreff eines von Herrn Oberbürgermeister Dr. Ebeling bei Gelegen¬ 
heit der Discussion über die} Wohnungsfrage in Trier ausgesprochenen 
Wunsches, der Ausschuss möge durch Rundfrage in Erfahrung zu bringen 
suchen, was in Folge der diesjährigen Verhandlung in den einzelnen Ge¬ 
meinden geleistet worden sei, wurde beschlossen, erst noch einige Zeit 
vorübergehen zu lassen und dann im Laufe des kommenden Winters einen 
dahin zielenden Fragebogen an die Gemeinden zu versenden. 

Sodann berichtete der ständige Secretär über das Ergebniss des Preis¬ 
ausschreibens, das der Ausschuss des Vereins im Anschluss an das Refe¬ 
rat des Herrn Prof. Dr. Heim auf der Nürnberger Versammlung betr. 
grösserer Sauberkeit im Nahrungsmittelverkehr erlassen hat. 


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XXVI. Versammlung des Deutschen Vereins 

Es sind 194 Arbeiten zur Preisbewerbung eingegangen, und wur¬ 
den von diesen nach dem Urtheil der Preisrichter 18 Aufsätze prämiirt. 
Es erhielten Preise: 

Frau Landgerichtsrath Laura Frost (Königsberg i. Pr.), 

Frl. Marie Landmann (Breslau), 

„ H. Strosser, Lehrerin a. D. (Münster i. W.), 

Herr Sanitätsrath Dr. Th. Altschul (Prag), 

„ Dr. med. C. Baron (Dresden), 

„ Dr. med. E. Bornemann (Limbach i. S.), 

„ Wilhelm Eberling, Lehrer (Bad Ems), 

„ Adolf Küppers, Lehrer (Duisburg): zwei Aufsätze, 

„ Dr. med. Georg Lustig (Breslau), 

„ Pfarrer Ernst Marti (Grossaffottern i. d. Schweiz), 

„ Dr. med. Paul Schenk (Berlin), 

„ Joh. Schneiderhahn, Seminaroberlehrer (Schwäb. Gmünd), 
„ Pfarrer 0. Schnizer, Schulinspector (Altenmünster i. W.), 

„ E. Schulz, Lehrer (Krassow i. Mecklenburg), 

„ Dr. med. Georg Seelhorst (Ilmenau), 

„ Dr. med. Ignaz Steinhardt (Nürnberg) und 
„ Dr. med. Robert Stierlin (Winterthur, Schweiz). 

Diese 18 Aufsätze, in ein Heftchen von 76 Seiten zusammengedruckt, 
sind zum Nachdruck und möglichster Verbreitung an ca. 350 Unterhaltungs¬ 
blätter, Sonntagsblätter, Frauenzeitungen, Volks- und Schullesebücher, 
Familien- und Hauskalender u. dergl. versandt worden. Die Kosten, die 
der Verein für diese Preisaufgabe aufwendete, belaufen sich auf ungefähr 
2015 M. 


Des weiteren bestimmte der Ausschuss Rostock als Ort der nächsten 
Versammlung, als Zeit die Tage vom 18. bis 21. September und stellte 
die Tagesordnung in folgender Fassung auf: 

Mittwoch, den 18. September. 

I. Die örtlichen Gesundheit»-Commissionen in ihrer Bedeutung für 
Staat und Gemeinde, sowie für die amtliche Thätigkeit der 
Medicinalbeamten. 

Referenten: Reg.- und Geh. Med.-Rath Dr. Rapmund (Minden), 

Stadtrath Privatdocent Dr. Jastrow (Charlottenburg). 

n. Hygiene der Molkereiproducte. 

Referent: Geh. Med.-Rath Prof. Dr. Löffler (Greifswald). 

Donnerstag, den 10. September. 

III. Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungs¬ 
anlagen für Wohnhäuser und öffentliche Gebäude im letzten 
Jahrzehnt« 

Referent: Landes - Maschineningenieur A. Os len der (Düsseldorf). 


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für öffentliche Gesundheitspflege zu Rostock. 7 

IV. Die Bedeutung der hygienisch wichtigen Metalle (Aluminium, Blei, 
Kupfer, Nickel, Zinn und Zink) im Haushalt und in den Nahrungs* 
geworben. 

Referent: Prof. Dr. K. B. Lehmann (Würzburg). 

Freitag, den 20. September. 

V. Strassenhefestigungsmaterialien und Ausfflhrungsarten, sowie ihr 
Einfluss auf die Gesundheit. 

Referenten: Stadtbaurath E. Genzmer .(Halle a. d. S.), 

Privatdocent Dr. Th. Weyl (Charlottenburg). 

Auf Wunsch des Herrn Referenten Dr. Jastrow wurde dann seitens 
des Ausschusses bei 72 deutschen Städten Rundfrage gehalten über die 
dortigen Verhältnisse betr. Kreisarzt, Stadtarzt, deren Verhältnis zu ein¬ 
ander, Gesundheitscommission etc., damit diese als zur Grundlage des dies¬ 
bezüglichen Referates auf der diesjährigen Versammlung diene. 


Die Rechnungsablage für das Jahr 1900 wurde vom Ausschuss 
geprüft und richtig befunden. 

Es betrug danach: 

Cassensaldo am 1. Januar 1900 . 2829*94 M. 

Einnahmen durch Mitgliederbeiträge und Zinsen . . 9379*50 „ 

Mithin zusammen Einnahmen 12 209*44 M. 

Dagegen an Ausgaben. 7765*94 „ 

Bleibt ein Cassensaldo für 1901 von . . . 4443*50 M. 


Die Mitgliederzahl des Vereins betrug zu Ende des Jahres 1900 
1533. Von diesen sind im laufenden Jahre ausgetreten 110, davon 35 
durch Tod. 

Es sind dies die Herren: 

Geh. Medicinalrath Dr. Ab egg (Danzig), 

Dr. med. Asch sen. (Breslau), 

Sanitätsrath Dr. de Bra (Gandersheim), 

Hofrath Dr. Brauser (Regensburg), 

Stadtphysicus Dr. Buszek (Krakau), 

Dr. Paul Degner (Braunschweig), 

Baurath Fischer (Bad Manheim), 

Professor Dr. v. Fodor (Budapest), 

Sanitätsrath Dr. Hachtmann (Weissenfels a. d. S.), 

Geheimerath Prof. Dr. v. Heusinger (Marburg), 

Regierungsrath Kraus (Kiel), 

Director Dr. Kurth (Bremen), 

Wirkl. Geheimerath v. Kusserow Exc (Schloss Bassenheim), 
Director Prof. Dr. Lion (Leipzig), 


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XXVI. Versammlung des Deutschen Vereins 


Bezirksarzt Dr. Maar er (Erlangen), 

Sanitätsrath Dr. Meissner (Trier), 

Oberingenieur Andreas Meyer (Hamburg), 

Polizeiarzt Dr. Osann (Kiel), 

Geh. Obermedicinalrath Prof. Dr. v. Pettenkofer, Exc. (München), . 
Geh. Obermedieinalrath Dr. Pfeiffer (Darmstadt), 

Dr. med. Pletzer (Bremen), 

Badeanstaltsbesitzer Johann Presl (Wien), 

Ober-Bezirksarzt Dr. Rauchegger (Wien), 

Bezirksarzt Dr. Roeder (Würzburg), 

Kreisarzt Dr. Schmiedel (Breslau), 

Stadtbaurath Rudolf Schmidt (Kiel), 

Dr. med. Schorer (Lübeck), 

Beigeordneter Seyffardt (Krefeld), 

Geh. Oberregierungsrath Spinola (Berlin), 

Sanitätsrath Dr. Steinmeyer (Braunschweig), 

Banquier Theodor Stern (Frankfurt a. M.), 

Corps-Stabsapotheker Dr. Thiele (Leipzig), 

Stadtrath Wen dt (Danzig), 

Sanitätsrath Dr. Wenz (Cannstadt) und 
Senator Wülbern (Hannover). 

Neu eingetreten sind 107 Mitglieder, so dass der Verein zur Zeit 1 ) 
1530 Mitglieder-zählt, von denen 301 in Rostock anwesend sind. 


Vorsitzender, Oberbürgermeister Schneider (Magdeburg): 

„Meine verehrten Damen und Herren! Sie haben aus dem Bericht 
unseres Herrn Generalsecretärs wohl mit grosser Betrübniss Alle entnommen, 
dass der unerbittliche Tod auch in dem vergangenen Geschäftsjahre eine 
Ernte unter unseren Mitgliedern gehalten hat. Wir beklagen unter den 
soeben namhaft gemachten Herren eine grosse Anzahl von lieben Freunden 
und Bekannten, die wir gewohnt waren, in unserer Mitte thatkräftig mit¬ 
wirkend an unseren Zielen zu begrüssen, und die wir jederzeit mit Freuden 
unter uns gesehen haben. Sämmtliche Ihnen genannte Herren sind treue 
Mitglieder unseres Vereins gewesen, und allen werden wir ein treues An¬ 
denken bewahren. 

„Sie werden es aber begreiflich finden, meine verehrten Damen und 
Herren, und ich bin Ihrer aller Uebereinstimmung sicher, wenn ich zweier 
Namen, die unter diesen Verstorbenen sich befinden, doch auch noch an 
dieser Stelle ganz besonders Erwähnung thue: des Namens des nun leider 
verewigten Wirklichen Geheimen Raths Dr. Max von Pettenkofer und 
des Namens des Oberingenieurs der Stadt Hamburg Andreas Meyer. 

„Was von Pettenkofer der Wissenschaft gewesen ist, darüber brauche 
ich an dieser Stelle kein Wort zu sagen. Seit langen Jahren hat sein Name wie 
ein Stern vorangestrahlt in allen Landen, in denen überhaupt Cultur existirt, 
in denen wissenschaftliche Bestrebungen des Gebietes, welches hier in Frage 


1 ) Die Zahlen sind die nach Schluss der Versammlung festgestellten. 


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für öffentliche Gesundheitspflege zu Rostock. 

kommt, überhaupt einen Boden gefunden haben, und sein Ruhm wird, wie 
ich überzeugt bin, die Jahrhunderte überdauern. Aber sprechen will ich 
von dem, was dieser Mann gerade uns gewesen ist, und ich kann mit Stolz 
davon sprechen. Er ist es gewesen, der Begründer der modernen Hygiene, 
der auch unseren Verein mitbegründet und dadurch Zeugniss davon ab¬ 
gelegt hat, dass er die Vereinigung von Wissenschaft und Praxis, wie sie in 
unserem Vereine sich darbietet, für ein öffentliches Bedürfnis erster Ord¬ 
nung erachtete. Er ist uns demnächst jederzeit ein treuer Freund und 
Berather gewesen, der bis in die letzten Jahre vielfach an unseren Ver¬ 
sammlungen theilgenommen hat, und dessen Worten wir hier häufig mit 
Andacht gelauscht haben. Er hat in werkthätiger Weise sich bei der Her¬ 
ausgabe unserer Vierteljahrsschrift betheiligt, und mit Stolz haben wir ihn 
während der letzten acht Jahre seines Lebens als unser, vorläufig erstes, 
Ehrenmitglied ganz besonders den Unseren nennen dürfen. So kann ich 
dessen sicher sein, dass aiich in unserem Vereine sein Name für alle Zeit 
bestehen wird, und bis in die fernsten Zeiten wir seinem Andenken den 
Zoll ehrerbietiger Dankbarkeit darbringen werden. 

„Und, meine verehrten Damen und Herren, kaum weniger kann ich 
von dem anderen Manne sagen, den ich erwähnt habe, dem Oberingenieur 
Andreas Meyer. Wie Pettenkofer, eine Leuchte der Wissenschaft, 
unsere wissenschaftlichen Bestrebungen in erster Reihe gefördert hat, so 
war Andreas Meyer der Mann der Praxis, der unsere Bestrebungen viel¬ 
fach in das tägliche Leben übersetzt hat. Um seine Heimathstadt Ham¬ 
burg — das wird dort von allen Seiten einmütig anerkannt — hat er sich 
unvergängliche.Verdienste erworben, und auch uns ist er jederzeit ein treues 
und ganz besonders werkthätiges Mitglied gewesen. Er ist uns allen ja 
ein lieber und alter Bekannter. Sie Alle, die frühere Congresse besucht 
haben, werden sich seiner freundlichen und liebenswürdigen Gestalt mit 
ganz besonderer Freude erinnern und mit ganz besonderer Freude des leb¬ 
haften Eingreifens in unsere Discussionen. Er war ein temperamentvoller 
Mann, der jederzeit Leben und Interesse in unsere Verhandlungen zu bringen 
verstand, dabei ausgezeichnet durch die liebenswürdigsten Eigenschaften 
des Geistes und des Herzens, und Alle, die im vorigen Jahre Gelegenheit 
hatten, ihn in Trier scheinbar noch in voller Manneskraft zu sehen, ahnten 
wohl nicht, dass schon damals der Keim des Todes an seinem Herzen nagte. 
Sie hatten sich gefreut, ihn heute wieder in ihrer Mitte nach altgewohnter 
Weise zu sehen. Es hat nicht sein sollen. Er ist dahin geschieden vor 
der Zeit. Aber auch er darf versichert sein, dass wir jederzeit ihm ein 
treues Andenken bewahren werden. 

„Meine verehrten Damen und Herren, ich bitte Sie, zum Zeichen Ihrer 
Trauer um alle die lieben und verehrten Dahingeschiedenen des letzten 
Jahres, und insbesondere um die beiden Männer, die ich Ihnen noch her¬ 
vorhob, sich von Ihren Sitzen zu erheben. (Geschieht.) Sie haben das 
gethan und haben der Uebereinstimmung mit meinen Worten dadurch Aus¬ 
druck verliehen.“ 

Der Vo-sitzende schreitet nunmehr zur Bildung des Bureaus und 
beruft zum ersten stellvertretenden Vorsitzenden Herrn Bürgermeister 


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10 XXVL’ Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Dr. von Bo recht aus München, znm zweiten Stellvertreter Herrn Medicin&l- 
rath Dr. Dornblüth aus Rostock, zum Schriftführer neben dem ständigen 
Secretär Herrn Prof. Dr. Pfeiffer (Rostock). 


Vor Eintritt in die Tagesordnung ertheilt der Vorsitzende das Wort 
Herrn 

Oberbürgermeister Pagels (Oppeln), der darauf hinweist, dass 
eine Bewegung, die in ihren Anfängen auf die Bestrebungen des Deutschen 
Vereins für öffentliche Gesundheitspflege zurückzuführen sei, seit etwa 
Jahresfrist im Bundesstaate Preussen praktische Gestalt angenommen habe. 
Es handle sich um die Beseitigung städtischer Abwässer, die seit langen 
Jahren eine schwere Sorge für die grösseren Stadtverwaltungen bilde. Nun 
habe bereits im März vorigen Jahres eine Anzahl Interessenten grösserer 
Städte und anderer Interessentengruppen sich zusammengethan, um den An¬ 
trag zu stellen, der Herr Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal- 
angelegenheiten möge hei der Berathung des Jahreshaushaltetats für 
1900/1901 eine Summe für Errichtung einer staatlichen Unter¬ 
suchungsanstalt für die Angelegenheiten der Wassergewinnung 
und Abwässerbeseitigung fordern. Erstaunlicher Weise sei von beiden 
Häusern des Landtages die Summe von 45000 Mk. zunächst versuchsweise 
für diesen Zweck eingestellt worden, dabei aber habe man durchhlicken 
lassen, dass an eine Weitergewährung dieser Summe nur dann zu denken 
sei, wenn die Kreise der Interessenten einerseits durch ausreichende laufende 
Beiträge, andererseits durch Inanspruchnahme des Institutes für besondere 
locale Fragen die Angelegenheit unterstützen würden. Man habe sich 
desshalb zunächst an die grösseren Städte gewandt; und von etwa 50 dieser 
Städte seien bereits feste jährliche Beiträge zugesagt worden. 

Neben den Städten sei aber auch die Vereinsthätigkeit herangezogen 
und in den Dienst der Sache gestellt worden und eine ähnliche Anfrage 
wegen pecuniärer Betheiligung werde auch an den Deutschen Verein für 
öffentliche Gesundheitspflege gelangen. Er bitte, dass der Verein nach 
Maassgabe der verfügbaren Mittel die Bestrebungen dieser Centralstelle 
unterstützen wolle. m 

Der Vorsitzende sagt zu, dass die Anregung den Gegenstand ernster 
Erwägung des Ausschusses bilden werde; Beschlüsse nach dieser Richtung 
seien einstweilen noch nicht gefasst. 


Es wird hierauf in die Berathung des ersten Gegenstandes der Tages¬ 
ordnung eingetreten: 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen etc. 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen in ihrer 
Bedeutung für Staat und Gemeinde, sowie für die 
amtliche Thätigkeit der Medicinalbeamten. 

Es lauten die von den Referenten Regierangs- und Geheimer Medicinal- 
r&th Dr. Rapmund (Minden) und Privatdocent Stadtrath Dr. J&8trOW, 
(Charlottenburg-Berlin), aufgestellten 

Leitsätze: 

(Abstimmung Vorbehalten.) 

1. Für die Erfüllung der Aufgaben der öffentlichen Gesundheitspflege ist die 
Einrichtung örtlicher Gesundheitscommissionen nothwendig. 

2. Die Thätigkeit der Gesundheitscommission soll 

a) nicht bloss eine begutachtende und anregende, sondern auch eine 
verwaltende sein, sowie 

b) unter Mitwirkung und gegenseitiger Unterstützung des beamteten 
Arztes stattfinden. 

3. Bei Regelung der Befugnisse der Gesundheitscommissionen dürfen die 
Grundsätze der communalen Selbstverwaltung nicht verletzt werden. 

Referent, Regierung»- und Geh. Medicinalrath Dr. Rapmund 
(Minden): 

„Meine Herren! Das Thema, über welches ich das Referat auf Er¬ 
suchen des Vereins Vorstandes übernommen habe, hatte, wie Ihnen erinner¬ 
lich sein wird, anfangs einen anderen und zwar folgenden Wortlaut: »Der 
Kreisarzt und die Gesundheitscommissionen nach dem neuen preussischen 
Gesetz und ihre Bedeutung für Staat und Gemeinde.“ Die jetzige weiter¬ 
gehende Fassung ist auf meinen Vorschlag gewählt und bin ich dem Vor¬ 
stande und dem Herrn Correferenten sehr dankbar, dass sie denselben 
sofort angenommen und meine Gründe für diese Abänderung als berechtigt 
anerkannt haben. Auch Sie werden mir sicherlich zugeben, dass es der 
Zusammensetzung, den Aufgaben und Zielen eines Vereins, der sich über 
ganz Deutschland, ja sogar über dessen Grenzen hinaus erstreckt, nicht 
entspricht, wenn bei einer doch immerhin sehr wichtigen Frage des öffent¬ 
lichen Gesundheitswesens nur die Verhältnisse in einem einzigen Bundes¬ 
staat zur Erörterung gelangen. Es könnte dies nur dann einigermaassen 
gerechtfertigt sein, wenn die einschlägigen Verhältnisse in diesem Staate 
besonders reformbedürftig wären und in Folge ihrer Unzulänglichkeit 
gleichsam rückwirkend einen nachtheiligen Einfluss auf die Gesammtheit 
aller Bundesstaaten ausübten. Dieser Fall liegt hier aber keinesfalls vor; 
im Gegentheil, man kann viel eher behaupten, dass gerade die Frage 
der örtlichen Gesundheitscommissionen in Preussen, wenigstens 
jetzt, weit besser, als in den meisten anderen deutschen Bundes¬ 
staaten geregelt und dass es desshalb um so mehr angezeigt ist, bei 
ihrer Besprechung auch diese zu berücksichtigen. Ausserdem darf man 
nicht ausser Acht lassen, dass erst ein Vergleich zwischen den in den 
verschiedenen Staaten bestehenden, derartigen Einrichtungen, deren Zweck- 


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12 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

mässigkeit, Thätigkeit u. 8. w. ausreichende Unterlagen gewährt, um sich 
ein zutreffendes Urtheil zu bilden über die Bedeutung der Gesundheits¬ 
commissionen für die Erfüllung der Aufgaben der öffentlichen Gesundheits¬ 
pflege und damit auch für den Staat und die Gemeinde. 

„Meine Herren! Die in Ihren Händen befindlichen kurzen Leitsätze 
sind von uns beiden Referenten gemeinsam aufgestellt; betreffs ihrer Be¬ 
gründung haben wir uns nun dahin geeinigt, dass von mir hauptsächlich 
die Nothwendigkeit örtlicher Gesundheitscommissionen überhaupt, sowie 
die Aufgaben derselben und die Mitwirkung des beamteten Arztes bei ihrer 
Thätigkeit vom hygienischen Standpunkte aus erörtert werden wird, wäh¬ 
rend mein Herr Gorreferent die Beleuchtung der Frage vom verwaltungs¬ 
rechtlichen Standpunkte aus übernommen hat. Ich bemerke jedoch, dass 
ich bei meinen Ausführungen nicht nur die grösseren Städte im Auge habe, 
sondern auch die kleineren Städte, Flecken und das platte Land. Wenn 
in dieser Versammlung auch unter den Verwaltungsbeamten die Vertreter 
der grösseren Städte überwiegen, so bin ich doch überzeugt, dass diesen 
eine derartige Ausdehnung meines Referats schon mit Rücksicht auf die 
Nachbarschaft und den regen Verkehr der Städte mit den Landgemeinden 
nicht unerwünscht sein dürfte; noch mehr wird dies aber voraussichtlich 
bei meinen, hier nicht minder zahlreich vertretenen Fachcollegen der Fall 
sein, zu deren Obliegenheiten die Ueberwachung und Förderung der öffent¬ 
lichen Gesundheit gehört, ohne Unterschied zwischen Stadt und Land. Ich 
habe überhaupt das Gefühl, dass es im Interesse des Allgemeinwohles 
gar nichts schaden könnte, wenn ein so hoch geachteter, einflussreicher, in 
vieler Beziehung als Autorität geltender Verein, wie der Deutsche Verein 
für öffentliche Gesundheitspflege, bei seinen Verhandlungen die gesundheit¬ 
lichen Verhältnisse auch der kleineren Städte und Ortschaften nicht völlig 
unberücksichtigt lässt; denn hier giebt es bekanntlich noch recht viel zu 
bessern und zwar mehr, wie in vielen Grossstädten! 

„Meine Herren! Die Einrichtung örtlicher Gestindheitscommissionen 
— ich würde den deutschen Ausdruck „Gesundheitsausschüsse“ vorziehen — 
lässt sich in Deutschland ziemlich weit zurückverfolgen; denn die während 
des Herrschens der Pest im 16. und 17. Jahrhundert an manchen Orten 
gebildeten Pestcommissionen, die aus städtischen Beamten, Geistlichen, 
Bürgern u. s. w. bestanden, sind zweifellos als solche Commissionen an¬ 
zusehen. In Italien, namentlich in der damaligen Republik Venedig, sind 
sogar schon im 14. und 15. Jahrhundert in sehr vielen Städten, besonders 
in den Seestädten, Ortsgesundheitsrätbe gebildet, denen die Ueberwachung 
der öffentlichen Gesundheitspflege und vor Allem die Controle des Scbiff- 
fahrtsverkehrs mit Rücksicht auf die Einschleppung von Seuchen aus dem 
Orient her oblag. Aber alle diese Anläufe, das Laienelement zur Mit¬ 
wirkung auf dem Gebiete des öffentlichen Gesundheitswesens heranzuziehen, 
blieben doch bis zum vorigen Jahrhundert nur vereinzelt, obwohl man im 
Uebrigen gerade früher weit mehr, als dies jetzt glücklicher Weise der 
Fall ist, die Neigung hatte, in gesundheitlichen Fragen statt der Hülfe der 
Aerzte lieber diejenige ehrbarer Laien in Anspruch zu nehmen, da diese 
wegen ihrer angeblichen Unbefangenheit als besser geeignet dazu angesehen 
wurden. 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen etc. 


13 


„Wie nach vielen anderen Richtungen hin, so hat das im Jahre 1831 
erfolgte Hereinbrechen der Cholera in Deutschland auch auf die Bildung von 
Gesundheitscommissionen einen entscheidenden Einfluss ausgeübt; nament¬ 
lich inPreussen, wo durch das für damalige Verhältnisse vorzügliche Regu¬ 
lativ vom 8. August 1835 ihre Errichtung behufs Verhütung und Be¬ 
kämpfung ansteckender Krankheiten vorgeschrieben wurde, und zwar in 
Städten von 5000 und mehr Einwohnern als ständige Einrichtung, während 
ihre Bildung in kleineren Städten und auf dem Lande den Regierungen 
bezw. den Regierungspräsidenten überlassen blieb. Die betreffenden Com¬ 
missionen sollten sich aus dem Vorsteher der Orts Polizeibehörde als Vor¬ 
sitzenden, mehreren von der Ortspolizeibehörde zu wählenden Aerzten, 
und von den Vertretern der Communen zu wählenden geeigneten Orts¬ 
angesessenen, sowie in Garnisonorten aus einem oder mehreren von dem 
Militarbefehlshaber zu bestimmenden Offleieren und einem oberen Militärärzte 
zusammensetzen, und für die Ortspolizeibehörde nicht nur Rath gebende, 
sondern auch ausführende Behörden sein. Insbesondere lag ihnen ob, über 
den Gesundheitszustand des Ortes zu wachen, die Ursachen der Entstehung 
und Verschleppung ansteckender Krankheiten aufzudecken und für ihre 
Beseitigung Sorge zu tragen, das Publicum über die Erscheinungen der 
wichtigeren ansteckenden Krankheiten und die dabei zu beobachtenden 
Vorsichten)aassregeln zu belehren, die Errichtung der erforderlichen Heil- 
und Verpflegungsanstalten vorzubereiten und sich über die Beschaffung der 
Mittel, die zur Durchführung der von ihnen als nothwendig anerkannten 
Maassregeln erforderlich waren, mit der Communalbehörde zu verständigen, 
sowie im Falle, dass sich diese säumig zeigen sollte, darüber der Vorge¬ 
setzten Behörde unverzüglich Anzeige zu machen. Meine Herren! Ich will 
hier nicht weiter auf die Aufgaben dieser Sanitätscommissionen, die 4 durch 
spätere Ministerialerlasse, insbesondere durch den Erlass vom 14. Juli 1884, 
noch genauer geregelt wurden, eingehen; das Mitgetheilte dürfte für Sie 
schon genügen, um daraus den Schluss zu ziehen, dass dieselben eigentlich 
eine recht segensreiche Thätigkeit hätten entfalten müssen, wenn sie jenen 
gerecht geworden wären und von den ihnen eingeräumten Befugnissen pflicht¬ 
gemäss Gebrauch gemacht hätten. Dass dies nicht geschehen ist, wird 
Ihnen Allen bekannt sein; es ist überhaupt an sehr vielen Orten gar nicht zur 
Bildung von Sanitätscommissionen gekommen, oder wenn eine solche beim 
erneuten Ausbruch einer Epidemie erfolgte, so war die Thätigkeit der 
Commission meist nur eine kurz vorbeigehende. Die Ursache davon lag 
wohl hauptsächlich daran, dass ihr eine erforderliche Fühlung mit den 
betreffenden Communalbehörden, vor Allem aber die Bachverständige Lei¬ 
tung fehlte, durch die sie immer wieder von Neuem zur Thätigkeit angeregt 
und ihr Interesse für diese wach gehalten wurde. 

„Meine Herren! Nicht viel besser als in Preussen hat sich die Wirk¬ 
samkeit der örtlichen Gesundheitscommissionen in den anderen deutschen 
Bundesstaaten gestaltet, in denen solche überhaupt gebildet sind. Es ist dies 
keineswegs überall der Fall! Im Gegentheil, nur in einigen Staaten, z.B. in 
Anhalt und Wal deck, sind ähnliche Bestimmungen wie in Preussen ge¬ 
troffen ; auch im Grossherzogthum Hessen ist die Bildung von Kreis- und 
Ortsgesundheitsräthen vorgesehen, während man solche in den meisten 


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14 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öflentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

übrigen Bundesstaaten entweder nur für alle Städte (z. B. in Baden ge¬ 
mäss §. 19 a der Stadtordnung vom 24. Juni 1874) oder nur für einzelne 
Städte (z. B. in Oldenburg, Sachsen-Weimar, Sachsen-Meiningen, 
Schwarzburg-Rudolstadt, Reuss j. Linie) kennt. In einer dritten 
Gruppe von Bundesstaaten ist ferner die Bildung von Gesundheitscommissionen 
eigentlich nur beim Ausbruch von Epidemieen vorgeschrieben, z. B. in 
Bayern und Sachsen — hier giebt es allerdings auch in einzelnen 
grosseren Städten derartige ständige Commissionen —, in Württemberg, 
Mecklenburg-Schwerin, Altenburg und Schaumburg-Lippe. Gar 
keine örtlichen Gesundheitscommissionen existiren in Mecklenburg- 
Strelitz, Braunschweig, Coburg-Gotha, Schwarzburg-Sonder s - 
hausen, Reuss ältere Linie, während in Elsass-Lothringen Kreis- 
gesundheitsräthe bestehen, die noch aus der französischen Zeit 
herstammen und aus den durch Decret vom 18. September 1848 gebildeten 
Arrondissements-Gesundheitsräthen (Conseils (Thygihie publique et de salu- 
brite) hervorgegangen sind. 

„Von den drei freien Hansastädten hat Hamburg keine Einrichtung, 
die man als Ortsgesundheitscommission ansprechen könnte; in Lübeck 
und Bremen sind dagegen dem ausführenden Medicinalamte bezw. der 
ausführenden Medicinalcommission berathende und begutachtende Collegien 
— Medicinalcollegium bezw. Deputation für das Gesundheitswesen — bei¬ 
gegeben, die hauptsächlich aus Laienmitgliedern bestehen, aber auch eine 
verwaltende Thätigkeit ausüben. 

„Während in den deutschen Bundesstaaten, entsprechend dem hier vor¬ 
herrschenden Verwaltungssystem, durch das die Gesundheitspolizei in allen 
Instanzen mit der Staatsgewalt eng verbunden ist, die Ortsgesundheits- 
commiBsionen, wo sie überhaupt gebildet sind, nur gleichsam Anhängsel 
der ersteren darstellen und fast ausschliesslich nur eine begutachtende und 
anregende Thätigkeit ausüben, gestalten sich diese Verhältnisse in denjenigen 
Culturstaaten, bei denen das Princip der strengsten Selbstverwaltung der 
Gemeinden vorherrscht, ganz anders. Hier bestehen örtliche Gesundheits¬ 
commissionen als bloss ratbgebende Behörden überhaupt nicht, sondern 
nur Ortsgesundheitsämter, die gleichzeitig ausführende Organe sind, 
und in deren Händen die Handhabung des ganzen Gesundheitsdienstes in 
der Localinstanz ruht, z. B. in England, in den einzelnen Bundesstaaten 
Nordamerikas und den englischen Colonial Staaten, ferner in 
Schweden, Norwegen und Finnland. Auch die durch das neue 
Gesundheitsgesetz vom 17. Juni d. J. in den Niederlanden für alle 
Gemeinden über 18000 Einwohner obligatorisch vorgeschriebenen Gesund- 
heitBcommissionen, deren Bildung und Zusammensetzung allerdings nicht 
auf den Grundsätzen der Selbstverwaltung beruht, sind gleichzeitig aus¬ 
führende Behörden; dessgleichen können in den einzelnen Cantonen der 
Schweiz die Gemeinderäthe die Ausführung und Aufsicht der ihnen 
obliegenden Handhabung der öffentlichen Gesundheits- und Lebensmittel¬ 
polizei besonderen, von ihnen zu ernennenden Ortsgesundheitscommissionen 
übertragen. Ebenso sind die den Bürgermeistern in Belgien beigegebenen 
Localgesundheitscommissionen (Commissions mtdicales locales) nicht bloss 
begutachtende, sondern auch ausführende Behörden; dasselbe gilt betreffs 


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Die örtlichen Gesnndheitscommissionen etc. 


15 


der für die Gemeinden in Italien und für jedes Amt in Dänemark 
gebildeten Ortsgesnndheitscommissionen. 

„Aehnlich wie in den deutschen Bundesstaaten sind dagegen die Orts¬ 
gesundheitscommissionen in Oesterreich, wo solche allerdings nicht obli¬ 
gatorisch sind, in Spanien, wo den Alkalden Gemeindegesundheitsräthe 
(Juntas de Sanidad) beigegeben sind, in Portugal, wo durch besondere 
Verfügung örtliche Gesundheitscommissionen gebildet werden können, aus¬ 
schliesslich rathgebende Collegien, ebenso wie die Arrondissements -Gesund- 
heitsräthe ( Conseils d’hygi&ie publique et de sdlubriU) und die Comrmssions 
d'hygi&ie in den Cantonshauptorten Frankreichs; nur in Ungarn, wo für 
jedes Municipium eine Sanitätscommission gebildet werden muss, kann sich 
diese beim Ausbruch gefährlicher Epidemieen zu einer Epidemiecommission 
constituiren und ist für diesen Fall ermächtigt, die nothwendigen Schutz¬ 
maassregeln nicht nur vorzuschlagen, sondern auch unmittelbar anzuordnen 
und durchzuführen. Der Vollständigkeit wegen sei noch erwähnt, dass in 
Rumänien und Russland örtliche Gesundheitscommissionen nicht 
bestehen, wohl aber in Japan, das bekanntlich in den letzten Jahrzehnten 
gerade auf dem Gebiete des öffentlichen Gesundheitswesens erhebliche Fort¬ 
schritte aufzuweisen hat, und in dem die Handhabung desselben in unterer 
Instanz einem der Polizeibehörde beigegebenen, von den Selbstverwaltungs¬ 
körpern gebildeten örtlichen Gesundheitsrathe ( Yoto-Jin ) obliegt! 

„Meine Herren! Ich muss mich auf diese kurze Uebersicht beschrän¬ 
ken; denn es würde viel zu weit führen, wenn ich heute auf die in den 
einzelnen Staaten über die Obliegenheiten u. s. w. der Gesundheitscom- 
missionen geltenden Vorschriften näher eingehen wollte. Die gegebene 
Uebersicht dürfte Ihnen auch genügen, um sich ein einigermaassen zutref¬ 
fendes Bild von den zur Zeit in dieser Beziehung bestehenden Verhält¬ 
nissen zu machen ; dasselbe bedarf nur noch nach einer Richtung hin einer 
Ergänzung, nämlich betreffs der in Preussen durch das Gesetz vom 
16. September 1899 und die hierzu erlassenen Ausführungsbestimmungen 
gegebenem Vorschriften über die Bildung, Zusammensetzung und Aufgaben 
der Gesundheitscommissionen, sowie über das Verhältnis der beamteten 
Aerzte zu denselben. Es erscheint dies um so mehr angezeigt, als jene 
nicht nur die neuesten derartigen Vorschriften darstellen, sondern auch den 
Gegenstand im Vergleich zu den anderen deutschen Bundesstaaten verhält¬ 
nismässig am besten regeln. 

„Meine Herren!* Es ist bereits vorher von mir erwähnt, dass die in 
Preussen auf Grund des Regulativs vom 8. August 1835 gebildeten Gesund- 
heitscommissionen im Grossen und Ganzen trotz der an sich recht guten 
Vorschriften versagt hätten, und dass die Ursache hieran hauptsächlich in 
ihrer mangelnden Fühlung mit der CommunalVerwaltung gesucht worden sei. 
Ich kann mich dieser Ansicht nicht völlig anschliessen, sondern erblicke 
den Hauptgrund davon weit mehr in ihrer zum Theil facultativen Errich¬ 
tung, sowie in dem Mangel einer sachgemässen Leitung; denn wo diese 
beiden Fehler vermieden sind, haben die Sanitätscommissionen recht 
Erspriessliches geleistet. Gleichwohl kann man es nur mit Freuden be- 
grüssen, dass bei der Umgestaltung der Dienststellung des beamteten 
Arztes auch eine solche der Gesundheitscommissionen mit erfolgt, und 


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16 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

hierbei, wie es in der Begründung des Gesetzentwurfes heisst, von dem 
Gedanken ausgegangen ist: auf der Basis der Selbstverwaltung für die 
Zwecke des Gesundheitswesens besonders collegiale Hülfsorgane ins Leben 
zu rufen, d. h. gewählt von den Organen der Selbstverwaltung, welche das 
Vertrauen in Anspruch nehmen dürfen, dass sie nur Personen berufen, die 
den Angelegenheiten der Gesundheitspflege ein warmes Interesse entgegen¬ 
bringen und eine gründliche Kenntniss der sanitären, wirthschaftlichen und 
socialen Verhältnisse des Bezirks besitzen. 

„Das Bedürfniss und die Nothwendigkeit der Errichtung 
ständiger Gesundheitsausschüsse kann, wie die Begründung weiter mit 
Recht sagt, nicht in Abrede gestellt werden. „Sollen die Bemühungen der 
staatlichen Medicinalorgane um Besserung der gesundheitlichen Verhält¬ 
nisse von Erfolg begleitet sein, so ist dies zum grössten Theil davon ab¬ 
hängig, dass die Organe der Selbstverwaltungskörper diesen Bestrebungen 
Interesse entgegenbringen, und, soweit angängig, selbst zu einer intensiven 
Mitwirkung auf dem Gebiete des staatlichen Gesundheitswesens heran¬ 
gezogen werden. Es ist klar, dass eine solche Annäherung zwischen den 
staatlichen Organen und den Selbstverwaltungskörpern gerade in der Local¬ 
instanz von besonderem Werthe ist, wo die Bedürfnisse der öffentlichen 
Gesundheitspflege am unmittelbarsten und lebhaftesten hervortreten, und die 
Anforderungen des wirthschaftlichen Lebens eine besondere Berücksichtigung 
verlangen. Neben den beamteten Aerzten, welchen in erster Linie die 
Vertretung der medicinisch-technischen Seite in Gesundheitsangelegenheiten 
obliegt, ist die Berathung durch die orts- und sachkundigen Mitglieder der 
Gesundheitscommission insofern von hoher Bedeutung, als hierdurch nicht 
nur eine erschöpfende und correcte Feststellung auch der thatsächlichen 
Unterlagen der Beschlüsse bewirkt, sondern auch zugleich die Aussicht für 
die Geneigtheit der Selbstverwaltungskörper, die zur Einführung sanitärer 
Verbesserungen erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen, in wirksamer 
Weise gesteigert wird.“ 

„Die hier ausgesprochenen Grundsätze haben in Preussen nunmehr 
zur Bildung ständiger örtlicher Gesundheitscommissionen geführt, die 
nicht bloss zu den Zwecken der Verhütung und Beschränkung ansteckender 
Krankheiten dienen sollen, sondern deren Wirksamkeit mehr oder weniger 
auf das ganze Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege ausgedehnt ist. Die¬ 
selben sind jedoch nach dem Gesetze nach wie vor nur rathgebende und 
anregende Hülfsorgane der Ortspolizeibehörden geblieben, ohne jede 
verwaltende und ausführende Thätigkeit. 

„Meine Herren! Ich glaube kaum, dass in dieser Versammlung betreffs 
der Nothwendigkeit und Zweckmässigkeit örtlicher Gesundheitscommissionen 
für die Erfüllung der Aufgaben der öffentlichen Gesundheitspflege Meinungs¬ 
verschiedenheit herrscht; sie bezwecken hauptsächlich die Heranziehung 
des Laienelementes, und gerade hierin liegt der Schwerpunkt der ganzen 
Frage. Durch eine Betheiligung der Laien an den Geschäften und Aufgaben 
des Gesundheitswesens wird nicht nur ihr Interesse für hygienische Fragen 
geweckt, sondern auch eine werthvolle Rückwirkung auf die Bevölkerung 
überhaupt erzielt, indem jene aufklärend, anfeuernd und in Seuchenzeiten 
beruhigend auf ihre Mitbürger einwirken können und zwar in weit höherem 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen etc. 


17 


Grade als die Beamten — gleichgültig ob technische oder nicht tech¬ 
nische —, denen das Volk leider noch vielfach Misstrauen entgegenbringt. 
Der Werth der Belehrung in Bezng auf die Durchführung sanitärer Maass¬ 
regeln wird aber noch viel zu sehr unterschätzt. Je mehr die Lehren der 
Hygiene und die Ergebnisse der hygienischen Forschung in allen Volks¬ 
schichten Verbreitung finden und Gemeingut werden, je mehr die Bevölke¬ 
rung über derartige Fragen aufgeklärt wird, desto mehr werden von ihr 
auch die Ansprüche der öffentlichen Gesundheitspflege als berechtigt an¬ 
erkannt werden, desto eher wird sie zur Mitwirkung, sowie zu etwaigen, 
durch die sanitäre Gesetzgebung bedingten Unbequemlichkeiten und Opfern 
geneigt sein. In dieser Beziehung bleibt aber, trotzdem gerade in jetziger 
Zeit die Bevölkerung, namentlich in Folge der socialen Gesetzgebung, 
gesundheitlichen Fragen ein wesentlich höheres Interesse als früher ent¬ 
gegenbringt, noch Manches zu wünschen und zu thun übrig. Desshalb 
muss man sich aller Hülfsmittel bedienen, die geeignet sind, jene zu einer 
anderen Ansicht zu bekehren und ihr ein grösseres Verständniss für öffent¬ 
liche Gesundheitspflege wach zu rufen; denn in diesem Verständniss liegt 
die kräftigste Triebfeder für sanitäre Maassregeln und eine grosse Gewähr 
für ihre Durchführung. Eines der wichtigsten Hülfsmittel hierzu sind aber 
die örtlichen Gesundheitscommissionen, die zweifellos wegen ihrer Zusammen¬ 
setzung und Thätigkeit wesentlich dazu beitragen, dass das Interesse für 
gesundheitliche Angelegenheiten die verschiedenen Schichten der Bevölke¬ 
rung immer mehr durchdringt. 

„Die örtlichen Gesundheitscommissionen können aber auch direct sehr 
Erspriessliches wirken, indem sie nicht nur den Polizeiorganen und beamte¬ 
ten Aerzten, sondern auch den betreffenden Verwaltungskörpern mit ihrem 
Ratlie zur Seite stehen, ihnen aus eigener Anregung Vorschläge über die Be¬ 
seitigung gesundheitswidriger Zustände, über die Verbesserung bestehender 
Einrichtungen und für die Einführung zweckmässiger Neuerungen machen. 
Dazu gehört allerdings vor Allem, dass sie die zuständigen Behörden 
bei der Aufdeckung gesundheitlicher Missstände in der that- 
kräftigsten Weise unterstützen, und gerade diese Thätigkeit ist meines 
Erachtens diejenige, die besonders auf die Nothwendigkeit örtlicher 
Gesundheitscommissionen hinweist. Im §. 11 des preussischen Kreis¬ 
arztgesetzes heisst es daher mit Recht, dass sich die Ortsgesundheits¬ 
commissionen von den gesundheitlichen Verhältnissen des Ortes durch 
gemeinsame Besichtigungen Kenntniss verschaffen sollen; und Sie werden 
mir unbedingt zugeben, dass sie sich diese vermöge ihrer jahrelangen und 
genauen Vertrautheit mit den örtlichen Verhältnissen weit schneller und 
eingehender verschaffen können, als die zuständigen Polizei- und Gesund* 
heitsbeamten. Nach dieser Richtung hin ist somit ihre Unterstützung gar 
nicht zu entbehren, ganz abgesehen davon, dass es auch für die betreffenden 
Beamten von grossem Werthe ist, wenn sie bei ihrer nicht immer ange¬ 
nehmen Aufgabe des Controlirens, Revidirens, die man von anderer Seite 
sogar mit dem Ausdruck „Hineinschnüffeln u bezeichnet hat, von verstän¬ 
digen und angesehenen Ortseingesessenen begleitet werden; ihre Arbeit 
wird dadurch zweifellos wesentlich glatter erledigt und von den betheiligten 
Hausbesitzern, Familien u. s. w. vor Allem weniger belästigend empfunden. 

Vierteljehrsschrift für Gesundheitspflege, 1002. 2 


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18 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

„Meine Herren! Es ist von mancher Seite der Einwand gegen die 
Bildung von Gesundheitscommissionen gemacht, dass man in der Verwal¬ 
tung, speciell in der Gemeindeverwaltung, schon genug Ausschüsse u. s. w. 
habe und schliesslich gar nicht mehr in der Lage sei, geeignete Leute zu 
den vielen Ehrenämtern zu bekommen. Auch dieser Einwand ist hinfällig; 
denn die Geschäfte der Gesundheitscommissionen lassen sich in kleinen 
Orten ganz gut mit denjenigen anderer Commissionen, z. B. mit der 
Armen- oder Baucommission, verbinden, und in den grösseren Orten ist ein 
Personenmangel nicht zu befürchten; hier herrscht ja bekanntlich meist 
ein edler Wettstreit um städtische Ehrenämter. Man kann eventuell 
auch in Erwägung ziehen, ob sich nicht andere Commissionen vereinigen 
oder wohl gar auf heben lassen, die bei Weitem nicht die Bedeutung für 
das öffentliche Allgemeinwohl, wie die Gesundheitscommissionen haben. 
Jedenfalls werden Sie mir beistimmen, dass diese mindestens die gleiche 
Berechtigung wie z. B. die Feuerschaucommissionen haben, die bei den bau¬ 
fälligsten und ungesundesten Häusern ihrer Pflicht gemäss ein fehlendes 
Ofenblech, einen mangelhaften Schornstein mit tödtlicher Sicherheit moniren 
und auf diese Weise jene Häuser nach Möglichkeit conserviren, während 
es im gesundheitlichen Interesse liegt, wenn dieselben entweder vom Erd¬ 
boden gänzlich verschwänden oder an sie in hygienischer Hinsicht gleich 
strenge Forderungen wie in feuerpolizeilicher gestellt würden. 

„Meine Herren! Die Zusammensetzung der Gesundheits¬ 
commissionen will ich nur kurz berühren. Vom gesundheitlichen 
Standpunkte ist hier nur zu verlangen, dass sie sich theils aus 
solchen Berufsständen recrutireh, bei denen man schon ein Verständniss 
für hygienische Fragen voraussetzen kann, z. B. bei Aerzten, Apothekern, 
Bauverständigen, Chemikern, Thierärzten, theils aus Mitgliedern der Ge¬ 
meinde, bei denen ein warmes Interesse für jene anzunehmen ist. Ob 
und wie viel Untercommissionen nothwendig sind, wie gross die Zahl 
der Mitglieder einer Commission zu bemessen ist, das sind Fragen, deren 
Beantwortung sich nach den örtlichen Verhältnissen richten muss, und auf 
die ich hier nicht näher eingehe; betonen will ich jedoch, dass bei der 
Bildung von Untercommissionen jedenfalls dafür Sorge zu tragen ist, dass 
bei deren Thätigkeit nach einheitlichen Gesichtspunkten verfahren 
wird. 

„Weit wichtiger ist meines Erachtens die Frage: In welchen Orten 
und Gemeinden erscheint die Bildung von Gesundheitscom¬ 
missionen überhaupt nothwendig? 

„Meine Herren! Hier möchte ich nochmals hervorheben, dass, wie die 
Jahre lange und allerwärts gemachte Erfahrung gezeigt hat, nichtständige 
örtliche Gesundheitscommissionen gar keinen oder nur einen sehr 
geringen Werth haben. Die Hauptaufgabe der öffentlichen Gesundheits¬ 
pflege ist die „Verhütung von Krankheiten u , und zwar nicht nur der soge¬ 
nannten von auswärts eingeschleppten Weltseuchen, wie Cholera, Pest, 
gelbes Fieber u. s. w., sondern vor Allem auch der einheimischen Krank¬ 
heiten, wie Typhus, Diphtheritis, Scharlach u. s. w., die weit grössere Opfer 
als jene erfordern, gegen die sich aber eine gewisse Gleichgültigkeit nicht 
nur von Seiten der Behörden, sondern auch von Seiten der Bevölkerung 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen etc. 19 

bemerkbar macht, während jeder schon bei dem Namen „Pest tt oder 
„Pocken“ das Gruseln bekommt. Gesundheit und Leben müssen aber nicht 
erst im Falle der Gefahr geschützt werden, denn dann ist es oft zu spät; 
weit wichtiger ist es, rechtzeitig die erforderlichen Vorbeugungsmaassregeln 
zu treffen. Desshalb ist auch die Thätigkeit der von Fall zu Fall oder nur 
zu einzelnen bestimmten Zwecken einberufenen Gesundheitscommissionen 
für die eigentliche Prophylaxe fast werthlos, ganz abgesehen davon, dass 
gerade eine solche Thätigkeit für die Mitglieder eine äusserst wenig befrie¬ 
digende ist. Also vor Allem ständige Commissionen! Nach dieser Rich¬ 
tung hin weisen die einschlägigen neuen Vorschriften in Preussen einen 
wesentlichen Fortschritt auf, den man den anderen Bundesstaaten nur zur 
Nachahmung empfehlen kann. Sie haben aber andererseits den Mangel, 
dass sie die obligatorische Errichtung von Gesundheitscommissionen nur 
auf die Gemeinden mit mehr als 5000 Einwohnern beschränken und für 
solche mit und unter 5000 Einwohnern nur deren facultative Einrichtung 
Yorsehen, weil angeblich „die einfacheren Verhältnisse in den kleinen Städten 
und Landgemeinden das Bedürfnis nach einem ständigen Gesundheits- 
collegium weniger in den Vordergrund treten lassen und ihre Bildung auch 
schon wegen Mangels geeigneter Persönlichkeiten schwer durchführbar sei“. 
Meines Erachtens ist aber in erster Linie nicht die Einwohnerzahl eines 
Ortes für die Frage entscheidend, ob in demselben eine örtliche Gesundheits- 
commission geboten ist oder nicht, sondern nur die in demselben herr¬ 
schenden hygienischen Verhältnisse, die bekanntlich in den Landgemeinden 
und in den kleinen, oft eng gebauten Flecken und Städten meist viel 
schlechter sind als in den Grossstädten. Gerade hier ist daher die Bildung 
von Gesundheitscommissionen um so nothwendiger, als auch der Bevölkerung 
vorläufig noch das erforderliche Verständniss für hygienische Fragen fehlt, 
und desshalb auf den erziehlichen Einfluss der Gesundheitscommissionen 
besonderer Werth gelegt werden muss. Fehlt es an geeigneten Persönlich¬ 
keiten in-einer Gemeinde, dann können auch Gesundheitscommissionen für 
mehrere benachbarte Gemeinden, für einen Amtsbezirk u. s. w. gebildet 
werden; auf alle Fälle müsste aber ihre Bildung erfolgen, wenn 
solche von der Aufsichtsbehörde verlangt wird. In dieser Beziehung 
stellt jedoch das preussische Gesetz gegen früher einen Rückschritt dar; 
denn während bisher der Regierungspräsident das Recht hatte, in allen 
Gemeinden die Einrichtung von Sanitätscommissionen anzuordnen, steht ihm 
jetzt dieses nur in den Städten unter 5000 Einwohnern zu, in den Land¬ 
gemeinden unter 5000 Einwohnern ist dagegen die Bildung der Gesundheits¬ 
commissionen von der Zustimmung des Kreisausschusses abhängig; dass 
diese aber vorkommenden Falles nicht erlangt werden kann, brauche ich 
nicht erst besonders hervorzuheben. In meinem Regierungsbezirke haben 
z. B. früher fast in allen Landgemeinden Sanitätscommissionen bestanden 
und recht gut functionirt; sie sind auch nach dem Erlass des neuen Gesetzes 
beibehalten, nur in einem Kreise hat der Kreissausschuss sie nicht in allen 
Orten für nothwendig erklärt und sein Ein verständniss versagt. Damit sind 
selbstverständlich die früheren Gesundheitscommissionen in Fortfall ge¬ 
kommen, und wird ihre Bildung selbst beim Auftreten der Pest ohne Zu¬ 
stimmung des Kreisausschusses nicht erzwungen werden können, ob- 

2 * 


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20 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

wohl hier durch Ministerialerlass vom 12. Juli d. J. ausdrücklich die unver¬ 
zügliche Bildung von Gesundheitscommissionen in jeder grösseren Ortschaft 
vorgeschrieben ist. Ebenso lässt sich jetzt in kleineren Curorten, Sommer¬ 
frischen u. s. w. die Errichtung von örtlichen Gesundheitscommissionen nicht 
durchsetzen, trotzdem sich gerade hier für diese ein weites Feld der Thätig- 
keit bietet. Das sind die Consequenzen eines zu grossen Entgegenkommens 
den ländlichen Verhältnissen gegenüber! 

„Meine Herren! Die Aufgaben der örtlichen Gesundheits¬ 
commissionen sind schon vorher von mir so häufig gestreift, dass ich 
mich etwas kurz fassen kann. Entsprechend der in den einzelnen deutschen 
Bundesstaaten bestehenden Organisation der Verwaltung und speciell der 
GesundheitsVerwaltung würden die auf der Grundlage der Selbstverwaltung 
hervorgegangenen örtlichen Gesundheitscommissionen in erster Linie immer 
rathgebende und begutachtende Collegien für die Ausführungsbehörde 
bleiben; dass ihnen hierbei das Vorschlagsrecht, das Recht der Initiative, 
eingeräumt werden muss, ist unbedingt erforderlich und das Mindeste, was 
sie verlangen können, um das Interesse und die Arbeitsfreudigkeit nicht zu 
verlieren. Nun greift die öffentliche Gesundheitspflege fast in alle Gebiete 
der Verwaltung ein; das Arbeitsfeld der örtlichen Gesundheitscommissionen ist 
demgemäss ein ausserordentlich grosses, so dass es ihnen bei richtiger Leitung 
und entsprechendem Verständniss nicht an Arbeitsstoff fehlen wird. Man 
braucht nur einen Blick in die für die preussischen Ortsgesundheitscommis¬ 
sionen erlassene Geschäftsanweisung vom 13. März 1901 zu werfen, so wird 
man zugeben, dass aus dem im §. 10 angegebenen Speisezettel: menschliche 
Wohnstätten und sonstige zum dauernden Aufenthalt von Menschen bestimmte 
Räume, Art der Ansammlung und Beseitigung unreiner Abgänge auf den 
einzelnen Grundstücken sowohl, wie für die gesammte Ortschaft, Verbleib 
der Schmutzwässer, Wasserversorgung, Verunreinigung der Wasserläufe, 
Verkehr mit Nahrungs- und Genussmitteln, gewerbliche Anlagen, Schulen, 
Armenkrankenpflege, öffentliche Bade- und Schwimmanstalten, Volksbäder, 
Begräbnisstätten u. s. w. schon ein Gang genügt, um die Commission, wenn 
sie es mit der Erledigung ihrer Aufgabe ernst nimmt, eine Zeit lang zu be¬ 
schäftigen ; dabei sind andere Sachen, z. B. Haltekinderwesen, noch unberück¬ 
sichtigt geblieben. Herr Oberbürgermeister Zweigert in Essen warnt 
in seinem an die dortige Stadtverordnetenversammlung gerichteten Bericht 
mit Recht vor dem „Multa“ statt des „Multum“; aber es kommt auch hier 
alles auf die Leitung an, die besonders einer unnützen Zersplitterung 
der Arbeitskräfte der örtlichen Gesundheitscommissionen vorzubeugen 
hat. Meine Herren! Man hat schon oft den „Uebereifer“ als ein 
namentlich bei beamteten Aerzten vorkommendes Krankheitssymptom be¬ 
zeichnet — meines Erachtens allerdings völlig mit Unrecht, denn die Herren 
sind gar nicht so thatendurstig, wie vielfach angenommen wird —; möglicher 
Weise erleben wir aber diese Krankheit bei den örtlichen Gesundheits¬ 
commissionen und davor möchte ich diese noch besonders warnen. Nichts 
ist auf gesundheitlichem Gebiete, namentlich wenn es dabei ans Bezahlen 
seitens der Gemeinde geht, verkehrter, als mit einem Male Alles reformiren 
wollen ; denn die Folge davon ist leider nur zu oft, dass dann gar nichts 
geschieht. „Festina lente“ heisst es auch hier: Erst die Abstellung der 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen etc. 


21 


schlimmsten Missstände verlangt, hierbei aber consequent und 
zielbewusst vorgegangen! Im Allgemeinen darf man allerdings seine 
Erwartungen an die Leistungsfähigkeit der Gesundheitscommissionen nicht 
zu hoch stellen, da ihre Mitglieder doch sämmtlich Gemeindesteuerzahler 
und demgemäss sehr vorsichtig sind, wenn es sich um eine Mehrbelastung 
der Gemeinde handelt; aber wenn der liebe Herr Nachbar oder das eigene 
Interesse dabei in Frage kommt, dann hört man oft ganz rigorose Ansichten, 
und die betheiligten Commissionsmitglieder entpuppen sich als so krasse 
Hygieniker, dass jeder beamtete Arzt seine helle Freude daran haben würde, 
wenn dies auch sonst der Fall wäre. Hier heisst es dann, zur rechten Zeit 
„Stopp“ sagen. 

„Erfahrungsgemäss will nun Niemand immer nur „rathen“, „anregen“ 
und sich „gutachtlich äussern“, sondern er will auch „mitthaten“, sonst 
liegt die Gefahr vor, dass er bald die Lust zur Arbeit verliert und nicht 
mehr mitmacht, besonders wenn er, wie es nicht selten Vorkommen wird, 
mit aller seiner gutachtlichen, rathgebenden Thätigkeit den Gemeinde¬ 
behörden gegenüber keinen Erfolg gehabt, sondern leeres Stroh gedroschen 
hat. - Diesem Umstande hat man in Preussen bereits in einer Anzahl 
Städte Rechnung getragen und den gleichsam mit staatlichen Functionen 
ausgestatteten, aber aus den Wahlen der Selbstverwaltungskörper hervor¬ 
gegangenen Gesundheitscommissionen eine verwaltende. Thätigkeit, d. h. 
ihnen die Verwaltung entweder des ganzen städtischen Gesundheitswesens 
(z. B. in Breslau), oder nur einzelner Zweige derselben (z. B. in Essen) über¬ 
tragen, ein Verfahren, das jedenfalls, so lange die Wohlfahrtspolizei über¬ 
haupt nicht den Communen überwiesen ist, einen vorzüglichen Ausweg bietet, 
um allen Theilen und Wünschen gerecht zu werden. Man hat sich in diesen 
Städten auch gar nicht daran gestossen, dass der beamtete Arzt in allen 
Verhandlungen der Gesundheitscommission mit berathender Stimme theil- 
nehmen und deren Zusammenberufung jederzeit verlangen kann, sowie in 
den Versammlungen jederzeit gehört werden muss. 

„Meine Herren! Das Verhältniss des beamteten Arztes zu den 
Gesundheitscommissionen hat bekanntlich im preussischen Abgeord¬ 
netenhause und Herrenhause zu lebhaften Debatten Veranlassung gegeben, 
verursacht namentlich durch eine Petition der Städte, die in dem eben 
erwähnten, dem staatlichen Gesundheitsbeamten eingeräumten Rechte einen 
unerhörten Eingriff in die Selbstverwaltung der Städte, gleichsam eine Ver¬ 
gewaltigung derselben erblickten. Man sah scheinbar in dem beamteten 
Arzte eine Art Staatscommissar, der den Städteverwaltungen gehörig auf 
die Finger passen und die Aufsichtsbehörde über alle Unterlassungssünden 
der Stadtgemeinden thunlichst auf dem Laufenden halten sollte. Meine 
Herren! In dieser Weise hat man sich die Mitwirkung des beamteten 
Arztes niemals gedacht, selbst in der Zeit nicht, als ihm nach dem Vor¬ 
schläge des jetzt verstorbenen Herrn Finanzministers Miquel der Vorsitz 
in den Commissionen zugedacht war. Die Medicinalbeamten legten, was 
ich Ihnen gegenüber bereits auf der Kölner Versammlung betont habe, auf 
diese Ehre ebenso wenig Werth als auf das ihnen zugedachte Stimmrecht, 
und mit Recht! Denn der Gesundheitsbeamte soll der sachverständige Be- 
rather der Gesundheitscommissionen sein, also ihnen gegenüber genau die 


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22 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

gleiche Rolle einnehmen wie als Sachverständiger vor Gericht. Damit ver¬ 
einigt sich aber weder Stimmrecht noch Vorsitz; im Gegentheil, es kann ein 
derartiges Recht nur nachtheilig wirken und der Stellung des betreffenden 
Beamten schaden, wenn er schliesslich mit seiner Ansicht niedergestimmt 
wird. Nothwendig ist es vor Allem, dass er diese überzeugend vertritt, dass 
er seine Vorschläge den Commissionsmitgliedern gleichsam mundgerecht 
macht, dann werden sie denselben schon stattgeben und zwar um so mehr, 
je weniger er sich dabei auf das hohe Pferd setzt. 

„Meine Herren! Die immer mehr sich bahnbrechende Erkenntniss, 
dass polizeiliche Maassregeln allein nicht zur Hebung des Volksgesundheits- 
zustandes ausreichen, sondern dass der Schwerpunkt des öffentlichen Gesund¬ 
heitsdienstes vielmehr auf eine äusserst umsichtige, emsige, unermüdliche 
Vor- und Fürsorge und eine stete Wachsamkeit zu legen ist, damit keine 
gesundheitliche Missstände einreissen und sich kein Nährboden für Seuchen¬ 
keime entwickeln kann, hat dahin geführt, dem technischen Gesundheits¬ 
beamten, als dem geeignetsten Wächter des gesundheitlichen Wohles, eine 
grössere Selbstständigkeit, jetzt auch in Preussen, einzuräumen. Diese er¬ 
weiterte Machtvollkommenheit nützt ihm aber nichts, wenn er in seiner 
amtlichen Thätigkeit, namentlich in Bezug auf die Aufdeckung von 
MissBtänden, in den betheiligten Kreisen nicht die nöthige Unter¬ 
stützung findet, und diese sollen und können ihm die Gesundheitscom- 
missionen am besten gewähren. Sie sind auch diejenigen Organe, durch 
deren Einfluss er am besten belehrend auf die Bevölkerung ein¬ 
wirken kann; andererseits bildet er wieder für sie das belebende und 
belehrende Element, den technischen Berather in allen zweifelhaften Fragen. 
Die Befürchtung, dass eine Betheiligung des Gesundheitsbeamten an den 
Sitzungen der Gesundheitscommissionen nothwendiger Weise zu Reibereien 
führen und der Sache selbst schaden müsse, ist völlig hinfällig. Wenn auch 
alle Gesundheitsbeamten keine Idealmenschen sind, so kann doch Niemand 
behaupten, dass sie besonders streitsüchtig und rechthaberisch wären; das 
sind alles Eigenschaften, die man ihnen andichtet, denn in Wirklichkeit 
sind sie die friedfertigsten Menschen, die selbst mit recht starrköpfigen 
Commissionsmitgliedern fertig zu werden verstehen. Und je mehr der 
Gesundheitsbeamte diesen näher tritt, je mehr er dadurch Land 
und Leute kennen lernt, je mehr er mitten im praktischen Leben 
der öffentlichen Gesundheitspflege steht, desto grösser wird 
sein Einfluss gerade durch die Gesundheitscommission auf das 
öffentliche Gesundheitswesen in den einzelnen Orten seines 
Amtsbezirkes sein, und desto erspriesslicher wird auch die 
Thätigkeit der Commissionen. Das Verhältnis der Gesundheits¬ 
beamten zu den Gesundheitscommissionen muss eben auf voller 
gegenseitiger Unterstützung beruhen, wobei der erstere allerdings 
immer die leitende und anregende Rolle spielen wird. Soll der beamtete 
Arzt aber von der Thätigkeit der Gesundheitscommissionen vollen Nutzen 
haben, und umgekehrt diese auch stets über wichtigere, den Ort betreffende, 
gesundheitliche Fragen orientirt und bei deren Erledigung herangezogen 
werden, dann muss dem Gesundheitsbeamten auch das Recht zustehen, die 
Zusammenberufung der Commissionen jeder Zeit verlangen zu können. 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen etc. 


23 


Auch dies liegt im beiderseitigen Interesse wie im Interesse des Allgemein¬ 
wohles ! Der Nutzen dieser Anordnung wird sich z. B. bei jedem Ausbruch 
einer Epidemie in eclatantester Weise heraussteilen. 

„Meine Herren! In den Landgemeinden und kleineren Städten nimmt 
man ein derartiges Zusammenwirken der staatlichen Gesundheitsbeamten 
und GesundheitBCommissionen als so selbstverständlich an, dass man sich 
ungemein wundern würde, wenn dies anders sein sollte; aber auch in den. 
Grossstädten werden die jetzt vielleicht noch in dieser Beziehung gehegten 
Bedenken allmählich verschwinden, und man voraussichtlich es schon 
nach wenigen Jahren nicht begreifen können, wie man überhaupt zu solchen 
gekommen ist. 

„Meine Herren! Je höher die volkswirtschaftliche Bedeutung jedes 
einzelnen Menschen für die Gesammtheit sowohl seitens des Staates, als 
seitens der ganzen Bevölkerung geschätzt wird, desto besser ist es um das 
Allgemeinwohl in sittlicher, gesundheitlicher und wirtschaftlicher Hinsicht 
bestellt; dieser Werthschätzung bis in die weitesten Kreise Anerkennung zu 
verschaffen, erscheinen gerade die örtlichen Gesundheitscommissionen als 
besonders geeignet, und darauf beruht nicht zum Geringsten ihre grosse 
Bedeutung für den Staat und die Gemeinde!“ 

Correferent, Priyatdocent Stadtrath Dr. Jastrow (Charlotten- 
burg): 

„Meine Damen und Herren! Das Thema, das den ersten Gegenstand 
unserer Tagesordnung bildet, ist, wie aus der Ankündigung hervorgeht, 
zweiseitig. Die Gesundheitscommissionen haben ihrer Aufgabe nach eine 
hygienische, ihrer Zusammensetzung nach eine verwaltungsrechtliche Seite, 
und, wie mein Herr Vorredner Ihnen bereits auseinandergesetzt hat, hatten 
wir uns dahin verständigt, dass die hygienische Seite von ihm, die verwal¬ 
tungsrechtliche von mir behandelt wird. Man könnte auch sagen: wir 
haben die Gesundheitscommissionen in der Art getheilt, dass der Referent 
die Gesundheit und der Correferent die Commissionen übernimmt. — Nun, 
meine Herren, ist, wie Sie gesehen haben, dieser Pact nicht eingehalten 
worden. Der Herr Referent hat Sie über die verwaltungsrechtliche Seite 
derart unterrichtet, dass ich auch nicht einen einzigen Punkt zu nennen 
wüsste, den er nicht bereits vorgetragen hätte, so dass Sie über den ver¬ 
waltungsrechtlichen Zustand vollkommen unterrichtet sind. Ich bin'weit 
entfernt, anzunehmen, dass das in Ihrem Interesse ein Nachtheil sei. Ich 
bin überzeugt, Sie haben auf diese Art die Informationen sehr viel um¬ 
fassender, namentlich nach der internationalen Seite sehr viel weiter¬ 
reichend erhalten, als ich sie zu geben im Stande gewesen wäre. Allein, 
meine Damen und Herren, wer nach Homer eine Ilias zu schreiben hat, 
ist in einer wenig beneidenswerthen Lage, und ich könnte mich ohne¬ 
dies schon keiner Täuschung darüber hingeben, dass die Seite der Sache, 
die ich übernommen hatte, die untergeordnetere ist. Die Verwaltung ist an 
sich nicht Zweck, sondern nur Mittel; das Wichtigere bleibt immer, dass 
das hygienisch Richtige geschieht. Ausserdem war die Abgrenzung in der 
Art getroffen, dass ich nur das neueste preussische Gesetz, ja sogar auch 
dieses im Wesentlichen nur in der Beschränkung auf Gressstädte zu be- 


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24 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

handeln hätte. So bleibt mir nichts übrig, als dass ich, so weit das 
Thema in dieser Beschränkung es erfordert, hier und da auf die bereits 
einmal gegebenen thatsächlicben Darlegungen aus der Gesetzgebung werde 
zurückgreifen müssen. Ich hoffe, dass die Anwesenden, insbesondere auch 
diejenigen, die die VerwaltungsWissenschaft nicht als ihr Fach betrachten, 
also die medicinischen Mitglieder des Vereins, geneigt sein werden, auch 
dieser Seite einige Aufmerksamkeit zu schenken. Auf dem Standpunkte 
stehen ja heute die Mediciner längst nicht mehr, dass sie in der Hygiene 
nur eine medicinische Wissenschaft erblicken. Sie alle wissen, dass in dem 
Augenblicke, wo die Gesundheitspflege zur öffentlichen Angelegenheit wird, sie 
eben ein Bestandtheil der öffentlichen Verwaltung überhaupt wird. 
Einiges hierüber speciell aus dem grössten deutschen Einzelstaate kennen 
zu lernen, wird für Sie immerhin ein Interesse nach der Seite hin haben, 
dass die Widerstände, die Sie in der Regierung sowohl des Staates, wie 
der Städte, in den Parlamenten, in der Bevölkerung zu überwinden haben, 
doch auch Gegenstand Ihrer Studien und Erwägungen bilden, und die¬ 
jenigen Mitglieder des Vereins, die den anderen deutschen Staaten an¬ 
gehören, müssen — soweit nicht diese Staaten, wie wir dies von einigen 
ja wissen, bereits eine vorzügliche Gesetzgebung und gute Gesundheits¬ 
verwaltung besitzen — damit rechnen, dass sie vor die Aufgabe, vor die 
wir jetzt in Preussen gestellt sind, in Kurzem auch in ihren Staaten 
gestellt sein werden. 

„Mit dieser Beschränkung habe ich nun über drei Gegenstände zu 
sprechen. Erstens habe ich die Entstehung der Frage nach der Stellung 
der Gesundheitscommissionen im preussischen Verwaltungs¬ 
organismus zu behandeln, namentlich in Bezug auf die Gressstädte, die 
hier in eine etwas eigenartige Lage gekommen sind; zweitens die Frage, 
wie sich die Städte dazu gestellt haben; endlich drittens, wie sie sich zu 
diesen Aufgaben stellen sollen. 

„Die Entstehung der Frage über das Verhältnis der Gross¬ 
städte zu den Gesundheitscommissionen und Kreisärzten bildet 
ein höchst merkwürdiges Beispiel für die eigenartige Stellung der Hygiene 
in der Verwaltung überhaupt. Die Hygiene hat es, wie jeder Verwaltungs - 
gegenständ, mit allgemeinen Interessen zu thun. Sie stösst aber — und 
das hat sie in dem Maasse nicht mit allen öffentlichen Angelegenheiten 
gemeinsam — in besonders hohem Grade auf die Ein>z elinteressen. 
Sie ergreift die Personen, sie ergreift die Behausung der Personen, sie 
muss hineindringen bis in die persönlichsten Interessen. Dabei ist sie 
ein Gegenstand, dessen Wichtigkeit für das allgemeine Interesse von 
Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr zugegeben wird und heute so weit 
zugegeben ist, dass sie Niemand mehr offen und allgemein zu bestreiten 
wagt. Wenngleich bisher ein gewisser Widerstand gegen die hygie¬ 
nischen Eingriffe in das Privatleben immer noch vorhanden ist, so macht 
sich dieser Widerstand nicht mehr in der brutalen Art wie früher 
geltend, und er kann zu einer Wirksamkeit nur gelangen, je nachdem 
die betreffende Gesellschaftsschicht einen grösseren Einfluss auf die öffent¬ 
lichen Angelegenheiten hat. Durch dieses letztere Moment, durch den 
grösseren oder geringeren Einfluss der verschiedenen Gesellschaftsschichten 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen ctc. 


25 


auf den Verwaltungsapparat des Staates erklärt sich nun die Verschieden¬ 
heit der Stellung von Stadt und Land in dem Stadium, in dem das preussi- 
sehe Gesetz entstand. Sitz des hygienischen Fortschritts in Deutschland 
sind die Städte; dies gilt von Preussen, wie von jedem anderen deutschen 
Staate. Der Sitz der politischen Macht liegt in Preussen wesentlich auf 
dem platten Lande. Dies gilt insbesondere von dem parlamentarischen Ein¬ 
fluss. Die beiden parlamentarischen Körperschaften, die wir in Preussen 
besitzen, das Haus der Abgeordneten sowohl, wie das Herrenhaus, sind in 
der Hauptsache Vertretungen des Einflusses der maassgebenden Kreise des 
platten Landes, gemässigt durch eine überaus bescheidene Anzahl städtischer 
Vertreter. Diese Parlamente stehen nun aber unter dem Einflüsse der heut¬ 
zutage schon allgemein gewordenen Ueberzeugung, f dass auch die Hygiene 
Gegenstand der öffentlichen Verwaltung werden muss. Auch diesen Parla¬ 
menten ist es nicht mehr möglich, sich auf den Standpunkt zu stellen, dass 
man unbequeme Eingriffe bloss ablehnt. Es ist in ihnen aber der Wider¬ 
stand der maassgebenden Kreise, namentlich des platten Landes, gewisser- 
maassen von Staats wegen organisirt. Daher ist die Stellungnahme dieser 
Parlamente charakterisirt auf der einen Seite durch die Unmöglichkeit der 
Ablehnung, auf der anderen durch eine gewisse geheime Widerwilligkeit, mit 
der man auf diese Maassregeln eingeht. — Seit 1868, einer Zeit, als 
die Zusammensetzung dieses Parlaments noch wesentlich anders war, als 
heute — seit 1868 hat das preussische Abgeordnetenhaus theils in Resolu¬ 
tionen, theils in Etatsberathungen sich unaufhörlich zu der Auffassung be¬ 
kannt, dass die hygienische Verwaltung Preussens einer grundsätzlichen 
Reform bedürfe. Zuletzt hat noch im Jahre 1896 das Abgeordnetenhaus 
eine derartige Resolution angenommen. Aber, meine Herren, während in 
staatlichen Angelegenheiten im Allgemeinen eine Resolution eines Parla¬ 
mentes für den Ausdruck seines Willens gilt, ist man in hygienischen 
Angelegenheiten dessen nicht in gleichem Maasse sicher, da hier eben 
der Zwang der öffentlichen Meinung so stark wirkt, dass unter Um¬ 
ständen der einzelne Abgeordnete, erst nachdem die Resolution gefasst ist, 
sich vollständig klar wird, was er etwa in die eigene Tasche hinein be¬ 
schlossen hat. Eben desswegen verlässt sich der Minister auf eine solche 
Resolution nicht unbedingt. Im Mai des Jahres 1897 berief der damalige 
preussische Cultusminister eine eigene Commission, um über Grundzüge 
eines zukünftigen Gesetzentwurfes zu berathen. ln der Commission waren 
nicht die Sachverständigen überwiegend, sondern es überwog das parlamen¬ 
tarische Element, da dem Minister daran lag, für den zukünftigen Gesetz¬ 
entwurf die Stimmung des Parlamentes kennen zu lernen. Nun nimmt man 
gewöhnlich an, um die Stimmung des Parlamentes kennen zu lernen, dafür 
sei eben das Parlament da; in hygienischen Fragen nimmt man das nicht 
an. In den Berathungen dieser Grundzüge stellte sich sofort heraus, dass 
der Angelpunkt der ganzen Reform die Neuordnung der Stellung des 
Kreisphysicus ist. Der preussische Kreisphysicus, der mit einem Gehalte 
von 900 Mk. im Wesentlichen ein praktischer Arzt ist, der die Verwaltung 
der Hygiene als eine Art Annex zu betrachten hat, ist in der Hauptsache, 
wie jeder andere praktische Arzt, in dem Maasse abhängig von seiner 
Clientei, wie dies der menschlichen Natur entspricht, — nicht in höherem, 


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26 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

aber auch nicht in geringerem Maasse. Dieser Kreisphysicus musste zunächst 
geopfert werden, und man musste aus ihm einen staatlichen Kreisarzt machen, 
der in voller Unabhängigkeit wie jeder andere Staatsbeamte dasteht. Hier¬ 
gegen machten sich nun in der Commission weitgehende Einwendungen gel¬ 
tend. Zuerst wurde gesagt: dieser Kreisarzt, dieser Beamte, der bloss noch 
Beamter sei und gar nicht mehr praktischer Arzt, der werde ein Theoretiker 
und Bureaukrat werden. Man dürfe dem Manne auch namentlich nicht 
etwa eine selbstständige Befugniss anvertrauen, sondern er sei Organ des 
Landraths und habe lediglich an diesen zu berichten. Wenn man das liest, 
so sollte man annehmen, dass in den Grundzügen dem Kreisärzte die Ver¬ 
waltung der Hygiene und die Ausführung übertragen sei. Die einzige ein¬ 
schlägige Bestimmung, die darin enthalten war, war die, dass er bei Ge¬ 
fahr im Verzüge selbstständige Anordnungen treffen sollte, und die fand 
man schon höchst bedenklich. Im Einzelnen wurde die Befürchtung aus¬ 
gesprochen, dass dieser Mann, wenn man aus ihm einen selbstständigen Be¬ 
amten mache, mit den bekannten Forderungen kommen werde: ein bestimmter 
Cubikinhalt Luft für jede Wohnung, und dann werde es den niedrigen Woh¬ 
nungen auf dem platten Lande, die diesen Cubikinhalt nicht haben, sehr 
schlecht ergehen; und doch solle man bedenken, dass gerade aus diesen 
niedrigen Wohnungen auf dem platten Lande die besten Soldaten für 
die Armee hervorgegangen seien. Endlich aber wurde auch mit voller 
Offenheit gesagt, was der psychologische Hauptgrund dagegen sei, aus 
dem Kreisphysicus einen unabhängigen und voll besoldeten Arzt zu 
machen. Einer der Redner sagte, man müsste nicht den bestgeeigneten 
praktischen Arzt den — wie er sich ausdrückte — „ländlichen Besitzern“ 
entziehen. Das heisst, das Ideal ist, der Kreisphysicus müsse der Hausarzt 
dieser Familien bleiben, und die hygienische Unterinstanz sollte nur in 
den Händen dessen bleiben, der eben der hergebrachte Hausarzt dieser 
Familien ist. Wenn der Zweck dieser Maiconferenz war, Klarheit zu 
bekommen über das, was die maassgebenden Kreise des Parlamentes 
dachten, so war dieser Zweck vollkommen erreicht. Der Minister wusste, 
was er zu thun hatte. — Dem gegenüber stand nun aber auf der anderen 
Seite die platte Unmöglichkeit, eine Medicinalreform durchzuführen, ohne 
dem zukünftigen Kreisärzte irgend eine Stellung in der wirklichen Verwal¬ 
tung zu geben. Daher blieb logischer Weise nur ein Ausweg übrig: man 
gab ihm diese Verwaltung, aber nicht in den gesellschaftlichen Schichten, 
die so sehr opponirt hatten, sondern in den anderen, d. h. man machte den 
Kreisarzt zwar allgemein, mit seinen eindringlichen Befugnissen verschonte 
man aber das platte Land, das hygienisch zurück ist, und man gab ihm 
diese Befugnisse in den Städten, die hygienisch ohnedies voran waren. 
Daraus ging ein Vorentwurf hervor, der zunächst in der Tages- und in der 
wissenschaftlichen Presse veröffentlicht wurde. Die einschlägigen Haupt¬ 
bestimmungen dieses Vorentwurfes waren zwei: Erstens, jede Stadt mit 
mehr als 5000 Einwohnern (also im Wesentlichen jede Stadt) solle obliga¬ 
torisch eine Gesundheitscommission nach Maassgabe der Städteordnung er¬ 
halten; aber nicht, wie sonstige städtische Einrichtungen unter eigener 
Leitung, sondern es sollte dieser Gesundheitscommission ein Staatsbeamter 
in Gestalt eines Kreisarztes als Vorsitzender octroyirt werden. Zweitens, 


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Die örtlichen GesnndheitscommiBsionen etc. 


27 


gleichzeitig wurde vorgeschrieben, dass dieser Staatsbeamte sich nicht unter¬ 
stehen sollte, auf dem platten Lande, im Kreisausschusse oder Kreistage 
auch nur sich blicken zu lassen, wenn er nicht gerufen würde. 

„Das, meine Herren, ist der Ursprung des preussischen Gesetzes, und 
hierauf erfolgte der grosse Petitionssturm, den mein Herr Vorredner in seinen 
verwaltungsrechtlichen Ausführungen bereits erwähnt hat. Man betonte, 
dass wir in Preussen eine lange, und wir dürfen sagen, ruhmreiche Geschichte 
der städtischen Selbstverwaltung haben. In wenigen Jahren werden wir 
das hundertjährige Jubiläum der St ein’sehen Städteordnung feiern können, 
jenes Gesetzes, das in der Zeit der tiefsten Zerrüttung zuerst wieder die 
bürgerlichen Elemente zur Theilnahme am Staate und damit auch zur 
Vertheidigung des Staates aufgerufen und gesammelt hat. Die Grund¬ 
idee dieser Selbstverwaltung ist die, dass in den Städten Keiner verwaltet, 
der nicht von der Bürgerschaft dazu berufen ist. Hier aber sollte nach den 
Grundsätzen der Städteordnung eine Verwaltungscommission gebildet wer¬ 
den, und dieser sollte Jemand präsidiren, der nicht aus den Wahlen der 
Bürgerschaft, sei es direct oder indirect, hervorgegangen, sondern von Staats- 
wegen ernannt war. Hierin erblickte man einen Bruch mit der Geschichte 
der preussischen Selbstverwaltung. Ein Zweites, was erbitterte, war der 
Vergleich mit dem platten Lande. Wenn es aus hygienischen Gründen 
wirklich nöthig war, von den Principien der Selbstverwaltung abzuweichen, 
so war doch die Abweichung am ehesten da geboten, wo in hygienischer 
Beziehung das Wenigste gethan war. Welcher sachliche Anlass aber war 
vorhanden, den Eingrifi gerade dort und nur dort aufzuzwingen, wo er 
anerkanntermaaBsen nach den bisherigen Leistungen am wenigsten indicirt 
war? Namentlich wendete sich gegen dieses Unternehmen die rheinische 
Oberbürgermeisterconferenz, und sie hat auch von dem Minister die Antwort 
erhalten, dass man sich der Nothwendigkeit nicht verschliesse, diese Ein¬ 
wendungen einer erneuten Erwägung zu unterziehen. In der That war in 
der Vorlage, die im Jahre 1899 an das Abgeordnetenhaus kam, der Vorsitz 
des Kreisarztes fallen gelassen. Aber der Kreisarzt war noch immer ein 
Mitglied in der Behörde geblieben, und sonach blieb bestehen, dass hier 
ein Mitglied mitverwaltete, das nicht aus Wahlen der Bürgerschaft hervor¬ 
gegangen war. Es wurde hier sogar diesem Mitglieds eine privilegirte Stel¬ 
lung gegeben, indem es nicht nur dasselbe Stimmrecht haben sollte, wie 
jedes andere, sondern auch die Befugniss, die Commission zusammenzuberufen. 
Hierauf erfolgte nun ein erneuter Petitionssturm. Eine Petition ging aus 
im Ganzen von 111 Städten. Von dieser Petition schlossen sich zwar die 
beiden grössten Städte, Berlin und Breslau, aus; aber nur, weil sie die Ab¬ 
sicht hatten, eine noch kräftigere Petition in eigener Motivirung an die beiden 
Häuser des Landtages zu schicken. Uebrigens war der Kreisarzt der Vor¬ 
lage nicht mehr derselbe, wie der des Vorentwurfs. Er sollte nur noch 
ausnahmsweise voll besoldet werden, und was jetzt von der Regierung vor¬ 
geschlagen war, war ein Mittelding zwischen dem alten Kreisphysicus und 
dem ursprünglich geplanten Kreisarzt. In Folge der Petition wurden nun 
noch weitere Abschwächungen vorgenommen. Erstens erkannte man an, 
daäs es den hergebrachten Grundsätzen der Selbstverwaltung widerspräche, 
Jemand zum vollberechtigten Mitglieds zu machen, der nicht aus Wahlen 


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28 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

der Bürgerschaft hervorgegangen wäre, und man beschränkte sich darauf, 
ihm eine nur berathende Stimme zu geben. Zweitens sollte der Minister 
das Recht haben, wenn eine Stadt einen Stadtarzt ernannte, diesem Stadt¬ 
arzte gleichzeitig die kreisärztlichen Functionen zu übertragen, so dass 
dieser dann ein aus den Wahlen der Bürgerschaft hervorgegangener Mann 
war. Endlich, drittens, wurde eine (nach meiner Ansicht praktisch nicht 
sehr bedeutende) Abschwächung vorgenommen, indem dem Minister das 
Recht gegeben wurde, es nötigenfalls bei den alten, von dem Herrn Vor¬ 
redner bereits ausreichend charakterisirten „Sanitätscommissionen“ zu 
belassen. 

„So ist das Gesetz vom 16. September 1899 entstanden. Es ist ganz 
unverkennbar, dass dieses Gesetz in seiner endgültigen Fassung ein Ent¬ 
gegenkommen gegen die Bedenken darstellt, die von Seiten der Städte, und 
namentlich der grossen Städte, geäussert waren. Aber, meine Herren, ich 
kann diesen Standpunkt der Kritik nicht anerkennen. Wenn eine Sache 
zunächst furchtbar gefährlich ist und man dann so und so viel abgemindert 
hat, sagt man zuletzt: „Was wollt Ihr denn, es ist ja so viel abgemindert“! 
Die Kritik hat es nicht zu thun mit dem, was abgelehnt ist, sondern sie hat 
es mit dem zu thun, was übrig geblieben ist, und wir haben diese Kritik 
so vorzunehmen, als ob die weitergehenden Forderungen niemals existirt 
hätten. Wir haben uns darüber schlüssig zu machen, ob in dem Bisschen, 
was übrig gebliebön ist, noch ein zu bekämpfender Eingriff in die Selbst¬ 
verwaltung vorliegt oder nicht. Das heisst in der Hauptsache, wir müssen 
uns schlüssig werden, wie wird sich denn dieser Kreisarzt in dieser 
Commission machen? Eine solche Frage kann an sich einen ganz ver¬ 
schiedenartigen Sinn haben. Man kann zunächst fragen: „Was wird der 
normale Fall sein, wie wird sich unter gewöhnlichen Verhältnissen dieser 
Kreisarzt stellen?“ Mein Herr Vorredner hat bereits hervorgehoben, dass 
die geistigen und körperlichen Eigenschaften, aus denen Zanksucht und der¬ 
gleichen entspringen, bei dem Kreisärzte nicht in höherem Maasse vorhanden 
sind, als bei anderen Menschen, und es liegt nicht der geringste Anlass vor, 
anzunehmen, dass dieser Kreisarzt für die Regel diese Befugnisse dazu miss¬ 
brauchen» werde, um etwa den Selbstverwaltungsorganen hinderlich zu sein, 
um so weniger, da er ja auf ihre Mitarbeit angewiesen ist. In der Umfrage 
des Vereins war auch eine Frage darüber enthalten, ob man gewisse Unan¬ 
nehmlichkeiten von diesen neuen Befugnissen befürchtet, namentlich, wenn 
eine Vereinigung mit dem Stadtarzte eintritt. Die Städte haben diese Frage 
verneint. Man hat diese Befürchtung für die Regel nicht, und ich schliesse 
mich dieser Verneinung an. Auch ich fürchte nicht, dass in der Regel hier 
Collisionen entstehen. Aber, meine Herren, damit ist die Frage nicht er¬ 
ledigt, sondern man muss Gesetze sub specie aeterni betrachten. Man muss 
sie prüfen auch unter dem Gesichtspunkte der möglichen Fälle. Wir 
müssen daher auch den äussersten Fall, einen Gonflictsfall, setzen. In solchen 
Situationen ist erfahrungsmässig das Maass von Befugnissen ziemlich 
gleichgültig; die Hauptsache ist, dass Jemand überhaupt an einer Stelle 
Befugnisse hat, an der er sie nicht haben sollte. Geben Sie Jemandem in 
einer Angelegenheit, die ihn nichts angeht, irgend ein Recht, und wenn es 
noch so klein ist, — und er wird, wenn irgend welche Verhältnisse ihn einmal 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen etc. 


29 


dazu treiben, den Leuten das Leben so sauer machen, dass sie überhaupt 
nicht mehr ein und aus wissen. Das kann man auch mit den kleinsten 
Befugnissen machen. Und, meine Herren, unter den anwesenden Ver¬ 
waltungsmännern werden gewiss Manche sein, die irgend einmal in ihrem 
Leben eine ähnliche Rolle auch sohon gespielt haben und haben spielen 
müssen. — Es kann Jemand z. ß. die Einberufung so oft verlangen, dass 
der Vorsitzende schliesslich andere Sitzungen nicht mehr anberaumen kann, 
weil es doch sehr schnell eine Grenze hat, wie oft man die Herren zu¬ 
sammenberufen kann, und dieses Recht würde, wenn die kreisärztlichen 
Functionen dem Stadtarzte übertragen sind, dem Untergebenen gegenüber 
seinem Vorgesetzten zustehen. Ich lege übrigens auf die Einzelheit wenig 
Gewicht. Die Hauptsache ist die allgemeine Lebensregel, dass überall 
Gefahr vorhanden ist, wenn Jemand in einem Organismus, in dem er keine 
Rechte haben sollte, Rechte hat. 

„Da das, was ich gesagt habe, sehr leicht einer Missdeutung aus- 
gesetzt ist, und da ich voraussehe, dass in der Debatte das von manchen 
Gegnern so missverstanden wird, als ob ich gesagt hätte, es sei hier schon 
der vorhandene Keim eines Zwistes, so erkläre ich ausdrücklich: die Frage, 
ob hierin der Keim eines Zwistes vorhanden ist, verneine ich. Ich be¬ 
schränke meine Behauptung ausschliesslich darauf, dass für den Fall 
eines Conflictes unter Umständen so etwas auch entstehen kann. Diese 
Behauptung in dieser sehr weitgehenden Beschränkung halte ich aber auf¬ 
recht. Es ist gar nicht zu leugnen, dass hier ein der Selbstverwaltung 
fremdes Element hineingekommen ist. Sagen Sie, meine Herren, es sei 
dies in sehr unbedeutendem Maasse, so will ich nicht opponiren. Sie 
können aber nicht leugnen, dass, wenn diese Commission eine Commission 
der Selbstverwaltung sein soll, hier ein der Selbstverwaltung fremdes Ele¬ 
ment vorhanden ist. 

„Ich bin nun der Frage nachgegangen, ob denn die Eigenthümlichkeit 
dieser Zusammensetzung, die also anders ist, als die Zusammensetzung in 
anderen Deputationen, schon auch gewisse Folgen gezeitigt hat. Ich habe 
unter diesem Gesichtspunkte die Geschäftsordnung vom 10. September 1899 
durchgesehen. Hierbei kommt es nun in den Auweisungen, die der Minister 
giebt, nicht etwa darauf an, zu prüfen, ob sie sachlich richtig sind, son¬ 
dern — es ist dies eine rein formale Frage — ob der Minister gegenüber 
dieser Commission andere Rechte in Anspruch nimmt, als gegenüber anderen 
städtischen Verwaltungsdeputationen. Und da geht denn nun aus der 
Geschäftsanweisung ganz unzweifelhaft hervor, dass sowohl in Bezug auf 
die Verfassung, als in Bezug auf das Verfahren der Commission der 
Minister Rechte in Anspruch nimmt, die er gegenüber anderen Selbstver- 
waltungBdeputationen nicht beanspruchen würde. Der Minister schreibt 
vor, es solle der Commission immer ein Arzt und ein Bauverständiger 
angehören, und es solle vorher darüber ein Beschluss der Selbstverwaltungs¬ 
behörden ergehen. Sachlich habe ich gegen diese Bestimmung gar nichts 
einzuwenden; ich selbst würde überall dafür eintreten. Aber woher ent¬ 
nimmt der Minister die Befugniss, den beiden städtischen Collegien Vor¬ 
schriften darüber zu machen, wen sie in die Commission hineinwählen 
sollen? Nach der Städteordnung werden die Mitglieder der Deputation 


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SO XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

theik vom Magistratsdirigenten ernannt, theils von den Stadtverordneten 
gewählt, und nirgends steht darin, dass ihnen Vorschriften gemacht werden 
können. Ja, sie können nicht einmal sich selbst Vorschriften machen auf 
einem anderen Wege als auf dem des Ortsstatuts. Die Juristen unter¬ 
scheiden zwischen Soll und Muss, und sie werden dies als blosse Soll¬ 
vorschrift anBehen. Wo aber eine Theilung in Untercommissionen statt¬ 
findet, gebt der Minister weiter und erklärt kategorisch: jeder Untercommission 
„muss“ ein Arzt angehören. Auch hier kann ich sachlich die Vorschrift 
vollkommen billigen. Aber ich frage mich vergeblich: wenn dies eine Ver¬ 
waltungsdeputation der Stadt sein soll, wie jede andere, — woher leitet der 
Minister dieBefugniss ab, eine derartige kategorische Vorschrift zu machen? 
— Er schreibt vor, die Wahlperiode sei durch Gemeindebeschluss festzu¬ 
legen, und sie gelte mindestens sechs Jahre. Die Städteordnung hat über¬ 
haupt keine Vorschrift über Verwaltungsperioden, und ein so anerkannter 
Kenner der altpreussischen Städteordnung, wie Oertel, nimmt an, dass das 
Mandat der einzelnen Mitglieder an sieb zeitlich unbeschränkt sei, bis es 
durch irgend welche Ausscheidung erlösche. Zum Mindesten ist nicht zu 
sehen, woher der Minister die Befugniss herleitet, den Bürgermeistern und 
Stadtverordneten vorzuschreiben, auf wie viele Jahre sie ernennen und 
wählen sollen. 

„Zweitens gilt dasselbe in Bezug auf das Verfahren. Wenn der Kreis¬ 
arzt das Recht hat, zu jeder Sitzung zu erscheinen, so muss er doch auch 
wissen, was in dieser Sitzung verhandelt werden soll. Der Minister hält 
sich daher für befugt, die Bestimmung zu treffen, dass für jede solche 
Sitzung einer Verwaltungsdeputation eine Tagesordnung aufgestellt werden 
muss. Meine Herren, bis jetzt giebt es noch sehr viele Magistrate, die 
nicht einmal für die Magistratssitzungen die Einrichtung der Tagesordnung 
als obligatorisch kennen, und viele Magistratsdirigenten nehmen für sich 
in Anspruch, auf die Tagesordnung noch im letzten Moment zu setzen, was 
sie für gut halten. Das ist gar kein so unbedeutender Eingriff, dass für 
eine Deputation — die also niedriger ist, als der Magistrat — diese Vor¬ 
schrift getroffen und damit die Controverse gegeben wird, ob Gegenstände, 
die nicht auf der Tagesordnung stehen, verhandelt werden dürfen. Der 
Minister geht aber weiter. Er schreibt vor, die Tagesordnung müsse min¬ 
destens acht Tage vorher in den Händen der Mitglieder sein — eine Vorschrift, 
die meines ErachtenB so weitgehend ist, dass sie in der Praxis nicht einmal 
immer befolgt werden kann. Das Protokoll jeder Sitzung ist dem Kreis¬ 
arzt in Abschrift mitzutheilen. Der Minister schreibt nicht bloss vor, 
dass die Sitzung anberaumt werden muss auf Wunsch des Kreisarztes, 
wie das Gesetz sagt, sondern auch, wenn ein Drittel der Mitglieder es 
verlangt — eine gewiss wohlthätige Vorschrift, bei der aber nicht gesagt 
ist, worauf der Minister sie gründet; ebenso weuig wie bei der ferneren 
Vorschrift, dass die Sitzungen mindestens vierteljährlich stattfinden müssen. 
Die Frage der Beschlussfähigkeitsziffer der Deputationen ist streitig, und 
in Bezug auf die Magistrate gilt theils die Vorschrift von einem Drittel, 
theils die Vorschrift von der Mehrheit der Mitglieder. Der Minister sagt: 
sie soll beschlussfähig sein, wenn „ausser dem Vorsitzenden mindestens die 
Hälfte der Mitglieder“ anwesend ist. Dies ist mathematisch nicht identisch 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen etc. 


31 


mit Mehrheit, sondern es ist ein neues Princip. Der Minister hält sich 
also für befugt, bei diesen Deputationen eine Vorschrift über die Beschluss¬ 
fähigkeit zu erlassen. — Die Commission soll mit der Polizeibehörde und 
dem Kreisarzt in unmittelbarem Geschäftsverkehr stehen, während man 
doch allgemein annimmt, dass communale Verwaltungsdeputationen nach 
aussen nur soweit hervortreten, wie der Magistrat ihnen diese Befugniss 
beilegt, und dass der Magistrat ihnen die Befugniss auch jederzeit entziehen 
kann. Während die noch heute gültige Instruction für die Stadtmagistrate 
vom 25. Mai 1835 den Deputationen die directe Verbindung mit Behörden 
über den Kopf des Magistrates hinweg untersagt, wird sie hier direct vor¬ 
geschrieben, u. 8. w. 

„Sollen wir nun die Tragweite aller dieser Vorschriften behandeln, so 
stellen Sie sich einmal vor, der Minister würde dieselbe Geschäfbsanweisung 
erlassen für die Gasdeputation, für die Elektricitätsdeputation, für die Ge¬ 
werbedeputation u. 8. w. Ja, meine Herren, ich frage mich, was würde 
überhaupt noch von der Bewegungsfähigkeit der Selbstverwaltung übrig 
bleiben, wenn der Minister so weitgehende detaillirte Vorschriften für die 
einzelnen Deputationen erlassen sollte. Hierbei lege ich noch nicht einmal 
das Hauptgewicht auf die staatsrechtliche Frage, ob der Minister befugt 
ist, für Verwaltungsdeputationen Geschäftsanweisungen zu erlassen; aus 
dem allgemeinen Aufsichtsrechte der Regierung mag eine solche Befugniss 
in einem gewissen Umfange und für gewisse Punkte vielleicht abzuleiten 
sein. Es kann dies aber ganz dahingestellt bleiben, denn der Minister hat 
eine solche Befugniss in dieser Intensität niemals in Anspruch genommen. 
Wo ist denn schon jemals ein Minister auf den Gedanken gekommen, für 
Deputationen und überhaupt für städtische Angelegenheiten so minimale 
Vorschriften zu treffen? Der Minister nimmt also gegenüber dieser Depu¬ 
tation innerlich eine ganz andere Stellung ein, als gegenüber allen anderen 
Deputationen. Daher ist auch wohl anzunehmen, dass der Minister diese 
Befugniss gar nicht auf die Städteordnung begründet, sondern er gründet 
sie eben auf dieses neue Gesetz, mit dessen Ausführung er beauftragt ist. 

„Ich habe nun auf Grund dessen dieses neue Gesetz durchgesehen 
und habe gefunden, dass in diesem Gesetz auch nicht mit einer Silbe gesagt 
ist, dass diese Deputation eine communale Deputation, eine Deputation 
der communalen Selbstverwaltung sei, sondern der betreffende Passus 
lautet, §. 10: 

Die Zusammensetzung und Bildung dieser Commissionen erfolgt 
in den Städten in Gemässheit der in den Städteordnungen für 
Bildung von Commissionen (Deputationen) vorgesehenen Bestim¬ 
mungen. 

„Das heisst, das Gesetz sagt: Die Commission wird zusammengesetzt 
nach denselben Bestimmungen wie die Deputationen. Das Gesetz sagt aber 
nicht mit einem Worte, dass hier eine städtische Verwaltungsdeputation 
geschaffen sei, sondern der Sinn des Gesetzes ist etwa der: Der Staat schafft 
eine Commission, und, um nicht lange Auseinandersetzungen zu machen, wie 
diese Commission in jedem Landestheile volksthümlich zusammenzusetzen 
sei, drückt sich der Staat kurz aus und sagt: für die Zusammensetzung 
dieser meiner Commission sollen dieselben Bestimmungen maassgebend sein, 


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32 XXVI. Versammlimg d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

die in der Städteordnung der betreffenden Gegend sieb Anden über die 
Zusammensetzung der Deputationen. Die Bürger sind nicht bloss Bürger 
der Stadt, sondern sie sind auch Bürger des Staates. So wie die Gemeinde 
eine Selbstverwaltung einrichten kann, kann auch der Staat eine Selbst¬ 
verwaltung einrichten. Dann muss der Staat sich darüber aussprechen, 
welche Vorschriften für die Zusammensetzung maassgebend sind, und er 
kann, wenn er will, die Vorschriften der Städteordnung dafür nehmen. 

„Wir haben es also, wie ich glaube, in diesen Commissionen überhaupt 
nicht mit städtischen Verwaltungsdeputationen zu thun. Und dies wird 
vollends klar, wenn man sich den Fall denkt, dass auch in den Land¬ 
gemeinden — was ja zulässig ist — eine solche Deputation gebildet würde. 
Die östliche Landgemeindeordnung hat überhaupt keine Bestimmungen 
über die Bildung von Deputationen. Diese konnten daher auch nicht 
maassgebend sein, und das Gesetz schreibt vor: der Landrath bestimmt 
die Zusammensetzung. Ja, wenn auf dem Lande sogar der Landrath die 
Zusammensetzung bestimmt, so kann man darin gewiss nicht mehr eine 
communale Deputation, eine Deputation der communalen Selbstverwaltung 
erblicken. 

„Das Ergebniss meiner Kritik ist also das Gegentheil, wie die An¬ 
schauung, von der ich zu Anfang ausgegangen war. Der Minister ist mit 
seiner Geschäftsanweisung vollständig im Rechte. Es kann hier dahin¬ 
gestellt bleiben, ob er im Einzelnen im Recht ist (das wäre Sache näherer 
verwaltungsrechtlicher Nachprüfung, ob die Bestimmungen sich überall 
innerhalb der Grenzen des Gesetzes halten). Aber mit der Befugniss, die 
er für sich in Anspruch nimmt, hier eine Geschäftsanweisung zu erlassen, 
ist er im Rechte. Im Unrecht ist der Minister nur nach einer anderen 
Seite hin, und die ist wenig bedeutend. In Unrecht ist er nämlich darin, 
dass er nebenbei doch noch behauptet, dass es eine communale Deputation 
sei. Denn das würde nicht vereinbar sein mit seinen eigenen Befugnissen. 
Er sagt: „die Gesundheitcommission ist als ein aus den Wahlen der Selbst¬ 
verwaltungskörper hervorgegangenes Organ nicht auf communale Ange¬ 
legenheiten beschränkt, sondern sie hat auch staatliche Aufgaben zu er¬ 
füllen“. Das ist nicht richtig und mit dem sonstigen Standpunkte des 
Ministers nicht zu vereinigen. Man kann nicht sagen: sie hat auch 
staatliche Aufgaben zu erfüllen, sondern: sie hat staatliche Aufgaben zu 
erfüllen. Gommunal ist an dieser Commission nichts als ihr Ursprung. 
Nachdem sie gebildet ist, hat die Commune ihre Leistung gethan und ist 
fertig. 


„Dieses ist der bisherige Hergang in Preussen, was die Gesetzgebung 
betrifft. Wir haben nun zweitens zu sehen, wie sich die Städte bisher 
mit diesem Zustande der Gesetzgebung abgefunden haben, sowohl 
in Bezug auf die Gesundheitscommissionen, wie auf den Kreisarzt. 

In Bezug auf die Gesundheitscommissionen war zunächst die Möglich¬ 
keit vorhanden, dass die Städte, wenn sie darin, wie man ja anfänglich 
meinte, eine communale Einrichtung zu erblicken haben, alle Einrichtungen 
der communalen Gesundheitspflege dieser Commission unterstellen. Dazu 
gehören: CanalisatioU, Wasserleitung, Strassenreinigung u. s. w. Soviel ich 


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Die örtlichen Ges undheitsco Emissionen. 


33 


sehe, ist dieser Gedanke nirgends ernstlich in Angriff genommen worden, 
und er kann wohl auch nicht in Betracht kommen. Denn ein grosses 
Canalisationswerk ist eine Aufgabe, die so viel technische Einzelheiten hat, 
dass die bloss gesundheitliche Seite der Canalisation nur eine Verwaltungs- 
rückßicht unter vielen ist. Es ist daher mit vollem Rechte davon abge¬ 
sehen worden. Immerhin ist Breslau doch so weit gegangen, seine Kranken¬ 
häuser dieser Deputation zu unterstellen, und die Bestimmungen in einer 
gemeinsamen n Heildienstordnung u zu umfassen. Auch Elberfeld hat die 
communale Gesundheitspflege so geordnet. Frankfurt a. M. hat seinen 
alten Gesundheitsrath aufgehoben und einen neuen an die Stelle gesetzt 
der sowohl die staatlichen Aufgaben, wie auch communale Aufgaben der 
Gesundheitspflege übernehmen soll. Köln hat seine Yerwaltungscommission 
für Sanitätssachen aufgelöst und damit den Willen angedeutet, der neuen 
Commission auch die communale Sanitätspflege zu unterstellen. Essen hat, 
von dem richtigen Gedanken ausgehend, dass dieser Commission irgend 
etwas Concretes von Verwaltungsaufgaben überwiesen werden müsse, der 
Commission die ganze Wohnungsfrage überwiesen, und dies ist in Barmen 
bereits nachgeahmt worden. — Von Städten, die eine communale Gesund¬ 
heitsdeputation besassen, und bisher bereits Stellung genommen haben 
nach der Seite, dass sie erhalten bleiben sollte, ist mir nur Bochum bekannt 
ln den anderen Städten scheint die Angelegenheit noch nicht endgültig ent¬ 
schieden zu sein. 

„In Bezug auf die zweite Frage: Kreisarzt und Stadtarzt, hatte Frank¬ 
furt a. M. als die erste der preussischen Städte bereits im Jahre 1883 das 
Amt eines Stadtarztes eingerichtet. Dann sind, überwiegend unter dem 
Eindrücke dieses Gesetzes, hinzugekommen: Danzig, Hannover, Breslau, 
Düsseldorf. Berathend oder abwartend stellen sich Kiel, Königsberg und 
Magdeburg, weil sie sehen wollen, wie sich die Regierung zur Uebertragung 
der kreisärztlichen Befugniss stellt. Den Versuch, die staatlichen Func¬ 
tionen des Kreisarztes für einen vorhandenen oder geplanten Stadtarzt zu 
erlangen, haben bisher gemacht, soviel in der Umfrage eine Antwort ge¬ 
geben ist: Elberfeld, Barmen, Danzig, Görlitz und Harburg. In Rixdorf 
hat zuerst die Regierung angefragt, ob die Stadt etwa einen Stadtarzt er¬ 
nennen und auf die Vereinigung eingehen wolle; dann aber hat das 
Polizeipräsidium mitgetheilt, dass eine Uebertragung nicht stattfinde. 
Manche Städte legten Gewicht darauf, positiv zu wissen, ob sie die kreis¬ 
ärztlichen Befugnisse erhalten würden, bevor sie einen Stadtarzt wählten, 
und hierfür ist charakteristisch die Antwort, die Charlottenburg erhalten 
hat auf die Frage, ob die Stadt, wenn sie einen Stadtarzt ernennt, darauf 
rechnen könne, die kreisärztlichen Befugnisse zu erhalten; das Ministerium 
antwortet, dies würde abhängen von der Vorbildung, der Vergangenheit 
und der Persönlichkeit des gewählten Stadtarztes. In Düsseldorf schweben 
die Verhandlungen noch, in Hannover hat man die Erwartungen soweit 
herabgestimmt, dass man jetzt nur noch über eine theilweise Uebernahme 
der kreisärztlichen Functionen verhandelt. Mir sind bisher nur zwei Städte 
bekannt geworden, die auf diesem Wege die Uebertragung der kreisärzt¬ 
lichen Functionen erreicht haben: Osnabrück und Altona. In der Debatte 
wird Gelegenheit vorhanden sein, auch noch andere derartige Städte zu 

Vierteljehrsschrift für Gesundheitspflege, 1902. ^ 


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34 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

nennen; es werden ja vermuthlich noch einige sein. — Sicher geht aber 
schon aus diesem Ueberblick soviel hervor, dass die Zahl der Städte, die 
die kreisärztlichen Functionen erhalten, sehr gering ist. Man hat bis jetzt 
überwiegend von Ablehnungen erfahren. Damit ist zu vergleichen die 
Aeusserung, die der Cultusminister in der Sitzung des Herrenhauses vom 
6. Juli 1899 that, als es sich um die Bestimmung handelte, dass die Regie¬ 
rung das Recht haben solle, auch die kreisärztlichen Befugnisse einem 
Stadtarzte zu übertragen. Da äusserte sich der Minister: „Wir werden von 
dieser Vorschrift des Gesetzes im weitesten Umfange, so weit wir nur irgend 
können, Gebrauch machen, und in allen diesen Fällen — und das werden 
die weitaus meisten sein — kann es ihnen, den Städten, durchaus gleich¬ 
gültig sein, ob der von ihnen angestellte Stadtarzt, der zugleich die 
Functionen des Kreisarztes übt, in der Gesundheitscommission stimmberech¬ 
tigt ist oder nicht, und damit sind eigentlich diese Bedenken in der Haupt¬ 
sache und im Wesentlichen erledigt.“ 

„So sind denn die Städte auf den entgegengesetzten Weg gekommen. 
Da sie für ihren Stadtarzt nicht die kreisärztlichen Functionen erlangen 
können, so haben sie den Versuch gemacht, die stadtärztlichen Functionen 
dem Kreisarzt zu übertragen. Auf diesem Wege ist Essen vorgegangen, 
so dass also der Stadtarzt in Essen nur nebenamtlich beschäftigt ist, indem 
sein Hauptamt das des staatlichen Kreisarztes ist. Elberfeld will nach der 
ersten Ablehnung jetzt auf dieselbe Art verfahren. 

„Es könnte meine Darstellung den Eindruck hervorrufen, als ob ich 
die Absicht hätte, dem Minister aus seinem Verfahren einen Vorwurf zu 
machen. Dies ist nicht der Fall. Zunächst ist zu bedenken: Der Minister, 
der jetzt die Uebertragung der kreisärztlichen Functionen ablehnt, ist ja 
nicht derselbe, wie der, der damals im Herrenhause gesprochen hat. Jeder 
Minister ist verpflichtet, seine Amtshandlungen, für die er die Verantwortung 
trägt, nach den Grundsätzen zu prüfen, die er für richtig hält; wenn er im 
Interesse des Staates — und die Ernennung des Kreisarztes ist eine staat¬ 
liche Angelegenheit — eine Maassregel nicht für nützlich hält, so darf er 
sie nicht desswegen eintreten lassen, weil ein anderer Minister vor ihm in 
dem Parlament eine derartige Aeusserung gethan hat. Aber, meine Herren, 
selbst wenn die Person dieselbe wäre, so muss ich gestehen, auch vom 
Standpunkte einer sehr strengen Moral würde ich selbst dann aus diesem 
Widerspruche keinen Vorwurf herleiten, sondern der Vorwurf trifft dann 
nur die Leute, die eine Bolche Aeusserung im Parlament, die eben in das 
Gesetz nicht hineingeschrieben war, für etwas Bindendes gehalten haben. 
Es ist das eine liebenswürdige Aeusserung, und, meine Herren, die Leute, 
die sich darauf so sehr steifen, das sind Leute, die Süssholz für Eichenholz 
halten. 

„Ich möchte übrigens noch einen Schritt weiter gehen. Ich kann noch 
nicht einmal zugeben, dass diese Vereinigung der stadtärztlichen und der 
kreisärztlichen Functionen vom Standpunkte der städtischen Verwaltung 
gar so sehr erstrebenswerth sei, sondern ich finde, die Entscheidung des 
Ministers ist für die Regel auch ganz sachgemäss. Die Verbindung eines der¬ 
artigen städtischen Amtes mit dem staatlichen wird sich niemals in der Art 
vollziehen, dass dieselbe Person wirklich correct zwei Persönlichkeiten dar- 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen. 


35 


stellt, sondern, wenn die Stadt die kreisärztlichen Functionen erlangt, so werden 
sie sicher nur widerruflich übertragen. Das steht schon fest. Dann hat nun 
die Stadt einen Beamten, der in unaufhörlicher Angst schwebt, diese pro¬ 
visorisch übertragenen Geschäfte könnten ihm entzogen werden. Während 
eine Stadt, die einen Stadtarzt anstellt, einen communalen Berather darin 
haben will, wird dieser Mann in erster Linie immer besorgt sein, nur ja diesen 
staatlichen Auftrag nicht zu verlieren. Nehmen Sie den entgegengesetzten 
Weg, wie in Essen, und die Stadt hat den Auftrag im Nebenamt als widerruflich 
ertheilt, so wird immer der Beamte sich wesentlich als Staatsbeamter fühlen, 
und er wird diese Nebenaufgabe seitens der Stadt eben nur als eine Neben¬ 
aufgabe ansehen. Es giebt keine Möglichkeit, diese Verbindung so zu con- 
struiren, dass die Städte vollständig zu ihrem Rechte kommen. Im Gegentheil 
ist bei einer solchen Verbindung immer der Schwächere im Nachtheil. Wenn 
Sie einen eisernen Topf und einen irdenen zusammenstossen, so ist es ganz 
gleich, ob Sie den eisernen auf den irdenen werfen, oder den irdenen auf 
den eisernen, der Topf, der Schaden leidet, wird immer der irdene 
sein. — Damit ist nicht gesagt, dass nicht eine Stadt auch einmal 
einen solchen Weg einschlagen kann, wie zum Beispiel Essen den Weg ge¬ 
wählt hat, überwiegend aus örtlichen Gründen. Diese können unter Um¬ 
ständen so zwingend sein, dass man sich über die Bedenken hinwegsetzt. 
Aber als allgemeine Norm ist das nicht zu empfehlen. — Höchst charak¬ 
teristisch sind in dieser Beziehung die Verhandlungen in zwei Städten, 
in Breslau und in Frankfurt a. M. Aus Breslau habe ich zwei Auskünfte, 
eine amtliche vom Magistrat und eine andere, die aus Stadtverordneten¬ 
kreisen stammt. Sie stimmen nicht vollständig überein. Es wurde in 
Breslau die Frage ventilirt, ob der zukünftige Stadtarzt Mitglied des 
Magistrats sein solle oder Untergebener des Magistrats, und da war, wenig¬ 
stens bei vielen Stadtverordneten, die Ansicht maassgebend: wenn er die 
staatlichen Functionen erhält, dann soll man das Amt nicht als das eines 
Magistratsmitgliedes crei'ren. Also wenn er die höhere, angesehenere 
Stellung hat, dann will man ihn nicht als Magistratsmitglied haben. Und, 
meine Herren, mit vollem Recht! Denn dies würde ja darauf hinauslaufen, 
dass der Minister gewissermaassen das Magistratsmitglied mit ernennt. — 
Die Stellung in Frankfurt a. M. wird folgendermaassen präcisirt. Frank¬ 
furt a. M. hat sich überhaupt in dieser Sache keine grosse Mühe gegeben, 
sondern es stellt sich auf den Standpunkt: entweder die Städte erhalten die 
Gesundheitspolizei als einen Theil der allgemeinen Wohlfahrtspolizei, dann 
ist es gut; oder wir erhalten das nicht, dann liegt uns an dieser Kleinigkeit 
gar nichts. 

„Es wäre nun noch drittens zu erörtern: wie sollen sich die Städte 
stellen? In diesem Verhältnis von Sanitätsverwaltung und Selbstverwal¬ 
tung kann man ein allgemeines Verdict darüber, welche Seite der Sache das 
Uebergewicht haben solle, nicht abgeben. Es richtet sich dies nach der 
Wichtigkeit des Objectes, welches der Selbstverwaltung aus der Sanitäts¬ 
verwaltung zufliesst, und zwar richtet sich das auch bei den Gressstädten 
nicht bloss nach der Wichtigkeit, die die Angelegenheit für die Grossstädte 
hat, sondern, soweit sich die Städte als Mitglieder des grossen Ganzen 

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36 XXVI. Versammlung d. I). Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

fühlen, müssen sie die Frage nach der Bedeutung für das Land im All¬ 
gemeinen entscheiden. Je wichtiger eine Angelegenheit der SanitätsVerwal¬ 
tung ist, desto mehr hat sie einen Anspruch darauf, dass die blossen 
Bedenken, die aus der Selbstverwaltung hergeleitet werden, zurücktreten. 
Und nun scheinen allerdings die Aufgaben, die der Gesundheitscommission 
gesetzt sind, sehr wichtig zu werden, namentlich für die kleinen Städte. 
Schon sind eine Anzahl Nachrichten aus kleinen Städten bekannt geworden, 
womit sich diese Gesundheitscommissionen beschäftigt haben. Da sehen wir 
zunächst, dass aus einer Anzahl ziemlich kleiner Städte oder kleiner Mittel¬ 
städte — Berlinchen, Halberstadt, Oppeln, Stargard u. s. w. — berichtet 
wird, dass sie dort die obligatorische Leichenschau beantragen wollen. 
Anderswo ist die Rede von Entwässerungsgräben (Eschwege), von den Aus¬ 
dünstungen der Weissgerbereien (Halberstadt), von der Reinigung der 
Dunggruben auf pneumatischem Wege (Kolberg), Abfuhr in städtischer Regie 
(München-Gladbach — einer grösseren Stadt), Vernichtung der Rattenplage 
(Königsberg in der Neumark), Rauchbelästigung (Saarbrücken), Beseitigung 
des Staubes bei der Strassenreinigung (Uelzen), Beschäftigung mit der 
Kindersterblichkeit (Liegnitz). Ja, meine Herren, wenn wir bedenken, wie 
wenig bisher in Mittel- und Kleinstädten solche Objecte namentlich in den 
Kreisen der Bürgerschaft erörtert wurden, so müssen wir es als eine Sache 
von der allergrössten Bedeutung ansehen, dass durch diese Gesundheits- 
commissionen das Interesse für eine so grosse Reihe gesundheitlicher Fragen 
in die Bürgerschaft hineinkommt, und da haben die grossen Städte auch das 
nobile offlcium, dafür zu sorgen, dass dieses Interesse nicht erlahmt und ge¬ 
schädigt wird etwa dadurch, dass die Grossstädte, weil sie nicht zu ihrem 
Rechte gekommen sind, sich auf das Schmollen verlegen. Zu diesen Auf¬ 
gaben wird noch immer mehr dazu kommen — als eine wahrscheinlich all¬ 
gemeine Aufgabe die Wohnungsbesichtigung und, wie wir schon heute sagen 
können, im Laufe der Zeit eine wirkliche Wohnungsverwaltung. Je mehr 
die Grossstädte in der Ausgestaltung der Commissionen vorangehen, desto 
mehr werden die kleinen Städte nachfolgen müssen. Und die Kleinstädte 
sind gewissermaassen der Zwischencanal zwischen den Grossstädten und dem 
platten Lande. Auch haben die Grossstädte ein gewisses Interesse daran, 
dass die sanitäre Thätigkeit in den kleineren Orten sich hebe. Denn so sehr 
die Grossstädte auch den Zufluss der Bevölkerung freudig begrüssen, wie 
er im letzten Jahrzehnt stattgefunden, so sehr auch die Blüthe der Industrie 
auf diesem Zufluss beruht, ebenso müssen wir doch auch sagen, es kann eine 
Grenze geben, wo die Steigerung des Zuflusses nicht erwünscht ist, und 
wir haben ein Interesse daran, dass die Hebung der Zustände auch auf dem 
platten Lande und in den kleinen Städten nicht gar zu langsame Fort¬ 
schritte macht. 

„Was sollen nun die Städte dem gegenüber thun? Ich kann die 
Rechte der Selbstverwaltung nicht preisgeben, ich könnte es aber auch nicht 
mit meinem Gewissen vereinbaren, den Rath zu ertheilen, hierin das Inter¬ 
esse der Selbstverwaltung höher zu stellen, als das sachliche Interesse an 
hygienischen Fortschritten. Da meine ich nun erstens: Die Commission ist 
nach dem Gesetz leer, und sie muss eine Füllung bekommen. Ich sehe 
keine rechtliche Möglichkeit, die communalen Aufgaben dieser Commission 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen. 


37 


za übertragen. Zunächst, weil es rechtlich nicht zulässig ist; die Gemeinden 
haben nicht die Befugniss, dieser Behörde, die gar keine communale De¬ 
putation ist, Aufgaben zu ertheilen. Aber auch wenn es rechtlich zulässig 
wäre, so würde dies eine Opferung der Selbstverwaltungsrechte enthalten 
ohne eine zwingende Veranlassung. Wie weit man in dieser Beziehung 
geht, können Sie an dem Beispiel von Halle sehen. Halle hat sich über 
diese Deputation ein Ortsstatut gegeben, und darin ist vorgeschrieben, dass 
ein Mitglied der Deputation, die Halle also als communale Deputation 
ernennen will, von der Garnisonbehörde ernannt wird. Ja, meine Herren, 
das ist doch ungeheuer weitgehend, dass man ein Mitglied einer communalen 
Deputation von einer Militärbehörde ernennen läBst; und wenn ich auch 
zugebe, dass in vielen Garnisonorten ein sachliches Interesse daran besteht, 
einen von der Garnisonbehörde bezeichneten Militärarzt unter den Mit¬ 
gliedern zu haben, so kann man ja ganz denselben Zweck erreichen, wenn 
man in das Ortsstatut hineinschreibt: Die Garnisonbehörde kann einen 
Militärarzt Vorschlägen. Welcher Anlass aber liegt dazu vor, der 
Garnisonbehörde das Ernennungsrecht zu geben? — Um alle Schwierig¬ 
keiten zu vermeiden, kann man einen Ausweg in der Art treffen, dass eine 
Gemeinde sich eine communale Selbstverwaltungs - Deputation schafft, aber 
in diese Deputation genau dieselben Mitglieder hineinschickt, die sie in die 
staatliche Commission geschickt hat. Dann ist das Bedürfniss nach juristi¬ 
scher Abgrenzung und Sauberkeit gewahrt, die Sache ist rechtlich voll¬ 
kommen in Ordnung, und es ist ebenso auch den Forderungen aller derer 
Rechnung getragen, die eine erweiterte Thätigkeit dieses Personenkreises 
haben wollen. Die Verhandlungen würden sich dann etwa in folgender 
Art vollziehen: Es wären an demselben Tage zwei Sitzungen hinter ein¬ 
ander anzusetzen, zuerst der (staatlichen) Commission, sodann der (commu¬ 
nalen) Deputation. Zu der ersten Sitzung ist der staatliche Kreisarzt ein¬ 
zuladen, und wenn diese Commission ihre Angelegenheiten erledigt hat, so 
erklärt der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen mit einer höflichen 
Verbeugung vor dem anwesenden Staatsbeamten, und dieser Beamte als ein 
Mann von feiner Bildung wird sofort wissen, wo er Hut und Mantel gelassen 
hat. Dann kann die Sitzung der communalen Deputation beginnen, und es 
ist rechtlich Alles in Ordnung. Und, meine Herren, der, der Ihnen diesen 
Rath giebt, bin ich eigentlich nicht — ein Patent kann ich darauf nicht 
nehmen —, sondern den Rath hat schon der Cultusminister Bosse in der 
erwähnten Verhandlung des Herrenhauses gegeben, indem er sagte: „Aber 
das bleibt ja der Stadt und der Commission unbenommen, sich für rein 
städtische Angelegenheiten ohne den Kreisarzt als besondere Commission für 
rein städtische Angelegenheiten zu constituiren.“ 

„Wenn man also diesen Rath des damaligen Cultusministers Bosse be¬ 
folgt, so wird Alles erreicht, was zur Wahrung der Selbstverwaltungsrechte 
nöthig ist. 

„Was das zweite Problem betrifft, Kreisarzt und Stadtarzt, so billige 
ich den Standpunkt, den die Städte Breslau und Frankfurt a. M. einge¬ 
nommen haben. Die unwiderrufliche Vereinigung der Functionen, kraft 
Gesetzes, besteht ausserhalb Preussens hier in Rostock, wo auf die Anfrage 
die Antwort eingetroffen ist: „Der Stadtphysicus schliesst den Kreisphysicus 


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38 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

aus“, was ich so auffasse — es geht dies nicht mit unbedingter Sicherheit 
daraus hervor —, dass in Mecklenburg überall, wo ein Stadtarzt ernannt 
wird, ihm von Gesetzes wegen diese Functionen zufallen. Es wäre von 
Wichtigkeit, dies nachher berichtigt zu sehen, falls diese Auffassung irrig sein 
sollte. Der Standpunkt von Frankfurt a. M. aber ist vollständig verwirk¬ 
licht in den sächsischen Städten, die im Besitze der Wohlfahrtspolizei sind, 
und in einem früheren Stadium hat die preussische Regierung bereits wieder¬ 
holt anerkannt, dass kein staatliches Interesse dagegen spreche, den Städten 
die Wohlfahrtspolizei zu übertragen. Wenn die Städte das erreichen, würden 
wir uns einen Vortrag, wie den meinigen vom heutigen Tage, überhaupt 
ersparen können; denn dann sind die Zwistigkeiten alle erledigt. 

„In beiden Richtungen: sowohl in Bezug auf die Gesundheitscom¬ 
missionen, als in Bezug auf den Kreisarzt, können wir aber bereits auf 
Erfahrungen hinweisen. Es giebt ein anderes Gebiet der eommunalen 
Verwaltung, in welchem genau dieselbe Entwickelung sich seit fast einem 
Jahrhundert vollzogen hat: das ist die Schulverwaltung. Die Schuldepu¬ 
tation, die im Jahre 1811 geschaffen wurde, war auch ein derartiges Ding, 
von dem Niemand recht zu sagen wusste, inwieweit es eine communale, in¬ 
wieweit es eine staatliche Deputation ist, und sicher hatten die Städte das 
Recht, für ihre rein eommunalen Angelegenheiten daneben eine rein com¬ 
munale Deputation zu schaffen. Es giebt ein wenig bekanntes, wiewohl 
veröffentlichtes Ministerialrescript von 1823, in dem der Minister von der 
Möglichkeit, dass die Städte neben der Schuldeputation noch eine rein com¬ 
munale Deputation für die äusseren Angelegenheiten der Schule einrichten, 
wie von einer schweren Besorgniss spricht. Die Städte haben das nicht 
gethan, und heute ist dieser Gesichtspunkt fast verschwunden. Denn wenn 
beinahe ein Jahrhundert hindurch Angelegenheiten immer vereint behandelt 
sind, ohne dass man in den Acten für Trennung gesorgt hat, dann ist diese 
Auseinanderreissung eine gar zu schwierige Aufgabe. Diese Geschichte der 
Schuldeputation enthält einen deutlichen Fingerzeig dafür, dass die Städte, 
wenn sie ihre Rechte wahren wollen, für ordnungsmässige Trennung staat¬ 
licher und communaler Angelegenheiten auch in ihren Acten und in der 
äusseren Erscheinung zu sorgen haben. Dieselben Analogieen treffen wir 
in der Schulverwaltung mit dem städtischen Schulrath (Stadt-Schulinspector) 
und dem staatlichen Kreis - Schulinspector. In allen diesen Beziehungen 
hängt gegenwärtig die Gestaltung der eommunalen Schulverwaltung so sehr 
von der Zusammensetzung der betreffenden Regierung ab, dass Sie heute, 
wenn Sie unter den preussischen Städten Umfragen, gewiss die denkbar 
entgegengesetztesten Antworten bekommen. Einige werden Ihnen sagen: 
Bei diesem Mischzustande stehen wir ganz vorzüglich, und Andere werden 
Ihnen sagen: Dieser Mischzustand ist für uns beinahe unerträglich. Das, 
meine Herren, ist es gerade, was ich vermieden sehen möchte, dass die Zukunft 
dieser Einrichtung so wenig Garantieen für die Städte gebe und dass sie eben 
von den bloss persönlichen Verhältnissen abhängig würde. Ich behaupte nicht, 
dass derartige Abnormitäten durchaus zu Uebelständen führen müssen. Aber 
wesswegen soll man eine so einfache Cautele, wie die von mir vorgeschlagene, 
nicht ergreifen, wenn man sie zur Hand hat? Die Städte haben zunächst gegen¬ 
über dieser neuen staatlichen Function als wichtigste Aufgabe anzusehen, dass 


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Die örtliohen GeBundheitsoommissionen. 


39 


sie ein Unklar werden der Situation verhindern. Hiermit ist es unvereinbar, 
dass die Städte durchaus und durchum darauf ausgehen, die kreisärztlichen 
Rechte für ihre Stadtärzte zu erhalten. Ich meine vielmehr, die Städte 
sollten auch auf anderen Gebieten es nicht als ein so wichtiges Ziel ansehen, 
den Staat um seine Aufsichtsrechte zu bringen. Wir haben vom Stand¬ 
punkte der städtischen Selbstverwaltung gar keinen Anlass, die staatliche 
Aufsicht zu scheuen, sondern wir können ganz ruhig den Staat seine Auf¬ 
sichtsrechte handhaben lassen. Ja, ich kann es überhaupt nicht als richtig 
zugeben, dass staatliche Aufsicht und Selbstverwaltung Gegensätze seien. 
Im Gegentheil, meine Herren, es ist keine communale Selbstverwaltung 
denkbar ohne die Aufsicht einer höheren Instanz. Eine Selbstverwaltung 
ist unvollständig, wenn ihr eine Aufsicht nicht zur Seite steht, nicht über 
ihr steht. Sie können das ja am besten sehen da, wo das Selbstverwaltungs¬ 
recht in sich geschlossen ist, im Vereinsleben. Da sehen Sie, dass die 
Schulze-Delitzsch’schen Genossenschaften und derartige Vereine, lange bevor 
das Gesetz sie dazu zwang, sich eine Aufsicht selbst constituirt haben, weil 
die Selbstverwaltung der eigenen Genossenschaften der Ergänzung bedurfte. 
Meine Herren, es wird nirgend möglich sein, dass eine rein örtliche Einrichtung 
die Anregung einer höheren Stelle entbehren kann oder auch nur entbehren 
will, wenn sie es mit ihren Aufgaben ernst meint. Ich meine also, die Städte 
sollen die Aufsicht nicht scheuen und sollen in ihr eine werthvolle Ergänzung 
erblicken. 

„Zweitens, wenn die Städte darauf verzichten, die kreisärztlichen 
Functionen für ihren Stadtarzt zu erlangen — und ich bin in Bezug auf die 
Schulen ganz derselben Ansicht mit dem sogenannten Aufsichtsrecht für den 
Stadtschulinspector oder Stadtschulrath —, so wird die Entwickelung fol¬ 
gende sein: Es wird sich im Laufe der Zeit heraussteilen, dass bei gut ver¬ 
walteten Gommunen zum Zwecke der Aufsichtsführung ein eigener staat¬ 
licher Beamter gar nicht erforderlich ist. Dann werden die Städte für jenen 
heimlichen und unausgesprochenen Wunsch einen starken Verbündeten an 
dem jeweiligen Finanzminister erhalten. Der Finanzminister wird auf seinen 
Collegen von den Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten drücken und 
wird von ihm verlangen, dass er an diesen Stellen auf einen eigenen Be¬ 
amten am Orte verzichte, zumal ja die Ausübung der Aufsichtsrechte vom 
Sitze der Bezirksregierung aus unbenommen bleibt. Dann werden wir zwar 
dieselbe Einrichtung erhalten, aber sie wird ein ganz anderes Gesicht tragen: 
die Städte werden dann nicht als die Bittenden, sondern als die Gewähren¬ 
den erscheinen. Und das, meine ich, sollte eine städtische Politik in ihrem 
Verhältniss zum Staate überhaupt im Auge behalten: nicht so viel anti- 
chambriren, nicht so häufig kommen, dass man so zu sagen den Seltenheits¬ 
werth verliert. 

„Nun, meine Damen und Herren, habe ich noch eine Frage zu beant¬ 
worten, nämlich: wenn das meine Ansichten sind, wesshalb ich mich dann 
der Mitaufstellung dieser Thesen schuldig gemacht habe; denn nach Allem, 
was Ith über das Verhältniss zur städtischen Selbstverwaltung ausgesprochen 
habe, werden Sie sich darüber wundern, wie in diesen Thesen so jedes Gift fehlt, 
dass sie vor der strengsten Nahrungsmittelpolizei würden bestehen können. 


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40 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Nun will ich allerdings die Beichte ablegen, dass an diesen Thesen die sehr 
grosse Liebenswürdigkeit des ersten Herrn Referenten, der sie vorgescblagen 
hat, einen bedeutenden Antheil hat, und erst nachdem ich meine Zustimmung 
erklärt hatte und dann an die genaue Ausarbeitung der Sache ging, habe ich 
eine Anzahl Punkte gesehen, die mir ursprünglich nicht vor Augen standen. 
Aber als ich am Schlüsse meiner Studien die Thesen vollständig durchsah, fand 
ich trotzdem nichtB darin, was ich zurückzunehmen hätte. Ich halte daher 
meine Zustimmung vollständig aufrecht und ziehe daraus die Lebenserfahrung, 
dass es unter Umständen ungefährlich sein kann, sich von Liebenswürdigkeit 
bestricken zu lassen. Den Standpunkt, den ich hier vertreten habe, finde 
ich in den Thesen immerhin deutlich genug gewahrt. In der ersten These 
ist gesagt: Die Einrichtung örtlicher Gesundheitscommissionen ist nöthig. 
Das unterschreibe ich vollständig. Zweitens: Die Thätigkeit der Com¬ 
missionen soll a) auch eine verwaltende sein — immerhin, das ist möglich 
bei dem Ausweg, den ich angegeben habe, indem man sie doppelt construirt; 
aber es sind wenigstens dieselben Personen; b) sie soll stattfinden unter 
Unterstützung des beamteten Arztes. Damit ist die Qualität als Beamter 
verlangt; inwieweit das aber ein staatlicher oder communaler Beamter sein 
soll, darüber schweigen die Thesen. Endlich finde ich darin drittens als 
Gesichtspunkt, den ich hier geltend gemacht habe: dass die Grundsätze der 
communalen Selbstverwaltung nicht verletzt werden sollen; ein Satz, bei 
dem sich ja Jeder denken kann, was er will. 

„Ich bin am Ende meiner Ausführungen. Ich glaube, meine Damen 
und Herren, dass wir der weiteren Fortentwickelung der Aufgabe, die dieses 
Gesetz in die Hand genommen hat, im Grossen und Ganzen eine günstige 
Prognose stellen müssen, und, wie ich glaube, auch nicht bloss vom hygieni¬ 
schen, sondern, wenn man die genügende Wachsamkeit entfaltet, 
auch vom Standpunkte der Interessen der Selbstverwaltung. Der Anspruch, 
den die Selbstverwaltung auf die Mitwirkung an der Hygiene hat, ruht 
nicht bloss in staatlichen Gesetzen, sondern er ruht in der Hygiene selbst. 
Der grosse Fortschritt, den die moderne Hygiene über die Kranken- und 
Gesundheitspflege früherer Generationen hinaus gemacht hat, beruht wesent¬ 
lich in der Erkenntniss der drei hygienischen Elemente: Luft, Licht, Wasser. 
Alle drei Elemente sind örtlicher Natur, und es ist nicht möglich, Luft, Licht 
undWasser gut zu erhalten, wenn nur allgemeine und nicht örtliche Maass¬ 
regeln dafür sorgen. Und darum ist es unmöglich, eine gute Hygiene ein¬ 
zurichten, ohne dass in dieser auch die örtliche Selbstverwaltung zur Gel¬ 
tung kommt. Wenn wir erkennen, dass das Gesetz eines einzelnen Staates 
hier und da für den Staat in Anspruch nimmt, was weit besser den Ge¬ 
meinden selbst überlassen wird, so brauchen wir darum nicht griesgrämig 
bei Seite zu stehen. Ueberblicken Sie, meine Damen und Herren, die Ge¬ 
schichte der deutschen Städte in den letzten drei oder vier Jahrzehnten 
und ihr starkes Aufblühen in der Verwaltung — worauf beruht diese 
Leistung? Sie beruht darauf, dass wir nicht auf Rechte gewartet haben, 
bevor wir Pflichten übernommen haben, und darin liegt auch die Garantie 
für unsere zukünftige Weiterentwickelung. Die Garantie liegt in dem bürger¬ 
lichen Pflichtgefühl und in dem bürgerlichen Gemeinsinn. tt 


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Die örtlichen GesundheitscommiBsionen. 


41 


Referent: Regierungs- und Geh. Medidnalrath Dr. Rapmund: 

„Meine Herren! Gestatten Sie mir nur einige Worte zu dem hoch¬ 
interessanten Referat meines Herrn Correferenten, dessen Ausführungen 
sich, wie Sie mir zugeben werden, auf einem ganz anderen Gebiete als 
die meinigen bewegt haben. Er hat sehr streng den verwaltungsrechtlichen 
Standpunkt gewahrt, während von mir die hygienische Seite mehr in den 
Vordergrund gestellt und dabei das preussische Kreisarztgesetz nur neben¬ 
sächlich behandelt ist. Ich möchte ihm gegenüber jedoch schon jetzt be¬ 
tonen, dass ich seine Befürchtungen in Bezug auf den nicht friedlichen 
Charakter meiner Specialcollegen, der Medicinalbeamten, gerade auf Gruud 
meiner genauen Information nach dieser Richtung hin nicht theile, und 
nur wiederholen kann, dass irgend welche Reibereien zwischen ihnen und 
den Mitgliedern der örtlichen Gesundheitscommissionen nicht zu erwarten 
sind. Mein Herr Correferent giebt ja auch selbst zu, dass derartige Vor¬ 
kommnisse nur die Ausnahme bilden würden; gerade durch die Ausnahmen 
wird aber die Regel bestätigt. 

„Weiterhin möchte ich bemerken, dass die Ortsgesundheitscommissionen 
in dem Gesetze selbst nicht als verwaltende, sondern eben nur als rath¬ 
gebende und begutachtende gedacht sind; sie sollen eine Verbindung zwischen 
den staatlichen und communalen Behörden bilden, und den Gemeinden, 
namentlich auch den grösseren Städten gegenüber ist ein Entgegenkommen 
gerade dadurch gezeigt worden, dass die Wahl und Zusammensetzung der 
Commissionen nach den Grundsätzen der Communalgesetzgebung erfolgen 
soll, also in den Städten nach den Bestimmungen der Städteordnung über 
die Bildung von Commissionen bezw. Deputationen. 

„Was weiterhin die Aufgaben der Gesundheitscommissionen anbetrifft, 
so ist deren specielle Regelung zweifellos dem Herrn Minister überlassen, 
und wenn dieser dazu eine besondere Anweisung erlassen hat, so 
beruht dieselbe auf vollständig gesetzlicher, durch §. 17 des Kreisarzt¬ 
gesetzes gegebener Grundlage und kann daher nicht im Entferntesten als 
ein Eingriff in irgend welche städtischen Rechte angesehen werden. Es ist 
auch gar nicht zu befürchten, da88 der Herr Minister in dieser Beziehung 
irgend welche Eingriffe sich erlauben und insbesondere verlangen wird, dass 
den Gesundheitscommissionen auch eine verwaltende Thätigkeit eingeräumt 
werde; denn hierzu giebt ihm das Gesetz keine Handhabe. Dies kann viel¬ 
mehr nur von den Städten Belbst ausgehen, und wenn diese es thun, so ge¬ 
schieht es sicherlich nur in ihrem eigenen Interesse. 

„Was endlich die Berechtigung des Kreisarztes anlangt, an den 
Sitzungen der Gesundheitscommissionen theilzunehmen, so bedeutet diese 
für Preussen eigentlich nichts Neues, denn in den früheren Sanitätscom¬ 
missionen war er sogar stimmberechtigtes Mitglied. Ausserdem hat die 
Aufsichtsbehörde, also der Regierungspräsident den grösseren, der Land¬ 
rath den kleineren Städten gegenüber das Recht, nicht nur die Zusammen¬ 
berufung jeder städtischen Commission zu verlangen, sondern auch zu dieser 
einen CoromisBar zu entsenden, der jederzeit gehört werden muss. Auch 
ohne die betreffende Bestimmung im Kreisarztgesetze würde demnach der 
Kreisarzt, falls er 68 für nothwendig halten sollte,^an den Berathungen einer 
städtischen Gesundheitscommission als Commissar des Landrathes oder des 


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42 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öifentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Regierungspräsidenten theilnehmen können. Allerdings würde dieB Ver¬ 
fahren recht umständlich sein, und desswegen ist es viel besser, dass in 
dem Gesetze die Tbeilnahme des Kreisarztes an den Sitzungen der Gesund¬ 
heitscommissionen vorgesehen und ihm vor allem auch das Recht eingeräumt 
ist, deren Einberufung jederzeit zu verlangen. Dadurch bekommt er aber 
absolut kein Aufsichtsrecht; auch die Einberufung erfolgt nicht durch ihn, 
sondern durch den Vorsitzenden der betreffenden Commission. 

„ Wenig Beifall dürfte der Vorschlag meines Herrn Correferenten finden, 
zwei Gesundheitscommissionen, eine den Bestimmungen des Kreisarztgesetzes 
entsprechende und eine rein städtische mit verwaltender Thätigkeit zu 
bilden, und nach Beendigung der Verhandlungen der ersteren dem be¬ 
amteten Arzt dann zu verstehen zu geben, dass er sich jetzt empfehlen 
könne. Jedenfalls müssten dann vollständig getrennte Sitzungen zu ver¬ 
schiedenen Tageszeiten stattfinden; denn dass ein derartiges Herauscompli- 
mentiren eines Beamten am Schlüsse einer Sitzung nicht gerade höflich 
ist und diesen zweifellos unangenehm berühren muss, wird wohl von keiner 
Seite bestritten werden. 

n Betreffs der Anstellung der Stadtärzte möchte ich endlich noch her¬ 
vorheben, dass seinerzeit eine grosse Umfrage bei den sämmtlichen grösseren 
selbstständigen Stadtkreisen stattgefunden hat, ob sie Stadtärzte anstellen 
wollen oder nicht. Diese Umfrage ist jedenfalls auch aus finanziellen Rück¬ 
sichten erfolgt,, um das Gehalt für eine Anzahl Kreisärzte zu sparen. Aber 
die Annahme, dass die Städte mit grosser Freude zugreifen und die ihnen 
durch Anstellung von Stadtärzten erwachsenden Kosten nicht scheuen würden, 
hat sich keineswegs als zutreffend erwiesen; denn mit wenigen Ausnahmen 
haben die Städte sich ablehnend verhalten und es jedenfalls im Interesse 
ihrer Finanzen vorgezogen, keinen eigenen Stadtarzt anzustellen; einzelne 
Städte, wie Essen, haben vielmehr dem Kreisarzt gegen entsprechende 
Remuneration städtische Functionen übertragen. Also, wenn bisher nur 
einige Stadtärzte mit kreisärztlichen Functionen vorhanden sind, so trifft 
die Schuld nicht den Staat, sondern die Städte selbst.“ 

Hierauf eröffnet der Vorsitzende die Discussion. 

Oberbürgermeister Fass (Kiel) ist der Ansicht, dass es grosse 
Schwierigkeiten habe, sich auf die Kritik erlassener Gesetze einzulassen. 
Das Gesetz sei erst ganz vor Kurzem in Kraft getreten, die Erfolge des Ge¬ 
setzes seien also im Ganzen noch wenig zu übersehen, und daher erkläre 
es sich denn auch, dass die beiden Referenten sich mehr auf den Standpunkt 
einer Kritik dessen gestellt haben, wie sie sich persönlich die Ausführung 
des Gesetzes wünschen. Nach dieser Richtung wolle er nicht folgen, auch 
auf die schwierigen communalrechtlichen Fragen wolle er sich nicht ein- 
lassen, wenngleich hier auch mancher Stoff zu Meinungsverschiedenheiten 
vorliege. Beispielsweise könne er die Ansicht des Referenten nicht theilen, 
dass in Preussen die Befugnisse der Aufsichtsbehörden so weit gehen 
würden, ohne weiteres eine Commissionssitzung anzuordnen. Die Aufsichts¬ 
behörde könne dem Magistrat Anweisung bis zu einem gewissen Grade er- 
theilen, sie könne aber doch nur innerhalb der Formen der communalen Ge- 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen. 


43 


setzgebung dem Magistrate auftragen, über die vorgelegte Frage eine 
Beschlussfassung der städtischen Behörden eintreten zu lassen. 

Darin stimme er den beiden Referenten bei, dass die vorgelegten Leit¬ 
sätze nichts Bedenkliches enthalten. Leitsatz 3 scheine ihm sogar allzu un¬ 
bedenklich, so dass er nicht wünschen würde, dass dieser als ein Beschluss des 
Vereins in die Welt gehe, da, wie der Correferent richtig gesagt habe, Jeder 
darunter denken könne, was er wolle. Leitsatz 1 fasse er als eine Be¬ 
stätigung dafür auf, dass das preussische Gesetz tolerirt werden könne, dass 
auch wohl zu erwägen sei, ob es nicht auch zur Einführung in anderen 
deutschen Staaten sich eigne. 

Der zweite Leitsatz drücke aus, dass die Thätigkeit der Gesundheits¬ 
commissionen nicht bloss eine begutachtende und anregende, sondern auch 
eine verwaltende sein solle. Mit einer gewissen Modification könne er sich 
auch damit einverstanden erklären. Insoweit als die Gesundheitscom¬ 
missionen als eine staatliche Einrichtung vom Gesetzgeber bezweckt worden 
seien, insoweit dürfe ihre Thätigkeit keine verwaltende sein, denn die Selbst¬ 
verwaltung dürfe man den Gemeinden nicht nehmen. Das wolle das Gesetz 
auch gar nicht, es wolle in der That nur, dass diese Commissionen An¬ 
regungen, Begutachtungen geben, dass sie dem beamteten staatlichen Arzt 
eine Handhabe bieten sollen, sich in Fühlung zu erhalten mit den commu- 
nalen Organen. Wo aber verwaltet, werden solle, könne dies nur in dem 
Rahmen der Städteordnung geschehen. Da müsse die Commission dem 
Magistrat untergeordnet sein, und er würde es als eine der traurigsten 
Consequenzen des neuen Gesetzes erachten, wenn die Magistrate resp. am 
Rhein die Bürgermeister mit ihren Beiräthen sich aus der Stellung ver¬ 
drängen Hessen, dass die Initiative auch gerade auf hygienischem Gebiete 
von ihnen ausgeübt werden solle. Im Uebrigen sei ihm auch der zweite 
Theil des zweiten Leitsatzes sympathisch, und er habe nie den geringsten 
Gewissensscrupel gehabt, als ob der Zusammenhang der staatlichen Gesund¬ 
heitscommissionen mit dem beamteten Arzte irgendwie eine Gefahr für die 
communale Selbstverwaltung sein könne. 

•In Schleswig-Holstein beständen seineB Wissens in sämmtlichen grösseren 
Städten Gesundheitscommissionen, die im Grossen und Ganzen alle die Auf¬ 
gaben zu erfüllen bestrebt gewesen seien, die das Gesetz den neuen Ge- 
eundheitscommissionen einräume. In Kiel sei seit Langem der Kreis- 
physicus eo ipso vollberechtigtes Mitglied der Commission, aber noch nie 
sei bis jetzt ein Conflict daraus entstanden und er werde auch ferner schwer¬ 
lich entstehen. Die gesetzliche Neuerung aber, dass der Kreisarzt jetzt das 
Recht habe, den Zusammentritt der Commission zu verlangen, könne unmög¬ 
lich zu Unzuträglichkeiten führen, denn kein Vorsitzender der Commission 
würde je das Herz haben, es abzulehnen, wenn der Kreisarzt erkläre, es 
liege eine wichtige Sache vor, die die Berathung in der Commission er¬ 
heische. 

Ob es sich empfehle, wie der Herr Referent angeregt habe, dass der 
Verein so pure die Ausdehnung des preussischen Gesetzes auf die übrigen 
deutschen Staaten anrathen solle, scheine ihm fraglich. Einzelne Schwächen 
scheine ihm das Gesetz doch zu haben, und mehr noch die dazu erlassene 
Ministerialinstruction, die zu sehr in Einzelheiten eingehe und Undurch- 


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44 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

führbares fordere, wie z. B. was die Mitglieder der Commission Alles ge¬ 
meinsam in jedem Jahre besichtigen sollen. Darin liege ein Missgriff, man 
solle nicht Aufgaben durch Gesetz oder Instruction ein für alle Mal ver¬ 
schreiben, die nicht gewissenhaft durchgeführt werden können. Vielleicht 
wäre es praktischer gewesen, zu unterscheiden zwischen Aufgaben der 
Hygiene, die ständig durchgeführt werden müssen, und solchen, die nur 
durchgeführt werden sollen, wenn die Gefahr einer Epidemie vorliege, be¬ 
vorstehe oder zu befürchten sei, wenn man also gewissermaassen einen Be¬ 
lagerungszustand — nötigenfalls von Seiten der Aufsichtsbehörde — für 
gewisse Städte als vorhanden proclamire, so dass dann die weitergehenden 
Functionen der GeBundheitscommission ganz oder in näher zu bezeichnen¬ 
dem Umfange in Kraft treten. Aber in Zeiten, wenn Alles in bester Ord¬ 
nung sei, die Stadt sich eines guten Gesundheitszustandes erfreue, wichtige 
andere Aufgaben die finanziellen Kräfte der Stadt vollkommen in Anspruch 
nehmen, solle man doch nicht, bloss damit die Gesundheitscommission den 
Ruhm habe, anregend zu wirken, unnöthiger Weise Unruhe in die Be¬ 
völkerung hineintragen. Die hygienischen Anregungen grossen Stils solle 
man, wie bisher, den Magistraten überlassen, deren Aufgabe es sei, darüber 
zu wachen, ob über den Geschäftsgang laufender Verwaltung hinaus einzu¬ 
greifen sei. Gewiss solle man die Gesundheitscommissionen innerhalb ihrer 
nunmehr gesetzlichen Cotnpetenz weiter pflegen und entwickeln, jede An¬ 
regung von ihrer Seite dankbar annehmen, aber man solle nicht eine gesetz¬ 
liche oder ministerielle Vorschrift daraus machen, dass sie auf allen nur 
möglichen hygienischen Gebieten fortgesetzt eine augenfällige Thätigkeit 
entfalten. 

Auch die ministeriellen Vorschriften über die Bildung von Unter¬ 
commissionen halte er für keine glückliche. Wenn man eine Anzahl Unter¬ 
commissionen bilde, deren Mitglieder dann auch Mitglieder der Gesammt- 
commission sein müssten, würde diese so gross werden, dass sie jede 
Bewegungsfähigkeit und damit auch jede Bedeutung verliere. 

Auf einige andere Missgriffe mehr formaler Natur in der Instruction 
habe schon der Herr Correferent bingewiesen, z. B. dass die in der Instruction 
vorgeschriebene Dauer der Amtstätigkeit der Mitglieder der Gesundheits¬ 
commission nicht übereinstimme mit den Bestimmungen über die Wahlperiode 
der städtischen Commissionen nach den einzelnen Städteordnungen. In 
solchen Fällen sehe er die Instruction des Herrn Ministers nicht als zwingend 
an, man dürfe wohl annehmen, dass, wo sie gegen die gesetzlichen Be¬ 
stimmungen der Städteordnung verstosse, eine Abweichung von der Auf¬ 
sichtsbehörde nicht beanstandet werde und bis jetzt auch wohl nirgends 
beanstandet worden sei. 

Oberbürgermeister Schmidt (Erfurt) ist der Ansicht, dass die Ge¬ 
sundheitscommissionen in ihrem Zusammenwirken von Aerzten, Verwaltungs¬ 
beamten und Laien eine segensreiche Thätigkeit entfalten werden. Dass 
aber das Institut der Gesundheitscommissionen nicht, wie es bei den alten 
Sanitätscommissionen der Fall gewesen sei, eine Einrichtung werde, die 
lediglich auf dem Papier stehe, dafür sorge die Bestimmung der Ausführungs¬ 
anweisung, dass die Gesundheitscommission mindestens alle Vierteljahr eine 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen. 


45 


Sitzung halten müsse. Diese Bestimmung halte er für eine sehr wichtige, 
da hierdurch verhindert werde, dass die Thätigkeit der Commission ein¬ 
schlafe. 

Die Bestimmungen, die hinsichtlich der Aufgaben der Commission ge¬ 
troffen seien, könne er nicht mit Herrn Oberbürgermeister Fuss für verfehlt 
halten, sondern halte es für sehr zweckmässig, eine solche Anweisung zu 
geben. Es sei wohl zweifelhaft, ob der Turnus eingehalten werden könne, 
ob es möglich sein werde, alljährlich alle diese vielen Besichtigungen vor¬ 
zunehmen; aber dass in der Instruction die Aufgaben der Gesundheits¬ 
commissionen aufgeführt werden, dass ausdrücklich darauf hingewiesen 
werde, es müssten Besichtigungen und Untersuchungen an Ort und Stelle 
vorgenommen werden, halte er für durchaus zweckmässig. 

Von dem Zusammenarbeiten mit dem Kreisarzt fürchte er keine Schwie¬ 
rigkeiten, und der Fall, wie ihn der Herr Correferent geschildert habe, dass 
der Kreisarzt, um die Commission mürbe zu machen, so oft Sitzungen bean¬ 
trage, dass die Mitglieder schliesslich überhaupt nicht mehr zu den Sitzungen 
kommen, werde, wenn überhaupt, jedenfalls nur ganz vereinzelt sein, und 
dann werde die Aufsichtsbehörde hier schon Wandel zu schaffen wissen. 

Gegen Leitsatz 2 a müsse er aber seine Bedenken geltend machen. 
Es sei bisher von allen Seiten als zweckmässig bezeichnet worden, dass die 
Thätigkeit der Commissionen nicht bloss eine begutachtende und anregende, 
sondern auch eine verwaltende sein solle, und diesem Gedanken gebe der 
Leitsatz 2 a Ausdruck. Hierbei könne man sich aber gar Vielerlei denken. 
Einmal könne sie so aufgefasst werden, dass sie die Forderung stellen 
solle, dass den Gesundheitscommissionen im Wege der Gesetzgebung 
eine derartige Befugniss ermöglicht, dass das Gesetz dahin abgeändert 
werden solle, dass die Commissionen, was sie jetzt nicht seien, auch ver¬ 
waltende Organe werden. Fasse man die Sache so auf, so müsse das aller¬ 
dings zu den grössten Bedenken Anlass geben, denn eine derartige Ver¬ 
waltung sei nicht anders denkbar als auf Kosten der Selbstverwaltung, 
indem dieser Zweige abgenommen und der Gesundheitscommission über¬ 
tragen würden; und gegen eine derartige Forderung müsse er sich auf das 
Entschiedenste aussprechen. Nur so sei die Sache allenfalls denkbar, dass 
neben der Gesundheitscommission eine zweite, eine communale Commission 
gebildet werde, die aus denselben Personen zusammengesetzt sei, aber doch 
formell selbstständig neben der Gesundheitscommission stehe, und dass dann 
diese Commission die verwaltende Thätigkeit ausübe. Das sei alsdann aber 
nicht mehr die Gesundheitscommission, und desshalb rathe er, die ganze 
These 2 a fallen zu lassen. Es sei gewiss wünschenswerth, dass die Ge- 
sundheitscommission enge Fühlung auch mit der Verwaltung habe, und das 
werde am besten dadurch erreicht, dass wenigstens ein Theil der Mitglieder 
der Gesundheitscommission auch in der städtischen Verwaltung thätig sei, 
in städtischen Commissionen, Krankenhauscommissionen u. s. w., was in den 
meisten Städten schon ganz von selbst kommen werde. In den meisten 
Städten stehe für hygienische Aufgaben nur ein beschränkter Kreis von 
Herren zur Verfügung, und man sei darauf angewiesen, diese Herren nicht 
nur in eine, sondern in verschiedene Commissionen zu wählen, die mit 
solchen Fragen zu thun haben. 


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46 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Bürgermeister Dr. Massmann (Rostock) hält die Einführung der¬ 
artiger Gesundheitscommissionen als ständige Commissionen für etwas Gutes 
und Nützliches, um der Obrigkeit und der Stadtverwaltung die nöthigen 
Mittheilungen zu machen, um Alles zu erforschen, was den polizeilichen 
Organen nicht zu erforschen gelinge; allerdings könne er sich solche Ge¬ 
sundheitscommissionen immer nur als ausschliesslich städtische, nicht als 
staatliche Commissionen denken. 

Punkt 2 b der Leitsätze passe allerdings für die Verhältnisse in Rostock 
gar nicht. Rostock sei eine Stadt der allerfreiesten Selbstverwaltung, wo 
alle und jede obrigkeitliche Befugniss bei der Stadtverwaltung liege, und 
die staatliche Aufsicht sich im Wesentlichen auf ein Einschreiten im Fall 
einer missbräuchlichen Ausübung der obrigkeitlichen Befugnisse durch die 
Stadt beschränke. Für Rostock sei es nicht zulässig, dass ein Staats¬ 
beamter unmittelbar Functionen in öffentlichen städtischen Angelegenheiten 
ausübe, und alle die von den Vorrednern erwähnten Differenzen, die in 
Preussen bestehen zwischen der Competenz des Ministers und der Stadt¬ 
verwaltung, zwischen Kreisarzt und Stadtarzt u. dergl., seien für Rostock 
nicht vorhanden, Kreisarzt sei der Stadtarzt und dieser werde Mitglied der 
Gesundheitscommission sein. 

Bei Punkt 2 a schliesse er sich der Opposition des Vorredners an gegen das 
Verlangen, dass die Thätigkeit der Commission nicht bloss eine begutachtende, 
sondern auch eine verwaltende sein solle. Dem könne er nicht beistimmen. 
Wenn sie verwalten solle, müsse man ihr Mittel zur Verfügung stellen, um 
diejenigen Einrichtungen, die sie im gesundheitspolizeilichen Interesse für 
unzulässig erkläre, sofort beseitigen zu können, oder sie müsse die Befugniss 
haben, in die Häuser hineinzugehen und den Bürgern Auflagen zu machen, 
bestimmte sanitäre Missstände zu beseitigen, eventuell Strafen zu ver¬ 
hängen u. s. w. Das sei gar nicht anders zu denken, als wenn die obrig¬ 
keitlichen Functionen, welche im Medicinalwesen das Polizeiamt ausübe, 
zum Theil auf diese Gesundheitscommission übertragen werden. Ihm scheine 
es richtiger, dass die Commission immer unmittelbar an das Polizeiamt be¬ 
richte, und dieses dann die bezüglichen Nachforschungen anstelle, die 
Missstände beseitige und gute Zustände herstelle. Dass aber die Commission 
selbst mit derartigen obrigkeitlichen Befugnissen ausgerüstet werde, dem 
widerrathe er auf das Entschiedenste. Nur eine Einschränkung wolle er hinzu¬ 
fügen : im Falle einer Epidemiegefahr werde man dieser Commission eine 
verwaltende Thätigkeit zugestehen müssen. Wenn die Cholera unmittelbar 
vor der Thür stehe, eine Pestgefahr drohe, dann gehe es nicht anders, da 
müsse oft unmittelbar, nachdem man den Uebelstand erkannt habe, ein¬ 
gegriffen werden, und für solche Fälle könne man als Ausnahme der 
Commission auch eine verwaltende Thätigkeit übertragen, aber nicht all¬ 
gemein für alle Fälle. 

Kreisarzt Dr. Steinmetz (Strassburg i. E.) giebt Mittheilungen 
über die Erfahrungen, die man in Eisass-Lothringen, wo die Einrichtung 
solcher Gesundheitscommissionen schon seit Langem bestehe, gemacht habe. 
Schon am 5. October 1810 seien von dem damaligen Präfecten des Departe¬ 
ment du Bas-Rhin, Lezai Marnesia, in Verbindung mit dem Institut der 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen. 


47 


Cantonalärzte Commissionen ins Leben gerufen worden, welchen die Ueber- 
wachung der gesammten öffentlichen Gesundheitspflege obgelegen habe. 
Im Jahre 1872 seien die Conseils d’hygidne unter dem Namen „Kreis- 
gesundheitsräthe“ von der deutschen Verwaltung mit nur unbedeutenden 
Abänderungen übernommen worden. Nach den dort gemachten Erfahrungen 
hänge es in erster Linie von dem Eifer und der Geschicklichkeit der Ver¬ 
waltungsbehörden und der Medicinalbeamten ab, ob die Gesundheitsräthe 
überhaupt etwas leisten. In vielen Fällen, wo es daran fehle, werde aber 
nichts geleistet. Es sei gar nicht so leicht, geeignetes Material für die Be¬ 
rathungen der Gesundheitsräthe zu Anden und den Verhandlungen ein der¬ 
artiges Interesse zu verleihen, dass die Mitglieder kommen. Besonders sei 
dies in den kleinen Städten und in den ländlichen Bezirken der Fall, 
während in den grösseren Städten die Verhältnisse günstiger seien. In 
Eisass-Lothringen sei desshalb die Wirksamkeit der Gesundheitsräthe in 
den ländlichen Gemeinden eine viel geringere als in den grösseren Städten. 
Insbesondere seien die Gesundheitsräthe zur Begutachtung in kleinen 
Kreisen oder Bezirken desshalb wenig geeignet, weil es hier sehr häufig an 
geeigneten Persönlichkeiten fehle. Eine verwaltende Thätigkeit stehe den 
Gesundheitsräthen in Elsass-Lothringen nicht zu, nach dortigen Erfahrungen 
dürften die in dieser Beziehung zu erzielenden Erfolge auch nur gering 
sein, man sei dort froh, die Gesundheitsräthe zur Abgabe von Gutachten 
zusammenzubringen, und es sei ihnen nicht zuzumuthen, ausser bei ganz 
aussergewöhnlicben Gelegenheiten, auch noch eine verwaltende Thätigkeit 
auszuüben. Fasse er seine Erfahrungen zusammen, so wolle es ihm er¬ 
scheinen, dass die Verfasser der Leitsätze dem Institut der Gesundheits¬ 
commissionen vielleicht etwas allzu optimistisch gegenüberstehen. 

Profe 880 r Dr. Carl Frankel (Halle a. d. S.) kann sich den Hoff¬ 
nungen, die der Herr Referent für die Wirksamkeit der neuen Gesundheits¬ 
commission hege, nicht unbedingt anschliessen und zwar wesentlich auf 
Grund der Erfahrungen, die man mit den alten „Sanitätscommissionen M 
gemacht habe, von denen ja erwähnt worden sei, dass sie wie Veilchen in 
tiefster Verborgenheit geblüht haben, und dass man sie in der Regel nur, 
wenn einmal ein ausserordentliches Ereigniss eingetreten sei, namentlich 
wenn eine fremde Seuche an die Thore der Stadt geklopft habe, wie Galla¬ 
kutschen aus dem Stall gezogen habe, um sie dann, nachdem das Gewitter 
vorüber gewesen sei, alsbald ihrer früheren Vergessenheit anheimfallen zu 
lassen. Charakteristisch sei ja in dieser Beziehung, dass bei den Verhand¬ 
lungen des preussischen Herrenhauses von einem der Redner erwähnt 
worden sei, der Polizeipräsident von Berlin habe sich mit der Thätigkeit 
der dortigen Sanitätscommission ausserordentlich zufrieden erklärt, und 
dass später habe festgestellt werden können, dass diese Sanitätscommission 
im Laufe der letzten drei Jahre überhaupt nicht zu einer einzigen Sitzung 
zusammengetreten sei. 

Gegen das gleiche Schicksal der neuen Gesundheitscommissionen schütze 
allerdings eine Reihe von Sicherheitsmaassregeln, einmal die Thatsache* 
dass der Kreisarzt jederzeit das Zusammentreten der Commission verlangen 
könne, dann auch, dass sie sich jährlich zu vier Sitzungen vereinigen 


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48 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

müsse. Damit scheine ihm aber doch noch nicht die genügende Gewähr 
gegen alle die mannigfaltigen Factoren gegeben zu sein, die ihre Thätig- 
keit lahm zu legen geeignet und vielleicht auch nur allzusehr geneigt seien. 
Desshalb würde er es für eine sehr wünschenswerte Ergänzung der jetzigen 
Dienstanweisung halten, wenn man von den Gesundheitscommissionen ver¬ 
langen würde, sie sollen jährlich einen Bericht über ihre Thätigkeit 
an die Vorgesetzte Behörde erstatten. Nach dem Lobeshymnus, den 
der Herr Gorreferent hier dem Segen der Staatsaufsicht gesungen habe, sei 
wohl kein Zweifel, dass auqh er in diesem Vorschlag oder dieser Maass¬ 
regel einen Eingriff in die Selbstverwaltung nicht werde erblicken können. 

Was die speciell von dem Herrn Gorreferenten ausgeführte Ver¬ 
teidigung der Selbstverwaltungsrechte betreffe, so wolle ihm scheinen, als 
ob diese hier nicht vor einem ganz zuständigen Forum erfolgt sei, als ob 
dieser Verein nicht die Stelle sei, die über solche Bedenken zu entscheiden 
habe. Die Aufgabe des Vereins sei die „Pflege der öffentlichen Gesund¬ 
heit“ und nur nach diesem Gesichtspunkte habe er zu wirken und aich zu 
fragen, auf welche Weise dies Ziel am ersten erreichbar sei, wie am 
leichtesten und sichersten eine Förderung des öffentlichen Gesundheits¬ 
wesens bewirkt werden könne. Der Verein falle aus dem Rahmen der von 
ihm stets geübten weisen Selbstbeschränkung heraus, wenn er dem Wege 
folge, den der Herr Correferent betreten habe, indem er mit besonderer 
Betonung die Gefahren geschildert habe, von denen die Selbstverwaltung 
durch den Kreisarzt bedroht werde, ln der Discussion sei ja auch schon 
von hervorragenden Verwaltungsbeamten erklärt worden, dass sie alle diese 
Bedenken nicht als stichhaltig anzusehen vermöchten. 

Trotzdem wolle er nun aber das neue Gesetz über die Gesundheits¬ 
commissionen keineswegs als ideal hinstellen. In der von dem Herrn Gor¬ 
referenten erwähnten „Maiconferenz“ habe die preussische Regierung den 
grossen Fehler begangen, dass sie den von ihr vorgelegten Entwurf nicht 
consequent und furchtlos weiter verfolgt habe und nach dem ersten Schuss, 
der von conservativer Seite in der Gonferenz durch die Rede des Herrn 
von Heydebrand abgegeben worden sei, die Flinte ins Korn geworfen 
und die Vorlage nicht vor das Parlament gebracht habe. Hätte dieses sie 
abgelehnt, so wäre das ganze Odium nicht auf die Regierung, sondern auf 
die Kammer gefallen, und dass diese angesichts der Stimmung des Volkes 
im Lande gar nicht den Muth einer Zurückweisung gehabt haben würde, 
sei schon desshalb mehr als wahrscheinlich, als bei der neuen Vorlage, die 
nun Gesetz geworden sei, dieselbe Körperschaft, das preussische Abgeordneten¬ 
haus, sogar eine ganze Reihe von sehr wesentlichen Verbesserungen gegen¬ 
über dem Regierungsentwurf eingebracht und durchgesetzt habe. 

Der von dem Herrn Correferenten erhobene Vorwurf, dass das platte 
Land im Gesetz eine andere Behandlung erfahren habe als die Städte, be¬ 
stehe zu Recht und sei sehr bedauerlich, denn anerkanntermaassen seien 
die hygienischen Verhältnisse auf dem platten Lande häufig viel un¬ 
günstiger als in den Städten. Aber eins dürfe man nicht vergessen: wenn 
in den grösseren und mittleren Städten sanitäre Missstände vorhanden 
seien, so sei ihr Einfluss und ihre Bedeutung auch eine unendlich viel 
höhere, als dies unter den beschränkten Verhältnissen auf dem Lande der 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen. 


49 


Fall sei. Wenn beispielsweise anf dem Lande ein verwahrloster, mangel¬ 
hafter Brunnen vielleicht zu einer Reihe von Typhuserkrankungen in seiner 
unmittelbaren Umgebung Veranlassung gebe, so stehe das in keinem Ver¬ 
hältnis zu der ungeheueren Gefahr, die bestehe, wenn die Centralwasser¬ 
leitung einer Stadt in gleicher WeiBe vernachlässigt und verseucht sei, und 
desshalb könne wohl kein Zweifel darüber bestehen, dass vom praktischen 
Standpunkt es angängig und gerechtfertigt erscheine, zunächst einmal bei 
der Hygiene der grösseren und mittleren Städte zu bleiben und hier noch 
alle diejenigen Reste aufzuarbeiten, alle diejenigen Schäden zu beseitigen, 
die einer Behandlung zugänglich seien. 

Er wiederhole: an Bedenken habe das neue Gesetz wahrlich keinen 
Mangel; aber wer es mit unbefangenen Augen ansehe, werde doch aner¬ 
kennen müssen, dass das neue preussische Gesetz, das den Kreisarzt und 
die Gesundheitscommission einführe, auf dem Gebiet der öffentlichen Gesund¬ 
heitspflege einen ganz ausserordentlichen Fortschritt darstelle. 

Da sich Niemand weiter zum Wort gemeldet hat, schliesst der Vor¬ 
sitzende die Discussion und es erhält das Schlusswort 

Referent, Regierungs- und Geh. Medicinalrath Dr. Rapmund: 

„Meine Herren! Ich werde mich kurz fassen und nur auf einige 
Punkte zurückkommen, die von den Herren Vorrednern hier berührt sind. 

„Zunächst freue ich mich, constatiren zu können, dass Sie die Noth- 
wendigkeit der Ortsgesundheitscommissionen anerkennen und auch die Mit¬ 
wirkung der Gesundheitsbeamten in diesen Commissionen für erforderlich 
und sehr zweckmässig erachten. 

„Herrn Oberbürgermeister Fuss gegenüber möchte ich sodann bemerken, 
dass ich weder verlangt noch empfohlen habe, die zur Zeit in Preussen 
betreffs der Gesundheitscommissionen geltenden Vorschriften thunlichst in 
allen anderen Bundesstaaten einzuführen; ich habe diese nur als nachahmens¬ 
wert bezeichnet und im Uebrigen die Notwendigkeit der Bildung ständiger 
Ortsgesundheitscommissionen betont. Wie man das in den anderen Bundes¬ 
staaten einrichten will, mag diesen völlig überlassen bleiben; jedenfalls hat 
es mir fern gelegen, zu fordern, dass in dieser Beziehung von hier aus ein 
Einfluss oder Druck ausgeübt werden soll. 

„Was weiter die Untercommissionen nach der vom Herrn Minister 
gegebenen Geschäftsanweisung anbelangt, so ist meinerseits jedenfalls nicht 
anzunehmen, dass alle ihre Mitglieder auch an den Sitzungen der 
Hauptcommission theilnehmen sollen, sondern es wird, um das dringend 
wünschenswerte einheitliche Verfahren zu sichern, genügen, wenn nur die 
Vorsitzenden der Unteroommissionen der Gesammtcommission angehören; 
denn sonst könnte aus dieser ein Parlament von 200 bis 300 Personen werden. 

„Ebenso sollte es meinerseits nicht im Entferntesten ein Tadel für den 
Verein und dessen Vorstand sein, wenn ich bei den Verhandlungen des 
Vereins eine Berücksichtigung der Verhältnisse auch in den kleinen Städten 
und auf dem platten Lande als zweckmässig bezeichnete, sondern nur ein 
Wunsch, dessen Erfüllung nicht nur im Interesse der kleineren Städte liegt, 
sondern auch im Interesse der grösseren. 

Vierteljahrsschrift Ihr Gesundheitspflege, 1903. 4 


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50 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

„ Betreffs der Aufgaben der Gesundheitscommissionen scheint mir ferner 
die darüber in Preussen gegebene ministerielle Anweisung nicht richtig ver¬ 
standen zu sein. Man darf nicht vergessen, dass diese Anweisung sowohl 
für die grossen Städte, wie für die kleineren Städte gegeben ist; demgemäss 
mussten auch alle diejenigen Punkte berücksichtigt werden, die bei den 
Besichtigungen der örtlichen Gesundheitscommissionen überhaupt in Frage 
kommen können; ob aber alle diese Punkte bei den Besichtigungen jedes 
Jahr berücksichtigt, bezw. sich die Besichtigungen stets auf sämmtliche 
Punkte erstrecken können, das hängt selbstverständlich von den örtlichen 
Verhältnissen ab. 

„Meine Herren! Ich habe in meinen Ausführungen ausdrücklich 
hervorgehoben, dass es sehr bedenklich ist, wenn sich die Gesundheits¬ 
commissionen bei ihrer Thätigkeit von allem Anfang an zersplittern 
und viel zu viel mit einem Mal in Angriff nehmen. Gerade hier wird es 
Sache des beamteten Arztes sein, dass er die Aufmerksamkeit der Gesund¬ 
heitscommissionen namentlich auf diejenigen Punkte richtet, die zuerst ver¬ 
besserungsbedürftig sind. 

„Auch Herr Oberbürgermeister Schmidt hat mich, glaube ich, falsch 
verstanden; denn ich habe in meinem Vortrage besonders betont, dass 
meines Erachtens weniger der Mangel der Fühlung zwischen den früheren 
Sanitätscommissionen und den Communalbehörden die Ursache ihrer mangel¬ 
haften Thätigkeit und ihres baldigen Einschlafens gewesen ist, sondern der 
Mangel einer technischen Leitung und vor allen Dingen der Umstand, dass 
die damaligen Sanitätscommissionen keine ständigen waren. Diese beiden 
Hauptmängel sind jetzt in Preussen durch das Kreisarztgesetz und dessen 
Ausführungsbestimmungen aufgehoben, und dadurch ist betreffs der Gesund¬ 
heitscommissionen ein grosser Fortschritt erzielt. 

„Dass es auf dem platten Lande Gemeinden giebt, in denen ebenso wie 
in einzelnen kleinen Städten die Bildung örtlicher Gesundheitscommissionen 
schwer durchführbar und auch nicht unbedingt nothwendig ist, will ich 
zugeben, obwohl ich in dieser Beziehung andere Erfahrungen gemacht habe; 
aber, meine Herren, der Schwerpunkt ist meines Erachtens darauf zu legen, 
dass der Aufsichtsbehörde unbedingt das Recht zustehen muss, örtliche 
Gesundheitscommissionen in allen Gemeinden zu verlangen, wo sie es für 
nöthig und möglich hält, und dass sie dazu nicht erst der Zustimmung des 
Kreisausschusses bedarf. 

„Betreffs der von mir als wünschenswerth bezeichneten Thätigkeit 
der örtlichen Gesundheitscommissionen kann ich nur wiederholen, dass 
erfahrungsgemä88 Derjenige, der ewig nur rathet, endlich auch einmal „mit- 
thaten tt will. Dabei ist aber, wie ich Herrn Oberbürgermeister Massmann 
gegenüber bemerken will, gar nicht daran gedacht worden, dass den Gesund¬ 
heitscommissionen auch irgend welche ausführenden Befugnisse eingeräumt 
werden sollen. Derartige Commissionen aber, seinem Vorschläge gemäss, 
nur von Fall zu Fall, z. B. bei grösseren Epidemieen, einzuberufen, ist 
jedenfalls sehr unzweckmäasig; denn sie sind dann weder mit den ein¬ 
schlägigen Verhältnissen vertraut, noch wissen sie, was sie zu thnn und zu 
lassen haben; sie kennen eben nicht den springenden Punkt, auf den es 
ankommt, und leisten in Folge dessen wenig oder gar nichts, während eine 


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Die örtlichen GesundheitscommiBBionen. 


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ständige Commission viel segensreicher wirken wird. Vom hygienischen 
Standpunkte aus ist übrigens für die Gesundheitscommission eine ver¬ 
waltende Thätigkeit nicht unbedingt nothwendig; sie dient aber zweifellos 
dazu, das Interesse der Mitglieder für alle gesundheitlichen Fragen wach 
zu halten, und dieser Gesichtspunkt ist auch für einzelne Stadtverwaltungen, 
z. B. in Breslau und Essen, Veranlassung gewesen, den städtischen Gesund¬ 
heitscommissionen eine solche Thätigkeit einzuräumen. 

„Zum Schluss nur noch die Bemerkung, dass wir beiden Referenten 
auf eine Abstimmung über die neu aufgestellten Leitsätze absolut keinen 
Werth legen. Dieselben sollten nur als Grundlage für die Debatte dienen, 
und dies haben sie auch in ausreichender Weise gethan. Eine Abstimmung 
könnte uns nicht einmal erwünscht sein, und desshalb dürfen wir wohl auch 
erwarten, dass nicht von anderer Seite ein derartiger Antrag gestellt wird. tt 

Correferent, Stadtrath Dr. Jastrow: 

„Meine Damen und Herren! Der Abstimmung über Thesen in wissen¬ 
schaftlichen Vereinen wird heute wohl schon ziemlich allgemein eine Bedeutung 
nur dann beigelegt, wenn das Ergebniss Einstimmigkeit ist; denn sonst 
hängt die Abstimmung von der zufällige]! Zusammensetzung einer Ver¬ 
sammlung ab. Betrachten Sie unter diesem Gesichtspunkt das Ergebniss 
der Debatte, so hat in Bezug auf die dritte These Herr Oberbürgermeister 
Fuss, anknüpfend an einen Satz aus meinem Referat, sich gegen die An¬ 
nahme verwahrt, weil diese These (gelinde ausgedrückt) wenigsagend ist, 
diese müsste also fallen. 

„Gehen Sie rückwärts schreitend zu These 2, so hat der Punkt a, dass 
die Commission eine verwaltende sein soll, einen weitgehenden Wider¬ 
spruch gefunden, wobei es sich gezeigt hat, dass die These einer äusserst 
verschiedenen Deutung fähig ist; sie scheidet also ebenfalls aus. Der 
Widerspruch gegen die These 2 b ist von Herrn Bürgermeister Massmann 
zwar zurückgenommen worden; er hat aber in der Motivirung so viel vor¬ 
gebracht für die Möglichkeit von Missverständnissen dieser These, dass es 
am Ende wohl auch gerathener ist, sie fallen zu lassen. 

„Meine Herren, wenn wir jetzt abstimmen wollten, so würde noch 
übrig bleiben der Satz: „Für die Erfüllung der Aufgaben der öffentlichen 
Gesundheitspflege ist die Einrichtung örtlicher Gesundheitscommissionen noth¬ 
wendig/ Ich nehme an, dass in der Versammlung Niemand ist, der diesem 
Satz widerspricht, aber auch Niemand, der es für nöthig hält, ihn allein 
zum Gegenstand einer Resolution zu machen. 

„Ich schliesse mich daher der Ansicht des Herrn Referenten, dass eine 
Abstimmung über die Thesen nicht erfolge, an. Ja, ich möchte noch ein 
wenig darüber hinausgehen. Wir verzichten nicht bloss auf die Abstimmung, 
sondern da ein Antrag auf Abstimmung bis zum Beginn der Schlussreferate 
nicht gestellt ist, so nehme ich an, dass nach hergebrachter Geschäfts¬ 
ordnung eine Abstimmung gar nicht erfolgen kann, und wir, die Referenten, 
können damit, dass die Thesen die Unterlage der Debatte gebildet haben, 
vollständig zufrieden sein. 

„Was die sonstigen Ausführungen in der Debatte betrifft, so hatte ich 
geglaubt, dass ich durch die sehr zugespitzte Art, in der ich einem Miss- 

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52 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

verst&ndniss in Bezug auf den Gonflictsfall Vorbeugen wollte, dem auch 
wirklich vorgebeugt hätte. Leider habe ich mich in dieser Hoffnung ge¬ 
täuscht. Ich möchte also bemerken, dass, wenn in der Debatte gesagt worden 
ist, es sei kein Anlass zu der Befürchtung auf Gonflictsstoff, auch ich 
dieser Ansicht bin und dies so deutlich wie möglich zum Ausdruck gebracht 
habe; dass die Frage, ob mit der Einberufungsbefugniss ein Gonflicts¬ 
stoff gegeben ist, für die Regel und für den Normalfall zu verneinen ist; 
dass es eine durchaus fernliegende Besorgniss ist. Aber hiervon voll¬ 
ständig verschieden ist ja die Frage, ob man dieser Gommission weitere 
Befugnisse übertragen soll, wenn man genau denselben Zweck ohne die 
formelle Uebertragung erreichen kann. Ich habe dies auch nur als ein 
Moment angeführt, das die Städte veranlassen .sollte, zwischen den staat¬ 
lichen, und den communalen Befugnissen zu scheiden, und Vermengungen, 
die zur* Verdunkelung des Rechtszustandes führen, vorzubeugen. Ich möchte 
daher namentlich diejenigen Anwesenden, die die Absicht haben, über 
diese Versammlung zu berichten, doch dringend bitten, mir nicht etwa die 
Worte in den Mund zu legen, ich hätte gesagt: hier sei Gonflictsstoff und 
Ghicane zu befürchten, sondern ich habe im Gegentheil gesagt: Gonflictsstoff 
und Furcht vor Ghicanen sind durchaus fernliegend. Aber wenn in einer 
vom Staate angeordneten Gommission einem nicht aus den Wahlen der 
Bürgerschaft hervorgegangenen Staatsbeamten irgend welche noch so un¬ 
bedeutende Befugnisse gegeben sind, so besteht, mag die Furcht vor Gon- 
flicten noch so fernliegend sein, für die Städte kein Anlass, rein communale 
Befugnisse dieser Gommission zu übertragen, wo wir die Möglichkeit haben, 
sie mit genau denselben Mitgliedern ohne den Staatsbeamten zu construiren. 
Ja, ich glaube den Nachweis geführt zu haben, dass die Gemeinden staats¬ 
rechtlich gar nicht befugt sind, dieser Gommission Aufträge zu ertheilen, 
sondern dass ihnen, wenn sie die Personalunion haben wollen, auch gesetz¬ 
lich nur der Weg offen steht, in jedem einzelnen Falle in ihre communale 
Gesundheitsdeputation dieselben Mitglieder hineinzudeputiren, wie in die 
vom Staate eingesetzte Gesundheitscommission (allenfalls im Wege eines 
Ortsstatuts wäre ein anderer Weg möglich, nach dem sich zu sehnen aber 
gar kein Anlass vorliegt). 

„Uebrigens habe ich einen grossen Theil der einschlägigen Be¬ 
merkungen gemacht in Bezug auf die verschiedene Behandlung von Stadt 
und Land: In der Stadt ist gesagt worden, der Kreisarzt hat das Recht, 
während auf dem Lande ihm gesagt wird, dass er sich nicht blicken lassen 
darf, ausser wenn er gerufen wird. Die Städte sollen in solchen Dingen 
eine gewisse Empfindlichkeit haben und auch zeigen. 

„Ein principiell entgegengesetzter Standpunkt zu dem meinigen ist 
nur von einem Redner in der Debatte wahrgenommen worden. Herr Prof. 
Fränkel steht auf dem Standpunkt, dass für das Verhältnis der Hygiene 
zur Selbstverwaltung (es war dies so ziemlich der ganze Inhalt meines 
Gorreferats) der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege nicht das 
zuständige Forum zur Entscheidung sei. Meine Herren, das ist zweifellos 
richtig; denn der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege besitzt 
überhaupt keine Zuständigkeit für Entscheidungen. Er hat nichts zu ent¬ 
scheiden, und in Folge dessen hat er auch hierin nicht zu entscheiden. 


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Die örtlichen Gesundheitscommissionen. 


68 


Was aber die Frage betrifft, ob der Deutsche Verein für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege das zuständige Forum sei, vor dem das Verhältnis der Hygiene 
zur Selbstverwaltung zur Sprache zu bringen ist, so hat über diese 
Frage nicht Herr Prof. Frankel zu entscheiden, und auch nicht ich, sondern 
ausschliesslich Derjenige, dem die Handhabung der Geschäftsordnung über¬ 
tragen ist, nämlich unser verehrter Herr Vorsitzender; und wenn ich hier 
etwas gesprochen hätte, was nicht in den Verein hineingehört, so würde der 
Herr Vorsitzende mich rectificirt haben. 

„Ich bin aber auch sachlich in Bezug auf diese Frage entgegengesetzter 
Ansicht wie Herr Prof. Fränkel, und ich gebe die Hoffnung nicht auf, 
dass wir uns über diesen Punkt verständigen. 

„Herr Prof. Fränkel geht von der medicinischen Seite der Hygiene 
aus, und von diesem Standpunkt aus ist es vollkommen erklärlich, dass er 
zunächst einmal sich an die medicinische Seite hält. 

„Nun hat aber die heutige öffentliche Gesundheitspflege als Wissen¬ 
schaft nicht einen Ursprung, sondern sie hat zweierlei Ursprung, und 
sie ist ebenso wie auf der einen Seite von der Medicin aus, bo auf der 
anderen Seite auch von der Verwaltungswissenschaft, der Staatswissenschaft, 
der Nationalökonomie aus angebaut worden. Ebenso wie die Mediciner an 
sich das Recht haben, unaufhörlich die medicinische Seite zu betonen, 
so müssen wir, von der Nationalökonomie ausgehend, auch das Verhältnis 
zu allgemein Staatswissenschaftlichen Fragen betonen. Das Eine gehört 
ebenso in die „öffentliche Gesundheitspflege“ wie das Andere. 

„Unser Verein aber wird sich auf den Standpunkt stellen, dass nicht 
die eine und nicht die andere, sondern dass alle Seiten der öffentlichen 
Gesundheitspflege vor sein Forum gehören. Denn der Fortschritt der 
Wissenschaft kann nur dadurch gedeihen, dass diese Fragen sowohl nach 
ihrer medicinischen als nach ihrer verwaltungsrechtlichen Seite erörtert 
werden. Ich bin überzeugt, namentlich nach früheren Ausführungen, die wir 
von Herrn Prof. Fränkel gehört haben, dass wir uns über diesen Punkt 
in kurzer Zeit vollständig verständigen werden. 

„Im Einzelnen hat die Debatte auch uns Referenten manche neue Be¬ 
lehrung gebracht. Dies gilt unter Anderem auch von den Ausführungen 
über die Verhältnisse der mecklenburgischen Selbstverwaltung, die für die 
meisten von uns ganz neu waren. 

„Eine Uebereinstimmung, die des Siegels einer Abstimmung nicht be¬ 
durfte, herrschte darüber, dass wir mit der Einrichtung von örtlichen 
Gesundheitscommissionen an sich einen Anstoss gegeben sehen, der ganz 
sicher für unser Vaterland von der segensreichsten Wirkung sein wird.“ 


Pause 12 s /4 bis l 1 /* Uhr. 


Nach Wiedereröffnung der Sitzung gelangt der zweite Gegenstand der 
Tagesordnung zur Verhandlung: 


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54 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 


Hygiene der Molkereiproducte. 

Es lauten die von dem Referenten, Geh. Medicinalrath Prof. 
Dr. Löffler (Greifswald) aufgestellten 

Schlusssätze: 

1. Vom hygienischen Standpunkte aus ist zu verlangen, dass die Molkerei¬ 
producte, wenn sie in die Hand des Consumenten gelangen, von normaler 
Beschaffenheit sind, keine conservirenden Zusätze enthalten und vor Allem 
frei sind von gesundheitsschädlichen (giftigen und ansteckenden) Stoffen. 

2. Die normale Beschaffenheit kann leicht ermittelt werden durch Prüfung 
der sinnfälligen Eigenschaften (Aussehen, Geruch, Geschmack), durch Fest¬ 
stellung des Gehaltes an normalen Bestandteilen, an fremden Bestand¬ 
teilen (Milchschmutz) sowie von conservirenden Zusätzen und durch die 
Ermittelung des Zersetzungsgrades (Bestimmung des Grades der Säuerung 
durch Titrirung oder Alkoholprobe). Praktisch nicht durchführbar ist die 
Prüfung auf giftige Stoffe (herrührend von giftigen Kräutern im Futter 
der Kühe, von Medicamenten, welche den Kühen verabreicht waren, von 
der Lebenstätigkeit niederer Organismen) und die Prüfung auf pathogene 
Keime. Letztere sind zum Theil unbekannt (Maul- und Klauenseuche, 
Scharlach), zum Theil sehr schwierig nachweisbar in Bacteriengemengen 
(Typhus). Leicht nachweisbar ist nur der Erreger der Perlsucht, dessen 
pathogene Bedeutung für den Menschen durch die neuesten Forschungen 
Koch’s in Frage gestellt ist. 

3. a) Eine Ueberwachung der gesammten Production und des Verkaufes der 

Molkereiproducte ist zur Zeit unmöglich, weil die Production in einer 
ausserordentlich grossen Zahl von Kleinbetrieben erfolgt, welche vielfach 
direct an die Consumenten liefern, ohne die Producte auf den Markt zu 
bringen oder in Verkaufsstellen feil zu halten. Da gerade in den Klein¬ 
betrieben häufig die nothwendige Sorgfalt und Reinlichkeit bei der 
Gewinnung und Zubereitung vermisst wird, und da bei den überaus 
häufig noch anzutreffenden mangelhaften hygienischen Zuständen auf 
dem Lande (schlechte Brunnen) die Gefahr einer Inficirung der Molkerei¬ 
producte mit menschlichen Infectionsstoffen eine nicht geringe ist, so 
wäre eine Ueberwachung sämmtlicher Productionsstellen, welche Molkerei¬ 
producte in den Verkehr bringen, anzustreben, 
b) Die besten Garantieen für eine den Anforderungen unter 1. entsprechende 
Beschaffenheit der Molkereiproducte bieten die Genossenschafts- 
Molkereien. In ihrem eigenen Interesse liegt es, dass folgende An¬ 
forderungen erfüllt werden: 

«) dass ein gesundes Personal vorhanden ist; 

ß ) dass ein gutes, vor jeder Infection geschütztes Wasser für den Betrieb 
zur Verfügung steht; 

y) dass die Milch von gesunden Thieren reinlich gewonnen und reinlich 
verarbeitet wird; 

d) dass die Milch von dem in ihr enthaltenen Schmutze befreit wird; 

e) dass die ein leichtes Verderben bewirkenden Saprophyten und auch 
die pathogenen Keime durch Erhitzen auf 85° C. vernichtet werden 
(damit gut haltbare Producte erzielt werden und damit nicht etwa 
durch die zurückgelieferte Magermilch auf die Viehbestände der 
Genossen Krankheiten übertragen werden wie Maul- und Klauen¬ 
seuche und Tuberculose); 


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Hygiene der Molkereiproducte. 

C) dass die Milch nach dem Pasteurisiren gut abgekühlt wird, damit sie 
unzersetzt bis zum Verkaufe conservirt werde. Mit der Herstellung 
der Casse’sehen Eismilch ist ohne Zweifel ein grosser Fortschritt 
angebahnt. 

Durch eine Controlirung einer Durchschnittsprobe aus einer Molkerei 
wird das Melkproduct zahlreicher Producenten controlirt, die Controle 
daher sehr vereinfacht. 

Durch die Einrichtung besonderer, unter dauernder ärztlicher und 
thierärztlicher Controle stehender Anstalten zur Herstellung von Kinder¬ 
milch wird naturgemäss eine weitgehende Garantie geboten für eine un¬ 
schädliche und gute Beschaffenheit der Milch, 
c) Die Verkaufsstellen von Molkereiproducten sind einer regelmässigen Con¬ 
trole zu unterziehen bezüglich des Personals, der Beschaffenheit der 
Räume und der Producte. 

4. Die Herstellung einer absolut keimfreien Milch wäre vom hygienischen 
Standpunkte aus zu befürworten, wenn nicht durch eine, eine vollständige 
Keimfreiheit verbürgende Sterilisirung die Beschaffenheit der Milch ver¬ 
ändert würde. 

5. Für die Consumenten empfiehlt es sich, um sich gegen jede Infections- 
gefahr zu schützen, und um eine schädliche Zersetzung der Milch im Haus¬ 
halte zu verhüten, die Milch unmittelbar nach dem Ankauf abzukocheu 
oder doch wenigstens eine halbe Stunde auf 85° C. zu erhitzen, sie dann in 
demselben Gefässe abzukühlen und kühl bis zum Gebrauche aufzubewahren. 

Referent, Geh. Medicinalrath Professor Dr. Löffler (Greifswald): 
„Meine Herren! Als ich mich bereit erklärte, auf die freundliche Auf¬ 
forderung unseres Vorstandes das Thema: Hygiene der Molkereiproducte, 
vor Dinen zu erörtern, da war ich mir der Schwierigkeit der Aufgabe wohl 
bewusst. Das Thema berührt eine Reihe der vitalsten Interessen ver¬ 
schiedener Erwerbszweige. Es ist daher sehr wohl möglich, dass man bei 
der Erörterung die einen oder die anderen nach irgend einer Richtung hin 
verletzt. Indessen der Hygieniker darf sich durch derartige Erwägungen 
nicht beeinflussen lassen. Seine Aufgabe ist es, die der Gesundheit nach¬ 
theiligen Momente herauszufinden und aufzudecken, damit Abhülfe ge¬ 
schaffen wird. 

„Die Molkereiproducte Milch, Butter, Käse, Buttermilch und Molken 
liefern die nothwendigen Nahrungsstoffe, Eiweisskörper, Kohlehydrate, Fette 
und Salze in bestverdaulicher Form. Sie spielen daher in der Ernährung 
des Volkes und ganz besonders in der Ernährung der heranwach senden 
Generation eine ganz hervorragende Rolle. Selbstverständlich ist daher die 
Forderung der Hygiene, dass diese wichtigen Nahrungsmittel in normaler 
Zusammensetzung und frei von allen Schädlichkeiten den Consumenten dar¬ 
geboten werden. Milch ist nun aber wie Blut ein ganz besonderer Saft. 
Sie ist wohl ein ausgezeichnetes Nahrungsmittel, aber sie wird auch durch 
die allerverschiedenartigsten Einflüsse leicht verändert und häufig sogar 
direct gesundheitsschädlich gemacht. 

„Von ganz besonderer Wichtigkeit ist es, dass in neuerer Zeit sich in 
dem Milch verkehr, in dem Handel mit Molkereiproducten ein bedeutungs¬ 
voller Umschwung vollzogen hat. Es ist allmählich dahin gekommen, dass 
die einzelnen Producenten nicht mehr direct an die Consumenten liefern, 


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56 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

sondern dass grosse Massen von Milch von zahlreichen Prodnctionsstellen 
nach bestimmten Sammelplätzen hin zusammenfliessen und von diesen aus 
in den Verkehr gelangen. Dadurch ist wohl eine gleichmässigere, bessere 
Qualität des Productes garantirt; andererseits aber sind, wie die Erfahrung 
gelehrt hat, und wie ich noch näher nachweisen werde, eine ganze Reihe 
von recht schwerwiegenden Bedenken entstanden. Namentlich ist die 
Gefahr der Ausbreitung von Infectionen durch diese Sammelmolkereien ganz 
ausserordentlich erhöht worden, da nunmehr durch die inficirte Milch eines 
Genossen die ganze Masse der in der Molkerei zusammengeströmten Milch, 
welche sich nachher auf eine grosse Zahl von Menschen vertheilt, inficirt 
wird. Die Molkereien können somit unter Umständen zu gefährlichen 
Epidemieen Veranlassung geben. 

„Wir wollen nun, meine Herren, die verschiedenen schädlichen Ver¬ 
änderungen, welche die Milch erfahren kann, einer näheren Betrachtung 
unterziehen. Häufig enthält die Milch, wie sie von der Kuh geliefert wird, 
schon selbst, ohne dass etwas Fremdes in sie hineingelangt, bedenkliche oder 
sogar giftige Stoffe. Die Milch ist ein Secretionsproduct der Milchdrüsen 
der Kuh. In dieses Product gehen, wie wir aus Erfahrung wissen, eine 
ganze Reihe von Stoffen hinein, welche von den Thieren mit der Nahrung 
auf genommen werden. Die Thiere werden mit den verschiedenartigsten 
Futterstoffen ernährt. Unter diesen sind manche, welche eigentümliche, 
bedenkliche, giftige Stoffe enthalten, welche das Thier wenig oder gar nicht 
beeinflussen, welche aber nachher der Milch giftige Eigenschaften verleihen. 
Die Bedeutung dieser aus dem Futter herrührenden Stoffe in der Milch ist 
von den verschiedenen Beurtheilern verschieden hoch eingeschätzt worden. 
Von den einen werden dieselben als ganz besonders wichtig bezeichnet, und 
als die hauptsächlichste Ursache der Magendarmkatarrhe und der Brech¬ 
durchfälle der Kinder, ja der hohen Säuglingssterblichkeit im Sommer über¬ 
haupt angesehen, von anderen dagegen als nahezu bedeutungslos erachtet. 
Unter Denjenigen, welche diesen „Futtergiften“ eine hervorragende Be¬ 
deutung beigelegt haben, ist besonders Dr. Sonnenberger in Worms zu 
nennen, welcher auf verschiedenen Versammlungen — so z. B. auf der Natur¬ 
forscherversammlung in München im Jahre 1899 — auf dieselben als 
ursächliches Moment toxischer Verdauungsstörungen hingewiesen hat. Dann 
hat Prof. Braungart in München auf die Schädlichkeit gewisser giftiger 
Futterpflanzen hingewiesen, deren häufigeres Vorkommen in den natürlichen 
und künstlichen Futterfeldern an gewisse Bodenverhältnisse geknüpft sei. 
Als primäre Ursache der grossen Kindersterblichkeit in Bayern, soweit sie 
durch tödtliche Verdauungsstörungen bedingt sei, erachtet er die Vergiftung 
der Säuglingsnahrung durch ein bestimmtes Alkaloid, nämlich durch das aus 
der Herbstzeitlose, dem Colchicum autumnale, herstammende Colchicin, 
welches von den Kühen mit der Milch ausgeschieden wird und welches ja, 
wie bekannt ist, schon in kleinsten Dosen besonders für Säuglinge ein 
äusserst gefährliches Gift darstellt. Das Colchicum gedeihe besonders auf 
kalkreichen Böden, und in den kalkreichen Bezirken finde sich auch die 
grösste Kindersterblichkeit. Diese Behauptung Braun gart’s ist dann 
vom Obermedicinalrath Hauser in Karlsruhe für Baden nachgeprüft worden. 

„Diese Untersuchungen sind ausserordentlich interessant. Hauser hat 


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Hygiene der Molkereiproducte. 

dag Vorkommen des Colchicum8 in Baden näher verfolgt; und da hat 
sich denn herausgestellt, dass ein solcher genauer Parallelismus zwischen 
Kalkboden und Kindersterblichkeit, wie ihn Braungart für Bayern 
erwiesen zu haben glaubt, in Baden nicht besteht. Immerhin aber hat sich 
gezeigt, dass viele Ortschaften, welche auf Kalkboden liegen, eine auffallend 
hohe Kindersterblichkeit aufweisen. Hauser ist indessen durchaus nicht 
geneigt, der von Braungart ausgesprochenen Ansicht, dass das Colchicum 
aUein die Ursache sei, beizustimmen und zwar aus verschiedenen Gründen, 
einmal weil die Milchthiere auf der Weide die gifthaltigen Bestandteile der 
Herbstzeitlose, Blätter und Samenkapseln nicht fressen, dann, weil die Haupt¬ 
zeit, in welcher die Kinderdiarrhoeen auf treten, zeitlich nicht zusammen¬ 
fällt mit der Hauptzeit, in welcher Enterokatarrhe unter den Kühen und 
Kälbern beobachtet werden, und ganz besonders, weil im Januar bis April, 
in welcher Zeit das colchicumhaltige Heu gefüttert wird, Sterbefälle der 
Kinder an Darmkatarrhen im Gegenteil selten sind. Er hält es aber 
durchaus für möglich, dass noch eine Menge anderer Giftpflanzen im Grün¬ 
futter vorhanden sein können, deren Gift die Milch schädlich zu machen im 
Stande wäre. Hauser hat mehrere Beobachtungen mitgetheilt, welche auf 
die Bedeutung des Untergrundes, auf welchem die Futterkräuter der Kühe 
wachsen, ein besonderes Licht werfen. So hat er constatirt, dass im Amts¬ 
bezirk Villingen in der zweiten Hälfte des Jahres 1898 in den auf der reinen 
Juraformation liegenden Gemeinden mit 1565 Einwohnern an Verdauungs¬ 
störungen starben 23 Kinder. Dagegen starb in den auf der Buntsandstein¬ 
formation gelegenen Gemeinden desselben Bezirks mit 1095 Einwohnern in 
der gleichen Zeit nur ein Kind an Verdauungsstörungen. Dann liegen eine 
Anzahl Gemeinden auf Urgestein, Gneis und Granit, ebenfalls mit 1095 Ein¬ 
wohnern. In diesen sind nur zwei Kinder gestorben. Sie sehen also: auf den 
verschiedenen Böden tritt eine ganz auffällige Differenz hervor. Auch für das 
folgende Jahr 1899 haben sich diese Vergleichsreihen ähnlich gestaltet. Es 
starben da an Verdauungsstörungen in dem ersten Bezirk auf Kalkboden neun, 
in dem zweiten Bezirk zwei und in dem dritten Bezirk ein Kind. Hauser ist 
desshalb der Ansicht, dass in der That die Futterkräuter wohl einen Einfluss 
haben können auf die Beschaffenheit der Milch, wenngleich die schädliche 
Pflanze nicht die Herbstzeitlose ist, wie von Prof. Braungart ange¬ 
nommen worden ist. Vermuthlich sind es eine ganze Reihe andere Gift¬ 
pflanzen, wie Hahnenfuss, Dotterblumen u. s. w., welche massenhaft auf den 
sumpfigen Wiesen der Juraformation Vorkommen, und welche vom Milch¬ 
vieh unterschiedslos gefressen werden, ohne diesem besonders zu schaden, 
und deren Stoffe dann in die Milch übergehen. Diese wichtigen Mitthei¬ 
lungen Hauser 1 8 datiren aus dem April dieses Jahres; sie müssen natürlicher 
Weise noch weiter verfolgt werden. Wenn derartige Untersuchungen an 
den verschiedenen Orten angestellt werden, dann werden sie vielleicht zu 
wichtigen Ergebnissen führen. Bis jetzt können wir, wie auch Hauser 
betont, ganz positive Schlüsse aus dem bisher vorliegenden Materiale noch 
nicht ziehen. Es ist vorerst nöthig, dass die Chemiker sich mit dem Nach¬ 
weis dieser Körper in der Milch von Thieren beschäftigen, welche mit der¬ 
artigen giftigen Futterpflanzen gefüttert sind, und erst, wenn der Ueber- 
gang der Giftstoffe in die Milch nachgewiesen ist, und wenn weiter nach- 


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58 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

gewiesen ist, dass derartige Milch bei Kindern Krankheitserscheinungen, 
namentlich Darmkatarrhe erzeugt, dann erst werden wir' berechtigt sein, aus 
diesen Untersuchungen weitere praktische Consequenzen zu ziehen. 

„Ich möchte an dieser Stelle Ihre Aufmerksamkeit noch auf einige 
Untersuchungen lenken, welche die als Futtermittel ja häufig verwendete 
Kartoffel betreffen. Man weiss, dass häufig in den Kartoffeln ein Stoff vor¬ 
kommt, welcher im Stande ist, erhebliche D&rmaffectionen bei Kindern her¬ 
vorzurufen. Es ist dies das Solanin. Bezüglich der Entstehung des Solanins 
in der Kartoffel, von dem man früher annahm, dass es bei dem Keimprocess 
entstehe, haben Untersuchungen, welche in dem Institut von Förster in 
Strassburg von Weil angestellt worden sind, zu einem merkwürdigen 
Ergebniss geführt. Weil fand, dass graue, schwärzliche Stellen an der 
Kartoffel besonders reich an Solanin waren. Er untersuchte diese Stellen 
bacteriologisch und fand an denselben reichliche Mengen von Bacterien 
in der Kartoffelsubstanz. Er legte Reinculturen davon an und übertrug 
diese in Kartoffelbrühe. Es gelang ihm dann, in einigen dieser Kartoffel- 
brüheculturen Solanin nachzuweisen. Er ist daher der Ansicht, dass das 
Solanin in den Kartoffeln durch die Einwirkung bestimmter Bacterien — er 
hat zwei Solaninbildner gefunden, von denen er den einen des nach Gram 
sich färbenden Bacterium solaniferum colorabile für den hauptsächlichsten 
hält — hervorgerufen wird und nicht durch den Keimprocess. Sobald die 
Frage der Solaninbildung definitiv im Sinne Weil’s entschieden ist, werden 
wir unser Augenmerk darauf zu richten haben, ob nicht eventuell durch 
das Füttern solcher verdorbener oder angegangener Kartoffeln das Solanin 
in die Milch gelangen kann, und ob dann nicht durch diese Milch bei den 
Kindern empfindliche Verdauungsstörungen hervorgerufen werden können. 

„Dass man übrigens schon lange bei verschiedenen Futtermitteln den 
Verdacht gehabt hat, sie könnten die Milch schädlich beeinflussen, beweisen 
die diesbezüglichen Verordnungen, welche erlassen worden sind, um aus der 
sogenannten Kindermilch, einer Milch, welche besonders für Säuglinge be¬ 
stimmt ist, alle solche Schädlichkeiten fernzuhalten. In der Verordnung 
vom 27. Mai 1899, welche für Preussen erlassen ist, finden wir bereits 
angegeben, dass Kühe, deren Milch als „Kindermilch tf verkauft werden soll» 
mit einer ganzen Reihe von Stoffen nicht gefüttert werden dürfen. Ana¬ 
loge Bestimmungen sind dann auch in die entsprechenden polizeilichen Vor¬ 
schriften verschiedener Grossstädte übergegangen, z. B. von Berlin, Dresden 
und München. Unter der grossen Zahl von Futtermitteln, deren Verwen¬ 
dung bei den für die Erzeugung von „ Kindermilch tf dienenden Kühen unter¬ 
sagt wird, finden sich auch bereits rohe Kartoffeln und Kartoffelabfälle. 
Mit derartigen Verordnungen wird zwar Manches, aber doch noch nicht 
allzu viel erreicht. Es ist ja ausserordentlich lobenswerth, dass man die 
präsumptiven Schädigungen der Kinder durch schädliche „Kindermilch tf 
auf diese Weise zu verhüten sucht. Indessen die als Kindermilch verkaufte 
und von einzelnen für diesen Zweck eingerichteten Anstalten producirte 
Milch ist doch nur ein geringer Bruchtheil derjenigen Milch, welche von 
der Hauptmasse der Kinder genossen wird. Diese sogenannte Kinder¬ 
milch , auf deren Herstellung eine besondere Sorgfalt verwendet wird, 
und welche unter besonderen behördlich überwachten Cautelen erzeugt wird, 


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Hygiene der Molkereiproducte. 

kommt nur einem kleinen Theile der Kinderwelt, nur den Kindern der Wohl¬ 
habenderen meist zu Gate, weil der Preis ein höherer ist wie der der gewöhn¬ 
lichen Milch, welche nicht mit derartigen Yorsichtsmaassregeln gewonnen 
wird. Nach den Untersuchungen von Praussnitz, welche derselbe auf der 
▼origen Versammlung unseres Vereins zum Vortrag gebracht hat, ist die 
Säuglingssterblichkeit eine besonders hohe in der armen Bevölkerung, und 
eine verschwindend geringe unter den Reichen. Wenn also die weiteren 
Untersuchungen es als richtig erweisen sollten, dass ganz bestimmt durch 
gewisse Stoffe, welche mit dem Futter von den Kühen auf genommen werden, 
giftige Stoffe häufig in die Milch hineingelangen, so müssen die Vorschriften 
allgemeinerer Natur sein und dürfen nicht nur die von den Wohlhabenderen 
gekaufte Milch betreffen. Es muss dann darauf hingewirkt werden, dass 
alle Kühe, welche zur Milchproduction dienen und deren Milch als Vollmilch 
in den Handel gebracht wird, ebenso gefüttert werden, wie es für die 
Kindermilchanstalten gesetzlich vorgeschrieben worden ist. Ob dies zu er¬ 
reichen sein wird, ist freilich fraglich, da die Landwirthe es vermuthlich 
als einen Eingriff in ihre persönlichen Rechte ansehen werden, wenn sie 
ihre Kühe nicht so füttern können, wie es ihnen beliebt, bezw. wie es die 
ihnen zu Gebote stehenden Futtermittel am zweckmässigsten erscheinen 
lassen. Ein anderer Weg, diese aus den Futterstoffen der Milch her¬ 
rührenden Schädlichkeiten möglichst zu vermindern, wäre jedoch nicht 
gangbar, da die fraglichen Giftstoffe, wenn sie einmal in die Milch gelangt 
sind, durch eine Behandlung derselben, wie z. B. durch Erhitzen, sich nicht 
entfernen lassen. 

„Bekanntlich gehen auch medicamentöse Stoffe verschiedener Art, 
welche den Thieren dargereicht werden, in die Milch über. Es besteht 
desshalb das Verbot, Milch von medicamentös behandelten Kühen in den 
Bändel zu bringen. Eine Gewähr dafür, dass dies nicht trotzdem geschieht, 
ist damit natürlich noch keineswegs gegeben. Wenn Thierärzte bei 
Krankheiten der Kühe hinzugezogen worden sind, dann werden diese ge¬ 
wiss dafür sorgen, dass Milch von Kühen, welche mit differenten Arznei- 
stoffen behandelt worden sind, nicht in den Handel gebracht wird. Im 
Uebrigen aber hängt dies ganz von dem guten Willen und dem mehr oder 
weniger weiten Gewissen des betreffenden Besitzers ab. Wenn es vorkommt, 
und wenn in die Milch übergegangene Arzneistoffe eine schädliche Wirkung 
auf die Consumenten äussem sollten, dann wird doch fast nie der Nach¬ 
weis so geführt werden können, dass der Schuldige zur Verantwortung ge¬ 
zogen werden könnte. 

„Eine besondere Bedeutung beansprucht nun weiter der Uebergang 
der Erreger bestimmter Infectionskrankheiten der Milch- 
thiere in die Milch und deren eventuelle Uebertragung auf 
den Menschen. In Betracht kommen hier hauptsächlich Maul- und 
Klauenseuche, Mastitis, infectiöse Enteritis und Perlsucht. Dass Maul¬ 
und Klauenseuche durch Milch übertragen werden kann, steht ja wissen¬ 
schaftlich unzweifelhaft fest. Indessen scheint die Gefahr für den Menschen 
nur eine relativ geringe zu sein. Bei der enormen Ausbreitung, welche 
die Maul- und Klauenseuche im Deutschen Reiche während der letzten 
Jahre genommen hatte, hätten Uebertragungen auf den Menschen häufig 


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60 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

fc ■ 1 1«——^ 

beobachtet werden müssen, wenn der Mensch nicht nahezu unempfänglich 
wäre für diesen Ansteckungsstoff. Dass dem so ist, ergiebt sich aus folgen¬ 
der Ueberlegung. In einer nicht geringen Zahl von Fällen ist die Krankheit 
durch die Sammelmolkereien weiter verbreitet worden. Die Kühe eines Ge¬ 
nossen sind von der Krankheit ergriffen worden, und mehrfach ist tagelang die 
Milch der kranken Thiere an die Molkerei geliefert worden, bevor die Krank¬ 
heit als solche erkannt worden ist. Durch die aus der Molkerei an die Ge¬ 
nossen zurückgelieferte Magermilch sind dann die Keime auf die Kälber und 
Schweine der übrigen Genossen übertragen worden, weil eine prophylaktische 
Abtödtung derselben durch Erwärmen nicht stattgefunden hatte. Zu gleicher 
Zeit ist natürlich auch Milch an zahlreiche Consumenten abgegeben worden, 
ohne dass dieselbe vorher durch Erhitzen unschädlich gemacht wäre. Man 
hätte daher erwarten können, dass nun auch zahlreiche Menschen von der 
Krankheit ergriffen worden wären in Folge des Genusses der ungekochten 
inflcirten Milch. Derartige Vorkommnisse sind jedoch, so viel mir bekannt, 
nur sehr selten beobachtet worden. Nach den gesetzlichen Vorschriften darf 
Milch von maul- und klauenseuchekranken Thieren nur im gekochten Zu¬ 
stande abgegeben werden. Die Maul- und Klauenseuche ist mit die Ursache 
gewesen, dass in zahlreichen Molkereien Apparate beschafft sind, mittelst 
welcher die Milch vor der Abgabe erhitzt werden kann. Nach den von mir 
in Gemeinschaft mit Stabsarzt Uhlenhuth angestellten Untersuchungen 
genügt es, die Milch bis auf 85° zu erwärmen, um die Erreger der Maul¬ 
und Klauenseuche mit Sicherheit abzutödten. Es liegt hauptsächlich im 
Interesse der Milchproducenten, wenn in einem Kreise die Maul- und 
Klauenseuche auftritt, alle dort an Sammelmolkereien gelieferte Milch auf 
die genannte Temperatur zu erwärmen, um ihre milchliefernden Rind¬ 
viehbestände vor der Infection von dieser Seite her zu schützen. In einer 
ganzen Reihe von Fällen ist die Nichtbefolgung des gesetzlich vorge¬ 
schriebenen Abkochens der Milch maul- und klauenseuchekranker Thiere 
gerichtlich geahndet worden. In fast allen Erkenntnissen ist die Gesund¬ 
heitsschädlichkeit solcher Milch für den Menschen mit in Betracht gezogen 
worden. Nach den allgemeinen Erfahrungen liegt aber der Nutzen der 
gesetzlichen Vorschrift des Abkochens mehr nach der thierärztlichen als nach 
der ärztlichen Seite hin. 

„Durch Milch von Kühen, welche an Mastitis erkrankt sind, sind mehr¬ 
fach bei Menschen Krankheitserscheinungen hervorgerufen worden. In der 
Festschrift für Heiberg berichtet Axel Holst über mehrere derartige Fälle. 
Die Milch enthielt zahlreiche Kettencoccen, welche auch in den Dejecten der 
Kranken nachgewiesen werden konnten. Auf das häufige Vorkommen der 
Kettencoccen in der Milch haben auch Escherich, Romme, Beck, Lydia 
Rabinowitsch, Eastes und Andere hingewiesen. Es ist daher nicht un¬ 
wahrscheinlich, dass durch derartige Milch häufiger Erkrankungserschei¬ 
nungen, Darmkatarrhe, erzeugt werden, als man bisher geglaubt hat. Die 
von Axel Holst mitgetheilten Beobachtungen sind nach einer anderen Rich¬ 
tung hin sehr beachtenswert!). Die Milch der Kühe, welche in den vier von 
ihm beobachteten Fällen an Mastitis erkrankt waren, sollte nicht für den 
Consum abgegeben werden; sie wurde auch eine Zeit lang nicht abgegeben. 
Zufälliger Weise aber trat ein Wechsel des St all person als ein, und die neuen 


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Hygiene der Molkereiproducte. 

Stallleate setzten versehentlich die Milch der nicht mehr schwer kranken 
Thiere dem übrigen Milchquantum zu und inficirten somit ein grösseres 
Quantum Milch, ohne von der Schädlichkeit der Milch etwas zu wissen. Es 
erhellt aus diesen Beispielen, wie trotz aller Vorsichtsmaassregeln und guten 
Absichten der Producenten doch eine infectiöse Milch in den Handel 
gebracht werden kann. Ausgeschlossen ist es natürlich keineswegs, dass 
Milch von kranken Thieren, welche anscheinend nur massige Krankheits¬ 
erscheinungen darbieten, von den Besitzern ohne Bedenken in den Handel 
gegeben wird, weil den Betreffenden der Gedanke, dass durch diese leichten 
Krankheitserscheinungen die Milch schädlich verändert werden könnte, über¬ 
haupt nicht kommt. So sind die von Gaffky beschriebenen Erkrankungen 
an infectiöser Enteritis in Folge des Genusses ungekochter Milch von beson¬ 
derem Interesse. In Folge der Erkrankung des Personals des hygienischen 
Instituts in Giessen wurde nach einer kranken Kuh in den Stallungen der 
Lieferanten der Molkerei, aus welcher die verdächtige Milchprobe bezogen 
war, gesucht und eine solche auch ermittelt. In der aus dem Euter der 
kranken Kuh entnommenen Milchprobe wurden pathogene Bacillen, wie sie 
in den Dejecten der kranken Menschen gefunden wurden, nicht nachgewiesen, 
wohl aber in der diarrhoischen Entleerung der Kuh. Die Infectionserreger 
sind daher von der kranken Kuh nicht mit der Milch ausgeschieden, sondern 
durch Beimengung von flüssigen Dejecten in die Milch hineingebracht. 
w Diese naheliegende Möglichkeit", sagt Gaffky, „dass der aus gesundem 
Euter enl leerten und an sich unschädlichen Milch Krankheitserreger durch 
den Kuhkoth sich beimischen, wird meines Erachtens noch immer nicht 
genügend gewürdigt. In erster Linie werden in dieser Beziehung ente- 
ritische Processe bei den Kühen in Betracht kommen, welche zu einer 
Infection der Milch auch dann Veranlassung geben können, wenn die Thiere 
an scheinbar harmlosen Durchfällen ohne schwerere Allgemeinerscheinungen 
leiden, Affectionen, die, wie es ähnlich auch in unserem Falle geschehen ist, von 
den Thierbesitzern auf Futterwechsel, auf den Einfluss von Schlempefütterung 
und dergleichen zurückgeführt und daher nicht weiter beachtet werden.“ 

„Wenn nun auch der Verkauf der Milch kranker Thiere gesetzlich ver¬ 
boten ist, so scheint es mir doch sehr fraglich, ob ein Richter die betreffen¬ 
den Milchproducenten, welche die Milch kranker Thiere, die aber nicht 
erhebliche Erkrankungserscheinungen dargeboten haben, im guten Glauben 
verkaufen, verurtheilen würde. Jedenfalls wird der Consument, welcher eine 
nicht erhitzte Milch geniesst, derartigen Infectionsmöglichkeiten trotz aller 
gesetzlichen Vorschriften stets ausgesetzt sein. 

„Die übrigen Thierkrankheiten, deren Erreger eventuell durch die Milch 
auf den Menschen übertragen werden könnten, wie Tollwuth, Milzbrand, 
Lungenseuche, Pocken u. s. w., haben bisher für die menschliche Pathologie 
keine irgendwie beachtenswerthe Bedeutung gehabt. Die Weggabe der 
Milch solcher Thiere ist gesetzlich verboten. Dieses Verbot ist ausreichend, 
da ja bei derartigen Erkrankungen der Rinder wohl regelmässig Thierärzte 
zu Rathe gezogen werden, welche die Besitzer der Thiere mit den nöthigen 
Weisungen versehen und gegen deren Weisungen die Besitzer wohl kaum 
zu handeln wagen werden. 

„Das Hauptinteresse hat sich concentrirt auf die Tuberculose der Rinder. 


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62 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Nachdem durch überaus umfangreiche Untersuchungen in allen Ländern die 
ungeheure Verbreitung der Tuberculose unter den Milchkühen festgestellt 
war, wurde durch die Untersuchungen der Marktmilch allerorten ermittelt, 
dass dieselbe Tuberkelbacillen in einem mehr oder weniger grossen Procent¬ 
satze der untersuchten Proben enthielt. Besonders zeigte es sich, dass die 
Mischmilch grosser Viehbestände, namentlich die Milch in Sammelmolkereien, 
fast stets Tuberkelbacillen enthielt. Weiterhin haben dann Untersuchungen 
der Marktbutter zu einem gleichen Ergebniss geführt. Auf Veranlassung 
der Minister der geistl., Unterr. und Med.-Angelegenheiten, für Landwirth- 
schaft, des Innern und für Handel sind die preussischen hygienischen 
Institute mit der Untersuchung der Marktbutter auf Tuberkelbacillen im 
Frühjahr 1899 betraut worden. Diese zahlreichen zuverlässigen Unter¬ 
suchungen haben nun in der That dargethan, dass die Butter aus Sammel¬ 
betrieben fast immer, aus kleineren Betrieben auch bisweilen tuberkel¬ 
bacillenhaltig ist. Ebenso sind auch in Buttermilch und Käse Tuberkel¬ 
bacillen nachgewiesen worden. Es lag daher offenbar, im Hinblick auf die 
ungeheuren Mengen von Milch und Butter, welche im ungekochten Zustande 
genossen werden, eine grosse Gefahr namentlich für die Kinder vor, der 
wirksam zu begegnen mit allen Kräften anzustreben war. Die näheren 
Studien über die Ausscheidung der Tuberkelbacillen durch die Milch von 
tuberculösen Thieren haben nun ergeben, dass Tuberkelbacillen hauptsächlich 
von solchen Kühen ausgeschieden werden, welche an Eutertuberculose und an 
vorgeschrittener, klinisch leicht erkennbarer allgemeiner Tuberculose leiden. 
Diese Thiere machen etwa 1 bis 2 Proc. des gesammten Rindviehbestandes 
aus, während die Zahl der auf Tuberculin reagirenden, also irgend welche 
tuberculose Veränderungen enthaltenden Rinder sich auf 40 bis 50, stellen¬ 
weise sogar noch höher, auf über 90 Proc. stellen soll. Durch neuere, 
auf ministerielle Veranlassung angestellte Untersuchungen von Ostertag 
ist nachgewiesen, dass die Milch lediglich reagirender Kühe keine Tuberkel¬ 
bacillen enthält. Ostertag hat 20 Ferkel vier Monate lang mit täglich 
1 bis 4 Liter und zehn Kälber 8 bis 11 Wochen lang mit täglich 7 bis 
12 Liter Milch von lediglich auf Tuberculin reagirenden Kühen gefüttert. 
Ebenso hat er zahlreiche Meerschweinchen mit dem Rahmbodensatzgemenge 
der Milch von zehn reagirenden Versuchskühen injicirt und gefüttert, ohne 
dass ein einziges der Thiere erkrankt ist. Er kommt auf Grund seiner 
Versuche zu dem Ergebniss, dass die Ausmerzung der eutertuberculösen 
und klinisch erkennbaren tuberculösen Köhe als die wichtigste Maassnahme 
zur Verhütung der Tuberculoseübertragung durch die Milch zu bezeichnen 
sei, eine Forderung, welche auch durch den Milchwirthschaftlichen Verein 
als berechtigt und erfüllbar anerkannt worden ist. 

„Soweit waren die Verhältnisse gediehen, als Koch auf dem inter¬ 
nationalen diesjährigen Tuberculosecongresse in London die bis dahin all¬ 
gemein als bestehend anerkannte Gefahr der Uebertragbarkeit der Bacillen 
der Rindertuberculose auf den Menschen in Frage stellte. Durch einwand¬ 
freie Versuche hat er dargethan, dass die menschlichen Tuberkelbacillen 
beim Rinde nicht haften oder doch nur geringe, local bleibende Verände¬ 
rungen hervorrufen, während die Rindertuberkelbacillen sogar bei subcutaner 
Einspritzung schnell zu allgemeiner schwerer Tuberculose bei den Rindern 


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Hygiene der Molkereiprodacte. 


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führen, dass also die Menschentuberculose von der Rindertnberculose ver¬ 
schieden ist. Die sich hier mit aufdrängende Frage, wie es nun mit der 
Empfänglichkeit des Menschen für die Rindertuberculose stehe, konnte er 
natürlich auf experimentellem Wege nicht beantworten. Er wies aber dar¬ 
auf hin, dass die Milch und die Butter namentlich in grösseren Städten oft 
in nicht unbeträchtlicher Menge die Bacillen der Perlsucht enthalte, dass 
aber gleichwohl Fälle von primärer Darmtuberculose, welche auf die Infection 
durch tuberkelbacillenhaltige Nahrungsmittel zurückgeführt werden müssten, 
za den grössten Seltenheiten gehörten. 

„Hiernach ist es zweifelhaft, ob die Perlsuchtbacillen überhaupt auf 
den Menschen übertragbar sind. Es sind nun freilich in der Literatur eine 
Anzahl von Fällen mitgetheilt, so von Demme, Olivier, Prümers, 
Leonhardt, Sonntag, Meyerhoff, Stang, Schöngen, Uffelmann, 
Hermsdorf und Johne, nach welchen Rinder gesunder Eltern in Folge 
des Genusses von roher Milch perlsüchtiger Kühe an Tuberculose erkrankt 
und gestorben sind. Diesen Fällen vermag ich noch einen weiteren hinzu- 
zofügen, welcher von C. Ernst in einem Berichte mitgetheilt wird, welchen 
er über die auf Veranlassung der Massachusetts Society for Promoting 
Agriculture angestellten Untersuchungen über die Gefahren der Tuberculose- 
übertragung durch von Rindern stammende Nahrungsmittel auf den 
Menschen erstattet hat. 

„Harold C. Ernst hat bei zahlreichen Aerzten und Thierärzten eine 
Rundfrage angestellt darüber, ob der Betreffende je einen Fall von Tuber¬ 
culose gesehen hätte, den er mit Wahrscheinlichkeit auf Infection durch 
Milch zurückzuführen vermöchte. 168 Aerzte und 11 Thierärzte haben 
ihm geantwortet. 11 haben sich im positiven Sinne geäussert, aber die 
Angaben sind so vage, dass man aus denselben Schlüsse kaum ziehen kann. 
Nur ein von dem Thierarzt Peabody berichteter Fall scheint bemerkens- 
werth. Derselbe constatirte am 15. Juni 1878 bei einer Kuh hochgradige 
Tuberculose und rieth das Thier zu tödten. Die Familie trank die Milch 
derselben. Am 12. December sah er die Kuh wieder, der Milchertrag 
hatte nachgelassen. Wiederum rieth er, die Kuh zu tödten und die Milch nicht 
zu benutzen. Am 22. Februar 1879 war die Kuh noch weiter herunter¬ 
gekommen und lieferte nur noch geringe Quantitäten Milch. Er ertheilte 
wiederum den gleichen Rath. Am 30. Mai fand er die Kuh in jämmerlichem 
Zustande. Sie hatte seit einer Woche keine Milch gegeben und starb drei 
Stunden später. Bei der Obduction fand er tuberculose Herde in allen Organen, 
auch im Euter. Im August 1879 wurde das Baby der Familie krank und starb 
in etwa sieben Wochen. Bei der Section fand sich ausgebreitete Tuberculose 
der Meningen und Tuberculose der Lunge. 1881 starb ein etwa drei Jahre 
altes Kind an tuberculöser Bronchitis und 1886 ein neun Jahre alter Knabe, 
der drei bis vier Jahre lang sehr zart gewesen war, an Auszehrung. Eltern 
und Grosseitem waren gesund. Nach dieser Beschreibung hat es in der 
That den Anschein, als ob das Baby durch die Milch der eutertuberculösen 
Kuh inficirt sei, und dass dessen Geschwister weiterhin sich von demselben 
inficirt haben könnten. Beweisend ist natürlich auch dieser Fall nicht. 
Zum abschliessenden Beweise würde es gehören, wie Koch hervorhebt, 
Reinen!turen aus den tuberculösen Herden zu gewinnen und durch Ver- 


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64 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

impfung auf Rinder darauf zu prüfen, ob sie der Rindertuberculose an¬ 
gehören. Koch ist mit den bezüglichen Untersuchungen beschäftigt. Bei 
der Seltenheit derartiger Fälle wird das abschliessende Urtheil noch längere 
Zeit auf sich warten lassen. 

„Eine ganz überraschende Bestätigung bezw. Ergänzung haben die 
Koch’sclien Ansichten erhalten durch eine Mittheilung Baumgarten’s. 
Vor 20 Jahren bereits hat ein Arzt inoperable Sarkome und Carcinome durch 
Einimpfung von Tuberkelbacillen zu heilen versucht. Da gerade keine Rein- 
culturen von Menschen zur Verfügung standen, wurden Perlsuchtbacillen ver¬ 
wendet. Aber obwohl erhebliche Mengen dieser Bacillen den Kranken unter 
die Haut gespritzt worden waren — die Versuche erstreckten sich über 
mehr als y s Dutzend Fälle —, ist weder örtliche noch allgemeine Tuber- 
culose beobachtet worden. Bisweilen sollen an den Impfstellen kleine Eiter- 
herdchen aufgetreten sein, deren Inhalt anfangs Tuberkelbacillen mehr oder 
minder reichlich habe erkennen lassen, die aber mit der Heilung dieser 
kleinen örtlichen Schäden allmählich verschwunden seien. Er selbst fand 
bei der ihm amtlich zufallenden Leichenöffnung der in Folge ihres Ge¬ 
schwulstleiden s Gestorbenen an den Impfstellen nur kleine Narben, die, wie 
die spätere mikroskopische Untersuchung ergab, frei von Tuberkeln und 
Tuberkelbacillen waren. Weder in den den Impfstellen benachbarten 
Lymphdrüsen, noch in einem der inneren Organe, ebensowenig in der Sub¬ 
stanz der über die verschiedensten Organe verbreiteten Geschwülste konnte 
trotz sehr genauer Untersuchung weder makro- noch mikroskopisch irgend 
eine Spur von Tuberkeln oder Tuberkelbacillen entdeckt werden. „Diese 
Impfungen mit hoch virulenten Perlsuchtbacillen an Menschen u , sagt Baum¬ 
garten, „waren ebenso negativ verlaufen, wie meine und Koch’s Impfungen 
mit menschlichen Tuberkelbacillen an Rindern, obwohl die meisten der in 
Rede stehenden Kranken die Impfung mehrere Monate bis ein Jahr und 
darüber überlebt hatten/ 

„Was meine Stellung zu dieser Frage anlangt, so schliesse ich mich den 
Ausführungen Koch’s durchaus an. 

„Die in meinem Institut von mir in Gemeinschaft mit meinem Assi¬ 
stenten Dr. Gehrke ausgeführten Untersuchungen der Greifswalder Markt¬ 
butter haben zu dem bemerkenswerthen Ergebniss geführt, dass von 25 Be¬ 
trieben 8 — gleich 32Proc. — tuberkelbacillenhaltige Butter lieferten; acht 
von diesen Betrieben waren Sammelmolkereien und von diesen hatten 7 
gleich 88Proc., von den 17 kleineren Betrieben jedoch nur einer gleich 
6Proc. Tuberkelbacillen in ihrer Butter. Da nun die grossen Sammel¬ 
molkereien den weitaus überwiegenden Theil des Bedarfes der Bevölkerung 
an.Milch und Butter decken, so muss jahrein jahraus der grösste Theil der 
Bevölkerung des Greifswalder Kreises täglich lebensfähige Tuberkelbacillen 
in den Körper eingeführt haben. Wenn es nun auch feststeht, dass die 
Zahl der Tuberkelbacillen für das Zustandekommen der Infection per os von 
wesentlicher Bedeutung ist, wenn auch die Möglichkeit der Uebertragung 
per os nach Oster tag nicht weniger als 2 Millionen mal geringer ist als 
die Uebertragung auf dem Wege der Einspritzung, so müsste doch, da täg¬ 
lich virulente Tuberkelbacillen von zahlreichen Menschen eingeführt werden, 
die primäre Darmtuberculose hier im Greifswalder Kreise ein häufiges Vor* 


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Hygiene der Molkereiproducte. 65 

kommniss sein. Dies ist aber nach den Angaben der beschäftigten Aerzte 
nicht der Fall. 

„Geheimrath Kr ab ler, der Professor der Kinderheilkunde an unserer 
Universität, welcher wohl über die diesbezüglichen Verhältnisse am besten 
orientirt sein dürfte, sagte mir, primäre Darmtuberculose komme hier gar 
nicht vor bei den Kindern. Unter 1934 im pathologischen Institut des 
Herrn Prof. Grawitz gemachten Sectionen fanden sich 320 Fälle von Tuber- 
culose, von denen vielleicht vier und auch diese noch nicht einmal mit Sicher¬ 
heit als primäre Darmtuberculose bezeichnet werden konnten. Also auch für 
Greifswald ist in gleicher Weise die Seltenheit der primären Darmtuberculose 
zu constatiren, wie sie von Koch an dem grossen Obductionsmaterial des 
Charite-Krankenhauses (in fünf Jahren 10 Fälle) von Baginski in dem Kaiser 
und Kaiserin Friedrich Kinder-Krankenhause (933 Fällen 0), von Biedert 
(unter 3104 Obductionen tuberculöser Kinder nur 16), von Drenkhahn 
(unter 176 Protokollen nur 3 und unter 206 Protokollen aus Rostock nur 1) 
ermittelt ist. Aus dieser Seltenheit des Vorkommens aber dürfte man wohl 
berechtigt sein, mit Koch den Schluss zu ziehen, dass aus dem Vorkommen 
der Tuberkelbacillen in den Molkereiproducten eine besondere Gefahr für 
den Menschen nicht droht. Die Möglichkeit, dass gelegentlich einmal ein 
Kind, wenn es constant grosse Mengen hochvirulenter Rindertuberculose- 
bacillen geniesst, inficirt werden kann, lässt sich natürlich nicht ganz von 
der Hand weisen. Die algierschen Schafe sind unempfänglich für den Milz¬ 
brand, und doch gelingt es durch Einführen grosser Mengen von Milzbrand¬ 
bacillen, sie gelegentlich mit Milzbrand zu inficiren. 

„Es fragt sich nun aber, und das ist das praktisch überaus wichtige 
Moment, sollen wir angesichts der bis jetzt vorliegenden Thatsachen, welche 
für die Unschädlichkeit der Rindertuberculose für den Menschen sprechen, von 
allen weiteren Maassregeln zur Bekämpfung der Rindertuberculose Abstand 
nehmen oder nicht? Ich würde ein Stillstehen auf dem einmal betretenen 
Wege in der Bekämpfung dieser Krankheit für durchaus unrichtig halten. 
Milch von hochgradig tuberculösen und eutertuberculösen Kühen ist keine 
normale Milch, wie wir sie für den Consum verlangen können. Wer würde 
freiwillig Milch von einer Kuh trinken wollen, von der er weiss, dass sie an 
einer chronischen Krankheit leidet? Eine solche Milch würde unzweifelhaft 
als ekelerregend von der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Consumenten 
zurückgewiesen werden, auch wenn sie sicher nicht gesundheitsschädlich 
wäre. Ich bin daher der Ansicht, dass Milch von offenbar tuberculösen und 
eutertuberculösen Thieren nicht in den Verkehr gebracht werden darf, weil 
sie als verdorben im Sinne des Nahrungsmittelgesetzes anzusehen ist. Es 
muss daher von diesem Standpunkt aus die Ausmerzung dieser Thiere 
nach wie vor verlangt werden. Vom thierhygienischen Standpunkte aus 
müssen naturgemäss noch viel weiter gehende Forderungen erhoben werden, 
ln der für die Fütterung von Schweinen und Kälbern vorzugsweise ver¬ 
wendeten Magermilch dürfen lebende Tuberkelbacillen nicht enthalten sein, 
da durch solche Milch erfahrungsgemäss die Tuberculose in ganz exqui¬ 
siter Weise verbreitet wird. Die Erkrankungen der Schweine an Tuber¬ 
culose sind überaus häufig bei Fütterung mit tuberkelbacillenhaltiger Mager¬ 
milch aus grossen Meiereien. Sie erreichen nach Ostertag 60 bis 70Proc. 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1902. 5 


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66 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

dbr Bestände, während die Schweine von kleinen Besitzern, welche diese 
mit der Milch ihrer eigenen wenigen Kühe füttern, unter denen natürlich 
nur Belten reichlich Tuberkelbacillen ausscheidende Thiere sind, nur bis 
Va Proc. Tuberculose auf weisen. 

„Da es nun nicht ohne Weiteres angeht, sämmtliche Tuberkelbacillen 
liefernde Thiere auBZuschalten, so hat man sich bemüht, die Tuberkel- 
bacillen durch Erhitzen in der Milch selbst unschädlich zu machen. Eine 
grosse Zahl von Forschern hat sich damit beschäftigt, die Temperaturen 
zu ermitteln, bei welchen die Bacillen abgetödtet werden. Diese Versuche 
haben zum Theil sehr widersprechende Resultate ergeben. Als Quintessenz 
aller dieser Versuche können wir festhalten, dass, wie Theobald 
Smith zuerst dargethan und wie Hesse bestätigt hat, in ganz ge¬ 
füllten Behältern Tuberkelbacillen bei 60° in 15 bis 20 Minuten sicher 
zu Grunde gehen, bei höheren Temperaturen natürlich in entsprechend 
kürzerer Zeit, so bei 65° bis 70° nach Levy und Bruns in 15 Minuten, 
bei 80° in 3 Minuten und bei 85° in 2 Minuten (Herr). Erhitzt man die 
Milch in offenen GefäsBen, so genügt nach Beck ein einmaliges Auf kochen 
noch nicht, sondern erst ein 3 Minuten langes Kochen, weil sich die Ober¬ 
fläche wegen des sich bildenden Häutchens weniger gut erwärmt als die 
unteren Schichten. Von Wichtigkeit ist es aber, dass die Milch nicht über 
eine Temperatur von 80° bis 85° erhitzt wird, weil sie, wie bekannt, bei 
höherer Temperatur Veränderungen erfährt, sowohl was ihren Geschmack als 
auch was die Beschaffenheit ihrer Eiweisskörper und Salze anlangt. Wir 
werden auf diesen Punkt später noch weiter einzugehen haben. Dass es 
praktisch möglich ist, grössere Quantitäten Milch 20 Minuten auf 60° zu 
erwärmen, ist nach einer Mittheilung von Hesse dargethan dadurch, dass 
die Gebrüder Pfund in Dresden ihr gesammteB tägliches Milchquantum, 
15 cbm, 20 Minuten auf 60° erwärmen, dass ferner die Milchversorgungs¬ 
anstalt Pasteur in Kopenhagen nach einer Mittheilung von Weigmann- 
Kiel täglich über 70 000 Pfund Milch auf 85° C. erhitzt. Die Möglichkeit, 
eine durch Erhitzen tuberkelbacillenfrei gemachte Milch zu liefern, ist auch 
in Amsterdam und Strassburg durch Förster dargethan. 

„Die Milch kann nun aber auch zum Dritten noch Trägerin der Er¬ 
reger menschlicher Infectionskrankheiten sein. In einer grossen 
Zahl von Fällen ist erwiesen, dass die Erreger des Abdominaltyphus durch 
Milch verbreitet werden können. 

„Im Jahre 1881 vermochte Hart schon 50 Epidemieen mit 3500 Fällen 
zusammenzustellen. Alljährlich werden neue derartige Fälle berichtet. Aus 
dem Jahre 1898 sind solche Epidemieen von Riedel in Lübeck, von Wilkens in 
Hamburg, im Jahre 1899 von Sedgwick, und in diesem Jahre von Oberstabs¬ 
arzt Hün ermann auf dem Truppenübungsplätze zu Elsenborn beschrieben 
worden. In diesem Jahre ist auch eine Epidemie in Stralsund auf den Genuss 
inficirter Milch zurückgeführt worden. Die Infection der Milch erfolgt bei diesen 
Epidemieen entweder durch Personen, welche mit der Pflege von Typhuskranken 
und zu gleicher Zeit mit der Milchgewinnung bezw. mit dem Milchtransporte 
zu thun haben oder aber durch Ausspülen der Milchgeräthe mit Wasser, in 
welches Typhusdejecte gelangt sind. Von besonderem Interesse ist die von 
Hünermann beschriebene Epidemie insofern, als die verdächtige Milch aus 


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Hygiene der Molkereiproducte. 

einer Molkerei stammte, in welcher die als Vollmilch verkaufte Milch in 
einem 75 Liter fassenden Vorwärmer auf 85° bis 90° C. erhitzt worden sein 
soll. Da nach den Untersuchungen von Hesse und Anderen Typhus¬ 
bacillen in Milch bei 60° in 15 bis 20 Minuten sicher zu Grunde gehen, 
so hätte man erwarten können, dass dieselben in der auf 85° bis 90° er¬ 
hitzten Milch im Vorwärmer sicher vernichtet sein mussten. In den von 
Hünermann an gestellten Versuchen wurde dieAbtödtung der Typhuskeime 
bei Wärmeeinwirkungen von 69° und 87° C. erst nach einer Zeitdauer von 
GO Secunden sicher erreicht, nach 15 bis 40 Secunden jedoch noch nicht. 
Hünermann hält es ffir sicher, dass die Angaben der Angestellten der 
Molkerei, nach welchen die Milch 1 bis 3 Minuten in dem Apparate ver¬ 
weilt habe und auf 85° bis 90° erhitzt sei, unmöglich richtig gewesen sein 
konnten. „Bei einer Besichtigung fehlte überhaupt das Thermometer am 
Ausflussrohr des Vorwärmers und der Meier gab an, dass er die Wärme 
mit der Hand messen könnte.“ 

„Zur Verhütung der Typhusverbreitung durch Milch, welche nach den 
angeführten Beispielen gar nicht so selten vorkommt, sind eine ganze Reihe 
von Maassregeln vorgeschrieben und angewandt worden. In einer Ver¬ 
fügung aus dem Regierungsbezirk Aachen vom 1. Mai 1899 betreffend die 
Abgabe von Milch aus Häusern, in denen Unterleibstyphus herrscht, heisst es: 
^„Eine umfangreiche Epidemie von Unterleibstyphus, die im Jahre 1898 
in einem Theile des Kreises Malmedy geherrscht hat, ist mit grösster Wahr¬ 
scheinlichkeit darauf zurückzuführen, dass die Milch eines erstinffcirten 
Hauses an die Molkerei geliefert worden ist und von dort nach Verarbeitung 
zurückgegeben, als Magermilch in den anderen Häusern genossen wurde 
und die Ansteckung vermittelte. Dieser Weg der Uebertragung ist um so 
glaubhafter, als die Ansteckung durch Milch ohne Vermittelung einer 
Molkerei schon öfters festgestellt worden ist. 

„Nachdem die Errichtung von Molkereien in den letzten Jahren einen 
grösseren Umfang angenommen hat, ergiebt sich die Nothwendigkeit, diese 
Art der Verbreitung nicht nur von Thierseuchen, sondern auch von Unter¬ 
leibstyphus und anderen Krankheiten durch entsprechende polizeiliche An¬ 
ordnungen zu bekämpfen. 

„Es ist desshalb in jedem Falle, sobald der Ausbruch des Typhus in 
einem Hause, aus dem Milch abgegeben wird, bekannt wird, sofort der Ver¬ 
kauf oder die Abgabe der Milch an Private oder an Molkereien so lange 
zu verbieten, bis nach sorgiältiger sachverständiger Prüfung die Möglich¬ 
keit einer Uebertragung ausgeschlossen ist. Dies ist anzunehmen, wenn 
sowohl das zum Reinigen der Gefässe verwandte Wasser als ein wandsfrei 
betrachtet werden kann, als auch die Fernhaltung aller mit der Pflege der 
Kranken irgendwie behafteten Personen von dem Milchwirthschaftsbetriebe 
gänzlich sichergestellt ist. 

„Wenn diese Gewähr nicht geboten wird, so ist im Sinne des §.61 der 
Bekanntmachung des Bundesraths, betreffend Instruction zur Ausführung 
der §§. 19 bis 29 des Gesetzes vom 1. Mai 1894 über die Abwehr und 
Unterdrückung der Viehseuchen vom 27. Juni 1895 Verfügung zu erlassen. 
Ist anzunehmen, dass schon eine Inficirung der Molkerei stattgefunden hat, 
so ist nach Benehmen mit dem KreisphyBicus erforderlichenfalls anzuordnen, 

5 * 


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68 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

dass die Molkerei dieselben Maassnahmen treffe (Erhitzen der Milch bis 
zur Desinfection, Abbrühen der Milchkannen mit Sodalauge u. s. w.), wie 
sie bei Maul- und Klauenseuche vorgeschrieben sind. ttU 

„Dass derartige Verordnungen gewiss segensreich wirken können, wird 
Niemand bezweifeln. Die Consumenten vor der Infection durch Typhus zu 
schützen, werden sie nur in den seltensten Fällen im Stande sein, weil die 
Infection der Milch meist schon längst vor der Zeit, in welcher die Typbus¬ 
erkrankungen erkannt und gemeldet werden, erfolgt ist. Die einzige Mög¬ 
lichkeit, die Infectionsgefahr abzuwenden, kann nur darin gefunden werden, 
alle Milch vor der Abgabe an das Publicum einer derartigen Erwärmung 
auszuBetzen, dass dadurch die Abtödtung der Typhuskeime gesichert wird. 
Für die Sammelmolkereien, in welchen grosse Massen von Milch der ver¬ 
schiedensten Producenten zusammenströmen, dürfte wegen der durch das 
Vereinigen grosser Milchmengen vergrösserten Infectionsgefahr eine ent¬ 
sprechende Erhitzung der Milch vor der Abgabe nothwendig erscheinen. Zu 
den gleichen Ergebnissen ist Schlegdendahl in einer ausgezeichneten Studie 
über die Bedeutung der Molkereien für die Verbreitung des Unterleibstyphus 
gelangt J ). 

„Neben dem Typhus spielt die Uebertragung von Diphtherie und 
Scharlach eine gewisse Rolle. Positive Angaben über die Entstehung von 
Scharlachepidemieen durch Milch finden sich namentlich in der englischen 
Literatur mehrfach, Angaben über Diphtherie fast gar nicht. Howard 
versuchte während einer Diphtherieepidemie die Milch mit dem Ausbruch der 
Krankheit in Beziehung zu bringen, doch gelang es ihm nicht, ebensowenig 
wie Lee in einer anderen Epidemie, in überzeugender Weise. 

„Nach einer persönlichen Mittheilung von Medicinalrath Deneke in 
Stralsund hat derselbe in zwei Epidemieen in unzweifelhafter Weise die 
Uebertragung der Krankheit durch Milch nachzuweisen vermocht. 

„Die eine Epidemie in Stendrup umfasste 45 Erkrankungen, die andere 
in Flensburg 34. Die Erkrankungen waren in beiden Epidemieen 
streng auf das Versorgungsgebiet einer Meierei beschränkt. In 
Stendrup hat er ermittelt, dass eine Frau ihr diphtheriekrankes Kind ge¬ 
pflegt und zugleich ihre beiden Kühe gemolken hat, deren Milch in ebenfalls 
von ihr selbst gereinigten Gefä9sen nach der Molkerei geliefert wurde. 

„In Flensburg hatte der Kutscher, welcher die Milch von den Bauern 
holte und diese nach der Molkerei fuhr, zwei diphtheriekranke Kinder. 
Wenn er die Milch gesammelt hatte, fuhr er zuerst nach seiner Wohnung, 
nahm die Kannen mit hinein und entnahm sich selbst den ihm zukommen¬ 
den Milchantheil aus denselben. Dass in beiden Fällen eine Infection der 
Milch sehr leicht stattfinden konnte, liegt auf der Hand. Hiernach ist mit 
der Möglichkeit der Uebertragung der Diphtherie durch Milch sehr wohl zu 
rechnen. Die Maassnahmen sind die gleichen wie beim Typhus, werden in¬ 
dessen ebenso wie bei jenem meist zu spät kommen. 

„Beim Herrschen der Cholera wird ebenso wie beim Typhus eine Ver¬ 
breitung der Infection der Milch, welche mit Choleradejecten in directer 
oder indirecter Weise verunreinigt ist, möglich sein. Alle die genannten 

l ) D. Vierteljahrsschritt f. öffentl. Gesundheitspflege, Bd. XXXII, S. 287. 


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Hygiene der Molkereiproducte. 


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für den Menschen pathogenen Erreger vermögen in der Milch sich zu ver¬ 
mehren, bei hoher Temperatur naturgemäss besonders schnell, desshalb kann 
selbst durch das Hineingelangen weniger Keime bald nach der Gewinnung 
eine grössere Milchmenge durch eine Probe inficirt werden. 

„Abgesehen von einem Gehalt an giftigen, von der Fütterung her¬ 
rührenden Stoffen, von einem Gehalt von pathogenen Organismen aus dem 
Kuhkörper und von menschenpathogenen Keimen, welche auf irgend eine 
Weise der Milch zugeführt sind, bietet die Milch nun aber noch eine 
grosse Zahl von verschiedenartigen Veränderungen dar, welche durch 
das Wachsthum überaus zahlreicher saprophytischer Keime in derselben 
bedingt sind. Diese Keime gelangen, wie bekannt, hauptsächlich bei 
der Gewinnung der Milch in dieselbe. Ihre Zahl ist je nach der Rein¬ 
lichkeit, mit welcher verfahren wird, je nach den angewendeten Futter- 
und Streumaterialien, je nach dem Grad der Reinlichkeit der Ge- 
fässe u. s. w., eine ausserordentlich verschiedene. Diese Keime vermögen 
sich bei hoher Aussentemperatur schnell zu entwickeln, so dass, wenn 
die Milch sechs, acht oder zehn Stunden nach der Gewinnung, wie es 
häufig geschieht, zum Consum kommt, bereits eine ausserordentliche Ver¬ 
mehrung dieser Keime und eine weitgehende Veränderung Platz gegriffen 
haben kann. Ueber diese Verhältnisse hat Prof. Soxhlet früher eingehend 
berichtet. Das sinnfällige Ergebniss dieser Wucherungen ist eine mehr oder 
weniger fortgeschrittene Säuerung der Milch. Der Grad der Zersetzung lässt 
sich leicht titrimetrisch bestimmen. In neuerer Zeit gestattet die sogenannte 
Alkoholprobe, welche in der Vermischung gleicher Volumina Milch und 
70 Proc. Alkohol besteht, mit grosser Leichtigkeit und Schnelligkeit fest¬ 
zustellen, ob die Zersetzung bereits weiter vorgeschritten ist, da eine solche 
Milch bei der Probe gerinnt. Die Säuerung wird durch eine Reihe von ver¬ 
schiedenen Organismen hervorgerufen, unter welchen das Bacterium und der 
Bacillus Acidi lactici die hervorragendste Rolle spielen. Es können aber 
auch an derselben eine grössere Anzahl von pathogenen Organismen, z. B. 
Staphylococcen, betheiligt sein. Da solche Milch nicht verkäuflich ist, so 
suchen die Händler die saure Beschaffenheit durch Zusatz von Alkalien und 
namentlich von kohlensaurem und doppelkohlensaurem Natron zu beseitigen 
oder auch ein Vorwärtsgehen des Säuerungsprocesses durch Zusatz von ent¬ 
wickelungshemmenden Mitteln zu verhindern. Unter diesen spielen Salicyl- 
säure und Benzoesäure eine gewisse Rolle. In neuerer Zeit kommt das 
Formalin und in Verbindung mit demselben auch Alkalichromat nach Leys 
immer mehr in Gebrauch. Derartige Zusätze sind natürlich vom hygieni¬ 
schen Standpunkte aus streng zu verwerfen. Glücklicherweise besitzen wir 
überaus feine chemische Reagentien, mit Hülfe welcher dieselben mit Leichtig¬ 
keit nachgewiesen werden können. Es bedarf solcher Zusätze, um die Ver¬ 
änderungen anzuhalten, nicht. Es stehen andere vollkommen unschädliche 
Mittel, welche die Molkereiproducte in keiner Weise verändern, für diese 
Zwecke zur Verfügung. 

„Diese Mittel sind die Erhitzung und die Abkühlung. Es kommt 
nur darauf an, sie in zweckmässiger, richtiger Weise zur Anwendung zu 
bringen. Je reinlicher die Milch gewonnen wird, je weniger „Milchschmutz“ 
bei ihrer Gewinnung in dieselbe hineingelangt ist, um so besser gelingt 


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70 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

erfahrungsgemäss die Conservirung im unveränderten Zustande bis zum 
Gebrauche. Dass nach dieser Richtung hin noch Vieles zu bessern ist, be¬ 
weisen die Ergebnisse der Milchschmutzuntersuohungen der Marktmilch, 
welche an den verschiedensten Orten angestellt sind, und welche vielfach 
eine geradezu Ekel erregende Verschmutzung der Milch erwiesen haben. 

„Baron giebt den Schmutzgehalt der Marktmilch in Dresden zu 
5*44 mg trockenen Schmutzes pro Liter an. Derselbe betrug in 


Würzburg. . . 

.3-2 

mg 

Leipzig . . ... 

.38 

rt 

München. 

.9*0 

n 

Berlin. 

.10-3 

n 

Christiania .... 

.10-5 

TI 

Halle. 

.14-9 

71 

Giessen. 

.19-7 

T» 


Daraus folgt, dass eine wesentliche Verringerung der Verschmutzung der 
Milch unzweifelhaft zu erreichen ist. 

„Milch aus kleineren Betrieben bietet nach dieser Richtung hin nur 
wenig Garantie. Die aus grossen Sammelmolkereien stammende Milch giebt 
dagegen weniger zu Klagen Anlass, da meist die von denselben gelieferte 
Milch vor dem Verkaufe einem Reinigungsprocess durch Centrifugiren oder 
auch durch Filtriren, namentlich durch Kiesfilter, unterzogen wird. In 
neuester Zeit wird ein Milchfilter von Fliegei empfohlen, bei welchem 
das Filtermaterial aus leicht zu reinigendem Porcellanschrot besteht. 

„Die Beseitigung des Milchschmutzes genügt aber noch keineswegs, um 
die Milch haltbar zu machen, sie muss nach der Reinigung sofort stark ab¬ 
gekühlt werden, da bei Temperaturen unter 10° die Vermehrung der Mikro¬ 
organismen in derselben eine relativ langsame ist. Für die Kleinbetriebe 
steht im Allgemeinen nur Brunnenwasser zur Abkühlung zur Verfügung; 
die Abkühlung geschieht daher meist nur in unvollkommener Weise. Da 
die Tbiere zweimal gemolken werden, gewöhnlich aber nur eine einmalige 
Milchlieferung an die Consumenten stattfindet, so ist besonders die Abends 
gemolkene Milch, zumal in der warmen Jahreszeit, der Verderbniss stark 
ausgesetzt. Hier muss entschieden ein Wandel Platz greifen. Wandel 
kann aber nur geschaffen werden, wenn den kleinen Betrieben mehr und 
mehr der directe Verkauf an die Consumenten entzogen wird, und wenn 
der Verkauf der Molkereiproducte von bestimmten Centralen aus erfolgt. 
In diesen Centralen sind dann aber Vorkehrungen zu treffen, welche eine 
zweckmässige Conservirung der Milch bis zum Verkaufe garantiren. 

„Einen grossen Fortschritt bietet nach dieser Richtung hin das von 
dem Dänen Casse praktisch zur Ausführung gebrachte und bei uns durch 
den Ingenieur Helm eingeführte Eismilchverfahren. Die frisch an eine 
Centrale angelieferte Milch wird zunächst gereinigt, dann, um die in der 
Milch vorhandenen entwickelungsfähigen vegetativen Keimen zu vernichten, 
auf eine bestimmte Temperatur erwärmt, und nunmehr mit Hülfe einer Kalt¬ 
luftmaschine bis auf 0° abgekühlt. In diesem Zustande kann die Milch, 
ohne dass sie sich verändert, tagelang conservirt werden. Für den Trans¬ 
port nach dem Verbrauchsorte wird dieselbe mit einer gewissen Menget 


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Hygiene der Molkereiprqduote. 


71 


15 bis 30 Prpc., gefrorener Milch versetzt. Dieser Ansatz bietet dafür 
Gewähr, dass die Temperatur in der Miloh nicht bis zu der Höhe steigen 
kann, bei welcher eine lebhaftere Entwickelung der die Milch zersetzenden 
Keime stattfindet. Selbstverständlich kann eine gute Milch auoh bei diesem 
Verfahren nur dann geliefert werden, wenn die Milch von den Producenten 
möglichst frisch und unzersetzt an die Centrale angeliefert wird* Dadurch, 
dass die angelieferte Milch nicht sofort in den ConBum kommt, sondern erat, 
nachdem sie die Reinigung, Pasteurisirung und Abkühlung durohgemaeht 
bat, tritt eine zeitliche Verschiebung in dem Verbrauch ein. Die ap dem 
ersten Tage gelieferte Milch kommt erst am nächsten Tage früh zur Ab¬ 
gabe.' Es ist dadurch Zeit gewonnen, jedes apkommende Milchquantum 
zunächst auf seine Beschaffenheit genau untersuchen zu können, Damit 
nun auch die zu verkaufende Milch in keiner Weise mehr verändert werden 
kann, wird dieselbe in mit besonderen Ausschapkk&ppen versehenen, beson¬ 
ders verschlossenen und plombirten Behältern bei dem Verkäufer aufgelegt. 
Eine diesbezügliche Einrichtung bieten die von Herrn Ingenieur Helm vor- 
gelegten Photographieeu und Modelle. 

„ Dass sich der allgemeinen Durchführung einer derartigen Milchbehaud- 
lung erhebliche Schwierigkeiten entgegenstellen werden, ist wohl nioht zu 
bezweifeln; aber ebenso wenig dürfte nach den bisherigen praktischen Er¬ 
gebnissen die Möglichkeit der Durchführbarkeit verneint werden können. 

„Da, wie früher dargelegt, die Möglichkeit einer Uebertragung von 
Krankheitskeimen duroh die rohe Milch niemals mit Sicherheit ausgeschlossen 
werden kann, so ist vom hygienischen Standpunkte aus die Forderung zu 
stellen, dass durch Erwärmen auf bestimmte Temperaturen stets krankheits¬ 
keimfreie Molkereiproducte erzeugt werden. Für die Abtödtung aller in 
Frage stehenden Krankheitskeime genügen Temperaturen unter 85° C., 
Temperaturen, welche die Milch in ihrer normalen Zusammensetzung nicht 
verändern, namentlich ihr nicht den von Vielen perhorrescirten Koch- 
geschinack verleihen. Die gleichen Temperaturen vernichten dann auch zu 
gleicher Zeit fast alle vegetativen Formen der Bacterien, welche Zersetzungen 
der Milch herbeiführen. Für die Erhitzung stehen Apparate der verschie¬ 
denartigsten Construction zur Verfügung, theils für periodischen, theils für 
continuirlichen Betrieb. Nach den Untersuchungen von Weigmann ge¬ 
nügen die in den Molkereien gebräuchlichen Pasteurisirppparate, wenigstens 
diejenigen, welche neuer Construction sind und als Apparate mit sogenannter 
zwangsweiser Führung der Milch bezeichnet werden, allen Anforderungen. 

„Bei zwei solchen Apparaten fand er die kürzeste Erhitzungsdauer der 
Milch zu ein bis zwei Minuten. Ein ein bis zwei Minuten währendes Er¬ 
hitzen auf 85° genügt aber zur Vernichtung aller in Frage stehenden Keime. 
Es muss desshalb die Forderung gestellt werden, dass nur solche Apparate ver¬ 
wendet werden bei continnirlichem Betriebe, in welchen die Milch mindestens 
zwei Minuten auf der Temperatur von 85° gehalten wird. Eine wirksame 
Pasteurisirung der Milch ist daher leicht durchführbar. 

„Die Rahmpasteurisirung hat sich bereits mehr und mehr in 
der Praxis eingebürgert, nachdem ermittelt worden ist, dass aus eiuem 
Rahm, welcher bis zur Annahme des Kochgeschmacks pasteurisirt ist, 
Hutter hergestellt werden kann, welche frei ist von diesem Kochgeschmack, 


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72 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

und welche sich sehr viel besser hält als Butter aus nicht pasteurisirtem 
Rahm. Diese zuerst in Schweden und Dänemark gemachten Erfah¬ 
rungen haben also gelehrt, dass die Technik der Butterbereitung durch 
die Rahmpasteurisirung nicht nur nicht schädlich, sondern sogar günstig 
beeinflusst wird. Dass es möglich ist, Rahm in steriler Form für den 
Consum herzustellen, davon habe ich mich überzeugt durch Untersuchung 
mehrerer Proben des von der Nährmittelfabrik von Rademann hergestell¬ 
ten Rahmes. Die Buttermilch aus pasteurisirtem Rahm soll nach Weig- 
mann weniger Wohlgeschmack besitzen. Eine Verarbeitung pasteurisirter 
Milch zu Käse soll dagegen doch noch mit technischen Schwierigkeiten ver¬ 
bunden sein, weil der durch den Labprocess gewonnene Bruch eine weichere, 
losere Beschaffenheit darbietet als bei nicht erhitzter Milch. Auch sollen die 
aus solcher Milch hergestellten Käse nach Weigmann entweder gar keine 
oder eine abnormale, der betreffenden Käsesorte nicht entsprechende Reifung 
durchmachen. Nach seiner Ansicht kann und muss er es jedoch nur «als 
eine Frage der Zeit betrachten, dass es gelingen wird, Käse auch aus pasteu¬ 
risirter Milch herzustellen. Nach Klein genügt es, der pasteurisirten Milch 
ein Stück Vollreifen Käses zuzusetzen, um gute Käse aus 15 Minuten auf 
90° pasteurisirter Milch zu erhalten. Hamilton ist es sogar gelungen, aus 
Milch, die auf 102° erhitzt war, regelrechten Käse herzustellen durch Zusatz 
von angesäuerter Milch. Hiernach würde die vom hygienischen Standpunkte 
aus anzustrebende Pasteurisirung des Rohmateriales auch für die Käse¬ 
bereitung technisch nicht mehr auf unüberwindliche Schwierigkeiten stossen. 

„Es sind nun noch andere Vorschläge zur Conservirung der Milch 
gemacht worden. So hat Bernstein vorgeschlagen, die Milch, nachdem 
sie producirt ist, nicht abzukühlen, sondern sofort auf eine Temperatur von 
70° zu erhitzen, und wenn Bie von dem Lande nach den grossen Städten 
hin transportirt wird, in Wagen, die auf 70° erhitzt sind, zu befördern. 
Nun, meine Herren, durch dieses Verfahren wird natürlicher Weise auch 
eine Sterilisation der Milch erreicht — nicht eine Sterilisation, sondern eine 
Pasteurisation, will ich lieber sagen, die durchaus ausreichend ist und eine 
gute Beschaffenheit der Milch garantirt. Ob sich dieses Verfahren, bei 
welchem ja ohne Zweifel alle vegetativen Formen abgetödtet werden, in 
der Praxis durchführen lässt, erscheint jedoch fraglich. 

„Durch das Pasteurisiren auf Temperaturen unter 100° C. werden, wie 
bekannt, die Dauerformen, die Sporen zahlreicher Bacterienarten, deren Vor¬ 
kommen in der Milch zuerst von Hüppe und mir nachgewiesen ist, nicht 
getödtet. Um diese Sporen zu vernichten, muss man die Milch höher er¬ 
hitzen. Dann aber gehen in der Milch erhebliche Veränderungen vor sich, 
welche namentlich den Geschmack und auch die Verdaulichkeit ungünstig 
beeinflussen. 

„Herr College Fr änkel hat seinerzeit ein bestimmtes Verfahren, welches 
von Popp und Becker eingeführt ist, warm empfohlen. Er hat zahl¬ 
reiche Untersuchungen angestellt über Milch, weiche nach diesem Verfahren 
hergestellt war, und hat gefunden, dass sie thatsächlich keimfrei war. Es 
sind dann eine ganze Reihe von verschiedenartigen Sterilisationsverfahren, 
welche wirkliche Keimfreiheit garantiren sollen, angegeben worden. Es 
gehört dazu immer eine hochgehende Erhitzung oder auch eine langdauernde 


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Hygiene der Molkereiproducte. 73 

Erhitzung, und gleichwohl ist das Resultat doch meist ein zweifelhaftes. 
Die Untersuchungen von Flügge haben gelehrt, dass die ausserordentlich 
widerstandsfähigen Keime aus der Gruppe der Kartoffelbacillen und Heu¬ 
bacillen durch langes Kochen und auch selbst durch Kochen bei Tempera¬ 
turen von über 100°, bis 102°, nicht immer mit Sicherheit abgetödtet werden, 
und dass dann in solcher scheinbar sterilisirten Milch nachher diese Keime 
auswachsen und zu verschiedenen Veränderungen der Milch Veranlassung 
geben können. Diese Bacillen wachsen zumTheil, ohne die Milch auffallend 
zu verändern, zum Theil fällen sie die Caseinstoffe und verwandeln sie die¬ 
selben in Pepton, auch erzeugen sie einen bitteren Geschmack. Diese Bac- 
terien sind nach Lübbert und nach Flügge giftig durch ihre Leibes¬ 
substanz, während sie nach Untersuchungen von Weher dadurch besonders 
giftig wirken, dass sie, wenn sie mit der Milch zusammen in den Darm- 
tractus von Kindern kommen, faulige Zersetzungen hervorrufen, welche zu 
Darmkatarrhen Veranlassung geben können. Da diese Sporen so schwer zu 
vernichten sind, ist es besser, wenn man sich nicht unbedingt auf die „steri- 
Ü8irte a Milch verlässt. Es empfiehlt sich, auch diese sterilisirte Milch kühl 
zu halten und sie überhaupt nur im Nothfalle anzuwenden. Im Grossen 
und Ganzen genügen die Verfahren, welche ich vorhin angegeben habe, um 
die Milch in frischem unzersetztem Zustande zum Gebrauche herzurichten. 

„Es ist nun noch ein Punkt zu erörtern: das ist die Behandlung 
der Milch im Haushalte, und diese spielt eine sehr bedeutende Rolle. 
Wenn die Milch wunderschön behandelt ist von ihrer Production ab, wenn 
kein Schmutz mehr darin ist, wenn sie centrifugirt oder durch Kiesfilter 
gegangen ist, wenn sie pasteurisirt ist, abgekühlt ist, tadellos ist, und sie 
kommt ins Haus und wird da in schlechte, schmutzige Gefässe eingegossen 
— bacteriologisch gesprochen — und wird hingestellt, dann kann sie durch 
Keime, die von diesen hineinkommen, wiederum rasch verderben, sie kann 
auch wieder Krankheitskeime aufnehmen, und es kann Alles, was vorher 
gut war, in kurzer Zeit im Haushalt wieder schlecht gemacht werden. Sie 
muss desshalb angemessen behandelt werden. Es ist nöthig, dass die Milch 
im Haushalt kurz nach der Ankunft wo möglich abgekocht, oder wenigstens 
pasteurisirt, d. h. auf eine Temperatur von mindestens 70°, besser noch von 
85°, etwa 30 Minuten erhitzt wird, dann in demselben Gefässe schnell ab¬ 
gekühlt und kühl auf bewahrt wird bis zum Gebrauche. Für diese Zwecke sind 
auch sehr geeignete Apparate construirt worden. Ein solcher von Oppen¬ 
heimer angegebener Apparat besteht aus einem Wasserbehälter aus Blech 
mit doppelten, mit Asbest gefüllten Wandungen, einem durch den Deckel in 
das Wasserbad reichenden Thermometer und einem Einsatz von acht Milch¬ 
flaschen. Dieser ganze Behälter wird aufs Herdfeuer gebracht. Es wird 
durch den Asbest hindurch das Wasser zum Kochen gebracht, oder auch 
nur auf 75° erhitzt. Dann bleibt der Apparat eine halbe Stunde in der 
Nähe des Herdes stehen. Die Temperatur sinkt nicht unter 70°. Wenn 
die Milch nun sofort schnell abgekühlt und kühl, am besten im Eisschranke, 
gehalten wird, so hält sie sich ausgezeichnet. Der Apparat hat sich prak¬ 
tisch bei der Säuglingsernährung bewährt. 

„In neuerer Zeit werden die Thermophore in den Handel gebracht. 
Diese Thermophore sind Behälter, welche dazu dienen, die Milch längere 


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74 3QCVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Zeit ohne viele Umstände auf bestimmter Temperatur zu erhalten. Sie be¬ 
stehen aus einem doppelwandigen Behälter, zwischen dessen Wandungen ein 
Salz, im Wesentlichen eine Mischung von unterschwefligsaurem und essig¬ 
saurem Natron, eingebracht ist In die Höhlung des Behälters kann man 
eine Flasche mit Milch hineinsetzen. Der ganze Apparat wird acht oder 
zehn Minuten in kochendes Wasser gebracht; dann löst sich das Salz auf, 
und wenn man nun den Behälter in einen zum Apparat gehörigen Isolator 
setzt und hinstellt, so krystallisirt allmählich das Salz wieder aus. Dabei 
wird Wärme frei, und diese Wärme wird auf die Flasche mit Milch über¬ 
tragen, Die Milch hält sich dann stundenlang auf einer hohen Temperatur. 
Die Untersuchungen, welche über diese Thermophore angestellt sind, haben 
zu verschiedenen Resultaten geführt Dunbar und Dreyer, ferner auoh 
Sommerfeld haben sich günstig über die Apparate geäussert Aus dem 
Laboratorium von Flügge sind sie von Kobrak sehr warm empfohlen 
worden. Derselbe hat gefunden, dass, wenn man die Milch, wie vorgeschrieben, 
erhitzt, sie sich fünf Stunden und darüber auf über 50° erhält, und dass, 
wenn sie dann kalt wird, in derselben alle pathogenen Keime zu Grunde 
gegangen sind. Hagemann ist der Ansicht, dass die Apparate nicht alle 
gleich gut functioniren. Es müsste also die Thermophor-Gesellschaft darauf 
hingewiesen werden, dass sie jeden Apparat, welchen sie verkauft, vorher 
erst genau auf seine Leistungsfähigkeit prüft, und dass sie nicht etwa die 
fabrikmässig hergestellten Apparate ohne Weiteres in den Handel giebt. 
In neuester Zeit hat Verney behauptet, dass durch die Temperatur, welche 
in den Thermophoren erreicht wird, pathogene Keime, welche künstlich zu¬ 
gesetzt werden zur Milch, nicht abgetödtet werden, ja er hat behauptet, 
dass nach Verlauf von etwa sechs bis sieben Stunden ein colossales Wuchern 
der Keime wieder vor sich geht, weil ja dann die Milch eine Temperatur 
unter 40° erreicht hat, welche ganz besonders geeignet ist, um die sporen¬ 
bildenden Organismen zur Vermehrung zu bringen* Er vermag desshalb 
auf Grund seiner Untersuchungen die Anwendung des Thermophors zur 
Warmhaltung der Säuglingsmilch nicht zu empfehlen. 

„Damit möchte ich schliessen, wiewohl das Thema noch keineswegs 
vollständig erschöpft ist. Sie haben gesehen, meine Herren, dass auf dem 
Gebiete der Hygiene der Molkereiproducte in neuerer Zeit ausserordentlich 
viel gearbeitet worden ist. Wir wollen anerkennen, dass grosse Fortschritte 
gezeitigt worden sind, dass die Milch und die Molkereiproducte im Grossen 
und Ganzen sehr viel besser geworden sind, wie früher, und dass ein hygie¬ 
nisches Verständniss auch bei den Producenten Platz gegriffen hat. Aber 
vom hygienischen Standpunkte müssen wir gleichwohl betonen, dass be¬ 
stimmte Gefahren trotz aller Vorsicht doch noch bestehen bleiben. Es sind 
dies, abgesehen von den giftigen Stoffen der Futtermittel, die Gefahren der 
Verbreitung der für den Menschen pathogenen Organismen, und die Ge¬ 
fahren, welche durch die Zersetzung der Milch bedingt sind. Um diesen 
Gefahren vorzubeugen, ist es nöthig, zu verlangen, vom hygienischen Stand* 
punkte aus, dass alle Milch, welche in den Handel kommt, nun auch sicher 
vorher von diesen krankheitserregenden Keimen und Zersetzungskeimen 
befreit wird. Das kann erzielt werden durch ein Pasteurisiren auf eine 
Temperatur von 85°. Praktisch wichtig aber ist es vor allen Dingen, dass 


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76 


Hygiene der Molkereiproducte. 

iti den Molkereien alle diese Vorsichtsmaassregeln in der strengsten Weise 
durchgeführt werden, dass alle Milch pasteurisirt wird und dass auch, wie 
Schlegdendahl bei Besprechung der Typhuserkrankungen, welche durch 
Milch hervorgerufen sind, hervorhebt, die Milchkannen, welche die Milch¬ 
producenten liefern, in der Molkerei nicht nur sorgfältig gereinigt werden, 
sondern auch durch Dampf sterilisirt werden. Gerade durch die nicht 
gereinigten Kannen soll sehr vielfach der Typhuskeim verbreitet worden 
sein. Es ist zu verlangen, dass gute, brauchbare Steriüsations- und Pasteuri- 
sationsapparate angewendet werden, wie solche in grosser Zahl zu Gebote 
stehen. Herr Prof. Weigmann aus Kiel hat mir mitgeteilt, dass er eine 
Anzahl von solchen Apparaten, über deren Gebrauohsfähigkeit er Unter¬ 
suchungen angestellt hat, nachher hier demonstriren wird. 

„Meine Herren, wenn diese hygienischen Forderungen im Molkerei¬ 
betriebe erfüllt werden, dann können wir sicher sein, dass weiterhin die 
Erkrankungen in der ganzen Bevölkerung, namentlich in der Kinderwelt, 
abnehmen werden. Es wird dadurch ein ganz ausserordentlicher Fort¬ 
schritt in der Hygiene gezeitigt sein.“ 

Hierauf eröffnet der Vorsitzende die Discussion: 

Oekonomierath Plehn, Vorsitzender des Deutschen milch- 
wirthschaftlichen Vereins (Berlin), betont, dass der Verein, als dessen 
Vertreter er hier spreche, auf seine Fahne die Aufgabe geschrieben habe, 
die Milchwirtschaft im Allgemeinen zu fördern, nicht etwa bloss die Inter¬ 
essen der Producenten, und dass der Verein in den 26 Jahren seines Be¬ 
stehens schon sehr häufig Gelegenheit gehabt habe, auch im Interesse der 
Consumenten sein Wqrt in die Wagschale zu legen. 

Vielfach sei die Milchwirtschaft von den Hygienikern angegriffen 
worden, am meisten wohl vor zwei Jahren auf dem Tuberculosecongress in 
Berlin, wo es zu lebhaften Anklagen gekommen sei, die sich soweit ver¬ 
stiegen, dass einer der Herren gesagt habe, die Landwirte hätten bloss ein 
Herz für ihre Schweine und ihre Kälber, nicht aber für ihre Mitmenschen 
und deren Kinder. Diese und andere Anschuldigungen seien später von 
einem Berliner Arzt in einer Schrift niedergelegt worden, in der sehr weit 
gehende Forderungen aufgestellt worden seien, aus denen man aber ersehe, 
dass dieser Herr nicht die geringste Kenntniss der landwirtschaftlichen 
Productionsverhältnisse habe. Denn abgesehen von einigen Fällen, in denen 
sogenannte Luxuswirthschaften vorhanden seien, gebe es sehr viele kleinere 
Wirtschaften, in denen doch auch Milch, und gute Milch producirt werde, 
welche allen den von ihm formulirten weitgehenden Forderungen durchaus 
nicht genügen. Auch verlange der betreffende Arzt, die zulässigen Futter¬ 
mittel, mit denen die Kühe gefüttert werden dürfen, sollen von der Medicinal- 
behörde bekannt gegeben werden, während der Landwirt doch nur das 
füttere, was er habe und was er selbst erzeuge, da er doch dafür sorgen 
müsse, billig zu füttern und die Milch zu einem Preise herzustellen, der nicht 
höher sei, als er beim Verkauf erzielt werden könne. 

Nun glaube er aber sicher, dass seitens der Medicinalbehörden Futter¬ 
mittel wie Fabrikrückstände, z. B. Schlempe von Kartoffeln, oder Schnitzel 


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76 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

aus Zuckerfabriken, oder die Rückstände aus den Stärkefabriken wahrschein¬ 
lich als ein sehr ungesundes und ungenügendes Futter angesehen werden. 
Aber zweifellos mit Unrecht. Es sei gar nicht so leicht, festzustellen, ob 
eine Milch gut oder schlecht sei. Ein Mittel aber gebe es und das bestehe 
darin, dass sich aus einer ungesunden, aus schlechtem Futter hervorge¬ 
gangenen Milch nicht eine feine Butter herstellen lasse. Nun sei aber bei 
zahlreichen Ausstellungen festgestellt worden, dass auch bei Fütterung von 
Rübenschnitzeln, von Kartoffelschlempe, von Stärkerückständen eine sehr 
gute und feine Butter hergestellt werden könne, vorausgesetzt, dass diese 
Stoffe nicht in übermässiger Menge gefüttert werden, dass sie gefüttert werden 
mit einer rationellen Beimengung anderer gesunder Futterstoffe. Mit einem 
gänzlichen Verbot aller jener Futterstoffe würde man theilweise die Production 
von Milch verbieten, und das wäre kein Mittel, der Volkswohlfahrt zu 
nützen. 

Ferner verlange jener Arzt, dass der für den Verkauf zulässige Mini¬ 
malwerth an Fettgehalt und das specifische Gewicht von der Medicinalbebörde 
bestimmt werde. Nach den langjährigen und sorgfältigen Untersuchungen 
von Fleischmann gebe es Kühe, die bei ganz vollständig normalem Ge¬ 
sundheitszustände, bei ganz normaler Fütterung nur 2 Proc. Fett in ihrer 
Milch haben, wodurch der Beweis erbracht sei, dass eine Milch mit nur 
2 Proc. Fett nicht gefälscht zu sein brauche. Dem gegenüber sei die An¬ 
sicht der Medicinalbehörde, dass eine Milch, die weniger als 2*7 Proc. Fett 
enthalte, verfälscht sein müsse, nicht haltbar. 

Der betreffende Arzt habe wohl einen Rückzug angetreten dadurch, 
dass er eine ziemlich matte, einigermaassen entschuldigende Erklärung ver¬ 
öffentlicht habe. Aber ein Gutes habe die Sache insofern gehabt, als sie die 
Landwirthe einigermaassen aufgerüttelt habe. Es sei die Besorgniss auf¬ 
getreten, dass derartige von einem Arzt in die Welt geschickte Anschuldi¬ 
gungen doch am Ende in weiten Kreisen geglaubt werden könnten, dass 
der Glaube verbreitet werden könnte, die Landwirthe interessirten sich wirk¬ 
lich nicht für die Gewinnung einer gesunden Milch, nicht für die Sanirung 
ihrer Viehheerden. Desshalb sei aus den Kreisen des Deutschen milchwirth- 
schaftlichen Vereins ein Gesetzentwurf über die Vertilgung der Tuberculose 
unter den Kühen ausgearbeitet worden, der dem Bundesrath zu weiterer 
Veranlassung übergeben werden solle. Damit haben die Landwirthe gezeigt, 
dass sie unter allen Umständen geneigt seien, alles zu thun, was in ihrer 
Macht stehe, um eine gesunde Milch zu produciren. 

Allerdings ein wenig Egoismus sei auch dabei, handele es sich doch 
auch darum, den Viehstand gesund zu machen oder gesund zu erhalten. 
Der Herr Referent habe schon angedeutet, in wie colossaler Weise unsere 
Viehstände verseucht seien. Es werde geschätzt, dass von den in Deutsch¬ 
land vorhandenen ungefähr zehn Millionen Kühen ungefähr die Hälfte ver¬ 
seucht sei. Die Landwirthschaft habe also das grösste Interesse, die Vieh¬ 
seuchen möglichst zu vertilgen. Der Gesetzentwurf gehe dahin, dass alle 
diejenigen Kühe, welche in einer Form tuberkelkrank seien, dass unmittel¬ 
bar die Tuberkelbacillen in die Milch übergehen können — also bei Euter- 
tuberculose und bei allgemeiner Tuberculose, bei welcher die Tuberkelbacillen 
in die Blutbahn übergehen können — getödtet werden sollen, gegen eine 


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Hygiene der Molkereiproducte. 


77 


Entschädigung, die von Staat und Viehbesitzer gemeinschaftlich getragen 
werde. Dies zeige, dass die Landwirthe Interesse haben, an ihrem Theil 
an der Arbeit mitzuwirken. 

Noch einige Bemerkungen zu den Leitsätzen wolle er machen. Der 
Herr Referent habe in dankenswerther Weise ausgesprochen, es lege den 
Molkereigenossenschaften, deren Mitwirkung er besonders hervorhebe, nahe, 

folgende Anforderungen zu stellen:-, es sei also nicht davon die Rede, 

dass die Behörden die Anforderungen stellen sollen. 

In einem Punkte aber müsse er dem Referenten widersprechen. Die 
absolute Durchführung der Pastenrisirung aller zum Verkauf gelangenden 
Milch sei nicht möglich, oder wenigstens müsse. man, wenn man sie aus¬ 
führen wolle, einen grossen Theil der Milchproduction verbieten. Das 
Pasteurisiren koste Geld, und desshalb sei es nicht möglich, in den kleinen 
Betrieben diese Maassregel durchzuführen. Vielfach seien es kleine Ge¬ 
werbetreibende, die einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb haben, eine 
kleine Parcelle besitzen oder sich eine solche pachten, hier ihre zwei, drei, 
vier Kühe haben, und die Milch in die nächsten Häuser den Consumenten 
bringen. Von solchen Leuten die Sterilisation oder die Pasteurisation zu 
verlangen und durchzuführen, sei unmöglich, dies komme einem gänzlichen 
Verbot dieser auch für die Consumenten nützlichen Betriebe gleich. Für 
solche Leute müsse eine Ausnahme gemacht werden, und dies sei auch nicht 
so gefährlich. Man sollte sich nur klar machen, wie eine so gelieferte Milch 
im kleinen Haushalte behandelt werde; in der Regel werde die Hausfrau sie 
gleich abkochen, und so werde sie nicht leicht dem Verderben in der Küche 
ausgesetzt sein. So zweckmässig die verschiedenen Apparate und ganz be¬ 
sonders die Soxhlet’sehen auch für -die Wohlhabenderen seien, für die in 
ärmeren Verhältnissen Lebenden seien sie nicht anwendbar, weil sie zu 
theuer seien und zu zeitraubend in der Anwendung. Er stimme dem Herrn 
Referenten durchaus bei. dass die Milch im Allgemeinen nicht im rohen 
Zustande in den Handel kommen solle, wo das aber nicht zu vermeiden sei, 
solle sie im Haushalt gleich aufgekocht werden. 

Professor Dr. Weigmann (Kiel) will den Ausführungen des Herrn 
Referenten über das Uebergehen gewisser Stoffe des Futters in die Milch 
einige Mittheilungen zufügen. Herr Geheimrath Löffler habe bereits ge¬ 
sagt, dass das ganze Capitel ein noch sehr dunkles sei. In der That seien 
die widersprechendsten Resultate bei solchen Versuchen zu Tage gekommen, 
und auch heute sei gerade über diesen Punkt noch sehr wenig Bestimmtes 
bekannt. Man habe Versuche gemacht mit Stoffen, welche ganz entschieden 
sehr deutlich hervortreten müssten, wenn sie in die Milch übergingen, z. B. 
mit ätherischen Oelen, mit Fenchel u. s. w., und habe gefunden, dass diese 
Stoffe ganz entschieden nicht in die Milch übergehen. Auf der anderen 
Seite habe man gefunden, dass Stoffe, welche weniger auffallend seien, in 
die Milch übergehen. So gehe z. B. bei Fütterung von Baumwollensaat 
ein Körper, welcher im Baumwollensaatfutter enthalten sei, thatsächlich in 
die Milch über und lasse sich chemisch nachweisen. 

Sehr interessant sei das, was Herr Geheimrath Löffler über die Bil¬ 
dung von Solanin durch Bacterien erwähnt habe. Er könne hier hinzu- 


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78 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

fügen, dass auch er vielfach Beobachtungen darüber gemacht habe, dass 
Stoffe, welche sonst nur von Pflanzen producirt werden, auch von Bacterien 
producirt werden können. So z. B. habe er die Beobachtung gemacht, dass 
der sogenannte Rübengeschmack der Butter bacteriellen Ursprungs sei, dass 
nicht irgend ein Stoff aus der Rübe in die Butter übergehe, sondern dass 
es Bacterien gebe, welche diesen sogenannten Rübengeschmack und Rüben- 
geruch thatsächlich erzeugen, nicht allein in der Milch erzeugen, sondern 
auch erzeugen auf Gelatineculturen. 

Was nun die Uebertragung von Krankheitskeimen durch die 
Milch auf den Menschen beim Genüsse betreffe, so sei, nachdem auf dem 
Tuberculosecongress in Berlin und auf dem Congress der Thierärzte in 
Karlsruhe in beiden Versammlungen mit grosser Bestimmtheit ausgesprochen 
worden sei, dass die Uebertragung der Tuberculose von dem Vieh auf 
den Menschen nur durch die Milch stattfinden könne, es Aufgabe der Ver¬ 
tretungen der Milchwirtschaft, speciell des Deutschen milchwirthschaftlichen 
Vereins gewesen, auch diese Frage in Behandlung zu nehmen. Der Deutsche 
milchwirthschaftliche Verein habe desshalb eine Commission beauftragt, diese 
Frage bis ins Detail hinein zu verfolgen und zu bearbeiten. Es sei ihm als 
dem Vertreter der bacteriologischen Wissenschaft in dieser Commission die 
Aufgabe zugefallen, die Literatur durchzijsehen nach der Richtung hin, in 
welcher Weise eventuell Tuberkelbacillen aus der Milch entfernt werden 
können durch das Erhitzen. Wie schon vorhin durch den Herrn Referenten 
erwähnt worden sei, widersprechen sich hier ebenfalls die Resultate, die 
durch die verschiedenen Versuche, die angestellt worden seien, sich ergeben 
haben. Während der Eine behaupte, es könne der Tuberkelbacillus selbst 
durch Kochen nicht abgetödtet werden, und ein Anderer: es könne der Tu¬ 
berkelbacillus bei 30 Minuten langem Erhitzen auf 60 bis 65° nicht abge¬ 
tödtet werden, behaupten Andere, dass das bei 60 bis 65° schon innerhalb 
15 Minuten der Fall sei, — ja sogar schon innerhalb 10 Minuten —, und 
dass sogar eine momentane Erhitzung— allerdings auf eine höhere Tempera¬ 
tur, auf 85 ° —, zur Abtödtung genüge. Was speciell diesen Temperaturgrad 
von 85 ° anlange, so sei er sowohl nach der rein bacteriologischen Seite, wie 
auch nach der molkereitechnischen Seite hin von besonderer Wichtigkeit. 
Es sei nämlich die Temperatur von 85° diejenige, welche in der Molkerei¬ 
technik eventuell noch angewendet werden könne bei der Erhitzung der 
Milch und bei der Erhitzung des Rohmaterials für die Molkereiproducte. 
Auf der anderen Seite sei die Temperatur von 85 ° diejenige, welche am 
kürzesten einzuwirken brauche, um die Krankheitskeime abzutödten. 

Es seinun für ihn von besonderer Wichtigkeit gewesen, in dieser Commis¬ 
sion ein Beweismaterial beizubringen über die Frage, ob die Pasteurisirungs- 
apparate, wie sie im Molkereibetriebe gebräuchlich seien, brauchbar seien 
für die Abtödtung der Krankheitskeime oder nicht. Da nach dieser Rich¬ 
tung hin in der Literatur verhältnissmässig wenig gearbeitet worden sei, 
mit Ausnahme einiger, einen einzelnen Apparat betreffenden Arbeiten, so 
habe er sich daran gemacht, selbst Versuche anzustellen. Er habe eine 
ganze Reihe von verschiedenen Pasteurisirungsapparaten, der neueren aller¬ 
dings, wie sie im Molkereigewerbe im Gebrauch seien, in der Versuchs- 
molkerei der Versuchsanstalt in Kiel vereinigt und habe dort in gleich- 


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Hygiene der Molkereiproduöte. 

massiger Weise Versuche abgestellt, erstebs über die Frage, wie lauge die 
Mileh in einem Apparat verweile und zweitens ob vielleicht, wenn auch 
nicht gerade der Tuberkelbacillus, so doch Keime, welche im vegetativen 
Zustande sich befinden, durch die Erhitzung mit dem betreffenden Apparate 
abgetodtet werden. Er habe hier eine Reihe von Abbildungen angebracht, 
welche die ConBtruction der Pasteurisirungsapparate veranschaulichen. 
(Der Vortragende demonstrirt an Zeichnungen die Construction mehrerer 
gebräuchlicherer Milchpasteurisirungsapparate und beschreibt die Durch» 
führung von Versuchen, welche Aufschluss geben, wie sich in einem be¬ 
stimmten Moment die in einen Apparat eintretende Milchportion in diesem 
weiter bewegt, und nach welcher Zeit die einzelnen Theilmengen dieser 
Milchportion wieder austreten. Die Resultate dieser Versuche, in Curven 
zur Darstellung gebracht, lassen erkennen, wie lange die einzelnen Antheile 
einer Milchportion der Erhitzung ausgesetzt sind, wie lange sie also auf die 
beabsichtigte Temperatur erhitzt worden sind.) 

Aus den Versuchen nun habe sich ergeben, dass bei allen Pasteuri- 
sirungsapparaten die eintretende Milch eine starke Vertheilung erfahre, so 
dass einzelne Antheile recht bald, andere sehr viel später aus dem Apparat 
wieder austreten, und dass je nach der Construction des Apparates der 
ganze Verlauf der Durchmischung und des Wiederaustrittes der Milch wie 
auch die Dauer der Erhitzung der einzelnen Antheile einer Milchportion 
verschieden sei. 

Bei den einfachsten Pasteurisirapparaten trete nach kaum einer halben 
Minute schon ein allerdings sehr geringer Theil der Milch aus, es folgen 
dann rasch grössere Mengen, so dass bei einer Minute nach dem Eintritt 
der Milch der Antheil am grössten sei. Immerhin werden drei Viertel der 
gesammten Milchportion einer Erbitzungsdauer von etwa 30 Secunden bis 
5 Minuten ausgesetzt. 

Bei den complicirten Apparaten „mit getrennter Führung“, bei denen 
die Milch erBt in einen Vorraum gelange, in welchem sie schon so ziemlich 
auf die gewünschte Temperatur gebracht werde und dann erst in einen 
zweiten Raum, in welchem sie der Temperatur noch einige Zeit ausgesetzt 
sein solle, — verbleiben auch die ersten Antheile länger im Apparat, werden 
also länger erhitzt, so z. B. bei dem Apparat vom Bergedorfer Eisenwerk 
nahezu zwei Minuten.. Es handle sich dabei jedesmal um ganz geringe 
Mengen, welche, wie aus den Curven ersichtlich, gegenüber der Gesammt- 
menge kaum in Betracht kommen, wirklich beachtenswerthe Mengen treten 
erst später aus. Für diese Antheile Bei dann die Erhitzungsdauer je nach 
dem Fassungsvermögen des Apparates verschieden lang; je grösser der 
Apparat, desto länger werde die Erhitzung hinausgeschoben, weil eben die 
Milchmengen, mit welchen die eintretende Milch im Apparat vermischt 
werde, viel grösser seien. So sei die Erhitzungsdauer für drei Viertel der 
gesammten Menge einer in einem bestimmten Moment in den Apparat ein¬ 
tretenden Milchpoition beim wenig geräumigen Kleem ann’schen Hochdruck¬ 
pasteur lVa ff Minuten, beim umfangreichereren Hochdruckpasteur vom 
Bergedorfer Eisenwerk 4 bis 19 Minuten. 

Aus den Versuchen ergebe sich also, dass die grössere Menge der durch 
einen Pasteurisirapparat hindurchgehenden Milch sicher mehrere Minuten 


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80 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

lang erhitzt werde, und dass nur ganz verschwindend kleine Mengen 
sehr frühzeitig austreten, also nur sehr kurze Zeit der Erhitzung aus¬ 
gesetzt seien. 

Man könnte nun glauben, dass auf diese Weise Keime der Pasteuri¬ 
sirung entwischen könnten, und es sei das auch in der medicinischen Li¬ 
teratur bisher behauptet worden. Es habe ihm desshalb sehr viel daran 
gelegen, festzustelleu, ob eventuell Krankheitskeime auf diese Weise der 
Pasteurisirung, der Vernichtung, entwischen. Er sei nun nicht in der Lage, 
in einem praktischen Betriebe mit Krankheitskeimen selbst zu arbeiten. Es 
würde ja vielleicht mit Tuberkelbacillen möglich gewesen sein, da man ja 
voraussetze, dass an und für sich in der Milch Tuberkelbacillen enthalten 
seien. Aber immerhin leide der Ruf selbst einer Versuchsmolkerei darunter, 
wenn solche Versuche angestellt werden, und es sei ihm, wie gesagt, nicht 
möglich ge wesen, direct den Nachweis mit Tuberkelbacillen zu liefern. Er 
habe desshalb den indirecten Beweis angetreten, so zwar, dass er der ge- 
sammten zu erhitzenden Milch eine grosse Menge von einer Milchcultur des 
Bacillus prodigiosus zugefügt habe, um dann zu sehen, ob diese Bacterien&rt 
nach dem Erhitzen in der Milch wieder auftrete. Speciell habe er diesen 
Bacillus prodigiosus gewählt, weil dieser verhältnissmässig leicht wiederzu¬ 
finden und leicht nachzuweisen sei, und auf diese Weise ja das Resultat am 
besten gesichert sei. Es habe sich nun gezeigt, dass in keiuem Falle, auch 
selbst bei den einfachen Apparaten, — bei denen die Milch eben eintrete, 
durchgerührt und dann weiter befördert werde, — in der erhitzten Milch 
der Bacillus prodigiosus sich mehr gefunden habe, und er schliesse daraus, 
dass thatsächlich die Keime, soweit sie in vegetativer Form sich vorfinden, 
dass heisse also in lebender Form, nicht in der sogenannten Dauerform, als 
Sporen, — der Pasteurisirung bei 85° C. erliegen, auch wenn sie mit den 
einfachen Apparaten ausgeführt werde. Auch sei ihm vor Kurzem mit- 
getheilt worden, dass in dem Institut für Infectionskrankheiten directe Ver¬ 
suche mit Tuberkelbacillen gemacht worden seien, und dass auch diese Ver¬ 
suche gezeigt haben, dass Tuberkelbacillen sich in der pasteurisirten Milch 
nicht mehr finden. 

Man dürfe daher als sicher annehmen, 1. dass selbst eine sehr kurze 
Erhitzungsdauer für die Abtödtung vegetativer Keime genüge, und dass 
2. unsere gebräuchlichen Pasteurisirapparate der .an sie zu stellenden 
Anforderung, nämlich der sicheren Abtödtung vegetativer Bacterien, 
gerecht werden. 

Da die Krankheitskeime, mit Ausnahme des Milzbrandbacillus, bis jetzt 
nur in vegetativer Form bekannt seien und in Milch auch nur in dieser 
Form vorzukommen scheinen, so dürfe man auch folgern, dass die Pastenri- 
sirung der Milch bei 85° C. mit unseren Apparaten genüge, um die Krank¬ 
heitskeime in der Milch zur Vernichtung zu bringen. 

Das Molkereigewerbe würde also in der Lage sein, mit ihren Pasteurisir- 
apparaten eine krankheitskeimfreie Milch herzustellen und an den Markt 
zu bringen. 

Wie verhalte sich aber das consumirende Publicum zu solcher pasteuri¬ 
sirten Milch? In verschiedenen Städten sei von Seiten der Molkereien der 
Versuch gemacht worden, pasteurisirte Milch an das Publicum abzusetzen, 


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Hygiene der Molkereiproducte. 


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der Erfolg sei jedoch in den meisten Fällen ein ungünstiger gewesen: 
Das Publicum habe sich gegen solche „gekochte“ Milch ablehnend verhalten. 

Es möge sein, dass in den betreffenden Fällen nicht ganz richtig ver¬ 
fahren worden sei, dass vielleicht zu hoch erhitzt worden sei und es möge 
vor Allem an der nöthigen Aufklärung und Vorbereitung des Publicums 
gefehlt haben. Thatsache sei jedoch, dass die mit unseren Pasteurisir- 
apparaten — selbst den einfachsten, also nur kürzere Zeit erhitzenden — be¬ 
handelte Milch etwas Kochgeschmack habe. Für manchen Consumenten 
sei dieser Kochgeschmack allerdings kaum bemerkbar, namentlich wenn die 
Milch kühl genossen werde, wieder andere aber nehmen ihn sofort wahr, 
glauben dann, dass sie nicht frische, sondern alte, gestandene Milch vom 
Milchlieferanten erhalten haben, und weisen sie zurück. 

Es gelinge also nicht so ohne Weiteres, die Marktmilch durch eine 
mittelst Pasteurisirung krankheitskeimfrei gemachte Milch zu ersetzen; 
jedenfalls werde es den Meiereien nicht gelingen, wenn man nicht etwa durch 
Anwendung einer besonderen Bezeichnung und durch eine besondere Art 
des Verkaufs, etwa in Flaschen, das Publicum besonders darauf aufmerksam 
mache. Der Vertrieb solcher „ krankheitskeimfreier Milch“ in Flaschen 
vertheuere aber die Milch, wenn auch nur vielleicht um 1 bis 2 Pfg. pro 
Liter, und das sei eine Mehrausgabe, welche von demjenigen Theile des 
Publicums gemieden werde, der die meiste Milch verbrauche, und welchem 
man den Vorzug des Genusses gesunder Milch ganz besonders gerne zu¬ 
wenden möchte. Man würde also eine allgemeine Einführung der pasteuri- 
sirten Milch nur schwer erreichen können. 

Immerhin aber sei sie wünschenswerth, und da viele Consumenten die 
Milch doch erst nach vorheriger Aufkochung gemessen, so dürfte sich mit 
der Zeit doch ein wenn auch beschränkter Absatz für die pasteurisirte Milch 
finden, wenn nur das Publicum genügend aufgeklärt und darauf aufmerksam 
gemacht werde, dass es unter einer besonderen Bezeichnung, etwa unter der 
von Forsten bereits eingeführten Bezeichnung „krankheitskeimfreie 
Milch“, eine gesunde und länger haltbare Milch erhalte. 

Freilich werde auch dies immer nur ein Nothbehelf bleiben, und der 
vom Deutschen milchwirtschaftlichen Verein eingeschlagene Weg, die Milch 
indirect durch das Vieh zu saniren, sei entschieden der richtigere. Falls 
aber Einführung der pasteurisirten Milch nothwendig werden sollte, oder 
ein Wunsch des Publicums nach solcher Milch laut werden sollte, so dürfe 
damit gerechnet werden, dass technische Hindernisse nicht bestehen, und 
dass das Molkereigewerbe in der Lage sei, eine gesunde und doch wohl¬ 
schmeckende Mich zu liefern. 

Professor Dr. Lehmann (Würzburg) kann auf Grund einer zwei¬ 
jährigen praktischen Erfahrung bei der Controle einer städtischen Molkerei 
die Durchführbarkeit der von dem Referenten ausgesprochenen Gedanken 
vollständig bestätigen. Zwei Jahre lang, 1898 bis 1900, habe er den Be¬ 
trieb einer mittleren Molkerei in Würzburg in der Weise controlirt, dass er 
einmal das Pasteurisiren des Rahmes, aus dem die Butter hergestellt werde, 
zweitens das Sterilisiren der Kindermilch bacteriologisch sorgfältigst 
untersucht habe. Mit einem Bergedorff’schen Milchpasteuriseur oder 

Vierteljnhrsschrift für Gesundheitspflege, 1902. c 


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82 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. offen tl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Rahmp&8teuri8eur sei Rahm auf 85°G. erwärmt worden, die Temperatur, 
die jetzt allgemein als eine besonders empfehlenswerthe gelte. Auf diese 
Temperatur sei er in erster Linie durch Kostversuche gekommen, und dann 
durch Versuche im Becherglase heim Umrühren mit dem Glasstabe. Dabei 
habe sich ergeben, dass bei 85° C. eine enorme Verminderung der B&cterien 
eintrete, ohne dass eine nennenswerthe Veränderung des Geschmackes her¬ 
vorgebracht werde. Als Mittel von 60 bacteriologischen Untersuchungen 
habe sich ergeben, dass die Keimzahl, die vor dem Pasteurisiren im Rahm 
zwischen 12 und 30 Millionen geschwankt habe, nach dem Passiren des 
Apparates im Durchschnitt nur noch 8000 betragen habe, bei vielen Ver¬ 
suchen aber auch weniger: 5000, 2000, 1000, selbst 0. Aus diesen Ver¬ 
suchen dürfe man wohl den Schluss ziehen, dass die Gefahr, welche durch 
den Genuss der Milch oder des Rahms, oder der daraus hergestellten Butter 
hervorgebracht werden könne, durch das Erhitzen während 10 Minuten auf 
85° C. auf ein kaum taxirbares Minimum herabgesetzt werde. Er glaube, 
dass diese Constatirung im Zusammenhang mit den Mittheilungen der 
Herren Löffler und Weigmann weiter dazu beitragen werde, die Sache 
zu klären. 

Zur Frage der Möglichkeit, in derartigen Betrieben eine wirklich keim¬ 
freie Milch herzustellen, könne er mittheilen, dass er in den zwei Jahren 
über 500 Milchproben in dem Zustande untersucht habe, wie sie eingeliefert 
worden seien, und kurz nach der Sterilisirung, und dass diese Proben alle 
steril gewesen seien, d. h. dass sie kein Wachsthum auf der Gelatineplatte 
ergeben haben. Sie seien aber, mit Gelatineplatten geprüft, auch noch steril 
gewesen, nachdem sie 14 Tage bei Zimmertemperatur gestanden hätten. 
Die ganz wenigen Ausnahmen habe man zurückführen können entweder auf 
eine Beschädigung des Gummis oder — glücklicher Weise nur einmal — 
auf eine absichtliche directe Nachlässigkeit des Meiers. Der Meier, nachdem 
er den Tag vorher einen Verweis erhalten habe, habe gesagt, er wolle doch 
einmal sehen, ob diese complicirten Sterilisirungsgeschichten wirklich noth- 
wendig seien, und habe dann nur ganz kurze Zeit sterilisirt. Diese Milch 
sei nicht steril gewesen, sei bei Zimmertemperatur sehr rasch verdorben. 
Es sei desshalb gewiss wichtig, wie der Herr Referent gesagt habe, dass in 
Molkereien die grösste Gewissenhaftigkeit und Reinlichkeit in der Hand¬ 
habung der Vorschriften herrschen müsse, es sei dies aber auch eine der 
Hauptschwierigkeiten, eine Molkerei tadellos zu leiten. 

Dl*, med. Kurt Möller (Erfurt) knüpft daran an, dass der Herr Referent 
gesagt habe, dass es wie das Einschlagen einer Bombe gewirkt habe, als in 
diesem Jahre Herr Geheimrath Koch die Lehre von der Nichtidentität der 
Tuberculose der Rinder und des Menschen aufgestellt habe, und gewiss 
werde dies Erstaunen Alle ergriffen haben, die seit etwa zwei Jahrzehnten 
in diesem Glauben zu leben gewohnt seien. Es seien ja zweifellos ausser¬ 
ordentlich beachtenswerthe Experimente von Schütz und Koch, die be¬ 
wiesen haben, dass ein Uebergang von Menschentuberculose auf Rinder 
nicht stattfinde. Zweifellos seien auch sehr beachtenswerth die Beobach¬ 
tungen, die der Herr Referent erwähnt habe, die von Aerzten an Menschen 
gemacht seien. Es sei ja natürlich, dass es nur sehr wenige Aerzte geben 


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Hygiene der Molkereiproducte. 

werde, die derartige Experimente unternehmen, und in Folge dessen werde 
die Zahl solcher Experimente immer eine kleine bleiben. Desswegen sei 
man auf casuistische Mittheilungen zur Tuberculosefrage angewiesen, die 
sich im Laufe der Zeit vermehren werden, wenn erst einmal eine Grundlage 
gegeben sei. Diese zu beschaffen, sei der Zweck seiner Worte. 

Er verfüge über zwei Beobachtungen, die schon lange zurückliegen, 
die er aber nicht veröffentlicht habe. Denn da wir Alle in der Anschauung 
über die Identität der Rinder- und Menschentuberculose gelebt haben, seien 
dieselben von gar keinem besonderen Interesse gewesen. Beide Beobach¬ 
tungen beziehen sich auf junge, gesunde Metzger, von denen beim Schlachten 
perlsüchtiger Rinder der Eine sich in den Unterarm, der Andere in den 
Finger geschnitten habe, und bei denen beiden kurze Zeit nach diesem 
Schnitt ausgedehnte Sehnenscheidentuberculose aufgetreten sei, in deren In¬ 
halt er Tuberkelbacillen habe nachweisen können. Diese beiden Fälle 
scheinen ihm immerhin der Erwähnung werth. Durch die Koch-Schütz’- 
schen Experimente werde zwar gezeigt, dass der Uebergang der Menschen¬ 
tuberculose auf die Rinder nicht möglich sei, und ferner beweise das Kranken¬ 
material, welches sehr wenige primäre Darmtuberculosen aufweise, dass die 
Tuberculose der Rinder den menschlichen Darmcanal nur schwer oder gar 
nicht inficire. Vielleicht aber auch seien in den Verdauungssäften bestimmte 
chemische Ingredienzien enthalten, die die Tuberkelbacillen im Magendarm¬ 
canal abtödten oder abschwächen, jedenfalls aber scheine es ihm möglich, 
dass durch eine derartige directe Infection, wie er sie geschildert habe, die 
Tuberculose vom Rinde zum Menschen übertragen werden könne. Auf¬ 
schluss darüber, ob diese Anschauung richtig sei oder nicht, könne natür¬ 
lich erst die Zukunft bringen, in der der Impfversuch auf Thiere nicht unter¬ 
lassen werden dürfe. 

Reg. u. Geh. Medicinalrath Dr. Rapmund (Minden) erwähnt, dass 
es eine bekannte Thatsache Bei, dass Typhus sehr häufig durch Milch ver¬ 
breitet werde. Aber die in dieser Beziehung angestellten Ermittelungen 
haben stets ergeben — wenigstens bei nicht wenigen derartigen Epidemieen, 
die er in seiner amtlichen Eigenschaft zu beobachten Gelegenheit gehabt 
habe, — dass die Ursache der Verschleppung nicht in der Milch, sondern in 
dem Wasser zu suchen gewesen sei, mit dem entweder die Milchgefässe ge¬ 
spült oder die Milch verdünnt worden sei. Um so mehr müsse desshalb 
darauf Werth gelegt werden, dass bei allen Producenten, der Forderung 
des Herrn Referenten entsprechend, einwandfreies Wasser vorhanden sei. 
Das sei eine Forderung, deren Erfüllung, wie er dem Herrn Oekonomierath 
Plehn gegenüber betonen möchte, nicht viel Geld koste, und nicht bloss 
dem Milchconsumenten, sondern auch Milchproducenten und dessen Familie 
selbst zu Gute komme. 

Der von Herrn Oekonomierath Plehn mehrfach erwähnte Berliner Arzt 
sei übrigens mit manchen seiner Forderungen gar nicht so über das Ziel 
hinausgeschossen. Wenn er z. B. verlange, dass bei der Milchproduction 
Reinlichkeit herrsche, so könne man ihm nur vollkommen beistimmen, und 
wenn er wirklich, wie Herr Oekonomierath Plehn mitgetheilt habe, eine 
entschuldigende Erklärung wegen seiner zu weit gehenden Forderungen ab- 

6 * 


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84 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

gegeben habe, so hätte er das sicherlich nicht gethan, wenn er häufiger in 
Ställe hineingekommen wäre und Gelegenheit gehabt hätte, das Melken der 
Kühe zu beobachten. Hierbei lasse die Reinlichkeit erfahrungsgemäss viel 
zu wünschen übrig, obwohl sie nichts koste; denn Seife und Wasser seien 
bekanntlich billig. Es sei gar nicht nöthig, dass die Ställe cementirt oder 
gar mit Fliesen luxuriös ausgelegt seien, aber dass Reinlichkeit im Stalle 
herrsche, dass derjenige, der die Kühe melke, seine Arbeit mit reinen Händen 
verrichte, dass er das Euter vorher ab wasche u. dergl., das sei eines der 
wichtigsten Haupterfordemisse der Milchproduction, dessen Erfüllung nichts 
koste. Und das sollten sich die Herren Landwirthe merken. 

Was nun die Uebertragung von Diphtherie und Scharlach durch die 
Milch betreffe, so habe bei allen von ihm in dieser Beziehung beobachteten 
Fällen eine sorgfältig angestellte Ermittelung stets ergeben, dass nicht die 
Milch, sondern die Person des Milchproducenten oder Milchhändlers den 
Zwischenträger gebildet habe, also durch persönliche Uebertragung von 
Haus zu Haus die Infection hervorgerufen worden sei. Um derartige Ueber- 
tragungen zu verhüten, könne nicht streng genug verfahren werden. Wie 
häufig komme es vor, dass in einem Hause, in dem eine ansteckende Krank¬ 
heit herrsche, diese verheimlicht werde, bloss um den Milchhandel anstands¬ 
los fortsetzen zu können! Das müsse aber streng verboten werden; und 
die Beachtung dieses Verbots koste ebenfalls nichts. 

Herr Oekonomierath Plehn habe behauptet, dass der mehrfach erwähnte 
Berliner Arzt wenig verwaltungsrechtliche Kenntnisse an den Tag gelegt 
habe, indem er verlangt habe, dass jeder, der Milchhandel treibe und Milch 
producire, eine Concession haben müsse. Das sei wohl von dem Producenten 
auch nicht gemeint, sondern nur, dass jeder, der Milch in der Stadt ver¬ 
kaufen wolle, dies vorher bei der Polizeibehörde anzumelden habe. Zu einer 
solchen Vorschrift sei die Polizeibehörde ebenso berechtigt, wie zum Erlass 
besonderer Bestimmungen für den Verkauf von Kindermilch u. dergl. Sie 
könne z. B. vorschreiben, dass Milch als „Kindermilch“ nur verkauft werden 
dürfe, wenn der betreffende Milchproducent bestimmten Anordnungen in 
Bezug auf Fütterung und Reinhaltung der Milchkühe u. s. w. genüge, und 
wenn er sich einer ständigen thierärztlichen Controle unterstelle. Solche 
Vorschriften gebe es in vielen Städten und seien hier hervorgegangen aus 
der betreffenden städtischen Polizeiverwaltung nach vorherigen Verhand¬ 
lungen und im Einvernehmen mit den Landwirthen. Ein derartiges Vor¬ 
gehen sei dringend erwünscht. Denn nur wenn diejenigen Leute, die Milch 
verkaufen wollen, dies polizeilich an melden müssen, könne auch die erforder¬ 
liche Controle über sie geführt werden; dann sei die Polizeibehörde auch 
weit eher in der Lage zu controliren, ob in dem Hause des Milchhändlers 
eine ansteckende Krankheit herrsche. 

Professor Dr. Carl Fraenkel (Halle) erwähnt, dass es auf Grund 
der neueren Untersuchungen wohl keinem Zweifel mehr unterliege, dass es 
möglich sei und sicher gelinge, die Milch von allen pathogenen Bacterien 
zu befreien, wenn man sie nur eine entsprechend lange Zeit hindurch auf 
85°C. erwärme, d. h. der Pasteurisirung unterwerfe. Aber dazu bedürfe 
es, wie namentlich auch die Ausführungen von Prof. Weigmann dargethan 


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85 


Hygiene der Molkereiproducte. 

hätten, einer verhältnissmässig recht sorgfältigen Behandlung der Apparate 
und einer genauen Controle ihrer Thätigkeit, um zu sicheren Ergebnissen 
zu gelangen. Dass das in der Praxis zuweilen, sogar häufig, nicht geschehe, 
dafür habe der Herr Referent ein ganz interessantes Beispiel mitgetheilt. 
Unter Umständen benutze die mit der Wartung derartiger Apparate be¬ 
traute Persönlichkeit als Thermometer ihre Hand, die hierfür doch kein 
zuYerlässiges Instrument sei. Desswegen wolle es ihm scheinen, als ob die 
Sterilisationsapparate im engeren Sinne, die mit Siedetemperaturen 
arbeiten, gewisse Vorzüge besitzen. Wenn Dampf entwickelt werde oder 
die Milch ins Sieden gerathe, so sei dies ein Ereigniss, das einer missdeut¬ 
lichen Auslegung nicht mehr zugänglich erscheine, und also einen sicheren 
Anhalt dafür gewähre, dass der Apparat in der gehörigen Weise functionire. 

Nun habe man aber gegen den Gebrauch solcher Sterilisationsapparate 
eine Reihe von Bedenken geltend gemacht. Abgesehen davon, dass durch 
sie die Milch vertheuert werde, solle dadurch die Zusammensetzung der 
Milch verändert werden, ihre Wirkung solle nicht ganz zuverlässig sein, es 
solle eine Anzahl von Keimen ihrer Wirkung entgehen u. dergl. 

Was die Veränderung in der Zusammensetzung der Milch betreffe, so 
müsse er auf Grund eingehender Versuche und Erfahrungen behaupten, dass 
diese sich innerhalb bescheidener, erträglicher Grenzen halte, wenn man ge¬ 
wisse Vorsichtsmaassregeln beobachte, wenn die Milch also beispielsweise in 
kleinen Glasgefässen der Erhitzung ausgesetzt werde, wenn man die Gefässe 
zunächst im offenen Zustande dem Apparat überantworte und erst später 
schlies8e, wenn man die Sterilisationstemperatur nicht wesentlich über 100° C. 
steigere, ihre Dauer nicht über eine halbe Stunde hinaus ausdehne u. dergl. m. 
So behandelte Milch zeige weder eine Ausscheidung des Fettes aus dem 
Emulsionszustande noch eine wirklich auffallende Veränderung im Ge¬ 
schmack oder in der Färbung, und eine derartige Milch könne doch völlig 
keimfrei sein. 

Seit ungefähr vier Jahren werde in seinem Institut beispielsweise eine 
von der Halleschen Molkerei in der an gedeuteten Weise behandelte Milch 
auf ihren Keimgehalt untersucht, und die Resultate seien ausserordentlich 
günstige. Die sterilisirte, von Krankheitskeimen befreite Milch sei, unter 
welcher Bezeichnung sie in den Handel gebracht werde, bei Zimmertempe¬ 
ratur selbst in den heissesten Sommertagen stets unzersetzt und keimfrei 
geblieben, sie habe sogar die Feuerprobe eines wochenlangen Aufenthalts im 
Brutschrank meist ohne Schaden bestanden, und so gut wie niemals sei 
hierbei eine Flasche der Zersetzung anheimgefallen oder habe sich bei ge¬ 
nauer bacteriologischer Prüfung als keimhaltig erwiesen. Allerdings sei 
diese Milch auch in der sorgfältigsten und saubersten Weise, unter Beob¬ 
achtung aller derjenigen Vorsichtsmaassregeln gewonnen worden, auf welche 
der Vorredner mit gutem Recht hingewiesen habe. Das sei ja gewiss eine 
unerlässliche Vorbedingung für den Erfolg aller weiteren Maassnahmen, 
dass man schon im Kuhstall die genügende Sorgfalt beobachte. 

Er wiederhole, auch die Pasteurisirung möge unter Umständen ebenso 
befriedigende Ergebnisse liefern wie die Sterilisation; er sei keineswegs ein 
einseitiger Anhänger der letzteren. Aber er müsse doch dem Leitsatz des 
Herrn Referenten gegenüber darauf verweisen, dass man vorläufig eine 


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ö6 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

allgemeine Pasteurisirung oder Sterilisirung der Milch kaum verlangen 
könne, weil eine solche immer nur im Grossbetriebe möglich sei. Und 
desshalb komme er nun zu dem Schluss, dass auf dem Gebiete der Milch¬ 
hygiene so gut wie auf dem der Fleischhygiene eine wirkliche Besserung 
im Allgemeinen nur von einer immer weiteren Ueberführung der Klein¬ 
betriebe in den Grossbetrieb erwartet werden könne; die vielen Kleinbetriebe 
seien in der That ein Uebel ersten Ranges für die Milchhygiene. Ein sehr 
wesentlicher Fortschritt nach dieser Richtung sei die Bildung von Genossen- 
schaftsmolkereien. Aber auch damit sei man noch keineswegs am Ziel. 
Das werde vielmehr erst erreicht sein, wenn einmal wie für das Fleisch die 
Schlachthöfe, so für die Milch ähnliche Anstalten ins Leben gerufen seien, 
die den ganzen Verkehr von einer gemeinsamen Stelle aus regeln und be¬ 
aufsichtigen. Die Casse-Helm’sehe Eismilch gewähre die Möglichkeit, in 
sehr viel ausgedehnterem Maasse, als das bisher habe geschehen können, 
diesen Weg zu betreten. 

Die von dem Vorredner erwähnte, vielfach behauptete Uebertragung 
von Diphtherie und Scharlach durch die Milch könne man sich z. B. für 
Diphtherie vom bacteriologischen Standpunkte recht schlecht erklären, da 
der Diphtheriebacillus sich nur bei Temperaturen von etwa 20 bis 22° C. 
entwickele, zudem nicht in der Milch gedeihe, wenn diese nicht sterilisirt 
und von anderen concurrirenden Bacterien befreit sei. Wie solle er also in 
der Milch die angedeutete Rolle spielen können? Da sei ganz gewiss mit 
der Möglichkeit zu rechnen, dasB nämlich mit den Gefässen, in denen die 
Milch auf bewahrt werde, und die durch erkrankte Angestellte der betreffen¬ 
den Milchwirthschaft verunreinigt, berührt seien, der Ansteckungsstoff seine 
Ausbreitung finde. 

Hiermit ist die Discussion geschlossen und es erhält das Schluss¬ 
wort: 

Referent Geh. Med.-Rath Professor Dr. Löffler. „Meine Damen 
und Herren! Ich freue mich, dass im Grossen und Ganzen das, was ich 
gesagt habe, keinen Widerspruch erfahren hat, sondern als sachgemäss an¬ 
erkannt worden ist. 

„Was Herr Oekonomierath Plehn gesagt hat in Bezug auf die Aus¬ 
führungen des Arztes aus Berlin, ist ja von Herrn Geheimrath Rapmund 
schon zum Theil als nicht richtig zurückgewiesen worden. Aber ich muss 
doch noch hervorheben, dass in der That das, was da in diesem Artikel 
verlangt ist, bereits in der Praxis durchgeführt ist in einer grossen Stadt, 
in Dresden. Dort existirt eine Polizeiverordnung, nach welcher Jeder, der 
Milch in Dresden verkaufen will, dies polizeilich anmelden muss. Also da 
ist dieser Forderung vollkommen Genüge geleistet. 

„In Bezug auf die Futtermittel habe ich ja schon hervorgehoben, dass 
diese Frage durchaus noch nicht endgültig gelöst ist. Her Professor Weig- 
mann hat mitgetheilt, dass eine ganze Reihe von Stoffen nicht in die 
Milch übergehe, dass der Rübengeschmack der Butter nicht den verfütterten 
Rüben entstammt, sondern bacteriellen Ursprungs ist, dass Baumwollsamenöl 
in die Milch übergeht, während andere Oele, wie z. B. das Sesamöl, dies 


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87 


Hygiene der Molkereiproducte. 

nicht thun. Es müssen jedenfalls noch weitere thierphysiologische und 
chemische Untersuchungen ausgeführt werden, um festzustellen, ob und 
welche Futtermittel in der That eine besondere Gefahr bilden, insofern, als 
giftige Stoffe aus ihnen in die Milch übergehen. Es ist das eine Frage, die 
sehr schwierig zu beurtheilen sein wird, und die wahrscheinlich noch lange 
Zeit bis zu ihrer Lösung in Anspruch nehmen wird, inzwischen hat man 
aber, wie bereits gesagt, in manchen Verordnungen für Kindermilch schon 
Rücksicht genommen darauf, dass doch so etwas möglich ist. Diesbezüg¬ 
liche Vorschriften existiren. Sie existiren in in einer grossen preussischen 
Verordnung und sie existiren in zahlreichen Verordnungen, welche in 
grossen Städten erlassen worden sind. 

„Was nun die Mittheilungen von Herrn Dr. Müller anbelangt, seine 
zwei Beobachtungen, in welchen eine Uebertragung von thierischen Tuberkel¬ 
bacillen auf Fleischer durch Wunden an den Händen stattgefunden haben 
soll, so werden solche Fälle gerade künftighin ausserordentlich wichtig sein 
für weitere Untersuchungen nach der Richtung hin, ob nun diese Verände¬ 
rungen, welche sich von Rindertuberkelbacillenmaterial dem Anschein nach 
entwickelt haben, auch wirklich Rindertuberkelbacillen enthalten, und ob 
sich aus diesen localen Infectionen später allgemeine Tuberculosen entwickelt 
haben. Solche Fälle muss man aufzufinden suchen und studiren. Wir 
können nur wünschen, dass die praktischen Aerzte ihre Aufmerksamkeit 
darauf richten. Es sind ja übrigens ähnliche Fälle, wie die von Herrn Dr. 
Müller mitgetheilten, auch schon an anderen Orten beobachtet. So z. B. ist 
mir ein Fall mitgetheilt von Professor Bier in Greifswald. Er erzählte mir, 
dass er einen Fall gesehen habe, in welchem ein Mann sich ein Tättowirungs- 
zeichen, das er auf dem Arm hatte, ein schwarzes Zeichen, mit Milch weg¬ 
bringen wollte. Wenn man nämlich mit Milch nachtättowirt, so verschwindet 
die schwarze Tättowirung. Der Mann hat, ganz genau auf die tättowirten 
Stellen beschränkt, eine Eruption von tuberculosen Knoten bekommen. Die 
weitere Nachforschung hat ergeben, dass die Milch, mit der er dieses Weg- 
tättowiren vorgenommen hatte, von einer tuberculosen Kuh herstammte. 
Es fehlte aber auch in diesem Falle der endgültige Beweis, dass die Knoten 
durch Rindertuberkelbacillen hervorgebracht waren. Es wäre ja immerhin 
möglich, dass durch Speichel oder auf sonst irgend eine Weise menschliche 
Tuberkelbacillen in die Tättowirstiche eingeführt wären. Es wird desshalb 
nothwendig sein, künftighin derartige Fälle genau zu untersuchen. 

„Was die Uebertragung des Typhus anbelangt, so ist in der That in 
einer grossen Zahl von Epidemieen, wie Herr Geheimrath Rapmund aus- 
gefübrt hat, das Wasser als das Medium angesehen und nachgewiesen 
worden, durch welches allein die Typhusbacillen in die Milch hineingelangt 
sind. Es sind aber auch eine Anzahl von Fällen berichtet, in welchen 
zweifellos durch die Manipulation von Leuten, welche mit der Pflege von 
Typhuskranken zu thun hatten, die Keime in die Milch gelangt sein müssen, 
weil alle Wasserverhältnisse tadellos gewesen sind. In Bezug auf die Di¬ 
phtherie halte ich es ja sehr wohl für denkbar, dass durch Händler, welche 
mit kranken Kindern zu thun gehabt haben, auch die Diphtheriebacillen in 
die Häuser hineingekommen sind. Aber es ist doch sehr merkwürdig, 
dass in den beiden Beobachtungen, welche mir Herr College Deneke aus 


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88 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Stralsund mitgetheilt hat, eine so grosse Anzahl von Fällen, 45 und 34, 
alle durch denselben Milchmann hervorgerufen sein sollen. Ich könnte 
mir die grosse Zahl der Fälle nicht genügend erklären, wenn man nicht 
annehmen wollte, dass die gelieferte Milch die Bacillen enthalten habe. Ich 
glaube, die Frage ist noch nicht genügend aufgeklärt. Die Diphtherie¬ 
bacillen können sehr wohl in der sterilisirten Milch wachsen. Vielleicht 
kommt es nur darauf an, ob die Milch ganz frisch ist, wenn sie mit Di’ 
phtheriebacillen inficirt wird. Wenn sie ganz frisch ist, ist sie ja so gut wie 
sterilisirt. Dann ist es ja sehr wohl möglich, dass Diphtheriebacillen, die 
da hineingelangt sind, sich in derselben vermehren, und wenn die Milch 
dann noch gestanden hat bis zum Abend, dann ist es doch möglich, dass 
eine stärkere Anreicherung von Diphtheriebacillen stattgefunden hat. 

„Was nun zum Schluss den Punkt anlangt, bezüglich welches von 
Herrn Oekonomierath Plehn und von Herrn Collegen Fränkel eine etwas 
abweichende Ansicht geäussert worden ist, nämlich die Frage der Pasteuri- 
sirung der zum Verkauf gebrachten Milch, so möchte ich bemerken, dass 
die Meinungsverschiedenheit der Herren wohl durch ein kleines Missver- 
ständniss in der Auffassung meiner Forderung bedingt ist. Ich habe ver¬ 
langt, dass, da durch die Molkereien, wenn sie einmal inficirt sind, so 
schwere Gefahren und so ausgedehnte Erkrankungen hervorgerufen werden 
können, die Milch, welche von diesen Molkereien geliefert wird, pasteurisirt 
werden muss. Dass praktisch die Pasteunsirung der Milch jedem einzelnen 
kleinen Bauer auferlegt werden sollte, habe ich nicht verlangt, wiewohl 
theoretisch diese Forderung durchaus berechtigt ist. Es kommt ja manche 
Unreinlichkeit vor bei diesen kleinen Leuten, und es können gelegentlich 
sehr wohl Krankheitskeime in die • von ihnen gelieferte Milch kommen. 
Aber wenn dies nun auch einmal geschieht, so wird doch immer nur eine 
kleine Anzahl von Individuen dadurch betroffen werden, und nicht gleich 
eine grosse Menge von Menschen. Die Gefahr, welche von der Milch der 
kleinen Besitzer droht, ist daher verschwindend gering gegenüber der Ge¬ 
fahr, welche droht, wenn in eine Molkerei Krankheitskeime verschleppt 
werden. 

„Damit möchte ich meine Bemerkungen schliessen. 4 


Schluss der Sitzung 4 Uhr. 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen. 89 


Zweite Sitzung. 

Donnerstagt den 19. September, Vormittags 9 Uhr. 

Vorsitzender, Oberbürgermeister Schneider, eröffnet die 
Sitzung mit einigen geschäftlichen Mittheilungen und ertheilt hierauf Herrn 
Landes-Maschinen-Ingenieur A. Oslender das Wort zum Referat 
über den dritten Gegenstand der Tagesordnung: 

Fortschritte auf dem Gebiete centraler 
Heizungs- und Lüftungsanlagen für Wohnhäuser 
und öffentliche Gebäude im letzten Jahrzehnt. 

Referent, Landes- Maschinen -Ingenieur Oslender (Dasseldorf): 

„Hochansehnliche Versammlung! Geehrte Damen und Herren! Wenn 
ich es unternehme, Ihnen die während des letzten Jahrzehnts gemachten 
Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs - und Lüftungsanlagen 
durch einen einstündigen Vortrag ins Gedächtniss zurückzu rufen, so kann 
dies naturgemäss nur auf Kosten der Vollständigkeit des zu entwerfenden 
Bildes geschehen. Wie Sie wissen, verehrte Anwesende, sind die Fort¬ 
schritte in der Technik während der letzten zehn Jahre allenthalben ganz 
gewaltige gewesen und so auch namentlich im Heizungs- und Lüftungsfach, 
so dass unendlich viele und vielseitige Fortschritte auch hier zu ver¬ 
zeichnen sind, die alle zu erwähnen weit mehr Zeit in Anspruch nimmt, als 
mir zur Verfügung gestellt werden konnte. Ich muss daher um nachsichtige 
Beurtheilung bitten, wenn Jemand aus dieser Versammlung nicht das von 
mir erwähnt findet, was er wohl gern von mir berührt sehen mochte. In 
diesem Falle bietet die anschliessende Discussion noch Gelegenheit, Aus¬ 
kunft zu ertheilen, wovon ich daher durch Fragestellung ausgiebig Gebrauch 
zu machen bitte. 

„Meine Herren! Zur Beurtheilung der Fortschritte auf dem Gebiete 
centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen für Wohnhäuser und öflentliche 
Gebäude im letzten Jahrzehnt ist es nothwendig, den Stand der Entwicke¬ 
lung der Heizungs- und Lüftungstechnik in dem früheren Zeiträume kurz 
darzulegen. Da die letzte Epoche in der Entwickelung genannter Anlagen 
nicht genau mit dem Ende des verflossenen Jahrzehntes zusammenfällt, so 
wird es ferner nöthig, zur Kennzeichnung der letzten Entwickelungsstufe 
noch etwas weiter als bis zum Jahre 1890 zurückzugreifen, um ein zutreffen¬ 
des Bild der Fortschritte im letzten Jahrzehnt zu gewinnen. 

„Die letzte Epoche in der Entwickelung auf dem Gebiete centraler 
Heizungs- und Lüftungsanlagen für Wohnhäuser und öffentliche Gebäude 
setzte in Deutschland an und fällt in die Zeit der Erfindung und Vervoll¬ 
kommnung der Niederdruckdampfheizung, die uns in bemerkenswerther 
Weise in praktischer Anwendung ungefähr um das Jahr 1885 entgegentritt. 


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90 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 


„Bis dahin beherrschte bei grösseren Anlagen in Deutschland und 
Oesterreich hauptsächlich die Warmwasserheizung das Feld. Luftheizungen 
und Heisswasserheizungen wurden für weniger ausgedehnte und weniger 
kostspielige Anlagen gebaut. Bochdruckdampfheizungen kamen nur aus¬ 
nahmsweise in Deutschland und Oesterreich und für untergeordnete Zwecke 
zur Beheizung von Fabriken und kürzerem Aufenthalt oder vorübergehen¬ 
der Benutzung dienenden Versammlungs - und Schaustellungsräumen zur 
Anwendung. Für dauernde Anlagen suchte man die Dampfheizung wegen 
unüberwindbarer Uebelstände nicht unmittelbar, sondern als gemischtes 
Heizsystem, d. i. in Verbindung mit Wasser- oder Luftheizung, den örtlichen 
Verhältnissen entsprechend, nützlich zu verwerthen. 

„In der systematischen Entwickelung der Dampf - und Warmwasser¬ 
heizungen, Luft- und Heisswasserheizungen war in den letzten Jahren vor 
1885 ein gewisser Stillstand eingetreten. Die Anwendung der Dampf¬ 
heizung nahm zu dieser Zeit eher ab als zu. Die Fortschritte in der Ent¬ 
wickelung der Heizungs- und Lüftungsanlagen beschränkten sich auf Aus¬ 
bildung der Wärmeentwickeler und Heizkörperregulirungen. 

„Bei der Warmwasserheizung richtete sich demgemäss die Aufmerksam¬ 
keit auf die Kesselconstructionen, bei den Heisswasserheizungen auf Ver¬ 
vollkommnung der Heisswassererzeuger, bei der Luftheizung auf zweck- 
massigere Bauart der Luftheizöfen und Klappen. 

„Das Ausland war, abgesehen von Oesterreich, bis in die letzten Jahre 
vor 1885 nicht im Stande, auf die Entwickelung der deutschen Heizungs¬ 
und Lüftungstechnik wesentlich befruchtend einzuwirken. Deutschland hatte 
eben schon damals neben Oesterreich und Amerika eine führende Stellung 
in diesem Fache erlangt. Während England hauptsächlich bei den Wasser¬ 
heizungen verblieb und abgesehen von wenig verlockenden Kesselconstructio¬ 
nen kaum etwas Neues auf den Markt brachte, hielt Frankreich in der Haupt¬ 
sache an den Luftheizungen fest. Die Nachbarländer von Deutschland und 
Oesterreich: die Schweiz, Holland, Belgien, Dänemark und Russland, wurden 
von deutschen und österreichischen Heizungs-Ingenieuren fachlich beherrscht 
und immer mehr gewonnen. Russland, die Donaustaaten, die Türkei gaben 
ihre Aufträge nach Oesterreich und Deutschland, ja selbst aus Japan wandte 
man sich für die Beheizung von Staatsbauten nicht nach Amerika oder Eng¬ 
land, sondern an deutsche Heizungsfirmen. 

„Das Jahr 1883 stellte den deutschen Heizungs-Ingenieuren eine Auf¬ 
gabe von bis dahin ungewöhnlicher Grösse und Bedeutung, wodurch ein 
wesentlicher Einfluss auf die Entwickelung des Heizungs- und Lüftungs¬ 
faches ausgeübt wurde. Das Reichsamt des Innern hatte einen öffentlichen 
Wettbewerb um Erlangung von Entwürfen zur Heizungs- und Lüftungs¬ 
anlage für den neuen Reichstagsbau zu Berlin ausgeschrieben. Die Auf¬ 
gabe gab Gelegenheit, den damaligen Stand des Faches weiten Kreisen dar- 
zuthun, andererseits den deutschen Heizungs- und Lüftungstechnikern grosse 
Anregung zur Verwerthung und Darlegung der bisherigen Erfahrungen und 
Kenntnisse auf diesem damals schon hoch entwickelten technischen Sonder¬ 
gebiet. Die Mannigfaltigkeit und Grossartigkeit der bei Lösung der Preis¬ 
aufgabe von verschiedenen Bewerbern zu Tage getretenen Gedanken rief 
das Erstaunen des Preisrichtercollegiums hervor. Dank besonders auch den 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen. 91 

reichen Geldmitteln, welche die Reichstagsbau Verwaltung für den Zweck zur 
Verfügung gestellt hatte, wurde die Heizungs- und Lüftungsanlage des 
neuen Reichstagsgebäudes ein Denkstein in der Entwickelung des Heizungs¬ 
und Lüftungsfaches, der bei der Besprechung der Fortschritte auf diesem 
Gebiete nicht übersehen werden darf. 

„Die preisgekrönten Heizungstechniker hatten die Vortheile aller damals 
bekannten und als gut erprobten Heizsysteme für den Reichstagsbau zu 
verwerthen gesucht, und ergab sich daraus die Anwendung eines Misch¬ 
systems für die Heizungsanlage des Reichstagsgebäudes. 

„Hochdruckdampf besorgte die Wärmezufuhr vom weit abgelegenen 
Kesselhause zu den einzelnen Wärmevertheiiungscentren im Gebäude und 
diente zur Vorwärmung der Ventilationsluft. Demgemäss fiel die Wärme¬ 
übertragung von den Heizstellen in die beheizten Räume in der Hauptsache 
der Warmwasserheizung zu. Die grossen Säle, besonders auch der Sitzungs¬ 
saal für das Plenum, wurden mit Luftheizung beheizt 

„Die weitergehende unmittelbare Verwerthung des Hochdruckdampfes 
in der heute üblichen Weise kannte man damals noch nicht. Auf den Vortheil 
der Einheitlichkeit des Heizsystems musste für das Gebäude von vornherein 
verzichtet werden. Nichtsdestoweniger brachte die neue Heizungsanlage des 
Reichstagsbaues in der Ausführung eine grosse Zahl neuer Gedanken zur 
Verwirklichung, so in der Entfernung des Niederschlagwassers aus dem Rohr¬ 
netz und den Heizkörpern unter Ausschluss von Condenstöpfen, in der 
automatischen Zurückbeförderung des Niederschlagwassers aus dem Heiz¬ 
keller nach dem höher gelegenen Kesselhause mittelst automatisch gesteuerter 
Pumpen, in der Heizkörperanordnung über den Oberlichtern und in den 
hohen Fenstern zwecks Bekämpfung der Zugluft, in der Anwendung doppelter 
und mehrfacher Rohrleitungen zu den Warmwasserheizkörpern zwecks voll¬ 
kommener Regulirung des Wärmegrades und erhöhter Betriebssicherheit J ). 

„Die Lüftungsanlage des neuen Reichstagsgebäudes verdient mehr 
Interesse wie die Heizungsanlage. Sie entwickelte sich als einheitliches 
System und theilweise nach neuen Gesichtspunkten, insbesondere wurde 
dabei von der inzwischen dienstbar gemachten Elektricität umfassender 
Gebrauch gemacht. Acht mächtige Blackmann-Ventilatoren von 1*67 m bis 
2*10 m Flügeldurchmesser, von den Ankerwellen der Elektromotoren un¬ 
mittelbar in Bewegung gesetzt, besorgen die Zufuhr der Frischluft in das 
Gebäude wie das Hinaufschaffen der Abluft über Dach. Vier weitere Venti¬ 
latoren von 1*22 m bis 1*52 m Flügeldurchmesser dienen zur Heizung und 
Lüftung des grossen Sitzungssaales. Die Thermometerstände in den ein¬ 
zelnen Räumen werden auf elektrischem Wege in das Aufsichtszimmer des 
den Betrieb leitenden Heizungs-Ingenieurs übertragen. Von hier aus ist 
die Einstellung der Luftklappen auf hydraulischem Wege möglich gemacht. 
Durch umfassende Anwendung von Luftfiltrirungs - und Luftbefeuchtungs¬ 
einrichtungen , namentlich auch durch zahlreiche Anlagen von Luftnach- 
wärmkammern und Mischklappen suchte man die inzwischen erkannten 
Uebelstände der Luftheizung auszuschalten. 


M Vergl. Ausgeführte Heizungs- und Lüftungsanlagen von David Grove. 
Verlag von Wilhelm Ernst u. 8ohn, Berlin 1895. 


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92 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

„Die ganze Lüftungsanlage baut sich ebenso wie die Heizungsanlage 
auf streng wissenschaftlicher Grundlage auf, und werden hinderliche Luft¬ 
strömungen durch den mechanischen Betrieb der Lüftungsanlage sicher 
überwunden. Hierdurch wurde es u. a. möglich, für den grossen Sitzungs¬ 
saal eine, gegenüber der bisherigen Methode umgekehrt arbeitende Lüftungs¬ 
anlage zur Durchführung zu bringen, wobei die Frischluft an der Decke 
eintritt und die Saalluft durch den Fussboden abgesaugt wird. Diese Aus¬ 
führungsart war für Deutschland neu. Der Hauptcanal zur Zuleitung der 
frischen Ventilationsluft in das Gebäude nahm wegen seiner ungewöhnlich 
grossen Abmessungen ein hallenartiges Aussehen an. In zwei dreistöckigen 
Seitenhallen wird die Frischluft entweder vom Dach des Gebäudes oder 
aus den Gartenanlagen entnommen und durch Stofffilter besonderer Bauart 
entstaubt, mittelst heizbarer Wasserschalen befeuchtet, nachdem dieselbe 
durch Dampfheizkörper auf Zimmertemperatur vorgewärmt worden ist. 
Das Nachwärmen der Ventilationsluft auf Einströmungstemperatur geschieht 
in seitlich an den Hauptcanal anstossenden Heizkammern. Zur Nach¬ 
wärmung der Heizluft für den grossen Sitzungssaal benutzte man ihrer 
milden Heizwirkung halber Niederdruckwarmwasserheizkörper, welche wäh¬ 
rend der Nachtzeit mit grossgefässigen Warm Wasserkesseln zwecks Ver¬ 
meidung erheblicher Temperaturschwankungen verbunden werden. 

„Die Lüftungsanlage für den Reichstagsbau war und blieb durch diese 
Neuerungen vorbildlich für alle grösseren Lüftungsanlagen bis zur Jetztzeit, 
so für das Reichsgerichtsgebäude in Leipzig, das Rathhaus in Hamburg, das 
Justizgebäude in München und für die beiden Häuser der Abgeordneten 
Preussens. Nicht so die Heizungsanlage des Reichstagsgebäudes, der 
inzwischen bereits ein lebenskräftiger Mitbewerber durch Vervollkommnung 
der Dampfheizung erwachsen war, und gelangte letztere daher beim Rath¬ 
hausbau in Hamburg (Juli 1887) bereits zur Anwendung. 

„Mit dem Auftreten dieser neuen Beheizungsart, ungefähr um das Jahr 
1884, begann eine neue Epoche auf dem Gebiete centraler Heizungs- und 
Lüftungsanlagen für Wohnhäuser und öffentliche Gebäude. Deutschland 
hat den Vorzug, auch diese neue Epoche eingeleitet zu haben, indem es die 
Namen zweier deutschen Ingenieure sind, woran sich die neuen Erfindungen 
und Vervollkommnungen zur heutigen Niederdruckdampfheizung knüpfen. 
Diese deutschen Ingenieure, Bechern in Hagen und Käuffer in Mainz, 
haben sich durch ihr unermüdliches Vorwärtsstreben und zähes Festhalten 
an dem als gut Erkannten ein grosses Verdienst um den Fortschritt in der 
Heizungs- und Lüftungstechnik erworben. 

„Man pflegt gewöhnlich den zuerst genannten Ingenieur Adolph 
Bechern in Hagen i. W., den Mitbegründer der weithin bekannten Firma 
Bechern und Post, als den Erfinder der Niederdruckdampfheizung zu be¬ 
zeichnen. Das ist streng genommen unrichtig. Wenn auch Bechern der 
geniale Bahnbrecher für die Niederdruckdampfheizung war, und ohne die 
Ergebnisse seines Vorgehens wohl kaum die nachherigen, besonders auf 
Dampfheizungen bezüglichen Erfindungen gemacht worden wären, so muss 
doch der unlängst verstorbene Heizungs-Ingenieur Paul Käuffer in Mainz 
als der eigentliche Erfinder der heutigen Niederdruckdampfheizung bezeichnet 
werden. Die von Bechern angegebene Dampfheizung blieb in ihrem für 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen etc. 93 


die Brauchbarkeit der Heizung so wesentlichen Verhalten hinsichtlich der 
Regulirbarkeit der Heizkörper eine Hochdruckdampfheizung; ihre Heizkörper 
waren ebenso wenig unmittel¬ 
bar regulirbar wie bei dieser. 

Bekannt ist, wie der Erfinder 
sich mit grösserem oder ge¬ 
ringerem Erfolge bemüht hat, 
diesen Uebelstand durch die 
indirecte Regulirung bei An¬ 
wendung von Isolirmänteln zu 
beseitigen, und wie man sieb 
vom Standpunkte des Hygie¬ 
nikers aus mit vollstem Recht 
und mit Erfolg gegen dieses 
Gewaltmittel einer Heizkörper¬ 
regulirung schliesslich auf¬ 
gelehnt hat. Trotzdem ver¬ 
danken wir dem Erfindungs¬ 
geiste Bechern 7 s die unent¬ 
behrlichsten Vorbedingungen 
für den Betrieb der Nieder¬ 
druckdampfheizung, insbeson¬ 
dere den Grundgedanken zur 
selbstthätigen Regulirung der 
Centralheizungen, die Beein¬ 
flussung des Ganges der Feue¬ 
rung durch Regelung der 
Zimmerheizkörper und bei 
Dampfheizungen für Wohn- 
räume den selbstthätigen 
Rückfluss aller Condenswässer 
in den Dampfkessel. Es 
ist das besondere Verdienst 
Be ehern’8, diese Grund¬ 
gedanken 8ämmtlich in die 
Praxis, wenn auch nicht alle 
in der heutigen Anwendungs¬ 
form, übertragen zu haben, 
womit er gleichzeitig seinen 
Zeitgenossen das Werkzeug 
zur Weiterentwickelung und 
Vervollkommnung der Dampf¬ 
heizung in die Hand gab. 

Und dennoch ist diese Ver¬ 
vollkommnung bei der Dampf¬ 
heizung so wesentlich für k> © 

die Sache und so durchschlagend für den Erfolg, dass man nicht umhin 
kann, Bechern nur als den Pfadfinder, dagegen Käuffer als den eigent- 



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94 XXVI. Versammlung d. D. Vereine f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

liehen Erfinder der heutigen Niederdruckdampfheizung zu bezeichnen. Wie 
die Geschichte der Erfindungen so oft gezeigt hat, so war es auch hier; 
es mussten erst verschiedene Personen, wenn auch unabhängig von einander, 
zusammen wirken, um die Erfindung zu zeitigen und für die Praxis brauch¬ 
bar zu machen. [Zu vergleichen: Die schematische Darstellung der Ent¬ 
wickelung der Niederdruckdampfheizung aus der Hochdruckdampfheizung 
durch Bechern und Käuffer, Fig. 1, auf vorstehender Seite.] 

„Selbst der von Bechern für die Dampfheizung eingeführte selbst¬ 
tätige Feuerzugregler war in seinen Grundzügen vorbildlich schon 
vorhanden. Bechern hatte den Temperaturregulator der Eierbrut¬ 
apparate diesem Feuerregulator zu Grunde gelegt. Es ist dies ein ähn¬ 
licher Apparat, wie er Ihnen, meine Herren, jedenfalls wohl bekannt ist, 
unter Anderem auch an den sogenannten Kinderbrutkästen Verwendung 
findet. Wenn man die späteren Darlegungen Bechem’s bei Verteidigung 
des Wertes seiner Erfindungen anderen Wettbewerbungen gegenüber ins 
Auge fasst, so kann man sogar behaupten, dass er das Wesen der heutigen 
Niederdruckdampfheizung erst längere Zeit nach Bekanntwerden der 
Käuffer 1 sehen Niederdruckdampfheizungsanlage erfasst hat. Dies erklärt 
sich wohl damit, dass Bechern nicht wie Käuffer Heizungs - Ingenieur, 
sondern Hütten-Ingenieur von Beruf ist und daher in den 80er Jahren noch 
nicht die praktischen Erfahrungen mit den bisherigen Hochdruckdampf¬ 
heizungen und die Uebersicht über die Mängel und Mittel zur Beseitigung 
derselben bei den damals bekannten Heizsystemen besass als der berufs¬ 
mässige Heizungs - Ingenieur Käuffer. 

„Letzterer hatte die Ursache des Misserfolges Bechem’s bei der 
Heizkörperregulirung alsbald richtig erkannt; er wies 1889 mit allen 
Mitteln darauf hin, dass der hohe Betriebsdruck in der Bechem’schen 
Dampfheizung die Ursache dieses Misserfolges sei. Erst bei weiterer 
Verminderung des Betriebsdruckes in der Bechem’schen Dampfheizung 
sei eine brauchbare Heizungsanlage bei Fortfall der Isolirmäntel durch 
Anwendung von Regulirventilen an den Heizkörpern zu erzielen. Käuffer 
nannte die von ihm erfundene Dampfheizung wegen ihres in Folge 
niedrigen Betriebsdruckes grundverschiedenen Verhaltens im Vergleich 
zur Bechern’ sehen Dampfheizung auch nicht „Niederdruckdampf¬ 
heizung“, sondern „Wasserdunstheizung“, wiewohl diese Bezeichnung für 
das neue Heizsystem wenig zutreffend ist, indem selbst bei einer Ueber- 
druckspannung von nur 0*3 bis 1 m Wassersäule in einem geheizten KesBel 
wohl von niedrig gespannten Dämpfen, nicht aber von Wasserdunst die 
Rede sein kann. Die richtige Bezeichnung für das neuerfundene Heiz¬ 
systemwar aber bereits damals durch Bechern in der Bezeichnung „Nieder¬ 
druckdampfheizung“ vorweg in Anspruch genommen worden. 

„Die Bechem’sche Regulirungsmethode der Wärmequelle durch den 
Feuerzugregler wurde alsbald auch auf die verschiedenen anderen Heizungs¬ 
systeme übertragen, namentlich auch auf die Wasserheizungsanlagen. 

„Die Erfindung Käuffer’s brach sich nur langsam Bahn. Noch 
arbeiteten andere Heizungs - Ingenieure an der Aufgabe, die unmittelbare 
Regulirung der Heizkörper durch Ventile auch bei der Bechem’schen 
Dampfheizung möglich zu machen. Schweer, damals in Berlin, Gebrüder 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen. 95 

Körting in Hannover, auch Rudolph Otto Meyer in Hamburg verfielen 
auf den Gedanken, durch Wasserverschlüsse den Durchgang des Dampfes 
darch die Heizkörper- in die Condensleitung zu verhindern. Körting 
nannte eine derartige Heizanlage „ Niederdruckdampfheizung mit Wasser- 
syphonregulirung“. Käferle in Hannover versuchte den gleichen Zweck mit 
sehr engen, nur 5 mm weiten Condenswasserrohrleitungen unter gleich¬ 
zeitiger Anwendung von kurzen Wasserverschlüssen in Metalltaschen zu 
erreichen. Noch andere Heizungs - Ingenieure setzten Rückschlagventile 
oder gar Condenstöpfe in die Ausgangsleitungen der Heizkörper ein oder 
versuchten, den Dampfeintritt in die Condensleitungen durch Drosselung der 
letzteren oder deren Ausgänge mittelst hahn- oder ventilartig gebauter 
Regulirkörper zu verwehren. Abgesehen davon, dass die genannten Maass¬ 
nahmen sämmtlich die Anlagekosten der Bechem’schen Dampfheizung ver- 
theuerten, brachten dieselben den weiteren Nachtheil, dass die Heizungs¬ 
anlage um diese, bei richtiger Erkenntniss und Verwerthung des Käuffer’- 
schen Gedankens, ganz entbehrlichen Zuthaten verwickelter und daher 
betriebsunsicherer wurden. Manche traurige Erfahrung that inzwischen 
die Mängel dieser leider nur zu früh und zu sehr angepriesenen neuen 
Dampfheizungen dar, so dass das kaufende Publicum schliesslich den 
Neuerungen der Niederdruckdampfheizungen überhaupt misstrauisch gegen¬ 
überstand. Noch hatten die Heizungstechniker den Werth der Käuffer’- 
schen Erfindung nicht erfasst, wonach die einfachste Lösung der Auf¬ 
gabe in der weitergehenden Erniedrigung des Betriebsdruckes bei der 
Bechem’schen Dampfheizung zu finden war. Sie wurden vielfach wohl 
durch Käuffer selbst irre geleitet, der bereits einer neuen Aufgabe zu¬ 
strebte, nämlich der, ein allseitig geschlossenes Dampfheizsystem zu 
construiren und darauf bezügliche Patente nahm. 

„Dies war der Stand der Heizungs- und Lüftungstechnik ungefähr um 
das Jahr 1900. 

„Meine Herren! Es kann als wesentlicher Fortschritt auf dem Gebiete 
centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen für Wohnhäuser und öffentliche 
Gebäude gelten, dass um diese Zeit von verschiedenen deutschen Heizungs¬ 
technikern, hauptsächlich auch von Fritz Käferle in Hannover, darauf 
hingewiesen wurde, dass die sogenannten geschlossenen Dampfheizungs¬ 
anlagen, in welchen nach dem Vorgänge Käuffer’s der Luftinhalt angeblich 
nicht erneuert, nur hin- und hergeschoben werden sollte, ihres vielgerühmten 
Werthes baar seien, dass auch bei den offenen Niederdruckdampfheizungen, 
bei denen die Luft frei aus- und eingehen kann, ein Zusammenrosten in 
absehbarer Zeit nicht eintritt. Die Käuffer’sehe Niederdruckdampfheizung 
stellte sich nunmehr in ihrer grossen Einfachheit jedem Fachmann dar; 
ihre Anwendung war nicht mehr an bestimmte Patentansprüche gebunden; 
sie wurde in Folge dessen sehr bald Allgemeingut der Heizungs- und 
Lüftungstechniker, zumal inzwischen auch die Bechem’schen Patente theil- 
weise ausser Kraft getreten, theilweise durch zahlreiche ähnliche Construc- 
tionen ersetzt bezw. überholt worden waren. 

„Alsdann erschöpften sich die Heizungsfirmen in einer wahren Hoch- 
fluth von Erfindungeu neuer selbstthätiger Feuerzugregler und Heizkörper¬ 
ventile, welch letztere sämmtlich ihren Zweck mehr oder weniger darum 


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96 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

verfehlten, weil die nothwendigste Vorbedingung zur zuverlässigen Wirk¬ 
samkeit derselben unerfüllt blieb, nämlich die Bedingung, dass zur guten 
Function der Ventile die Beibehaltung des gleichen Druckunterschiedes vor 
und hinter dem Heizkörperventil unter allen vorkommenden Betriebsver¬ 
hältnissen der Heizungsanlage vorhanden sein muss. 

„Es ist das Verdienst des Heizungs-Ingenieurs August Schätzlein 
Berlin, diese letztere Aufgabe im Jahre 1894 auf ebenso einfache wie sinn¬ 
reiche Weise gelöst zu haben. Die Actien-Gesellschaft Schäfferu. Walcker 
zu Berlin trat im Jahre 1896 mit der Erfindung in die Oeffentlichkeit, indem 
dieselbe auf der Berliner Gewerbe- und Industrieausstellung eine betriebs¬ 
fähige Niederdruckdampfheizungsanlage nach dem Patent Schätzle vor¬ 
führte 1 ). Die Erfindung beruht darauf, dass ein von der Betriebsdruck¬ 
wassersäule getragener Schwimmer dem Sinken bezw. Steigen des Dampf¬ 
druckes vor den Heizkörperventilen entsprechend den Luftaustritt hinter 
den Ventilen befördert bezw. erschwert. Bisher hat der Schätzle’sche 
Gedanke noch nicht die Bedeutung gefunden, deren er würdig ist; denn 
das Schätzle’sche Heizsystem bringt uns der Lösung der weiteren Auf¬ 
gabe näher, der wir als Endziel in der Entwickelung der Centralheizungs¬ 
anlagen zuzustreben haben, nämlich der selbstthätigen Wärme¬ 
regulirung unserer Aufenthaltsräume. 

„Sie wissen, meine Herren, dass unsere Blutcirculation nach der Haut 
ein sehr wirksamer Wärmeregulator für den Körper ist, und dass der Körper 
sich innerhalb weiter Grenzen den äusseren Temperaturverhältnissen in 
Folge dessen anzupassen vermag. Wenn der Ueberschuss oder der Mangel 
an Wärme unangenehm empfunden wird, sind meist schon Temperaturen 
erreicht, die schon längere Zeit vorher nicht mehr als vortheilhaft für unsere 
Gesundheit zu bezeichnen waren und daher den Körper bereits nachtheilig 
beeinflusst haben. Andererseits sind einmal vorhandene Raumtemperaturen 
wegen der Wärmereservation der Massen und natürlichen Trägheit aller 
Heizmethoden nicht so rasch zu beseitigen, um ein zeitweiliges Unbehagen 
in den Aufenthaltsräumen ganz vermeiden zu können. Das Unbehagen und 
die Gesundheitsschädigung wiederholen sich um so öfter, je häufigeren 
Schwankungen die Raumtemperaturen unterworfen sind. Es erscheint daher 
nothwendig, einen vom persönlichen Wohlbefinden unabhängig arbeitenden 
Apparat für die Einhaltung einer gewählten Temperatur in den beheizten 
Aufenthaltsräumen verantwortlich zu machen, indem dieser Apparat voll¬ 
ständig automatisch die Regulirung der Heizkörper zu bewirken hat. 

„Nun ist es unmöglich, meine Herren, den Kesselbetriebsdruck einer 
Niederdruckdampfheizungsanlage constant zu erhalten. Auch der empfind¬ 
lichste Feuerzugregler kann dies nicht erreichen. Die Beschickungs - und 
Schürperioden werden den Dampfdruck stets beeinflussen; an continuirliche 
Beschickung und Schürung ist bei Feuerungen mit festen Brennstoffen 
kaum zu denken. Der Dampfdruck schwankt sogar sehr erheblich in jeder 
Niederdruckdampfheizung während des Betriebes. Wasserheizungen eignen 


*) cfr. A. Oslender, „Von der Versammlung der Heizung«- und Lüftungs¬ 
fachmänner vom 31. August bis 4. September 1896 in Berlin“. Centralblatt für 
allgemeine Gesundheitspflege XVI. Jahrgang. 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen. 97 

sich wegen der Temperaturschwankungen des geheizten Wassers und wegen 
des grossen WärmeerhaltungsVermögens der Heizkörper nicht zur selbst- 
thätigen Regulirung der Raumtemperaturen. Bei Luftheizungen kann der 
Auftrieb und damit die Luftein- und -Austrittsgeschwindigkeit nicht constant 
erhalten werden f da der Auftrieb insbesondere von der schwankenden 
Au88entemper&tnr abhängig ist. Somit kann von den bisher bekannten 
Centralheizungssystemen nur die Niederdruckdampfheizung die Vorbedingung 
zur 8elhstthätigen Regulirung der Raumtemperaturen erfüllen, vorausgesetzt, 
dass es gelingt, den Betriebsdruck für die Heizkörperventile constant zu 
erhalten, und diese wichtige Neuerung hat uns die Bauart Schätzle ge¬ 
bracht. Bei den Schätzle’sehen Niederdruckdampfheizungen muss die 
Raumerwärmung bei richtig bemessener Heizkörpergrösse ganz allein dem 
jeweilig geöffneten Ventilquerschnitt entsprechen, indem die Temperatur 
des in den Heizkörper eintretenden Dampfes beachtenswerten Schwankungen 
nicht unterliegt. Den Querschnitt der Heizkörperventile aber dem jeweiligen 
Stande der Zimmertemperaturen selbsttätig anzupassen, die Ventile also 
bald mehr oder weniger zu öffnen, bald zu schliessen, das wird bei dem 
hochentwickelten Stande der heutigen Maschinentechnik voraussichtlich sehr 
bald verwirklicht sein. Liegen doch schon heute eine grössere Zahl be¬ 
achtenswerter Vorschläge und praktische Ausführungen dazu vor J ). 

„Seit der Erfindung Schätzle’s sind nennenswerte Fortschritte in der 
Vervollkommnung der Heizsysteme nicht gemacht worden. Nichtsdesto¬ 
weniger ist die Entwickelung des Heizungs- und Lüftungsfaches nicht zum 
Stillstand gekommen. Die weiteren Fortschritte in der Entwickelung cen¬ 
traler Heizungs- und Lüftungsanlagen für Wohnhäuser und öffentliche 
Gebäude erstrecken sich einerseits auf die Anwendung centraler Beheizung 
auf grosse, weit verzweigt gelegene Gebäudegruppen, andererseits auf die 
Verbesserung des Heizbetriebes und die dadurch bedingte Erhöhung der 
Wirtschaftlichkeit, und zuletzt, nicht zum geringsten, auf die Vervoll¬ 
kommnung der Wärmeentwickler und der Heizkörper, sowie ihrer Regu¬ 
lirungsvorrichtungen. Diese Fortschritte sind zum Theil dem Einflüsse 
Amerikas, nainentlich auch durch die Weltausstellung in Chicago zuzu¬ 
schreiben. 

„Meine Herren! Amerika ist von jeher das Land kühner Projecte und 
dasFeld zur Verwirklichung grossartiger technischer Ideen gewesen. Werden 
doch drüben schon seit Jahren nach den Berichten der Fachblätter mancher¬ 
orts die Häuserreihen ganzer Strassen und Stadtteile durch Centralheizung 
erwärmt. Derartige Ausführungen waren bis vor Kurzem selbst in dem 
heiztechnisch weit vorgeschrittenen Deutschland fast unbekannt. Wohl 
beheizte man hier und da grössere zusammenhängende Miethhäuser, meist 
solche, die eine gemeinsame elektrische Beleuchtungsanlage besitzen, mit 
Dampf. Auch versuchte man es bei einzelnen nicht zu weit verzweigt ge¬ 
legenen Häusern derselben Anstalt mit Beheizung von einer Heizstelle 
aus, jedoch in solchen Fällen meist unter Zuhülfenabme eines Misch- 
heizsystemes. Indess blieb die horizontale Ausdehnung der Heizanlagen, 


*) Z. B. von David Grove in Berlin und von der 8ocidt6 industrielle de 
Mulhouse. Systeme G. Dorian (Juin 1900), Paris, boul. de Belleville 114. 

VtertetyahrMchrlft für Gesundheitspflege, 1962. 7 


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98 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

auch bei solchen Districtheizungen, immerhin auf kürzere Entfernungen 
beschränkt. Auch vereinigte man zu einer Centrale kaum jemals Heiz¬ 
anlagen für Gebäude, welche verschiedenen Zwecken dienen. 

„In letzterer Hinsicht hat die neueste Zeit einen grossen Fortschritt vorerst 
auf dem Gebiete centraler Beheizung öffentlicher Gebäude zu verzeichnen. 
Diesen Fortschritt verdanken wir dem Vorgehen des königl. sächsischen 
Bautenministeriums, das eine Reihe von bis jetzt vierzehn meist sehr grossen 
Öffentlichen Gebäuden in Dresden durch Anlage einer ausgedehnten Canal- 
und Rohrleitungsanlage innerhalb des Strassenkörpers mit einander zu 
einer einzigen Heizungscentrale verbindet und auf diese Weise mit Wärme 
versorgt. Die Anlage umfasst eine Centrale von jetzt zehn, später vierzehn 
Dampfkesseln von je 200 Quadratmeter Heizfläche, sie ist noch nicht ganz 
ausgebaut, jedoch schon letzten Winter mit Erfolg betrieben worden. Das 
thatkräftige Vorgehen des Ministeriums in Sachsen zeitigte auch andere 
Districtheizungen grösserer horizontaler Ausdehnung, wovon ich die Pro- 
vinzial-Heil- und Pflegeanstalten zu Galkhausen bei Köln und diejenige in 
Lüneburg, auch die Nervenheilanstalt in Gross - Schweidnitz bei Löbau in 
Sachsen als Beispiele anführe. Die Vortheile solcher Fernheizwerke springen 
in die Augen: vermehrte Reinlichkeit und Vereinfachung des Heizbetriebes, 
Vermeidung von Rauch- und Russbelästigung im stark bebauten Gelände, Ver¬ 
minderung der Feuersgefahr und bei richtiger Ausführung reichlicher wirt¬ 
schaftlicher Nutzen sind die Früchte solcher wohl durchdachter Unter¬ 
nehmungen. 

„Es liegt sehr nahe, die heute allerorts zur Anwendung gelangende 
Steinkohlenleuchtgas- und Wassergasheizung auf dieselbe Stufe mit Fernheiz¬ 
werken zu stellen, und derartigen Anlagen denselben Nutzen zuzusprechen. 
Meine Herren! Nichts ist unrichtiger als dieses. Vom Standpunkte des 
Gesundheitstechnikers aus muss sogar die Ausbreitung solcher Beheizungs¬ 
arten lebhaft beklagt werden. 

„Die vielen, oft schrecklichen Unfälle an solchen Gasheizungsanlagen 
bilden eine ständige Spalte in unseren Tagesblättern. Die nicht an die 
Oeffentlichkeit kommenden Gesundheitsschädigungen sind um so zahlreicher 
und nicht minder beachtenswerte Zeigt doch der Geruchssinn und das 
Verhalten der Zimmerpflanzen, ohne Zuhülfen ahme der chemischen Analyse, 
was uns in der Leuchtgasheizung in so verlockender und darum um so 
verderblicher Form als Heizungsart mit centraler Brennstoffzuführung ge¬ 
boten wird. Möchten Sie alle, meine Herren, als die berufensten 
Vertreter zur Wahrung der Gesundheit der Allgemeinheit, jeder 
in seinem Berufskreise, ihre Stimmen erheben, damitendlich die 
Leuchtgaswerke auf den Aussterbeetat gesetzt werden. Die¬ 
selben haben bei dem heutigen Stande der Heizungs- und Be¬ 
leuchtungstechnik keine Existenzberechtigung mehr undarbeiten 
den Wohlfahrtsbestrebungen unserer Zeit geradezu entgegen. 

„Hocherhitztes Wasser und Hochdruckdampf, letzterer auf dem Con- 
tinent, ersteres in Amerika haben in den vorerwähnten District- und Fern¬ 
heizungen ihre praktische Verwendbarkeit dargethan. Dass dieselbe centrale 
Heizstoffzuführung an Stelle von Steinkohlenleucht - oder Wassergas zur 
Beheizung von Wohngebäuden in dicht bebauten Geländen möglich ist, 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen. 99 

folgt daraus ohne Weiteres, ebenso wie die Vortheile solcher Beheizungs¬ 
methoden für die Nutzniesser auf der Hand liegen. Ich brauche dieselben 
nicht zu wiederholen und würden solche Heizungsanlagen auch aus Gründen 
der Gesundheitspflege mehr als bisher zu verwenden sein. Die Rauchplage 
könnte dabei mit einem Male beseitigt werden. 

„Auch die Fortschritte in der Bauart der Wärmeentwickler und 
Heizkörper verdankt der Continent dem Einflüsse der Amerikaner. Wer 
kennt heute nicht den Namen „Radiator“? Ein Heizkörper mit hohlen 
Rippen, bietet er den bedeutungsvollen Fortschritt, dass er reinigungsfähiger 
wie dieser ist und keiner Verkleidung bedarf, was für Wohlbefinden und 
Gesundheit nicht hoch genug zu veranschlagen ist. Glatte Radiatoren mit 
einem Gliederabstande von mindestens 40 mm Zwischenraum, auf Gonsolen 
montirt, sollten allen anderen gusseisernen Heizkörpern, ausser rippenlosen 
Plattenheizkörpern mit reinigungsfahigen, wandseitig gelegenen Heizflächen, 
entschieden vorgezogen werden. Es ist staunenswert!), wie rasch die deut¬ 
schen Firmen die Fabrikation der Radiatoren von den Amerikanern auf¬ 
genommen und weiter entwickelt haben. 

„Das zuletzt Gesagte gilt auch insbesondere von den amerikanischen 
Kesselbauarten. Täglich kommen neue Constructionen auf den Markt. Sie 
bestehen — leider möchte ich sagen — aus Gusseisen, bieten aber den Vor¬ 
theil einfacherer und rascherer Beschaffung und ermöglichen damit die 
grössere Verbreitung der Centralheizungsanlagen. Trotz dieser Vorzüge 
können sie die schmiedeeisernen Vollkessel, wenigstens bei grösseren An¬ 
lagen, niemals ersetzen und ziehe ich solche schon bei Kesselgrössen über 
8 qm jenen entschieden vor. Es würde zu weit führen, auch nur den Ver¬ 
such zu machen, eine Uebersicht über die neuen Kesselbauarten zu entwerfen. 
Sie bestehen sämmtlicb aus einer Anzahl gleichartiger, zusammengeschraubter 
Heizglieder und bedürfen keiner Einmauerung. Die Preislisten der Heiz¬ 
firmen geben über alle näheren Fragen Auskunft. Noch möchte ich die 
rostarmen und wasserrostreichen Kesselbauarten ihrer Eigenart wegen, nicht 
aber zur Empfehlung, erwähnen. Bemerkenswerth ist noch, dass heute auch 
Centralheizungskessel für Stein- und Braunkohlenfeuerung gebaut werden. 

„Die Fortschritte in den Heizkörperregulirungen sind echt deutschen 
Ursprungs. Für Dampfheizungen waren es zuerst die Nadelventile, welche 
nach dem Vorgänge Käuffer’s schon Ende der 80er Jahre vielfach Ver¬ 
breitung fanden. Man bohrte die Durchgangsöffnungen, die, wie schon 
der Name sagt, oft nur Nadelweite besassen, je nach der Stellung und dem 
Betriebsdrucke des Heizkörpers an Ort und Stelle auf solche Weite auf, dass 
sich der Heizkörper bei dem durch die Thätigkeit des Regulators am Kessel 
gewahrten höchsten Betriebsdruck eben noch mit Dampf füllen konnte. 
Schon Käuffer wandte ausser den Nadelventilen in richtiger Erkenntniss 
ihres grösseren Werthes präciser Regulirbarkeit Regulirhähne bei den Nieder¬ 
druckdampfheizungen an und passte er diese Regulirhähne dadurch den ört¬ 
lichen Betriebsdruckverhältnissen und der Grösse der Heizkörper an, dass 
er die Hahnküken, behufs Erzielung eines grösseren oder geringeren Dampf¬ 
durchlasses, mehr oder weniger von den Heizungsmonteuren flach feilen 
iiess. Indess zeigte sich hierbei, sowohl wie bei dem Aufbohren der Nadel¬ 
ventile, dass diese Arbeiten nur sehr schwierig richtig auszuführen und sehr 

7* 


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100 XXYI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

zeitraubend waren, auch einmal zu weit gebohrte Ventile oder zu stark an¬ 
gefeilte Hähne in dem jeweilig vorliegenden Falle nicht verwendbar blieben. 
Desshalb bemühten sich die Heizfirmen alsbald, die Anpassung der Ventil- 
und Hahnquerschnitte durch besondere Einstellvorrichtungen zu erzielen, 
welche eine Vordrosselung der Durchgangsquerschnitte herbeiführen und 
ihrer Bestimmung gemäss nur dem Eingeweihten, insbesondere also dem 
Heizungsmonteur zugänglich sind. Indess wurde bei den meisten dieser 
sogenannten Präcisionsventile und -hähne unbeachtet gelassen, dass in der 
Regel ein ausserordentlich geringer Durchgangsquerschnitt zur Erzielung 
der grössten Leistung eines Heizkörpers ausreichend ist, und dass die volle 
Oeffnuug des Querschnittes bei Anwendung von gewöhnlichen niederschraub- 
baren Ventilsitzen oder von Regulirhähnen mit gewöhnlicher rechteckiger 
Durchgangsöffnung schon bei der geringsten Handhabung des Ventil- oder 
Hahngriffes eingestellt wird, so dass sich die weitere Bewegung der Ventil¬ 
oder Hahnspindel als sogenannter „todter Gang“ darstellt. Eine Einstellung 
der Heizkörper nach dem Erwärmungsgrade der beheizten Räume ist also 
bei Anwendung solcher Regulirventile oder Hähne nahezu unmöglich. Die 
Regulirung der Zimmertemperatur kann nur durch abwechselndes An- und 
Abstellen des Heizkörpers, also nur bei fortwährender Aufmerksamkeit und 
Thätigkeit des Zimmerinsassen, und auch dann nur unvollkommen erreicht 
werden. 

„Es hat langer Zeit bedurft, ehe diesem ersichtlichen Mangel von Seiten 
der Heizungslieferanten und Ventilfabrikanten Rechnung getragen wurde, 
und auch heute noch leiden bei Weitem die meisten sogenannten Präcisions¬ 
ventile an dem erwähnten Uebelstande. Nur sehr wenige Ventil- bezw. Hahn¬ 
bauarten lassen eine wirkliche Einstellung des Heizkörpers nach dem Wärone- 
bedürfniss zu. Beachtenswerth ist unter diesen die Bauart von H. Rösicke 
in Berlin und Rudolph Otto Meyer in Hamburg, welche Heizfirmen eben¬ 
falls auch Regulirhähne vielfach verwenden. Der Grundgedanke dieser 
Bauarten ist die Verwendung dreieckiger an Stelle von rechteckigen Durch¬ 
gangsöffnungen, welche besonders bei spitzwinkeligen Dreiecken eine weit 
feinere Einstellung eines gewünschten Querschnittes als bei den landläufigen 
Bauarten ermöglicht. Die einmalige Regulirung des grössten Hahndurchganges 
für die höchste Heizkörperleistung findet durch Veränderung der Höhe des 
Dreieckes statt. Da das Dreieck auf dem ganzen Hahnkükenumfang ab¬ 
gewickelt ist, so erfolgt die Veränderung des Hahndurchganges in allen 
Spindelstellungen zwischen 0° und 360°, so dass ein sogenannter todter 
Gang hier nicht vorhanden ist. [Zu vergleichen die gegenüberstehenden bild¬ 
lichen Darstellungen Fig. 2 und 3.] 

„Bei den Heizkörperregulirungen würden auch die Regulirverfahren 
mittelst Condenswasserstauern der Firmen Gebrüder Pönsgen in Düsseldorf 
und Fritz Käferle in Hannover, sowie das sogenannte Luftumwälzungs¬ 
verfahren (D. R.-P. vom 27. Januar 1894) von Gebrüder Körting in Han¬ 
nover zu erwähnen sein. Schon zu Eingang meiner Ausführungen habe ich 
mich dahin ausgesprochen, dass ich die Condenswasserstauer, ebenso wie 
Condenstöpfe, die auch vielfach unter dem Namen Entleerer (System 
Heintze) von den Heizfirmen verkauft werden, für entbehrlich halte, so¬ 
fern genügende Sorgfalt auf Einstellung der Regulirventile verwendet und 


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Fig. 4. 


Zu Seite 100. 


1 



Einstellbarer Regulirhahn für Niederdrnckdampf- n. Warmwasserheizungen* 

Berichtigung: 

Die Abbildungen Fig. 1 bis 3 gehören zu S. 94; es stellen Fig. 1 eine 
Hochdruckdampfheizung, Fig. 2 eine Be ehern’sehe Dampfheizung 
und Pig. 3 eine Käuffer’sche Niederdruckdampfheizung dar. 

Auf Seite 94, Zeile 7 lies: Fig. 1 auf Seite 93 und Fig. 2 u. 3 auf ßeite 101. 
Auf Seite 100, Zeile 39 lies: Fig. 4. 


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Vorkehrung vor Ueberscl 
gelegten grössten Betrie 
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102 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

nügend empfindlichen Feuerzugregler möglich ist. Dem Luftumwälzungs¬ 
verfahren wird der Vortheil der Erniedrigung der Oberflächentemperatur 
der Heizkörper zugeschrieben. Wenn man bedenkt, dass bei der heute all¬ 
gemein üblichen Bemessung der Rohrweiten für 1 m Wassersäule Betriebs¬ 
druck die höchste auftretende Oberflächentemperatur des Heizkörpers etwa 
90°C. an der ungünstigsten Stelle beträgt, dass aber für gewöhnlich der 
Betriebsdruck viel niedriger als 1 m Wassersäule sein wird, und demgemäss 
auch die Dampftemperatur im Heizkörper sich weiter erniedrigt, so wird 
man begreifen, dass ein Bedürfniss zu einer künstlichen Herabsetzung der 
Heizkörperoberflächentemperatur bei den heutigen Niederdruckdampfhei¬ 
zungen thatsächlich nicht vorhanden ist. Auch kann, was als weiterer Vor¬ 
theil des Luftumwälzungsverfahrens hingestellt wird, die Verlegung der 
Wärme abgebenden Flächen der Heizkörper in die Nähe des Zimmerfuss- 
bodens sowohl durch Wahl niedrig gehaltener Heizkörper (eventuell von 
Rohrheizkörpern), als durch Anordnung der Dampfeinströmung nahe den 
Heizkörperfüssen, auch ohne Anwendung von besonderen Einströmungsröhren 
oder -düsen erzielt werden. Schliesslich ist das Luftumwälzungsverfähren 
nicht neu, indem es schon im Jahre 1891 von Käuffer u. Co. und deren 
Lizenzträger vielfach zur Anwendung gelangte a ), wobei sich ergab, dass 
auch ohne Anwendung besonderer Düsen, durch einfache Anordnung von 
Löchern in dem Einströmungsrohre innerhalb der Heizkörper, deren gleich- 
mässige Erwärmung erzielt wird. Es sei dabei noch weiter erwähnt, dass 
das Einströmungsrohr nicht zwecks Erniedrigung der Heizkörpertemperatur, 
sondern um eine sichere Entlüftung der Radiatorheizkörper zu gewährleisten, 
von Käuffer u. Co. und Anderen angeordnet wurde, wobei sich alsdann 
zeigte, dass auch ohne Anwendung der Einströmungsrohre die Entlüftung 
und vollständige Heizkörpererwärmung möglich ist und daher das Einströ¬ 
mungsrohr als überflüssig bei späteren Anlagen wieder fortgelassen wurde. 

„Meine Herren! Die weiteren Fortschritte auf dem Gebiete centraler 
Heizungs- und Lüftungsanlagen im letzten Jahrzehnt bestehen in der haupt¬ 
sächlich in dieser Zeit erfolgten Verbesserung der Betriebsaufsicht über der¬ 
artige Anlagen. Dem Beispiele Berlins und der rheinischen Provinzialver¬ 
waltung, welche bereits vor mehr als 20 Jahren die Nothwendigkeit einer 
fachmännischen Aufsicht über den Neubau und den Betrieb der Central - 
heizungs- und Lüftungsanlagen in den ihrer Verwaltung unterstellten Ge¬ 
bäuden erkannt haben, sind inzwischen eine ganze Anzahl grosser deutscher 
Städte in der Anstellung von Heizungsingenieuren als Beamte gefolgt. So 
sind etatsmässige Stellen für Heizungsingenieure bisher in den nachfolgen¬ 
den Städten geschaffen worden: München, Nürnberg, Dresden, Leipzig, 
Breslau, Stettin, Hamburg, Lübeck, Bremen, Cassel, Charlottenburg, Halle, 
Barmen, Düsseldorf, Köln, Frankfurt a. M. Mit jedem Jahre wird die Liste 
der städtischen Heizungsingenieure grösser, so dass sich bereits ein Mangel 
an dazu geeigneten Kräften, besonders an solchen mit ausreichender prak¬ 
tischer Erfahrung, worauf es bei Auswahl der Bewerber an erster Stelle 
ankommen sollte, fühlbar gemacht hat. Auch die Reichs- und preussische 


l ) Im December 1891 bemühte sich Käuffer erfolglos um Patenterlangung 
auf das Verfahren. 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen. 103 

Regierung haben für die Heizungs- und Lüftungsanlagen des Reichstags¬ 
gebäudes, bezw. der beiden Abgeordnetenhäuser Specialfachleute zur An¬ 
stellung gebracht, wenngleich von Heizungsingenieuren geleitete Bureaus 
zur Beschaffung und Betriebsunterhaltung der übrigen zahlreichen in Staats¬ 
gebäuden vorhandenen Heizungs- und Lüftungsanlagen zur Zeit in Deutsch¬ 
land noch nicht bestehen. — Die Gründung eines besonderen Lehrstuhles für 
Heizungs- und Lüftungstechnik an der grössten deutschen technischen Hoch¬ 
schule zu Berlin und, was besonders dabei yon Bedeutung ist, die Berufung 
eines Heizungsingenieurs auf denselben, darf nicht unerwähnt bleiben, 
ebenso dürfen die Verdienste dieses hervorragendsten Vertreters des Hei¬ 
zungs- und Lüftungsfaches, des Herrn Geheimen Regierungsrath Professor 
Rietschel, um die Entwickelung des Faches, bei Besprechung der Fort¬ 
schritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen im letzten 
Jahrzehnt nicht unangedeutet bleiben. 

„Meine Herren! Ist auf diese Weise besonders für Ueberwachung der 
Neuanlagen und des Betriebes der Centralheizungsanlagen in öffentlichen 
Gebäuden im letzten Jahrzehnt reichlich gesorgt worden, so wird um so mehr 
empfunden, dass es bisher noch an unabhängigen und unparteiischen Be- 
rathungsstellen für die ungezählten centralen Heizungs- und Lüftungsanlagen 
privater Wohnhäuser und Fabrikgebäude etc. fehlt Wie viel Geld und 
Aerger könnte durch die Errichtung solcher Berathungssteilen gespart wer¬ 
den, und wie gross würde der Nutzen derselben für die allgemeine Gesund¬ 
heitspflege sein! Dies näher zu erörtern, werden Sie mir, meine Herren, 
wohl erlassen können. Viele unter Ihnen, welche in die Lage gekommen 
sind, bei Beschaffung von Centralheizungsanlagen mitzuwirken, werden den 
Nutzen einer unparteiischen sachverständigen Berathung in solchen Fragen 
gewiss erkannt haben. Dass es nicht immer im Interesse des Besitzers einer 
Centralheizung ist, die sachverständige Aufsicht über den Betrieb und die 
Instandhaltung dem Lieferanten der Anlage oder einer Concurrenzflrma zu 
übertragen, lässt sich leicht begreifen. Sofern es aber hieran überhaupt fehlt, 
wird die Gesundheit der Hausbewohner, anstatt durch die Centralheizungs¬ 
anlage gepflegt, sehr oft schweren Schädigungen ausgesetzt, wie die Befund¬ 
berichte bei zufälligen Revisionen mancher Centralheizungs- und Lüftungs¬ 
anlagen sattsam dargethan haben. Auch bei der Brennmaterialauswahl und 
-beschaffung bedarf es sehr oft des sachverständigen Rathes, ebenso wie die 
Beurtheilung der angemessenen Verbrauchsmengen an Brennmaterial und 
bei reichen Erfahrungen und bei fortwährender Vergleichung gleichartiger 
Betriebe durch den erfahrenen Heizungsingenieur möglich ist. Allein hier¬ 
durch würden die Kosten einer derartigen Aufsicht über die privaten Central¬ 
heizungsbetriebe mehrfach eingebracht werden. Diese sich als dringend 
nothwendig erweisenden unabhängigen Beratungsstellen für Besitzer pri¬ 
vater centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen für Wohnhäuser, Fabriken etc. 
könnten durch Gründung von Ceutralheizungsüberwachungsver- 
einen nach Muster der Dampfkesselüberwachungsvereine ge¬ 
schaffen werden. Die Vereinsbeamten würden, wie bei den Dampfkessel¬ 
überwachungsvereinen, in allen den Bau und Betrieb von Centralheizungs- 

*) Vergl. Beilage zur Deutschen Bauzeitung vom Januar 1883. „TTeher Luft¬ 

heizung“ von J. H. Reinhardt in Würzburg. 


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und Lüftungsanlagen betreffenden Fragen Rath und Auskunft ertheilen, bei 
Aufstellung von Programmen zu Heizungs- und Lüftungsanlagen mitwirken 
können, die Prüfung der Entwürfe und Angebote solcher Anlagen übernehmen, 
und als Sachverständige, Preis- und Schiedsrichter in allen derartigen Fragen 
thätig sein. Die Kosten für die Thätigkeit der Vereinsbeamten würden, wie 
bei den Dampfkesselüberwachungsvereinen, durch Vereinsbeiträge zu decken 
sein. Bei der grossen Verbreitung der Centralheizungs- und Lüftungsanlagen 
können letztere voraussichtlich sehr niedrig gehalten werden. 

„Meine Herren! Konnten wir im verflossenen Jahrzehnt bei den Central¬ 
heizungsanlagen erfreulicher Weise eine fortgesetzte Entwickelung beob¬ 
achten, so ist das bei den Lüftungsanlagen kaum, jedenfalls nicht in dem 
gleichen Maasse der Fall. Für manche Verwaltungsstellen hat es sogar den 
Anschein, als sei dort das Verständniss für die Lüftungsanlagen in den 
letzten Jahren im Rückgänge begriffen. Aus den erst vor Kurzem (24. März 
1901) erschienenen neuen ministeriellen „Anweisungen zur Herstellung und 
Unterhaltung von Centralheizungs- und Lüftungsanlagen“ *) ist unverkenn¬ 
bar zu entnehmen, dass die Anforderungen an die Lüftungsanlagen seitens der 
preussischen Staatsbehörde seit dem Jahre 1885 wesentlich ermässigt worden 
sind, während die Heizungsanlagen sowohl bei der Neubeschaffung als auch 
in der Betriebsaufsicht schärfer und eingehender beachtet werden. So ist 
beispielsweise auch die Grösse des Luftwechsels neuerdings wieder niedriger 
bemessen, als noch 1893 festgesetzt worden war und, was die Hauptsache 
ist, es sind die früher den Staatsbaubeamten wenigstens zweimal jährlich 
zur Pflicht gemachten Messungen des Luftwechsels und Feststellungen der 
Luftbeschaffenheit mittelst des Kohlensäureapparates und des Hygrometers 
ganz in Fortfall gekommen. Damit ist die zuverlässige Controle des sach- 
gemässen Betriebes der Lüftungsanlagen selbstredend auch gefallen und die 
gute Function derselben den Heizern überlassen, die bekanntlich zur Ver¬ 
minderung ihrer Arbeitsleistungen für die möglichste Abstellung der Lüf¬ 
tungsanlagen bemüht bleiben werden. 

„Auch bei manchen Gemeindeverwaltungen sind die Lüftungsanlagen zu 
Gunsten der Heizungsanlagen sehr erheblich in den Hintergrund getreten, 
so beispielsweise bei den Münchener Schulheizungen, ein System, das leider 
auch hier und da in anderen Städten, u. a. neuerdings in Köln, Anwendung 
gefunden hat. Die Lüftungsanlage ist bei dem Münchener Schulheizungs¬ 
system scheinbar ausreichend vorhanden; aber eine derartige Anlage fnnc- 
tionirt nicht nach Erforderniss, weil es dabei an der Hauptsache, das ist 
am nothwendigen Auftrieb der frischen Zuluft fehlt. Die Abluftcanäle er¬ 
zeugen in Folge dessen eine Saugspannung in den Lehrsälen und damit 
Zugluft an Thüren und Fenstern. Da die Heizfläche für die Erwärmung 
der Ventilationsluft nicht im Keller des Schulgebäudes, sondern in den Lehr¬ 
sälen selbst aufgestellt ist, so ist die Erwärmung der Lehrsäle überreichlich 
gesichert und dadurch ein Ueberheizen der Lehrsäle, das besonders bei den 
Klassen der Lehrerinnen häufig beobachtet werden kann, leicht möglich ge¬ 
macht. Auch ist dem von manchen Lehrkräften sehr beliebten Aufstellen 
der Oberlichter an den Fenstern während des Unterrichtes, unter gleich- 


l ) Verlag von Wilhelm Ernst u. Sohn, Berlin 1901. 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen. 105 

zeitiger Einstellung der vollen Heizkraft des Ofens, zum Nachtheil der Ge¬ 
sundheit der Schulkinder, besonders bei grösserer Kälte, der grösste Vorschub 
geleistet. Während sich die Lehrpersonen durch Wahl einer günstig ge¬ 
legenen Aufenthaltsstelle im Schulsaale der zweifellos durch die geöffneten 
Oberlichtfenster entstehenden Zugluft entziehen können, sind die Schulkinder 
gezwungen, an ihren Plätzen zu verharren, und werden sich dieselben eines 
Einspruches gegen dieses Attentat auf ihre Gesundheit aus leicht begreif¬ 
lichen Gründen wohl enthalten. Die Hinlenkung der Aufmerksam¬ 
keit der Mediciner und der Schulbehörden auf diesen Uebel- 
Btand würde ich als dankenswerthen Erfolg meiner Ausfüh¬ 
rungen im Interesse der Gesundheitspflege unserer Schuljugend 
betrachten. 

„Meine Herren! Es bedarf zur Bekämpfung solcher Missstände eines 
gewissen Zwanges, und dieser besteht zunächst darin, dass Lüftungs¬ 
anlagen nach Münchener Muster möglichst verhindert werden und dass dafür 
Lüftungsanlagen an ihre Stelle gesetzt werden, die das Eintreten besagter 
Uebelstände vermeiden. Tritt die frische Luft mit einem gewissen Ueber- 
druck in den beheizten Raum ein, so hat sie das Bestreben, die Aussenluft 
an den unvermeidlichen Undichtigkeiten an Thüren und Fenstern zurück 
zu halten und damit schon die Zugluft zu bekämpfen. Der Ueberdruck kann 
durch mechanische Ventilation mittelst Ventilatoren oder Gompressoren, 
sowie durch Erwärmung der Zuluft im Kellergeschoss hervorgebracht wer¬ 
den, wobei auf ein richtiges Verhältniss der Querschnitte der Abluftcanäle 
zu den Luftzuführungscanälen zu achten bleibt. Beide Ventilationsmethoden 
sind in Anwendung, erstere besonders in England und Amerika. Von der 
mechanischen Ventilation wird in Deutschland für Schulheizungen noch wenig 
Gebrauch gemacht, dagegen ist die letztere Methode, durch Erwärmung der 
Zuluft im Untergeschoss einen Ueberdruck zu erzielen, bei uns besonders 
in Norddeutschland zu Hause. Es ist ferner nöthig, ein gewisses Mindest¬ 
masse an Frischluft den Schulen, Krankenhäusern und Versammlungsräumen 
durch die Art der Ausführung der Heizungs- und Lüftungsanlage unter 
allen Umständen zu sichern. Der Heizungsingenieur der Stadt Wien, Herr 
Bauinspector Hermann Beraneck, hat auf diesen Umstand, auf Grund 
seiner praktischen Erfahrungen bei den Wiener Schulheizungen im Jahre 
1896, zuerst hingewiesen und die Ausführungsart derartiger Heizungs- und 
Lüftungsanlagen angegeben. Beraneck nennt seine Schulheizungen Central¬ 
heizungsanlagen mit zwangs weiser Ventilation. Die Lüftung wird dadurch 
erzwungen, dass eine Abstellung derselben nur durch Rückgang der Tem¬ 
peratur in den beheizten Lehrsälen zu erkaufen ist. Ist also ein Raum bei 
den Beraneck’schen Anlagen genügend beheizt, so ist er auch zweckent¬ 
sprechend und hinreichend gelüftet. Gegen zu niedrige Raumtemperatur 
ist aber auch das Lehrerpersonal sehr empfindlich, während dasselbe den 
Aufenthalt in der verdorbenen Klassenluft erfahrungsgemäss weit weniger 
empfindet, zumal die Aufmerksamkeit doch zunächst auf den Unterrichts¬ 
gegenstand gerichtet ist, und der Geruchssinn bei Beurtheilung der Luft- 
verderbniss versagt, wenn die Luftverschlechterung des Aufenthaltsraumes 
allmählich im Beisein des Beobachtenden fortschreitet. Beraneck stellt 
nur in dem Falle Heizkörper in den Schulsälen auf, wenn der Wärmebedarf 


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in Folge der Abkühlung des Raumes grösser ist, als die dem Raume durch 
die eingeführte warme Luft von einer nicht zu überschreitenden Temperatur 
zuströmende Wärmemenge beträgt. Es ergeben sich danach meist nur für 
Eckräume und auch für diese nur verhältnissmässig kleine Heizkörper. 

„lieber Vorhandensein von Heizkörpern in den Lehr- oder Kranken* 
sälen selbst kann man getheilter Meinung sein. Ich vertrete die Ansicht, 
dass es besser ist, keine Heizkörper in den Schulsälen aufzustellen, und da¬ 
für lieber die Eintrittstemperatur oder die Stärke des Luftwechsels zu ver- 
grössern. Jedenfalls sollte man aber nur unverkleidete und von Hand ab¬ 
waschbare Heizkörper in den Schul- und Krankensälen unterbringen. Rippen¬ 
heizkörper hinter Vorsetzern und dazu in Mauernischen untergebracht, sind, 
weil reinigungsunfähig, hygienisch unzulässig, und auch aus diesem Grunde 
muss die Anwendung von Münchener Schulheizungen, trotz ihres billigen 
Anschaffungspreises, bekämpft werden. 

„Auch die unter meiner Leitung (1890 bis 1899) entstandenen Kölner 
Schulheizungen haben Lüftungsanlagen mit zwangsweiser Ventilation er¬ 
halten, wobei Mischklappen zur Anwendung gekommen sind. Die Luft 
wird mit Ausnahme von einer Schule, die mit Niederdruckdampfheizung 
versehen ist, durch Feuerluftheizung erwärmt. 

„Meine Herren! Ich fasse meine Ausführungen in folgenden Schluss¬ 
sätzen zusammen und stelle dieselben zur Discussion: 

1. Als Endziel der Bestrebungen zur Vervollkommnung der centralen 
Heizungs- und Lüftungsanlagen ist die vollständig selbstthätige 
Wärme- und Lüftungsregulirung in den Aufenthaltsräumen zu be¬ 
trachten. Für dicht bebautes Gelände ist centrale Heizstoffzufuhr 
zu den Aufenthaltsräumen anzustreben. Steinkohlenleuchtgas und 
Wassergas, einzeln oder gemischt verwendet, eignen sich wegen ihrer 
Gesundheitsscbädlichkeit nicht für diesen Zweck. 

2. Lüftungsanlagen sind für Gesundheit und Wohlbefinden nicht weniger 
wichtig wie Heizungsanlagen, und dürfen erstere daher nicht zu 
Gunsten der letzteren vernachlässigt werden. Für Schulen, Kranken¬ 
häuser und Versammlungsräume ist ein Mindestluftwechsel durch 
die Art der Einrichtung der Heizungs- und Lüftungsanlage zu er¬ 
zwingen. 

3. Durch Gründung von Centralheizungsüberwachuugsvereinen nach 
Muster der Dampfkesselüberwachungsvereine würde der zweckent¬ 
sprechende Bau und Betrieb der Heizungs- und Lüftungsanlagen 
wesentliche Förderung erfahren.“ 

Der Vorsitzende eröffnet hierauf die Discussion: 

Dr. Petruschky , Stadtrath und Director der hygienischen Unter¬ 
suchungsanstalt zu Danzig, ist der Ansicht, dass, so sehr auch die Heizungs¬ 
technik im Fortschritte begriffen sei, die Lüftungstechnik nicht immer Hand in 
Hand mit ihr geschritten sei; und doch sei gerade die Fortschaffung der ver¬ 
brauchten Luft und die Herbeischaffung frischer Luft eine der wichtigsten 
Forderungen der öffentlichen Gesundheitspflege. Der Herr Referent habe 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen. 107 

schon erwähnt, welche Nachtheile die Lüftung durch die alleinige Wirkung 
des auf steigenden warmen Abluft Stromes habe. Diese Art der Lüftung er¬ 
zeuge eine Saugspannung, diese wiederum begünstige Zugluft und habe 
noch einen Uebelstand, der namentlich für manche Kranke, für Asthmatiker 
und derart Leidende eine grosse Unannehmlichkeit bedinge, indem die Ein- 
athmung dieser etwas verdünnten und immer zur Verdünnung neigenden 
Luft bei ihnen Athmungsbeschwerden erzeuge. 

Als Möglichkeiten, diese Art der Saugspannung zu vermeiden, habe der 
Referent zwei genannt: erstens die mechanische durch Ventilatoren, die 
naturgemäss sehr kostspielig sei, und zweitens die Vorwärmung der zu- 
geführten frischen Luft. Es gebe aber auch noch eine dritte Methode, die 
anscheinend in Vergessenheit gerathen sei, die in den achtziger Jahren von 
dem Architekten Wuttke geschaffen, aber wohl in Folge gewisser Mängel, 
die ihr Anfangs angehaftet haben, wieder aufgegeben worden sei. Wuttke 
habe zur Lüftung die Triebkraft des Windes benutzt und diese vom Dach 
•her, also aus den oberen reinen Luftschichten, zugeführt. Es habe dies 
naturgemäss sehr grosse Vorth eile, wenn die einzuführende Luft nicht aus 
den dunstigen, unreinen Luftschichten der Städte, sondern von oben über 
die Dächer her aus den reinen Luftschichten, zugeführt werde. Diese Zu¬ 
führung von oben her durch den Wind könne in der Weise ausgenutzt 
werden, dass man einen Luftschacht einrichte, dessen Oeffnung sich durch 
eine mechanische Vorrichtung je nach der Richtung des Windes einstelle. 
Das sei aber eine mangelhafte Methode und sie habe sich desswegen nicht 
als praktisch erwiesen, weil solch eine mechanische, drehbare Vorrichtung 
leicht in Unordnung gerathe. Desshalb sei in Danzig, in dem Hause des Herrn 
Sanitätsrath Dr. Tornwaldt, der als Vorkämpfer dieser Lüftungsmethode 
in Danzig gewirkt habe, die Vorrichtung derart angebracht worden, dass 
vier getrennte Luftzuführungsschächte gebaut seien, von denen jeder gegen 
eine bestimmte Windrichtung oben offen sei, so dass, von woher auch der 
Wind komme, er immer in einen dieser Luftschächte hineindrücken müsse. 
Die anderen Luftschächte seien unten durch einfache Papierventile ge¬ 
schlossen , so dass eine saugende Wirkung der Windes verhindert werde. 
Die von dem Winde aus den reinen, oberen Luftschichten in die Schächte 
hineingedrückte Luft gelange nach unten in einen Sammelraum, in den 
Windkessel, in dem sich die Central-Heizungs Vorrichtung befinde. In diesem 
Privathause sei dies ein gemauerter Ofen, der noch durch besondere Vor¬ 
richtungen, durch besondere Ableitung der Feuerungsgase in starker Weise 
ausgenutzt werde, sö dass man die Erwärmung ziemlich schnell erreiche und 
dass sie andererseits auch ziemlich lange Vorhalte. Selbstverständlich könne 
man aber auch jede Centralheizungsanlage, jede Art von Heizkörpern bei 
dieser Art von Luftzuführung benutzen. Hierbei habe man also beide 
Lüftungsfactoren in Thätigkeit: die mehr active Wirkung des Windes, der 
sich geltend macht, auch wenn er noch so schwach sei, und dann der Auf¬ 
trieb der vorgewärmten Luft. Selbst bei dem geringsten Winde functionire 
diese Anlage ausgezeichnet und unter Vermeidung jeder Saugspannung: 
aber auch bei starkem Winde wirke die Anlage gut, da der grosse Weg, 
den die Luft zurücklege, die Heftigkeit und Ungleichheit des Druckes sehr 
abschwäche; in allen Fällen sei eiue ausreichende Lüftung der Räume er- 


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108 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

reicht. In den sechs Jahren, in denen die Einrichtung im Hause des Herrn 
Tornwaldt bestehe, habe sich diese Lüftung so ausgezeichnet bewährt, dass 
die Stadt Danzig sie für ein neu zu erbauendes Krankenhaus in die Pläne 
aufgenommen habe. 

Nach den in Danzig gemachten Erfahrungen habe er sich berufen ge¬ 
fühlt, die Herren Techniker und Hygieniker auf diese Art der Lüftung auf¬ 
merksam zu machen und sie wo möglich zu veranlassen, Versuche in etwas 
grösserem Maassstabe damit anzustellen, namentlich, da sie in keiner Weise 
theurer sei als die sonst bestehenden Lüftungseinrichtungen, und da sie 
seines Erachtens für Schulbauten und derartige Gebäude, in denen Ansamm¬ 
lungen von Menschen die Regel bilden, geradezu ein ideales Verfahren sei. 

Commerzienrat Ingenieur Uenneberg (Berlin) bemerkt, dass, wer 
immer zu dem weiten und wichtigen Fache der Centralheizungs - und 
Lüftungsanlagen in irgend welcher Beziehung stehe, es sicherlich mit grosser 
Freude begrüsst habe, dass der Verein nach längerer Pause auch dieses 
Capitel einmal wieder auf seine Tagesordnung gesetzt habe. Schon aus 
beruflichem Interesse heraus sei er dem Vortrage des Herrn Referenten mit 
der grössten Aufmerksamkeit gefolgt, aber zu seinem Bedauern müsse er 
bekennen, dass nach seinem subjectiven Empfinden dieses Referat, so um¬ 
fassend und fieissig und so durchdacht es auch sei, sich doch in einer 
Richtung bewegt habe, die seines Erachtens den Verhandlungen hier nicht 
angepasst sei. Der Verein für öffentliche Gesundheitspflege könne sich un¬ 
möglich mit den zahllosen Constructionsdetails, die auf einem so weiten Ge¬ 
biete existiren, des Näheren befassen, er müsse höhere und allgemeinere 
Gesichtspunkte zur Geltung bringen. Diejenigen, die beruflich an der 
Lösung der einschlägigen Fragen arbeiten, kämen gerade hierher, um zu 
hören, welche Richtung sie ihren Bestrebungen demnächst geben sollen. 
Aber irgend welche allgemeine Directiven seien in den Schusssätzen des Herrn 
Referenten nicht präcise zum Ausdruck gekommen. 

Man könne die Frage von zwei Seiten beurtheilen, von der technischen 
und von der hygienischen. Die technische Erörterung aber sei nicht so 
aufzufassen, als sollte hier entschieden werden, wie die verschiedenen Auf¬ 
gaben zu lösen seien, sondern es könne nur entschieden werden: was durch 
die Technik erreicht werden solle. 

Als Fachmann müsse er es aussprechen, dass nach der Arbeit eines 
Menschenalters — nicht nur von zehn Jahren — man jetzt über eine Fülle 
zweckmässiger und guter Constructionen verfüge. Die Erkenntniss des 
Wesens der einzelnen Heizungs- und LüftungsSysteme sei, dank namentlich 
den Arbeiten von Rietschel, eine so vollkommene geworden, dass man 
weniger danach strebe, in den Einzelheiten noch wieder besondere Voll¬ 
kommenheiten herbeizuführen — was ja an sich auch wünschenswerth 
sei —, sondern dass man in erster Linie jetzt das Bedürfnis fühle, von 
einem Forum, wie der Verein es darstelle, zu hören, welches die hygienischen 
Normen seien, nach denen man Heizungs- und Lüftungsanlagsn unter Be¬ 
nutzung der bekannten Constructionen anordnen und ausführen solle. 

Man vergegenwärtige sich, dass heut zu Tage noch fast in jeder Stadt die 
Schulheizungen nach besonderen Gesichtpunkten hergestellt werden; dass 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen. 10D 

man in der einen Stadt vollkommen andere Ansichten über die richtige 
Lüftnng und Heizung der Krankenhäuser habe, wie in der anderen, u. s. w. 
Da müsse man doch sagen: das Fach habe sich technisch zwar hoch ent¬ 
wickelt, aber vom Standpunkte der Hygiene aus sei noch ein gewisses Chaos 
der Anschauungen vorhanden, welches zu lichten weniger die construirenden 
Ingenieure berufen seien, als die Hygieniker, die sich mit der Gesundheits¬ 
pflege als solcher beschäftigen. 

Was den Technikern hauptsächlich das Leben schwer mache, das sei, 
dass ihr Fach durch den Gang der Dinge auf ein Niveau heruntergedrückt 
worden sei, welches seiner wissenschaftlichen Bedeutung und seiner Ver¬ 
bindung mit der Hygiene nicht entspreche. Die Heizungs-Ingenieure zählen 
heut zu Tage mehr oder weniger zu den bauuntemehmenden Firmen, sie 
werden behandelt wie Handwerker, und das Maass der geistigen Arbeit beim 
Bau von Heizungs- und Lüftungsanlagen werde nicht immer so gewürdigt, 
wie es verdiene. Man empfange dadurch auch nicht den Ansporn, weiter 
zu streben, und der Eifer, das Beste zu leisten, erlahme sehr leicht unter 
dem Drucke des Submissionswesens, welches nirgend schlechter angewandt 
sei, als gerade auf dieses Fach. Das seien aber Fragen, auf die Redner 
hier nicht eingehen könne und wolle. 

Er halte es für ganz falsch, wollte man, wie der Herr Referent Vor¬ 
schläge, ein so eng gestecktes Ziel sich setzen, wie etwa die selbstthätige 
Regulirung der Heizung und Lüftung innerhalb der Aufenthaltsräume. Man 
könne darüber zweierlei Meinung sein, ob diese Aufgabe überhaupt lösbar 
sei, er selbst sei der Meinung, sie sei unlösbar, und er würde seine kostbare 
Zeit nicht daran verschwenden, selbstthätige complicirte Mechanismen zu 
erfinden, um allenfalls der Sache nahe zu kommen. Darin liege unsere Auf¬ 
gabe nicht, sondern sie liege darin, dass man die Constructionen mehr und 
mehr ihrem eigentlichen hygienischen Zwecke anpasse und sie so einfach 
gestalte wie möglich und so allgemein verständlich wie möglich. 

Und da komme ein ganz wesentliches Moment hinzu: man müsse über¬ 
haupt die Keqntniss dieser Dinge in viel weitere Schichten tragen, als es 
bisher der Fall gewesen sei. Man stosse auf ein Vacuum von Anschauungen 
und Kenntnissen, welches ganz erstaunlich sei, wenn man mit den Reflectanten 
auf Heizungs- und Lüftungsanlagen in Berührung komme. Es gebe Bau¬ 
herren, die sich theure Häuser bauen lassen mit kostbaren technischen Ein¬ 
richtungen und es nicht einmal erfasst haben, worin der Unterschied zwi¬ 
schen einer Dampf- und einer Wasserheizung bestehe. Es liege da eben 
eine Lücke in unserer allgemeinen Bildung vor. Vergegenwärtige man sich, 
dass unsere Kinder sich heut zu Tage in ihren Mussestunden damit beschäftigen, 
Telephone zu bauen, dass die jungen Leute an Modellen von Locomotiven 
und Maschinen sich beschäftigen, dass sie mit grosser Gelehrsamkeit über 
Gleichstrom und Wechselstrom zu reden verstehen, wenn sie aus der Schule 
nach Hause kommen. Aber frage man einen strebsamen und intelligenten 
Tertianer oder Secundaner, ob er wisse, was eine Dampfheizung und was 
eine Wasserheizung sei, und ob er wisse, wie es sich mit dem Wärmebedarf 
in den menschlichen Wohnungen verhalte, und warum und wie stark ge¬ 
lüftet werden müsse — auch nur annähernd —, so sei darüber durchaus 
nichts von ihm zu erfahren. Und doch, so gut wie man sich bemühe, die 


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110 XXYI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentL Gesundheitspflege zu Rostock. 

Kenntniss der Nahrungsmittel in weitere Kreise zu tragen, so gut man über 
die F.rnährungstheorie auch schon die Jugend unterrichte, so gut müsste 
sie unterrichtet werden über das Bedürfnis des Menschen an Wärme und 
Luft. Und es sollte der Verein für öffentliche Gesundheitspflege es doch 
auch einmal versuchen, auf dieser Bahn uns weiter zu führen, vor allen 
Dingen dadurch, dass er gewisse Normen auf stelle, welche Kraft seiner 
Autorität allgemeine Anerkennung finden würden. Es dürfe nicht in der 
einen Stadt heissen: es seien im Krankenhause für ein Bett 30cbm Luft er¬ 
forderlich, während man in einer anderen der Ansicht sei, derselbe Kranke 
habe 80 cbm nöthig. Die Technik sei nicht in der Lage, einheitliche Grund¬ 
sätze zu befolgen und sich consequent weiter zu entwickeln, so lange der¬ 
artige principielle Ungleichheiten bestehen. 

Wenn er hätte vom geschäftlichen Standpunkte aus Schlusssätze 
aufstellen sollen, so würde er ungefähr gesagt haben: „Die Bestrebungen 
zur Vervollkommnung der Centralheizungs- und Lüftungsanlagen können 
nur dann den wünschenswerthen Erfolg haben, wenn die Besteller mehr wie 
bisher die geistige Arbeit der in dem Fache thätigen Ingenieure und 
Fabrikanten sowohl in Bezug auf die Gesammtanordnung wie die constructive 
Durchbildung zur Geltung kommen lassen, wenn sie nicht nur die Anlage¬ 
kosten, sondern auch die Kosten der Instandhaltung und des Betriebes in 
Rechnung ziehen, wenn sie streng auf eine sachgemässe Ausführung und 
die Verwendung tadellosen Materiales halten, wenn sie endlich mitwirken 
— insbesondere Aerzte und Architekten —, das ganze Fach von dem hem¬ 
menden Drucke des ihm in jeder Beziehung schädlichen Submissionswesens 
zu befreien.“ 

Aber dem höheren Standpunkte, wie er für den Verein für öffent¬ 
liche Gesundheitspflege in Frage komme, würde eher ein Satz ent¬ 
sprechen, wie der folgende: „Das Ziel aller Bestrebungen zur Vervoll¬ 
kommnung der Centralheizungs- und Lüftungsanlagen muss sein, sie in 
höherem Maasse wie bisher zu einem wesentlichen Hülfsmittel der Gesund¬ 
heitspflege zu gestalten. Dazu ist es erforderlich, dem Grundsätze allgemeine 
Anerkennung und Befolgung zu verschaffen, dass eine dem Laien verständliche 
und von ihm zu beherrschende richtige Vertheilung von Wärme und Luft 
auf die jeweils in Frage kommenden einzelnen Räume von Fall zu Fall, den 
hygienischen Bedürfnissen und allgemein anerkannten Normen entsprechend, 
durch die Anordnung und Durchbildung jeder Heizungs- und Lüftungsanlage 
sichergestellt sein muss.“ 

Dann wolle er noch ein kurzes Wort über die sogenannten Fernheiz- 
anlangen sagen und es aussprechen, dass einer der grössten Fortschritte, 
welche in der letzten Zeit gemacht worden seien, zweifellos der Bau grösserer 
Fernheizungsanlagen und Districtheizungen sei. Es sei nicht ganz richtig, 
dass das sächsische Ministerium ganz allein das Verdienst für sich in An¬ 
spruch nehmen könne, darin den Anfang gemacht zu haben. Die An¬ 
regung sei zweifellos von dort ausgegangen, aber es seien daraufhin doch 
auch andere Kräfte thätig gewesen, um die Construction und Ausführung 
des grossen Dresdener Werkes zu vollbringen. 

Derartige grosse Anlagen haben nicht nur einen wirthschaftlichen Zweck, 
sondern auch einen hygienischen, und zwar den, dass die Verqualmung 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler üeizungs- und Lüftungsanlagen. 111 

weiter Districte aufhöre, dass man es viel besser in der Hand habe, die Ver- 
theilung von Wärme und auch von Luft gleichmässig auf grosse Districte 
zu bewirken, und dass die Feuersgefahr aus all den Gebäuden, welche an 
eine derartige Anlage angeschlossen seien, mit einem Schlage entfernt sei. 
Man benutze bei diesen Fernleitungen thatsächlich bis jetzt den Dampf als 
Träger der Wärme, also für den Heizstofftransport, wie Herr Oslender 
sich ausdrücke. Er persönlich sei nicht sehr dafür eingenommen, dass man 
an Stelle des Dampfes Gas benutzen solle, indem man an einem Central¬ 
punkte Gas erzeuge und dann durch dessen Verbrennung an den einzelnen 
Gebrauchsstellen wiederum die Wärme entwickele; denn damit falle erstens 
der Vortheil, die Feuersgefahr einzuschränken, weg, und zweitens handele 
es sich dabei um einen Stoff, der gewisse Gefahren in sich berge. Die Ver¬ 
giftungsgefahr könne man mit der nöthigen Vorsicht allenfalls Yenneiden, 
aber die Explosionsgefahr bleibe, denn Gas werde stets ein Explosionsstoff 
genannt werden müssen, sobald es in Mischung mit atmosphärischer Luft 
trete, wie es bei der Verbrennung unerlässlich sei. Darin erblicke er vom 
Standpunkte dieses Vereines aus ein schweres Bedenken. Er könne sich 
auf eine Erörterung der Gasfernheizungsfrage hier nicht einlassen und 
wolle nur noch bemerken, dass er in einen Schlusssatz nicht hineinschreiben 
würde: „Dieser Stoff ist überhaupt auszuschliessen“, sondern er würde 
sagen: „Dieser Stoff ist vom hygienischen Standpunkte aus nicht un¬ 
bedenklich.“ 

Zum Schlüsse wolle er noch hervorheben, wo seiner Ansicht nach die 
Zukunft des Heizungswesens liege und wohin die weitere Entwickelung ge¬ 
leitet werden sollte: Nicht in der Auffindung, wie er schon einmal er¬ 
wähnt habe, kleiner sinnreicher Details — die ergeben sich durch den 
Kampf der Concurrenz und durch das Emporkommen immer neuer Kräfte 
und Mitarbeiter ganz von selbst —, sondern in der Vereinigung wirthschaft- 
licher Grundsätze mit hygienischen! In dem Wirthschaftsleben der be¬ 
theiligten Industrieen dränge Alles darauf hin, dass man zum Bau grösserer 
Districtheizungen übergehe, und zwar einheitlich auf eine Kategorie grosser 
Anlagen, welche bereits in stattlicher Zahl ohne Zuthun der Heizungstechnik 
entstanden seien. Das seien die grossen Licht- und Kraftwerke! Dort 
arbeiten ungezählte Pferdekräfte mit Hülfe colossaler Dampfkesselanlagen, 
und es bestehe heute noch die Schwierigkeit, diese Dampfkesselanlagen zu 
wirklich ökonomischen Arbeiten zu bringen, weil Licht- und Kraftbedarf 
grossen Schwankungen unterworfen seien, und in den Perioden ihrer Minima 
ein gewisser angesammelter Ueberschuss von Wärme nicht recht zur Ver¬ 
wendung gelangen könne. Da müsse die Technik ihre Hebel ansetzen, da 
müsse man alle Kräfte vereinen, um das Diagramm des Dampfverbrauches 
aus der jetzt schwankenden Curve in eine möglichst horizontale Linie zu 
verwandeln. In Dresden habe man zum ersten Male zielbewusst den Licht¬ 
bedarf durch den Wärmebedarf zu erzeugen gesucht. Der Erfolg sei nicht 
ausgehlieben. Damit sei man der Lösung eines wirthschaftlichen Problems 
von eminenter Bedeutung ein gutes Stück näher gekommen, darin liege eine 
grosse; Zukunft, wenn man niemals vergesse, dass neben den wirthschaft¬ 
lichen Aufgaben auch die hygienischen gefördert werden müssen. 


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112 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Erster Bürgermeister von Borscht (München) wendet sich gegen 
die Behauptungen des Referenten, dass in München das Lüftungswesen in 
den städtischen Schulen so sehr im Argen liege. Wenn die Schilderung des 
Referenten zutreffend sei, müsse sie mit vollem Recht die herbste Kritik 
herausfordern. Dem gegenüber müsse er doch constatiren, dass in der 
Presse, deren Spalten täglich für zahlreiche „Eingesandt“ offen stehe, und 
die allen Klagen über städtische Verhältnisse mit der grössten Bereitwillig¬ 
keit Raum gewähre, bis jetzt gerade über die Lüftung in den städtischen 
Schulen sehr wenig zu lesen gewesen sei — dass Beschwerden seitens der 
Eltern der Schulkinder, die in diesem Punkte auch nicht so zurückhaltend 
seien, wie von Seiten des Referenten angedeutet worden sei, ebenfalls nicht 
zu Ohren der Schulbehörde gelangt seien —, dass der seit 11 Jahren im 
Dienst der Stadt München stehende Heizungs- und Lüftungstechniker keine 
besonderen Anstände zu constatiren Veranlassung gehabt habe, — und dass 
endlich auch die Schulaufsichtsbehörde, deren Organe eine sehr häufige 
Controle nicht bloss des Schulunterrichtes, sondern auch der sonstigen Zu¬ 
stände in den städtischen Schulhäusern vornehmen, ebenfalls nichts Erheb¬ 
liches zu beanstanden gefunden habe. Dass die Stadt München gerade dem 
Heizungs- und Lüftungswesen in ihren Schulen die grösste Aufmerksamkeit 
zuwende, sei schon aus dem Kostenaufwande von 35 000 bis 40000 Mark 
zu entnehmen, die die Heizungs- und Lüftungsanlage in einem einzigen 
Schulhause erfordere. Also ganz so schlimm sei es wohl nicht, wenn auch 
nicht geleugnet werden solle, dass in München — wie gewiss auch anderorts — 
mancher Lehrer in Bezug auf die Temperatur in den Schulzimmern und die 
Handhabung der Lüftung seine eigenen Anschauungen haben möge. 

Noch zu einer anderen Bemerkung des Referenten müsse er einige 
Worte sagen, nämlich zu derjenigen, dass die Gaswerke eigentlich von der 
Bildfläche verschwinden sollten. Das sei doch wohl nur dahin zu verstehen, 
dass die Verwendung von Gas zu Heizzwecken zu beanstanden sei, und dass 
Gaswerke, die hauptsächlich für Heizungen bestimmt seien, für die Zukunft 
keine Existenzberechtigung mehr haben. Inwiefern dieser Satz richtig sei, 
vermöge er als Laie nicht zu beurtheilen, doch müsse er der Anschauung 
Ausdruck geben, daBs eine Industrie, in der Milliarden investirt seien, 
jedenfalls nicht so ohne Weiteres die Segel streichen werde, und dass auch 
da, wo Gasheizung eingeführt sei, die Technik Mittel und Wege finden 
werde, um sie auch in hygienischer Beziehung weniger bedenklich erscheinen 
zu lassen, als sie nach den Ausführungen des Herrn Referenten vielleicht 
erscheinen möge. 

Ingenieur Vetter (Berlin) ist der Ansicht, dass der Referent eine 
Frage nicht genügend beantwortet habe, nämlich diejenige, was die Gesund¬ 
heitspflege von den Centralheizungs- und Lüftungsanlagen zu erwarten habe. 
Und dazu sei es nicht nöthig, sich allzu sehr in Detailfragen zu verlieren. 

Die einzelnen Centralheizungssysteme seien schon jetzt ausserordentlich 
vervollkommnet, und die Industrie sei wohl in der Lage, wenn die Gesund¬ 
heitspflege den Bau guter Anlagen fordere, ihr vollauf Genüge zu leisten. 

Dann habe er in dem Vortrage des Referenten die Erwähnung der 
Warmwasserheizung vermisst, und dies müsse den Anschein erwecken, 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen etc. 113 

als ob die Zukunft der Centralheizung in erster Linie bei der Dampfheizung 
liege. Dieser Meinung neige er nicht zu, er sei der Ansicht, die Gesund¬ 
heitspflege solle in erster Linie auf das vollkommenere System der Warm¬ 
wasserheizung zurückgreifen, schon der Heizflächentemperatur wegen, die 
bei der Warmwasserheizung wesentlich geringer sei als bei der Dampf¬ 
heizung; denn zwischen den Heizflächentemperaturen beider Systeme, zwi¬ 
schen durchschnittlich 75° und ca. 101° und 102° läge die Verbrennungs¬ 
temperatur des Staubes. Die Warmwasserheizung sei also die hygienischere 
und gerade sie habe auch im letzten Jahrzehnt grosse Fortschritte gemacht, 
indem man die Fehler und Nachtheile, welche früher durch die Ungleichheit 
der Wärmeabgabe in den verschiedenen Stockwerken entstanden seien, voll¬ 
kommen beseitigt habe, so dass man heute thatsächlich gute Warmwasser¬ 
heizungen zu allererst in den Dienst der Gesundheitspflege stellen könne. 

Aber auch in der Niederdruck-Dampfheizung seien bedeutende 
Fortschritte gemacht worden; die Aufgabe der centralen Regulirung (vom 
Kessel für alle Heizkörper) sei ebensowohl als gelöst zu betrachten wie die 
der örtlichen Wärmeregulirung durch Ventile. Also auch hier sei die 
deutsche Industrie im Stande, Gutes zu leisten. 

Nun sei es aber auch nöthig, dass immer Gutes verlangt werde. 
Solle eine Central heizungs- und Lüftungsanlage einen wensentlichen hygieni¬ 
schen Nutzen schaffen, so dürfe das im Einzelnen anzuwendende System, 
sei es nun Warmwasserheizung oder Niederdruckdampfheizung oder ein 
anderes System, nur in der vollkommensten Durchbildung ver¬ 
wendet werden. Dann sei es aber falsch, Centralheizungs- und Lüftungs- 
anlagen durch Submission zu beschaffen, wie dies gerade im letzten Jahr¬ 
zehnt noch mehr als früher Mode geworden sei. Wenn eine so complicirte 
Anlage, wie es eine Heizungs- und Lüftungsanlage sei, von zwei Ingenieuren 
projectirt und veranschlagt werde, so kämen diese hinsichtlich der Con- 
struction und des Umfanges, folglich auch hinsichtlich des Preises der 
Anlage meistens zu sehr verschiedenen Resultaten, selbst wenn sie mit 
gleichen Einzelpreisen veranschlagen. Einer projectire nach den solidesten 
Grundsätzen, der Andere glaube von diesen mehr oder weniger ab¬ 
weichen zu dürfen. So komme es zu vollkommenen und unvollkommenen, 
zu hygienisch werthvollen und hygienisch bedenklichen Anlagen. Wenn 
nun bei den Submissionen, und das sei ja ihr Zweck, auf das niedrigste oder 
auf eines der niedrigsten Angebote vergeben werde, so sei es unvermeidlich, 
dass die Anlage gerade nach denjenigen Entwürfen ausgeführt werde, bei 
welchen der hygienische Gesichtspunkt am wenigsten zu seinem Recht gelange. 

In Betreff des Vorschlages des Referenten, Ueberwachungsvereine zu 
gründen, müsse er bekennen, dass er einen Ueberwachungsverein für den 
Betrieb von Centralheizungsanlagen nicht für dringend noth- 
wendig halte, denn die geringen Schwierigkeiten im Betriebe von Central¬ 
heizungsanlagen könne man auch ohne das beseitigen. Centralheizungs¬ 
anlagen und speciell deren Feuerungen seien heute so einfach und so 
gefahrlos, dass man auch dem Laien die Handhabung derartiger Apparate 
vollkommen überlassen könne. 

Anders stelle sich die Frage, ob es räthlich sei, den Bau der Central¬ 
heizungen zu überwachen, sei es durch Polizeiverordnung, sei es durch 

VierteljahrMchrift für Gesundheitspflege, 1902. 3 


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114 XXYI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentL Gesundheitspflege zu Rostock. 

Gesetz. Vom hygienischen Standpunkte aus werde die Frage wohl zu be¬ 
jahen sein, Niemand werde behaupten können, dass die sehr strenge Controle 
der Baupolizeiverordnungen, durch die der Bauende gezwungen werde, etwas 
hygienisch Unbedenkliches zu schaffen, dem Bauwesen geschadet habe, und 
so neige er zu der Meinung, es wäre kein grosses Unglück, wenn man noch 
einen Schritt weiter ginge und durch polizeiliche Verordnung verhindere, 
dass in einen solchen schönen Bau aus Ersparnissrücksichten eine un¬ 
genügende Heizungsanlage hineingesetzt werden dürfe. Es sei dies aber 
eine schwer zu beantwortende Frage, denn wenn es einerseits Gebäude 
gebe, in denen Vollkommenheit der Heizungsanlage mit Recht gefordert 
werden müsse, so gebe es aber auch Gebäude, wie z. B. Geschäftshäuser 
oder Gebäude zu industrieellen Zwecken, bei welchen eine derartige Härte 
bei der Beurtheilung der Anlage nicht nöthig und geradezu bedenklich 
sei. Wenn der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege es wünsche, 
so werde der Verband deutscher Centralheizungs-Industrieeller bereit sein, 
der Frage näher zu treten, ob der Gesundheitspflege thatsächüch genützt 
werde, wenn in irgend einer Weise der Bau, eventuell auch der Betrieb von 
Centralheizungsanlagen unter behördliche oder private Aufsicht zu stellen 
wäre, wie denn der Verband überhaupt bereit sei, dem Deutschen Vereine 
in Fragen der Centralheizungs- und Lüftungsanlagen stets Rath und jede 
gewünschte Auskunft zu ertheilen. 

Prof. Dr. 1. Pfeiffer (Rostock) erwähnt, der Herr Referent habe an den 
Anfang seiner Schlusssätze die Worte gesetzt: als Endziel der Bestrebungen 
zur Vervollkommnung der centralen Heizungs- und Lüftungsanlagen sei die 
vollständig selbstthätige Wärme- und Lüftungsregulirung in den Aufenthalts¬ 
räumen zu betrachten. Dieses Ziel werde wohl vollständig nie erreicht 
werden können, da die Ansprüche der Menschen an die Erwärmung des 
Raumes immer sehr verschieden seien, es werde also eine gewisse, den 
Wünschen des Einzelnen entsprechende Regulirung immer noch nöthig sein. 
Selbst wenn man aber dieses Ziel anstrebe, habe man damit zu rechnen, 
dass eine ganze Reihe von Anlagen bestehe, die dem Ziele noch nicht ge¬ 
recht werden, und in Folge dessen brauche man für diese Anlagen wenig¬ 
stens Einrichtungen, mit denen es möglich sei, eine Regulirung in der besten 
Weise vorzunehmen. Die Regulirung werde natürlich nur erfolgen können 
nach den Temperatur Verhältnissen des beheizten Raumes. Diese Temperatur¬ 
verhältnisse seien aber nur den Insassen zugänglich, wenn man nicht Appa¬ 
rate verwende, die auch den Heizer in die Lage versetzen, sich über die 
Temperatur in den einzelnen Räumen jeweils zu orientiren. Es existire nun 
ein von Prof. Mönnich in Rostock construirter Apparat, der es gestatte, 
von der Feuerungsstelle aus ganz genau die Temperatur in jedem einzelnen 
Raume zu controliren, und in Folge dessen auch ermögliche, den Wünschen 
eines jeden Insassen des Raumes, wenn es sich um einzelne Insassen handele, 
Rechnung zu tragen. Dies sei das Mönnich’sche Fernthermometer, 
das durchaus zuverlässig sei und zur Erreichung der Ziele der Central¬ 
heizungsanlagen , nämlich eine gleichmässige, den Wünschen des Einzelnen 
entsprechende Temperatur in den Räumen zu erzielen und zu erhalten, sehr 
förderlich sein werde. (Redner stellt eine Anzahl Broschüren über diesen 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen etc. 115 

Apparat zur Verfügung und fordert diejenigen Herren, die sich specieller 
dafür interessiren, den Apparat in Function zu sehen, auf, dies in der 
Centralheizungsanlage des Ständehauses oder an dem tadellos functionirenden 
Modell in seinem hygienischen Institut zu thun.) 

Ingenieur Director Pftttzner (Dresden) theilt mit, dass die von 
dem Herrn Referenten als nothwendig bezeichnete selbsttätige Regulirung 
der Heizung in den Räumen hauptsächlich bei der Niederdruckdampfheizung 
in Frage komme. Der hierbei als Heizmittel verwendete Dampf könne in 
seiner Temperatur vom Dampferzeuger aus nur wenig verändert werden, 
und es bleibe desshalb nur übrig, die Wärmeabgabe jedes einzelnen Heiz¬ 
körpers den wechselnden Wärmebedürfnissen der Räume gemäss durch 
Ventile zu reguliren. Dieses erfordere eine gewisse Aufmerksamkeit, zu 
welcher nicht immer Zeit und Lust vorhanden sei, und man ziehe dess¬ 
halb häufig vor, wenn es zu warm werde, die Fenster periodisch zu öffnen, 
wodurch ein unnöthiger Wärme Verlust entstehe. 

Bei der Warmwasserheizung dagegen sei die Temperatur des Heiz- 
mittelg in ziemlich weiten Grenzen — ca. 50° bis 90° C. — veränderlich, 
wodurch die Möglichkeit gegeben sei, vom Heizkessel aus die Wärmeabgabe 
der Heizkörper und damit auch die Temperatur der Räume zu regeln. Der 
Heizer habe dann nur nöthig, einige Räume zu controliren und dafür zu 
sorgen, dass bei gleichbleibender Aussentemperatur die Temperatur des 
Umlaufwassers am Kessel constant bleibe. Letzteres erfolge seit mehreren 
Jahren durch Regulatoren ganz selbetthätig. 

Zum Ausgleich der Einflüsse, welche Wind und Sonnenschein auf die 
Erwärmung der nach verschiedenen Seiten liegenden Räume ausübe, würden 
hei umfangreicheren Warmwasserheizungen getrennte Rücklaufleitungen vor¬ 
gesehen, mittelst Klappe sei die Umlaufgeschwindigkeit des Wassers in den¬ 
selben und damit gleichzeitig auch die Wärmeabgabe der Heizkörper vom 
Heizraum aus zu reguliren. Eine Regelung mittelst der Ventile an jedem 
einzelnen Heizkörper wie bei der Niederdruckdampfheizung sei bei der 
Warmwasserheizung erfahrungsmässig nur selten nothwendig. 

Was das System Wuttke betreffe, so wolle er bemerken, dass bei der 
Entnahme der frischen Luft vom Dach des Gebäudes häufig Rauch und Russ von 
benachbarten Schornsteinen mit der Luft in die Zimmer eingetrieben werde. 
Schon aus diesem Grunde habe man derartig angelegte Luftschöpfstellen 
wieder beseitigen und mehr nach dem Strassenniveau verlegen müssen. 

Schliesslich müsse er noch die Dringlichkeit der schon vorher erwähnten 
Schaffung von Normen für Lüftungsanlagen erwähnen und wünschen, dass 
möglichst sofort eine Commission zur Berathung und Feststellung derselben 
gewählt werde; der Verein werde sich damit ein grosses Verdienst erwerben. 

Director Dr. Petruschky (Danzig) meint, der Einwand, dass bei 
dem Wuttke’schen System Rauch aus den benachbarten Schornsteinen in 
den Lüftungscanal eindringe, sei erklärlich, und er habe sehr gründlich 
nachgeforscht, in wie weit derselbe begründet sei. Das erwähnte Haus liege 
in einer Strasse mit geschlossener Bauart, eine ganze Menge von Schorn¬ 
steinen sei in der Nähe, die durchaus nicht rauchlos arbeiten, sondern er- 

8 * 


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116 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öfi’entl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

heblich rauchen, und trotzdem leide die Ventilationsanlage in dem Hause 
nicht den geringsten Schaden dadurch. Es liege dies aber lediglich an der 
baulichen Anlage. Der Rauch der Schornsteine steige immer aufwärts, 
während der Winddruck horizontal wirke, der Schornstein brauche also nur 
höher zu sein als die Oeffnungen der Luftschächte, um Rauchplage zu ver¬ 
meiden. Thatsache sei, dass Rauchplage sich bei der erwähnten Anlage nie 
geltend gemacht habe, und jedenfalls seien die oberen Luftschichten, in denen 
sich die Einmündung der Luftzuführungsschächte befinde, immer noch viel 
reiner als die im Strassenniveau vorhandene Luft, in der niedergeschlagener 
Rauch sich ebenso finde, wie in den oberen Schichten, überdies aber viel 
Staub, übele Gerüche und Luft, die von anderen Menschen schon geathmet 
worden sei. Entscheiden könne übrigens in einer solchen Angelegenheit 
nur die Erfahrung, nicht theoretische Betrachtungen, und die Erfahrung 
habe in Danzig zu Gunsten der Anlage entschieden. 

Ingenieur Yetter (Berlin) warnt davor, dass ein Laie, der sich eine 
Lüftungsanlage bestelle, von dem ausführenden Specialtechniker diese nach 
einem bestimmten System ausgeführt verlange. Die Art der Ausführung 
müsse der Specialtechniker unter Abwägung aller Umstände feststellen. Die 
von dem Vorredner erwähnte Wuttke’sche Einrichtung, die in Berliner 
Fachkreisen zwar bekannt, aber nicht vorteilhaft bekannt sei, erfülle schon 
die erste Bedingung nicht, welche man an eine Lüftungsanlage stellen 
müsse, sie fördere kein constantes Luftquantum. Bei starkem Winde werde 
sie vielmehr die Räume zu stark lüften und dadurch im Winter zu sehr 
auskühlen, bei Windstille functionire sie überhaupt gar nicht 

Hiermit ist die Discussion geschlossen und es erhält das Schlusswort 

Referent, Landes-Maschinen-Ingeniear Oslender: 

„Verehrte Anwesende! Die Befürchtungen, die ich zu Eingang meines 
Vortrages ausgesprochen habe, sind, wie Sie wohl Alle jetzt überzeugt sein 
werden, eingetroffen. Die eine Partei klagt mich an, ich wäre nicht all¬ 
gemein genug gewesen, die andere behauptet, ich wäre nicht genügend ins 
Detail gegangen. Ja, meine Herren, bei Behandlung des Gegenstandes 
in dem Rahmen der mir verfügbaren Zeit war das natürlich vorauszusehen. 

„Ich kann nicht umhin, den Vorrednern in mancher Beziehung mit 
anderer Meinung entgegen zu treten. Vor allen Dingen möchte ich dem ver¬ 
ehrten Herrn Oberbürgermeister von München erklären, dass mir nichts 
ferner gelegen hat, als etwa die Münchener Lehrerschaft gegen die Lüftungs¬ 
anlagen in München aufzuwiegeln. Andererseits aber erwartet man doch 
von mir, dass ich ohne Rücksicht auf Ort und Stelle, wo sich die Uebelstände 
befinden, darauf aufmerksam mache, und ich kann eben daher nur wieder¬ 
holen, dass bei den Schulheizungs- und Lüftungsanlagen, wie sie augen¬ 
blicklich in München gebaut werden, die, was Heizung angeht, wohl 
befriedigen werden, insofern, als der Heizeffect, — die Innentemperatur von 
20° C. — in der Schule zweifellos bei allen vorkommenden Kältegraden 
erzielt wird, dass aber bei diesen Anlagen die Lüftung nicht zu ihrem 
Rechte kommt. Die Lüftungsanlage — das wiederhole ich — steht bei den 


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Fortschritte auf dem Gebiete centraler Heizungs- und Lüftungsanlagen. 117 

Münchener Schulheizungen nur in dem Projecte; sie ist nicht in dem Maasse 
thatsächlich vorhanden, wie es in einer gut gelüfteten Schule der Fall sein 
solL Ich will mir versagen, das des Näheren auszuführen, das würde Ihre 
Zeit zu sehr in Anspruch nehmen. 

„Ich habe nicht behauptet, dass die Construction der Fernheizung vom 
sächsischen Ministerium ausgegangen ist — um den Ausführungen des Herrn 
Commerzienrath Henneberg entgegenzutreten — ich habe nur gesagt, 
dass das sächsische Ministerium das Verdienst hat» solche Anlagen zuerst 
angeregt und praktisch ausgeführt zu haben. 

„Wenn Herr Director Pf ützner gesagt hat, dass die Warmwasserheizung 
bei meinen Ausführungen nicht genügend berücksichtigt worden ist, so ver¬ 
weiseich auf die Ausführungen, die ich bei Eingang meines Vortrages gemacht 
habe, wobei ich erklärte, dass die Warmwasserheizungsanlagen vor dem 
Jahre 1884 bereits in einer sehr vollkommenen Weise entwickelt worden 
sind, und dass sie damals die erste Stelle im Centralheizungsfach ein¬ 
genommen hätten. 

„Ich möchte Herrn Director Pfützner noch speciell fragen, wie er es 
machen wird bei Warmwasserheizungsanlagen, die er durch Einhaltung 
einer bestimmten Temperatur im Kessel reguliren will, für die Räume, die 
vielleicht vom Sonnenschein getroffen werden oder die dem Winddruck be¬ 
sonders ausgesetzt sind ? Bei solchen Räumen versagt bei der Warmwasser¬ 
heizung die centrale automatische Regulirung, und gerade hier kommt der 
Vortheil der Niederdruckdampfheizung in Betracht, da eben die Temperatur 
des heizenden Mittels (des Dampfes) hierbei annähernd constant ist 

„Dass mein Leitsatz hinsichtlich der Verwendung der bestehenden 
Leuchtgas werke zu Heizzwecken einen Widerspruch bei Ihnen erfahren 
würde, war mir von vornherein klar. Seitens des Herrn Oberbürgermeisters 
von München ist mit Recht betont worden, dass eben in den Gaswerken 
ungeheure Summen, ungezählte Millionen angelegt worden sind, und dass 
es nicht möglich ist, vom finanziellen Standpunkte aus nun mit einem Male 
auf die Verzinsung dieser Beträge zu verzichten. Ja, meine Herren, das ist 
sehr richtig — leider, möchte ich aber sagen —; das kann uns aber nicht 
verhindern, hier andere Betriebe vorzuziehen, die diese Werke ersetzen 
werden. Ich denke mir auch nicht jetzt die Sache so, dass mit einem Schlage 
die Gaswerke ausser Betrieb treten; ich denke mir, wir haben an erster 
Stelle jetzt dafür zu sorgen, dass sie nicht weiter ausgedehnt werden. Sie 
wollen bedenken, dass wir (der Verein) heute auf unsere Fahne geschrieben 
haben, die Städte gesund zu machen. Millionen und abermals Millionen 
werden dafür ausgegeben: man führt Wasserleitungen ein, man baut Cana- 
Üsationen, man bemüht sich um Parkanlagen, um Stadtwälder, man sorgt 
für breite Strassen, für geräuschlose Strassen, alles in der Absicht, unsere 
Städte gesund zu machen. Nun brauchen Sie bloss im Gegensatz dazu das 
Unheil zu betrachten, das gerade durch die Gaswerke dadurch angerichtet 
wird, dass dieselben die Aufwendung dieser Mittel mehr oder weniger illu¬ 
sorisch machen. Nehmen Sie unsere jetzigen Strassen, die haben eine 20 
bis 30 cm dicke Betondecke, darüber noch den Asphalt, sind also überall 
lnft- und gasundurchlässig. Unter dem Pflaster liegen oft sehr erhebliche 
Gas - Rohrleitungen. Diese Rohrleitungen, meine Herren , sind nicht dicht. 


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118 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Schlagen Sie den Etat Ihrer Verwaltungen auf, so werden Sie constatiren, 
dass vielfach auf dem Wege vom Producenten, von der Gasfabrik, zum 
Consumenten 10 Proc. der Gasproduction entweicht. Nun frage ich Sie, 
wo bleibt das Leuchtgas? Durch die Strassendecke kann es nicht in die 
freie Atmosphäre gelangen. Es sucht seinen Weg durch die Fundamente 
der Häuser, um so mehr, als es dort so zu sagen angesaugt wird, indem die 
Häuser stärker erwärmt sind, wie das Erdreich, dem das Gas entströmt. 
Es entsteht da ein Auftrieb, und hier arbeitet das Leuchtgas durch Ver¬ 
mengung mit der Atmosphäre in unseren Aufenthaltsräumen, durch Ver¬ 
schlechterung der Luft den gesundheitlichen Bestrebungen ganz ersichtlich 
entgegen. Ich glaube, meine Herren, Sie können sich das Bild ja selber 
weiter ausmalen. 

„Ich möchte noch Herrn Commerzienrath Henneberg erwidern, dass 
bereits eine ganze Anzahl exact automatisch wirkender Regulirungen für 
Dampfheizkörper bestehen. Unter Anderem war eine derartige Ausführung 
auf der Pariser Ausstellung zu sehen. 

„Dann möchte ich auch noch sagen, um dem Herrn Ingenieur Vetter 
gegenüber zu treten: man soll nicht immer gleich nach der Polizei rufen; so 
lange, wie es noch möglich ist, auf anderen Wegen zu einer Verständigung 
zu gelangen, soll man sich nicht gerade auf die Polizei verlassen. Ich glaube 
wohl, dass das einfachste Mittel, zu einer sachgemässen Aufsicht über die 
vielen privaten Heizungs- und Lüftungsanlagen zu gelangen, immerhin noch 
mein Vorschlag sein wird, die privaten Besitzer von Centralheizungsanlagen 
zu Ueberwachungsvereinen zusammen zu 8chlies8en. u 

Vorsitzender Oberbürgermeister Schneider: „Ich habe dem 
Herrn Referenten zu danken Namens der Versammlung für seine vielfach 
belehrenden Darlegungen, und ebenso den Herren, die sich an der Dis- 
cussion betheiligt haben, für ihre sachgemässen Ausführungen, die, wie ich 
glaube, uns Allen sehr grossen Nutzen geschaffen haben. Ich möchte aber 
Etwas doch betonen, meine Herren, weil ich es für nützlich halte, von 
dieser Stelle aus das zu sagen. Das betrifft die Ausführungen des Herrn 
Referenten über die Verwendung unseres Gases zu Zwecken, die hier in 
Frage kommen, und zu weiteren Zwecken, die er nicht angeführt hat. Ich 
meine doch, es wird unsere Aufgabe sein, hier zu sagen, dass der Verein 
berufen ist, das Erreichbare anzustreben und das Unerreichbare unter allen 
Umständen von sich fern zu halten, und ich glaube, dass, wenn etwa in 
weiteren Kreisen das Missverständniss auftauchen könnte und sollte, dass 
hier die Meinung bestände, die städtischen Gasanstalten wären nicht mehr 
zu erweitern, sondern nach und nach auf den Aussterbeetat zu setzen, die 
Liebe zu uns in den städtischen Verwaltungen ganz erheblich abnehmen 
würde. In Folge dessen, glaube ich, ist es zweckmässig, das hier ganz be¬ 
sonders zu erklären. u 


(Kurze Pause.) 


Nach Wiedereröffnung der Sitzung gelangt der vierte Gegenstand der 
Tagesordnung zur Verhandlung: 


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Die Bedeutung der hygienisch wichtigen Metalle. 


119 


Die Bedeutung der hygienisch wichtigen Metalle 
(Aluminium, Blei, Kupfer, Nickel, Zinn und Zink) 
im Haushalt und in den Nahrüngsgewerben. 

Es lauten die von dem Referenten, Professor Dr. K. B. Lehmann 
(Würzburg), aufgestellten 

Schlusssätze: 

1. Die verbreiteten Ansichten über die gesundheitliche Bedeutung der ein¬ 
zelnen Metalle bedürfen in wesentlichen Stücken der Correctur. 

2. Es ist stets streng auseinanderzuhalten, ob es sich um die Frage der 
Schädlichkeit einmaliger grösserer oder wiederholter kleiner Dosen handelt. 

3. Wirklich schädlich und gefährlich ist das Blei und alle Bleipräparate. 
Acute Vergiftungen sind selten, chronische recht häufig im Haushalt. Die 
Disposition für chronische Bleivergiftung scheint sehr verschieden. Die 
deutsche Gesetzgebung ist nicht durchweg glücklich, Bleichromat ist z. B. 
kein zulässiges Färbemittel für Textilstoffe, die Gesetze über den Blei¬ 
gehalt von Glasuren bedürfen der Revision. Auffallender, aber erfreu¬ 
licher Weise fehlt jede Erfahrung über eine gesundheitsschädliche Wir¬ 
kung von bleihaltigem Kinderspielzeug (Soldaten, Geschirre). 

4. Quecksilbervergiftungen im Haushalt sind zu selten, um dieselben näher 
zu besprechen. 

5. Die Giftigkeit von Kupfer, Zink, Zinn ist gering und von manchen 
Autoren maasslos überschätzt. Acute Vergiftungen durch diese Metalle 
im Haushalt sind sehr selten, chronische bisher nicht sicher bewiesen, und 
nach den Ergebnissen der Thierversuche unwahrscheinlich. Viele so¬ 
genannte acute Metallvergiftungen des Haushaltes sind sicher Vergiftungen 
durch verdorbene Nahrung. Die Zeitungsberichte über solche Fälle sind 
äus8er8t oberflächlich und wissenschaftlich werthlos. 

6. Silber, Aluminium, Eisen und Nickel — obwohl theoretisch auch 
nicht ungiftig — müssen als praktisch ganz unschädlich bezeichnet werden. 

7. Trotz der geringen hygienischen Bedeutung aller Schwermetalle, ausser 
Blei und Quecksilber, sind alle Bestrebungen zu unterstützen, diese Metalle 
von unseren Nahrungsmitteln (insbesondere Conserven) möglichst fern zu 
halten. Gleichgültigkeit der Behörden könnte sehr leicht grobe Nach¬ 
lässigkeiten der Fabrikanten zur Folge haben, durch die nicht nur das 
Ansehen der deutschen Industrie geschädigt, sondern auch namentlich bei 
abnorm empfindlichen Personen, Kindern, Greisen, Kranken wirkliche Ge¬ 
sundheitsstörungen hervorgebracht werden könnten. — Es ist den Schwer¬ 
metallen gegenüber der gleiche Standpunkt einzunehmen wie den Conser- 
virungsmitteln. 

Referent, Professor Dr. K. B. Lehmann: 

„Hochverehrte Anwesende! Von den Schwermetallen, mit welchen der 
Haushalt den Menschen in Beziehung bringt, scheidet Eisen wegen seines 
wohlverdienten guten hygienischen Rufes, und Quecksilber, weil es nur sehr 
selten zur Wirkung kommt, aus unserer heutigen Betrachtung von vorn¬ 
herein aus. Dagegen müssen uns die übrigen Metalle Blei, Kupfer, 
Zink, Zinn, Nickel und Aluminium eingehend beschäftigen. Einerseits 
finden sie theils rein, theils als Legirung oder Verbindung eine so aus¬ 
gedehnte Anwendung im Hause und der für den Haushalt arbeitenden In¬ 
dustrie, dass kein Wort über ihre praktische Bedeutung gesagt zu werden 


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120 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

braucht, andererseits besteht kein Zweifel, dass sie, in gewissen Dosen auf 
geeignetem Wege Thieren oder Menschen zugeführt, schädlich wirken können. 
Aus der Thatsache, dass diese Körper giftig wirken können, ist leider 
die heute noch weit verbreitete Meinung entstanden, dass sie immer und in 
jeder Dosis giftig seien. 

„Noch immer bringen die Zeitungen die gläubig aufgenommenen Alarm¬ 
geschichten von Speisen, welche durch einen geringen oder minimalen Gehalt 
an Kupfer, Zinn oder Zink furchtbar giftig wurden, noch immer wird bei einem 
räthselhaften Vergiftungsfalle durch Nahrungsmittel von vielen Chemikern 
zuerst nach Kupfer gesucht, und immer noch werden recht widersprechende 
Ansichten selbst von Aerzten bei gerichtlichen Gutachten vertreten. 

„Nachdem nun die letzten Decennien eine Reihe vom praktischen 
Standpunkte aus unternommener, sehr sorgfältiger Arbeiten auf diesem Ge¬ 
biete geliefert haben, ist es wohl am Platze, auch einmal in unserem Kreise 
die Frage nach dem Grade der Gesundheitsschädlichkeit der Metalle kritisch 
zu besprechen und eine Reihe von Folgerungen für die Industrie — ins¬ 
besondere die Nahrungsmittelindustrie — daraus zu ziehen. Ich bemerke 
schon hier ausdrücklich, dass ich mich auf die Darstellung der Gefahren, 
welche diese Metalle im Haushalte bedingen, beschränke und dass ich nur 
so weit auf die Hygiene der Fabrik- und Bergwerkarbeiter eingehe, als dies 
zum Verständniss der häuslichen Schädigungen nothwendig scheint. Ganz 
lässt sich das Eingehen allerdings nicht vermeiden, weil sich in den Fabriken 
besonders klare Erfahrungen über die Schädlichkeit resp. Unschädlichkeit 
der fraglichen Metalle sammeln lassen. 

„Bei praktisch toxicologischen Betrachtungen hat man — was von 
Laien meist unterlassen wird — streng zu unterscheiden zwischen der 
Wirkung einmaliger mittlerer oder grösserer Dosen und den Folgen der 
Einfuhr wiederholter kleiner und kleinster Gaben, und ebenso oft hat man 
einen Unterschied zu machen, ob die Metalle resp. Metall Verbindungen in 
einer leichtlöslichen oder schwerlöslichen Form geboten wurden, ob sie in 
concentrirter Lösung ohne Nahrungszugabe in den leeren Magen oder ob sie 
mit Nahrung gemischt wo möglich im Laufe einer reichlichen Mahlzeit auf¬ 
genommen wurden. Nicht ob ein Körper unter beliebigen Bedingungen Gift¬ 
wirkungen entfalten kann, interessirt uns, sondern ob er unter den prakti¬ 
schen Bedingungen des Haushaltes giftig zu wirken im Stande sei. 

„Im Haushalte kommen fast nur kleine und mittlere Metallmengen 
zur Wirkung, fast stets sind sie mit reichlichen Nahrungsmitteln gemischt, 
so dass von vornherein die Gefahr der plötzlichen acuten Vergiftung für 
8ämmtliche Schwermetalle im Haushalt nicht gross erscheint. Andere 
Symptome als leichte, rasch vorübergehende Magendarmstörungen gehören 
bei alle diesen anderen Vergiftungen zu den Seltenheiten. 

„Anders verhalten sich einzelne der Metalle bei langdauernder Zufuhr 
kleiner Dosen bei der sogenannten chronischen Vergiftung. Allgemein be¬ 
kannt ist, dass Blei in kleinen und kleinsten lange Zeit verabreichten Dosen 
schwere Erkrankungen des Centralnervensystems, der Leber, der Niere u. s. f. 
bedingen kann. Brouardel hält 1 Milligramm täglich für ausreichend, 
um Menschen bleikrank zu machen. Es liegt nahe, solche Störungen auch 
bei fortgesetzter Einführung der anderen Metalle zu vermuthen und, bis 


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121 


Die Bedeutung der hygienisch wichtigen Metalle. 

einwandfrei das Gegentheil bewiesen ist, anzunehmen, dass es nur genügender 
Zeit bedarf, um auch durch kleine Dosen eine chronische Kupfer-, Zinn- 
und Zinkvergiftung beim Menschen hervorzubringen. Es sind desswegen 
namentlich die Fragen, ob chronische Schädigungen drohen, besonders 
sorgfältig zu erwägen, wobei aber zu vermeiden ist, Schlüsse von einem 
Metall auf das andere zu ziehen. Zur Gewinnung eines begründeten Ur- 
theiles bleibt nichts übrig, als jedes Metall für sich zu besprechen — wobei 
ich natürlich die wichtigeren und umstrittenen Fragen ausführlicher be¬ 
handeln werde. Vollständigkeit kann ich natürlich in keiner Weise an¬ 
streben, dazu reicht die Zeit nicht. 

„Beginnen wir mit dem Blei. Bleigeräthe kommen mit Speisen und 
Getränken heute nicht mehr viel in Berührung, da und dort findet sich etwa 
noch ein stark bleihaltiger Zinnbecher, von bleihaltigem resp. bleireichem 
Loth werden wir beim Zinn sprechen. Dafür hat die Verwendung von 
bleiernen Wasserleitungsröhren einen sehr grossen Umfang erreicht, in 
vielen Städten wurden und werden die engeren Hausanschlussröhren mit 
Vorliebe aus dem weichen, leicht schneid- und biegbaren Blei hergestellt, 
dessen Verwendung die Montierungsarbeiten sehr erleichtert. 

„Sehr häufig finden sich Bleilegirungen in unseren Häusern als Ge¬ 
brauchsgegenstände, ich bespreche nur die wichtigste, die Bleisoldaten. 
Dieses beliebteste Spielzeug des deutschen Knaben besteht aus Bleizinn- 
legirungen mit 98 Proc. Blei in den billigsten, mit 60 Proc. Blei in den 
feinsten Sorten, die gewöhnlichsten Sorten sind ganz unvollständig bemalt, 
die feinen allerdings vollständig mit bunten Oelfarben bedeckt und mit 
feinem Lack überzogen. Aber auch die Mädchen haben bleireiches Spiel¬ 
zeug. Die sogenannten Puppenzinngeschirre, d. h. die kleinen Töpfchen 
und Teilerchen, die zum Spielen mit Brot, Zucker, Chokolade, Aepfel und 
dergleichen, also zur „Kalten Küche“ dienen, bestehen aus Legirungen von 
40 Proc. Blei mit 60 Proc. Zinn, und sind aus reinem Zinn, wie Stock- 
meier überzeugend gezeigt hat, kaum herzustellen, weil sich reines Zinn 
viel schlechter in Formen giessen lässt und solche Producte viel theurer 
sind, als die aus Legirungen hergestellten. 

„Von den chronischen Verbindungen des Bleies spielen im Hause zwei 
eine grosse Rolle, die Bleifarben und die Bleiglasuren. Das blendend 
weisse Bleiwei88, die Mennige, das gelbe bis orangefarbene Bieichromat oder 
Chromblei sind häufig angewendete Farben; Bleiweiss ist heute wohl noch 
immer die wichtigste weisse Anstrichfarbe und hat wegen seiner ausgezeich¬ 
neten Deckkraft alle Concurrenz des Zinkweiss, Barytweiss und der Litho- 
pone ausgehalten. 

„Bleiweisshaltige Schminken tauchen trotz aller nachtheiligen Er¬ 
fahrungen und Verbote immer wieder im Handel auf. Chromgelb dient 
nach wie vor zum Färben von Maskenstoffen, Baumwollgarn, Zündschnüren, 
Federhaltern, Maassstäben — aber auch gelegentlich von Zuckerwaaren. 
In Amerika sind Massenfärbungen von Theegebäck mit Chromblei beobachtet. 
Alle billigen Thonwaaren werden mit einer geeigneten Bleiverbindung ein¬ 
gestäubt, ehe sie gebrannt werden. Beim Brennen bildet sich ein glasartiges 
Bleialuminiumsilicat, welches dem Topfe die Glasur verleiht. 

«Auf die Frage nach der Löslichkeit des Bleies ist zu antworten, dass 


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122 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

metallisches Blei in allen Säuren (ausser Schwefelsäure) mehr oder weniger 
löslich ist, besonders in den Obstsäuren und der Essigsäure. Schon Kohlen¬ 
säure bedingt eine starke Löslichkeit für Blei, und Wässer, welche erheb¬ 
liche Mengen freier Kohlensäure besitzen, ohne gleichzeitig Kalksalze zu 
enthalten, sind desshalb im Stande, erhebliche Bleimengen aus Leitungs¬ 
röhren aufzunehmen. Warum Bleiröhren an kalkreiches Wasser, selbst wenn 
es freie Kohlensäure enthält, kein Blei abgeben, zeigt Ihnen dieses Präparat, 
an dem Sie erkennen, wie sich schon nach kurzem Gebrauch die Bleiröhren 
mit einer erst sehr dünnen, dann immer dickeren Kalkschicht auskleiden. 

„Die Bleiglasuren unserer irdenen Töpfe sind je nach ihrer Herstellung 
bald unlöslich in den im Haushalt verwendeten Säuren, bald etwas, zuweilen 
aber geradezu leicht löslich. Es scheint namentlich darauf anzukommen, 
ob mehr basische oder mehr saure Bleialuminiumsilicate gebildet sind, die 
ersteren sind im Gegensatz zu den letzteren leicht in Säuren löslich. 

„Endlich steht fest, dass in den Körpersäften auch die schwerlöslichen 
Bleisalze zwar in geringerem — aber wie wir sehen werden — in hin¬ 
reichendem Maasse löslich sind. 

„Fragen wir nun, ob es zu Bleivergiftungen im Haushalte komme, 
so lautet die Antwort von allen Autoren unbedingt bejahend. Acute Blei¬ 
vergiftungen durch eine oder zwei Bleidosen gehören im Haushalte aller¬ 
dings zu den grossen Seltenheiten. Die Thatsache, dass sehr viele Aerzte 
mehrmals täglich 50mg, ja bis 100mg des leichtlöslichen ätzenden, essig¬ 
sauren Bleies bei Diarrhöen, Darm-, Lungen- und Blasenblutungen gegeben 
und so pro Tag 200 bis 300 mg Bleiacetat = 100 bis 150 mg Blei dem 
Menschen eingeführt haben, beweist, dass acute Bleivergiftungen nicht leicht 
Vorkommen, denn solche Dosen entgehen in Speisen kaum der Aufmerk¬ 
samkeit durch ihren abscheulichen Geschmack, und Gelegenheiten zur Auf¬ 
lösung so grosser Bleimengen sind selten. 

„Durch Schrotkörner, die zum Reinigen von Flaschen benutzt und 
nachlässiger Weise darin zurückgelassen waren, sind schon acute Ver¬ 
giftungen nach Wein- oder Essiggenuss beobachtet. Grösseres Interesse hat 
aber eine acute Bleivergiftung, welche Herr Dr. Halenke in Speyer vor 
einigen Jahren beobachtete, da sie sich auf die Verwendung eines irdenen 
bleiglasirten Topfes zurückführen liess. Sie sehen hier den Topf, den mir 
Herr Dr. Halenke gütigst überliess, in dem sich zwei Frauen Heidelbeeren 
gekocht haben, um sich einen Heidelbeerkuchen zu bereiten. Wie Sie sehen, 
hat sich die Glasur des Topfes, soweit die Heidelbeeren reichten, vollkommen 
aufgelöst — der Bleigehalt der Heidelbeeren betrug so viel, dass aus einem 
Stücke des Kuchens die vorliegende Menge von ca. 160 mg Blei als Blei¬ 
chromat dargestellt werden konnte. Die Frauen, welche auf einmal je 
400 bis 600 mg Blei als äpfelsaures Blei aufgenommen haben mögen, er¬ 
krankten, die eine leichter, die andere schwerer an Erbrechen, Leibschneiden 
und Durchfall, doch erholten sie sich ziemlich rasch. Solche Fälle sind in 
der Literatur wie gesagt spärlich beschrieben — es kommen aber wohl 
mehr leichte acute Bleivergiftungen vor, als bekannt werden, da das Un¬ 
wohlsein falsch gedeutet wird. 

„Häufiger sind ökonomische chronische Bleivergiftungen. Der 
fortgesetzte Gebrauch von bleihaltigen Schminken, Kämmen, Toiletten- 


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Die Bedeutung der hygienisch wichtigen Metalle. 123 

wässern, von bleigefärbtem Garn, bleihaltiger Zündschnur, Stoffen, die mit 
Bleifarben gefärbt waren, von bleihaltigem Schnupftabak, bleihaltigem Mehl, 
bleiabgebenden Glasuren, alles dies hat schon Bleivergiftung hervorgebracht, 
ja es lässt sich behaupten, dass jede denkbare Ursache einer Bleivergiftung 
auch schon thatsächlich gewirkt hat. 

„Massenvergiftungen durch fortgesetzte Einfuhr kleiner Bleimengen 
haben manche Städte, z. B. Dessau, zu beklagen gehabt, welche sich kalk¬ 
armes, kohlensäurehaltiges Wasser durch Bleiröhren zuführten. Obwohl 
das Wasser oft nur wenige Milligramm Blei pro 1 Liter enthielt, erkrankten 
sehr viele Menschen an leichter und eine Anzahl an schwerer Bleivergiftung. 
Die leichten Fälle klagen meist nur über wenig charakteristische Symptome: 
Etwas Appetitlosigkeit, Mattigkeit, schlechten Geschmack im Munde, 
blasse Gesichtsfarbe — alles Merkmale*, welche die Bleivergiftung mit 
hundert anderen Gesundheitsstörungen theilt, der charakteristische Blei« 
säum am Zahnfleisch, der oft schon sehr früh und bei leichten Fällen auf- 
tritt, wird leider oft übersehen, und erst die schwereren Fälle leiten durch 
die charakteristischen Symptome der Stuhl Verstopfung unter heftigem Kolik¬ 
schmerz, der Gelenkschmerzen, der höchst eigenartigen Lähmung der Streck¬ 
muskeln des Handgelenkes u. s. f. den behandelnden Arzt rasch auf die 
richtige Diagnose, die allerdings bei sorgfältiger Beachtung der schon 
früh auftretenden grauen Zahnfleischverfärbung oft viel früher hätte gestellt 
werden können. 

„Wunderbar bleibt bei dem näheren Studium der chronischen Blei¬ 
vergiftungen stets, dass immer nur ein gewisser Procentsatz der Personen 
erkrankt, welche sich der Erkrankungsgefahr aussetzten. Es erklärt sich 
dies gewiss zum Theil durch verschieden intensive Zufuhr des Giftes (ver¬ 
schiedene Reinlichkeit, verschiedenes Wassertrinken), doch reicht diese An¬ 
nahme nicht zur Erklärung aus. Wir werden vielmehr wohl eine ver¬ 
schiedene Empfindlichkeit der Menschen gegen kleine Bleidosen annehmen 
müssen, die zur Zeit noch schwer erklärbar ist. Vielleicht besteht sie zum 
Theil darin, dass die leicht Erkrankenden leicht Blei aufnehmen oder schwer 
abscheiden, daneben muss aber eine verschiedene Widerstandsfähigkeit der 
Körperzellen gegen Blei auch eine wichtige Rolle spielen. Jedenfalls be¬ 
zieht sich die Angabe Brouardel’s, dass die Zufuhr von 1 mg Blei täglich 
zur chronischen Bleivergiftung genüge, nicht auf alle Menschen. 

„Die Verhütung von Bleivergiftungen im Hause scheint ziemlich 
leicht. Die Gesetzgebung hat mit grossem Erfolg das gefährliche, stark 
bleihaltige Zinnloth aus den Conservebüchsen, die bleireichen Verzinnungen 
aus den Küchen beseitigt; die Wissenschaft hat bewiesen, dass die bleireichen 
Spielsachen der Kinder nichts schaden. Es ist nicht ganz sicher zu erklären, 
warum sich bisher weder auf Bleisoldaten noch auf Puppengeschirre eineBlei- 
Tergiftung hat beziehen lassen, wie noch kürzlich Gärtner und C. Fränkel 
dargethan haben. — Thatsache ist es. Als Erklärung muss uns vorläufig ge¬ 
nügen, dass die Kinder doch meist nur vorübergehend mit den Spielsachen 
spielen, dass die Bleisoldaten vielfach durch Bemalung geschützt sind, und dass 
die geringe Speisemenge, welche in den Kindergeschirren bereitet werde, 
keine nennenswerthe Bleimenge zu lösen vermag. Jedenfalls liegt kein 
Grund vor, die Spielwaarenindustrie bei der Herstellung dieser altbeliebten 


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124 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Gegenstände zu stören. — Bleischrote gehören nicht ins Haus, gegen die blei¬ 
haltigen Geheimmittel zu Toilettezwecken ist der Staat energisch einge¬ 
schritten. Bleiröhren für Wasserleitungen ganz zu verbieten, scheint mir 
kein Bedürfniss, Städte mit sehr hartem Wasser werden sie ruhig weiter 
anwenden dürfen. In zwei Punkten ist aber die deutsche Gesetzgebung 
entschieden unvollkommen. Merkwürdiger Weise verbietet, wie Weyl 
zuerst betonte, noch kein deutsches Gesetz den Gebrauch von Bleichromat 
zur Färbung von Gespinnsten und Geweben, obwohl in reicher Auswahl 
Ersatzfarben zu Gebote stehen. Die vorliegende Sammlung einiger in Würz¬ 
burg gesammelter Proben zeigt, in welchem Umfange heute noch blei¬ 
gefärbte Textilstoffe im Gebrauch sind, und welch’ gewaltigen Bleigehalt sie 
besitzen. Wir fanden in 80 gelben Stoffen, Papier, Spielwaaren 12 mal 
chromsaures Blei; Baumwollgewöbe enthielt bis b l / 2 Proc., Baumwollgarn 
bis 16 Proc. des Gewichtes an chromsaurem Blei. Sind auch Erkrankungen 
durch das Tragen solcher Stoffe bisher kaum bekannt, so sind um so reich¬ 
licher Angaben über die Gesundheitsschädlichkeit des Hantierens mit chrom¬ 
saurem Blei in der Industrie vorhanden. 

„Noch bedenklicher scheinen aber die nachlässigen Bleiglasuren. 
Das deutsche Reichsgesetz verbietet Geschirre, „welche mit einem Email 
oder einer Glasur versehen sind, welche bei halbstündigem Kochen mit einem 
in 100 Gewichtstheilen 4 Gewichtstheile Essigsäure enthaltenden Essig an 
den letzteren Blei abgeben u . So steht es auf dem Papier. Wie sind aber 
die Zustände thatsächlich ? 

„Nach Untersuchungen aus meinem Institut entsprechen den strengen 
deutschen Vorschriften sehr wohl im Allgemeinen die besseren irdenen 
Waaren aus städtischen Geschirrhandlungen, doch haben mir vorzüglich 
aussehende und nicht billige französische Geschirre Vorgelegen, welche^bei 
der ersten vorschriftsmässigen Auskochung 21 mg Blei und bei neun hinter 
einander hergestellten weiteren vorschriftsmässigen Extractionen stets 6 bis 
7 mg Blei abgaben. Als hierauf zur Probe 1 / 2 - und lprocentige Essigsäure, 
also 8- resp. 4 mal verdünnter Essig, zur Auskochung verwendet wurde, wurde 
2 und 2y 2 mg Blei erhalten, eine abermalige Auskochung mit 4procentigem 
Essig lieferte aber wieder 7 mg. 

„Sind solche Bleiabgaben bei feinen Geschirren selten, so zeigte uns 
die Untersuchung des ordinären irdenen Geschirrs, wie es auf Messen und 
Märkten in Würzburg feilgeboten wird, ausnahmslos einen Bleigehalt, der 
von 2 bis 80 mg Blei pro Liter Essig schwankte. Es hätte also der ganze 
Würzburger Geschirrmarkt confiscirt werden müssen! — Aehnlich scheint 
es auch an anderen Orten zu stehen; Sendtner berichtet 1892 im Archiv 
für Hygiene, dass seit 1884 in München 2009 Geschirre untersucht wurden, 
von denen — man staune — 65 Proc., d. h. 1307 Stück, beanstandet 
wurden. Von den beanstandeten Proben wurden 265 quantitativ unter¬ 
sucht — wohl die schlimmsten — und im Mittel 102 mg Blei in der ersten 
Auskochung gefunden, im Maximum 702 mg! Wie viel bleiabgebende Geschirre 
müssen da uncontrolirt in den Verkehr gelangt sein. 

„Ich glaube, dass dies unhaltbare Zustände sind! Wie Stockmeier 
gezeigt hat, lässt sich recht leicht die primitive Fabrikations weise der Klein¬ 
betriebe verbessern, eine Modification der Gesetzesvorschrift scheint aber 


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Die Bedeutung der hygienisch wichtigen Metalle. 125 

auch nothwendig. Ein strenges Gesetz, das aber meist nicht gehandhabt 
wird, weil es eine ganze Industrie unterdrücken würde, führt nur zu ge¬ 
legentlichen ungerechten Härten. Logischer wäre es, etwa zu verlangen: 
„Geschirre, welche mehr als 5 oder 10 mg Blei bei der ersten Aus¬ 
kochung pro Liter abgeben (oder bei der dritten mehr als 2 mg), sind zu 
confisciren, Geschirrvorräthe, in denen solche Exemplare in grösserer Zahl 
gefunden werden, werden gänzlich vernichtet, besondere Strafen treten nur 
im Wiederholungsfälle ein. “ Damit wäre auch von den Fabrikanten kunstloser 
Geschirre nur etwas Sorgfalt und nichts Unmögliches verlangt und der schlimm¬ 
sten Fahrlässigkeit gesteuert. Nach einer Reihe von Jahren könnte man, 
wenn es nöthig scheint, die zu duldende Bleimenge noch weiter herabsetzen. 

„Ich glaube ganz entschieden, dass die Geschirre eine grössere Auf¬ 
merksamkeit verdienen, als ihnen bisher geschenkt wurde, da doch .nach¬ 
gewiesen ist, wie lange sie immer wieder Blei abgeben. Sehr denkbar ist 
©s, dass Bleiglasuren gelegentlich die Ursache unerklärt gebliebener chro¬ 
nischer Bleivergiftungen waren, Niemand untersuchte die Glasur, oder die¬ 
selbe hatte, als nach der Vergiftung geforscht wurde, das abgebbare Blei 
bereits abgegeben. Bemerken will ich noch, dass ich bisher nur irdenes 
Geschirr untersuchte, kein emaillirtes Eisengeschirr. 

„Wir kommen zum Kupfer. Kupfer findet bekanntlich theils rein, 
theils mit Zink zu Messing legirt eine umfangreiche Verwendung zu 
Kesseln, Pfannen, Backformen, Schöpflöffeln, in und mit denen Speisen 
bereitet werden. Dass bei längerer Einwirkung der verschiedensten Säuren, 
von Kochsalz u. s. f. Kupfer in nicht unerheblicher Menge in Lösung geht, 
ist bekannt, doch wird die Menge der so entstehenden Kupfersalze meist 
überschätzt, da sie lebhaft blau oder blaugrün gefärbt sind und dadurch 
sehr stark ins Auge fallen. Um Ihnen einen Begriff zu geben, sei gesagt, 
dass nach meinen Bestimmungen 100 g Fett kaum je über 10 mg Kupfer 
aus Kupfergefässen aufnehmen, dabei aber schon intensiv bläulichgrün aus- 
sehen, dass ein Liter Wein in einer Woche etwa 60 mg Kupfer aus einem 
Knpfergefäss aufnimmt, Essig per Liter 150 bis 200 mg. Solcher Wein und 
Essig ist grünlich bis grün gefärbt, der Wein zeigt nur einen ganz unbe¬ 
deutenden, der Essig einen recht unangenehmen Geschmack. Sie sehen 
also, dass nicht leicht grössere Mengen Kupfer in Folge des Gebrauchs von 
Kupfergeschirren vom Menschen aufgenommen werden können. 

„Ferner haben wir seit längerer Zeit vielfach Gelegenheit zur Kupfer¬ 
aufnahme, weil bei der Herstellung der Gemüseconserven zur Erzeugung 
einer frisch grünen haltbaren Farbe den Gemüsen beim Kochen entweder 
direct etwas Kupfersalz zugesetzt wird, oder weil sie in Kupferkesseln ver¬ 
arbeitet werden, aus denen sie wegen ihres natürlichen Säuregehaltes Kupfer 
aufnehmen. Bei vorsichtigem Arbeiten lässt sich mit etwa 20 bis 30 mg 
pro 1kg Gemüse schon eine genügende Färbung erzielen; bei nachlässigem 
Arbeiten — gelegentlich sollen die Arbeiter aus der Hosentasche nach dem 
Augenmaass Kupfersulfatkrystalle in die Kessel werfen — sind relativ hohe 
Kupfergehalte bis 200 mg pro 1 kg gefunden. Der Kupferzusatz bezweckt, 
das Chlorophyll in das kräftig und dauerhaft gefärbte phyllocyaninsaure 
Kupfer überzuführen, hierzu muss, da nur wenig Chlorophyll vorhanden ist, 
wenig Kupfer genügen, mehr Kupfer bildet bläuliche Eiweissverbindungen. 


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126 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

„Ist über die Beurtheilung des Bleies eine wohlthuende Einigkeit bei 
den Fachleuten und den Laienkreisen vorhanden, so steht die Sache etwas 
anders beim Kupfer. Von der Parteien Hass und Gunst verwirrt, schwankt 
sein Charakterbild in der Geschichte. Schon das Alterthum und Mittelalter 
wusste von der Schädlichkeit des Kupfers, besonders aber entstand eine 
Cuprophobie, als 1722 Schulze in Deutschland in seiner berühmten Schrift: 
„Mors in olla tf furchtbare Geschichten vom Kupfer erzählte, und nachdem 
Rousseau 1750 in einem in glänzendstem Stil geschriebenen offenen 
Briefe in den glühendsten Farben seine Landsleute und die ganze gebildete 
Welt vor dem teuflischen Kupfer warnte. Seit dieser Zeit ist unend¬ 
lich viel über Kupfer gestritten worden, neben fanatischen Feinden hat es 
Vertbeidiger gefunden, die es als fast harmlos hinstellen wollten. Du- 
moul.in erlaubte sich, an dem evidentesten Bericht über Selbstmord durch 
Kupfersalzeinnahme zu zweifeln, und Rademacher erklärte das Kupfer als 
eine Panacee bei den verschiedensten Krankheiten. 

„Seit mehr als 10 Jahren habe ich mich selbst, wie ich glaube sine ira 
et studio, neben meinen anderen Arbeiten immer mit Fragen aus der Toxi¬ 
kologie des Kupfers beschäftigt und bin zu der Ansicht gelangt, dass Kupfer 
zwar gewiss theoretisch ein Gift ist, dass Selbstmorde mit grossen Dosen 
von Kupfersalzen eine ganze Reihe vorliegen, dass tödtliche Thiervergif¬ 
tungen unschwer durch Kupfer auszuführen sind, dass aber acute oder 
chronische Vergiftungen des Menschen durch den Haushalt, d. h. durch 
Geschirre, gegrünte Gemüse kaum nachgewiesen sind, und dass fast alle 
Behauptungen dieser Art anders erklärt werden müssen. 

„Ich habe mich durch eine Reihe von Versuchen überzeugt, dass 120 mg 
Kupfer als Kupferacetat oder Kupfersulfat vom gesunden erwachsenen 
Menschen, unter Gemüse gemischt, meist ohne jeden Schaden verzehrt werden. 
In einem von fünf Versuchen trat einmaliges Erbrechen, aber nicht mehr 
auf, in allen anderen Versuchen blieben wir ganz wohl, obwohl die Mahlzeit 
so nach Kupfer geschmeckt hatte, resp. einen solchen Kupfernachgeschniack 
zurückgelassen hatte, dass wir sie nur mit dem Aufwand unserer ganzen 
Willenskraft zu verzehren vermocht hatten. Noch grössere Dosen, etwa 
bis zu 250 mg, sind von Aerzten bei Erwachsenen, 120 mg bei Kindern viel¬ 
fach alB Brechmittel angewendet worden. Sie haben keine andere Wirkung 
als das gewollte Erbrechen entfaltet und auch dann nicht geschadet, wenn 
zufällig das Erbrechen einmal ausblieb. 

„Die Gelegenheit zur Aufnahme von Dosen bis 200 mg dürfte im Haus¬ 
halt kaum je gegeben sein, ich habe dies sorgfältig berechnet und Ihnen 
vorhin einige Zahlen gegeben, auf die sich die Berechnung gründet. Auge, 
Zunge und Magen schützen vor der Zufuhr grösserer Dosen. 

„Auf Grund dieser Erfahrungen und Betrachtungen bezweifle ich alle 
in der Literatur enthaltenen Geschichten und Geschichtcben, welche zum 
Beweis der hohen Gefährlichkeit des Kupfers in einmaliger Dosis angeführt 
werden — wenn nicht wahrscheinlich gemacht wird, dass grosse Dosen auf¬ 
genommen sind. Etwa 200 mg müssen eingeführt sein, wenn auch nur 
eine leichte Störung eines gesunden Menschen auf Kupfer bezogen werden 
soll, ca. 1200 mg halte ich für eine lebensgefährliche Vergiftung für nöthig. 

„Ich habe sehr fleissig die ältere und neuere Kupferliteratur durch- 


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Die Bedeutung der hygienisch wichtigen Metalle. 


127 


8ucht y ohne ein Beispiel zu finden, das unzweifelhaft die Möglichkeit einer 
acuten Kupfervergiftung durch die Kupfermengen darthäte, welche im Haus¬ 
halt Vorkommen. Dabei bin ich allerdings skeptisch verfahren, und habe 
stets bedacht, dass ein leichtes Unwohlsein mit Erbrechen und Durchfall so 
oft ohne jede bestimmte Erklärung auftritt, dass es nicht angeht, ein solches 
Unwohlsein gleich auf Kupfer zu beziehen, weil die Untersuchung der ver¬ 
dächtigten Nahrung einige Milligramm Kupfer ergiebt. Sicher war die 
grosse Kupfermassenvergiftung im Wiener Krankenhause, über die Pleischel 
und Heller berichteten, eine Fleischvergiftung, wie sie die ältere Zeit 
«mfach nicht kannte, weil sie nicht an die Möglichkeit derselben dachte. 
Die eine genau beschriebene Kupfervergiftung von Mair aus neuerer Zeit 
(1887) war offenbar eine Kohlenoxyd Vergiftung, die andere, bei der ein 
alter Mann unter Symptomen einer Magendarmaffection starb, ist ausser¬ 
ordentlich leicht auch anders zu erklären. Und die Zeitungsnotizen — du 
lieber Gott — man forsche nur einmal nach, welch’ oberflächliche Infor¬ 
mation fast immer der Notiz zu Grunde liegt 1 )! Ein Kupfergeschirr in der 
Küche, ein Wort des Arztes, „da könnte man ja an Kupfervergiftung denken", 
eine Aeusserung des Patienten, ob nicht Kupfervergiftung im Spiele sei, 
genügen und die Tagespresse enthält wieder „einen Fall von Kupferver¬ 
giftung". Damit steht in auffallendem Gegensatz, dass die Fälle von 
ökonomischer Kupfervergiftung in der wissenschaftlichen Literatur ganz 
ausserordentlich spärlich geworden sind, seit wir die Bacterien als directe 
und mittelst Erzeugung von Fäulnissgiften als indirecte Todes- und Krank¬ 
heitsursache kennen. Bacterium enteritidis und Verwandte, Proteus- und 
Streptococcenarten werden jetzt gefunden und zur Erklärung verwertliet, 
wo sich die alte Zeit mit dem Nachweis von Kupferspuren — die man fast 
überall finden kann — zufrieden gab. 

„Aber auch eine chronische Kupfervergiftung im Haushalte erscheint 
mir fast undenkbar. Kein neuerer Autor hat an Fabrikarbeitern, die mit 
Kupfer oder Kupferpräparaten umgehen, in grösserer Verbreitung Störungen 
beobachtet, die auf Kupfer bezogen werden können. Besonders werthvoll 
ist mir das Urtheil des ausgezeichnet beobachtenden und kritisch prüfenden 
Dr. Merkel, des verdienstvollen Krankenhausdirectors von Nürnberg, der 
mir wiederholt versicherte, dass die zahlreichen Bronzefarbenarbeiter Fürths 
niemals an Kupfervergiftung leiden, obwohl sie in allen Regenbogenfarben 
an Leib und Kleidern schillern von dem feinen Kupferfarbstaub, der ihnen 
anhaftet und von dem sie gewiss auch in Lunge und Magen erhebliche 
Mengen aufnehmen. 

„Sicher reicht auch die Kupferaufnahme im Haushalte nicht zu einer 
-chronischen Kupfervergiftung, obwohl ein Kilo Vegetabilien 10 bis 30 mg, 

l ) Ein interessantes Beispiel für das Gesagte kann ich nicht unterlassen hier 
anzuführen. In meinem vorliegenden Vortrage in Rostock hatte ich ausdrücklich 
bemerkt, dass ich zwar in schlechten Glasuren billiger irdener Geschirre ungemein 
weit verbreitet grössere Mengen von Blei gefunden habe, dass ich aber leider über 
Emailgeschirre bisher ganz ununterrichtet sei, weil ich bisher keine solche unter¬ 
sucht habe. Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich in verschiedenen Blättern 
Warnungen vor Emailgeschirren lesen musste, weil ich in Rostock mitgetheilt 
habe, die Emailgeschirre hätten meist bleihaltige Glasuren. Seither habe ich viele 
Emailgeschirre untersucht und fast überall keine Bleiabgabe an Essig constatirt. 


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128 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

ein Kilo Fleisch zwar nur 1 mg, ein Kilo Ochsenleber aber bis 40 mg ent¬ 
halten kann. Nach den Ergebnissen aller neueren Arbeiten ist aber auch 
etwa 30 bis 50 mg täglich künstlich zugefügtes Kupfer nicht im Stande, zu 
schaden, selbst bei langer Einfuhr. Nicht einen Fall von chronischer Kupfer¬ 
vergiftung durch Conserven kennt denn auch die Literatur, und die spär¬ 
lichen chronischen Kupfervergiftungen am Menschen, die überhaupt be¬ 
schrieben sind, bedürfen der strengsten Kritik. Ich muss es mir versagen, 
näher auf meine Jahre lang fortgesetzten Fütterungsversuche mit kleinen 
Kupferdosen an verschiedenen Thieren einzugehen, da ich hierzu weiter aus- 
holen und streitige Dinge besprechen müsste. Soviel kann ich aber sagen, 
dass mir dieselben in ihrer überwiegenden Mehrzahl dafür sprechen, dass 
täglich 30 bis 50 mg Kupfer dem Menschen ganz ohne Schaden sehr lange 
zugeführt werden können. 

„Haben wir damit die Angst vor dem Kupfer, die Cuprophobie auf ihr 
richtiges Maass zurückgeführt, so efgiebt sich doch aus diesen Darlegungen, 
dass immerhin dem Kupfer gegenüber verständige Vorsicht am Platze ist. 
So harmlos die Verwendung blanker Kupfer- und Messinggeräthe selbst 
zum Kochen von saurem Obst, Sauerkraut und dergleichen ist, Niemand 
wird verständiger Weise unnöthig lange diese sauren Stoffe darin aufbewahren. 
Niemand wird die Verwendung von unsauberem, grünspanbedecktem Geschirr 
empfehlen, auch wenn er über die kindische Grünspanfurcht lacht. 

„Dem Kupferzusatz zu den Conserven stehe ich sehr kühl gegenüber. 
Ich habe stets den Standpunkt vertreten, dass dieser Zusatz für den Ge¬ 
schmack und die Haltbarkeit gleichgültig sei, dass auch ungekupferte 
Gemüse meist ein leidlich grüngelbes Aussehen zeigen, dass gar kein Be- 
dürfniss vorliege, im Winter die Bohnen- und Erbsenconserven grüner gefärbt 
auf den Tisch zu bringen als die frisch gekochten Gemüse im Sommer, und 
dass es endlich principiell wünschenswerth sei, Zusätze, von denen wir keine 
Vortheile für den Körper erkennen können, die vielmehr dem Körper fremde 
Stoffe einverleiben, aus unserer Nahrung wegzulassen. Ich komme auf 
diesen Punkt noch kurz zurück. 

„Gegenüber dem Kupfer spielt das Zink eine bescheidene Rolle. Zink¬ 
eimer finden für Milch- und Wasseraufbewahrung so selten Verwendung, 
dass wir sie nicht näher zu besprechen brauchen, wichtiger ist, dasB zur Zeit 
die Hauswasserleitungen, da, wo sie nicht aus Blei gemacht werden, vor¬ 
wiegend aus galvanisirtem, d. h. verzinktem Eisen gefertigt sind. Sehr 
kleine Zinkmengen gehen aus ihnen ins Wasser über. In neuerer Zeit ist 
vielfach ein hoher Zinkgehalt in trockenen Aepfeln, namentlich in den be¬ 
liebten amerikanischen Ringäpfeln gefunden — ohne Zweifel dadurch 
bedingt, dass die sauren Aepfel auf Zinkdrahthürden getrocknet werden 
und dabei Zink aufnehmen. Der Gehalt war häufig 50 bis 200 mg pro 
Kilo, ja Mengen von 600 mg sind zuweilen gefunden. Diese Zinkmengen 
sind in leicht löslicher Form als apfelsaures Zink vorhanden. 

„Acute Zinkvergiftungen durch Nahrungsmittel sind mir nicht be¬ 
kannt, auch nicht durch die zinkreichen Aepfel; dass die chronische Ein¬ 
fuhr kleiner Zinkmengen unschädlich ist, beweist die mehrfach constatirte 
Thatsache, dass die Brunnen mancher Gegenden ein unschädliches zink- 


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Die Bedeutung der hygienisch wichtigen Metalle. 129 

haltiges Wasser liefern. So enthalten die Brunnen von Tuttendorf 7 mg 
Zink im Liter, das Wasser wird seit einem Jahrhundert ohne Schaden 
genossen; ähnliche Angaben liegen aus Schweden yor. Damit ist einwand¬ 
frei die Zulässigkeit der Verwendung galvanisirter Eisenrohre für Wasser- 
leitungswerke bewiesen, denn solche Zinkmengen gelangen dabei gar nicht 
ins Wasser. 

„Damit wäre auch für das Zink constatirt, dass es im Haushalt keine 
Gefahren bedingt und die Befürchtungen überängstlicher Leute zurück¬ 
gewiesen, welche Milcheimer aus Zink und galvanisirte Leitungsröhren als 
gesundheitsschädlich verdächtigen. Den hohen Zinkgehalt der Aepfel 
betrachte ich als eine grobe, wenn auch wenig gefährliche Unzulässigkeit, 
die durch die Gerichte bestraft wird. Ein Fütterungsversuch am Hunde, 
den ich ein Jahr lang mit ziemlich grossen Dosen fortführte, sprach durch¬ 
aus für die Unschädlichkeit nicht ätzender Zinksalzmengen. 

„Relativ wenig, wohl zu wenig beachtet ist zurZeit das Zinn. Früher 
kamen viele Vergiftungen durch stark bleihaltiges Zinn vor, das zum Löthen, 
Verzinnen von Kesseln u. s. f. gebraucht war. Seit in Deutschland zu den 
Verzinnungen nur Zinn mit höchstens 1 Proc. Blei und zum Löthen von 
Geschirren nur Loth mit höchstens 10 Proc. Blei verwendet werden darf, 
hört man von solchen Bleivergiftungen nichts mehr. Nebenbei bemerkt, 
habe ich oftmals Techniker und Nahrungsmittelfabrikanten versichern hören, 
die Forderung, nur 10 Proc. Blei im Maximum zu Loth zuzusetzen, sei 
undurchführbar, solches Loth sei brüchig und verarbeite sich sehr schlecht. 
Der wichtigste Fortschritt in der Büchsenherstellung bestehe darin, dass 
sehr viel gefalzt statt gelöthet werde und dass man beim Löthen thunlichst 
ein Eindringen von Loth inB Innere der Büchse vermeide. Ich zeige Ihnen 
hier solche Büchsen in verschiedenen Herstellungsphasen. 

„Nun kommt die Frage nach der Schädlichkeit des reinen Zinns in 
Betracht. Wichtig ist die Zinnfrage namentlich desswegen, weil die stets 
stärker aufblühende Conservenindustrie grösstentheils mit Büchsen arbeitet, 
die aus Weissblech, d. h. aus Eisen mit dünnem Zinnüberzug hergestellt sind. 
Gegenüber diesen Gefässen verschwindet vollkommen die Bedeutung der 
paar Zinnkannen, Krüge und Platten, welche heute bei uns in Gebrauch 
sind, verweilen doch in diesen Zinngefässen kaum je die Nahrungsmittel so 
lange, als nöthig ist, um nennenswerthe Zinnmengen in Lösung zu bringen, 
während aus Conservebüchsen, wie die übereinstimmende Untersuchung 
vieler Untersucher gelehrt hat, mit der Zeit recht ansehnliche Zinnmengen 
in Lösung gehen. 

„So enthielten vegetabilische Conserven 50 bis 60 mg Zinn pro Kilo, 
Mengen von 150 bis 200 mg pro Kilo wurden oft gefunden. In Fleisch- 
conserven, wie sie für das Militär hergestellt werden, habe ich meist um 
50 mg, aber bis 170 und 325 mg nachgewiesen, unverkennbar ist die Steige¬ 
rung des Zinngehaltes während des Aufbewahrens. 

„Ungar und Bodländer, denen das Verdienst gebührt, 1883 die 
Zinnfrage speciell mit Rücksicht auf Conserven in Fluss gebracht zu haben, 
glauben eine acute Vergiftung durch Spargelconserve auf die Aufnahme 
grosser Zinnmengen beziehen zu müssen (obwohl sie Spargel mit 500 mg 

Vierte^fthnsohrift für Gesundheitspflege, 1902. 9 


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130 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Zinn ohne Schaden verzehren sahen). Von der Casuistik der neueren Zeit 
scheint mir namentlich die Angabe von Günther (Z. U. N. 1899, 915) 
beweisend, der nach Genuss von Ostseedelicatessbückingen in Weinsauce 
erheblich an Verdauungsstörungen erkrankte, und ermittelte, dass er in 150 g 
der Gonserve 156 mg Zinn in löslicher Form aufgenommen hatte. Es liegt 
also scheinbar alle Veranlassung vor, stark saure Conserven nicht in ver¬ 
zinntem Eisenblech aufzubewahren, weil sie gelegentlich Gesundheitsstörungen 
hervorrufen. Aoute Störungen durch die in den gewöhnlichen, nicht stark sauren 
Gemüse- und Fleischconserven vorkommenden Mengen dürften zu den 
grossen Seltenheiten gehören — mir scheinen sie überhaupt nicht ganz un¬ 
zweifelhaft nachgewiesen. Sicher sind auch einzelne Zinnvergiftungen der 
Literatur eigentlich Ptomainvergiftungen. 

„Chronische Zinnvergiftungen durch Conserven hat noch Niemand 
beobachtet, obwohl viele Forschungsexpeditionen, z. B. Nansen in grösstem 
Maassstab, von Conserven aus Blechbüchsen lebten. Die Versuche von 
Ungar und Bodländer haben zwar dargethan, dass man durch sehr 
grosse und lang verabreichte Dosen von Zinnpräparaten auch an Thieren 
eine chronische Zinnvergiftung hervorbringen kann, ich selbst habe aber 
drei Katzen jede über ein Jahr mit verschiedenen Zinnpräparaten gefüttert, 
so dass sie Anfangs 10, bald aber 30 bis 40 mg pro Tag erhielten. Dabei 
wuchsen die wenige Wochen alten Versuchsthiere zu kräftigen, 3 bis 5kg 
schweren Thieren heran, welche im Leben tadellos wohl waren und bei der 
Section keine makroskopischen Veränderungen erkennen liessen. Die Ver¬ 
suche stimmen also mit der praktischen Erfahrung am Menschen dahin 
überein, dass kleine und mittlere Zinndosen unbedenklich scheinen auch bei 
längerer Zufuhr. 

„Die Zeit ist vorgerückt und ich würde füröhten, Sie zu ermüden, wenn 
ich Sie über die übrigen Metalle meines Programms ebenso ausführlich unter¬ 
halten wollte. So lassen Sie mich denn nur in aller Kürze es aussprechen, 
dass die Verwendung, welche das metallische Nickel und Aluminium in 
unseren Wohnungen und speciell Küchen findet, nach den Untersuchungen 
aller Fachleute sich als ganz harmlos herausgestellt hat. Wohl lösen sich 
in Säuren namentlich von Nickel geringe Mengen, eine acute oder chronische 
Schädigung hat aber bisher Niemand davon beobachtet, ebenso wenig vom 
Aluminium. Wir haben um so weniger Veranlassung, diese Stoffe eingehend 
zu betrachten, als mit ihnen fast nur der in Berührung kommt, der sich 
freiwillig solche Gefässe anschafft, nicht der, welcher genussfertige 
Nahrung kauft; jedenfalls liegen bisher keine Untersuchungen darüber 
vor, dass käufliche Conserven und dergleichen von ihrer Fabrikation her 
Aluminium oder Nickel enthalten, noch weniger Angaben darüber, die eine 
Gesundheitsschädlichkeit geringer Mengen vermuthen lassen. 

„Ich komme zum Schluss. Ich hoffe Ihnen gezeigt zu haben, dass der 
Kampf gegen das tückische Blei durch unsere Gesetzgebung ein recht 
erfolgreicher, aber noch kein ganz gleichmässiger ist: Textilstoffe sollten 
kein Blei enthalten dürfen, und das strenge Gesetz über die Bleiabgabe der 
Töpfereiwaaren steht mit dem gegenwärtigen Zustande in vielen Theilen 
Deutschlands wenigstens in krassem Widerspruch. Dennoch ist heute die 


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131 


Die Bedeutung der hygienisch wichtigen Metalle. 

Gefahr der Bleivergiftung im Haushalt nicht allzu gross. Kupfer und Zink 
sind vielfach zu ängstlich, Zinn ist vielleicht bisher zu nachsichtig und 
nachlässig beurtheilt worden, Aluminium und Nickel verdienen das Zutrauen, 
das ihnen allgemein geschenkt wird. 

„Lassen Sie uns mit einigen allgemeineren Betrachtungen schliessen. 
Ich bin der Meinung, dass wir alle von dem Grundsatz ausgehen sollten: 
Was geschehen kann, um ohne Härten, ohne Verteuerungen 
wichtiger Lebensbedürfnisse, ohne Störung des internationalen 
Handelsverkehrs u. s. f. die Schwermetalle von unserer Nahrung 
fern zu halten, soll ohne Uebereifer geschehen. 

„Sind wir gleichgültig in diesen Fragen, weil bisher acute Störungen 
selten, chronische kaum je beobachtet worden sind, kümmern wir uns nicht 
mehr um den Metallgehalt unserer Nahrungsmittel, insbesondere der Con- 
serven, so öffnen wir der Nachlässigkeit Thür und Thor. Leicht werden 
dann so grosse Metallmengen in der Nahrung erscheinen, dass wir mit 
ihrer Gesundheitsschädlichkeit doch rechnen müssen, dass wenigstens 
schwächere oder besonders empfindliche Naturen bedroht werden, dass ins¬ 
besondere durch die Combination aller möglicher uncontrolirter Bei¬ 
mischungen Gefahren entstehen. 

„Von diesem allgemeinen strengen Standpunkt den Metallen gegen¬ 
über soll nur in Nothfällen abgegangen werden. Können z. B. die deutschen 
Conservenfabrikanten nachweisen, dass ihre Producte nicht mehr concurrenz- 
fähig sind auf dem Weltmarkt, wenn ihnen nicht ein kleiner Kupferzusatz 
zu Erbsen, Bohnen und anderen Gemüsen gestattet wird, nun gut, so dulde 
man den an sich unschädlichen Zusatz von etwa 25 mg pro 1 kg. Ich 
glaube aber, die deutschen Conservenfabrikanten kämen am weitesten, 
wenn sie auf die Cuprophobie weiter Kreise rechneten und von der bayeri¬ 
schen Staatsregierung lernten. Was hat dem Export des vorzüglichen 
bayerischen Bieres in neuerer Zeit am meisten genützt? Die drakonisch 
strengen und einfachen bayerischen Vorschriften, dass nur Wasser, Gersten- 
malz und Hopfen bei der Bierbereitung verwendet werden darf, und dass 
jedes, aber auch jedes Surrogat und Conservirungsmittel ausgeschlossen ist, 
ganz gleich, ob es schädlich oder unschädlich ist. Zeigen die deutschen 
Gemüseconservefabrikanten ihre Gemüse an: Garantirt frei von Kupfer¬ 
zusatz, so wird das dem Absatz wahrscheinlich viel mehr nützen als eine 
kräftig grüne Farbe. 

„Das Zink wird man nicht mit einem Schlage aus den Dörräpfeln ver¬ 
drängen können, man bestrafe höhere Mengen als nachlässig fabricirt, 
ganz gleichgültig, ob kleine Zinkmengen schaden. Auch dem hohen Zinn¬ 
gehalt der Conserven ist entgegenzuwirken, stark saure Conserven gehören 
überhaupt nicht in Zinnbüchsen; vielleicht gelingt es überhaupt, die Ver¬ 
zinnung irgend wie zu ersetzen oder durch Ueberzüge zu schützen. 

„Ich empfehle also den schwach giftigen Metallen gegenüber den glei¬ 
chen Standpunkt, wie ich ihn von jeher gegen die chemischen Conservirungs¬ 
mittel eingenommen habe. Wir wollen sie nur da dulden, wo wir sie 
nicht entbehren oder nicht vermeiden können, ohne wirkliche 
Interessen zu schädigen; dem Blei gegenüber jedoch ist eine 
besondere Vorsicht angebracht.“ 

9* 


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132 XXVI. Versammlung cL D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 


Der Vorsitzende eröffnet hierauf die DiBcussion. 

Priyatdocent Dr. Th. Weyl (Charlottenburg) will noch einige Zu¬ 
sätze zu den Mittheilungen des Referenten in Betreff des Bleies geben, da 
es sich um eine Anzahl von meist neuen Beobachtungen handle. Er habe 
in Berlin bei einem Trödler einen Abendmahlskelch gefunden, der sich.bei 
der chemischen Untersuchung als fast aus reinem Blei bestehend heraus¬ 
gestellt habe. Da nun jede Säure Blei aufnehme, sei mit ziemlicher Sicher¬ 
heit yorauszusetzen, dass bei der Benutzung solcher Abendmahlskelche 
Bleivergiftungen entstehen können. — Ferner habe er in Frankreich eine 
Methode kennen gelernt, kostbare Spitzen zu reinigen, die den gewöhn¬ 
lichen Waschprocess nicht vertragen, und bei denen man desshalb kohlen¬ 
saures Blei als Seife benutzte. Die Anwendung geschehe in der Weise, 
dass man auf einen Bogen weissen Papiers kohlensaures Blei schütte, dann 
die Spitzen darauf lege, sie mit kohlensaurem Blei tüchtig einstäube, sie 
darauf mit Papier bedecke und die Papierfläche gegen die Spitzen reibe. 
Der Erfolg sei ein guter, die Spitzen sehen weiss aus, aber bei den 
Arbeiterinnen, welche mit der geschilderten Manipulation beschäftigt seien, 
habe man vielfach Bleivergiftung beobachtet. 

Weiter habe er in einer medicinischen Zeitschrift gelesen, dass in Lyon 
durch Beschäftigung mit einem gelben Garn Vergiftungen vorgekommen 
seien, und als er sich dies Garn habe kommen lassen, habe sich heraus¬ 
gestellt, dass dasselbe nicht, wie in jenem Artikel behauptet worden sei, 
mit einem Theerfarbstoff, sondern mit chromsaurem Blei gefärbt gewesen 
sei. In der That seien auch die Arbeiterinnen, die das Garn abgehaspelt 
haben, alle an Bleivergiftung erkrankt. 

Auch über die Bleiglasuren an Töpferwaaren habe er Untersuchungen 
gemacht und gefunden, dass sie häufig schlecht gewesen seien und den Be¬ 
stimmungen des Reichsgesetzes nicht entsprochen haben. Vor allem habe 
es ihn interessirt, aufzuklären, warum eine grosse Zahl von Töpfen, die er 
auB Berliner guten Geschäften bezogen habe, kein Blei abgegeben habe, 
während dagegen andere, auf dem Markt gekaufte, viel Blei abgegeben 
haben. Es habe sich da ergeben, dass die von der Grossindustrie gelieferte 
Waare die vom Reichsgesetz vorgeschriebene Probe aushalte, dass aber die 
in der Hausindustrie hergestellten Töpfe diese Probe vielfach nicht aus- 
halten. Der Grund hierfür liege wohl darin, dass die letzteren nicht ge¬ 
nügend gebrannt seien, da der kleine Töpfer in seinem oft schlecht con- 
struirten Ofen aus Sparsamkeitsrücksichten nicht die erforderlichen Hitze 
grade erzeuge. 

Dem Referenten stimme er darin bei, dass das Gesetz über den Ver¬ 
kehr aus blei- und zinkhaltigen Gegenständen, und das im Zusammenhang 
damit stehende Gesetz über die Benutzung von gesundheitsgefährlichen 
Farben u. s. w., dass beide Gesetze der Reform bedürftig seien und zwar 
wesentlich desshalb, weil das letztere geradezu die giftigsten Stoffe, näm¬ 
lich gewisse Theerfarben, nicht erwähne und andere Farben als giftig 
anführe, die entweder in der Technik gar keine Rolle spielen oder welche 
direct ungiftig seien. 


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Die Bedeutung der hygienisch wichtigen Metalle. 133 

Geh. Hedicinalrath Prof. Dr. Löffler (Greifswald) schliesst sich 
den Ausführungen des Referenten vollkommen an und möchte nur gegen 
einen Punkt eine Einwendung erheben: es betreffe dies den Bleizusatz zur 
Glasur. Referent habe ausgeführt, dass man in Bayern die reine Her¬ 
stellung des Bieres ohne Zusätze durchgedrückt habe, und dass mit durch 
die Vermeidung von Salicylsäure z. B. das bayerische Bier seinen Weltruf 
behalten habe. In diesem Punkt, dem Bier, sei Referent also sehr streng, 
wie er als echter Bayer auch sein müsse. Aber weniger strenge scheine 
er gegenüber dem Bleizusatz zu der Glasur. Er habe nachgewiesen, und 
auch der Vorredner habe es bestätigt, dass eine ungeheuere Menge von 
Gefassen verkauft werde, welche solche Mengen von Blei abgeben, dass 
durch die darin gekochten saueren Nahrungsmittel ganz entschieden Ver¬ 
giftungserscheinungen hervorgerufen werden können, und zwar seien dies 
gerade solche Gefasse, welche von der ärmeren Bevölkerung gekauft 
werden. Nun sei Referent der Meinung, dass man nicht so rigorös gegen 
die Herstellung solcher Gefasse Vorgehen könne, weil man dadurch die 
Hausindustrie erheblich schädigen würde. Dem könne er nicht beistimmen. 
Er meine, sei einmal nachgewiesen, dass noch Gefässe verkauft werden, die 
wirklich gesundheitsschädlich seien, so Bei zu fordern, dass dieselben den 
gesetzlichen Vorschriften entsprechend rücksichtslos verfolgt und vom 
Verkehr ausgeschlossen werden, gleichviel, ob darüber eine Anzahl von 
kleinen Industrien zu Grunde gehe oder nicht. Er halte es für sehr wichtig, 
dass dieser Punkt möglichst öffentlich bekannt werde, damit überall dies¬ 
bezügliche Untersuchungen von den Gesundheitschemikern angestellt 
werden, damit überhaupt diese schlechten Töpfe aus dem Handel ver¬ 
schwinden und das Publicum davor geschützt werde. 

Commerzienrath Ingenieur Henneberg (Berlin) ergreift das 
Wort, um als Producent gewisser Kochgefässe und Apparate auf eine Frage 
zu kommen, die für eine grosse Zahl von Verwaltungen von Wichtigkeit 
sei. Sobald es sich nämlich um die Errichtung einer grösseren Kochküche 
handele, für Strafanstalten, Krankenhäuser oder andere Etablissements, in 
denen eine grössere Anzahl von Menschen verpflegt werden müsse, trete 
immer wieder die Frage auf, aus welchem Material man die grossen Koch- 
gefasse von 200, 500, 700 Liter Inhalt herstellen solle. Bisher sei man so 
verfahren: Wo Geld vorhanden gewesen sei, habe man diese Kessel aus 
Kupfer gemacht und habe auf die Verzinnung, die doch nicht lange halte, 
meistens verzichtet. Wo kein Geld vorhanden gewesen sei, habe man zu 
dem Eisen gegriffen, habe auch versucht, es zu emailliren, aber bald die 
Erfahrung gemacht, dass die Emaille, wenn sie haltbar sein solle, mehr 
oder weniger bleihaltig sein müsse, und dass man damit nichts gewonnen, 
eher noch die Unschädlichkeit des Eisens abgeschwächt habe. 

In der letzten Zeit nun seien die Zweifel über das Material für grössere 
Kochkessel wieder stärker hervorgetreten, namentlich auch, seitdem es ge¬ 
lungen sei, Gefässe in grösseren Dimensionen aus reinem Nickel herzustellen. 
Allerdings verursache die Herstellung wirklich guter grosser Nickelkessel 
heute noch sehr bedeutende technische Schwierigkeiten, das Löthen des 
Nickels sei eine ziemlich schwierige und problematische, das Nieten mit 


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134 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Laschen eine sehr mühsame and kostspielige Manipulation, und Nickelkessel 
in grossen Dimensionen seien desshalb immer noch recht theuere Apparate. 
Trotzdem habe eine grosse Reihe von Verwaltungen in den letzten Jahren 
sich dazu entschlossen, grosse Nickelkochkessel für ihre Kochküchen anzu¬ 
schaffen. Wo wirklich auf den Preis nicht gesehen zu werden brauche, 
werde das wahrscheinlich auch in Zukunft noch geschehen. Da aber die 
wirthschaftlichen Fragen doch immer auch mit den hygienischen Fragen 
verquickt seien, so sei es für ihn von höchstem Interesse gewesen, aus einem 
competenten Munde zu hören, dass die so viel angezweifelten Kupferkessel, 
wenn man sie nur vorsichtig und sauber behandle, durchaus nicht so be¬ 
denklich und gefährlich seien, wie man bis jetzt häufig geglaubt habe. Aus 
den heutigen Verhandlungen könne man wohl den Schluss ziehen, dass 
man unbedenklich diese grossen Kochanstalten für Massenverpflegung 
unter Benutzung von Kupfer und unter Beseitigung vieler technischen 
Schwierigkeiten hinstellen könne. 

Da sich Niemand weiter zum Wort gemeldet hat, schliesst der Vor¬ 
sitzende die Discussion und es erhält das Schlusswort 

Referent, Professor Dr. K. B. Lehmann: 

„Meine sehr geehrten Herren! Ich bin ausserordentlich erfreut, dass 
meine Ausführungen keine weitere Opposition gefunden haben. 

„Herrn Collegen Löffler möchte ich erwidern, dass wir ja principiell 
gar nicht sehr verschiedener Meinung sind. Ich habe gesagt, man könne 
einstweilen einen gewissen kleinen, hygienisch unbedenklichen Gehalt von etwa 
5 oder 10 mg gestatten und wahrscheinlich die Zahl später noch herabsetzen. 
Ich glaube, dass sein Vergleich mit der Salicylsäure und dem Weltruf des 
bayerischen Bieres keine ganz glücklich gewählte Parallele war. Wir 
wollen das bayerische Bier salicylfrei haben, um den Weltmarkt damit zu 
erobern, aber die in unserer Umgebung gemachten Kochgeschirre wollen ja 
keinen Weltmarkt erobern, sie wollen nur absatzfähig in der nächsten Um¬ 
gebung sein, und da dürfen wir vielleicht — wenigstens für eine gewisse 
Uebergangszeit — diesen milderen Standpunkt vertreten, wie ich ihn an¬ 
gedeutet habe. Ich glaube, dass wir damit hygienisch ausreichen werden. 

„Die Ausführungen des Herrn Commerzienrath Henneberg waren 
ganz in meinem Sinne. Selbstverständlich folgt aus meinen Ausführungen 
ohne Weiteres, dass das Kupfer bei geeigneter Behandlung im Nahrungs- 
mittelgewerbe ganz unbeschränkt angewandt werden kann. Das ist klar. a 


Schluss der Sitzung iy 4 Uhr. 


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Strassenbefestigungdmateriaüen und Ausführungsarten. 


135 


Dritte Sitzung. 

Freitag, den 30. September, Vormittags 9 Uhr. 

Der Vorsitzende, Oberbürgermeister Schneider, eröffnet die 
Sitzung und fordert die Versammlung auf, zunächst gemäss §. 7 der 
Satzungen zur 


Neuwahl des Ausschusses 

zu schreiten. Auf Antrag und Vorschlag des Herrn Geh. Sanitätsrath 
Dr. Le nt (Köln) erfolgt die Wahl, da von keiner Seite Widerspruch da¬ 
gegen erhoben wird, mittelst Zuruf, und werden gewählt die Herren: 

Professor Dr. Al brecht (Grosslichterfelde), 

Erster Bürgermeister ▼. Bor seht (München), 

Oberbürgermeister Delbrück (Danzig), 

Professor Dr. Carl Fraenkel (Halle), 

Stadtbaurath Hopfner (Cassel), 

Medicinalrath Dr. Reineke (Hamburg), 
welche in Gemeinschaft mit dem ständigen Secretär, 

Geh. Sanitätsrath Dr. Spiess (Frankfurt a. M.), 
den Ausschuss für das Geschäftsjahr 1901/1902 bilden. 

(Nach Schluss der Sitzung wählte der Ausschuss gemäss §. 7, Ab¬ 
satz 3 der Satzungen Herrn Medicinalrath Dr. Reineke zum Vorsitzenden 
für das nächste Jahr.) 


Der Vorsitzende stellt hierauf den letzten Gegenstand der Tages¬ 
ordnung zur Verhandlung: 


Strassenbefestigungsmaterialien und 
Ausfhhrungsarten sowie ihr Einfluss auf die 
Gesundheit. 

Es lauten die von den Referenten Stadtbaurath E. Genzmer 
(Halle a. d. S.) und Privatdocent Dr. Th. Weyl (Charlottenburg) auf¬ 
gestellten 

Leitsätze: 

1. Die Strassenbefestigungen in den Städten erfordern sehr beträchtliche Geld¬ 
mittel; es ist daher gerechtfertigt, für eine wirtschaftlich richtige Ver¬ 
wendung der letzteren Sorge zu tragen. 


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136 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

2. Diejenigen Strassenbaumaterialien sind vom wirtschaftlichen Standpunkt, 
aus die besten, welche bei den geringsten Gesammtaufwendungen (ein¬ 
malige Herstellungskosten und laufende Unterhaltungskosten) eine 
möglichst langdauernde Brauchbarkeit der Strassendecke gewährleisten. 

3. Neben der wirtschaftlichen Wertigkeit der Strassenbaumaterialien kommen 
namentlich noch Verkehrsrücksichten und Anforderungen der Hygiene in 
Betracht. 

4. Die Rücksichten auf den Verkehr bedingen eine derartige Beschaffenheit 
der Strassenoberfläche, dass auf ihr, selbst bei den ungünstigsten Witte¬ 
rungsverhältnissen, sowohl der Verkehr der Fussgänger wie derjenige der 
Zugtiere und Motoren möglichst leicht und gefahrlos sich. vollziehen 
kann. Dies wird erreicht durch eine möglichst ebene Oberfläche von einem 
gewissen Rauhigkeitsgrade, der um so grösser sein muss, je stärker die 
Strasse geneigt ist. 

5. Vom hygienischen Standpunkt aus betrachtet, sind diejenigen Strassen- 
befestigungen die besten, welche 

a) sich am wenigsten abnutzen, also den geringsten Staub erzeugen; 

b) das geringste Geräusch verursachen;' 

c) die Verunreinigung des Untergrundes am sichersten verhindern; 

d) sich am schnellsten reinigen lassen. 

6. Zahl und Art der auf der Strassenoberfläche befindlichen Keime kommen 
nicht in Betracht, wenn dafür gesorgt wird, 

a) dass die Strasse feucht erhalten wird; 

b) dass sie in hygienisch zulässiger Weise entwässert wird; 

c) dass der Strassenkehrieht feucht aufgesammelt und feucht abge¬ 
fahren wird. 

7. Trockene Kehrmaschinen sind nur bei feuchtem Wetter oder nach vor¬ 

heriger Besprengung der Strassen zu gestatten. Bei trockenem Weter sind 
nur nasse Kehrmaschinen anzuwenden. Empfehlenswerth sind solche 

Kehrmaschinen, welche die Strasse zugleich besprengen und den Kehricht 
aufladen. 

8. Es sind auch in Deutschland Versuche über die Besprengung der ohaus- 
sirten Strassen mit Petroleum anzustellen. 

9. Es ist unzweckmässig, den Kehricht durch Einwurf in die städtischen Siele 
zu beseitigen. 

10. Die Beseitigung des frischgefallenen Schnees aus den städtischen Strassen, 
namentlich aus den Verkehrsstrassen, erfolgt am schnellsten und billigsten 

a) durch Einwurf in die Strassensiele mittelst besonderer Schneeschächte; 

b) durch Einwurf in den nächsten Fluss. 

11. Die Reinigung und BesprenguDg der Strassen ist Sache der Gemeinden. 

Referent, Stadtbanrath E. Genzmer (Halle a. d. S.): 

„Meine verehrten Herren! Die Frage geeigneter Strassenbefestigungen 
ist für unsere Städte von höchster Wichtigkeit, schon allein um der grossen, 
gewaltigen Summen wegen, welche die Strassenbefestigung kostet. Diese 
Thatsache hat sich schon der Volksmund zu eigen gemacht, indem er von 
,theurem Pflaster 1 spricht und damit identificirt die Ausgaben für Strassen- 
pflaster mit den Gesammtaufwendungen, die man in einer Stadt für Beinen 
Lebensunterhalt zu machen hat. 

„Ich habe mir aus den neuesten statistischen Nachrichten von den 
30 grössten Städten Deutschlands eine Zusammenstellung gemacht, um un¬ 
gefähr zu sehen, welchen Theil die Summen, die man für Pflasterungen aus- 
giebt, von dem gesammten Bauetat ausmachen, und da habe ich gefunden, 


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Strassenbefestigungsmaterialien und Ausführungsarten. 137 

dass es sich um ein Dritttheil, in einzelnen Städten sogar um die Hälfte 
handelt. Dabei ist nun noch zu berücksichtigen, dass eine grosse Zahl von 
Strassenbauten gar nicht im Etat erscheinen, weil sie zwar von Unternehmern 
hergestellt und für eine Reihe von Jahren zu unterhalten sind, schliesslich 
aber doch von der Stadt übernommen und unterhalten werden müssen. Dann 
endlich kommen auch noch oft Strassenneupflasterungen zur Ausführung, 
die, — obgleich eigentlich eine Pflasteranleihe als solche nicht gemacht 
werden soll, — auf Anleihen verrechnet werden, indem man die Canali- 
sationsarbeiten als die Veranlassung zur Neupflasterung ansieht. Indess will 
ich hierauf nicht weiter eingehen; es ist dies mehr oder weniger Geschäfts- 
geheimniss. Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände wird man finden, 
dass die Zahl, die ich vorhin nannte (ein Dritttheil bis ein Halb), vermuthlich 
noch viel zu niedrig gegriffen sein wird. 

„Ist die Pflasterfrage schon in Folge der Thatsache, dass die Pflasterungs¬ 
kosten einen sehr grossen Theil der städtischen Aufwendungen ausmachen, 
als eine ausserordentlich wichtige anzusehen, so ist sie auch sehr schwierig, 
jedenfalls mindestens ebenso schwierig, wie die ,Grote Waterfrage 4 des Unkel 
Brösig. Nicht allein bei der Herstellung des Pflasters selbst, sondern schon 
bei der Aufstellung des Bebauungsplans kommt die Art der Befestigung der 
Strassen in Betracht, und zwar sowohl in technischer, wie auch in wirth- 
schaftlicher und hygienischer Beziehung. Ich muss auf diesen Umstand zu¬ 
nächst kurz eingehen. Was zunächst die bei der Aufstellung eines Bebauungs¬ 
planes zu wählende Richtung der Strassen anlangt, so sollte man die letztere 
möglichst nicht zusammenfallen lassen mit der herrschenden Windrichtung 
und zwar aus dem Grunde, weil dann leicht Staubaufwirbelungen Vorkommen 
können. Ebenso sollten die Strassen eines Bebauungsplanes nicht zu lang ge¬ 
macht werden, aus demselben Grunde. Nebenbei werden ja auch Schönheits¬ 
rücksichten dafür sprechen, die Strassen nicht durchweg in geraden Linien 
herzustellen, sondern ihnen angemessene Unterbrechungen zu geben. Weiter¬ 
hin würden die Untergrundverhältnisse schon bei Aufstellung der Bebau¬ 
ungspläne zu berücksichtigen sein, und zwar einmal nach der Richtung hin, 
dass die Häuser, die an der Strasse erbaut werden, nicht der Gefahr aus¬ 
gesetzt sind, mit ihren Kellern in das Grundwasser zu kommen, dann aber 
insofern, als man bei schlechtem Baugrund die Höhenlage der Strasse derart 
zu wählen haben wird, dass das Pflaster nicht auf diesem schlechten Bau¬ 
grund, sondern auf einer aus besserem Material herzustellenden Aufschüttung 
ausgeführt werden kann. Ferner wird die Steigung der Strassen von Ein¬ 
fluss sein, insofern man zur Schonung der Zugthiere und Fahrzeuge schon 
bei Aufstellung des Bebauungsplanes danach zu trachten hat, die Strassen- 
steigung möglichst zu verringern. Endlich ist die Breite der Strassenfahr- 
bahn von Einfluss auf die Frage, die wir hier zu behandeln haben. Würde 
man grosse, breite Pflasterflächen anlegen, so würde man dadurch nicht nur 
die Kosten bedeutend in die Höhe treiben, sondern man würde auch die¬ 
jenigen Flächen, die Staub aufwirbeln, vergrössern und dadurch einen 
hygienischen Nachtheil herbeiführen. Meiner Meinung nach ist man in der 
Breitenbemessnng der Fahrdämme der Strassen vielfach zu weit gegangen. 
Vielleicht ist es das Beispiel der grossen Städte gewesen, welches in dieser 
Beziehung eingewirkt hat, insofern als auch kleinere Städte in Folge einer 


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138 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

gewissen Grossstadtsucht sich Strassenfahrdämme von ganz bedeutender 
Breite leisten zu müssen glaubten. Wenn man nun beobachtet, wie der 
Verkehr auf qinem sehr breiten Fahrdamme sich mehr oder weniger regellos 
vollzieht, so muss man zu der Ueberzeugung kommen, dass zur Bewältigung 
des Verkehrs viel weniger die grosse Breite des Fahrdammes beiträgt als 
vielmehr Verweisung des Verkehrs auf bestimmte Streifen der Fahrbahn. 
Das beste Beispiel in dieser Beziehung bietet wohl die Stadt London, in 
deren schmalen Strassen wegen der vortrefflichen Organisation des Fuhr¬ 
wesens ein ausserordentlich starker Verkehr in der glattesten Weise sich 
vollzieht. 

„Man nimmt die erforderliche Breite eines Fahrbahn Streifens für ein 
Fuhrwerk zu etwa 2*5 m an. Dieses Maass genügt selbst für die grössten 
Lastwagen. Wenn man daher eine Strassenfahrbahn für drei gleichzeitig 
neben einander herfahrende Fuhrwerke einrichtet, also sie 7 1 / 2 m breit macht, 
so thut man meiner Meinung nach für die meisten Strassen der mittelgrossen 
und kleinen Städte schon, was nöthig ist. Natürlich wird die Sache anders, 
wenn Strassenbahnen vorhanden sind, oder wenn es sich um Strassen mit 
sehr starkem Verkehr, namentlich um die radial aus dem Innern der Städte 
nach aussen hin verlaufenden Strassenzüge handelt. Ich möchte, um nicht 
missverstanden zu werden, hier aber noch ausdrücklich betonen, dass diese 
ebe n besprochene Breitenfestsetzung der Fahrbahnen nicht etwa verwechselt 
werden soll mit der Breitenfestsetzung der Strassen an sich. Die Strasse — 
d. h. die Entfernung der Häuser von einander — kann und soll eine aus¬ 
kömmliche Breite haben, damit die nöthige Licht- und Luftzufuhr für die 
Häuser stattfinden kann. Es handelt sich hier vielmehr lediglich darum, 
dass man denjenigen Theilen der Strasse, welche dem Fuhrverkehr dienen, 
also gepflastert werden müssen, keine zu grosse Breitenabmessung giebt. 
Dagegen empfiehlt es sich, in den Wohnstrassen Vorgärten, in den Ge¬ 
schäftsstrassen breite Bürgersteige anzulegen. 

„Die Vorgärten haben eine ganze Reihe von Vortheilen für die Wohn¬ 
strassen. Zunächst bewirken sie eine Verminderung des Staubes und des Ge¬ 
räusches für die Anlieger; sodann gewähren sie ein freundliches Ansehen 
und endlich erlauben sie auch, da die Häuser von der Strasse weit entfernt 
sind, eine Baumanpflanzung in diesen Wohnstrassen anzulegen, deren Ge¬ 
deihen dadurch gesichert ist, dass die Bäume von den anliegenden Häusern 
genügend weit entfernt sind. In dieser Beziehung wird ja sehr vielfach 
gefehlt. Man pflanzt oft Bäume in einer Strasse auf schmalen Bürger¬ 
steigen in geringer Entfernung von den Häusern und bedenkt nicht, dass 
die Bäume doch eigentlich die Aufgabe haben, gross zu werden, dass sie 
aber gerade dann, wenn ihnen das gelingt, den Anliegern zur Last werden 
müssen, weil sie die Fenster verdunkeln. So sind denn die Vorgarten¬ 
strassen, weil sie die auskömmliche Entfernung der Bäume von den Häusern 
sichern, nach meinem Dafürhalten besonders für die Bepflanzung geeignet 
Bei den Wohnstrassen kommt man mit einer verhältnissmässig schmalen Fahr¬ 
bahn aus. Es dürften in der Regel in Wohnstrassen sogar die Breite von zwei 
Wagen-Spuren, also von 5 bis 5y 2 m, vollkommen ausreichend sein. Solche 
Strassen werden ja sogar jetzt in Berlin angelegt, in der Grossstadt Wo 
es sich also um Wohnstrassen handelt, da würde man auf diese Weise eine 


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Strassenbefestigungsmaterialien und Ausführungsarten. 139 

grosse Summe sparen, abgesehen davon, dass man die verschiedentlichen 
Missstände, die durch die grossen Pflasterflächen entstehen, in wirksamer 
Weise vermeidet. 

„Auch in Geschäftsstrassen, wie schon vorhin erwähnt, thut man meines 
Erachtens gut, die Fahrbahn nicht zu breit zu machen, die Breite der Bürger¬ 
steige aber reichlich zu bemessen. Dadurch ermöglicht sich zunächst die 
Pflanzung von Alleebäumen an der Kante der Bürgersteige, die auch in der 
Geschäftsstrasse von Vortheil ist, wie überhaupt in jeder städtischen Strasse, 
und zwar sowohl aus hygienischen wie aus ästhetischen Gründen. 

„Es hat aber die Verbreiterung der Bürgersteige auch noch einen an¬ 
deren sehr wichtigen Zweck, nämlich den, die Versorgungsleitungen der 
Städte auf gute Weise unterzubringen. Man hört oft die Frage: Warum 
bauen Sie keine unterirdischen Canäle, in welchen alle Leitungen unter¬ 
gebracht werden können, also die sogenannten Subways , wie der Engländer 
sie nennt? Ich kann mich hier auf diese ebenso wichtige wie schwierige 
Frage nicht näher einlassen. Ich erinnere nur daran, dass Altmeister 
Qobrecht ja diese Frage vor etwa 10 Jahren in Hamburg in erschöpfen¬ 
der Weise behandelt hat und zu dem Ergebniss gekommen ist, dass solche 
Subways nicht zweckmässig sind. Ich möchte nur mit ein paar Worten die 
Hauptgründe anführen, die gegen diese unterirdischen Canäle sprechen. 
Wenn es sich nur darum handeln würde, die in der Längsrichtung der 
Strassen liegenden Röhren unterzubringen, so würde die Sache vielleicht 
noch gehen; aber es handelt sich darum, nun nach allen angrenzenden 
Häusern ebenfalls unterirdische Canäle als Zweigleitungen auszuführen. 
Das vertheuert die Anlage ganz ungemein. Es ist, wenn man weiter be¬ 
denkt, dass an solchen Rohrleitungen, wie an Gas- und Wasserleitungen, 
fortwährend Ausbesserungen nothwendig, dass auch häufig Neuanlagen aus¬ 
zuführen sind, erforderlich, dass diese Röhren in den unterirdischen Canälen 
auf weitere Strecken transportirt werden müssen, da es sich verbietet, die 
StraBsenoberfläche durch Abdeckplatten grosser Einsteigeschächte in kurzen 
Entfernungen zu unterbrechen. Dass unter diesen Umständen Beschädi¬ 
gungen der in den Subways liegenden Röhren leicht Vorkommen können, 
liegt auf der Hand. Es kommt endlich hinzu, daBs nicht immer in den¬ 
jenigen Strassen, welche die meisten Rohrleitungen aufzuweisen haben, 
auch gerade Hauptcanäle liegen müssen. Das Canalnetz wird vertheilt 
nach der Gestaltung des Geländes, nicht aber nach der Bedeutung der 
Strassen der Stadt. So kann es kommen, dass ein Hauptcanal in einer 
Nebenstra8se liegt, welche nur wenige Versorgungsleitungen aufzuweisen hat. 
Man müsste also der Unterbringung der Versorgungsleitungen wegen sehr 
häufig dünne Canalleitungen durch begehbare Canäle ersetzen. Hierdurch 
würden die Kosten aber in ungemessener Weise wachsen. So zweckmässig 
es also auf den ersten Blick erscheinen mag, dass man die Rohrleitungen 
in Subways unterbringt und damit die „Buddelei u , über die so viel geklagt 
wird, vermeidet, so stösst man hierbei doch, je näher man sich mit der Sache 
befasst, auf immer grössere Schwierigkeiten. 

„Desshalb glaube ich, und mit mir viele Fachgenossen, dass es wesent¬ 
lich wünschensweither ist, die Versorgungsleitungen in den Bürgersteigen 
unterzubringen. Dadurch vermeidet man eine ganze Reihe der beklagten 


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140 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentL Gesundheitspflege zu Rostock. 

Missstände. Diese Missstände bestehen vor Allem darin, dass die Strasse 
aufgerissen wird, dass der Verkehr gestört wird. Das fällt weg — wenig¬ 
stens für die Fahrbahn —, sobald auf beiden Seiten unter den Bürgersteigen 
die betreffenden Rohrleitungen untergebracht werden. Auf diese Weise 
werden die Hausanschlussleitungen auf das denkbar geringste Maass ver¬ 
kürzt, die Aufgrabungen auf das Minimum beschränkt. Ausserdem hat 
man die Möglichkeit, die Fabrbahnbefestigungen so herzustellen, dass sie 
nach menschlichem Ermessen eine Aufgrabung überhaupt nicht zu erfahren 
brauchen. Die Aufgrabungen werden vielmehr auf die Bürgersteige verlegt, 
deren Befestigung überdies eine viel einfachere und viel weniger kostspielige 
ist, wie die Fahrbahnbefestigung. 

„Es wird sich weiterhin empfehlen, bei den Haupt Verkehrsstrassen da¬ 
durch auf eine Verringerung der Pflasterfläche zu dringen, dass man für 
die verschiedenen Verkehrsarten besondere Streifen anlegt, beispielsweise 
für die Reiter und für die Radfahrer. Ein Reitweg ist verhältnissmässig 
billig hergestellt und ebenso auch ein Radfahrerweg, denn der bedarf höch¬ 
stens derjenigen Befestigungsart, die der Bürgersteig braucht. Vielleicht 
genügt in den meisten Fällen sogar Kies; denn die Radfahrer halten ihren 
Weg selbst in Ordnung, sie fahren ihn selber fest. Ordnet man solche für 
die Radfahrer bestimmte, etwa 2 m breite Streifen zwischen den beiderseitigen 
Baumreihen und den Bordschwellen der Bürgersteige an, so würde man die 
Strasse gleich um 4 m verbreitern, ohne dass hierdurch für die Herstellung 
oder für die Unterhaltung besondere Kosten erwachsen. Oft wird es auch 
möglich sein, auf grossen Verkehrsstrassen, bei denen man naturgemäss in 
besonders vorsichtiger Weise den zukünftig auftretenden Bedürfnissen der 
Vergrösserung des Verkehrs Rechnung zu tragen hat, zunächst bepflanzte 
Streifen anzulegen. Diese Streifen, die für die Gegenwart nur geringe 
Kosten erfordern, können in Zukunft, wenn sich der Verkehr über Erwarten 
steigern sollte, zur Verbreiterung der Fahrbahn herangezogen werden. 

Uebermässig grosse Pflasterflächen sind nach meinem Dafürhalten nicht 
allein aus ästhetischen, sondern auch aus finanziellen, wirthschaftlichen Grün¬ 
den verwerflich. Ich möchte, um ein Beispiel aus der hiesigen Stadt anzu¬ 
führen, meinen, wenn man auf dem kleinen dreieckigen Platze, an dem Treff¬ 
punkt der Paulstrasse und der Brandesstrasse, statt ihn mit schlechtem Pflaster 
zu belegen, eine kleine Pflanzung angebracht hätte, so würde man wirthschaft- 
lich und ästhetisch richtiger verfahren sein. Das Kopfsteinpflaster, das 
ich dort gesehen habe, ist vollständig vom Gras durchwachsen, der beste 
Beweis dafür, dass die Fläche dem Verkehr nicht dient, für ihn nicht er¬ 
forderlich ist. 

„Meine Herren! Im Vorstehenden habe ich dasjenige zusammengefasst, 
was, wie ich glaube, bei der Aufstellung des Bebauungsplanes, bei der all¬ 
gemeinen Anlage der Strassen berücksichtigt werden muss, um eine wirth- 
schaftliche Anlage der Strassenbefestigung herbeizuführen. Ich komme nun 
jetzt zu der Strassenbefestigung selber. Eines möchte ich aber vorher noch 
nachtragen. Es ist sehr wichtig, wenn man sich darüber unterrichten will, 
welche Flächen der Strassen den verschiedenen Verkehrsarten wirklich 
dienen, im Winter, wenn frischer Schnee gefallen ist, zu beobachten, welche 
Wege die Fussgänger gehen, welche Wege die Fahrzeuge nehmen. Man 


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Strassenbefestigungsmaterialien und Ausführungearten. 141 

wird dann sehr bald finden, dass bestimmte Flächen vorhanden sind, bei 
denen der Schnee unberührt bleibt. Das sind diejenigen Stellen, die ausser¬ 
halb des Verkehrs Hegen, und die man ganz ruhig dem Verkehr auch ent¬ 
ziehen kann, die man also bepflanzen oder in andererWeise verwenden kann, 
ohne dass man dadurch irgendwie dem Verkehr eine Beschränkung auferlegt. 

„Also nunmehr zur Strassenbefestigung selber! Ganz allgemein 
möchte ich sagen: das Material der Strassenbefestigung muss ein solches sein, 
dass es bei den geringsten Gesammtaufwendungen, d. h. wenn man Her- 
stellungs- und Unterhaltungskosten zusammennimmt, die Möglichkeit ge¬ 
währt, die Strassenoberfläche auf die längste. Dauer für den Verkehr 
brauchbar zu erhalten. 

„Man glaubte früher ganz allgemein, dass dieser Bedingung am besten 
genügt würde, wenn man möglichst hartes Material nahm. Man war der An¬ 
sicht, man könne die Strasse so zu sagen för ewige Zeiten oder wenigstens für 
sehr lange Zeiträume befestigen. Das ist ein grosser Irrthum, denn das 
Strassenmaterial wird so vielen Angriffen ausgesetzt und ist so der Ver¬ 
gänglichkeit preisgegeben, wie kaum irgend ein anderer Baustoff. Aus dieser 
irrthümlichen Auffassung sind z. B. die Basaltpflasterungen in den rheini¬ 
schen Städten entstanden. Das hat man mit den Basaltpflasterungen freilich 
erreicht: die Basaltsteine, die 50 Jahre und länger in der Pflasterung lagen, 
haben ihre Höhe nur um wenige Millimeter vermindert, aber sie haben da¬ 
für vollständig runde Köpfe bekommen, die sogenannten „Katzenköpfe“, wie 
sie im Rheinlande heissen. Also durch den Verkehr sind die Kanten ab- 
geschHffen worden, die Oberflächen der Steine sind vollständig runde Halb¬ 
kugeln geworden; sie sind desshalb für den Verkehr natürlich vollständig 
ungeeignet. Wenn man dagegen ein weicheres Material wählt, wie es bei¬ 
spielsweise die guten Grauwacken darbieten, dann kann man die Beob¬ 
achtung machen, dass dieser Stein zwar verschleisst, aber er verschleisst so, 
dass er keine runden Köpfe bildet, sondern dass er eine mehr oder weniger 
ebene Oberfläche beibehält. Dann hat man also nur nöthig, von vornherein 
die Höhe des Steines in auskömmlicher Weise zu bemessen. Man muss die 
Höhe der Steine statt zu 16 oder 15 cm auf 20 cm bemessen. Das macht 
keine Schwierigkeit und kostet kaum mehr. Man überlässt nun diese über- 
schieSsenden Centimeter dem Verschleiss. Man wird finden, dass man zwar 
nach einem gewissen Zeitraum von Jahren — vielleicht 15 bis 20 Jahren — 
die Strassendecke erneuern muss; bis dahin hat sie aber in der That eine 
regelmässige, gute Oberfläche besessen, d. h. sie hat dem Verkehr in wirk¬ 
lich auskömmHcher Weise gedient. Bei dem Basaltpflaster ist das nicht der 
Fall; denn bei diesem tritt schon nach kurzem Zeitraum, nach wenigen 
Jahren, das Rundwerden der Köpfe ein: die Fahrbahnfläche ähnelt eher 
einem steinernen Knüppeldamm und ist für den Verkehr ungeeignet. 

„Hat man nun nach dem Vorigen im wirtschaftlichen Interesse weichere, 
sich allmählich abschleissende Gesteinsarten für die Pflasterungen zu wählen, 
so entsteht die Frage, ob nicht gerade diese Abschleissungen vom hygieni¬ 
schen Standpunkt aus zu verwerfen sind. Nach meinem Dafürhalten kann 
dies nicht der Fall sein, da die Zerstäubung des Materials nur so langsam 
im Laufe der Jahre erfolgt, dass irgend welche wahrnehmbare Einwirkung 
in hygienischer Beziehung völlig ausgeschlossen ist. 


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142 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

„Schliesslich kommt für die Frage der Strassenbefestigung der Verkehr 
in Betracht. Hierbei ist zu fordern, dass das Material eine ebene Oberfläche 
gewährleistet. Dabei muss aber auch ein gewisser Reibungscoefficient zwischen 
den Hufen der Zugthiere und der Pflasterbahn vorhanden sein. Wir 
werden später im Einzelnen sehen, welche Pflasterungen diesen Bedingungen 
entsprechen und welche nicht. Erwähnen möchte ich jetzt schon, dass auch 
hierin das harte Gestein wieder im Nachtheil ist gegenüber dem weichen 
Stein. Der harte Stein, der einen runden Kopf bekommt, wird auch glatt 
und dexjenige Stein, der sich gleichmässig abschleisst, behält immer eine 
gewisse Rauhigkeit. Also auch in dieser Beziehung ist nach meiner Mei¬ 
nung der weiche, allmählich verschleissende Stein dem harten überlegen. 

„Wie ich schon oben hervorgehoben habe, empfiehlt es sich bei den 
Hauptverkehrsstrassen, für die einzelnen Verkehrsarten besondere Bahnen 
einzurichten und zwar sowohl im Verkehrsinteresse selber wie auch aus 
finanziellen Gründen. Was die Reitwege anlangt, so will ich hier nur kurz 
erwähnen, dass man sehr gute derartige Wege herstellen kann, indem man 
Gerberlohe und Sägespäne vermischt. Dieses Gemisch zeigt weder die lästige 
Staubbildung im Sommer, noch die unangenehme Schmutzbildung im Winter; 
es ist aber leider sehr theuer. Die Hauptsache ist aber stets die Sorge für 
eine möglichst gute Entwässerung des Untergrundes der Reitwege. 

„ Wir kommen nunmehr zu den Radfahrer wegen. In den alten Strassen 
der inneren Stadt kann man die Radfahrer schon dadurch beglücken, dass 
man ihnen einen schmalen, etwa 60 cm breiten Streifen neben der Gosse 
überweist. Dieser Pflasterstreifen ist unter Verwendung von Steinen mit 
möglichst ebener Kopffläche herzustellen. Zu solchen Steinen eignen sich 
nach meinem Dafürhalten ganz gut die Schlackensteine, auf die ich später 
noch einmal ausführlicher zurückkomme. Im Grossen und Ganzen herrscht 
immer noch eine gewaltige Missstimmung gegen die Radfahrer. Wenigstens 
wenn man von der Stadtverordnetenversammlung irgend etwas für die Rad¬ 
fahrer haben will, dann bekommt man es ganz gewiss nicht. Ein solcher 
Antrag pflegt vielmehr das Signal zu sein für das Hervortreten aller mög¬ 
lichen unliebsamen Redensarten gegen das ganze Radfahrwesen. Auch der 
durchaus zutreffende Hinweis, dass durch die Anordnung besonderer Rad¬ 
fahrerwege den Fussgängern offenbar noch mehr gedient ist, als den Rad¬ 
fahrern selbst, verfehlt bei dem einmal herrschenden Fanatismus meistens 
seine Wirkung. 

„Bei der Strassenbefestigung sind neben den oben besprochenen Reit¬ 
wegen und Radfahrerwegen die Fusswege zu besprechen. Die Fussweg- 
befestigung muss von dem Gesichtspunkt aus betrachtet werden, dass der 
Bürgersteig auch bei schlechtem Wetter zu benutzen ist. Strassen befesti¬ 
gungsarten zu finden, die bei gutem Wetter schön sind, das ist kein Kunst¬ 
stück. Da brauchte man nur eine Kiesbahn, auf der es sich eigentlich am 
besten geht. Bei schlechtem Wetter, bei Regen und Schnee, wird man aber 
mit der einfachen Kiesbefestigung in der Regel nicht auskommen können, 
sondern zu dauerhaftem Material greifen müssen. Dies glaubte man viel¬ 
fach in den Thonplatten (namentlich denjenigen mit geriffelter Oberfläche) 
gefunden zu haben. Es hat sich aber herausgestellt, dass diese gesinterten 
Materialien unter der Einwirkung der Fusssohlen im Laufe der Zeit mehr 


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Strassenbefestigungsmaterialien und Ausführungsarten. 143 

oder minder glatt werden. Die Tbonplatten und ähnliche Fusswegbeläge 
erfüllen also die zu stellenden Bedingungen nicht. Ebensowenig kann meiner 
Meinung nach die Granitplatte, die auch vielfach beliebt ist, als eine ge¬ 
nügende Strassenbefestigungsart anerkannt werden. Sie ist ausserordent¬ 
lich theuer, verfallt aber dennoch dem Schicksal, dass sie im Laufe der 
Zeit glatt wird. Dies thun auch bis zu einem gewissen Grade die Ce men t- 
beläge, einerlei, ob man sie aus einzelnen fertigen Platten herstellt oder 
auf der Strasse selbst anfertigt. Andererseits haben Cementplatten wiederum 
den Vorzug, dass sie sehr billig sind; denn für einen Granitplattenbelag 
kann man drei Cementplattenbeläge herstellen. 

„Für ein vorzügliches Material zur FussWegbefestigung halte ich den 
Asphalt, weil er immer rauh bleibt, weil er eine fugenlose Decke bildet, so 
dass Unreinlichkeiten in den Untergrund nicht eindringen können, und weil 
er stets wieder verwendbar ist, also nicht verworfen werden muss, wie die 
Cement- und Thonplatte. Voraussetzung hierbei ist aber, dass es sich um 
richtigen Asphalt handelt und nicht um ein Surrogat. Dies zu erkennen, ist 
sehr schwer. Ich habe mit vielen Chemikern darüber verhandelt, ob es 
nicht möglich sei, ein einfaches Verfahren zur sicheren Erkennung des 
reinen Asphalts zu finden, bis jetzt habe ich ein praktisches Ergebniss leider 
nicht erzielen können. Es ist ausserordentlich schwierig, ein sicheres Urtheil 
über die Beschaffenheit des Asphalts bei seiner Verlegung zu gewinnen. 
Daher kommt es, dass man mit dem Asphalt sehr oft betrogen wird, indem 
man statt seiner Surrogate erhält. 

„Es giebt übrigens im Wesentlichen zwei verschiedene Sorten von Asphalt 
— ich möchte das nur ganz kurz hier für Nicht-Techniker erwähnen —, 
das ist einerseits der Gussasphalt, andererseits der Stampfasphalt. Der 
Gussasphalt kommt in sogenannten „Broden“ in den Handel, die verschieden 
geformt sind Und jedesmal den Stempel der betreffenden Fabrik tragen. 
Die Brode sind aus gemahlenem, natürlichem, bituminösem Kalkstein unter 
Zusatz von Goudron hergestellt. Der Goudron kommt aus dem sogenannten 
„Pechsee“ der Insel Trinidad. 

„Die Brode werden in den bekannten Asphaltkochöfen zusammen mit 
dem Goudronzusatz zu einer weichen Masse gekocht. Nachdem man dieser 
Masse etwa die gleiche Menge Perlkies zugesetzt hat, ist der Gussasphalt 
zum Gebrauch fertig. Er wird auf die feste Betonunterlage aufgebracht 
und mit hölzernen Spachteln verstrichen. Der Stampfasphalt dagegen 
wird so hergestellt, dass man gewisse bituminöse Kalksteinarten, wie sie in 
der Natur an einzelnen Stellen vorgefunden werden, namentlich in Val de 
Travers, in Ragusa und einigen wenigen anderen Orten, einfach zerkleinert, 
zerpulvert und dann auf der Strasse mit heissen Stampfern wieder com- 
primirt Der Stampfasphalt ist also etwas ganz anderes, als der Guss¬ 
asphalt. Der Stampfasphalt hat vorzügliche Eigenschaften. Er eignet sich 
für den Belag von Fusswegen nach meinem Dafürhalten vorzüglich. Der 
ausgedehnten Verwendung des Stampfasphalts zu Fusswegbefestigungen 
steht aber der hohe Preis hinderlich im Wege. Aus dem letzten Grunde 
wird der Gussasphalt, welcher ebenfalls eine vortreffliche Fusswegbefestigung 
ermöglicht, dem Stampfasphalt meist vorgezogen. Guter Gussasphalt ist nach 
meinem Dafürhalten ein ganz vortreffliches Mittel zur Fusswegbefestigung 


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144 XXVL Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

„Eine andere ebenfalls sehr gute Befestigung der Fusswege kann man 
durch sogenanntes Mosaiksteinpflaster bewirken, wie das ja auch in 
sehr vielen Städten, namentlich aber in Berlin in ausgedehntem Maasse 
geschieht. Zu dem Mosaikpflaster eignen sich am besten weiche Gesteins¬ 
arten, wie Kalkstein, die sich allmählich abschleissen und nicht glatt werden. 
Sie bilden einen ganz vorzüglichen Belag, der eine Reihe von Vortheilen 
hat, von denen neben der Billigkeit — für 3 Mk. bis 3*50 Mk. ist er her¬ 
zustellen — und guten Brauchbarkeit namentlich die Leichtigkeit des Auf¬ 
nehmens und Wiederverlegens hervorzuheben ist. Denn, wie oben schon 
des Näheren ausgeführt worden ist, wird man immer mehr dazu übergehen 
müssen, die zahlreichen Versorgungsleitungen, zu denen vielleicht in nicht 
zu ferner Zukunft auch noch die Fernheizung treten wird, in den Fuss- 
wegen unterzubringen. Durch das Mosaikpflaster ist dann die Möglichkeit 
gegeben, die unvermeidlichen Aufgrabungen schnell und billig zu bewirken. 

„Das Mosaik hat ausserdem die Eigenschaft, durchlässig zu sem. Diese 
Thatsache ist von Vortheil bei Frostwetter insofern, als der Belag mit dem 
Frost auf- und niedergeht, mithin keine Brüche und Sprünge bekommen 
kann. Nach allem diesem möchte ich dem einfachen Mosaikpflaster sehr das 
Wort reden. 

„Oft wird man den Bürgersteig zweckmässig nicht mit ein und demselben 
Belag in der ganzen Breite versehen, sondern verschiedene Befestigungs¬ 
arten in einzelnen Streifen zur Anwendung bringen. Es empfiehlt sich, in 
der Nähe der Häuser, wo die Versorgungsleitungen hauptsächlich liegen, 
Mosaikpflaster anzuwenden. Das hat ausserdem noch den Vortheil, dass das 
Undichtwerden der Gasleitungen sich leicht erkennen lässt. Neben dem 
Mosaikstreifen kann man dann einen Streifen aus Asphalt als Gehweg 
anlegen. — 

„Nach diesen Ausführungen über die Befestigung der Bürgersteige und 
der vorangegangenen Besprechung der Reit- und Radfahrerwege erübrigt 
sich noch die Betrachtung der Fahrbahnbefestigungen. Diese ist von 
besonderer Schwierigkeit, da die Fahrbahn den grössten Angriffen aus¬ 
gesetzt, somit naturgemäss nur schwer und unter Aufwendung bedeutender 
Mittel zu befestigen ist. 

„Ich erwähnte vorhin schon, dass die Chausseen wohl als für städtische 
Verhältnisse nicht in Betracht kommend angesehen werden können, weil 
sie zwar billig in der Herstellung, aber theuer in der Unterhaltung sind, 
ausserdem aber die unangenehme Eigenschaft haben, dass sie bei jedem 
nassen Wetter schmutzig sind und bei jedem trockenen Wetter Staub ver¬ 
breiten, also das Gegentheil von alle dem leisten, was man von einer 
ordnungsmässigen städtischen Strassenbefestigung verlangen muss, besonders 
auch in hygienischer Beziehung. Man hat ja versucht, die Chausseen zu ver¬ 
bessern dadurch, dass man die oberste aus kleinen Steinchen bestehende Schicht 
durch eine Goudronmasse ausgegossen hat, so z. B. in Liverpool. Diese 
sogenannten Liverpooler Pech - Macadamstrassen haben sich trotz wärmster 
Empfehlung von manchen Seiten her in Deutschland meines Wissens keinen 
Eingang verschafft. Nach den von mir selbst in Köln angestellten jahre¬ 
langen sorgfältigen Proben finde ich das vollauf begreiflich, denn hierbei 
war weder eine merkbare Verlängerung der Lebensdauer der Versuchsstrecke, 


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Strassenbefestigungsmaterialien und Ausführungsarten. 145 

noch auch ein besseres Aussehen oder eine grössere Sauberkeit derselben 
festzustellen. 

„Ich will daher von den Macadamstrassen (Chaussirungen) hier nicht 
weiter reden und wende mich nunmehr der so überaus* wichtigen Frage des 
Steinpflasters zu. Dieses bildet zur Zeit die gebräuchlichste Fahrdamm¬ 
befestigung und dürfte es, wenigstens für die meisten Mittel- und'Klein¬ 
städte, auch in absehbarer Zeit bleiben. Zunächst wird es immer das Zweck- 
massigste sein, wenn die Städte sich desjenigen Pflastersteinmaterials bedienen, 
das in ihrer Nähe vorhanden ist, sofern es billigen Ansprüchen genügt. Die 
einfachste Art des Strassenpflasters ist die Versetzung der einzelnen Steine 
in eine Kies- und Sandschicht. In den stärker befahrenen Strassen ist man 
dazu übergegangen, den Untergrund zu befestigen, etwa durch Beton oder 
durch eine Chaussirung. Diese Bauart hat aber den Nachtheil, dass nicht 
nur die Strassendecke ausserordentlich starr wird und das Geräusch in er¬ 
heblichem Maasse vermehrt, sondern dass auch der Stein in Folge der un¬ 
elastischen Unterlage wesentlich mehr der Zerstörung ausgesetzt ist. Die 
feste Unterbettung ist und bleibt aber ein Mittel, die Senkung im Strassen - 
pflaster auf ein gewisses Maass herunterzumindern. Indessen kann man 
dies bis zu einem gewissen Grade auch erreichen, indem man die Fugen 
durch ein geeignetes Bindemittel ausgiesst. Dieser Fugenausguss muss 
übrigens auch bei der festen Unterlage ebenfalls erfolgen, weil sonst 
das Wasser durch die Pflasterfugen durchsickern und bei dem geringen 
Abstande des Steines von der festen Unterlage beim Frost ein Hochfrieren 
der Steindecke veranlassen würde. Der Pflasterfugenausguss bei einem 
Steinpflaster ohne feste Unterbettung verhindert jedenfalls das Hervor¬ 
quellen des Untergrundes durch die Pflasterfugen in Folge der rammartigen 
Wirkung der Verkehrsstösse auf die Pflastersteine und vermindert somit die 
Strassenschlammbildung; ausserdem bewahrt er die Kanten der Pflaster¬ 
steine vor frühzeitiger Abnutzung und die Köpfe der Steine sehr vor dem 
Rundwerden. Nach meinen Erfahrungen wenigstens kann ich den Ausguss 
der Pflastersteinfugen für jedes bessere Pflaster (auch ohne feste Unter¬ 
bettung) nur auf das Wärmste empfehlen. Als beste Fugenausgussmasse 
wird meist allseitig eine Mischung aus Asphalt und gewissen Theerarten 
angesehen. 

„Erwähnen möchte ich noch, dass bei schlechtem, wasserhaltigem Unter¬ 
gründe die feste Unterbettung des Pflasters nicht genügt, sondern dass 
unterhalb derselben noch eine vollständige Drainage angelegt werden muss. 
Das Bind indessen Ausnahmefälle. Im Allgemeinen wird, namentlich für 
mittlere und kleinere Städte, ein gutes Steinpflaster auf Kies- und Sand¬ 
unterlage ohne feste Unterbettung, aber mit Fugenausguss als wirtschaft¬ 
lich richtig und hygienisch einwandsfrei zu empfehlen sein. 

„Was das Pflasterstein material anbelangt, so ist es in dem engen 
Rahmen eines Vortrages unmöglich, bei der überaus grossen Anzahl der 
Gewinnungsstellen und der Gesteinsarten irgend welche bestimmte Angaben 
zu machen. Diese Frage wird, wie ich oben schon angedeutet habe, nur 
örtlich zu lösen sein. Grundsätzlich möchte ich aber hervorheben, dass nach 
meinem Dafürhalten im Allgemeinen weichere, gleichmässig sich ab- 
schleissende und nicht glatt werdende Gesteinsarten, wie etwa gute Grau- 

Vierteljabrapchrift für Gesundheitspflege, 1002. JQ 


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146 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

wacke, den Hartgesteinen, wie etwa dem Basalt, vorzuziehen sind, weil 
letztere zur Bildung runder Köpfe und zum Glattwerden neigen. 

„Für die Herstellung des Strassenpflasters ist ferner sehr wichtig das 
Format der Steine. Man hat früher geglaubt, zur Erzielung einer guten 
Strassenbefestigung die Abmessung der Pflastersteinköpfe möglichst gross 
machen zu sollen. Das hat sich aber doch insofern als unzweckmässig er¬ 
wiesen, als beim Eintritt der Kantenabrundung die Erhöhung der Köpfe 
naturgemäss grösser wurde als bei schmalen Steinen. In Folge dessen 
befahren sich die Strassen viel geräuschvoller und unbequemer. Jedenfalls 
giebt das in einer Reihe von rheinischen Städten auf Stübben’s Anregung 
hin gebräuchliche „Normalformat“ (Kopffläche 10:16 cm, Höhe 16 cm) einen 
guten Anhalt für die zweckmässige Wahl der Pflastersteinabmessungen, die, 
abgesehen von dem jeweiligen Material, beeinflusst wird durch die Art des 
Verkehrs und die vorliegenden Steigungsverhältnisse. Nach meinen Er¬ 
fahrungen sind für gewöhnliche Verhältnisse die Maasse des rheinischen 
Normalformats (auch Pariser Normalformat genannt) für Hartgesteine zu¬ 
treffend gewählt; für weichere Gesteinsarten und namentlich bei flachgelegenen 
Strassen wird man zweckmässig die Maasse durchweg um wenige Centimeter 
zu erhöhen haben. 

„Neben den natürlichen Pflastersteinen kommen vielfach auch künst¬ 
liche Steine zur Verwendung. Die Erfahrung lehrt aber, dass diese Erfin¬ 
dungen fast ausnahmslos nach einer Reihe von Jahren der Vergessenheit 
anheimfallen, wenn sie auch mit noch so grossem Geräusch in die Welt 
gesetzt wurden. Es ist eben meist ein misslich Ding, die Natur verbessern 
zu wollen. 

„Ueber einen künstlichen Stein, der sich in weiteren Kreisen grosser 
Beliebtheit erfreut, glaube ich jedoch hier nicht mit Stillschweigen Weggehen 
zu dürfen; ich meine den Schlackenstein, wie ihn beispielsweise auch die 
Eislebener Gewerkschaft aus ihren Kupferschlackenrückständen herstellt. 
Diese Schlackensteine haben den ausserordentlichen Vorzug, dass sie ein 
durchaus gleichmässiges Format haben. In Folge dessen kann das Pflaster 
tadellos hergestellt werden; die Pflasterbahn hat nahezu keine Fugen, sieht 
sehr schön aus und ist nahezu geräuschlos. Das Pflaster hält sich auch 
sehr gut, namentlich zeigt es kaum Nachsenkungen. Die Schlackensteine 
haben aber den Nachtheil, dass sie unter dem Fussverkehr bald glatt 
werden. Zwar tritt diese Erscheinung auch unter der Einwirkung des 
Fuhrverkehrs ein und dies hauptsächlich bei starken Steigungen, aber lange 
nicht so schnell und in so belästigender Weise, so dass die Steine für ebene 
Fahrstrassen immerhin empfohlen werden können. Dass die Steine fast durch¬ 
weg nach längerer Zeit Windrisse bekommen, ist nach meinen Beobachtungen 
nicht von Bedeutung. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass die Mans- 
felder Gewerkschaft neuerdings ein Verfahren anwendet, das auf ein lang¬ 
sameres Abkühlen der Steine nach dem Gusse hinzielt. Die genannte Gesell¬ 
schaft glaubt durch dieses neue Verfahren dem Uebelstande des Glattwerdens 
wirksam entgegen arbeiten zu können. Bei der Neuheit des Verfahrens 
wird man erst noch länger andauernde Proben machen müssen, ehe man 
zu einem abschliessenden Urtheil hierüber gelangen kann. 

„Immerhin ist das Schlackensteinpflaster für gewisse Zwecke zu 


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Strassenbefestigungsmaterialien und Ausführungsarten. 

empfehlen, so namentlich für die Herstellung der Gossen und die Aus¬ 
führung schmaler Pflasterstreifen neben denselben für Radfahrerzwecke. — 

„Auf die Dauer indessen genügte das Steinpflaster nicht für die Gross¬ 
städte. Das ungeahnte Anwachsen des Verkehrs und die dadurch oft bis 
zur Unerträglichkeit gesteigerte Geräuschvermehrung zeitigte das Bedürfnis 
nach sogenanntem „geräuschlosemPflaster“. Von diesen geräuschlosen 
Pflastern giebt es auch wieder eine grosse Reihe von Arten. Ich glaube 
mich hier im Wesentlichen auf die beiden bekanntesten Arten beschränken 
zu sollen, nämlich auf das Stampfasphaltpflaster und das Holzpflaster, 
die immer noch nach wie vor an der Spitze der geräuschlosen Pflasterungen 
stehen. 

„Der Stampfasphalt, dessen Herstellungsweise ich vorhin kurz be¬ 
schrieben habe, bietet zur Fahrbahnbefestigung ausserordentlich grosse Vor¬ 
züge: er ist undurchlässig, er ist elastisch, er kann ausserordentlich schnell 
aufgebracht werden, er lässt sich vorzüglich reinigen und ist verhältniss- 
mässig auch nicht sehr theuer. Das sind alles Vortheile, die sehr ins Gewicht 
fallen. Indess ist leider die Anwendbarkeit des Stampfasphaltpflasters auf 
ganz bestimmte Verhältnisse beschränkt, d. h. auf nahezu horizontale 
Strassenstrecken. Einzelne Fachleute halten die Anwendbarkeit des Stampf¬ 
asphalts ohne Verkehrsstörungen noch bis zu Steigungen von 1:70, andere 
dagegen nur bis zu Steigungen von 1:100 für zulässig. Diese Steigungs¬ 
verhältnisse (namentlich das zuletzt genannte von 1:100) sind so gering, 
dass das Auge des Laien sie für horizontal halten könnte. 

„Bei einer ganzen Reihe von Städten werden so flache Strassen aber 
nur ausnahmsweise Vorkommen. Es kommt hinzu, dass die Zugthiere auf 
dem Stampfasphalt erst laufen lernen müssen. Man kann wohl in jeder 
Stadt bei Anlage der ersten Asphaltstrasse die Beobachtung machen, dass 
eine förmliche Empörung wegen der zahlreichen Pferdestürze entsteht, und 
dass erst nach und nach wieder Beruhigung eintritt, wenn eine grössere 
Anzahl vou Strassen mit Stampfasphalt belegt sind und diese Befestigungs¬ 
art gleichmässig über grössere Bezirke des städtischen Strassennetzes sich 
ausbreitet. Ich behaupte daher auf Grund dieser Erfahrungen und Beob¬ 
achtungen, dass nur diejenigen Städte überhaupt zum Stampfasphalt greifen 
sollten, welche im Wesentlichen ihr ganzes Strassennetz in seiner gesammten 
Ausdehnung mit wenigen Ausnahmen mit Stampfasphalt belegen können. 
Es hat nach meinem Dafürhalten gar keinen Zweck, in einer Stadt, welche 
auf einem hügeligen Gelände liegt, die eine oder andere Strasse mit Stampf¬ 
asphalt zu versehen. Da wird man aus dem Verdrusse nicht herauskommen. 
Ich gestatte mir hierbei auf eine köstliche Episode hinzu weisen, die in dem 
vortrefflichen plattdeutschen Buche des bekannten Rostocker Dichters John 
Brinkmann: „Caspar Ohm und ick tt geschildert wird. Dort wird der Er¬ 
zähler von seinem Freunde Hans Holtfreter zu einer Schlittenfahrt auf der 
Fischerstrasse eingeladen. Hans Holtfreter sagt: „Sone feine Bahn hest du nie 
aflewt. As dat schummern würd gistern Abend, un ihre de Nachtwächters 
kernen, hewt wie twee Stunn lang haben an de Pump pumpt, un aewer 
Nacht is de heel Straat so blanking worden as ’n Speegel“, und fügt dann, 
um seine Einladung noch verlockender erscheinen zu lassen, hinzu: „Nee, 
wat dor al för Lüd’ up de Snut un den Achtersteven follen sünd, dat glöwst 

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148 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

du nich“. Dasselbe würde ganz gewiss auch eintreten, wenn man die 
Fischerstrasse mit Stampfasphalt belegen würde. 

„Anders liegen die Verhältnisse in völlig ebenen Städten, wie beispiels¬ 
weise in Hannover, Berlin, Köln, Leipzig u. s. V. Dort sind so erhebliche 
Flächen mit Stampfasphalt bedeckt, dass man sich sogar mit dem Huf beschlag 
der Zugthiere vollständig auf den Asphalt eingerichtet hat, indem man 
die gänzlich flachen Hufbeschl&ge ohne Stollen zur Verhinderung des 
Gleitens der Zugthiere mit Einlagen aus 'Werg oder ähnlichen Stoffen ver¬ 
sehen hat. 

„Es entsteht aber nun die Frage, wie boII man in hügeligen Städten 
zum geräuschlosen Pflaster kommen, wenn der Stampfasphalt nicht anwend¬ 
bar ist? Die Antwort lautet: Man muss zum Holzpflaster übergehen. 
Freilich steht das Holzpflaster dem Asphaltpflaster in mehr als einer Be¬ 
ziehung erheblich nach. Zunächst ist es wesentlich theurer als Stampf¬ 
asphalt. Denn wenn man selbst annimmt, dass gutes Holzpflaster zu dem¬ 
selben Preise herzustellen ist wie guter Stampfasphalt, so ist die Dauer des 
Holzpflasters mit etwa 8 bis 10 Jahren ganz bedeutend geringer als die¬ 
jenige des Stampfasphalts mit etwa 15 bis 20 Jahren. Auch die laufende 
Unterhaltung des Holzpflasters stellt sich höher als diejenige des Stampf¬ 
asphalts. Fernerhin lässt sich das Holzpflaster nicht so gründlich reinigen 
wie das Asphaltpflaster, und endlich treten auf grösseren sonnigen Strassen- 
flächen trotz aller Vorsichtsmaassregeln (wie Einlegung von Dehnungsfugen 
und dergl.) leicht starke Verwerfungen der Holzdecke ein. . 

„Dahingegen gestattet das Holzpflaster ohne besondere Gewöhnung der 
Zugthiere die Anwendung gewisser Steigungen. Unbedenklich wird man 
bei Längsgefällen der Strassen von 1:35 und wohl auch noch bei etwas 
stärkeren Neigungen Holzpflaster anwenden können. 

„Besonders möchte ich hierbei noch hervorheben, dass die Herstellungs¬ 
weise von Holzpflaster sich in den letzten Jahren, namentlich seit den Studien 
des Herrn Heinrich Freese in Paris, wesentlich vervollkommnet hat. 

„Man lernte es als einen Irrthum erkennen, dass man harte Holzklötze 
zur Anwendung brachte und ging, entsprechend den eben besprochenen 
Erfahrungen beim Steinpflaster, zu weicherem Material über, das man zur 
Erzielung einer grösseren Abschleissung mit Kies bestreute. Auf diese Weise 
kann man eine leidlich ebene Oberfläche auf längere Zeit hinaus erhalten. 

„Ganz neuerdings freilich treten Angebote an die Stadtverwaltungen 
heran, welche vorgeben, die bisherigen Erfolge der Holzpflasterung durch 
Anwendung einer gewissen, sehr harten australischen Holzsorte wesentlich 
übertreffen zu können. Das Holz verschleisse so zu sagen gar nicht, quelle 
aber auch nicht, so dass die Fugen ganz fortgelassen werden könnten, wo¬ 
durch wiederum die Abstossung der Kanten und daher die Bildung runder 
Köpfe verhindert wird. 

„So sehr nun auch nach der bekannten Lebensregel: „Prüfet alles und 
das Beste behaltet“ die Anstellung von Versuchen mit dieser neuesten, 
übrigens sehr theuren Pflasterart empfohlen werden kann, ebenso lebhaft 
muss davor gewarnt werden, aus den bisherigen nur wenige Jahre alten 
Beobachtungen für unsere Verhältnisse vorzeitige Schlüsse zu ziehen. Die 
Erfahrung hat gelehrt, dass die meisten Holzpflasterungen in den erstfen 


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Strassenbefestigungsmaterialien und Ausführungsarten. 


149 


Jahren tadellos liegen, später aber einem immer schneller vor sich gehenden 
Verfall ausgesetzt sind. 

„Da ich hier in Rostock eine Strasse — die Schwaansche Strasse — mit 
Gementmacadam befestigt gefunden habe, möchte ich wenigstens mit ein 
paar kurzen Worten noch auf diese vor wenigen Jahren in weiteren Kreisen 
bekannt gewordene Fahrbahnbefestigung eingehen. Nach meiner Beobach¬ 
tung hier und an anderen Orten muss ein erheblicher Nachtheil dieser 
Pflasterungsart darin gefunden werden, dass der Cement ein sehr starres 
Material ist, also keineswegs eine geräuschlose Pflasterbahn liefert. Be¬ 
sonders schwierig müssen sich aber nothwendige Pflasteraufbrüche gestalten, 
ebenso Ausbesserungen, da der Cement doch mindestens zehn Tage zum 
Erhärten braucht, und die Strasse also eben so lange dem Verkehr entzogen 
werden muss. 

„Wenn nun auch in der Herstellung der Oberfläche durch ein verändertes 
Stampfverfahren neuerdings eine wesentliche Verbesserung eingetreten sein 
mag, so bleiben die oben angeführten Missstände dennoch bestehen. Erwägt 
man ferner noch, dass das Cementmacadampflaster keineswegs sehr billig 
ist, so versteht man vollkommen die ablehnende Haltung, welche die grosse 
Mehrzahl von Stadtverwaltungen dieser neuen Fahrbahnbefestigungsart 
gegenüber beobachtet. 

„Am Schlüsse der Betrachtungen über die Fahrbahnbefestigungen 
möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf eine neuerdings sehr in Aufnahme 
gekommene Befestigungsart lenken, die für dasselbe Geld wie der Cement- 
macadam hergestellt werden kann, die nach meiner Meinung aber besser 
den wirtschaftlichen, hygienischen und Verkehrsinteressen entspricht, ich 
meine das zuerst durch Herrn Landesbauinspector Gravenhorst in der 
Provinz Hannover zur Ausführung gekommene sogenannte „Kleinpflaster u . 

„Kleinpflaster entsteht,indem man auf einer gewöhnlichen, abzuwalzenden 
Packlage ein Mosaikpflaster aus grösseren Steinen auf einer dünnen Sand- 
achicht ausführt, d. h. indem man die sogenannte Decklage der üblichen 
Ghanssirung durch ein grobes Mosaikpflaster (sogenannter Doppelmosaik) 
ersetzt. Man hat mit dieser Pflasterart namentlich in den westlichen 
Provinzen bedeutende Erfolge erzielt und zwar nicht nur bei Landstrassen, 
sondern auch bei städtischen Strassen. Es sind grosse Verkehrsstrassen 
mit Kleinpflaster versehen worden, und zwar, wie gesagt, mit dem besten 
Erfolge. Ich möchte nicht sagen, dass das Kleinpflaster auf den allerersten 
Verkehrsstrassen einer grösseren Stadt angewendet werden solle. Diese 
grossen Hauptgeschäfts- und Verkehrsstrassen sind es übrigens gar nicht, 
die dem Strassenbauer Sorge machen. An ihnen wohnen in der Regel die 
kräftigsten Steuerzahler und die Grundstückspreise sind derart hoch, dass 
sich reichlichere Aufwendungen für diese Hauptgeschäfts- und Verkehrs¬ 
strassen von selbst rechtfertigen. Die brennende Pflasterfrage besteht nach 
meinem Dafürhalten mehr für die Nebenstrassen, ganz besonders für die 
stillen Wohnstrassen. In erster Linie handelt es sich darum, für diese eine 
geeignete Strassenbefestigungsart zu Anden, welche wohlfeil ist, trotzdem 
aber die genügende Dauer hat und den hygienischen sowie sonstigen An¬ 
forderungen entspricht. Ich habe die Ueberzeugung, dass gerade das Klein¬ 
pflaster berufen ist, im Zusammenhänge mit der oben so sehr empfohlenen 


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150 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Verschmälerung der Fahrdämme auf das zulässige Mindestmaass, dazu bei¬ 
zutragen, die Strassenbaukosten für die Wohnstrassen und damit die Bau- 
stellenwerthe und die Miethen herabzudrücken. 

„Schliesslich sei noch erwähnt, dass das Kleinpflaster verhältnissmässig 
wenig geräuschvoll ist, sich sehr gut reinigen und ausbessern lässt, sowie 
gut und sauber aussieht. 

„Es bedarf wohl nicht der besonderen Betonung dafür, dass durch 
eine gute Strassenbefestigung allein noch kein den hygienischen und 
Verkehrsinteressen genügender Zustand der städtischen Strassen herbei¬ 
geführt wird. Hierzu gehört unbedingt noch eine zweckmässige Strassen- 
reinigung. Beides, Strassenbau und Strassenunterhaltung, sowie die 
Strassenreinigung steht in innigem Zusammenhang mit einander. Wenn 
man das schönste, beste Pflaster hat und reinigt es nicht, so bildet sich 
Schmutz, und es entstehen schlüpfrige Stellen, die Pferde sind gezwungen, 
von ihren Hufen kräftig Gebrauch zu machen und zerstören dadurch auch 
das vorzüglichste Material sehr bald. Indess dies näher auszuführen, ist 
Sache meines Herrn Mitreferenten; ich komme daher zum Schlüsse. Da 
möchte ich Ihnen noch sagen, dass neben den hier behandelten hygienischen 
und wirthschaftlichen Gründen, welche dafür sprechen, der Pflasterfrage in 
den Städten die volle Aufmerksamkeit zuzuwenden, auch noch ein weiteres 
wichtiges Moment vorhanden ist, und zwar liegt dies auf ästhetischem 
Gebiete. Wohl Jedem, der aus einem Bahnhofe eine neue Stadt betritt, 
fällt zu allererst der Zustand ins Auge, in dem sich das Strassenpflaster 
befindet. Aus diesem Zustande macht er unwillkürlich Schlüsse auf die 
Verhältnisse der Stadt im Allgemeinen, aus ihm bildet er sich zum guten 
Theil den so überaus wichtigen „ersten Eindruck“. Es giebt natürlich auch 
hier, wie in allen Dingen, Ausnahmen und vor Allem nehme ich die schöne 
Stadt, in der wir hier tagen, von der allgemeinen Regel aus. Im Allgemeinen 
kann man aber gewiss sagen, dass das Pflaster so eine Art von Aushänge¬ 
schild für die ganze Stadt ist, und der alte Schopenhauer hat mit seinem 
bekannten Worte in Beinern Werke Parerga und Paralipomena durchaus 
recht, wenn er sagt: Eine Stadt, welche schlechtes Strassenpflaster hat, 
dafür aber eine ganze Menge schöner Gebäude, Monumente, Springbrunnen 
und dergl. aufweist, die käme ihm vor wie eine Frau, welche sich mit 
Diamanten und sonstigen Schmucksachen behinge, dabei aber ein schmutziges, 
zerrissenes Kleid anhätte. Wir alle hier, die wir berufen sind, für unsere 
Städte zu sorgen, müssen also auch ganz entschieden für die Beschaffung 
der nöthigen Garderobe eintreten. Der Herr Oberbürgermeister unserer 
gastlichen Stadt hat ja die nöthigen Anschaffungen nach dieser Richtung 
hin sogar schon für morgen zugesagt. So schnell braucht es ja am Ende 
nicht zu gehen, aber ich glaube, man muss in der Tbat mit aller Energie 
dafür sorgen, dass diese von dem Pessimisten Schopenhauer geschilderte 
Frau, die der deutschen Eigenart und dem deutschen Wesen so ganz und 
gar nicht entspricht, anständig gekleidet wird, und dass man daher so lange 
an die Stadtverordneten wegen Geldbewilligung herantreten muss, bis man 
Gehör findet, genau so wie es jede gute deutsche Hausfrau macht, die bei 
jedem Saisonwechsel ihrem ahnungslosen Ehegemahl die ebenso überraschende 
wie betrübende Entdeckung mittheilt: „Mann, ich habe nichts anzuziehen.“ 


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Strassenbefeßtigungsmaterialien und Ausfirhrungearten. 151 

Correferent, Priyatdocent Dr. Th. Weyl (Charlottenburg): „Meine 
Damen und Herren! Meine Aufgabe ist es im Wesentlichen, die hygieni¬ 
schen Gesichtspunkte zu beleuchten, welche bei Herstellung von Strassen- 
befestigungen in Frage kommen. Vollständig aber wird sich ein Eingehen 
auf die technischen Fragen nicht vermeiden lassen, wie dies natürlich ist, wenn 
ein Capitel aus der öffentlichen Gesundheitspflege zur Discussion steht, bei 
dem der Ausgestaltung der Technik ein so wesentlicher Antheil zufällt. 

„Die Leitsätze 5 bis 10 sind es, welche ich zu vertheidigen habe: 

„Ich gestatte mir, zunächst auf den Leitsatz 5 einzugehen: Die¬ 
jenigen Strassenbefestigungen sind die besten, welche sich am 
wenigsten abnutzen. Durch die Abnutzung des Pflasters entsteht der 
Strassenstaub, dessen Schädlichkeit ja jetzt im Grossen und Ganzen allgemein 
anerkannt ist. Die feinen Staubtheilchen verbreiten sich in der Luft, 
dringen durch die Oeffnungen des Körpers in diesen ein und bringen unter 
Umständen schädliche Keime mit sich. Man hat im Strassenstaub und im 
Strassenschmutz eine grosse Reihe solcher schädlichen Keime gefunden, aus 
der ich nur die Erreger der Tuberculose, des Starrkrampfs, der Eiterungen 
und Wundinfectionskrankheiten, die Erreger der Lungenentzündung hervor¬ 
heben will. 

„Aber der Strassenstaub wirkt nicht nur infectiös, er wirkt vielmehr 
auch auf mechanischem Wege schädigend. Es ist ja durch mikroskopische 
Untersuchung der verschiedenen Staubarten ermittelt worden, dass diese 
mit mehr oder weniger spitzen Fortsätzen versehen sind. Diese Fortsätze 
bohren sich in die Schleimhaut von Nase und Mund ein, und nach den zur 
Zeit herrschenden Theorieen, welche gut begründet scheinen, ist es nicht 
mehr zweifelhaft, dass sich in diesen feinsten Rissen und Wunden nun jene 
Krankheitserreger ansiedeln können, von denen oben die Rede war. Hier¬ 
nach ist also die These wohl begründet, dass mit Rücksicht auf die hygieni¬ 
schen Anforderungen für eine möglichst geringe Abnutzung des Pflasters 
gesorgt werden sollte. 

„Was nun das Geräusch in den Strassen anbetrifft (Leitsatz 5b), 
so wird derjenige, der Ruhe sucht, mit Vorliebe solche Strassen aufsuchen, 
die ein geräuschloses Pflaster besitzen. Geräuschlos sind aber, wenn 
man von dem wegen seiner Staubentwickelung unbrauchbaren Macadam 
absieht, nur zwei Pflasterarten: das Holz- und das Asphaltpflaster. 
Ueber beide Pflasterarten gestatten Sie mir einige Bemerkungen. In Paris 
hat man nach englischem Vorbilde namentlich die grossen Boulevards und 
einige andere lebhafte Verkehrsstrassen früher ausschliesslich mit Holz¬ 
pflaster belegt, und die daselbst mit der Legung des Holzpflasters gemachten 
Erfahrungen sind ja auch für die deutschen Städte maassgebend gewesen. 
Es scheint nun aber — es wird mir das auch von maassgebenden französi¬ 
schen Ingenieuren bestätigt —, als wenn das Holzpflaster in Paris in der 
Abnahme begriffen sei, als wenn man jetzt die grossen Verkehrsstrassen 
nicht mehr wie bisher mit Holz belegt, sondern sich dem Asphalt zuwendet, 
und zwar, wie mir in einer für Deutschland sehr schmeichelhaften Weise 
gesagt wurde, nach dem Vorbilde grosser deutscher Städte; besonders wurden 
mir Hannover und Berlin genannt. 

„Der Grund, aus welchem der Gebrauch des Holzpflasters in Paris im 


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152 XXYI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Abnehmen begriffen ist, soll hauptsächlich darin liegen, dass die hierfür 
brauchbaren Holzbestände nahezu aufgebraucht sind. Paris benutzt nämlich 
hierfür Hölzer, die aus Südfrankreich kommen. Offenbar hat man dort eine 
Art Ton Raubbau getrieben, der sich jetzt schwer rächt. 

„Der Hygieniker hat das Bestreben, möglichst überall, namentlich aber 
in allen Wohnstrassen, ein geräuschloses Pflaster eingeführt zu sehen, 
und hier würden nun die Herren Techniker das entscheidende Votum 
darüber abzugeben haben, ob sie das Asphalt- oder ob sie das Holzpflaster 
vorziehen. Leider lässt sich in Strassen mit grossen Steigungen weder 
Asphalt noch Holz anwenden, so dass wir in solchen Fällen auf das Stein¬ 
pflaster zurückkommen müssen. 

„Die Reinigung der Strassen wird am einfachsten sich vollziehen, 
wenn die Oberfläche möglichst glatt ist. Dieser Bedingung genügen nur 
zwei Pflasterarten, nämlich erstens das Asphaltpflaster und zweitens das 
Steinpflaster, dessen Fugen man mit Asphalt oder mit Cement ausgegossen 
hat; alle anderen Pflasterarten, namentlich Macadam und Holzpflaster, lassen 
sich besonders bei feuchtem Wetter nur sehr schwer reinigen. Es könnte 
auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, wenn ich behaupte, das Holz¬ 
pflaster lasse sich schwer reinigen. Aber wenn man die zur Reinigung be¬ 
stimmten Maschinen etwas näher ins Auge fasst, so überzeugt man sich sehr 
schnell davon, dass der Druck der Walze und der Bürsten ein starker 
sein muss, um seinen Zweck zu erfüllen. Es wird jedesmal, wenn 
eine Walze über den Holzwürfel streicht, etwas von der Oberfläche fort¬ 
genommen. Nach jeder gründlichen Reinigung sieht daher das Holzpflaster 
rauh aus. Es ist das vom hygienischen Standpunkt aus jedenfalls kein 
Vortheil. 

„Nun soll das Pflaster, vom hygienischen Standpunkt aus betrachtet, 
ein solches sein, dass der Untergrund nicht verunreinigt wird 
(These 5 c). Diese Anforderung wird von den Technikern jetzt allgemein 
anerkannt, und ich kann daher darüber hinweggehen. Ich möchte nur noch 
eine Beobachtung anführen, die ich ganz vor Kurzem gemacht habe; sie 
bezieht sich auf überschwemmt gewesene Reitwege. Meiner Ueberzeugung 
nach gehören Reitwege in die innere Stadt nicht hinein, höchstens in die 
grossen Pracht - und Promenadenstrassen. Der Reiter ist ein privi- 
legirtes Wesen, welches den Verkehr in den Strassen eher stört als be¬ 
günstigt Wenn er reiten will, mag er das ausserhalb der Stadt thun. 
Es scheint mir desshalb geboten, die Reitwege innerhalb der Stadt, mit Aus¬ 
nahme der in den grossen Pracht- und Promenadenstrassen befindlichen, 
aufzuheben. Ich habe neulich beobachtet, dass nach einem anhaltenden, 
8 bis 10 Stunden währenden Regen gewisse Reitwege Berlins überschwemmt 
waren und für mehrere Tage überschwemmt blieben. Diese Reitwege be¬ 
sitzen jedenfalls keine Entwässerungseinrichtungen. In der Nähe dieser 
Reitwege roch es greulich. Jeder Fussgänger wurde mit Schmutz über¬ 
schüttet, wenn etwa ein Reiter den Reitweg benutzte. Aus diesem Grunde 
möchte ich befürworten, dass alle Reitwege innerhalb der Städte mit 
guten Entwässerungseinrichtungen zu versehen sind. 

„Die These 6 handelt von den auf der Strassenoberfläche befindlichen 
Keimen. Um sie zu beseitigen, hat man wohl davon gesprochen, die Strassen- 


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Strassenbefestigungsmaterialien und Ausführungearten. 153 

Oberfläche zn desinficiren, wie dieses in manchen Städten, regelmässig in 
London, z. B. in den grossen Hanptstrassen Oxford Street und Piccadilly, 
geschieht. Aber derjenige, der sich etwas näher mit dem Gegenstand be¬ 
schäftigt, kommt sehr schnell zu der Ueberzeugung, dass mit dieser so¬ 
genannten Desinfection der Strassenoberfläche dem Publicum Sand in die 
Augen gestreut wird. Die Desinfection der Strassenoberfläche ist ja möglich. 
Kaum ist aber die Desinfection erfolgt, so tritt durch den Verkehr stets 
?on Neuem Infection ein, und die Desinfection musste nach sehr kurzer Zeit 
wiederholt werden. Dies lässt sich natürlich kaum durchfuhren, weil der Ver¬ 
kehr bei jeder Desinfection gestört würde. Aber auch auf die Kosten wäre 
Rücksicht zu nehmen. Die billigsten Desinfectionsmittel wären Kalk und 
verdünnte Säuren. Nun, der Kalk wird die Strassenoberfläche in keiner 
Weise verschönern; eine solche mit Kalk desinficirte Strasse wird keinen 
erfreulichen Anblick darbieten. Säuren werden wir zur Desinfection der 
Strassenoberfläche nicht anwenden können, weil diese die Hufe der Thiere, 
die Sohlen und Kleider der Passanten angreifen. Die Anwendung der 
Carbolsäure, selbst der rohen Carbolsäure verbietet sich durch den hohen 
Preis dieser Präparate wohl von selbst. Die beste Desinfections- 
methode für Strassen besteht meiner Meinung nach in einer aus¬ 
giebigen Benutzung von Wasser, also in häufigen Strassenspülungen. 

„In vielen Städten werden die Droschkenhalteplätze regelmässig 
desinficirt. Ich halte dies für absolut entbehrlich. Eine wirkliche Des¬ 
infection der Strassen, also unter Anwendung wirklicher Desinfectionsmittel, 
wird nöthig werden, wenn etwa ein Mensch oder ein Thier auf der Strasse 
zusammengebrochen ist, wenn der Leichnam eine gewisse Zeit lang liegen 
geblieben ist, und wenn hierbei die Strasse durch Eiter, Blut, Fäcalien 
verunreinigt wurde. Was will man sonst eigentlich desinficiren? Die Pferde 
sind doch nicht krank. Offenbar hat man hier Desinfection und Reinlich¬ 
keit verwechselt. In der Nähe von Droschkenhalteplätzen riecht es aus er¬ 
klärlichen Gründen. Den unangenehmen Geruch beseitigt man durch regel¬ 
mässiges Spülen mit Wasser und die Ausgaben für das Carboistreupulver 
sind entbehrlich. Dieses Präparat besteht in reinerem Zustande aus 
Carbolkalk und wird nach der Intensität der rothen Farbe verkauft. 
Die Rothfärbung kommt bekanntlich dadurch zu Stande, dass Sauerstoff, 
d. h. Luft auf den Carbolkalk einwirkt. Aber es giebt ein einfacheres 
Mittel, das Streupulver schnell roth zu färben, und zwar mit Hülfe irgend 
eines rothen Farbstoffes. Mit Vorliebe werden hierzu arsenhaltige Fuchsine 
benutzt! Also höchstens in Zeiten von Epidemieen sollte man an 
eine wirkliche Desinfection von Droschkenhalteplätzen denken. 

„These 5 c fordert eine undurchlässige Strassenbefestigung, damit der 
Untergrund nicht verunreinigt werden könne. Diese Anforderung wird 
kaum bestritten. Es muss aber darauf hingewiesen werden, dass ein un¬ 
durchlässiges Strassenpflaster nur für gut entwässerte Strassen brauchbar 
ist. Nun findet man bisweilen, namentlich in kleinen Gemeinden, Strassen- 
oberflächen, welche zwar undurchlässig hergestellt wurden, aber ungenügende 
Entwässerung besitzen. Wenn es dann stark regnet, so bleibt das Regen- 
wa88er lange stehen. Es verhindert den Verkehr oder erschwert ihn wenig¬ 
stens, es geht sogar in Fäulniss über und verbreitet einen unangenehmen 


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154 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Geruch. Wenn also nicht für Entwässerung gesorgt wird, ist 
eine undurchlässigeStrassenoberfläche ein verhängnissvoller 
Fehler. 

„In These 6 ist gesagt, dass die Zahl und Art der auf der 
Strassenoberfläche befindlichen Keime nicht in Betracht kommt. 
Wenn wir die Absicht haben, die Bacterien, weil sie Krankheit erregen 
können, von der Strassenoberfläche zu beseitigen, so können wir nicht 
individualisiren, indem wir das eine Bacterium am Leben lassen, das andere 
aber abtödten. 

„Unser Ziel erreichen wir dadurch am leichtesten, dass wir — wie dieses 
bereits oben gesagt ist — die Strasse kräftig mit Wasser abspülen und das 
Spülwasser unschädlich, d. h. durch Canalisation abführen. Namentlich 
aber ist der Staub auf den Strassen niederzuhalten und für die staubfreie 
Aufsammlung und Abfuhr des Strassenschmutzes Sorge zu tragen. 

„Ich komme nunmehr zu Leitsatz Nr. 7, welcher von den Methoden 
der Strassenreinigung handelt. Glücklicher Weise sind für die grösseren 
Städte die Zeiten so ziemlich vorüber, wo man die Strassenreinigung mit 
dem Besen in der Hand besorgte. Fast überall ist die Handarbeit durch 
Maschinenarbeit ersetzt worden, seitdem die Kehrmaschinen in den Handel 
kamen. Diese Maschinen ersparen Arbeitskräfte und reinigen die Strassen 
schnell und gründlich. Leider aber wirbeln sie Staub auf etwa wie eine 
Schwadron, wenn sie einen trockenen Landweg benutzt. Das Vergnügen, 
einen solchen Staub einzuathmen, konnte man sogar in der Hauptstadt des 
Deutschen Reiches bis vor etwa fünf Jahren z. B. Abends in der Potsdamer 
Strasse gemessen. Erst einer sehr lebhaften Agitation gelang es, diesem Unfug 
zu steuern, den man vom hygienischen Standpunkte aus als einen groben 
bezeichnen musste. Heute sind diese sogenannten trockenen Kehrmaschinen 
in den meisten Städten nur dann noch im Gebrauch oder sollten wenigstens 
nur dann im Gebrauch sein, wenn die Strassenoberfläche kurz vorher an¬ 
gefeuchtet ist. Dann sind sie durchaus an ihrem Platze, dann kehren sie 
den feuchten Strassenschmutz zusammen, ohne Staub zu verursachen. 

„Nun hat man aber einen weiteren Fortschritt gemacht. Man hat 
nämlich — wenn ich nicht irre, zunächst in Amerika — Maschinen con- 
struirt, welche das Sprengen und das Kehren gleichzeitig 
besorgen. In Deutschland ist es die Firma Henschel in Berlin gewesen, 
welche zum ersten Mal eine unseren Anforderungen genügende Maschine in 
den Handel brachte. Ich habe vor ein paar Jahren mit dieser Maschine 
experimentirt, und da hat sich herausgestellt, dass dieselbe auf Asphalt¬ 
pflaster ganz ausgezeichnete Resultate zeitigte. Durch diese auf der Char¬ 
lottenburger Chaussee und in der Berlinerstrasse vorgenommenen Versuche 
wurde festgestellt, dass der Strassenschmutz in musterhafter Weise von der 
Maschine zusammengekehrt wurde, und zwar in Gestalt eines einzigen 
Häufchens, welches parallel der Bordschwelle lag. Ich habe gesehen, daBS 
die Walze ihre Pflicht that, auch da, wo Vertiefungen vorhanden waren, 
namentlich solche Vertiefungen, die durch die Anlage des damaligen Pferde¬ 
bahngeleises, jetzigen elektrischen Geleises, hervorgerufen waren. Ich habe 
mich oft davon überzeugen können, dass diese Maschine Kraft genug besass, 
kleine Steine — etwa von Faustgrösse — aus der Fahrbahn fortzuschaffen- 


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StrassenbefestiguDgsmaterialien and Ausführungsarten. 

Der Verkehr wird durch die Maschine kaum beeinträchtigt. Ich kann hier¬ 
nach die Maschine von Henschel bestens empfehlen. 

„Aber auch hierbeij ist die Technik glücklicher Weise nicht stehen 
geblieben. Es war noch ein sehr wichtiges Problem zu lösen und dasselbe 
ißt zuerst in Amerika gelöst worden, das Problem nämlich, eine Maschine 
zu bauen, welche gleichzeitig drei Maschinen ersetzt: erstens 
sprengt, zweitens kehrt und drittens den Kehricht aufsammelt. 
Auf die Construction der amerikanischen Maschinen möchte ich nicht näher 
eingehen. Sie sind zum Theil recht verwickelt und lassen sich kaum ohne 
grössere Wandtafeln hier demonstriren. Dagegen habe ich die Freude, 
hier mittheilen zu dürfen, dass eine solche Kehrmaschine, die wohl vielen 
Herren bereits bekannt ist, nun auch in Deutschland erfolgreich her¬ 
gestellt und von einer Gesellschaft in Düsseldorf in den Handel gebracht wird. 
Die Maschine heisst Salus (Abbildungen s. umstehend), und ich glaube, 
sie verdient ihren Namen mit Recht. Ich hatte Gelegenheit, mit dieser 
Maschine auf dem Kurfürsten dämm zu Berlin und den angrenzenden Strassen 
zu experimentiren. Die verehrten Anwesenden kennen wohl alle den Kur¬ 
fürstendamm und wissen, dass sich seine beiden Seiten wie Tag und Nacht 
von einander unterscheiden. Auf der einen Seite liegt ein ausgezeichnetes 
Pflaster und auf der anderen Seite das Gegentheil davon. Ich suchte mir 
die Seite mit dem Gegentheil aus. Auf dieser Seite also wurden die Ver¬ 
suche angestellt. Wir fuhren ungefähr einen halben Kilometer.geradeaus. 
Es war zufällig dieser Theil des Kurfürstendammes vor kurzer Zeit, eine 
halbe Stunde vorher, gesprengt worden. Wir hatten also nicht nöthig, die 
Sprengvorrichtung in Gang zu setzen. Die Maschine arbeitete zu voller 
Zufriedenheit. Sie wurde von zwei Pferden gezogen, ein Kutscher sass auf 
dem Bock, eine andere Bedienung war nicht nöthig. Die Maschine kehrte 
den Unrath zusammen, lud ihn durch ein Becherwerk, welches in sehr 
genialer Weise mit dem Räderwerk der Maschine verbunden ist, auf und 
beförderte den Schmutz in einen angehängten Wagen. Nachdem diese Ver¬ 
suche auf dem Kurfürsten dämm bo gut geglückt waren, bogen wir in die 
Seitenstrassen ein, und zwar auf Wilmersdorfer Gebiet. Diese Strassen 
haben zum Theil ein schlechtes Pflaster, und können ein solches vertragen, 
weil in ihnen verhältnissmässig wenig Verkehr herrscht. Die Strassen- 
oberflache ist an einzelnen Stellen tief eingesunken. In diese Vertiefungen 
legten wir Steine, um zu sehen, ob die Maschine aus diesen Vertiefungen 
die Steine herauszuheben und in den Anhängewagen zu schaffen vermochte. 
Derartige Versuche waren erfolgreich. Kleine sowohl wie grössere Steine 
wurden aufgeladen. Das beweist nichts anderes, als dass die Bürsten Ac- 
commodationsvermögen genug besassen, um auch auf einer unebenen Strassen- 
oberfläche ihre Pflicht zu thun. Selbstverständlich wurden neben diesen 
Gewaltproben auch weniger gewaltthätige Experimente gemacht. 

„Auf Grund meiner Versuche, die ich an einem anderen Orte ausführ¬ 
licher geschildert habe 1 ), kann ich dieser Maschine nur eine gute Zukunft 
prognosticiren. Sie hat gewiss noch kleine Mängel: Sie ist ein bisschen zu 
lang, es ist daher nicht ganz einfach, um eine stark belebte Ecke mit ihr 

l ) Th. Weyl, Fortschritte der Strassenhygiene, I. Heft. Jena, Gustav Fischer, 1901. 


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156 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

herumzufahren, und dem grossen Gewirr von Wagen, Fussgängern und von 
Strassenbahnwagen auszuweichen; aber im Grossen und Ganzen scheint die 
Maschine Vortreffliches zu leisten, wie dieses auch durch die goldene Medaille 




anerkannt wurde, welche die Maschine auf der letzten Ausstellung für Feuer¬ 
schutz und Feuerrettungswesen davontrug. 

„Vorstehende Erörterungen werden, wie ich hoffe, gezeigt 
haben, dass die Zeit der trockenen Kehrmaschinen vorüber ist. 


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i. • i• i:: ! ■ i - v.ii l>isin r V.-rstouiUn.ir«*!! d« r (ainale erzeui»*- n. 

..I nder den l.v*itsatz 10 kann ich, wn* n*li olaude, m kr kurz lnnwim- 

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Straesenbefestigungsmaterialien und Ausführungsarten. 157 

„Im Anschluss an die Besprengung der Strassen mit Wasser möchte ich 
noch mit wenigen Worten die These 8 erörtern. Der Amerikaner White 
hat, wie ich dem Technischen Gemeindeblatt III, 383 entnehme, eine aus 
lehmigem Kies hergestellte Strassenbedeckung mit Eohpetroleum besprengt 
und hierbei eine vollkommen staubfreie Strasse erhalten. Die Versuche 
wurden in Rio (Californien) ausgeführt. Der lehmige Kies, der als Oelsand 
bezeichnet wird, ist ein verwitterter Oelsandstein. Vielleicht wird er durch 
diesen Gehalt an Oel, also an Rohpetroleum, zur Aufnahme von Petroleum 
besonders geeignet. 

„Soweit das Technische Gemeindeblatt. Es lässt sich wohl schwer 
beurtheilen, ob diese Versuche für unsere Verhältnisse brauchbar sind. 
Dieses scheint mir jedoch immerhin möglich, und ich möchte desshalb die 
maassgebenden Herren bitten, auch ihrerseits einen Versuch zu machen. Das 
Rohpetroleum ist ja relativ billig. Es wäre denkbar, dass man auch gewisse 
Petroleumrückstände — ich meine den Masut —, der auch bei uns als 
Brennstoff für Industriefeuerungen benutzt wird, für den angegebenen 
Zweck verwenden könnte. 

„Ich komme nun zu dem Leitsatz 9: Man solle den Kehricht nicht 
in die städtischen Canäle, in die Siele werfen. In Deutschland wird 
diese These kaum auf Widerspruch stossen. Ganz anders in Paris. Die Pariser, 
die für tout ä Vigout schwärmen, haben sich nämlich vorgestellt, sobald 
nur die Strassen von -Canälen durchzogen sind, und sobald für diese Canäle 
eine geeignete Vorfluth geschaffen ist, könne man allen Unrath, also nament¬ 
lich den Strassenschmutz, direct in die Canäle werfen. Man beginnt aber 
seit einiger Zeit auch in Paris einzusehen, wie unrationell dieses Verfahren 
ist. Man muss ja den Schmutz aus den Canälen wieder herausschaffen, damit 
sie sich nicht, verstopfen. Und die Kosten dieser Canalreinigung sind jeden¬ 
falls nicht geringer als diejenigen, welche entstehen, wenn man den Strassen¬ 
schmutz direct von der Strassenoberfläche abführt. So wurden denn Gullies 
von besonderer Art, sie werden als Körbe, als bouches ä corbeille be¬ 
zeichnet, eingeführt und in der Nähe der Markthallen in die Canäle ein¬ 
gebaut. Hierdurch ist wenigstens das Eine erreicht, dass die Gemüseabfälle 
nicht mehr wie bisher Verstopfungen der Canäle erzeugen. 

„Ueber den Leitsatz 10 kann ich, wie ich glaube, sehr kurz hinweg¬ 
gehen. Denn die Bestrebungen, den Schnee dadurch zu beseitigen, dass 
man ihn in den Hauptstädten entweder in den Fluss oder in die 
Canäle wirft — diese Bestrebungen haben mit einem vollen Siege der 
Agitatoren geendet. Ich besinne mich noch, dass mir vor einigen Jahren, als 
in Berlin von diesen Dingen zuerst die Rede war, von allen Seiten Einwendungen 
gemacht wurden. Da sagte man, die Berliner Entwässerung unterscheide sich 
von der anderer Städte dadurch, dass sie nur wenige zusammengefasste 
Canäle besitze. Die Spree solle nicht im Stande sein, die Schneemassen fort¬ 
zuführen. Auch die Ministerialbaucommission mischte sich ein, als die 
städtischen Behörden den Schnee von den Brücken direct in den Fluss 
warfen. Man fürchtete offenbar, dass mit dem Schnee allzu viel Schmutz in 
die Spree gelange, der durch Baggerung beseitigt werden muss. Jetzt haben 
sich die Meinungen geklärt. Es wird in Zukunft nicht mehr verboten sein, 
frisch gefallenen Schnee von der Brücke aus in den Fluss zu werfen oder 


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158 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

den Canälen zu übergeben. Nach dem Vorbilde von London, Paris und 
Brüssel sind Schneeschächte in Köln, in München, in Stuttgart, in Zwickau i. S., 
in Charlottenburg und gewiss noch in vielen anderen Städten angelegt 
worden. Ich zweifle nicht, dass diese billige und zweckentsprechende Art 
der Schneebeseitigung sich überall Eingang verschaffen wird. Mir wenigstens 
ist kein besseres, schnelleres und billigeres Mittel bekannt, die Strassen und 
Plätze vom Schnee zu befreien als durch Einwurf in die Canäle oder Flüsse 1 ). 

„Soviel wollte ich mir gestatten, hier im Anschluss an die gedruckten 
Leitsätze vorzutragen. Wenn nicht alles täuscht, sind die Bestrebungen auf 
dem Gebiete der Strassenhygiene in Deutschland von Erfolg gekrönt. Trotz¬ 
dem bleiben noch manche Verbesserungen zu erstreben. Denn auch hier 
gilt das Goethe’sche Wort: Uns bleibt ein Erdenrest zu tragen, pein¬ 
lich, und wär er von Asbest, er ist nicht reinlich.“ 

Hierauf eröffnet der Vorsitzende die Discussion. 

Stadtbaurath V. Scholtz (Breslau) theilt in Anlehnung an die von 
dem Referenten angeführte Thatsache, dass die Staubbildung bei den ver¬ 
schiedenen Befestigungsmaterialien verschieden sei, mit, dass er bestrebt 
gewesen sei, diese Verschiedenheiten durch Versuche festzustellen, und zwar 
durch directe Messungen. In letzter Zeit seien z. B. Klagen über die Staub¬ 
bildung auf Asphaltstrassen besonders laut geworden, es werde namentlich 
über starke Staubbelästigung in Gesichtshöhe geklagt. Die bisher ange¬ 
wandten Mittel zur Staubbeseitigung auf dem Asphalt seien noch etwas 
unvollkommen: man besprenge den Asphalt zu diesem Zweck mit Wasser, 
das aber, da der Asphalt es nicht aufnehme, sehr rasch verdunste, so dass 
der Erfolg nur von kurzer Dauer sei. Ausserdem verursache das auf den 
Asphalt gegossene Wasser ein Schlüpfrigwerden desselben, so dass man ge¬ 
zwungen sei, nach dem Reinigen Sand zu streuen, wodurch dann wieder die 
Staubbildung wesentlich vermehrt werde. 

Ob und wieweit diese Beschwerden über Staubbildung begründet seien, 
das habe er durch directe Messungen feststellen wollen. Er habe zu dem 
Zweck das hygienische Institut der Breslauer Universität ersucht, Staub¬ 
messungen unter gleichen Verhältnissen in verschieden befestigten Strassen 
vorzunehmen. Dabei habe sich herausgestellt, dass derartige Messungen 
des Staubes in der Luft nach den bisherigen Methoden sehr schwer aus¬ 
zuführen seien, so dass die in Breslau angestellten Versuche zu einem 
positiven Resultate zunächst nicht geführt haben. " 

Die verschiedenen Methoden, die zur Staubbestimmung in der Luft bis¬ 
her angewandt wurden, seien in neuester Zeit von Herrn Dr. Arens am 
hygienischen Institut in Würzburg beschrieben worden, der auch umfang¬ 
reiche Messungen über den Staub in der Luft vorgenommen habe. Die 
älteste Methode der Bestimmung beruhe ja auf der Einführung eines Licht¬ 
strahls in einen dunkeln Raum, durch welchen die einzelnen Staubpartikel 

l ) Nach den in Wien gemachten Erfahrungen kostet die Beseitigung von 
1 cbm Schnee durch Schmelzen 1 Krone 10 Heller, durch Abfuhr 95 Heller, 
durch Einwurf in die Canäle 35 Heller. Yergl. Schneider in Assanirung von 
Wien. Das Buch erscheint demnächst bei W. Engelmann in Leipzig. 


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Strassenbefestigungsmaterialien und Ausfüh rungsarten. 159 

beleuchtet werden; diese einzelnen Staubpartikel solle man dann zählen. 
Das sei natürlich eine sehr unvollkommene Methode. Etwas vollkommener 
sei die Methode, die staubige Luft in einem Kolben zu sammeln, welcher 
auch etwas Wasser enthalte; verdünne man die in dem Kolben enthaltene 
Luft, so verdunste das Wasser und schlage sich auf den Staubpartikelchen 
nieder, was diese vergrössere, wodurch dann die Auszählung erleichtert 
werde. Aber auch hierbei könne man nur sehr geringe Luftmengen messen, 
und die Ergebnisse seien unvollkommen. 

Später habe man die Luft durch kleine communicirende U-fÖrmig ge¬ 
bogene Röhrchen geleitet, die mit destillirtem Wasser gefüllt seien; nachdem 
eine bestimmte Luftmenge durchgeleitet sei, werde das Wasser verdampft und 
die Rückstände gewogen. Doch auch diese Methode sei ziemlich umständlich, 
und auch mit ihr könne man nur verhältnissmässig geringe Mengen Luft 
untersuchen. Dann habe man das Wasser durch Filterwatte ersetzt, aus 
welcher man dann durch die Gewichtszunahme die Staubmengen bestimmt 
habe. Are ns mache seine neuesten Beobachtungen mit einem Cylinder, der 
mit einer Fettmasse bestrichen sei. Werde nun die Geschwindigkeit der 
Luft durch einen Windmesser in unmittelbarer Nähe dieses Cylinders 
gemessen, so lasse sich die Luftmenge bestimmen, die an diesem Cylinder 
vorbeigestrichen sei, und durch Filtration der Fettmasse könne man dann 
die Staubtheile ausscheiden und wiegen. 

In ähnlicher Weise seien die Beobachtungen in Breslau durch das 
hygienische Institut ausgeführt worden. Aber auch diese Versuche haben 
zu einem positiven Ergebniss nicht geführt. Es sei zu hoffen, dass durch 
fortgesetzte Bemühungen es gelingen werde, die Staubmessungsmethoden zu 
vervollkommnen, so dass man dann auf Grund vergleichbarer Messungen 
zu einem positiven Resultate gelange. 

Die Erfahrungen über die verschiedenen Materialien zur Fussweg- 
befestigung, die der Referent mitgetheilt habe, wolle er auf Grund posi¬ 
tiver Beobachtungen ergänzen, die er während etwa 15 Jahren Gelegenheit 
gehabt habe, anzustellen. Wenn der Herr Referent die Befestigung derFusswege 
mit Asphalt gelobt habe, so treffe dies bei einem mittleren Verkehr zu, bei 
einem sehr starken Verkehr dagegen sei die Abnutzung des Asphalts eine 
zu grosse. Er habe Gelegenheit gehabt, bei einem 2*50 m breiten Bürger¬ 
steig einer sehr stark begangenen Brücke der Reihe üach die verschiedenen 
Materialien auszuprobiren: Gussasphalt sei nach drei bis vier Jahren so abge¬ 
laufen gewesen, dass er habe beseitigt oder erneuert werden müssen; mit einer 
comprimirten Asphaltschicht von 3 cm Stärke belegte Platten seien nach 
zwei Jahren vollständig abgelaufen gewesen, so dass die Betonunterlage zu 
Tage getreten sei, die dem Verkehr viel besser widerstanden habe, wie die 
obere Asphaltlage. Dies habe dazu geführt, später lediglich Cementplatten 
auf den Brücken zu verlegen, und zwar möglichst vorher hergestellte, gut 
erhärtete Betonplatten, in die entweder Granit-, Grünstein- oder auch Basalt¬ 
stücke eingestanzt, und die dann glatt geschliffen worden seien. Mit diesen 
Platten habe man seit etwa sechs Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht; wirth- 
schaftlich sei diese Befestigungsart daher auf jeden Fall sehr vortheilhaft, 
da die erstmaligen Herstellungskosten verhältnissmässig geringe seien und 
die Dauer eine lange sei. 


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160 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Bezüglich der verschiedenen Befestigungsmaterialien für Strassen 
wolle er auf die neueren Erfahrungen hin weisen, die man mit vergossenem 
Steinpflaster gemacht habe, vergossen nicht unter Verwendung von Asphalt, 
sondern unter Verwendung von Cementmörtel. Der einzige Uebelstand, 
der hierbei auftrete, sei der, dass bei der Herstellung des Pflasters eine um 
acht Tage längere Absperrung der Strasse nothwendig werde. Diese 
Pflasterungsmethode habe sich in Breslau bei Verwendung von gleichmässig 
sich abnutzendem, nicht zu hartem Granit ausgezeichnet bewährt. Die Fugen 
seien durch Cement vollständig geschlossen, und es entstehe eine fugenlose, 
ebene Pflasterfläche, welche in gewisser Hinsicht mit dem Asphalte con- 
curriren könne und jedenfalls geringere Kosten wie dieses verursache. Ein 
solches Pflaster verursache weniger Geräusch, wie das gewöhnliche, weil ein 
Ueberspringen der Räder über die einzelnen offenen Fugen nicht stattfinde. 
Nach dieser Richtung empfehle er weitere Betrachtungen anzustellen. 

Stadtbaurath a. D. Brix (Wiesbaden) ist der Ansicht, dass es sich 
weniger darum handle, ob man hartes oder weiches Pflastermaterial nehme, 
als darum, dass man ein Material wähle, das sich gleichmässig abnutze, 
und ferner dass es sich möglichst wenig und möglichst langsam abnutze. 
Diese Bedingungen werden erfüllt durch Hartsteine, z. B. gute Granitsteine. 
Es gebe deutsche und auch norwegische Granitsteine, die sich langsam und 
gleichmässig abnutzen und dabei nicht glatt werden. 

Dann wolle er auf die grossen hygienischen Vortheile des Abwaschens 
der Strassenflächen durch gründliches Abspülen aufmerksam machen, weil 
bisher darüber nicht gesprochen sei. In Wiesbaden, wohl auch an manchen 
anderen Orten habe man einen grossen Vortheil darin gefunden, im Früh¬ 
jahr und auch im Herbst eine gründliche Abwaschung der Strassen durch 
Wasser derart ein treten zu lassen, dass die Strassenoberfläche vollständig 
abgespült und auf diese Weise gut gereinigt werde. 

Ein dritter Punkt, über den die Techniker noch nicht so ganz einig 
seien, sei die Frage, ob es zweckmässig sei, bei Kehrmaschinen gleichzeitig 
auch die Begiessung eintreten zu lassen, in der Weise, dass mit der Kehr¬ 
maschine ein Wasserbehälter verbunden werde, aus dem kurz vor der Kehr¬ 
walze die Begiessung ausgeführt werde. Es habe sich nach verschiedenen 
Erfahrungen gezeigt ,• dass es je nach dem Grade der Feuchtigkeit der Luft 
und je nach der Witterung nicht gleichgültig sei, ob man den Sprengwagen, 
der den Staub und Kehricht befeuchten solle, in grösserer oder geringerer 
Entfernung vor der Kehrichtmaschine einhergehen lasse. Es zeige sich bei 
manchen Witterungsverhältnissen, dass, wenn kurz vor der Kehrmaschine 
gesprengt werde, dann der Kehricht nicht Zeit habe, das Wasser in sich 
aufzusaugen und gleichmässig feucht zu werden, und es finde sich, dass dann 
durch das Kehren der Staub zu Schlamm verrührt werde, der an den Steinen 
klebe. Mit Rücksicht auf diese Erfahrungen scheine es, dass man doch das 
Besprengen im Allgemeinen durch besondere Sprengwagen vor dem Kehren 
ausführen solle, und dass man vielleicht Wasserbehälter auf den Kehr¬ 
maschinen nur für zeitweilige und nebensächliche Befeuchtigungszwecke der 
Strassenoberfläche verwenden sollte. 

Zum Schluss wolle er noch darauf hinweisen, dass es für die städtischen 


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Strassenbefestigungematerialien und Ausführungsarten. 161 

Techniker wohl ernsthaft nicht in Betracht kommen könne, mit Petroleum 
behufs Staub Verhinderung in städtischen Strassen Versuche anzustellen, denn 
den Geruch, der dadurch entstehen würde, könne Niemand aushalten. In 
allerjüngster Zeit seien in Amerika Versuche auf einer Eisenbahnstrecke 
angestellt wprden, um die Staubaufwirbelung bei schnell fahrenden Zügen 
zu vermeiden; dort solle sich die Befeuchtung der Oberfläche mit Petroleum 
bewährt haben. Diese Verwendung auf freier Strecke, wenn sie sich be¬ 
währe, scheine immerhin mehr am Platze zu sein, als in den Städten. 

Baarath Peter8 (Magdeburg) wendet sich gegen die in Nr. 11 der 
Leitsätze aufgestellte Forderung, dass die Reinigung und Besprengung 
der Strassen Sache der Gemeinden sei. In Magdeburg erfolge die Strassen- 
reioigung zum Theil mit Hülfe der Bürger, ein altes Herkommen, mit dessen 
Beseitigung eine ganz wesentliche Belastung des Stadtsäckels eintreten 
würde. Man befinde sich in Magdeburg auch ganz wohl dabei, der saubere 
Zustand der hier in Betracht kommenden Strassen, namentlich nach starken 
Schneefällen, sei nur der Verpflichtung der Bürger zu verdanken, dass bis zu 
einer polizeilich bestimmten Zeit die Strassen — es handle sich dabei aber 
nicht um die Hauptverkehrsstrassen — in einen sauberen Zustand wieder 
hergestellt sein müssen. 

Bezüglich des Stampfasphalts wolle er mittheilen, dass man in 
Magdeburg in letzter Zeit dazu übergegangen sei, die Nebenstrassen von 
knapper Breite mit Stampfasphalt zu belegen. Da in diesen Strassen es 
aber öfters nöthig sei, wegen der Gas-, Wasser- und Entwässerungsröhren 
das Pflaster aufzubrechen, habe man die einheitliche Betonirung, die sonst 
für Stampfasphaltstrassen erforderlich sei, in einzelne Theile zerlegt und 
statt eines zusammenhängenden Betondammes von der üblichen Stärke von 
18 bis 20 cm Höhe die ganze Unterdecke aus Würfeln, richtiger Prismen von 
ungefähr 25 bis 30 cm Länge und 18 cm Höhe hergestellt Diese Quadern 
seien in Verband auf Sandbettung verlegt, ihre Fugen seien nur mit Kies aus¬ 
gefüllt und zur Abgleichung sei eine dünne Schicht von Cementmörtel in 
der Mischung von 1 Thl. Cement und 2 Thln. Sand daraufgebracht Da 
man bei Stampfasphalt bekanntlich gezwungen sei, die damit zu belegenden, 
folglich auch die zu reparirenden Stellen eben des Betonbettes wegen 
eine bestimmte Zeit in vollkommenem Ruhestande zu belassen — 10 bis 
14 Tage —, so bedeute es natürlich in stark frequentirten Strassen einen 
ausserordentlichen Fortschritt, diese Wartezeit auf ein Minimum einzu¬ 
schränken. Die vorher vorbereiteten Betonprismen könne man mit geringstem 
Zeitaufwand einfach verpflastern und dann unmittelbar darauf die Stampf¬ 
asphalt-Platten aufbringen. Diese von dem Fabrikanten Löhr in Frank¬ 
furt a. M. hergestellten Platten seien von quadratischer Gestalt, 25 cm gross 
und unter starkem hydraulischem Druck aus Beton und Cement zu einer 
überaus festen Masse zusammengepresst, wodurch sich eine Platte von 6 cm 
Stärke ergebe, von denen 4 cm auf die Asphalt- und 2 cm auf die Cement- 
schicht entfallen. Mit Rücksicht auf die Schnelligkeit der Herstellung und 
namentlich der Erledigung von Reparaturen scheine ihm die in Magdeburg 
angewandte Methode der Herstellung des Betonbettes immerhin der Erwägung 
werth. Noch fehle es allerdings an längeren Erfahrungen. Die Hauptsache 

Vierteljahnschrift für Gesundheitspflege, 1902. 21 


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162 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

bleibe eben die in wenigen Stunden zu bewirkende einwandfreie Herstellung 
einer unteren haltbaren Betondecke für Ausbesserungen, wobei eine Entziehung 
aus dem Verkehr sich kaum in störender Weise geltend machen werde. 

Stadtbaurath Kraus© (Berlin) will, da von den beiden Referenten 
wiederholt Berliner Verhältnisse erwähnt worden seien, hierzu einige Mit¬ 
theilungen und Berichtigungen geben. Der Herr Referent habe sich dahin 
geäussert, dass es zweckmässig sei, in den Nebenstrassen schmale Fahr¬ 
bahnen anzulegen, sie bis auf 5 bis Ö^m zu reduciren, und habe erklärt, 
dass auch in einigen neueren Strassenanlagen Berlins derartige schmale 
Strassendämme existiren. Dies sei ein Irrthum, denn in Berlin gehe man 
bei Neuanlagen von öffentlichen Strassen nicht unter 9 Meter für den 
Strassendamm herunter. Er gebe zu, dass man bei der Breitenabmessung 
von Strassendämmen häufig viel zu weit gehe, denn man sei bei breiten 
Strassendämmen, um den Fussgängerverkehr bei starkem Wagenverkehr 
von einer Seite zur anderen hinüberzuleiten, gezwungen, Zwischeuperrons, 
sog. Schutzinseln, anzulegen, und das sei ein Uebelstand. In Berlin komme 
man selbst bei lebhaftem Verkehr und bei doppelgleisigen Strassenbahn- 
anlagen mit lim breiter Fahrbahn aus, und nur in ganz besonders be¬ 
lebten Strassen, wie in der Leipziger und Potsdamer Strasse, sei man bis 
auf 15 m breite Fahrbahnen gegangen. 

Sodann habe sich der Herr Referent gegen die Subways, d. h. gegen 
die unterirdische Anlage von Gewölben, in welchen die städtischen Ver¬ 
sorgungsnetze untergebracht werden sollen, erklärt und sich dabei auf Herrn 
Geh. Baurath Hobrecht berufen. Es sei richtig, dass dieser sich im All¬ 
gemeinen gegen derartige Anlagen ausgesprochen habe, es sei auch richtig, 
dass für mittlere Städte solche Anlagen kaum in Betracht kommen können, 
es sei auch zuzugeben, dass nicht alle Leitungen in solche Subways unter¬ 
gebracht werden können, denn Gasleitungen würden, falls sie undicht 
seien, zu einer Explosionsgefahr leicht Veranlassung geben und daher ohne 
Weiteres auszuschliessen sein, — immerhin aber dürften für Berlin solche 
Subways nicht unbedingt von der Hand zu weisen sein, und er wäre sehr froh» 
wenn Berlin an einzelnen Stellen, z. B. unter den Linden oder in der Leip¬ 
ziger Strasse, derartige Anlagen hätte, weil dort durch jedes Aufreissen der 
Strasse, bezw. der Bürgersteige der Verkehr doch in einer recht unangenehmen 
Weise gehemmt werde. 

Was nun die Baumaterialien für Pflasterungen anbetreffe, so 
habe der Herr Referent darauf hingewiesen, dass die härtesten Steine, die 
Basalte, sich als Pflastersteine wenig eignen, und man besser weiches Material 
wählen solle; ja Referent sei sogar so weit gegangen, dass man dem Vor¬ 
trage vielleicht entnehmen könne, dass das weichste Material das beste sei, 
und man desshalb weichen Sandstein oder Kalk anwenden könne. Solche 
Strassen würden aber sehr rasch tief ausgefahren sein, und das sei nicht 
angängig. Richtig sei ja, dass allzu sprödes, hartes Material nicht ver¬ 
wendet werden solle, und dass ein möglichst festes und gleichmässig abnutz¬ 
bares Material am zweckmässigsten erscheine. Für das beste ihm bekannte 
Pflastermaterial halte er belgischen Porphyr, der allerdings für viele Städte 
wohl zu theuer sei. 


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Strassenbefestigungsmaterialien und Aasführungsarten. 163 

Was das Cementpflaster betreffe, so seien damit schon vor etwa 
20 Jahren von Herrn Stadtbaurath Frühling in Königsberg Versuche 
gemacht worden, aber schon nach kurzer Zeit habe dies wieder entfernt 
werden müssen. Später habe ein Herr Schulze in Leipzig versucht, dieses 
Cementpflaster dadurch zu verbessern, dass er auf eine Betonunterlage eine 
obere Schicht aus reinem Cementmörtel und Steinen hergestellt habe, und 
dieses Pflaster solle sich in Leipzig bewährt haben. Dagegen haben 
Versuche, die in Stettin und neuerdings auch in Berlin vorgenommen worden 
seien, ergeben, dass für lebhaften Strassenverkehr dieses Pflaster nicht ver¬ 
wendbar sei; an zwei von drei Stellen, an denen man es in Berlin angewandt 
habe, habe man es schon nach circa einem Jahre wieder entfernen müssen. 
Reparaturen seien ausserordentlich schwierig, da Beton mindestens eine 
Woche zum Abbinden brauche, und es in Berlin oft nicht möglich sei, auf 
derart lange Zeit die Strassen für Reparaturen zu sperren. 

Was das Stampf asphaltpflaster anbelange, so sei es als ein Uebel- 
stand bezeichnet worden, dass bei feuchtem Wetter der Glätte wegen eine 
Be8treuung des Pflasters mit Sand stattfinden müsse, und dadurch die Staub¬ 
entwickelung befördert werde. Um diesen Uebelstand möglichst einzu¬ 
schränken, habe man in Berlin seit einem Jahre von der Sandbestreuung 
abgesehen und eine Bestreuung mit Kies vorgenommen und zwar mit dop¬ 
pelt gesiebtem Elbkies. Derselbe weise Körner von etwa Nussgrösse auf, 
so dass man anfangs geglaubt habe, es werde dadurch eine Unbequemlich¬ 
keit für den Fussgängerverkehr entstehen. Dieser Kies werde aber von 
den Wagen sehr bald zerkleinert, ohne dass dadurch der Asphalt leide, und 
es bilde sich auf dem Asphalt eine sehr rauhe Oberfläche. Man brauche 
dabei nur etwa ein Drittel des früheren Materials, es werde in Folge dessen 
die Abfuhr billiger und die Staubentwickelung verringert. 

Wenn der Herr Correferent gesagt habe, dass Holzpflaster auf Stei¬ 
gungen nicht verwendbar sei, so sei dies nicht zutreffend. Man gehe in 
Berlin bei Stampfasphalt bis zu einer Steigung von 1:80, und wenn in einer 
Strasse, in welcher geräuschloses Pflaster verwendet werden solle, stärkere 
Steigungen vorhanden seien, so werde Holzpflaster verwendet, bis zu 
einer Steigung von 1:35. Dass das Holzpflaster unter den Linden in einem 
sehr schlechten Zustande gewesen und jetzt durch Asphaltpflaster ersetzt wor¬ 
den sei, sei richtig, aber dabei sei zu bedenken, dass dasselbe vor etwa 25 Jah¬ 
ren und nach Methoden hergestellt worden sei, die sich als unvollkommen 
erwiesen haben. Seit 1894 habe man nach Pariser Art ein neues Holz¬ 
pflaster mit Cementfugenverguss eingeführt, das sich bis jetzt recht gut 
bewährt habe. Die Hauptsache bei diesem Pflaster sei, dass eine sehr sorg¬ 
fältige Auswahl des Materials stattfinde, und dass nicht etwa Hartholz neben 
Weichholz gelegt werde, weil dadurch sich sehr leicht Vertiefungen im 
Pflaster bilden; es müsse vielmehr das Holz auf Jahresringe untersucht und 
nur Holz von völlig gleichmässiger Beschaffenheit verwendet werden; dann 
habe das Pflaster ziemlich grosse Haltbarkeit. In Paris sei das Holzpflaster in 
wesentlich weniger gutem Zustande, als es das neue Holzpflaster in Berlin 
sei, was seinen Grund darin habe, dass man dort die genannten Grundsätze 
nicht mehr genau befolge. Seit einiger Zeit werde dort nämlich die Holz¬ 
pflasterung nicht mehr von Unternehmern ausgeführt, sondern von städti- 

11 * 


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164 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

sehen Baubeamten, denen für die umfangreichen' Pflasterungen nicht die 
genügenden Räume zur Verfügung stehen, um die sorgfältige Sortirung, die 
durchaus nöthig sei, vorzunehmen. Auch die Grösse der Fuge müsse je 
nach der Härte des Holzes bemessen werden, die Längsfuge müsse bei 
weichem Holze grösser sein als bei hartem. Das Hartholz, welches meist 
von Australien oder den Sundainseln herstamme, sei selbstverständlich sehr 
theuer, es stelle sich das Quadratmeter auf circa 28 Mark, so dass man 
wohl in den meisten Städten von der Verwendung solch theuern Pflasters 
Abstand nehmen werde, während das weiche Pflaster mit schwedischem 
Kiefernholze, das gewöhnlich verwendet werde, einschliesslich der Beton¬ 
unterbettung nur 16 Vs Mark pro Quadratmeter koste. 

Bei der Anlage von Reitwegen begehe man sehr oft dadurch Fehler, 
dass einmal keine gute Unterbettung gewählt werde, und sodann, dass für 
die Entwässerung und Drainage der Reitwege meistens nicht genügend ge¬ 
sorgt werde. Auch komme es häufig vor, dass die Entwässerung der 
Strassen oder der Mittelpromenaden über die Reitwege geführt werde, so 
dass das ganze Wasser hinüberlaufen müsse, sich dort ansammle und den 
Reitweg in einen Sumpf verwandle. In Berlin habe man neuerdings unter 
den Linden einen Versuch mit einem neuen Material für Reitwege gemacht, 
mit Steinmergel aus Eichenberg in der Nähe von Göttingen. Dieses Material 
bestehe aus einem weichen Bruchstein, der sehr bald an der Luft in kleine 
Stücke zerfalle und den Vortheil habe, dass die mit diesem Material ver¬ 
sehenen Reitwege keinen Staub bilden und gut entwässern. 

Was endlich die Bemerkungen des Herrn Correferenten bezüglich der 
Staubkehrmaschine Salus betreffe, so habe er, da er zur Zeit der Ver¬ 
suche mit derselben gerade in Urlaub gewesen sei, die Maschine nicht in 
Betrieb gesehen. Der Director der Strassenreinigung von Berlin habe jedoch 
diesen Versuchen beigewohnt und habe sich nicht günstig über die Maschine 
ausgesprochen, weil der ganze Apparat der Kehrmaschine mit angehängtem 
Tenderwagen so schwerfällig sei, dass er ein böses Verkehrshinderniss bilde, 
zumal das Wenden in Strassen mit der üblichen Breite von lim sich kaum 
ermöglichen lasse, sodann auch, weil die Maschine an den Strassenrändern 
und Rinnsteinen nicht arbeite, also immer noch eine Arbeit er colon ne dahinter 
bleiben müsse, die diesen Kehricht zusammenfege. Desshalb habe der 
Director sein Votum dahin abgegeben, dass diese Maschine wirthschaftlich 
sehr unrationell arbeite, dass die Strassenreinigung sehr viel mehr Kosten 
verursachen würde und er sie für Berliner Verhältnisse nicht empfehlen 
könne. 

Auf die Ausführungen des Herrn Correferenten bezüglich der Berliner 
Strassenreinigung wolle er nicht näher eingehen. Er habe in den 
letzten Jahren die Strassenreinigung in Paris, London und Rom kennen 
gelernt und sich dabei überzeugt, dass die Berliner Strassenreinigung jeden¬ 
falls besser als die anderer Grossstädte sei, und dass Berlin in Bezug auf 
die Reinlichkeit seiner Strassen doch noch an der Spitze stehe. 

Geheimer Baurath Stfibben (Köln) glaubt, dass der Referent nicht 
die Absicht gehabt habe, unter allen Umständen von Pflasterungen mit Hart¬ 
stein abzurathen und zu empfehlen, künftig die Strassen nur mit weichen 


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Strassenbefestigungematerialien und Ausfübrungsarten. 165 

Steinen zn pflastern. Referent habe wohl nur und mit Recht darauf auf¬ 
merksam gemacht, dass es unrichtig wäre, die Strassen durchweg mit harten 
Steinen zu pflastern, wie es z. B. früher am Rhein üblich gewesen sei. 
Das sei allerdings ein grosser Fortschritt, dass man vor etwa 20 Jahren zu 
weicheren Steinen übergegangen sei, denn auf einer mit Basalt gepflasterten 
Strasse, die ziemlich abgenutzt sei, wie in manchen Orten am Rhein, zu 
fahren, sei eine Tortur und ein Geräusch, von dem man hier gar keine 
Vorstellung habe. Doch werde am Rhein seit längeren Jahren auch wieder 
Basaltpflaster angewendet, aber nicht in solchen Strassen, die als Wohn- 
strassen zu bezeichnen seien, und nicht in den inneren städtischen Verkehrs¬ 
strassen, sondern an den äusseren Thorstrassen, wo sehr schwerer Verkehr 
herrsche, oder an den Rheinkais, wo es auf das Geräusch weniger ankomme. 
Man habe nur dafür zu sorgen, dass das Format dieser Steine kein sehr 
grosses sei, dass man schmale Steine nehme, die bei der Abnutzung nicht 
so mächtige Katzenköpfe bilden, und dass man die Steine auswechsle, bevor 
die eigentliche Katzenkopfbildung eintrete, was glücklicher Weise erst nach 
20 oder 25 Jahren der Fall sei, wo dann die weichen Steine oft schon zer¬ 
schlissen sein. 

Was das sog. Kleinpflaster betreffe, so sei dies im Allgemeinen 
kein Pflaster für städtische Zwecke, sondern für Landstrassen an solchen 
Stellen, wo ein so schwerer und lebhafter Verkehr auf den Landstrassen 
sich vollziehe, dass die gewöhnliche Steinschlagdecke nicht mehr dauerhaft 
Bei. Das Kleinpflaster in die Städte hineinzubringen, gehe, wie der Herr 
Referent gesagt habe, nur in sog. Wohnstrassen, wo wenig Verkehr sei. 
Aber damit gebe man eigentlich in hygienischer Beziehung gewisse Vor¬ 
theile auf, denn Kleinpflaster habe auch die Eigenschaft, dass es recht laut 
sei, und da verdiene im Allgemeinen ein weiches und nicht theures Stein¬ 
pflaster den Vorzug. 

Dem Herrn Correferenten könne er unbedingt zustimmen, wenn er 
sage, die Schneebeseitigung durch die Canäle habe sich ausgezeichnet 
bewährt, so lange der Schnee frisch sei. Es sei aber unbedingt nöthig, den 
Schnee, gleich nachdem er gefallen sei, spätestens im Laufe des folgenden 
Tages, zu beseitigen, wie es übrigens in den meisten Städten auch ge¬ 
schehe; es sei unzulässig, wie es namentlich in mittleren Städten auch wohl 
vorkomme, Schnee und Eis liegen zu lassen, bis Thauwetter eintrete, viel¬ 
leicht ein paar Wochen lang, und dann zu glauben, man könne die noch in 
den Strassen lagernden Massen durch die Canäle beseitigen; das würde der¬ 
selbe Fehler sein, den man in Paris mache, indem man den Strassenschmutz 
in die Siele hineinwerfe, denn diese Masse sei eigentlich nichts Anderes als 
Strassenschmutz, untermischt mit etwas Eis und Schnee. 

Was die Strassenreinigung betreffe, die man, wie Herr Baurath Peters 
mitgetheilt habe, in Magdeburg nicht für ledigliche Sache der Gemeinde 
halte, so sei man am Rhein im Allgemeinen doch dahin gekommen, zu 
sagen, es sei besser, wenn die Gemeinde sich mit dieser Sache befasse, und 
zwar recht gründlich, weil man von den Hausbesitzern eine gründliche und 
systematische Strassenreinigung nicht erwarten könne. 


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166 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 

Professor Dr. C. Fraenkel (Halle) hat mit Freuden aus den beiden 
Referaten wie auch aus der Discussion ersehen, dass man allgemein der 
Ansicht sei, dass ein modernes und hygienisches Strassenpflaster neben 
anderen Eigenschaften namentlich die der Geräuschlosigkeit besitzen 
solle, sicherlich mit Recht, denn es könne nicht bezweifelt werden, dass die 
zunehmende Nervosität unserer Tage zu einem sehr wesentlichen Maasse 
von unserem Gehörorgan ihren Ausgang nehme, und dass der geplagte 
Grossstädter, wenn er sich zur Erholung an die See oder ins Gebirge be¬ 
gebe, vielleicht mehr noch als die grössere Reinheit und Athembarkeit der 
Luft die himmlische Ruhe dankbar geniesse, die ihn umgebe. Für den 
Städter sei daher die Geräuschlosigkeit des Strassenpflasters vielleicht die 
allerwichtigste Eigenschaft und er würde es sehr bedauern, wenn der Herr 
Referent mit seiner Ansicht im Recht sein sollte, dass man in Städten, 
deren wichtigste Verkehrsstrassen sich nicht für die Anwendung von Asphalt¬ 
pflaster eignen, überhaupt von der Benutzung desselben Abstand nehmen 
müsse. Dann würde für diese Städte nur noch das Holzpflaster bleiben, 
das, wie hier mitgetheilt worden sei, eine grosse Anzahl von Städten schon 
wegen der ausserordentlich hohen Kosten anzuwenden nicht in der Lage 
sei. Aber die erwähnte Anschauung scheine ihm doch nicht begründet. 
Es gebe viele Städte, in denen einzelne Strassenzüge, ganze Viertel Asphalt¬ 
pflaster besitzen, während in anderen noch Steinpflaster sei, ohne dass sich 
daraus Unzuträglichkeiten ergeben hätten. Wenn man das Pferd mit dem 
nöthigen Hufschlage versehe, halte es sich auf Steinpflaster wie auf Asphalt¬ 
pflaster, und er glaube daher, dass man nicht gezwungen sei, von einer 
so wesentlichen hygienischen Verbesserung überall da Abstand zu nehmen, 
wo sie nicht zu gleichmässiger und allgemeiner Anwendung gelangen 
könne. 

Indessen, wenn nur die Stadtverwaltungen durch Einführung geräusch¬ 
losen Pflasters für die Gesundheit und das Wohlbehagen ihrer Bürger zu 
sorgen bestrebt seien, so sei dies doch nur eine Penelopearbeit, so lange sie 
sich nicht zur Wehr setzen gegen eine immer weiter um sich greifende 
Beunruhigung unseres Strassenlebens durch Geräusche anderer Art, wie sie 
durch manche Lebensmittelverkäufer, durch gewisse Arten des Kleinbetriebes, 
des Handels im Umher ziehen u. s. w. hervorgerufen werden. Man suche die 
Hufe der Pferde und die Räder der Wagen zu geräuschloser Bewegung auf 
dem Strassenpflaster zu bringen, und sehe unthätig zu, wie die elektrische 
Strassenbahn in fanatischer, um nicht zu sagen satanischer Weise ihr 
Klingelwerk rühre, wie der Obsthändler und namentlich der Milchhändler 
seine Anwesenheit durch ein stürmisches Glockenspiel den Anwohnern der 
betreffenden Strasse zu verrathen suche. Es sei in der That kein Grund 
vorhanden, solchen Gewerbetreibenden ein derartiges Privileg einzuräumen, 
das nach und nach auch noch von allen möglichen Geschäftstreibenden zur 
Anwendung kommen könnte. Man brauche nicht gerade Hygieniker zu 
sein, auch jeder sonstige Kopfarbeiter werde durch den steigenden Lärm 
unseres Strassenlebens und die eben erwähnten Geräusche in sehr erheb¬ 
lichem Grade belästigt. Bekanntlich sei schon in den Pandecten verboten, 
dass ein Kupferschmied in eine Strasse ziehe, in welcher ein „Professor“ 
wohne. Heut zu Tage seien allerdings die armen Professoren gewöhnt, dass 


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Strassenbefestigungsmaterialien und Ausführungsarten. 167 

man auf sie nicht mehr die Rücksicht nehme, wie in jenen früheren und 
schöneren Zeiten, aber es habe sich andererseits die Zahl der Hirnarbeiter 
auch in anderen Berufen erheblich vermehrt, und es sei desshalb gewiss 
nicht unbillig, die Forderung zu erheben, dass die Stadtverwaltungen, die 
Strassenpolizei einer weiteren Ausdehnung dieses groben Unfugs, wie 
man es wohl nennen dürfe, mit einem energischen „quos ego“ entgegen- 
treten sollte. 

Da sich Niemand weiter zum Wort gemeldet hat, wird die Discussion 
geschlossen und es erhält das Schlusswort 

Referent, Stadtbaurath E. Genzmer: 

, „Meine Herren! Zu meinem Bedauern vermag auch ich meinem ver¬ 
ehrten Herrn Collegen Peters in seiner Ansicht nicht zu folgen, dass 
die Reinigung der Strassen den einzelnen Anwohnern überlassen werden 
könne. Vielmehr bin ich ganz entschieden der Meinung, dass eine den 
hygienischen Anforderungen entsprechende Strassenreinigung nur einzig 
und allein von der Gemeindeverwaltung ausgeübt werden kann. 

„Was den auf dem Breitenweg in Magdeburg angestellten Versuch mit 
Asphaltcementplatten anlangt, so wünsche ich der Stadt Magdeburg vollen 
Erfolg, möchte aber hervorheben, dass man mit den Platten aus reinem 
Stampfasphalt bislang keine besonderen ermuthigenden Erfahrungen gemacht 
hat. Ob die Lohr’sehen Platten gegenüber den schon seit etwa 20 Jahren 
bekannten durchweg aus Stampfasphalt hergestellten Platten thatsächlich 
wesentliche Vorzüge haben, dürfte jedenfalls abzuwarten sein. 

„Ebenso erscheint mir zunächst eine abwartende Stellung geboten 
gegenüber dem Verfahren, die Betonunterlage des Stampfasphalts in einzelne 
Prismen zu zerlegen. Unzweifelhaft kann man es als einen Vorzug dieses 
Verfahrens ansehen, dass man das Aufhacken des Betons bei Rohrlegungen 
und sonstigen Strassenaufbrüchen vermeidet. Das an sich ja einfache und 
keineswegs kostspielige Verfahren des Aufbrechens der Betonschicht wirkt 
auf den Laien wegen der dabei angewandten Gewalt erfahrungsgemäss sehr 
unangenehm. Der friedliche Bürger hat das Gefühl, als ob mit einer solchen 
gewaltsamen Zerstörung städtischen Eigenthums unbedingt eine Steuer¬ 
erhöhung verbunden sein müsse. Ob aber die einzelnen neben einander 
gestellten Prismen thatsächlich eine unter allen Umständen sichere Unter¬ 
lage für den Beton abgeben werden, wird meines Erachtens erst abzu¬ 
warten sein. 

„Dem Herrn Stadtbaurath Krause möchte ich erwidern, dass ich in 
Berlin solche Wohnstrassen selbst gesehen habe, die einen etwa 5 m breiten 
Fahrdamm haben. Es mögen allerdings Privatstrassen gewesen sein. Dem 
Verkehr muss es aber doch gleich sein, ob er sich auf einer städtischen 
Strasse vollzieht oder auf einer Privatstrasse. 

„Zum Schluss muss ich noch Herrn Geheimrath Stübben insofern 
widersprechen, als ich nach meinen Beobachtungen und Erfahrungen das 
Kleinpflaster keinesfalls als ein geräuschvolles Pflaster bezeichnen kann, 
sondern im Gegentheil als ziemlich geräuschloses.“ 


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168 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 
Correferent, Privatdocent Dr. Th. Weyl: 

„Meine Damen und Herren! Gestatten Sie mir nur noch wenige Be¬ 
merkungen, welche an die Einwände, die Herr Stadtbaurath Krause ge¬ 
macht hat, anknüpfen. Ich möchte mich auf das Für und Wider betreffend 
der „ Salus u -Maschine desshalb nicht einlassen, weil ein so competenter Be- 
urtheile^, wie Herr Stadtbaurath Krause, eben nicht Gelegenheit gehabt 
hat, die Maschine selbst zu prüfen, sondern sich auf ein fremdes Gutachten 
stützen musste. 

„Was die Subways anbetrifft, so bin ich durchaus der Meinung des 
Herrn Stadtbauraths Krause. Ich habe mich mit diesem Gegenstände recht 
eingehend beschäftigt. Ich habe stundenlange Wanderungen durch die Sub¬ 
ways von London angetreten, und noch viel längere Wanderungen durch 
die Subways von Paris, immer in Begleitung maassgebender Ingenieure. 
Da muss ich denn sagen, dass ich mich den Nachtheilen dieser Einrichtung 
gegenüber in keiner Weise verschliesse, aber die Vortheile scheinen mir 
doch so bedeutende zu sein, dass es sich immerhin lohnen dürfte, wenn 
sich maassgebende Techniker über diesen Gegenstand äussern wollten. 
Namentlich bei Anlegung neuer Canäle in den Hauptstrassen sollten die 
Subways zugleich mit den Canälen projectirt und ausgeführt werden. 

„Nun ist hier mit Recht darauf aufmerksam gemacht worden, dass in 
Paris ein sehr wichtiges Leitungsnetz in die Subways nicht Aufnahme ge¬ 
funden hat, das sind die Gasröhren. Aber es bleibt immerhin eine sehr 
bedeutende Ersparniss, es wird manche Störung des Verkehrs vermieden, 
wenn man bei Reparaturen an den Wasserrohren, an Telegraphen» Tele¬ 
phonen, an Leitungen für comprimirte Luft, in Zukunft vielleicht auch an 
den Heizröhren nicht jedesmal die Strassen aufzureissen hat. Ich muss 
mich desshalb auf Grund meiner Beobachtungen dafür aussprechen, dass 
in den grossen Strassenzügen für Subways gesorgt werde, und 
zwar mit Rücksicht auf die zukünftige Entwickelung des städischen Lei¬ 
tungsnetzes. u 


Vorsitzender Oberbürgermeister Schneider: 

„Meine Herren! Wir stehen damit am Ende unserer heutigen Ver¬ 
handlungen, und wenn ich einen Rückblick auf dieselben werfe, so, glaube 
ich, werden Sie mir beistimmen: wir müssen sagen, dass auch unsere dies¬ 
malige Tagung zu unserer Aller Befriedigung verlaufen ist, dass hier The¬ 
mata behandelt worden sind, die ihrer Natur nach in den Rahmen unserer 
Aufgaben in hohem Maasse passten, die ein weitgehendes Interesse auch 
für diejenigen Ziele zu beanspruchen haben, die wir zu verwirklichen 
berufen sind, und dass die Erörterung dieser Themata in überaus sach- 
gemässer Weise erfolgt ist, in einerWeise, die nach verschiedenen Richtungen 
hin Klärung und Belehrung für uns gebracht hat. 

„Ich darf mit Genugthuung feststellen, dass die Annahme, die wir von 
Anfang an hatten, nach dem ersten Eindruck am hiesigen Orte, dass auch 
die hiesige Versammlung eine recht gut besuchte sein würde, dass diese 
Voraussicht sich erfüllt hat. Ich kann mittheilen, dass bis zum Schluss der 
heutigen Verhandlungen 298 Personen gemeldet waren, die hier an den 


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169 


Schluss der Versammlung. 

Verhandlungen theilgenommen haben, und dass davon ungefähr 250 aus 
allen Theilen Deutschlands und über die Grenzen unseres deutschen Vater¬ 
landes hinaus zusammengekommen sind. 

„Meine verehrten Damen und Herren! Aber vor allen Dingen möchte 
ich noch an dieser Stelle — und ich weiss mich auch darin Ihres allseitigen 
Beifalls sicher — den Behörden, dem Hohen Rath dieser Stadt und dem 
Ortsausschuss dieser Stadt von ganzem Herzen danken für die überaus 
freundliche Aufnahme, die wir in den Mauern von Rostock gefunden haben. 
Wir Alle sind gern hierher gekommen. Es war uns von hohem Interesse, 
diese altberühmte und wichtige deutsche Stadt einmal von Angesicht zu 
Angesicht kennen zu lernen, und ich glaube, wir verlassen diese Stadt all¬ 
seitig mit den allerbesten Ergebnissen. Wir haben vieles Interessante und 
Schöne hier unter sachkundiger Führung gesehen; wir haben uns überzeugt 
von dem Blühen und dem Wohlstände der Stadt, und vor allen Dingen: 
wir haben die Ueberzeugung gewonnen, dass wir gern aufgenommen waren, 
und dass uns mit Freundlichkeit und Liebe von allen Seiten begegnet 
worden ist. Ich möchte dafür, wie gesagt, nochmals von ganzem Herzen 
danken. 

„Meine verehrten Damen und Herren! Der Ort der nächsten Tagung 
ist noch nicht bestimmt; es wird das in der üblichen Weise der Ausschuss 
thun, und ich hoffe, dass die Wahl auch des nächsten Versammlungsortes 
Ihre allseitige Befriedigung erregen wird. Es hat sich eine ganze Reihe 
Städte um die Ehre beworben, uns in ihren Mauern begrüssen zu dürfen, 
und ich glaube, eine jede wird so sein, wir mögen wählen, welche wir wollen, 
dass wir gern in ihren Mauern sein können. 

„Ich hoffe, dass wir uns im nächsten Jahre wieder zusammenfinden 
werden, und ich hoffe, dass der Deutsche Verein für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege, wie er bisher geblüht hat und gediehen ist, auch weiter blühen 
und gedeihen werde.“ 

Professor Dr. Fraenkel (Halle a. S.): 

„Meine verehrten Herren! Ich bin überzeugt, dass Sie Alle mit mir 
nicht nur das Pflichtgefühl, sondern auch das herzliche und warme Empfinden 
theilen, bevor wir aus einander gehen und uns in alle Winde zerstreuen, 
unserem verehrten Herrn Vorsitzenden unseren Dank auszusprechen für 
die ausgezeichnete Leitung unserer Versammlung, deren Gelingen nicht 
zum Geringsten sein Verdienst ist. Wir haben, meine verehrten Herren, 
schon zu Beginn unserer Verhandlungen die meisterhafte Art bewundert, 
in der er auf die verschiedenen Begrüssungsreden erwiderte. Wir sind 
Zeugen gewesen, wie er — suaviter in modo, fortiter in re — mit glück¬ 
licher und milder Hand die zuweilen etwas in die Breite gehenden Fluthen 
der Beredtsamkeit wieder in ihre Schranken verwiesen hat. Wir haben bei 
unseren festlichen Veranstaltungen mit wahrem Vergnügen seinen beredten 
Worten gelauscht, und ich bin daher gewiss, dass Sie Alle nun auch mit 
mir darin übereinstimmen werden: er war ein Musterpräsident, — um nicht 
zu sagen: ein Ueberpräsident. 

„Wir können unserem Verein nur wünschen: Möge er immer solche 
Vorsitzenden haben!“ 


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170 XXVI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Rostock. 
Vorsitzender Oberbürgermeister Schneider: 

„Meine hochverehrten Herren! Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen für 
die überaus herzlichen Worte, die Herr Professor Fraenkel in Ihrem 
Namen an mich gerichtet hat und denen Sie durch Ihren Beifall zugestimmt 
haben, meinen herzlichen aufrichtigen Dank ausspreche. Ich kann ver¬ 
sichern, dass das, was Herr Professor Fraenkel gesagt hat, weit über das 
hinausgeht, dessen ich mir selbst in meinem Gewissen bewusst bin. Aber 
ich kann gewiss sagen: den guten Willen habe ich gehabt, und wenn dieser 
gute Wille von Ihnen für die That genommen ist, so kann ich das nur mit 
lebhaftem Dank und lebhafter Befriedigung meinerseits begrüssen. Ich 
danke Ihnen nochmals von ganzem Herzen! Und hiermit schliesse ich die 
Versammlung.“ 


(Schlus 12 Ulir.) 


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Kritiken and Besprechungen. 


171 


Kritiken und Besprechungen. 


O. Rapmund: Das Öffentliche Gesundheitswesen. Allgemeiner 
Theil. (Hand- und Lehrbuch der Staats Wissenschaften. 111. Abth., 
Staats- und Verwaltungslehre. 6. Band.) Leipzig, C. L. Hirschfeld, 
1901. gr. 8. 336 S. 

Das vorliegende Werk bildet den 6. Band der 111. Abtheilung (Staats¬ 
und Verwaltungslehre) des von Kuno Frankenstein begründeten und 
von Max von Heckei fortgesetzten Hand- und Lehrbuchs der Staats Wissen¬ 
schaften und behandelt die Entwickelung des öffentlichen Gesundheitswesens, 
seine Aufgaben im Allgemeinen und die Art seiner Durchführung sowie die 
Organisation desselben in den hauptsächlichsten Culturstaaten. Eine solche 
zuBammenfassende Darstellung ist um so willkommener, als selbst die 
grösseren Sammelwerke und Handbücher eine eingehendere Darstellung 
gerade des allgemeinen Theiles des öffentlichen Gesundheitswesens in der 
Regel vermissen lassen. 

Im ersten Theil giebt der Verf. einen kurzen Abriss der geschicht¬ 
lichen Entwickelung des öffentlichen Gesundheitswesens vom Alterthum bis 
zur Neuzeit, um sodann den Begriff des öffentlichen Gesundheitswesens, 
seine Aufgaben und deren Durchführung sowie die Organisation der Ver¬ 
waltung im Allgemeinen und in den einzelnen in- und aussereuropäischen 
Staaten zu besprechen. Der zweite Theil bringt die wichtigsten gesetz¬ 
lichen Bestimmungen über die Organisation des öffentlichen Gesundheits¬ 
wesens in verschiedenen Culturstaaten (Preussen, Sachsen, Hamburg, 
Oesterreich, Ungarn, Schweiz, Italien, Portugal, Niederlande, England, 
Rumänien) im Wortlaut, eine Zusammenstellung, die nicht bloss mannigfache 
Vergleichungen und Betrachtungen anregt, sondern auch an sich ausser¬ 
ordentlich lehrreich ist. 

Eine Durchsicht der einzelnen Abschnitte, die nichts Wissenswerthes 
vermissen lassen, lehrt, dass der auf diesem Gebiet besonders erfahrene und 
bewährte Verfasser die ihm gestellte Aufgabe in vorzüglicher Weise ge¬ 
löst hat. 

Das Buch ist nicht nur für Fachkreise, Medicinalbeamte, Hygieniker, 
Aerzte und Verwaltungsbeamte, sondern auch für alle Diejenigen bestimmt, 
die sich mit volkswirthschaftlichen Fragen, unter denen die öffentliche Ge¬ 
sundheitspflege eine äusserst wichtige Rolle spielt, beschäftigen. Jeder, der 
von dem Inhalt des vorliegenden Bandes Kenntniss genommen hat, wird mit 
Interesse dem Erscheinen des von demselben Verfasser bearbeiteten spe- 
cieilen Theiles des öffentlichen Gesundheitswesens entgegensehen. 

Roth (Potsdam). 


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172 


Kritiken und Besprechungen. 

Schlockow — Roth-Leppmann: Der Kreisarzt. (Neue Folge von: 
Der Preussisohe Physicus.) Anleitung zur Kreisarztprüfung, 
zur Geschäftsführung der Medicinalbeamten und zur Sachverständigen- 
thätigkeit der Aerzte. Unter Berücksichtigung der Reichs- und Landes- 
gesetzgebung. Fünfte vermehrte und verbesserte Auflage. Bearbeitet 
von Dr. E. Roth, Reg.- u. Geh. Med.-Rath in Potsdam, Dr. A. Lepp- 
mann, Kreisarzt und Medicinalrath, ärztlichem Leiter der Strafanstalt 
Moabit. Zwei Bände. Bd. 1: Medicinal- und Sanitätswesen. 
Berlin, Richard Schoetz, 1901. gr. 8. Preis der beiden Bande 
22 Mk., gebunden 25 Mk. 

Der zweite Band des Werkes ist vor dem ersten erschienen und schon 
in dieser Zeitschrift besprochen worden l ). Der erste Band konnte jetzt 
erst erscheinen, nachdem die Dienstanweisung für die Kreisärzte veröffent¬ 
licht war. 

In der bisherigen Gliederung des Werkes hinsichtlich der Gesetzgebung 
und der Behandlung der gerichtlichen Medicin sowie der gerichtlichen 
Psychiatrie ist nichts geändert. Die Bestimmungen des bürgerlichen Gesetz¬ 
buches sind in den zweiten Band aufgenommen und nach den bisher er¬ 
gangenen Entscheidungen und Auslegungen gedeutet und erläutert. Dadurch 
hat der zweite Band in der neuen Auflage eine geringe Vermehrung der 
Seitenzahl erfahren. 

Der Umfang des ersten Bandes ist durch die Berücksichtigung aller 
neuen Gesetze, insbesondere des Gesetzes über die Dienststellung des Kreis¬ 
arztes und die Bildung von GesundheitscommiBsionen vom 16. September 
1899 und der unter dem 23. März 1900 erlassenen Dienstanweisung für die 
Kreisärzte, sowie des Reichsgesetzes über die Bekämpfung gemeingefähr¬ 
licher Krankheiten vom 30. Juni 1900 und der dazu ergangenen Erlasse 
erheblich gewachsen und statt der 507 Seiten der vierten Auflage auf 
691 Seiten Text angeschwollen. 

Das chronologische Verzeichniss musste in den zuletzt erschienenen 
ersten Band verlegt werden. 

Ausser den umfangreichen neuen Gesetzen und deren Erläuterungen 
findet man alle bis zum Abschlüsse des Druckes veröffentlichten Ministerial¬ 
erlasse bis Ende Juni 1901. Alle Vorschriften sind immer, soweit erforder¬ 
lich und möglich, mit den entsprechenden Paragraphen der Dienstanweisung 
für die Kreisärzte in Verbindung gebracht. 

Behufs Bekämpfung der Tuberculose ist S. 477 ff. auf die Beschlüsse 
des Tuberculosecongresses in Berlin 1898 hingewiesen. 

Für die Ausübung der Wohnungshygiene werden die an die Oberpräsi¬ 
denten und Regierungspräsidenten gerichteten Erlasse vom 19. März 1901, 
S. 544 ff., mitgetheilt u. s. w. 

Man kann den Verfassern die Anerkennung nicht .versagen, dass sie in 
der neuen Auflage den „Preussischen Physicus u mit grossem Geschick und 
grosser Sorgfalt in den „Kreisarzt" zeitgemäss urogestaltet haben. 

Die Ausstattung des Buches ist, wie stets im Verlage von R. Schoetz, 
tadellos. Das Buch sei Beamten und Aerzten warm empfohlen. 
- M. P. 

s. diese Vierteljabrsschrift Bd. XXXII, S. 637. 


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173 


Kritiken und Besprechungen. 

Dr. Ernst Joest: Grundzüge der baoteriologisohen Diagno¬ 
stik der thierisohen Infeotionskrankheiten. Berlin, Richard 
Schoetz, 1901. gr. 8«. 75 S. Preis 2 Mk. 

Bei der grossen Bedeutung, welche der bacteriologischen Diagnostik 
auch in dem Bereiche der Thiermedicin beizulegen ist, erschien es dem Verf. 
angezeigt, die Grundzüge dieser Bacteriologie der thiermedicinischen Dia¬ 
gnostik für den Praktiker kurz zusammeftzustellen, nachdem ein von ihm in 
dem Vereine der Thierärzte des Regierungsbezirkes Wiesbaden gehaltener 
Vortrag über allgemeine bacteriologische Diagnostik die Anregung dazu ge¬ 
geben hatte. Verf. setzte es sich dabei zum Ziele, nicht nur die speciellen 
Vorschriften der Methodik des Bacteriennachweises zu geben, sondern auch 
auf die allgemeinen Gesichtspunkte hinzu weisen, welche bei den bacteriolo¬ 
gischen Untersuchungen zu beachten sind. 

Zunächst erörtert er die bacterioskopische Untersuchung, in erster Linie 
die Untersuchung ungefärbter lebender Bacterien und diejenige gefärbter Bac- 
terien, die diagnostische Beurtheilung mikroskopischer Bacterienfunde über¬ 
haupt, sowie die verschiedenen in Betracht zu ziehenden Färbungsverfahren. 
Es folgt die Erläuterung des Culturverfahrens, des Thierversuches, der dia¬ 
gnostischen Impfung mit Bacterienextracten und der Serodiagnostik. 

Das Büchlein empfiehlt sich durch die übersichtliche Anordnung des 
Stoffes, sowie durch die Klarheit und Kürze des Ausdruckes. D. 


Medicinalrath Dr. Hensgen: Leitfaden für Desinfectoren. An¬ 
leitung zur Vernichtung und Beseitigung der Ansteckungsstoffe. Im 
amtlichen Aufträge herausgegeben. Berlin, Richard Schoetz, 1901, 
kl. 8°. 71 S. Preis 1’50 Mk. 

Angesichts der Bedeutung, welche der Desinfection bei der Seuchen¬ 
bekämpfung zukommt, wird die Forderung nach einer ausreichenden Anzahl 
von gut ausgebildeten und beaufsichtigten Desinfectoren immer dringender. 
Demgemäss wächst auch das Bedürfniss nach einem, den Fortschritten der 
Wissenschaft entsprechenden Leitfaden für Desinfectoren und scheint im 
Besonderen in dem Bezirke Arnsberg dazu geführt zu haben, dass dem Verf. 
der amtliche Auftrag zur Fertigstellung eines solchen Leitfadens ertheilt 
worden ist. Diesem Aufträge ist Verf. in geschickterWeise gerecht geworden. 
Seit dem im Jahre 1895 ebenfalls in dem Verlage von Richard Schoetz 
erschienen Leitfaden Alexander 1 s ist kein so brauchbares Vorbereitungs¬ 
büchlein zur Anleitung für Desinfectoren herausgegeben worden, wie 
das vorliegende. Vor Al ex an der’s Leitfaden hat es, abgesehen von 
der Berücksichtigung der in den letzten Jahren gemachten Fortschritte 
in der Desinfection, insbesondere der Formalindesinfection, den Vorzug 
grösserer Knappheit und einer für den Leserkreis, für den es bestimmt ist, 
geläufigeren Ausdrucksweise voraus. Der letzte Abschnitt des Büchleins 
bandelt vom Desinfector und Gesundheitsaufseher. Er stützt sich auf 
die von dem Regierungspräsidenten in Arnsberg unter dem 6. Mai 1901 
erlassene „Ordnung für Desinfectoren und Gesundheitsaufseher“, wonach 
diesen Beamten die Verpflichtung obliegt, den Kreisarzt in der Seuchen¬ 
bekämpfung zu unterstützen, Wohnungen zu untersuchen, Abortanlagen zu 


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174 


Kritiken und Besprechungen. 


besichtigen, die Reinhaltung der einheimischen öffentlichen Wasserläufe zu 
controliren, sowie die Wasserversorgungsanlagen zu beaufsichtigen, indem 
sie von Zeit zu Zeit die Bacterienkeime zählen und ihrer Vorgesetzten Be¬ 
hörde über das Anwachsen der Keime sofort Bericht erstatten. 

Dem Texte des Büchleins sind neun Anlagen beigegeben, welche, ab¬ 
gesehen von der „Desinfectionsan Weisung bei Pest“, sich als Sonderver¬ 
fügungen des Regierungspräsidenten in Arnsberg darstellen. D. 


Dr. Fritz Kirstein: Leitfaden für Desinfeotoren in Frage und 
Antwort. Berlin, Julius Springer, 1901. 12. 36 S. mit 14 Bei- 

lagen. 

Der langjährige Assistent Gaffky’s hat in dem vorliegenden Büchlein 
auf wenigen Seiten alles das behandelt, was der Desinfector wissen muss 
und was er in seinem Berufe auszuführen hat. Das wesentlich Neue an 
dem Büchlein ist, dass die praktische Formalin-Wohnungs-Desinfection nach 
Flügge aufgenommen und bis ins Detail genau angegeben ist. Das 
Ganze ist in so leicht verständlicher Form und doch so umfassend her¬ 
gestellt, dass wir das Werkchen angelegentlichst zum Gebrauche bei Des- 
infectionscursen sowie zum ständigen Gebrauch der Desinfeotoren empfehlen 
können. Ausserdem ist dem Büchlein eine Anzahl Exemplare von Tabellen, 
welche an die Desinfeotoren zu vertheilen sind, beigegeben. Wir wünschen 
dem Büchlein eine grosse Verbreitung. 

M. Neisser (Frankfurt a. M.). 


Hofrath Dr. Blass: Die Impfung und ihre Technik. Zweite 
Auflage. Leipzig, Naumann, 1901. 83 S. 

Der Verfasser, der zur Bearbeitung eines derartigen Werkes durch 
seine Stellung als Vorstand eines Impfinstitutes und eines grossen Impf¬ 
bezirkes ganz besonders berufen ist, hat seine Aufgabe vorzüglich gelöst 
Er hat nach einem kurzen historischen Ueberblick über die Blattern und 
die Impfung sich ausführlich über den Nutzen der Impfung, über die Dauer 
der Immunität, über das Verfahren bei der Impfung, über den Verlauf der¬ 
selben, über Abweichungen dabei, über Complicationen der Impfung, über 
die Bereitung der Lymphe und über die Impfgegner ausgesprochen. Zum 
Schluss sind das Impfgesetz, sowie die Beschlüsse des Bundesrathes vom 
28. Juni 1899 angefügt. 

Das Büchlein kann jedem praktischen Arzte und Medicin Studirenden 
aufs Wärmste empfohlen werden. Die Ausstattung ist tadellos. Fl.-Pl. 


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Neu erschienene Schriften. 


175 


Neu erschienene Schriften über öffentliche 
Gesundheitspflege. 

(91. Yerzeichniss.) 


1. Allgemeines. 

Arbeiten aus dem kaiserlichen Geßundheitsamte. Bd. XVIII, Heft 2. Berlin, 
Springer, 1901. Lex.-8. S. 169 — 869 mit 5 Tafeln. 12 M. 

Arnould, Dr., Prof.: Nouveaux elements d’hygiene. 4« edition. Paris, Bailiiere, 
1902. gr. 8. 1400 p. avec 300 fignreß. 20 fr cs. 

Felix, J., Dr.: Istoria igienei in Romania in secolul al XIX-lea si starea ei la 
inceputul seco lului al XX - lea. Partea I. Bucuresci, Instit. de arte graßce 
Carol Gobi. 1901. Lex. 4. 372 p. 

GesimcLheitsbüohlein. Gemeinfassliche Anleitung zur Gesundheitspflege. Be¬ 
arbeitet im kaiserl. Gesundheitsamt. Neunter, durchgesehener Abdruck. 
Berlin, Springer, 1901. 8. XII — 260 S. mit Abbildungen im Text und zwei 
farbigen Tafeln. 1 M. 

Gottstein, A., Dr.: Geschichte der Hygiene im neunzehnten Jahrhundert. Ab¬ 
theilung IX von: Das Deutsche Jahrhundert in Einzelschriften, herausgegeben 
von G. Stockhausen. Berlin, Schneider, 1901. 331 S. 

v. Hansemann, D. 4 Dr., Prof.: Die Krankheiten aus den Gewohnheiten und 
Missbrauchen des täglichen Lebens. Sechs populäre Vorträge. Berlin, 
Reimer, 1901. gr. 8. III —62 S. 0*60 M. 

v. Hippel, Dr., Reg.-Assesßor: Gesetz, betr. die Dienststellung des Kreisarztes 
und die Bildung von Gesundheitscommissionen, vom 16. September 1899, 
nebst Ausführungsbestimmungen und Anhang. Leipzig, Hirschfeld, 1901. 
12. VII — 230 S. 2*80 M. 

Hyvert, R., Dr.: Conferences populaires d’hygiene pratique. Paris, Delagrave, 
1901. 12. 1*75 frcs. 

Taylor, Albert: The sanitary inspector’s handbook. 3« 1 edition. London, Lewis, 
1901. 8. 426 p. 6 sh. 

Weyl, Th., Dr.: Handbuch der Hygiene. Erster Supplementband. Jena, Fischer, 
1901. gr. 8. 74, 86 und 86 S. mit 6 Abbildungen und 17 Curventafeln im 
Text. 6 M. 


2. Statistik und Jahresberichte. 

Bericht des Medicinalraths über die medicinische Statistik des Hamburgischen 
Staates für das Jahr 1900. Hamburg, 1901. 4. 106 S. mit 5 Abbildungen 
im Text und 9 Tafeln. 

Flinzer, Max, Dr., Obermedicinalrath: Mittheilungen des statistischen Amtes der 
Stadt Chemnitz. Achtes Heft: Die Bewegung der Bevölkerung von Chemnitz 
in den Jahren 1881 bis 1884, mit besonderer Berücksichtigung der Todes¬ 
ursachen. Chemnitz, Focke, 1901. Fol. 106 S. 

Gebhard, Director: Die Handhabung des Heilverfahrens bei Versicherten (§. 18 
des Invalidenversicherungsgesetzes) durch die Landesversicherungsanstalt 
der Hansestädte im Jahre 1900 und Ergebnisse des Heilverfahrens bei lungen¬ 
kranken Versicherten bis Ende 1900. Hamburg, Druck von Lütike <fc Wolff, 
1901. 4. 51 S. 


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17(5 Neu erschienene Schriften. 

Gesundheitsverhältnisse Hamburgs, Die — im neunzehnten Jahrhundert. 
Den ärztlichen Theilnehmern der 73. Versammlung Deutscher Naturforscher 
und Aerzte gewidmet von dem Medicinalcollegium. Hamburg, Voss, 1901. 
gr. 4. 327 S. mit 76 Abbildungen im Text und 3 Tafeln. 

Medicinalberieht von Württemberg für das Jahr 1899. Im Aufträge des kgl. 
Ministeriums des Innern herausgegeben von dem kgl. Medicinalcollegium. 
Stuttgart, Druck von Pohlhammer, 1901. Lex.-8. 148 S. mit 2 Uebersichts- 
karten. 

Oesterreiohisohe Statistik, herausgegeben von der k. k. statistischen Central- 
commission, 59. Band, 1. Heft: Statistik des Sanitätswesens für das Jahr 1898. 
Wien, Gerold, 1901. Imp. 4. XXXIII —248 S. 10 M. 

Verslag omtrent de verrichtingen van den gemeentelijken gezondheidsdienst te 
Amsterdam over 1900. Amsterdam, 1901. gr. 8. 96 S. 

Volks- und Wohnungszählung vom 1. December 1900 in München. I. Theil: 
Die Volkszählung; II. Theil: Die Wohnungszählung. München, Lindauer, 
1901. gr. 4. 56 und 56* S. 2 M. 

Weinberg, W., Dr.: Medicinisch-statistischer Jahresbericht über die Stadt Stutt¬ 
gart im Jahre 1900. 28. Jahrgang. Herausgegeben vom ärztlichen Verein. 
Stuttgart, Metzler’sche Buchdruckerei, 1901. 8. 72 S. 1 M. 

Westergaard, Harald: Die Lehre von der Mortalität und Morbidität. Anthro¬ 
pologisch-statistische Untersuchungen. Zweite Auflage. Jena, Fischer, 1901. 
gr. 8. VII — 702 S. 20 M. 

Zähor, Heinrich, Dr., Stadtphysicus: XII. bis XV. Jahresbericht des Physicates 
über die Gesundheiteverhältnisse der kgl. Hauptstadt Prag für die Jahre 
1893 bis 1896. Prag, Verlag der Gemeinderenten, 1900. Lex. - 8. 575 S. 

3. Wasserversorgung, Entwässerung und Abfuhr. 

Brix, J.: Ueber Schnellfilter. Unter Berücksichtigung der Patentschnellfilter der 
allgemeinen Städtereinigungsgesellschaft Wiesbaden. Leipzig, Leineweber, 
1901. gr. 8. 8 S. mit 6 Figuren. 0*70 M. 

Degener, Paul, Dr.: Principien der Städtereinigung. Vortrag. Leipzig, Leine¬ 
weber, 1901. gr. 8. 39 S. 1 M. 

Denton, E. Bailey: The water supply and sewerage of country mansions and 
estates. London, Spon, 1901. 8. 84 p. 2 sh. 6 p. 

Gesohäftsanweisung und Gebührenordnung der kgl. Versuchs- und Prüfungs¬ 
anstalt für Wasserversorgung und Abwässerbeseitigung. Berlin, Hirschwald, 
1901. gr. 8. 14 S. 0*15 M. 

Horrocks, R. H.: An introduction to the bacteriological examination of water. 
London, Churchill, 1901. 8. 320 p. 10 sh. 6 p. 

Marpm&nn, Georg: Beiträge zur Trinkwasseruntersuchung. Leipzig, Schimmel¬ 
witz, 1901. gr. 8. 15 S. 0*50 M. 

4. Strassen-, Bau- und Wohnungshygiene. 

Bausystem, Offenes oder geschlossenes —? Eine Umfrage unter den Aerzten 
Münchens, veranstaltet vom Verein zur Förderung der Interessen Thal- 
kirchens. München, Lindauer, 1901. gr. 8. 56 S. 1 M. 

Geschäftsbericht des Vereins für Förderung des Arbeiterwohnungswesens und 
verwandte Bestrebungen für das Jahr 1900. Bericht über die in Gemein¬ 
schaft mit dem Verband der Baugenossenschaften Deutschlands abgehaltene 
Versammlung vom 15. Mai 1901. Vorträge und Berichte von Oberbürger¬ 
meister Dr. Antoni, Oberbaurath Prof. Baumeister, Oberbürgermeister 
Dr. Adiek es und Kaufmann Heinze. Frankfurt a. M., Detloff, 1901. gr. 8. 
62 S. 0*75 M. 


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Neu erschienene Schriften. 


177 


Gräv&l, A.: Die Bangenossenschaftsfrage. Ein Bericht über die Ausbreitung 
der gemeinnützigen Bauthätigkeit durch Baugenossenschaften, Actienbau- 
gesellschaften, Bau vereine etc. in Deutschland während der letzten 12 Jahre. 
Berlin, Schuster & Bufleb, 1901. Lex. - 8. 316, 61 und 4 S. mit 17 Tabellen. 
8 M. 

Krell, Otto, Ingenieur: Altrömische Heizungen. München, Oldenbourg, 1901. 
gr. 8. VI—117 S. mit 39 Abbildungen und 1 Tabelle. 4 Mk. 

Xjandolt, Carl: Die Wohnungs-Enquete in der Stadt St. Gallen vom 29. März 
bi8 30. April 1897. Im Aufträge der städtischen Behörden bearbeitet. St. Gallen, 
Feh, 1901. . gr. 4. VIII — 31 und 97 S. mit einem farbigen Plan. 4 M. 

Oehmeke, Th., Reg.- und Baurath a. D.: Mittheilungen über die Luft in Ver¬ 
sammlungssälen, Schulen und in Häusern für öffentliche Erholung und Be¬ 
lehrung, sowie Einiges über Förderung der Ventilationsfrage in technischer 
Beziehung und durch gesetzgeberische Maassnahmen. München, Oldenbourg, 
1901. gr. 8. 68 S. 2*50 M. 

Reichesberg, Julian, Dr.: Die Arbeiterwohnungsfrage und die Vorschläge zu 
ihrer Lösung. Bern, Sturzenegger, 1901. gr. 8. 29 S. 0*80 M. 

Untersuchungen, Neue — über die Wohnungsfrage in Deutschland und im 
Ausland. Herausgegeben vom Verein für Socialpolitik. 1. Band: Deutsch¬ 
land und Oesterreich. 1. Abtheilung. Leipzig, Duncker & Humblot, 1901. 
gr. 8. IX — 384 S. 9*60 M. 

Weyl, Th., Dr.: Fortschritte der Strassenhygiene. 1. Heft. Jena, Fischer, 1901. 
gr. 8. V—92 S. mit 40 Abbildungen. 3 60 M. 

5. Schulhygiene. 

Burgerstein, Leo, Dr.: Notizen zur Hygiene des Unterrichts und des Lehrer¬ 
berufes. Jena, Fischer, 1901. gr. 8. III — 74 S. mit 7 Curvenliguren. 2 50 M. 

Foveau de CourmeUes: Hygiene scolaire. Paris, 1901. 8. 11 p. avec 4 fig. 

Jessen, Dr.: Bericht über die zahnärztliche Untersuchung und Behandlung der 
Volksschulkinder in Strassburg i. E. vom 1. October 1900 bis 30. September 

1901. Berlin, Harwitz, 1901. gr. 8. 7 S. 

Betruschky, J., Dr., Dir.: Bericht über die im Jahre 1898 und 1899 angestellte 
Schulenquete. Leipzig, Leineweber, 1901. gr. 8. 27 S. 

W'ehrhahn, Dr. und Henze: Bericht über den dritten Verbandstag der Hülfs- 
schulen Deutschlands zu Augsburg am 10., 11. und 12. April 1901. Langen¬ 
salza, Druck von Beyer, 1901. gr. 8. 168 S. 

6. Hospitäler und Krankenpflege. 

Brandes, H. J.: Mädchenopfer. Die Schwesternpflege an Männern. Eine An¬ 
klageschrift und ein Mahnwort an Eltern und Erzieher. Berlin, Walther, 

1902. gr. 8. 77 S. 1 M. 

Buxbaum, B., Dr.: Technik der Wasseranwendungen. Belehrung für Bade¬ 
wärter, Krankenpfleger etc. Leipzig, Thieme, 1901. gr. 8. Vll — 73 S. mit 
36 Abbildungen. 2*20 M. 

CLenery, Margaret: Pocket Handbook for monthly nurses. London, Simpkin, 
1901. 32. 1 sh. 

Cullingworth, Charles, J.: A short manual for monthly nurses. 5 th edition. 
London, Churchill, 1901. 12. 104 p. 1 sh. 6 p. 

Flesch, Max, Dr., Prof.: Die Hauspflege. Ihre Begründung und Organisation 
in Hauspflegevereinen. Jena, Fischer, 1901. gr. 8. 43 S. 0*75 M. 

Ingerle, Stefan, Dr.: Die Anstalten für Reconvalescenten, Erholungsbedürftige 
und Tuberculöse der Krankencassen und Landesversicherungsanstalten 
Deutschlands. München, Seitz & Schauer, 1901. gr. 8. 128 S. mit Abbil¬ 
dungen. 4 M. 

Vierteljahnschrift für Gesundheitspflege, 1902. 12 


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178 


Neu erschienene Schriften. 


Mendelsohn, Martin, Dr., Prof.: Die Krankenpflege. Monatsschrift für die ge- 
sammten Zweige der Krankenpflege und Krankenbehandlung in Wissen¬ 
schaft und Praxis. Erster Jahrgang (12 Hefte). 1. Heft. Berlin, Reimer, 
1901. Lex. - 8. 96 S. mit Abbildungen. Halbjährlich 6 M. 

Mendelsolm, Martin, Dr., Prof.: Ueber die Nothwendigkeit der Errichtung von 
Heilstätten für Herzkranke. Vortrag. Berlin, Reimer, 1901. gr. 8. 15 S. 
0*30 M. 

Meyer, George, Dr.: Zur Organisation des Rettungswesens. Jena, Fischer, 1901. 
gr. 8. 40 S. 1*20 M. 

v. Pezold, A.: Bericht über die Thätigkeit des Evangelischen Sanatoriums für 
Lungenkranke zu Pitkäjärvi vom 1. Januar bis 30. December 1900. St. Peters¬ 
burg, 1901. 4. 41 S. 

Raynaud, C.: Le Sanatorium d’Argeles. These. Paris, Steinheil, 1901. 8. 15Gp. 
avec 10 fig. et 1 carte. 

Rühlemann, G. A., Dr., Generalarzt a. D.: Erste Nächstenhülfe bei Unfällen 
und Erkrankungen. Dresden, Stöckner, 1901. gr. 16. 126 S. mit 121 Ab¬ 
bildungen. 0*75 M. 

Spiegel, Ignatz, Dr.: Einführung in die erste Hülfe bei Unfällen. Für Samariter- 
curse und zur Selbstbelehrung gemeinverständlich dargestellt. Zweite Auf¬ 
lage. Wien, Perles, 1902. 8. VIII — 202 S. mit 40 Abbildungen und 

3 Tafeln. 2*50 M. 

Stangenberger, Johannes: Unter dem Deckmantel der Barmherzigkeit. Die 
Schwesternpflege in den Krankenhäusern. Ein Mahnwort an Eltern und 
Vormünder. Berlin, Walther, 1901. gr. 8. 48 S. 0*50 M. 

Tillid, G.: L’Assistance publique et la bienfaisance privee. Paris, Bibliotheque 
Tillie, 1901. 8. 32 p. 

Walters, F., Rüfenacht: Sanatoria for Consumptives. A critical and detailed 
description, together with an exposition of the open-air or hygienic treat- 
ment of phthisis. Second edition. London, Sonnenschein, 1901. 8. 460 p. 
12 sh. 6 p. 

7. Militär- und Schiffshygiene. 

Dautwiz, Dr., Stabs- und Bataillonsarzt: Ueber sanitäts - taktische Ausbildung 
der Sanitätsofficiere der Armee. Berlin, Mittler, 1901. 8. VII —131 S. 2’50 M. 

Stier, Ewald, Dr.: Ueber Verhütung und Behandlung von Geisteskrankheiten 
in der Armee. Hamburg, Lüdeking, 1902. gr. 8. 43 S. 1 M. 

8. Infectionskrankheiten und Desinfection. 

Abel, R.: Taschenbuch für den bacteriologischen Praktikanten, enthaltend die 
wichtigsten technischen Detailvorschriften zur bacteriologischen Labora¬ 
toriumsarbeit. Sechste Auflage. Würzburg, Stüber, 1901. 12. VI —111 S. 
2 M. 

Agote, L. et A. J. Medina: La peste bubonique dans la Republique argentine 
et an Paraguay ; epidemies de 1899—1900. Buenos-Ayres, 1901. 8. 298 p. 

Almquist, E. och G. Troili-Petersson: Mikroorganismerna i praktiska lifvet. 
Stockholm, P. Palmquist, 1901. 8. 3 kr. 85 ö. 

Antoniotti, J. P.: Le paludisme; prophylaxie individuelle. These. Paris, 1901. 

Auer, Max: Ueber bacilläre Pneumonie. Inaugural-Dissertation. Kiel, 1901. 

Baccelli, G.: Provvedimenti legislativi contro la malaria. Roma, tip. d. Camera 
d. Deputati, 1901. 8. 26 p. 

Baudin, Henri: Contribution ä Petude du traitement de Pinfection puerperale. 
These. Paris, Boyer, 1901. 8. 88 p. 

v. Baumgarten, Dr., Prof., und Prof. Dr. F. Tangl: Jahresbericht über die 
Fortschritte in der Lehre von den pathogenen Organismen, umfassend Bac- 


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Neu erschienene Schriften. 


179 


terien, Pilze and Protozoen. XV. Jahrgang 1899 , 2. Abtheilung. Leipzig, 
Hirzel, 1901. gr. 8. XII und S. 401 bis 1040. 18 M. (compl. 28 M.). 

Bernard, J., Dr.: La cause pratique de la tuberculose pulmonaire en Picardie. 
Paris, Maloine, 1901. 8. 1 frc. 

Blauhammer, Max: Zur Statistik der Carcinome und deren Aetiologie. Inaug.- 
Dissertation« Greifswald, 1901. 

BluyBen, R.: Contribution ä l’etude clinique des streptococcies generalisües chez 
1’homme. These. Paris, imp. Lahure, 1901. 8. 108 p. 

Booquet, Albert: La tuberculose a Reims. These. Reims, imp. Matot-Braine, 
1901. 8. 66 p. 

Boignier, L.: Origine et traitement de la fievre typhoide; etude historique et 
critique. These. Paris, Boyer, 1901. 8. 170 p. 

Caderas, E.: La rubeole ä Rennes en 1899. These. Paris, 1901. 

Canney, L.: Typhoid the destroyer of armies, and its abolition. London, 
Bailiiere, Tindall & Cox, 1901. 8. 1 sh. 

Carossa, Dr.: Passau auf dem Wege zur Befreiung von Lungentuberculose. 
Passau, Waldbauer, 1901. gr. 8. 27 S. 0*60 M. 

Casagrande, D. V.: Malaria e zanzare. Manuale teorico-pratico per le persone 
dimoranti in localita malariche. Roma, 1901. 8. 78 p. con figure. 

Coste de Lagrave, Dr.: Guerison de la tubercülose. Paris, Maloine, 1901. 8. 
6 frcs. 

Dausats, E.: Recherches sur la contagiosite de la pelade. These. Paris, 1901. 

Engelhard, K.: Ueber bactericide Wirkungen des Alsols. Inaugural-Dissertation. 
Marburg, 1901. 8. 68 p. 1*50 M. 

Eütterer, Gustav, Dr., Prof.: Ueber die Aetiologie des Carcinoms mit besonderer 
Berücksichtigung der Carcinome des Seroturns, der Gallenblase und des 
Magens. Wiesbaden, Bergmann, 1901. gr. 8. VII—124 S. mit 36 Abbil¬ 
dungen im Text und 3 Abbildungen auf Tafeln. 4 M. 

Gioelli, P.: Sui nuovi mezzi di rapido riscontro e sviluppo del bacillo della 
tuberculosi. Genova, 1901. 8. 13 p. 

Grassi, Battista, Prof.: Die Malaria. Studien eines Zoologen. Zweite Auflage. 
Jena, Fischer, 1901. gr. 4. VJII — 250 S. mit 15 Abb. und 8 Tafeln. 20 M. 

Grasei, Battista, Prof.: Relazione delP esperimento di preservazione della malaria 
fatto sui ferrovieri nella piana di Capaccio. Milano, 1901. 8. 56 p. 

Gualdi, T.: La febbre tifoide a Roma. Rom, Loescher, 1901. 8. 5 L. 

Becker, C., Thierarzt: Wie schützt man sich gegen die Maul- und Klauen¬ 
seuche? Vorbeugungsmaassregeln, Kennzeichen, Pflichten, Behandlung. 
Zweite Auflage. Leipzig, C. Schmidt & Co., 1901. gr. 8. IV — 74 S. 1 M. 

Hess, Otto, Dr., Oberarzt: Das Formaldehyd. Seine Darstellung, Eigenschaften 
und seine Verwendung als Conservirungs-, therapeut. und Desinfections- 
mittel, mit besonderer Berücksichtigung der Wohnungsdesinfection. Zweite 
Auflage. Marburg, Eiwert, 1901. gr. 8. IV —129 S. mit 11 Abb. 2 M. 

Hofbauer, Ludwig, Dr.: Zur Frage der Prophylaxe von Tuberculose und Ner¬ 
vosität. Vortrag. Wien, Perles, 1901. 12. 39 S. 0*20 M. 

Jaeger, H., Dr., Oberstabsarzt, Privatdocent: Die Cerebrospinalmeningitis als 
Heeresseuche, in ätiologischer, epidemiologischer, diagnostischer und pro- 
phylactischer Beziehung. Band 9 der „Bibliothek v. Coler“. Berlin, Hirsch¬ 
wald, 1901. gr. 8. VIII—256 S. mit 33 Texttafeln. 7 M. 

Imbault, F.: Contribution ä l’etude de la frequence de la tuberculose chez les 
alcooliques. These. Paris, 1901. 

JouBsetj P.: Les Microbes pathogenes. Paris, Bailliere, 1901. 8. 108 p. 2 frcs. 

Jousseaume, M.: Sur quelques parasites producteurs de maladies, introduits 
dans Porganisme par Peau. These. Paris, 1901. 

Kerschb&umer, Fritz: Malaria, ihr Wesen, ihre Entstehung und ihre Ver¬ 
hütung. Wien, Braumüller, 1901. 8. VII —170 S. mit 12 Tafeln. 8 M. 

12 * 


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180 Neu erschienene Schriften. 

Kiefer, Charles Emile: Contribution ä l’etude bacteriologique de la pneumonie 
lobaire suppuree. These. Paris, Steinheil, 1901. 8. 78 p. 

Kirstein, Fritz, Dr.: Leitfaden für Desinfectoren in Frage und Antwort. Berlin, 
Springer, 1901. 12. 36 S. mit 14 Beilagen. 1*20 M. 

Kuhn, Phylalethes, Dr., Stabsarzt: Ueber eine Impfung gegen Malaria. Leipzig, 
Barth, 1901. gr. 8. 35 S. mit 1 Curventafel. 1*60 M. 

Ladeveze, J.: Comment les familles ouvrieres parisiennes disparaissent par 
tuberculose. These. Paris, 1901. 

Lamoureux, L. A.: La Technique des injections hypodermiques de serum arti- 
ficiel pratiquees au moyen du sero - transfuseur du Prof. Lefour. These. 
Bordeaux, 1900.' 8. 32 p. 

Lemonnier, L.: Contribution a l’etude du traitemeut du tetanos; etude com- 
paree des differente modes d’introduction dans Forganisme de l’antitoxine 
tetanique. These. Paris, 1901. 

Lhomme, H.: De Facti noraycose des parois thoraciques et abdominales. These. 
Paris, 1901. 

Loida, W.: Ueber die Ausscheidung von Typhusbacillen und Darmbacterien im 
Urin Typhuskranker. Inaugural - Dissertation. Königsberg, 1901. 8. 62 S. 

Maodonald, J.: La propagation du paludisme par les moustiques, avec une 
note sur leur röle a Rio-Tinto (Sud d’Espagne). These. Paris, 1901. 

Mathö, L.: La serotherapie präventive de la diphtherie; son etat actuel, ses 
indications. These. Paris, 1901. 

Mathieu, P.: Etude sur les infections generales aigues par le staphylocoque 
pyogene. These. Paris, 1901. 

Mazaraky, G.: Le röle des rats dans la propagation de la peste. These. 
Paris, 1901. 

Meissen, Ernst, Dr.: Beiträge zur Kenntniss der Lungentuberculose. Wies¬ 
baden, Bergmann, 1901. gr. 8. VI — 349 S. 4 60 M. 

Molinie, E. E.: Serotherapie intensive dans les cas de diphtherie grave. These. 
Paris, 1901. 

Musehold, P., Dr., Oberstabsarzt: Die Pest und ihre Bekämpfung. Band 8 der 
„Bibliothek v. Coler“. Berlin, Hirschwald, 1901. gr. 8. X — 305 S. mit 
4 Tafeln. 7 M. 

Neuburger, Max, Dr.: Die Vorgeschichte der antitoxischen Therapie der acuten 
Infectionskrankheiten. Vortrag. Stuttgart, Enke, 1901. gr. 8. 67 S. 1*60 M. 

NiooUe, M., Dr.: Grundzüge der allgemeinen Mikrobiologie. Deutsch von Dr. 
H. Dünschmann. Berlin, Hirschwald, 1901. gr. 8. VII — 305 S. mit Fi¬ 
guren. 5 M. 

Pacque: Rapport general sur les maladies contagieuses et les epizooties obser- 
vees en 1900 dans le Departement de l’Eure. Evreux, impr. Quettier, 1901. 
8. 32 p. 

Polverini, G.: Osservazioni cliniche sulla peste bubbonica. Firenze, Nicolai, 
1901. 8. 2*50 L. 

PrestreUe, F.: Pneumococcie ä localisations multiples. These. Paris, 1901. 

Bahner, Richard: Zur Epidemiologie und Aetiologie des Keuchhustens. Inaug.- 
Dissertation. Freiburg, 1901. 

Beinhold, A.: Positive prevention and eure of tuberculosis by the nature eure 
process. London, Reinhold, 1901. 8. 465 p. 3 sh. 

Beisohauer, Arnold: Vergleichende Untersuchungen über die Brauchbarkeit 
verschiedener Verfahren zur Ausführung der Wohnungsdesinfection mit 
Formaldehyd. Inaugural-Dissertation. Halle, 1901. 

Reiss,Peter: Ueber Formalindesinfection. Inaugural-Dissertation. Würzburg, 1901. 

Richard, J.: L’hygiene au Havre et les maladies contagieuses endemiques et 
epidemiques, 1880—1901; mesures de prophylaxie. These. Paris, 1901. 

Richter, Alexander: Zwei Fälle von Aktinomykose, als Beitrag zur Kenntniss 


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Neu erschienene Schriften. 181 

der Generalisation aktinomykotischer Erkrankungen. Inaugural-Dissertation. 
Kiel, 1901. 

Riegler, 0.: Die Aktinomykose in Thüringen. Inaugural-Dissertation. Jena, 
1901. 8. 34 S. 

Komme, R., Dr.: La lutte sociale contre la tuberculose. Paris, Masson, 1901. 
8. 2*50 frcs. 

Rosenfeld, A.: Ueber die Involutionsformen der Pestbacillen und einiger pest¬ 
ähnlicher Bacterien auf Kochsalzagar. Inaugural-Dissertation. Königsberg, 
1901. 8. 25 S. 

Rousseau, C. K., Dr.: La Phtisie sous un nouveau jour. Paris, Le Soudier, 
1901. 8. 50 p. 1*50 frcs. 

Rousseau, P.: L’erysipöle et les maladies streptococciques ä Gap. en 1897. 
These. Paris, 1901. 

Ruata, Cario, Prof.: Pulmonary Tuberculosis. Its prevontion and eure. With 
appendix concerning the British Congress on Tuberculosis, 1901. London, 
Simpkin, 1901. 8. 147 p. 3 sh. 

van Ryn: Ligue nationale beige contre la tuberculose; rapport general sur 
l’exercice 1900. Bruxelles, 1901. 8. 46 p. 

Salmon, D. E.: Legislation with reference to bovine tuberculosis being a digest 
of the laws now in force. Washington, 1901. gr. 8. 173 p. 

Schaeffer, Richard, Dr.: Experimentelle und kritische Beiträge zur Hände- 
desinfectionsfrage. Berlin, Karger, 1902. gr. 8. 110 S. mit 12 Tabellen und 

4 Abbildungen auf 2 Tafeln. 3*50 M. 

Sigwart, M.: Ueber die Einwirkung der proteolytischen Fermente Pepsin und 
Trypsin auf Milzbrandbacillen. Inaugural-Dissertation. Tübingen, 1900. 
gr. 8. 19 S. 

Simon, Richard, Dr.: Eine neue rationelle Methode zur Bekämpfung der Lungen¬ 
schwindsucht. Zweite Auflage. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1901. 
gr. 8. 48 S. mit Figuren. 1 M. 

Thomson, G. S. and J.: A treatise on plague. The conditions for its causation, 
prevalence, incidence, immunity, prevention, and treatment. London, Sonnen¬ 
schein, 1901. 8. 246 p. 7 sh. 6 p. 

Veylon, Antoine: De l’action de quelques aotiseptiques sur le virus rabique; 
essai de vaccination au moyen du virus fixe traite par les antiseptiques. 
These. Montpellier, 1901. 8. 42 p. 

"Weber, Heinrich: Ueber eine Pneumonie-Epizootie unter Meerschweinchen. In¬ 
augur al-Dissertation. Rostock, 1901. 

'Weis, A. H.: Zur Aetiologie der Polyarthritis rheumatica acuta. Inaugural- 
Dissertation. Berlin, 1901. 

'Werner, C.: Die Aetiologie der Spitzentuberculose. Inaugural-Dissertation. 
Jena, 1901. 8. 53 S. 

WolfT, A.: Ueber die Reductionsfähigkeit der Bacterien, einschliesslich der 
Anaerobien. Inaugural-Dissertation. Tübingen, 1901. gr. 8. 35 S. 

Ziegelroth, Dr.: Zur Abwehr der Krebsgefahr. Eine Studie über die Ursachen 
und Verhütung der Krebskrankheit. Berlin, Richer, 1901. gr. 8. 60 S. 2M. 

9. Hygiene des Kindes. 

Breithaupt, Adolphine: Mutterpflicht und Kindespflege. Eiu Weihegeschenk 
aus Mutterhand für Deutschlands Frauen und Bräute. Zweite Auflage. 
Chemnitz, Richter, 1901. 8. VIII —188 S. 3 M. 

v. Bunge, G., Dr. Prof.: Die zunehmende Unfähigkeit der Frauen, ihre Kinder 
* zu stillen. Die Ursachen dieser Unfähigkeit, die Mittel zur Verhütung. 
Zweite Auflage. München, Reinhardt, 1902. gr. 8. 32 S. 0*80 M. 

Custer, Gustav, Dr.: Grundsätze für die Gesundheitspflege des Kindes im ersten 


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182 Neu erschienene Schriften. 

Lebensjahr (Säuglingsalter). Siebente Auflage. Leipzig, Schröter, 1901. 
gr. 8. 28 S. 0 25 M. 

Czerny, A., Dir., Prof, und Dr. A.Keller: Des Kindes Ernährung, Ernährungs¬ 
störungen und Ernährungstherapie. Ein Handbuch für Aerzte. Zweite Ab¬ 
theilung. Wien, Deuticke, 1901. gr. 8. S. 161 bis 320 mit einer farbigen 
Tafel. 4*50 M. 

Gnaita, R.: L’igiene della alimentazione del bambino dopo lo slattamento. 
Milano, Marchi, 1900. 8. 24 p. 

Hauser, W., Dr., Ober-Med.-Rath: Die Säuglingssterblichkeit, ihre Ursachen und 
ihre Bekämpfung. Leipzig, Konegen, 1901. gr. 8. 24 S. mit 1 graphischen 
Tafel. 1 M. 

Sprinz, Oscar: Ueber die Möglichkeit, sterilisirte Kindermilch und pasteurisirten 
Rahm herzustellen. Inaugural-Dissertation. Würzburg, 1901. 

Thiollier, Maurice: Quelques considerations sur la marche normale et les causes 
du retard de la marche chez l’enfant. These. Paris, Boy er, 1901. 8. 171 p. 
Zander, Carl: Ueber die Brauchbarkeit des Milchthermophors. Inaugural- 
Dissertation. Halle, 1901. 8. 32 S. 


10. Yariola und Yaccination. 

Champ, M.: De la variole congenitale. These. Paris, 1901. 

Delon, Louis: De Tinfluence de la vaccine sur la variole. These. Paris, 
RousBet, 1901. 8. 62 p. 

Faidherbe, A.: Immunite vaccinale congenitale. Lille, 1901. 8. 12 p. 


11. Prostitution und Syphilis. 

Bloch, Iwan, Dr.: Der Ursprung der Syphilis. Eine medicinische und cultur- 
geschichtliche Untersuchung. Erste Abtheilung. Jena, Fischer, 1901. gr. 8. 
XIV — 313 S. 6 M. 

Block, Felix: Welche Maassnahmeu können behufs Steuerung der Zunahme der 
Geschlechtskrankheiten ergriffen werden ? Leipzig, Breitkopf <fe Härtel, 1901. 
gr. 8. 30 S. 0 75 M. 

Dufour, P.: Geschichte der Prostitution. Bd. IV: Frankreich. Deutsch von 
B. Schweigger, fortgeführt und bis zur Neuzeit ergänzt von F. Helbing. 
Berlin, Gnadenfeld, 1901. Lex.-8. 223 S. 6 M. 

Hermann, Josef, Dr.: Neue Lehre über das Wesen und die Heilbarkeit der 
Syphilis. Leipzig, Otto, 1901. gr. 8. 100 S. 1*60 M. 

de Meric, H.: Syphilis and other veneral diseases. London, Bailliere, Tindall 
& Co., 1901. 8. 140 p. 5 sh. 

de Morsier, A.: La Police des moeurs en France. Paris, Stock, 1901. 8. 3 frcs. 

Parent-Duchatelet et Ricard: La Prostitution contemporaine ä Paris, en 
province et en Algerie. Paris, Charles, 1901. 12. 3 frcs. 


12. Gewerbe- und Berufshygiene. 

Coquin, L. P. M.: Hygiene et pathologie des pecheurs de morue ä Terre-Neuve 
et en Islande. These. Bordeaux, 1900. 8. 154 p. 

Freund, Leopold, Dr.: Die Berufskrankheiten und ihre Verhütung, mit beson¬ 
derer Berücksichtigung der graphischen Gewerbe. Nebst einer Anleitung 
zur ersten Hülfeleistung bei plötzlichen Unglücksfällen. Halle, Knapp, 1901. 
gr. 8. VIII - 124 S. 3 M. 


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Neu erschienene Schriften. 


183 


13. Nahrungsmittel. 

Baccioni, G. B.: La vigilanza igienica degli alimenti: note d’igiene pratica e di 
bromatologia. Torino, Bocca, 1901. 8. VII — 415 p. 

Baelz, E., Dr., Prof.: Nährwerth der Nahrungsmittel. Berlin, Rothacker, 1901. 
gr. 4. 1 farbiges Blatt. 0*30 M. 

Barthel, Christian: Bacteriologie des Meiereiwesens. Aus dem Schwedischen 
von Dr. Johannes Kaufmann. Leipzig, Heinsius, 1901. gr. 8. IV—131 S. 
mit 13 Abbildungen. 2*50 M. 

Beulshausen, F.: Zur Kenntniss der Ursache des Klebrigwerdens von Brot. 
Inaugural-Dissertation. Rostock, 1901. 8. 23 S. 

v. Buchka, K., Dr., Prof., Reg.-Rath: Die Nahrungsmittelgesetzgebung im 
Deutschen Reiche. Eine Sammlung der Gesetze und wichtigsten Verord¬ 
nungen, betr. den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genussmitteln und Ge- 
brauchsgegenstanden, nebst den amtlichen Anweisungen zur chemischen 
Untersuchung derselben. Berlin, Springer, 1901. 8. XX — 276 S. mit Ab¬ 
bildungen. 4 M. 

Chilläs, A. A.: Zur Frage des Vorkommens von Bacterien in den Organen von 
Schlachtthieren. Inaugural-Dissertation. Strassburg i. E., 1901. 8. 40 S. 

Gesetz, betr. den Verkehr mit Wein, weinhaltigen und weinähnlichen Getränken, 
vom 24. Mai 1901. Kreuznach, Harrach, 1901. 8. 15 S. 0*50 M. 

Baig, A.: Diet and food considered in relation to strength and power of endu- 
rance, training and athletics. Third edition. Philadelphia, Blakiston, 1901. 
12. 110 p. with 5 figures. 

Koch, R., Dr., Geh. Sanitäts-Rath: Wie ernähren wir uns gesundheitsgemäss? 
Berlin, Steinitz, 1902. gr. 8. 96 S. mit Abbildungen. 1 M. 

Leffmann, H. and W. Beam: Select methods in food analysis. Philadelphia, 
Blakiston, 1901. 8. 383 p. with 53 fig. 

Morot: Les Viandes impropres a Palimentation humaine. Paris, Bailiiere, 1901. 
8. 4 frcs. 

Breiss, Meyer: Zur Frage über die Beschaffenheit der sibirischen Kuhbutter 
vom chemisch - hygienischen Standpunkte. Inaugural-Dissertation. Berlin, 
Günther, 1901. gr. 8. 29 S. 0*50 M. 

de Rothschild, H., Dr.: Pasteurisation et Sterilisation du lait. Paris, Doin, 
1901. 16. 96 p. avec 33 figures. 1*50 frcs. 

Schlesinger, Hermann, Dr.: Die Bereitung der Krankenkost. Lehrgang in zehn 
Abenden. Mit Vorrede von Geh. Med.-Rath Prof. Dr. Oscar Liebreich. 
Frankfurt a. M., Alt, 1902. 8. VII —170 S. 2 M. 

Tschirch, A., Dr., Prof, und Dr. O. Oesterle: Anatomischer Atlas der Pharma¬ 
kognosie und Nahrungsmittelkunde. Leipzig, Tauchnitz, 1900. gr. 4. 351 S. 
mit circa 2000 Originalzeichnungen auf 81 Tafeln. 26*50 M. 


Anhang: Alkoholismus. 

Baratier, A., Dr.: Les Victimes de Palcool. Paris, Edition mutuelle, 1901. 16. 
130 p. 2*50 frcs. 

Bayer, Anna, Dr.: Wir Frauen und der Alkoholismus. Vortrag. Basel, Rein¬ 
hardt, 1901. 8. 41 S. 0*50 M. 

v. Bunge, G., Dr., Prof.: Die Alkoholfrage. Vortrag. Nebst einem Anhang: 

Ein Wort an die Arbeiter. Basel, Reinhardt, 1901. 8. 44 S. 0*50 M. 
Buxton, Charles: B[ow to stop drunkenness. London, Churchill, 1901. 8. VI 
— 80 p. 1 sh. 

Chaudet: Pourquoi entrer dans une Societe de temperance? Les Societes de 
temperance, historique, but, importance. Le Mans, 1901. 8. 44 p. 


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184 


Neu erschienene Schriften. 


Cripps, R.: Public-House Reform. With es short account of the Public-House 
Trust Movement. London, Ch. of Eng. Temp. Soo., 1901. 8. 16 p. 1 p. 

Delbrück, A., Dr.: Hygiene des Alkoholismus. Jena, Fischer, 1901. gr. 8. 85 S. 
mit 10 Curventafeln. 2*50 M. 

Forel, August, Dr., Prof.: Die Trinksitten, ihre hygienische und sociale Bedeu¬ 
tung. Ihre Beziehungen zur akademischen Jugend. Ansprache. Basel, 
Reinhardt, 1901. 8. 50 S. 0*50 M. 

Frick, Adolf, Dr.: Der Einfluss der geistigen Getränke auf die Kinder. Vor¬ 
trag. Basel, Reinhardt, 1901. 8. 43 S. 0*50 M. 

Ganser, S., Dr., Oberarzt: Die Trunksucht eine heibare Krankheit. Vortrag. 
Dresden, Böhmert, 1901. gr. 8. 22 S. 0*20 M. 

Gaule, J., Dr., Prof.: Wie wirkt der Alkohol auf den Menschen? Vortrag. 
Nebst einem Anhang: Ueber den Alkoholgenuss vom Standpunkte der 
Physiologie. Basel, Reinhardt, 1901. 8. 42 S. 0*50 M. 

Hoppe, Hugo, Dr.: Die Thatsachen über den Alkohol. Zweite Auflage. Berlin, 
Calvary, 1901. gr. 8. XII — 375 S. mit zahlreichen statist. Tabellen. 5 M. 

Kassowitz, Max, Dr., Prof.: Alkoholismus im Kindesalter. Berlin, Karger. 1902. 
gr. 8. 32 S. 0 80 M. 

Lang, Otto, Oberrichter: Alkoholgenuss und Verbrechen. Vortrag. Basel, 
Reinhardt, 1901. 8. 59 S. 0*50 M. 

Legrain et M me Legrain: La Reforme du cabaret et les restaurants de tempe- 
rance. Paris, 1901. 8. 130 p. 

Verschiedenes. 

Hirschfeld, Magnus, Dr.: Für wen und wie ist Radfahren gesund? Berlin, 
Tessaro-Verlag, 1901. 8. 30 S. 0*50 M. 

Thierseh, Justus, Dr.: Die Schädigung des weiblichen Körpers durch fehler¬ 
hafte Kleidung, nebst Bemerkungen über die Verbesserung der Frauen¬ 
kleidung. Berlin, Walther, 1901. g. 8. 45 S. mit Figuren. 1 M. 

Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Volksbäder. Herausgegeben 
von dem geschäftsführenden Ausschuss. Fünftes und sechstes Heft. Berlin, 
Hirschwald, 1901. gr. 8. 79 und 41 S. 


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Dr. Paul Schenk, Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren etc. 18Ö 


Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren 
im Kleingewerbe und in der Hausindustrie, vom 
gesundheitlichen und sittlichen Standpunkte 
betrachtet. 

Von Dr. Paul Schenk, Berlin. 


Die Arbeiterschutzgesetzgebung hat der gewerblichen Beschäftigung 
von schulpflichtigen Kindern in den Fabriken bereits im Jahre 1891 ein 
Ende gemacht. Die Gewerbeordnungsnovelle vom 1. Juni 1891 bestimmt 
in §. 135: „Kinder unter 13 Jahren dürfen in Fabriken nicht beschäftigt 
werden. Kinder über 13 Jahre dürfen in Fabriken nur beschäftigt werden, 
wenn sie nicht mehr zum Besuche der Volksschule verpflichtet sind. — Die 
Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren darf die Dauer von sechs Stunden 
täglich nicht überschreiten. “ Wer Kinder unter 14 Jahren in einer Fabrik 
beschäftigen will, muss hiervon der Ortspolizeibehörde vorher schriftlich 
Anzeige machen (G.-O. §. 138, Abs. 1). In der Anzeige sind genau anzu¬ 
geben: die Fabrik, die Wochentage, an welchen die Beschäftigung statt¬ 
finden soll, Beginn und Ende der Arbeitszeit und der Pausen, Art der Be¬ 
schäftigung. Nach den Berichten der Gewerberäthe sank die Zahl der in 
Fabriken und in den in der Gewerbeordnung ihnen gleichgestellten Anlagen 
beschäftigten Kinder von 27 485 im Jahre 1890 auf 11 212 im Jahre 1892, 
4327 im Jahre 1895 und bis auf 1546 im Jahre 1899. Dagegen hat die 
Kinderarbeit im Handwerk und in der Hausindustrie sowie bei sonstiger 
gewerblicher Beschäftigung einen erheblichen Umfang angenommen. Hier 
fehlen bisher noch immer durchgreifende gesetzliche Bestimmungen, obgleich 
die Ausdehnung der Fabrikgesetzgebung auf andere Werkstätten und 
namentlich auf die Hausindustrie bereits 1891 als nothwendig erkannt war. 

Im Februar 1898 wurden über den Umfang der gewerblichen Kinder¬ 
arbeit ausserhalb der Fabriken Erhebungen seitens der deutschen Staaten 
veranstaltet. Diese Erhebungen erstreckten sich fast auf das ganze Reichs¬ 
gebiet und ergaben, dass ausserhalb der Fabriken 532 283 Kinder gewerb¬ 
lich thätig waren 1 )* Die ermittelte Zahl bleibt hinter der Wirklichkeit 
noch zurück, einerseits weil gewisse Gebiete des Reiches in die Erhebung 
nicht einbezogen sind, andererseits eine gewisse Zahl der sonst gewerblich 
beschäftigten Kinder wohl bereits zu den Frühjahrsarbeiten in der Land- 
wirthschaft verwendet wurde. Schätzt man die in 40 an der Erhebung nicht 
betheiligten Oberämtern Württembergs gewerblich beschäftigten Schulkinder 

l ) Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Reiches 1900. III: Gewerbliche 
Kinderarbeit ausserhalb der Fabriken auf Grund der Erhebung vom Jahre 1898. 

12 * 


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186 


Dr. Paul Schenk, 


anf 12 000, so wären von den 8 334 919 schulpflichtigen Kindern im Deut¬ 
schen Reiche nahezu eine halbe Million = 6*53 Proc. gewerblich thätig. 

Diese 544 283 gewerblich beschäftigten Schulkinder vertheilen sich auf 
die einzelnen deutschen Bundesstaaten wie folgt: 



Zahl der 
volksschul- 
pflichtigen 
Kinder 

Zahl der 
gewerblich 
beschäftigten 
Kinder 

In Procenten 

Preussen. 

5 209 518 

269 598 

5*18 

Bayern. 

822 165 

12 997 

1-58 

Sachsen . 

604 600 

137 831 

22*80 

Württemberg. 

299 632 

19 546 

6*52 

Baden. 

295 624 

28 788 

9*74 

Hessen. 

156 391 

8 868 

5*67 

Mecklenburg-Schwerin. 

96 918 

2 235 

2*31 

Mecklenburg-Strelitz. 

16 684 

213 

1-28 

Sachsen - Weimar. 

55 943 

5 660 

10*12 

Sachsen-Meiningen-. 

40 754 

6 684 

16-40 

Sachsen - Altenburg. 

29 584 

5 686 

19*24 

Sachsen - Coburg - Gotha. 

35 974 

5 455 

1516 

Anhalt. 

48 236 

1 382 

2-87 

Soh warzburg - Budolstad t. 

15 148 

2 487 

16*42 

Schwarzburg • Sondershausen . . . 

13 676 

1456 

1065 

Oldenburg. 

65 035 

1 927 

2*96 

Waldeck. 

10 777 

62 

0*58 

Braunschweig. 

74 104 

2 932 

3*96 

Reuse ält. Linie. 

10 988 

1 488 

13*54 

Reusa jüng. Linie. 

21 232 

1 502 

7*07 

Schaumburg - Lippe. 

6 867 

417 

6 07 

Lippe . 

25 233 

1 687 

6*66 

Lübeck. 

12 706 

1 218 

9*59 

Bremen. 

25 627 

867 

3-38 

Hamburg. 

95 574 

5 419 

5*67 

Eisass-Lothringen. 

245 876 

17 878 

7*27 

Deutsches Reich . . . j 

8 334 919 

544 283 

6-53 


Speciell für da9 Königreich Preussen ist die Vertheilung der ausser¬ 
halb der Fabriken gewerblich beschäftigten schulpflichtigen Kinder aus der 
Tabelle auf folgender Seite ersichtlich: 

Die beiden Tabellen bestätigen die bekannte Thatsache, dass im König¬ 
reich Sachsen und in den sächsischen Herzogtümern ein sehr hoher Procent¬ 
satz Schulkinder gewerblich thätig sind, ln einzelnen Hausindustrieorten 
Sachsen - Coburg - Gothas sind bis zu 86 Proc., im Kreise Sonneberg in 
Sachsen-Meiningen 57 Proc. (nach der neuesten Statistik vom Mai 1891: 
42 Proc.) aller Schulkinder gewerblich thätig. Den nächst höheren Procent- 
satz weisen die Grossstädte auf, so z. B. Berlin 12*83 Proc., Charlottenburg 
bei Berlin 10*1 Proc. Für die preussischen Provinzen Ost- und West- 


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Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren im Kleingewerbe etc. 187 

preusBen, Pommern, Posen, Mecklenburg ergaben sich relativ niedrige Zahlen 
von unter oder wenig über 2 Proc. Hier gehen die Kinder vorwiegend der 
landwirtschaftlichen Erwerbsarbeit nach. Die einzelnen gewerblichen 
Beschäftigungsweisen kann man in sieben Abtheilungen gliedern: Industrie, 
Handel (Waaren-Hausierhandel), Verkehr (Fuhrwesen, Botengänger, Gepäck¬ 
träger), Schankwirthschaft (Kegelaufsetzen, Gästebedienen), Austräger und 
Ausfahrer (Austragen von Backwaaren, Milch, Würstchen, Zeitungen, 
Büchern, Kohlen, Wäsche), Laufburschen, sonstige gewerbliche Thätigkeit 
(bei Schaustellungen, bei Schreibern, Strassenreiniger). 



Zahl der 
volksschul- 
pflichtigen 
Kinder 

Zahl der 

gewerblich beschäftigten 
Kinder 

insgesammt 

in Procenten 

Ostpreussen. 

323 360 1 

5 781 

1*79 

Westpreussen. 

257 029 

5 515 

2*15 

Berlin. 

196 050 

25 146 

12*83 

Brandenburg. 

425 967 

23 165 

5*44 

Pommern. 

252 966 

7 008 

2*77 

Posen. 

320 550 

5 771 

1*80 

Schlesien. 

741 352 

48 456 

6*54 

Sachsen. 

452 298 

26 092 

5*77 

Schleswig-Holstein. 

211 825 

12 643 

5*97 

Hannover . 

392 551 

17 518 

4*46 

Westfalen. 

492 875 

26 286 

5*33 

Hessen-Nassau. 

268 102 

15 191 

5*66 

Rheinprovinz. 

863 977 

50 183 

5*81 

Hohenzollern. 

10 607 

843 

7*95 

Königreich Preussen . . . 

5 209 518 

269 598 

5*18 


Aus der folgenden Tabelle ergiebt sich die Verteilung der 532 283 
Kinder, über welche Angaben vorliegen, auf diese sieben Abtheilungen. 


Es wurden beschäftigt Kinder in: 



Insgesammt 

In Procenten 

Industrie. 

306 823 

57*64 

Handel. 

17 623 

3*31 

Verkehr. 

2 691 

0*51 

Gast- und Schankwirthschaft .... 

21 620 

4*06 

Austragedienst. 

135 830 

2552 

Gewöhnliche Laufdienste. 

35 909 

6*75 

Sonstige gewerbliche Thätigkeit . . . j 

11 787 

231 

Summe . . . | 

532 283 

100*00 


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188 


Dr. Paal Schenk, 


Von den 306 823 industriell beschäftigten Kindern entfällt der Haupt- 
antheil 143 710 auf die Textilindustrie, dann folgt die Industrie der Holz- 
und Schnitzstoffe mit 41 801, Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe 40 997, 
Nahrungs- und Genussmittel 27 645, Metallverarbeitung 14 358, Industrie 
der Steine und Erden 12 890, Papierindustrie 8970. Bei 1425 fehlen die 
näheren Angaben. Die übrig bleibenden 15 027 vertheilen sich nach der 
Höhe der procentischen Betheiligung auf die folgenden zehn Gewerbe¬ 
gruppen: Industrie der 4 Maschinen, Instrumente etc. 4914, Baugewerbe 
4225, Lederindustrie 2944, Polygraphische Gewerbe 718, Thierzucht und 
Fischerei 511, chemische Industrie 509, Bergbau und Hüttenwesen 468, 
Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenproducte 329, Kunst- und Handels¬ 
gärtnerei 308, künstlerische Gewerbe 101. 

Bei 11 891 gewerblich tätigen Kindern in Preussen ist das Alter fest¬ 
gestellt. Es befanden sich im Alter von: 


6 bis 7 Jahren 

7 „ 8 „ 

8 „ 9 „ 

9 » 10 »i 

10 „ 12 „ 

12 „ 14 „ 


. . 1*5 Proc. 

4*1 n 
. . 7*1 „ 

. . 11*6 „ 

. . 29*5 „ 

- • 46*2 „ 


In Hessen wurden gezählt von 6 bis 10 Jahren und andererseits von 
10 bis 14 Jahren beim: 


Kinder von 


Kegelaufsetzen. 

Austragen von Backwaaren . . . 

Austragen von Zeitungen . . . 

Einfassen und Aufnähen von Perlen 

Spulen. 

Ausrippen von Tabaksblättern . . 

Hasenhaarschneiden. 

Hausiren. 


6 bis 10 Jahren 

10 bis 14 Jahren 

. 305 


1013 

. 196 

\ je eins 

850 

. 295 

> unter 

J 6 Jahren 

653 

. 242 


252 

. 161 


288 

. 106 


94 

. 95 


62 

. 147 


76 


Im Kreise Sonneberg (Sachsen - Meiningen) waren im Mai 1901 von 
12 076 schulpflichtigen Kindern 5106 gewerblich tätig, davon nicht weniger 
als 3579 unter 12 Jahren. 

In Charlottenburg bei Berlin wurde festgestellt, dass von 357 mit Aus¬ 
tragen von Frühstück beschäftigten Kindern 29*1 Proc. ihre Beschäftigung 
im Alter von unter 10 Jahren, 41*2 Proc. im Alter von 10 bis 12 Jahren 
und 29*7 Proc. im Alter von über 12 Jahren begannen. 

Noch nicht schulpflichtige Kinder ganz jugendlichen Alters finden 
hauptsächlich in der Weberei Beschäftigung, sowie auch in der Posamenteu- 
industrie, Stroh- und Stuhlflechterei und in der Tabaksindustrie. Im Herzog¬ 
thum Sachsen-Meiningen werden einzelne Kinder schon im vierten Lebens¬ 
jahre zur Beschäftigung in der Hausindustrie herangezogen. 

Die den gewerblich thätigen Kindern aufgebürdete Arbeitslast ist im 


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Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren im Kleingewerbe etc. 189 

Durchschnitt eine erschreckend grosse. Ausser der Dauer der Beschäftigung 
kommt hier in Betracht der Beginn und die Art derselben. Bei den im 
Jahre 1898 veranstalteten Erhebungen war die Frage gestellt, wie viel von 
den gewerblich thätigen Kindern mehr als drei Stunden am Tage arbeiteten 
und an wie viel Tagen in der Woche diese Arbeit mehr als drei Stunden 
dauerte. 

In Preussen arbeiteten danach mehr als drei Stunden am Tage in: 



Kinder 

Proc. der in der 
betr. Abtheilung 
überh. thätigen 
Kinder 

Davon 

in der Woche 

6 Mal 

7 Mal 

Industrie. 

63 357 

56*06 

39 378 

1471 

Handel. 

5 366 

48*11 

2 089 

517 

Verkehr. 

1 018 

49*63 

492 

111 

Gast- und Schankwirthschaft . . 

6 560 

47*47 

841 

675 

Austragedienste. 

19 448 

19*95 

5 358 


Gewöhnliche Laufdienste .... 

13 470 

54*74 

7 381 

1710 

Sonstige gewerbliche Thätigkeit . 

1 463 

19*63 

394 

157 


110 682 

41*05 

55 933 

7621 




= 50*54 

= 6*89 


I 


Proc. 

Proc. 


Von allen mehr als drei Stunden täglich beschäftigten Kindern ver¬ 
richteten also über die Hälfte diese Arbeit an sechs Tagen der Woche. 
Zählt man zu den letzteren die noch mehr angespannten, auch am Sonntage 
über drei Stunden arbeitenden, so ergeben sich für Preussen nicht weniger 
als 68 554 Schulkinder (41881 Knaben und 21 673 Mädchen), die in sehr 
ausgedehntem Maasse gewerbliche Arbeit verrichten. 

In der Stadt Gera waren 1896/97 von 573 beschäftigten Kindern gar 
531 = 95*11 Proc. an sechs bezw. sieben Tagen beschäftigt. 

Neben der übermässigen Dauer der Arbeit fällt erschwerend ins Gewicht 
der häufig sehr frühe Beginn und die späte Beendigung derselben. Nach 
der Charlottenburger Statistik vom März 1896 begannen ihre Thätigkeit 
vor 4 Uhr Morgens 20 mit dem Austragen von Frühstück beschäftigte 
Kinder, zwischen 4 und 47a Uhr 95 Kinder, zwischen 47a und 5 Uhr 
76 Frühstücksausträger und -austrägerinnen, 9 Zeitungsausträger und aus- 
trägerinnen, zwischen 5 und 6 Uhr 215 Kinder, insgesammt also vor 6 Uhr 
Morgens 415 Kinder, d. h. 40 Proc. der damals in Charlottenburg er¬ 
mittelten 1026 gewerblich thätigen Schulkinder, dagegen nach 6 Uhr 
nur 87. Ungefähr zu der gleichen Zeit wurde in einer Reihe Berliner Vor¬ 
orte bei 1013 erwerbstätigen Schulkindern festgestellt, dass 283 vor 
6 Uhr früh, 205 noch nach 9 Uhr Abends und auch an Sonntagen 642 
thätig waren. 

Nach einer früheren Charlottenburger Statistik waren von Semmel- 
und Zeitungsträgern zu ersteigen im Zeiträume von: 


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190 


Dr. Paul Schenk, 


1 Stunde 

bis zu 20 

Treppen 

von 

82 Kindern 

n 

21 bis 40 

TT 

TT 

51 

TT 

tt 

41 „ 60 

TT 

TT 

7 

fl 

Ya Stunden bis zu 25 

TT 

TT 

69 

TT 

tt 

26 „ 50 

TT 

TT 

64 

TT 

TI 

51 „ 75 

TT 

TT 

14 

tt 

2 Stunden 

bis zu 25 

TT 

TT 

44 

TT 

TT 

26 bis 50 

TT 

TT 

56 

TT 

tt 

51 „ 75 

TT 

TT 

20 

TT 

TT 

bis zu 80 

TT 

TT 

1 

T» 

TT 

* 90 

TT 

TT 

1 

TT 

TT 

* 120 

TT 

TT 

1 

TT 

3 Stunden 

n 50 

TT 

TT 

67 

TT 

TT 

51 „ 100 

TT 

TT 

23 

TT 


Der Verdienst der ausserhalb der Fabriken gewerblich thätigen Kinder 
ist naturgemäss in der Regel ein äusserst geringer und steht in denkbar 
grösstem Missverhältniss zur Ausnutzung der Arbeitskraft. Häufig werden 
die Kinder lediglich mit Kost und Logis entschädigt. Sofern sie bei ihren 
Angehörigen arbeiten, ist eine baare Vergütung die Ausnahme. In der 
Krefelder Seidenstoffindustrie wird den Kindern bei täglich fünf Stunden 
und länger währender Arbeitszeit wöchentlich 0*55 bis 1*40 Mk. bezahlt, 
also pro Stunde 2 bis 5 Pfg. In Sachsen-Coburg-Gotha erhalten die Kinder 
in der Knopfindustrie pro Tag bei durchschnittlich fünfstündiger Arbeits¬ 
zeit einen Tageslohn von in der Regel 4 bis 15 Pfg., nur zwei Orte zahlten 
25 bis 30 Pfg.; besser ist die Bezahlung in der Puppenindustrie: in den 
meisten Orten 18 bis 30, ja bis 80 Pfg. pro Tag. Für Korbflechtereien und 
Metallverarbeitungen gilt ein Tageslohn von 15 bis 30 Pfg. als Regel, für 
Holzschnittarbeiten 20 bis 60 Pfg. In der Stadt Greiz (Reuss ält. Linie) 
werden in der Cigarrenfabrikation bei über 60stündiger Arbeitszeit den 
Kindern Wochenlöhne von 1*20 bis 1*50 Mk. gezahlt. Nach der in Char¬ 
lottenburg bei Berlin im März 1896 aufgenommenen Statistik verdienten 
von 1026 gewerblich thätigen Schulkindern 371 = 36 Proc. bis zu 4 Mk. 
monatlich, also durchschnittlich etwa 13 Pfg. pro Tag; über 10 Mk. monat¬ 
lich verdienten nur 71. Rechnen wir die Beschäftigungsdauer täglich nur 
auf drei Stunden, so käme auch hier auf die Stunde ein Lohn von 4 bis 
10 Pfg. Allerdings kann man auch das umgekehrte Verfahren einechlagen. 
Statt durch Division den ärmlichen Stundenlohn der einzelnen Kinder zu 
ermitteln, kann man den durchschnittlichen Verdienst, auf ein Jahr be¬ 
rechnet, mit der Zahl der erwerbstätigen Kinder in Deutschland, d. h. an¬ 
nähernd einer halben Million multipliciren und erhält dann ein hübsches 
Sümmchen. Aber der Schluss müsste doch immer lauten: mindestens das 
Doppelte dieser Summe käme der arbeitenden Bevölkerung zu Gute, wenn 
die Kinderarbeit auch ausserhalb der Fabriken gesetzlich beseitigt würde 
und erwachsenen Arbeitern zufiele. Die Arbeitsentschädigung wiegt bei den 
gewerblich thätigen Kindern nicht im Entferntesten die Schädigung der 
Gesundheit und den unschätzbaren Verlust an Arbeitskraft für das Mannes¬ 
alter auf. Jedenfalls ist der Passus in dem Rundschreiben des Reichs¬ 
kanzlers vom 9. December 1897 nur zu unterschreiben: „Rücksichten auf 


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Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren im Kleingewerbe etc. 191 

den Verdienst und die Unterstützung der Eltern in der Bestreitung der 
Kosten des Haushalts werden nur in besonderen Ausnahmefällen eine gewerb¬ 
liche Beschäftigung der Kinder rechtfertigen/ 

Von anderer Seite meint man freilich, und auf diese Seite scheint sich 
bemerkenswerther Weise der in Vorbereitung befindliche Gesetzentwurf zur 
Regelung der Kinderarbeit ausserhalb der Fabriken zu stellen, dass die 
zeitigen wirthschaftlichen Verhältnisse in Deutschland die Abschaffung der 
Kinderarbeit verbieten. Man hat schon die Befürchtung geäussert, die 
Gesetzgebung würde Hunderttausende von Kindern dem Hungertode preis¬ 
geben, wenn sie bestimmte, dass Kinder unter 14 Jahren überhaupt nicht 
zur Erwerbsarbeit herangezogen werden dürften. Es hat leider auch bereits 
eine Armen Verwaltung gegeben, die der Ansicht war, die Erwerbsthätigkeit 
schulpflichtiger Kinder müsse in gewissem Grade ausgenutzt werden, bevor 
die Hülfsbedürftigkeit der betreffenden Familie in armen rechtlichem Sinne 
anerkannt werden könne (Zeitschr. f. Schulgesundheitspflege 1900, S. 120). 
Im Gegentheil dürfte es principiell viel richtiger sein, überall da die Armen¬ 
pflege eintreten zu lassen, wo nur mit Zuhülfenahme der kindlichen Arbeits¬ 
kraft das Nöthigste herbeigeschafft werden kann. 

In der Erwerbsarbeit der Kinder ein nothwendiges Mittel zur Beseiti¬ 
gung der socialen Nothlage zu sehen und ihr absolutes Verbot daher für 
etwas Unerreichbares zu halten, ist meines Erachtens ungefähr ebenso ver¬ 
kehrt, wie die Bekämpfung von Pest, Cholera und Tuberculose aus dem 
Grunde für unnütz zu erklären, weil diese Krankheiten nothwendige Mittel 
zur Decimirung der sonst über die Unterhaltungsmittel hinaus wachsenden 
Menschheit sind. 

Es ist erlaubt, daran zu erinnern, dass die Regierung zu Potsdam sich 
bereits am 31. Januar 1828 dahin äusserte: „Die Menschencultur ist auf 
jeden Fall noch wichtiger und nothwendiger, ja auch dem Staate noch er- 
spriesslicher, als selbst die Erhöhung der Industrie und des äusseren Wohl¬ 
standes, welche noch dazu nur durch jene wahrhaft und dauernd gesichert 
werden kann.“ 

Das bisher vorliegende Material reicht nicht aus, .um ein abschliessendes 
Urtheil darüber zu ermöglichen, in welchem Procentsatz der Fälle die miss¬ 
liche sociale Lage der zur Erziehung der Kinder Verpflichteten einen 
zwingenden Grund für die Heranziehung der Kinder zu gewerblicher Arbeit 
abgiebt. In recht vielen Fällen dürfte jedenfalls nicht die wirtschaftliche 
Nothlage, sondern die Gewinnsucht der betreffenden Gewerbeunternehmer 
und Händler, welche durch die billigen Arbeitskräfte einen höheren Gewinn 
erzielen, im Bunde mit dem Unverstände der Eltern, an der Ausnutzung der 
Kinder schuld sein. 

Bei den im März 1896 in Charlottenburg angestellten Erhebungen er¬ 
gab sich, dass Kinder aus Haushaltungen mit alleinstehender erwerbs- 
thätiger Frau hinsichtlich der Arbeitsdauer günstiger standen, also nicht so 
angestrengt wurden wie dort, wo beide Eltern lebten und beide erwerbs- 
thätig waren. Bei den damals in Charlottenburg gewerblich thätigen 
1026 Kindern war in 357 Fällen nur der Vater erwerbstätig, in 311 Fallen 
Mann und Frau, in 39 Fällen stand der Mann allein (Wittwer etc.), in 
137 Fällen war die Frau allein (Wittwe, Eheverlassene). 


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192 


Dr. Paul Schenk, 


Aus der Charlottenburger Statistik vom März 1896 verdient ferner an¬ 
geführt zu werden, in welcher Weise der Verdienst der Kinder (nach deren 
Angaben) verwendet wurde: 



Knaben 

Mädchen 

in der Familie. 

. . 53’1 Proc. 

54’5 Proc. 

Kleidung. 

• 161 . 

14-8 „ 

zur Einsegnung gespart . . 

. 6-3 „ 

8-9 „ 

sonst gespart. 

• 20-4 „ 

209 „ 

theilweise gespart . . . . 

• 3'8 „ 

0-9 „ 


Unberücksichtigt blieb naturgemäss in dieser Tabelle der nach meiner 
Schätzung ziemlich hohe Theil des Arbeitsverdienstes der gewerblich thätigen 
Grossstadt-Kinder, welcher von diesen für Leckereien, Bier, Cigaretten aus¬ 
gegeben wurde. Er wird gewöhnlich lügenhafter Weise der Schule sowohl 
wie dem Elternhause verschwiegen. 

Sicher macht es einen sehr grossen Unterschied in gesundheitlicher 
Beziehung, ob die Kinder im Freien beschäftigt werden oder ob sie in 
engen, stauberfüllten, schlecht gelüfteten und schlecht beleuchteten Zimmern 
thätig sind. 

Als relativ am unbedenklichsten sind zu nennen: dio Beschäftigung in 
der Forstwirtschaft und in der Gärtnerei, die Beschäftigung als Austräger. 
Letztere natürlich nur dann, wenn sie nicht zu früh beginnt und nur 
mässige Anforderungen in Bezug auf Treppensteigen und Länge des zurück¬ 
zulegenden Weges stellt. 

Gegen die Beschäftigung von Mädchen mit häuslichen Arbeiten, sofern 
dieselbe eine Einführung in die Hauswirtschaft darstellt, ist wohl nur 
dann ein gegründeter Einwand zu erheben, wenn dieselbe die Dauer von 
höchstens zwei bis drei Stunden täglich überschreitet. Auch hat vielfach 
die Schule es übernommen, die Mädchen mit den häuslichen Arbeiten ver¬ 
traut zu machen. 

Bekannt ist, dass namentlich in der Hausindustrie schlechte Wohn- 
räume gleichzeitig auch als Schlafzimmer und als Werkstätten dienen 
(Roth); und gerade in der Hausindustrie müssen die Kinder gewöhnlich 
sehr angestrengt arbeiten, häufig bis 9 und 10 Uhr Abends und manchmal 
bis 11 und 12 Uhr Nachts. Die kleinen Kinder, deren Unterricht etwas 
später beginnt als der für die grösseren, arbeiten häufig ein bis zwei Stunden 
schon vor Anfang der Schule. Dazu kommt, dass regelmässige Arbeitspausen 
hier nicht vorgeschrieben sind und gewöhnlich nicht gemacht werden. 

In Sachsen-Meiningen werden in den an sich meist kleinen haus¬ 
industriellen Arbeitsräumen zugleich Speisen zubereitet und Farblacke oder 
Leim während der Arbeitszeit warm gehalten. Namentlich gilt dies von 
den Räumen, wo Holzspielwaaren gemacht werden; diese Räume werden auch 
im Sommer geheizt, damit die Waare bis zur Liefernngszeit trocknet. 

Wenn man bedenkt, dass für die gewöhnlich in gesundheitlich höchst 
bedenklichen Räumen betriebene Hausindustrie in erster Linie die Kinder 
des Wohnungsinhabers in Frage kommen, so ist klar, dass die gesetzliche 
Regelung der gewerblichen Beschäftigung von Kindern vor der Familie 
nicht Halt machen darf. Eine analoge Bestimmung wie die in §. 154, Ab- 


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Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren im Kleingewerbe etc. 193 

satz 4 der R.-G.-0.: „Werkstätten, in welchen der Arbeitgeber ausschliess¬ 
lich zu seiner Familie gehörige Personen beschäftigt, fallen unter diese 
Bestimmung (Anwendung der §§. 135 bis 139 b R.-G.-O.) nicht“, wäre bei 
der gesetzlichen Regelung der Kinderarbeit durchaus von Uebel. Jede 
Milderung der Kinderschutzbestimmungen für die eigenen Kinder des Arbeit¬ 
gebers bedeutet halbe Arbeit. Der Schulzwang fordert als nothwendiges 
Correlat das Verbot der gewinnbringenden gewerblichen Beschäftigung von 
Schulkindern. 

Aermliche Familien Verhältnisse, ungenügende Ernährung lassen die 
Schädlichkeiten der Fabrikarbeit: übermässige Inanspruchnahme des Orga¬ 
nismus bei mangelhafter Erneuerung der verbrauchten Energie in der Haus¬ 
industrie in gesteigerter Form zu Tage treten. Die Schädlichkeiten machen 
ihre Wirkung um so nachhaltiger geltend, je jünger und je weniger wider¬ 
standsfähig der von ihnen betroffene Organismus ist. In vielen Fällen tritt 
in Folge übermässiger Ausnutzung des kindlichen Organismus vorzeitige 
Altersschwäche und Erwerbsunfähigkeit auf. Man treibt Raubbau im 
schlimmsten Sinne des Wortes, wenn man vor einem gewissen Reifestadium 
des Körpers Arbeitserträge verlangt. Ich stehe daher auf dem Standpunkte, 
dass eine regelmässige gewerbliche Lohnarbeit von Kindern unter 13 Jahren 
auch in massigen Grenzen in jedem Falle zu verbieten ist. Vereinzelte 
Ausnahmen bedürften unbedingt der Zustimmung noch mehr des Arztes 
als der Schule. Kinder über 13, aber unter 14 Jahren dürfen nur dann 
beschäftigt werden, wenn sie nicht mehr schulpflichtig sind. Das Verbot 
jeglicher gewerblichen Thätigkeit von Kindern ist für mich die logische 
Consequenz des §. 135, R.-G.-0. Das Verbot, welches für die Fabriken schon 
vor 10 Jahren für nothwendig erachtet wurde, muss auch für die Haus¬ 
industrie und das Kleingewerbe durchgeführt werden. Ebenso ist die Noth- 
wendigkeit der Ausdehnung der Gewerbeaufsicht auch auf die Hausindustrie 
unbestritten. 

Die Heranziehung schulpflichtiger Kinder zur Erwerbsarbeit wider¬ 
spricht direct den Absichten, aus welchen unsere Volksschule hervorgegangen 
ist. Die Schule soll das Kind für das Erwerbsleben vorbereiten. Sie soll 
dem Kinde die intellectuellen und moralischen Grundlagen geben, auf welche 
gestützt es den Kampf ums Dasein aufnimmt. In dem Rundschreiben des 
Reichskanzlers vom 9. December 1897 heisst es: „Eine mässige Beschäfti¬ 
gung von Kindern mit gewerblicher Arbeit hat insoweit Berechtigung, als 
sie geeignet ist, die Kinder an körperliche Thätigkeit zu gewöhnen, den 
Sinn für Fleiss und Sparsamkeit zu wecken und sie besonders in Fällen, 
wo die Eltern nicht die erforderliche Aufsicht üben können, vor Müssiggang 
und anderen Abwegen zu bewahren.“ Es scheint mir ein verkehrter Weg, 
von der Erwerbsthätigkeit der Kinder oder, richtiger gesagt, von denjenigen, 
welche diese Erwerbsarbeit als Arbeitgeber leiten, etwas zu erwarten, was 
das Elternhaus und die Schule nicht zu leisten im Stande sind. 

„Ueberall da, wo die Art der Beschäftigung nicht für Kinder geeignet 
ist 9 wo die Arbeit zu lange währt, wo sie zu unpassenden Zeiten und in 
ungeeigneten Räumen stattflndet, giebt die Kinderarbeit zu erheblichen 
Bedenken Veranlassung; hier bringt sie nicht allein Gefahren für die Ge¬ 
sundheit und Sittlichkeit der Kinder mit sich, sondern erschwert auch die 

Tierteljahraschrift für Gesundheitspflege, 1902. ]3 


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194 


Dr. Paul Schenk, 


Schulzucht und macht unter Umständen den gesetzlichen Schulzwang illu¬ 
sorisch. Denn übermüdete und in ungesunden Räumen bis tief in die Nacht 
hinein angestrengte Kinder können dem Unterrichte unmöglich die erforder¬ 
liche Aufmerksamkeit widmen.“ Diese Ausführungen in dem Rundschreiben 
des Reichskanzlers treffen meines Erachtens mit verschwindenden Aus¬ 
nahmen auf jegliche gewerbsmässige Lohnarbeit von Kindern zu. Die gewinn¬ 
bringende gewerbliche Beschäftigung bleibe den Arbeitern Vorbehalten. Für 
Kinder ist sie ungeeignet. Kinder gehören in die Schule. Yerständniss für 
praktische Arbeit, Freude am eigenhändigen Schaffen kann ihnen Hand¬ 
fertigkeitsunterricht, welcher in hygienisch tadellosen Schulwerkstätten er- 
theilt wird, geben. Verständniss für den Werth des sauer verdienten Geldes 
brauchen Kinder nicht. Auch dürfte es recht schwierig sein, Kindern dieses 
Verständniss beizubringen. Wofür wären sie Kinder, wenn sie schon metho¬ 
disch zum Gelderwerb angeleitet werden sollten? Pflichtgefühl und Arbeits¬ 
lust, das sind die unbezahlbaren Güter, welche die Schule den Kindern mit¬ 
geben soll, wenn sie ins feindliche Leben hinaustreten. Den schulpflichtigen 
Kindern muss die Sorge um des Lebens Nothdurft, das Concurriren auf 
dem Arbeitsmarkte erspart bleiben, wofern nicht ihre körperliche und geistige 
Entwickelung Schaden leiden soll. Kann denn wirklich Jemand, zumal ein 
Lehrer (Deutsche Schulzeitung 1899, Nr. 40, S. 394), dafür eintreten, die 
Kinder schon hinauszustossen in den Kampf ums Dasein, weil dieser Kampf 
die Kräfte stählt? 

Klagen über Beeinträchtigung der körperlichen Entwickelung der 
Kinder durch gewerbliche Beschäftigung liegen namentlich aus Orten mit 
Hausindustrie vor. Unter anderen wird aus Greiz berichtet, dass die in der 
Weberei thätigen Kinder vielfach bleich und kränklich aussehen, engbrüstig 
sind, krumme Rücken bekommen, an Schwäche der Augen und der Nerven 
leiden. Aus den Lausitzer Weberdörfern wurden in den letzten Jahren 
von den Gestellungspflichtigen 19, 14*5 und weniger Procent als tauglich 
befunden. 

Allerdings fehlt es auch nicht an günstigeren Urtheilen über die indu¬ 
strielle Kinderbeschäftigung. Es wird in den Erhebungen des Kaiserlichen 
statistischen Amtes aus dem Jahre 1898 über Gegenden berichtet, wo nach¬ 
theilige Einflüsse der Kinderarbeit sich angeblich wenig oder gar nicht 
zeigten. Recht charakteristisch ist es, dass von 62 Hausindustrieorten in 
Sachsen-Coburg-Gotha in 49 Orten mit mehr als dreistündiger Arbeitszeit 
der Kinder 29 mal eine nachtheilige Einwirkung auf die Entwickelung der 
Kinder beobachtet wurde, in 13 Orten mit höchstens dreistündiger Arbeits¬ 
zeit nur zweimal. Leider fehlen hier die Zahlen über die Menge der in den 
einzelnen Orten beschäftigten Kinder. 

Wohl alle vorliegenden Statistiken sind bedauerlicher Weise ohne Zu¬ 
ziehung von Aerzten gemacht. Im anderen Falle besässen wir mehr und 
eingehendere Feststellungen über die Schädigungen des körperlichen Wohls 
der Kinder durch gewerbliche Beschäftigung. 

Als besonders gesundheitsgefährlich und trotzdem oft genug von Kin¬ 
dern betrieben sind zu nennen: Sortiren von Lumpen, Reinigen von Wolle 
und Fellen, Zerzupfen von Wolle und Safran, Mahlen von Farbe, Arbeiten 
in Borg- und Hüttenwerken, Griffelhütten und Steinbrüchen, Schleifen von 


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Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren im Kleingewerbe etc. 195 

Glas, Stein und Marmor, Feilenhauen, Beschäftigung mit Blei, Kupfer, Zink, 
Quecksilber nnd deren Legirungen, Herstellung von Explosivstoffen und 
Zündwaaren und namentlich auch die Cigarren- und Tabakfabrikation, in 
welcher im Jahre 1898 im Deutschen Reiche nicht weniger als 22 668 Kinder 
mit Tabakrupfen, Wickeln, Streichen der Blätter, Abrippen, Anfertigung 
von Cigarrenkisten und Hülsenkleben beschäftigt waren. Derartige Be¬ 
schäftigungen , welche anerkanntermaassen die Gesundheit auch der Er¬ 
wachsenen schädigen, verbieten sich für Kinder von selbst und hätten für 
diese auch ausserhalb der Fabriken schon längst verboten sein sollen. Der 
in Vorbereitung befindliche Gesetzentwurf, betreffend die Regelung der 
Kinderarbeit ausserhalb der Fabriken, sieht das Verbot der Beschäftigung 
von Kindern wenigstens in den genannten und ähnlichen Betrieben vor und 
giebt dem Bundesrathe das Recht, dieses Verzeichniss zu ergänzen. 

Mit der körperlichen Schädigung Hand in Hand geht die Beeinträch¬ 
tigung der geistigen Frische und Spannkraft der gewerblich thätigen Kinder. 

Nach den Erhebungen in Charlottenburg bei Berlin haben normal vier 
Fünftel der Kinder das richtige Klassenalter, von den erwerbstätigen da¬ 
gegen rund 60 Proc. ein übernormales. Mangel an geistiger Regsamkeit, 
Unpünktlichkeit und Unregelmässigkeit im Schulbesuch und Nachlässigkeit 
bei Anfertigung der häuslichen Arbeiten ist bei rund 48 Proc. constatirt. 

In Gera wurde bei den Erhebungen im Wintersemester 1896/97 bei 
29’84 Proc. der gewerblich thätigen Kinder ein nachtheiliger Einfluss auf 
den Unterricht festgestellt. Sitzen geblieben waren von den 573 be¬ 
schäftigten Kindern 219 = 38*22 Proc. und zwar 59 mehr als einmal. Nach 
den Erhebungen in Rixdorf waren 39*83 Proc. der erwerbstätigen Kinder 
mindestens einmal sitzen geblieben (Agahd), in Mühlhausen i. Th. 49 Proc. 

Unbesiegbare Neigung zum Einschlafen während der Stunden, das ist 
eine der Hauptklagen der Lehrer bei den gewerblich thätigen Kindern. 

Ausserdem birgt die gewerbliche Beschäftigung von Schulkindern 
namentlich in Grossstädten und dann überhaupt in allen den Fällen, wo 
Kinder mit Erwachsenen gemeinsam bis in den späten Abend hinein tätig 
sind, schwere sittliche Gefahren in sich. 

Es hiesse allerdings zu weit gehen, wollte man ganz allgemein sagen, 
dass die Beschäftigung von schulpflichtigen Kindern gegen Lohn an und 
für sich in jedem Falle schlechte Neigungen in der Kindesseele erweckt und 
grosszieht. Bei den in den Charlottenburger Gemeindeschulen im Septem¬ 
ber 1895 angestellten statistischen Erhebungen fanden sich unter 979 
erwerbstätigen Schulkindern im Ganzen nur 50 = 5*1 Proc., bei denen 
gröbere sittliche Verfehlungen, wie Ungehorsam, Liederlichkeit, Lüge und 
Betrug oder gar Diebstahl festgestellt wurden. Ebenso wurde in Gera nur 
in seltenen Fällen ein direct nachteiliger Einfluss jler Kinderarbeit auf das 
sittliche Verhalten constatirt. Manche sittliche Verfehlungen, wie z. B. die 
bin und wieder vorkommenden Betrügereien beim Austragedienste, gelangen 
allerdings häufig nicht zur Kenntniss der Schule und finden daher keine 
Aufnahme in die Statistik. 

Vielfach wird die Thatsache, dass von den im Jahre 1895 im Gefäng- 
niss für jugendliche Verbrecher zu Plötzensee Internirten 70 Proc. während 
der Schulzeit gewerblich tätig waren, als Beweis für die entsittlichende 

13 * 


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196 


Dr. Paul Schenk, 


Wirkung der Er Werbetätigkeit schulpflichtiger Kinder angeführt Im 
August 1901 betrug nach freundlicher Mittheilung des Gefangnissarztes 
Herrn Medicinalrath Dr. Pfleger die entsprechende Zahl 54 Proc. Die 
Betreffenden waren vorzugsweise als Kegelaufsetzer, Frühstücks- und Zei¬ 
tungsträger, Laufburschen, Kofferträger, Bierabzieher, Rolljungen thätig 
gewesen. 

Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass beide Erschei¬ 
nungen: Beschäftigung gegen Lohn schon im Kindesalter und frühzeitige 
gesetzwidrige Handlungen, der gleichen Wurzel entsprungen sind: den un¬ 
günstigen socialen und sittlichen Verhältnissen, unter denen die betreffenden 
jugendlichen Verbrecher aufwuchsen. Sicherlich wären sie, vielleicht sogar 
noch eher, Verbrecher geworden, auch wenn sie, statt in der schulfreien Zeit 
dem Erwerbe nachzugehen, dem Müssiggange gehuldigt hätten. Es giebt 
eine Reihe Kinder, welche unter sittlich verwahrlosten Verhältnissen erzeugt 
und grossgezogen, schon bei ihrer Geburt zu Verbrechern prädestinirt er¬ 
scheinen. Hier ist die Schule kaum minder machtlos als das Elternhaus, 
das drohende Verhängniss abzuwenden. Strenge Gewöhnung an geordnete 
Handarbeit wäre neben frühzeitiger Entfernung aus der Familie in solchen 
Fällen wohl ein geeignetes Erziehungsmittel. Doch diese Arbeit soll nicht 
gegen Auszahlung klingenden Lohnes stattflnden. Der Lohn kann gespart 
und nach Erreichung eines gewissen Reifealters, vielleicht bei der Verhei¬ 
ratung, in Geld oder noch besser in Möbeln, Kleidung erstattet werden. 

Am meisten durch die Erwerbsarbeit sittlich gefährdet sind einmal 
diejenigen Kinder, welchen ihre Beschäftigung einen verhältnissmässig reich¬ 
lichen Verdienst bringt, und dann diejenigen, welche in Localen, bei öffent¬ 
lichen Aufführungen bis tief in die Nacht hinein thätig sind. Es ist 
notorisch, dass z. B. Kegeljungen, deren Zahl im ganzen Reiche nach der 
Statistik vom Jahre 1898 12 748 beträgt, es häufig auf über 20 Mk. monat¬ 
lichen* Verdienst bringen. Diese Kinder sind für die Schulzucht in der Regel 
verloren und bilden eine sittliche Gefahr für ihre Mitschüler. Einen Theil 
ihres Verdienstes, dessen Höhe die Eltern in der Regel nicht controliren 
können, legen sie häufig in Bier und Cigaretten an. Unwahre Angaben den 
Eltern gegenüber sind dabei etwas Gewöhnliches. Die Verwendung von 
Kindern im Schank- und Gastwirthsgewerbe überhaupt bringt die Ver¬ 
führung zum Trinken und dessen für Kinder besonders böse Folgen mit 
sich. Die bis in die Nacht hinein fortgesetzte Thätigkeit der Kegeljungen 
und der beim Spielen von Tanzmusiken und bei öffentlichen Aufführungen 
betheiligten Kinder (Balletmädchen, kindliche Statisten und Akrobaten) ver¬ 
schafft den Betreffenden zu frühe Einblicke in die unsittlichen Nachtseiten 
des Lebens. Sicher ist dies einer der Wege, auf dem der jugendlichen Pro¬ 
stitution neue Anhängerinnen zugeführt werden. Dass beim Ballet oder in 
Musikcapellen beschäftigte Kinder von den betreffenden Unternehmern so¬ 
gar auf den Reisen nach fremden Städten mitgenommen werden, hätte in 
keinem Falle geduldet werden sollen, ist aber bereits wiederholt vorgekom¬ 
men. So veranlasste der Director des früheren Victoria-Theaters in Berlin 
seiner Zeit 24 schulpflichtige Kinder, sein Theaterpersonal nach Antwerpen 
zu begleiten. Er wurde dafür allerdings zu einer Strafe von „20 Mk.“ ver- 
urtheilt. Auf dem vorjährigen Musiker-Verbandstage in Halle wurde Klage 


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Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren im Kleingewerbe etc. 197 

geführt, dass in Hannover eine Musikcapelle aus Bremen concertirt hätte, 
deren Mitglieder zum Theil erst neun Jahre alt waren. 

Aber auch in ländlichen Bezirken bestehen sittliche Gefahren für die 
erwerbsthätigen Schulkinder. Vielfach wird geklagt, dass die auf ab¬ 
gelegenen Ziegeleien beschäftigten Kinder, deren 1898 im Deutschen Reiche 
1848 gezählt wurden, bei dem Nachhausewege am späten Abend häufig 
Zeugen von mehr als derben Aeusserungen des Geschlechtsgefühls der er¬ 
wachsenen Arbeiter und Arbeiterinnen und dadurch sittlich verdorben 
werden. Beim Zusammenarbeiten von Erwachsenen und Kindern in der 
Hausindustrie sind ähnliche Bedenken nicht zu unterdrücken. 

Dass die gewerbliche Beschäftigung von Kindern ausserhalb der Fa¬ 
briken einer reichsgesetzlichen Regelung bedarf, steht ausser Frage. Ein 
entsprechender Gesetzentwurf ist dem Bundesrath zugegangen. 

Bisher kommen für die uns beschäftigende Materie hauptsächlich die 
folgenden Paragraphen der Reichsgewerbeordnung in Betracht. 

§. 42 b, Abs. 5 (Reichsgesetz vom 6. August 1896): Kinder unter 
14 Jahren dürfen auf öffentlichen Wegen, Strassen, Plätzen oder an öffent¬ 
lichen Orten oder ohne vorgängige Bestellung von Haus zu Haus Gegen¬ 
stände nicht feilbieten. In Orten, wo ein derartiges Feilbieten durch Kinder 
herkömmlich ist, darf die Ortspolizeibehörde ein solches für bestimmte Zeit¬ 
abschnitte, welche in einem Kalenderjahre vier Wochen nicht überschreiten 
dürfen, gestatten. 

Das Herkommen, von dem im zweiten Satze die Rede ist, das Feilbieten 
bei Gelegenheit namentlich des Weihnachtsfestes (Weihnachtsmarkt), findet 
hier eine gesetzliche Berücksichtigung, welche durch das Alter des Her¬ 
kommens allein nicht zu rechtfertigen ist. Schliesslich ist es doch auch ein 
Brauch, „von dem der Bruch mehr ehrt als die Befolgung“. In richtiger 
Würdigung der sittlichen Gefahren, welche alles Hausiren der Kinder mit 
sich bringt, hat man denn auch z. B. in Zittau das dort übliche, früher 
erlaubte Hausiren mit Fastenbrezeln in der Zeit von Weihnachten bis Ostern 
nur denjenigen Kindern gestattet, welche einen Erlaubnissschein von Seiten 
der Schule bei brachten und zwar nur bis 7 Uhr Abends. 

Nach §. 154, Abs. 3 der R.-G.-0. können die für die Beschäftigung 
von Kindern in Fabriken geltenden Schutzbestimmungen auf Werkstätten, 
in denen regelmässig Motoren verwendet werden, nach Absatz 4 desselben 
Paragraphen auch auf andere Werkstätten, soweit darin nicht ausschliess¬ 
lich Familienmitglieder des Arbeitgebers beschäftigt werden, sowie auf 
Bauten ausgedehnt werden. Laut Verordnung vom 31. Mai 1897 gelten 
die §§. 135 bis 139 (R.-G.-0) auch bereits für die Werkstätten der Kleider¬ 
und Wäscheconfection. 

§. 120 e (R.-G.-0.) verleiht dem Bundesrathe oder, wenn dieser von 
seinem Rechte keinen Gebrauch macht, den Landes - Central - bezw. Polizei¬ 
behörden das Recht, Verordnungen zum Schutze von Leben und Gesundheit 
gewerblicher Arbeiter zu erlassen. Polizeiverordnungen, betreffend die Be¬ 
schränkung der Erwerbsthätigkeit schulpflichtiger Kinder, welche sich auf 
diesen Paragraphen stützen, sind theilweise gerichtlich angefochten und 
auch aufgehoben worden, weil es sich hier nur um Verordnungen über 


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198 


Dr. Paul Schenk, 


Arbeitsräume, Betriebsvorrichtungen und Regelung des Betriebes für gewerb¬ 
liche Arbeiter, aber nicht für schulpflichtige Kinder handelt. 

Dagegen hat das Kammergericht am 7. November 1898 für Recht er¬ 
kannt, dass Polizeiverordnungen, welche die gewerbliche Beschäftigung 
schulpflichtiger Kinder beschränken, zu Recht bestehen, soweit sie sich auf 
§. 6 f. des Gesetzes über die Polizeiverwaltung vom 11. März 1850 bezw. 
20. September 1867 stützen. Nach dem angezogenen Titel des §. 6 hat 
die Polizeibehörde das Recht, nach Berathung mit dem Gemein de Vorstände 
Vorschriften zu erlassen, welche der Sorge für Leben und Gesundheit der 
Einwohner entsprungen sind. 

Entsprechende Verordnungen sind in einer sehr grossen Reihe von 
Städten erlassen worden. Sie beziehen sich hauptsächlich auf die Be* 
schüftigung von Kindern im Gastwirthschaftsbetriebe und auf der Bühne, 
und andererseits auf das Austragen von Backwaaren, Zeitungen, Milch. — 
Sofern sie den Hausirhandel betreffen, erscheinen sie, da dieser durch den 
angeführten §. 42 b, Abs. 5 (R.-G.-0.) im Deutschen Reiche Kindern all¬ 
gemein untersagt ist, überflüssig. 

Soweit ich die Materie übersehe, ist eine Polizeiverordnung speciell zur 
Beschränkung der Beschäftigung von Kindern in der Hausindustrie nur im 
Regierungsbezirk Düsseldorf erlassen. Und doch erscheinen gerade für die 
Hausindustrie bei der ausgedehnten Verwendung von Kindern durch¬ 
greifende Bestimmungen dringend erforderlich. 

Dagegen bestehen in einer grossen Reihe deutscher Städte Polizei¬ 
verordnungen, betreffend die Beschäftigung von Kindern im Kleingewerbe¬ 
betriebe. Auf Vollständigkeit kann und will das, was ich im Folgenden 
aus diesen Verordnungen hervorhebe, keinen Anspruch machen. Es soll 
nur zeigen, wie vielfach sich bereits das Bedürfniss zur Einschränkung der 
gewerblichen Kinderarbeit geltend gemacht hat, und wie dringend daher 
eine einheitliche Regelung angezeigt erscheint. 

Diejenigen Verordnungen, welche nur ein Verbot des Hausirhandels 
enthalten, übergehe ich, weil sie, wie erwähnt, durch den Absatz 5 des 
§. 42 b (R.-G.-O.) hinfällig geworden sind. 

Das Verdienst, zuerst die erwerbsmässige Thätigkeit von Schulkindern 
beschränkt zu haben, darf wohl die freie und Hansestadt Bremen für sich 
in Anspruch nehmen. Hier wurde bereits am 28. Mai 1860 eine Senats¬ 
verordnung des Inhalts publicirt: „Es wird hierdurch streng untersagt, 
schulpflichtige Kinder zu irgend welchen Dienstleistungen zu engagiren, die 
in die Tageszeit vor oder während der Schulzeit fallen, mithin die Kinder 
vor 5 Uhr Nachmittags in Anspruch zu nehmen.“ Ausserdem besteht für 
Bremen eine Verordnung vom 14. Februar 1880, betreffend die Theilnahme 
von Kindern an öffentlichen Aufführungen und Tanzvergnügen: 

§. 1. Es ist verboten, Kinder unter 15 Jahren später als bis 10 Uhr 
Abends bei entgeltlichen oder bei öffentlichen musikalischen oder sonstigen 
Aufführungen und Schaustellungen mitwirken zu lassen. 

Es begründet keinen Unterschied, ob den Kindern oder deren Eltern 
für die Mitwirkung der Kinder bei solchen entgeltlichen oder öffentlichen 
Aufführungen ein Entgelt gewährt wird oder nicht. 

§. 2. Es ist vorbehältlich weitergehender Anordnungen im Einzelfalle 


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Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren im Kleingewerbe etc. 19J 

verboten, Kinder unter 16 Jahren später als bis 10 Uhr Abends an öffent¬ 
lichen Tanzbelustigungen theilnehmen zu lassen. 

Ferner hat der Senat von Bremen am 30. März 1888 eine dritte Ver¬ 
ordnung, betreffend das Hausiren von Kindern, erlassen, welche im Wesent¬ 
lichen mit §. 42 b, Abs. 5 (R.-G.-O.) identisch ist. 

Auch in Hamburg ist bereits durch Reglement vom October 1869 die 
Verwendung von schulpflichtigen Kindern zu öffentlichen Schaustellungen 
verboten. Ausnahmen werden von einer besonderen polizeilichen Erlaub¬ 
nis abhängig gemacht. Laut Verordnung der Hamburger Polizeibehörde 
vom 8. Juni 1897 dürfen in Gast- und Schankwirthschaften Kinder unter 
12 Jahren nicht nach 8 Uhr Abends, und schulpflichtige Kinder, die das 
12. Lebensjahr vollendet haben, nicht nach 9 Uhr Abends beschäftigt werden. 
Das Kegelaufsetzen durch Mädchen ist verboten. 

In Berlin ist seit dem 1. Februar 1900 die folgende Polizeiverordnung 
in Kraft: 

§. 1. Kinder, welche das neunte Lebensjahr noch nicht vollendet 
haben, dürfen ausser dem Hause eine gewerbliche Thätigkeit irgend welcher 
Art nicht ausüben. 

§. 2. Kinder, welche das neunte, aber noch nicht das 14. Lebensjahr 
vollendet haben, dürfen ausserhalb des Hauses nicht nach 7 Uhr Abends, 
und in den Monaten April bis September Morgens nicht vor 5 1 / 2 Uhr, 
October bis März nicht vor 6 Vs Uhr zum Austragen von Backwaaren, Milch 
und Zeitungen oder anderen Gegenständen, ferner zum Kegelaufsetzen oder 
zu sonstigen Verrichtungen in Schankwirthschaften, sowie überhaupt zu 
irgend welchen mechanischen Dienstleistungen in irgend einem Gewerbe¬ 
betriebe verwendet werden. 

§. 3. Uebertretungen dieser Polizeiverordnung werden an Eltern oder 
den zur Erziehung Verpflichteten sowie den Personen, welche Kinder ent¬ 
gegen den Bestimmungen der vorstehenden Paragraphen für ihren gewerb¬ 
lichen Betrieb beschäftigen, mit Geldstrafe bis zu 30 Mk. und im Falle des 
Unvermögens mit verhältnissmässiger Haft bestraft. 

Eine im Wesentlichen gleichlautende Verordnung ist in dem Berlin 
benachbarten Charlottenburg ebenfalls mit dem 1. Februar 1900, in Schöne¬ 
berg bei Berlin am 1. März 1900 in Kraft getreten. 

Für Berlin gilt ferner seit dem 1. September 1886 die folgende Polizei¬ 
verordnung : 

1. Die Beschäftigung schulpflichtiger Kinder bei Theater- und son¬ 
stigen öffentlichen Vorstellungen ist nur gestattet, wenn diesseits die Er¬ 
laubnis dazu ertheilt wird. 

2. Die fragliche Erlaubnis ist für jedes einzelne Kind mit genauer 
Bezeichnung des Namens und Alters, des Namens, Standes und der Woh¬ 
nung der Eltern, Vormünder oder Pflegeeltern und der Art der beabsichtigten 
Beschäftigung unter gleichzeitiger Vorlegung einer zustimmenden Er¬ 
klärung des zuständigen Kreisschulinspectors bei dem Polizeipräsidium 
uachzusuchen. 

3. Die ertheilte Erlaubnis schliesst ohne Weiteres nur die Befugnis 
ein, das fragliche Kind spätestens bis 11 Uhr beschäftigen zu dürfen, giebt 
nicht das Recht, dasselbe unter dem Vorwände von Proben, Uebungen pp. 


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200 Dr. Paul Schenk, 

dem regelmässigen Schulbesuche zu entziehen und ist jeder Zeit wider¬ 
ruflich. 

4. Die ertheilten Erlaubnissscheine sind aufzubewahren und den con- 
trolirenden Polizeibeamten auf Erfordern vorzuzeigen. 

In den Vororten Berlins: Reinickendorf, Dalldorf, Pankow, Rixdorf, 
Friedrichsfelde, Friedrichshagen, Rummelsburg, Lichtenberg, Britz, Stralau, 
Treptow, Oranienburg, Weissensee, sowie in verschiedenen Städten des 
Regierungsbezirks Potsdam: Perleberg, Luckenwalde, Bernau, Rathenow, 
Spandau u. a., sind ähnliche Verordnungen wie die für Berlin an erster Stelle 
genannte bereits seit dem Herbst 1S99 in Geltung. In den meisten dieser 
Orte ist die gewerbliche Beschäftigung der Kinder Abends in den Monaten 
April bis September bis 9 Uhr, October bis März bis 8 Uhr gestattet. Diese 
weitgehende Ermächtigung darf die Ortsbehörde mit Genehmigung des 
Schulvorstandes, vielfach z. B. in Spandau, in Ausnahmefällen noch er¬ 
weitern. Einzelne Gemeinden, wie Rixdorf, Britz, haben die Altersgrenze, 
vor der eine gewerbliche Beschäftigung von Kindern ausser dem Hause 
überhaupt nicht stattfinden darf, auf das vollendete zehnte Lebensjahr ge¬ 
setzt. Einzelne haben für schulpflichtige Kinder das Bedienen von Gästen 
überhaupt verboten. Die Kinder des betreffenden Gastwirtbs selbst sind 
jedoch von einer beschränkenden Bestimmung gewöhnlich ausgenommen. 
Ueber das gewerbsmässige Musikmachen und Darbieten von öffentlichen 
Schaustellungen durch Kinder ist in diesen Orten meist nichts bestimmt. 

Die viel genannte Polizeiverordnung für die Stadt Mühlhausen i. Th. 
ist bereits am 29. October 1897 erlassen und durch eine Kammergerichts¬ 
entscheidung vom 7. November 1898 ausdrücklich für zu Recht bestehend 
erklärt worden. Sie zeichnet sich durch ihre Bündigkeit vortheilhaft vor 
den meisten der anderen Verordnungen aus. Sie bestimmt, dass schul¬ 
pflichtige Kinder in der Zeit von 7 Uhr Nachmittags bis 7 Uhr Vormittags 
nicht zum Austragen von Backwaaren, Milch, Zeitungen und anderen Gegen¬ 
ständen, zum Kegelaufsetzen oder zu sonstigen Verrichtungen in Sch&nk- 
wirthschaften, zum Aufwarten oder zum Handel mit Blumen oder anderen 
Gegenständen verwandt werden dürfen. 

In der Rheinproviuz besteht für den Regierungsbezirk Düsseldorf eine 
Polizeiverordnung vom 2. April 1898: Auf Grund des §. 137 des Gesetzes 
über die allgemeine Landesverwaltung vom 30. Juli 1883, der §§. 6, 12 
und 15 des Gesetzes vom 11. März 1850 und der §§. 120 c und e der 
Reichsgewerbeordnung wird mit Zustimmung des Bezirksausschusses für 
den Bereich des Regierungsbezirks Düsseldorf folgende Polizeiverordnung 
erlassen: 

§. 1. Hausindustrielle und Heimarbeiter, welche in der Textil- oder 
Metallindustrie, bei der Anfertigung von Wäsche und Kleidungsstücken aller 
Art oder bei der Herstellung von Zündholzschacbteln schulpflichtige Kinder 
gegen Lohn oder eine diesem gleich zu achtende Vergütung gewerblich 
beschäftigen, müssen ihren Betrieb so einrichten, dass sowohl Morgens vor 
Beginn des Schulunterrichts als in der Zeit zwischen dem Vormittags- und 
Nachmittagsunterricht und Abends nach 7 Uhr jede Verwendung der Kinder 
im Gewerbebetriebe gegen Lohn unterbleibt. 

§. 2. Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Bestimmung werden 


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Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren im Kleingewerbe etc. 201 

gemäss §. 147, Nr. 4 der Gewerbeordnung mit Geldstrafe bis zu 300 Mk. 
und im Unvermögensfalle mit Haft bestraft. 

Meines Wissens ist dies die einzige Verordnung, welche eine Regelung 
der Kinderarbeit in der Hausindustrie in Angriff nimmt. Ihre Rechtsgültig¬ 
keit ist durch Kammergerichtsentscheidung vom 8. Januar 1900 anerkannt. 

Im Regierungsbezirk Köln besteht eine ungefähr der Berliner ent¬ 
sprechende Polizei Verordnung: 

§. 1. Kinder, welche das neunte Lebensjahr noch nicht vollendet 
haben, dürfen nicht ausserhalb ihrer Wohnung und während der für den 
Schulunterricht festgesetzten Stunden auch nicht in ihrer Wohnung mit 
gewerblichen Arbeiten beschäftigt werden. 

§. 2. Schulpflichtige Kinder, welche das neunte, aber noch nicht das 
14. Lebensjahr vollendet haben, dürfen während der für den Schulunterricht 
festgesetzten Stunden zu gewerblichen Arbeiten weder ausserhalb noch 
innerhalb ihrer Wohnung verwendet werden. 

§. 3. Kinder, welche das neunte, aber noch nicht das 14. Lebensjahr 
vollendet haben, dürfen ausserhalb ihrer Wohnung während der Zeit von 
7 Uhr Nachmittags bis 7 Uhr (in den Monaten April bis September 67s Uhr) 
Vormittags zum Austragen von Backwaaren, Milch, Zeitungen oder anderen 
Gegenständen, zum Kegelaufsetzen oder zu sonstigen Verrichtungen in 
Gast- und Schankwirthschaften, zum Aufwarten, zum Handel mit Blumen 
oder mit anderen Gegenständen nicht verwandt werden. Die Verwendung 
schulpflichtiger Kinder zu Theater-, Circus - und dergleichen Aufführungen 
ist nur mit der vorher einzuholenden Genehmigung des Kreisschulinspectors 
und der Ortspolizeibehörde gestattet. 

In Aachen ist die Verwendung schulpflichtiger Kinder zum Kegel- 
aufsetzen sowie zum Aufsammeln der Pfeile der Bogenschützen untersagt. 
Im Theater- oder Circusbetriebe dürfen sie ausnahmsweise nach schrift¬ 
licher Erlaubnis der Polizeidirection mitwirken (Verordnung vom 14. Juli 
1897). 

In der Provinz Sachsen dürfen schulpflichtige Kinder auf. Strassen, 
öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Localen keinerlei Art Musik auf¬ 
führen, Schaustellungen, theatralische Vorstellungen, Vorträge oder sonstige 
Lustbarkeiten darbieten oder von anderen zur Mitwirkung bei dergleichen 
Lustbarkeiten und Aufführungen verwendet werden. Sofern ein höheres 
Interesse der Kunst oder Wissenschaft dabei obwaltet, kann die Ortspolizei¬ 
behörde eine Ausnahme gestatten. Kegelaufsetzen ist schulpflichtigen Kin¬ 
dern ausserhalb der Schulzeit bis 10 Uhr Abends (!) gestattet (Verordnung 
vom 17. December 1880). Eine Altersgrenze wird nicht gezogen. 

In der Provinz Schlesien dürfen Kinder bei öffentlichen Lustbarkeiten, 
denen ein höheres Interesse der Kunst oder Wissenschaft abgeht, ohne 
besondere Erlaubnis? der Ortspolizeibehörde nicht verwendet werden (Ober- 
Präsidial-Verordnung vom 19. Mai 1891). Für die Regierungsbezirke 
Breslau und Liegnitz gilt die Verordnung, dass schulpflichtige Kinder wäh¬ 
rend der Zeit des Schulunterrichts nicht zu ländlichen, gewerblichen und 
anderen Beschäftigungen verwendet werden dürfen. Für den Bezirk Oppeln 
ist eine allgemeine Bestimmung zur Einschränkung der Kinderarbeit ausser¬ 
halb der Fabriken überhaupt nicht erlassen. Und doch ist gerade in Schle- 


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202 


Dr. Paul Schenk, 


sien bei der Aufnahme im Jahre 1898 nächst der Rheinprovinz die grösste 
Zahl gewerblich thätiger Kinder ermittelt worden (48 456 = 6’54 Proc. 
der volksschulpflichtigen Kinder). Eine der Mühlhausener gleichlautende 
Verordnung besteht in Schlesien meines Wissens nur für den Kreis Grünberg 
im Bezirk Liegnitz und für das Amt Laurahütte im Bezirk Oppeln. In 
Laurahütte dürfen ferner schulpflichtige Kinder auf Bauten und Ziegeleien 
überhaupt nicht beschäftigt werden. 

In Frankfurt a. M. besteht seit dem 27. Februar 1878 das polizeiliche 
Verbot, Kinder vor vollendetem 14. Lebensjahre gewerbsmässig zu Gesangs-, 
Musik-, theatralischen oder gymnastischen Productionen, denen ein höheres 
Kunstinteresse nicht beiwohnt, zu verwenden. Am 13. Januar 1879 erging 
eine Polizeiverordnung des Inhalts, dass schulpflichtige Kinder in öffent¬ 
lichen Wirthschaftslocalitäten, zum Aufsetzen der Kegel oder zu sonstiger 
Bedienung der Gäste nur nach vorgängiger Erlaubniss der Ortsschulbehörde 
und nur unter Einhaltung der Schranken der ertheilten Erlaubniss ver¬ 
wendet werden dürfen. Geistige Getränke dürfen schulpflichtigen Kindern, 
welche nicht von den Eltern oder Vertretern’ derselben begleitet sind, in 
öffentlichen Wirthschaftslocalitäten nicht verabreicht werden. 

In Mainz dürfen schulpflichtige Kinder vor dem Vormittagsunterricht 
nicht zum Austragen von Fleisch- und Backwaaren, sowie Milch verwendet 
werden und an gewerbsmässigen Gesangs- und Musikaufführungen, an öffent¬ 
lichen Schaustellungen, theatralischen Vorstellungen oder sonstigen Lustbar¬ 
keiten, ohne dass ein höheres Interesse der Kunst oder Wissenschaft dabei 
obwaltet, ohne besondere Erlaubniss des Bürgermeisters nicht thätigen 
Antheil nehmen. 

In Gera ist es untersagt, Schulkinder vor Beginn des Vormittagsunter¬ 
richts mit gewerblichen Arbeiten zu beschäftigen. Sie dürfen nur in ganz 
besonderen Ausnahmefällen im Hause des Arbeitgebers nächtigen und per¬ 
sönlich keine Bezahlung für ihre Dienstleistungen erhalten. 

Im Königreich Sachsen sind zunächst Verordnungen der Städte Chem¬ 
nitz und Zittau zu nennen. Das Kegelaufsetzen ist nur Knaben über 
12 Jahre gestattet, welche einen Erlaubnisschein der Schule beibringen, 
in Chemnitz auch nur an zwei Abenden der Woche, ln Zittau ist bereits 
seit 1892 das Austragen von Frühstückswaaren durch Schulkinder gleich¬ 
falls von einer schriftlichen Erlaubniss der Schule abhängig gemacht. In 
Dresden darf das Auftreten von schulpflichtigen Kindern in öffentlichen 
theatralischen Vorstellungen und Concerten nur mit behördlicher, für jeden 
einzelnen Fall nachzusuchender Genehmigung stattflnden (Rathsbekannt¬ 
machung vom 11. August 1888). Ferner ist untersagt, schulpflichtige Kinder 
länger als bis Abends 9 Uhr zum Kegelschubdienste zu verwenden. 

In den Königreichen Bayern uud Württemberg bestehen nach den mir 
gewordenen Auskünften, abgesehen von den in einzelnen Städten erlassenen 
Bestimmungen zur Beschränkung des Hausierhandels, keinerlei Verord¬ 
nungen betreffend die Erwerbsarbeit von Kindern. 

Ich kann es nicht unterlassen, zum Schluss anzuführen, dass laut Polizei¬ 
verordnung vom 16. März 1900 es in Hannover-Linden gestattet ist, schul¬ 
pflichtige Knaben, welche das 12. Lebensjahr vollendet haben, in Gast- und 
Schankwirthschaften bis 11 Uhr Abends zu beschäftigen. Das bedeutet die 


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Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren im Kleingewerbe etc. 203 


Concession eines bedauerlichen Missbrauchs. Bier und Spirituosen dürfen 
nach derselben Polizei Verordnung diesen Knaben allerdings nicht verabfolgt 
werden *)• 

Ohne jede polizeiliche Beschränkung ist die gewerbliche Beschäftigung 
von Kindern ausserhalb der Fabriken, abgesehen vom Hausierhandel, nach 
den mir gewordenen Auskünften 2 ) u. a. in folgenden Städten geblieben: 
München, Stuttgart, Leipzig, Altona, Augsburg, Ulm, Kaiserslautern, Strass¬ 
burg, Metz, Mülhausen i. Eis., Nürnberg, Königsberg i. Pr., Zwickau, 
Oppeln, Ratibor, Rudolstadt, Holzminden, Schleswig, Sigmaringen, Lübeck, 
Annaberg, Eupen, Oels, Schwedt a. 0., Beuthen. 

Zu bemerken ist, dass verschiedentlich nur in Hinsicht auf die „dem¬ 
nächst u in Aussicht stehende reichsgesetzliche Regelung der Frage der 
gewerblichen Kinderarbeit ausserhalb der Fabriken und diesen gleichstehen¬ 
den Anlagen von einer entsprechenden Verordnung Abstand genommen 
worden ist. 

Die reichsgesetzliche Regelung der Beschäftigung von schulpflichtigen 
Kindern im Kleingewerbe und in der Hausindustrie muss meines Erachtens 
von dem Hauptgesichtspunkte ausgehen: Schulpflichtige Kinder gehören 
zur Arbeit nur in die Schule. Ihre freie Zeit bleibe der Erholung in der 
Familie oder auf Spielplätzen gewidmet. Um Geld zu verdienen, dürfen 
die Kinder weder im Hause der Eltern noch ausserhalb desselben thätig 
sein. Gewohnheitsmüssige gewerbliche Arbeit soll, abgesehen von seltenen 
Ausnahmen, nicht von Schulkindern, sondern von gewerblichen Arbeitern 
verrichtet werden. Für die Ausnahmefälle ist eine doppelte Genehmigung 
sowohl von Seiten der Schule wie auch von Seiten des Kreis- bezw. Schul¬ 
arztes erforderlich. 

Das zu erwartende Reichsgesetz, betreffend die Regelung der Erwerbs¬ 
arbeit von Kindern ausserhalb der Fabriken könnte dementsprechend kurz 
sein und ungefähr so lauten: 

§. 1. Kinder unter 13 Jahren dürfen zur Erwerbsarbeit in einem 
gewerblichen oder industriellen Betriebe weder im Hause der Eltern, Pflege¬ 
eltern, Vormünder, noch ausserhalb desselben herangezogen werden. Kinder, 
welche das 13. aber noch nicht das 14. Lebensjahr vollendet haben, dürfen 
zur Erwerbsarbeit nur herangezogen werden, wenn sie nicht mehr schuh 
pflichtig sind. 

§. 2. Auf Antrag der zur Erziehung der Kinder Verpflichteten kann 
die Polizeibehörde nach Zustimmung des Kreis- bezw. des Schularztes und 
des zuständigen Schulinspectors Ausnahmen gestatten. 

§. 3. Die polizeiliche Erlaubniss zur gewerblichen Beschäftigung von 
Kindern ist nur Kindern über 12 Jahre und beim Vorhandensein mehrerer 


*) Ob dieses Verbot wohl stets beachtet wird? Bed. 

*) Ich benutze die Gelegenheit an dieser Stelle, den zahlreichen Magistraten, 
Regierungen und Polizeibehörden, welche mich in liebenswürdigster Weise durch 
Auskunft, Uebersendung der betreffenden Verordnungen, Ueberlassung einschlägigen 
Actenmaterials bei der vorliegenden Arbeit unterstützt haben, meinen verbind¬ 
lichsten Dank auszusprechen. 


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204 Dr. Paul Schenk, Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren etc. 

Kinder in der Familie in der Kegel nur einem derselben zu ertheilen. Sie 
ist jeder Zeit widerruflich und unterliegt den folgenden Beschränkungen. 

a) Im Hausierhandel, im Schank- und Gastwirthsgewerbe, sowie in 
denjenigen Betrieben, für welche einschränkende Bestimmungen über 
die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter erlassen sind, dürfen Kinder 
unter 14 Jahren auch ausnahmsweise keine Verwendung finden, bei 
öffentlichen Veranstaltungen nur dann, wenn ein höheres Kunst¬ 
interesse vorliegt. In der Hausindustrie dürfen Kinder nur von 
ihren Eltern beschäftigt werden. 

b) Die gewerbliche Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren darf, 
abgesehen von öffentlichen Schaustellungen, in keinem Falle Sonn¬ 
tags, oder vor Beginn der Schule oder während derselben, oder 
Abends nach 7 Uhr, oder täglich länger als drei Stunden statt¬ 
finden. 

§. 4. (Enthielte die Strafbestimmungen.) 


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Dr. Alexander Szana, Beaufsichtigung der in Aussenpflege gegebenen Kinder. 205 


lieber die Beaufsichtigung der in entgeltliche 
Aussenpflege gegebenen Kinder, mit besonderer 
Berücksichtigung eines in Temesyär angewandten 

neuen Systems. 

Von Dr. Alexander Szana, 

Chefarzt des Findelhauses in Temesvdr. 


Die exorbitante Sterblichkeit unter den Kost- und Haltekindern wurde 
schon längst als wichtiger Factor der allgemeinen Kindersterblichkeit erkannt. 
Die Arbeiten von Baginsky 1 ) und Neumann 2 ) für Berlin, die Arbeiten 
von Szalardi und Eröss für Budapest haben diese Frage besonders klar¬ 
gestellt. Als Mittel gegen diese ausserordentlich hohe Kindersterblichkeit 
wird von allen Autoren in erster Linie die gewissenhafteste ärztliche Beauf¬ 
sichtigung der KoBt- und Haltekinder gefordert. Die Beaufsichtigung der 
in entgeltlicher Aussenpflege befindlichen Kinder bildet also ein wichtiges 
hygienisches Postulat und trotzdem sehen wir diese Frage bisher weder 
einheitlich noch gewissenhaft geregelt. 

In Ungarn ist die Frage des Kinderschutzes in eine neue Epoche 
getreten, indem die Pflege der der öffentlichen Unterstützung bedürftigen 
Kinder verstaatlicht wird. 

Der Gesetzartikel XXI vom Jahre 1898 hat nämlich die Erhaltung und 
Erziehung der n verlassenen Kinder“ zu einer staatlichen Aufgabe gemacht. 
Die ministerielle Verordnung zu diesem Gesetze gab dem Begriffe „verlassen“ 
aber eine solche liberale Erläuterung, dass die Sache der der öffentlichen 
Fürsorge bedürftigen Kinder in Ungarn mit einem Schlage eine muster¬ 
gültige Erledigung fand und die Beschützung und Verpflegung von nicht 
weniger als insgesammt 50000 bis 60000 Kindern als Aufgabe des Staates 
declarirt wurde. 

Die Ausführungsverordnung des Gesetzes erklärt nämlich als „ver¬ 
lassen“ alle jene Kinder, die gefunden werden, ferner jene, deren Eltern und 
Grosseltern gestorben oder verschollen sind und endlich diejenigen, die „durch 
ihre Eltern oder Grosseltern ohne Gefährdung ihres eigenen Lebensunter¬ 
haltes nicht erhalten werden können“. In der Praxis wurden nun auf Grund 
dieser Auffassung auch alle jene Säuglinge als verlassen und der staatlichen 
Fürsorge bedürftig erklärt, deren Mütter als Arbeiterinnen thätig sind und 
dem zu Folge ihr Kind nicht säugen können. In diesen Fällen werden 


l ) Die Kost- und Haltekinderpflege in Berlin, Deutsche Vierteljahrsschrift f. 
öffentl. Gesundheitspflege, Bd. XV in, H. 3. 

*) Jüngste Arbeit: Die unehelichen Kinder in Berlin. Jena 1900. 


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206 


Dr. Alexander Szana, 


Mutter und Kind während der ganzen Zeit der Säugung mit monatlichen 
Geldbeträgen unterstützt, gekleidet und beaufsichtigt, und beide erhalten 
ärztliche Pflege und Medicamente kostenlos. 

Die Ausführung dieser, in nationaler und hygienischer Hinsicht so sehr 
wichtigen Aufgabe hat die ungarische Regierung dem „Landesverein vom 
Weissen Kreuz“ in der Weise übertragen, dass alle Kinder, die durch 
behördlichen Beschluss als „verlassen“, also der staatlichen Fürsorge bedürf¬ 
tig erklärt, der Pflege des Vereins vom Weissen Kreuz übergeben werden. 
Der Verein erhält ein musterhaftes Kinderasyl (Findelhaus) in Budapest 
und 11 nach gleichen Principien eingerichtete Anstalten in der Provinz. 
Der Staat zahlt diesem Vereine für jedes Kind nach festgesetztem Tarife 
Verpflegungsgebühren. Gegenwärtig ist der ungarische Staat daran, auch 
die Ausführung der geschilderten Aufgabe selbst in die Hand zu nehmen 
und werden zu diesem Behufe die Anstalten des „Weissen Kreuzes“ ver¬ 
staatlicht *). 

Das Ziel, das sich der Staat gesteckt hat, jährlich ca. 20000 Kinder 
dem gänzlichen Verkommen oder einer kranken, verkümmerten Entwickelung 
zu entreissen, dieses Ziel ist sowohl aus nationalen wie auch aus hygienischen 
Gesichtspunkten von grosser Wichtigkeit. Die materiellen Mittel, welche 
der Staat zur Erreichung dieses Zieles verwenden wird, werden sich jährlich 
auf mehrere Millionen Kronen belaufen, und dies sind Beträge, die selbst im 
Haushalte eines Staates ansehnliche Factoren bedeuten, so dass es wohl 
eine actuelle Pflicht ist, jene Maassnahmen einer thunlichst detaillirten 
Prüfung zu unterwerfen, mit denen der ungarische Staat seine gross angelegte 
Action erfolgreich durchführen will. 

Die Verpflegung einer grösseren Anzahl Kinder in geschlossenen Anstalten 
ist heute allgemein fallen gelassen. Den Sturz dieses veralteten Princips 
forderte vor Allem die Hygiene, denn das Ansammeln einer grösseren Anzahl 
von Kindern, besonders in den ersten Lebensjahren, hat stets eine erhöhte 
Sterblichkeitsziffer zur Folge. Dieses ungünstige Resultat wird theils durch 
häusliche Epidemieen verursacht, theils aber dadurch, weil die richtige Pflege 
des kleinen Kindes nur mit Berücksichtigung der vollen Individualität des 
Kindes erfolgreich durchgeführt werden kann, eine solche Individualisirung 
jedoch in grösseren Anstalten unmöglich ist. Die Erziehung von Kindern 
in Instituten wurde aber auch aus dem Grunde fallen gelassen, weil das in 
diesen aufwachsende Kind den Kampf ums Dasein, des Lebens tägliche 
kleine oder grosse Sorgen nicht vor sich sieht. Im Institute trifft es jeden 
Tag laut der bestehenden.Vorschrift seinen gedeckten Tisch; man controlirt 
die Reinlichkeit, ja selbst die Temperatur seines Zimmers. Wenn das Kind 
dann ins Leben hinausgeräth, steht es unvorbereitet den Widerwärtigkeiten 
desselben gegenüber, und gar manche Fachleute glauben die Erfahrung 
gemacht zu haben, dass solche Kinder viel rascher den Kampf aufgeben 
und sich leichter in die Arme der Sünde stürzen 2 ). 

Es ist demnach zweifellos, dass man für die auf öffentliche Kosten zu 


*) Siehe ausführlich Sociale Praxis, X. Jahrg., Dr. Szana: Staatliche Kinder¬ 
fürsorge in Ungarn. 

*) Brückner: „Die öffentliche und private Fürsorge“. Frankfurt 1892. 


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Beaufsichtigung der in entgeltliche Aussenpflege gegebenen Kinder. 207 

verpflegenden Kinder jenes System wählen muss, nach welchem die Kinder 
gegen Bezahlung einer Pflegegebühr zu Familien, hauptsächlich aufs Dorf 
zu Landleuten, in Pflege gegeben werden. Solche, zu sorgfaltigst aus¬ 
gewählten Familien hinausgegebenen Kinder gemessen dort alle Vortheile 
einer Individualisirung, lernen alle Phasen des Familienlebens kennen, und 
wenn sie einmal das Alter erreichen, wo sie selbständig ins Leben treten 
müssen, stehen sie nicht mehr allein, ohne Stütze, sondern sind gewöhnlich 
an die Familie, in der sie aufwuchsen, mit so tief innerlichen Banden geknüpft, 
die völlig gleichwerthig mit den Banden des Blutes zu betrachten sind. 

Dass dem so ist, kann mit ziffernmässigen Daten bewiesen werden. 
Während des ersten Jahres des Bestandes des Temesvärer Kinderasyls haben 
15 von den durch die Anstalt in Aussenpflege gegebenen Kindern das 
siebente Lebensjahr erreicht, hätten also nun dieser Pflegemutter weggenommen 
und der Zuständigkeitsgemeinde übergeben werden sollen. Um dies zu ver¬ 
hüten, wurden 5 von diesen 15 Kindern von den bisherigen Pflegeeltern in 
vollständig kostenlose weitere Obhut übernommen. Drei von diesen Pflege¬ 
eltern sind beträchtlich vermögend und haben durch den Vereinsanwalt 
schon die nöthigen Schritte zur gesetzlichen Adoptirung eingeleitet. Dies 
geschah nach kurzer, einjähriger Pflege. Und auch unter den übrigen 
kennen wir gar viele, die sich von den behüteten Kindern niemals trennen 
werden. 

Es ist daher unzweifelhaft, dass das ungarische Gesetz das richtigste, 
durch Wissenschaft und Erfahrung als bestes anerkannte System der öffent¬ 
lichen Kinderfürsorge in sich aufnahm, indem es für die der öffentlichen 
Fürsorge anheimfallenden Kinder principiell die Aussenpflege ausspricht. 

Das Gesetz muss aber auch aus dem Grunde vollkommen genannt 
werden, weil es durch die auf mehrere Gegenden des Landes verstreute 
Kinderasyle für die in den einzelnen Gegenden placirten Kinder Centren 
schafft. Im Sinne des Gesetzes werden in den Asylen „nur die kranken, 
schwach entwickelten, besonderer Pflege und ärztlicher Behandlung bedürftigen 
Kinder gehalten“, und ebenso wie die Placirung der Kinder bei Familien 
nach Wissenschaft und Erfahrung als richtig anerkannt wurde, ist es zur 
sicheren Erkenntniss geworden, dass die in Aussenpflege befindlichen Kinder 
ein Centralasyl benöthigen. Erstens als Uebergangsstation, als Depot bis 
zur Aussenpflege. Ausserdem fällt das kranke Kind leicht selbst den sonst 
gutherzigen Pflegeeltern zur Last und einzelne, insbesondere schwach ent¬ 
wickelte Kinder können nur durch die sorgfältige, specialistische Pflege im 
Kinderasyl dem Leben erhalten bleiben. Es ist dies doppelt wichtig für 
die ungarischen Verhältnisse, die durch einen sehr fühlbaren Aerztemangel 
auf dem Lande charakterisirt werden, so dass der, die meisten Dörfer nur 
wöchentlich einmal besuchende Arzt den Kindern eine wahrhaft fachgemässe 
Behandlung gar nicht angedeihen lassen kann. Die Errichtung der Kinder¬ 
asyle erscheint daher als werthvolles Mittel zur Erreichung des Zweckes, 
ein Mittel, welches Baginsky schon vor 14 Jahren in diesen Blättern 
forderte x ), zur Rettung der verlassenen Kinder. Dieser durch die ungarische 


*) Vierteljahrssrlirift für üflVntl. Clesundlieitspflrge Bd. XV111 , 3. H., 8. 401. 
Recapitulirt Berl. klin. Wochenheim 1807, 8. 408. 


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203 


Dr. Alexander Szana, 


Gesetzgebung gewählte Weg ist viel richtiger, als jener, den der Landtag 
von Steiermark 1896 annahm 1 ), wonach die Kinder der aus den Gebär¬ 
anstalten entlassenen Mütter durch das Findelhaus (eine einfache Ver¬ 
waltungsstelle mit Depot) sofort in Ammenpflege gegeben werden, so dass 
es dort eigentliche Kinderasyle gar nicht giebt, und die schwachen und 
kranken Kinder in ein Kinderspital gegeben werden müssen. Wer die 
schreckliche Statistik der Säuglingsspitäler kennt, — selbst die Sterblich¬ 
keit in dem von Prof. Heubner geleiteten Berliner Säuglingskrankenhause 
ist 65 bis 90 Proc. —, wird gewiss staunen über diese Einrichtung, die die 
vielen schwachen und noch nicht kranken Kinder den Gefahren eines Spitales 
aussetzt 2 ). 

Die ungarischen staatlichen Kinderasyle werden mit denselben Ein¬ 
richtungen versehen, die in den Anstalten des Weissen Kreuz-Vereins 
sich als vortrefflich bewiesen, und werden zweifellos auch alle Erfolge dieser 
Anstalten aufweisen können. 

Wir sehen demnach, dass jenes System, dass die ungarische Gesetz¬ 
gebung für die Pflege der der öffentlichen Fürsorge übergebenen Kinder 
flxirte, das denkbar vollkommenste ist. 

Es giebt den gesunden Kindern das ruhige, gesunde Heim einer Familie 
auf dem Lande und sichert den schwachen und kranken Kindern specialistische 
Pflege, moderne hygienische Einrichtung, reichlichen Ammenstand, fach¬ 
gebildetes Pflegepersonal. Damit aber dieses System wirklich solche Erfolge 
erringe, die zu den geforderten grossen materiellen Opfern in Einklang 
stehen, damit, wie der wissenschaftliche Pfadbrecher des ungarischen Findel¬ 
wesens, Dr. Szalärdi, schreibt, „die für das Kind verausgabten 
immens grossen Spesen nicht als sinnlose Vergeudung erscheinen, 
muss die Controle über die Kinder gewissenhaft, vertrauens¬ 
würdig und wirksam sein 3 )“. Nachdem bei den durch die ungarische 
Gesetzgebung, wie auch durch alle europäischen Staaten acceptirten Systemen 
der grösste Theil der Kinder in Aussenpflege ist, kann als feststehende 
Thatsache betrachtet werden, dass der Erfolg der die Bettung der in 
entgeltlicher Pflege befindlichen Kinder anstrebenden Action der 
Länder und Municipien vom Controlsysteme über die in entgelt¬ 
liche Aussenpflege gegebenen Kinder abhängt. Diese Ansicht wieder¬ 
holt auch Baginsky in der schon erwähnten Schrift. 

In Ungarn verfügt betreffs der Controle über die auf Kosten des Staates 
in Aussenpflege gegebenen Kinder der §.17 der ministeriellen Verordnung 
Nr. 50000/1899e., der die Gemeinden verpflichtet, über die auf ihrem 
Gebiete zu Lasten des Staates verpflegten Kinder ein Evidenzbuch zu führen 
und die Kinder durch den Gemeindearzt wenigstens vierteljährlich gratis 
untersuchen zu lassen. 


l ) „Die Jubiläumsausgabe des Landes Steiermark zu Gunsten der Armen¬ 
kinder“, Art. XV bis XXV. Siehe Dr. Beicher: „Der Kinderschutz und die 
Armenkinderpflege in Steiermark“, Graz 1900. 

*) Details über dieses interessante Thema siebe in Heubner’s „Säuglings¬ 
ernährung und Säuglingsspitäler“, Berlin 1897. 

a ) Szalardi: „Gegenwärtiger Stand des Findeiwesens in Ungarn“. Arbeiten 
des VIII. internationalen Congvesses für Hygiene und Demographie. Budapest 1894. 


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Beaufsichtigung der in entgeltliche Aussenpflege gegebenen Kinder. 209 

Diese gesetzliche Verfügung ist sehr ungenügend und eine eingehendere 
Beaufsichtigung seitens der Behörden war nur aus dem Grunde entbehrlich, 
weil der Staat mit der Pflege und Obhut der verlassenen Kinder in erster 
Reihe den Verein zum Weissen Kreuz betraute, der in eigenem Wirkungs¬ 
kreise für intensivere Beaufsichtigung sorgt. Der Weisse-Kreuz-Verein 
ernennt vor Allem auf jenen Plätzen, wo seine Pflegekinder placirt werden, 
also auf seinen Kindercolonieen Colonieärzte. Diese Aerzte erhalten eine 
der Zahl der Kinder entsprechende Bezahlung, und kann man demnach 
von ihnen eine ganz andere Controlwirksamkeit fordern, als von den mit 
Arbeiten überhäuften und selbst für den einfachen Lebensunterhalt kaum 
genügend bezahlten Gemeindeärzten in dieser ihrer Eigenschaft. Ausserdem 
stellt der Verein Centralcontrolärzte an, die jährlich mehrmals zur Ueber- 
prüfung des Gesundheitszustandes der Kinder die Gemeinden unerwarteter 
Weise besuchen. Endlich kann als Controlmittel der §. 7 der ministeriellen 
Verordnung Nr. 50000/1899 gelten, laut welchem die guten Pflegemütter 
eine Belohnung erhalten, für die schlechten jedoch die Bestimmungen des 
Strafgesetzbuches in Anwendung kommen. 

Das ungarische Gesetz über die staatlichen Kinderasyle verfügt nicht 
über die Beaufsichtigung der in Ammenpflege gegebenen Kinder, sondern 
überlasst dies den später herauszugebenden ministeriellen Verordnungen. 
Es geht aus der Motivirung des Gesetzentwurfes klar hervor, dass die An¬ 
stellung der Gemeindeärzte mit besonderer Bezahlung als Colonieärzte con- 
templirt wird und §. 1 des Gesetzes rechnet deutlich auf die Mitwirkung 
der Gesellschaft. 

Bevor nun diese die Beaufsichtigung betreffenden Verordnungen ge¬ 
schaffen werden, erscheint es bei der grossen Wichtigkeit des Gegenstandes 
als zweckentsprechend, die Art und Weise dieser Beaufsichtigung im Aus¬ 
lande zu prüfen und einige im Temesvärer Institute des Weissen Kreuzes 
mit grossem Erfolge ausprobirte Verfügungen zu besprechen. Auf das 
Interesse grösserer Kreise hat die Sache um so mehr Anspruch, als in ganz 
Europa das Schicksal der in entgeltliche Aussenpflege gegebenen Kinder 
mit immer grösserer Aufmerksamkeit verfolgt wird *). 

Die neueste Verfügung einer gesetzgebenden Körperschaft bezüglich der 
Beaufsichtigung der in Aussenpflege gegebenen Kinder ist das steier¬ 
märkische Gesetz vom 6. September 1896 über den Schutz der in ent¬ 
geltliche Aussenpflege gegebenen Kinder unter zwei Jahren. Im 
Sinne dieses Gesetzes übt die Aufsicht der Gemeindearzt spätestens vier 
Wochen nach der Placirung des Kindes und hernach zweimal jährlich, jedoch 
nicht im selben Vierteljahre. Ausserdem soll ein Mitglied des Armenrathes, 
thnnlichst ein weibliches Mitglied, vierteljährlich das Kind besuchen. 
Berechtigt ist zu dieser Controle der Geistliche, der Bezirksarzt und der 
Landesinspector der Armensache. Der Gemeindearzt kann — dies ist 
separat hervorgehoben — für die Beaufsichtigung keine Bezahlung bekommen- 

Die Unzulänglichkeit dieser Verfügungen hat die Gesetzgebung selbst 
eingesehen, weil die Bestimmungen des steiermärkischen Landtages, späteren 

l ) Siehe „Jugendfürsorge“, Zeitschrift, direct dem Kinderschutze gewidmet. 
Berlin, zwei Jahrgänge. Motto: „Völker Europas, wahret Eure heiligsten Güter“. 
Wilhelm n. 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1902. 


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210 


Dr. Alexander Szana, 


Datums („Grundsätze betreffend die Mitwirkung des Landes an der Armen¬ 
kinderpflege tt ), in Anbetracht der grossen Verantwortung, die Creirung von 
Bezirksinspectorstellen contemplirt, denen diese Beaufsichtigung eine Neben¬ 
beschäftigung bilden würde und die dafür Bezahlung bekämen. Ob diese 
Stellen thatsächlich geschaffen wurden, konnte ich trotz eifriger Nachfrage 
nicht erfahren. 

Die Commision der Armensache in Steiermark gab auch eine Broschüre 
heraus und bat die Vereinsdamen vom österreichischen „Rothen Kreuz“ 
im Allgemeinen, dass sie sich für die Findelkinder interessiren mögen. 
Jedoch der Aufruf selbst gesteht, dass auf diesem Wege nicht viel zu er¬ 
warten ist, weil gerade auf dem Dorfe Vereinsmitglieder vom Rothen Kreuz 
nur spärlich zu finden sind. 

Die Stadt Graz betraute mit der Aufsicht über die auf ihrem Territorium 
befindlichen Kinder eine „städtische Oberkinderpflegerin“, die (eine Arzt- 
wittwe) dem Armenamte untergeordnet ist. In der für sie erlassenen Ver¬ 
ordnung ist nur ein Punkt besonders interessant, der, dass sie von den 
geeigneten und ungeeigneten Pflegemüttern ein Register zu führen hat. 

Aus alle dem können wir die vollständige Unzulänglichkeit der steier¬ 
märkischen Verfügungen beweisen. 

Principiell placirt dort das Findelhaus die Kinder m ihren Zuständig¬ 
keitsgemeinden. Sie werden demnach nicht in grösseren Colonieen gehalten, 
sondern im ganzen Lande verstreut. Einmal aus dem Findelhause heraus¬ 
gekommen, wo sie überhaupt nur übergangsweise (Depot) einige Tage waren, 
hört eigentlich jede Verbindung mit dem Findelhause auf. Ihre Beauf¬ 
sichtigung ist Aufgabe der auch dort überbürdeten Amtsärzte, ohne Ent¬ 
lohnung und demnach vollständig ungenügend. Die Controle der Armen- 
commission ist auch nur episodenhaft und kann daher nur auffallende, man 
könnte sagen alarmirende Unregelmässigkeiten entdecken. Das Inspections- 
sy stein in Steiermark entbehrt demnach die centrale Organisation und 
auf der Peripherie die Individualisirung. 

In Italien wurden 1879 bis 1882 106461 Kinder auf öffentliche 
Kosten verpflegt 1 ). Von diesen wurden 37449 Kinder direct von der 
Hebeamme zu Pflegemüttern durch die Behörden hinausgegeben, daher ohne 
Vermittelung einer Centrale, eines Findelhauses. Bei diesen ist jede centrale 
und specielle Beaufsichtigung von vornherein ausgeschlossen. Die gewöhn¬ 
liche Armencontrole ist aber für in Ammenpflege gegebene Kinder gänzlich 
ungenügend. 

Die aus dem Findelhause von Neapel 9 ) in Aussenpflege gegebenen 
Kinder werden in erster Reihe durch die Ortsbehörden controlirt, ausserdem 
besucht sie von Zeit zu Zeit ein Beamter des Findelhauses. Ueberdies wacht 
eine zwölfgliedrige Bürgercommission über die in Neapel placirten Kinder. 

Das Findelhaus in Moskau hat seine Colonieen in 41 Kreise ein- 
getheilt; in jeden Kreis gehören 500 bis 1000 Kinder. An der Spitze des 
Kreises steht ein Inspectionsarzt. 


*) Dämmer: „Handwörterbuch der öffentlichen Gesundheitspflege“. 

*) Reisebericht des Herrn Dr. Casper, Dr. Reicher, Dr. Fassei an den 
steiermärkischen Landesaussclmss, 1893. 


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Beaufsichtigung der in entgeltliche Aussenpflege gegebenen Kinder. 211 

Das Pariser Fiudelhaus, das vollkommenste der Welt in seinen 
Einrichtungen und in der Liberalität der Aufnahme, hat in elf Departements 
seine Agenturen 1 ). Zu einer solchen Agentur gehören 1000 Kinder, über 
die der Leiter der Agentur wacht. Der einzige Lebensberuf dieses Leiters 
ist der „Service des enfants assistis und helfen ihm hierin mehrere Beamte. 
Die Agentur selbst wird durch die Directoren der Assistence publique con- 
trolirt. Die Kinder unter vier Monaten müssen alle zehn Tage untersucht 
werden. Vor 1896 wurden diese zehntägigen Visiten nur in den ersten 
drei Lebensmonaten gefordert und erst im Jahre 1896 wurden die zehn¬ 
tägigen Besuche auf die ersten vier Lebensmonate ausgedehnt 2 ). Die Jahres¬ 
ausweise der Anstalten geben Rechenschaft über die Zahl der geleisteten 
ärztlichen Controlbesuche und die Zahl der unterbliebenen Besuche. 

In Leipzig hat Dr. Traube das sogen. Leipziger System eingeführt. 
Die Pflegemutter ist verpflichtet, am Freitag nach der Uebernahme des 
Kinde9 dieses vor den „Ziehkinderarzt“ zu bringen. Anwesend sind die 
acht bezahlten Aufsichtsdamen (Wittwen von Aerzten und sonstigen Hono¬ 
ratioren), die dann die weitere Aufsicht über die Kinder bezirksweise üben. 
Dr. Traube vertraut viel mehr den bezahlten Aufsichtsdamen als Jenen, 
die nur der Ehre halber die Mission übernahmen. „Nicht Dilettantismus, 
sondern sachkundige, pflichtbewusste Ausführung eines besoldeten Amtes.“ 

In Dresden ist der Vorgang ein ähnlicher. Bezahlte Aufsichtsdamen 
werden hier nur für Kinder unter fünf Jahren aufgenommen. Die Aufsichts¬ 
dame muss das Kind monatlich wenigstens einmal controliren; jährlich ein¬ 
mal ist dann Hauptcontrole im Beisein der bezahlten Aufsichtsdamen, der 
Aerzte und Beamten und werden dann auch die Belohnungen vertheilt 3 ). 

In Halle a. S. werden sämmtliche in entgeltlicher Pflege befindlichen 
Kinder (Ziehkinder) bis zum sechsten, sämmtliche auf öffentliche Kosten 
verpflegten Kinder bis zum 14. Lebensjahre durch regelmässige Besuche der 
besoldeten Pflegerinnen innerhalb drei Wochen und Beorderungen zu Wochen¬ 
vorstellungen durch einen directen Ziehkinderarzt untersucht 4 ). 

In Kiel sind die Kostmütter verpflichtet, ihre Pfleglinge sofort nach 
der Aufnahme dem Director der Poliklinik vorzustellen und sie monatlich 
einmal zu bestimmter Zeit in die Poliklinik zum Wägen zu bringen. An den 
Wiegetagen sind drei Aerzte resp. zwei und eine Dame beschäftigt. Der 
Arzt muss jedes Kind sehen 5 ). 

Ueber die durch das böhmische Findelhaus in Ammenflege gegebe¬ 
nen Kinder führen das Pfarramt und die Gemeinde, letztere durch einen 
Waisenvater, die Beaufsichtigung. Ueberdies besucht sie ein Findlings- 
inspector. 


l ) H. Neumann: „Oeffentlicher Kinderschutz u . (Handbuch der Hygiene, 
VIII. Bd., 2. Theil.) Jena 1895. 

f ) Rapport sur le service des enfants assistes et moralement abandonn£s du 
Departement de la Seine 1899. Paris 1900. 

*) Das Ziehkinderwesen der Stadt Dresden. Stadtrath Kuhn. Jugendfürsorgen. 
Heft 5. 

4 ) Die Beaufsichtigung der Zieh- und Pflegekinder durch besoldete Pflege¬ 
rinnen. Von Stadtrath Pütter. Jugendfürsorge II. 

5 ) Zur Säuglingssterblichkeit. Von Anna Hellmann. Jugendfürsorge II. 

14* 


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212 


Dr. Alexander Szana, 


In Berlin erfolgt die Auszahlung der Kostgelder durch die Aufsichts¬ 
damen. In Danzig, Elberfeld, Hildesheim, Nürnberg, Zwickau 
überlässt das Municipium einzelnen Vereinen die Aufsicht. In Stolp ist 
damit ein Krankenpflegeverein betraut*). 

Die Ausübungsstatuten des Wiener Findelhauses werden mit der 
so hochwichtigen Angelegenheit der Beaufsichtigung in erschreckender Kürze 
fertig 2 ). Laut diesem Statut ist die Beaufsichtigung der in Ammenpflege 
gegebenen Kinder in erster Reihe Pflicht der Mutter und der Angehörigen 
des Kindes. Ein gar komischer Gedanke, wenn man berücksichtigt, dass 
die Kinder weit nach Steiermark oder Ungarn gelangen und nun durch die 
vermögenslose Mutter beaufsichtigt werden sollen. Ausserdem ist die Con¬ 
trols die Aufgabe der Gemeinden. Der Gemeindearzt bekommt keine sepa¬ 
rate Bezahlung für die Beaufsichtigung, dagegen wird ihm die Kranken¬ 
behandlung laut Tarif bezahlt. Das Institut, welchem 27 420 Kinder angehören, 
hat einen einzigen Controlarzt, der zeitweilig die Kinder bei ihren 
Pflegeeltern controlirt. Das Resultat ist natürlich ein grässliches. Aus ein¬ 
zelnen Bezirken verlangt man dringend den Controlarzt zur Eruirung der 
Ursachen der erschreckenden Sterblichkeit 3 ). 

Der controlirende Arzt findet gewöhnlich die grössten Missbräuche, 
zufolge scrophulöser Augenleiden Blindheit etc. Ein unbegreiflicher Zustand. 
Ein Controlarzt für 27 420 Kinder, dagegen 41 administrative Beamte. Dem 
gegenüber gebührt vollste Anerkennung dem ungarischen Landesvereine 
vom Weissen Kreuze, der für 4000 Kinder, trotz seiner bescheidenen mate¬ 
riellen Mittel, vier Controlärzte anstellte. 

In England 4 ), wo das Familienammensystem (boarding out) erst in 
letzter Zeit die geschlossenen Institute verdrängte, aber auch die Ueber- 
gangsinstitutionen, wie cottage homes und scattered homes , ersetzte, beauf¬ 
sichtigt die Kinder ein Comitö von 347 Mitgliedern. Diese sind verpflichtet, 
vierteljährlich auf vorgeschriebene Fragen präcise Antworten zu geben. Die 
Oberaufsicht ist in den Händen eines weiblichen Inspectors. 

Nachdem wir nun in Kürze die Systeme der verschiedensten Länder 
behandelten, können wir die Mittel der Controle über die in Armenpflege 
gegebenen Kinder in Folgendem zusammenfassen: 

Die Controle übt aus: 

a) Der Gemeindearzt. Für seine Control Wirksamkeit wird er nur 
in Ungarn separat honorirt. Das steiermärkische Statut schliesst dies direct 
aus, dagegen erhält er in Oesterreich für die Behandlung des kranken Findel¬ 
kindes Bezahlung. Es ist zweifellos, dass die Honorirung des Gemeinde¬ 
arztes für seine Controlthätigkeit von Seiten des Erhalters des Kindes ein 
ganz besonders wirksames Mittel ist. Der mit Arbeit überhäufte, schlecht 


l ) „Die Organisation der Gemeindewaisenpflege“ von Cuno und Schmidt. 
Leipzig 1900. 

*) Statut für die niederö9terreichische „Landes-Geburts- und Findelhausanstalt“. 
Wien, 7. December 1869 und 7. September 1877. 

a ) Jahresbericht der niederösterreichischen „Landes-Geburts- und Findelhaus- 
anstalt“ vom Jahre 1899 bis 1901. S. 58. 

4 ) „Das ausländische Armenwesen“. Dr. Münsterberg. Leipzig 1898. 


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Beaufsichtigung der in entgeltliche Aussenpflege gegebenen Kinder. 213 

besoldete Arzt muss, um leben zu können, nach Privatpraxis suchen, und 
kann demnach für die amtlichen Agenden nur die allernothwendigste Zeit 
verwenden. Bekömmt er aber für die Controlthätigkeit Bezahlung, kann 
man in dieser Richtung über die Arbeitszeit des Arztes verfügen, kann von 
ihm Berichte verlangen und Besuche urgiren. 

b) Die Aufsichtsdamen. Mit ziemlicher Uebereinstimmung werden 
für die nichtärztliche Controle überall Damen verwendet. Diese haben ge¬ 
wöhnlich Ehrenstellungen, nur in Leipzig, Halle und Dresden erhalten sie 
Bezahlung. In Graz wirkt eine mit der Controle über die Kinder berufs¬ 
mässig betraute Dame. In Berlin und Hamburg werden zur Deckung der 
Baarauslageu pro Kind und Monat 60 Pfg. bezahlt. 

c) Die Centralcontrolorgane. Sind gewöhnlich Aerzte, nur in 
Steiermark nicht. Sie besuchen von Zeit zu Zeit die Kinder und bilden die 
eigentliche Verbindung mit dem Findelhause, resp. der die Kosten der Für¬ 
sorge bestreitenden Behörde. Sie wohnen häufig am Orte der Centrale, 
manchmal, wie in Frankreich und Russland, im Departement. Ihr Wirken 
wird durch die Vorgesetzte Behörde controlirt, doch kann das nicht mehr 
zur Beaufsichtigung der Kinder gerechnet werden. 

Die Controle ist jedoch selbst mit all diesen Mitteln noch sehr unvoll¬ 
kommen und lückenhaft. Und zwar müssen folgende Mängel hervorgehoben 
werden: 1. es fehlt die systematische Anlage, 2. die Controle ist nur 
episodenhaft und es fehlt das Bindeglied zwischen den einzelnen Control - 
factoren, 3. es fehlt das centrale Organ, wohin alle Fäden zusammen¬ 
laufen. 

Diese Mängel haben wir während des erstjährigen Bestandes des Temes- 
varer Weissen-Kreuz-Findelhauses überaus drückend gefühlt. Es wird 
als Paradoxon klingen, aber die Mängel haben wir viel lebhafter, viel inten¬ 
siver gefühlt, als dies in alten, grossen, über Tausende von Kindern dis- 
ponirenden Findelhäusern der Fall sein dürfte. Der Grund hierfür ist fol¬ 
gender: Am 10. Januar vorigen Jahres eröffneten wir das Institut mit 
35 Betten — leeren Betten. Das erste Kind requirirte ich aus meiner 
Privatpraxis. Nach einer verheimlichten Schwangerschaft unter angeblichen 
Magenkrämpfen gebar ein Mädchen, zur Ueberraschung der Eltern, ein 
2100g schweres Bübchen, das erste Findelkind des Temesvärer Institutes. 
Das Kind und alle nach ihm folgenden Kleinen sind uns ans Herz gewachsen; 
nicht nur das gesammte Institutspersonal, sondern auch das Damencomite des 
Vereins hat für jedes einzelne Kind das grösste Interesse an den Tag gelegt. 
Von den im ersten Jahre aufgenommenen 400 Kindern *) kennen wir fast 
jedes einzelne persönlich und dem Namen nach, von den meisten sogar die 
Familienverhältnisse. Die Kinder begannen wir aufs Land hinauszugeben 
und bald meldete man uns die ersten Todesfälle. Der allererste hat uns 
Alle in Trauer versetzt. Die Damen weinten. Ich verlangte vom Colonie- 
arzte die Krankengeschichte des Falles. Beim zweiten Todesfälle waren wir 
der Verzweiflung nahe. Wir fürchteten für den guten Ruf des Institutes. 
Den Colonieärzten schrieb ich einen energischen Brief und drohte mit der 
Auflassung der Colonie. Mit einem Worte, wir fühlten jeden einzelnen 

*) Thatsächlioh nahmen wir 510 Kinder auf, aber die nach einigen Tagen 
zurückgenommenen Kinder rechne ich hier ah. 


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2 14 


Dr. Alexander Szana, 


Todesfall individualiter. Dies wäre in einem seit Jahren wirkenden Findel - 
hause unmöglich; dort verschwindet das Individuum unter der Gewohnheit, 
unter den grossen Zahlen. 

Aus diesen Gründen fühlten wir bald die vollkommene Unzulänglich¬ 
keit der bisherigen Controle. In erster Reihe fühlten wir den Mangel, dass 
die auf den Colonieen placirten Kinder nur mehr administrativ unter der 
Leitung des Findelhauses stehen, sonst sind sie vollständig dem Coloniearzte 
überlassen, und hängt es von dessen Gewissenhaftigkeit ab, dass er die 
eventuelle Ungeeignetheit der Pflegemutter, hauptsächlich der Pflegeamme 
constatire. Aus der Centrale konnte hierauf keine Ingerenz geübt werden, 
obwohl die Verminderung der Sterblichkeit das Verdienst des 
Findelhausdirectors, die Zunahme der Sterblichkeit seine 
Schuld i81 oder wenigstens dafür gehalten wird. Als Colonie- 
arzt werden, da ja die meisten Gemeinden nur den Gemeindearzt besitzen, 
die Gemeindeärzte ernannt. Bewährt er sich nicht in seiner Eigenschaft als 
Controlarzt, so ist er trotzdem unamovirbar, und man müsste mangels einer 
centralen Controle die Kinder dieser Colonie ganz ihrem Schicksale überlassen. 

Da nun in Folge der Individualisirung bei der Placirung der Kinder, 
wobei Familienverhältnisse, die Nähe der Familie etc. berücksichtigt werden 
zahlreiche Colonieen nothwendig sind, so müssen solche auf sich selbst über¬ 
lassene Colonieen gar häufig entstehen. 

Den Nutzen centraler Controle demonstrirten überzeugend die 
Resultate des Kassaer Findelhauses. Unter den in Kassa in Pflege befind¬ 
lichen Säuglingen war die Sterblichkeit 12*29 Proc.; unter den in unmittel¬ 
barer Nähe befindlichen Säuglingen 15*5 Proc.; unter den in Debreczen, also 
fast eine Tagereise vom Kinderasyle Kassa, befindlichen Säuglingen 19*6 Proc. 1 ). 

Andererseits kann der aus der Centrale gesandte Controlarzt nur schon 
bestehende grössere Schäden bemerken, entweder, dass das Kind schon an 
Atrophie leidet, oder schwer krank ist, oder sich in sehr schlechten hygie¬ 
nischen Verhältnissen befindet; zur Verhütung der Schädlichkeiten im Keime 
selbst jedoch, zur Eruirung der Ursache, mit einem Worte zu präventiven 
Maas8regeln ist der episodenhafte, zeitweilige Besuch ungenügend. Auch 
der Coloniearzt kann seine Aufgabe nur sehr mangelhaft erfüllen. Erstens 
und hauptsächlich zufolge Zeitmangels, zweitens werden ihm gewöhnlich 
nur Krankheiten gemeldet und indem er diese behandelt, wird er gar selten 
an das heroische Mittel denken, welches bei einem schlecht entwickelten 
Kinde das wirksamste ist, nämlich das Kind von der Pflegemutter wegzu¬ 
nehmen und zu einer anderen Pflegemutter in eine andere Gegend zu geben; 
übrigens giebt es noch andere Gründe, die die Anwendung dieses heroischen 
Mittels verhindern. Der Coloniearzt ist der Arzt der Gemeinde; seine Pflicht, 
sein instinctives Bestreben richtet sich dahin, vor jedem Bewohner der Ge¬ 
meinde ein beliebter Mann zu sein. Die Wegnahme des Kindes ist aber für 
die Pflegemutter schmerzlich und schädlich. Sie wird gewöhnlich vom Findel¬ 
hause kein anderes Kind bekommen und demzufolge materiell und moralisch 
geschädigt werden. Zu einer solchen Bestrafung kann sich aber der Ge¬ 
meindearzt nur sehr schwer entschlossen. Selbstredend sind die Besorg- 

*) A feh^r Kereszt kassai fiökjänak 4vi jelentdse az 1900, ävre. Kassa 1901. 
22. oldal. 


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Beaufsichtigung der in entgeltliche Aussenpflege gegebenen Kinder. 215 

nis8e betreffs des Wirkens der Colonieärzte noch gesteigerte dort, wo der 
Arzt nicht in der Gemeinde wohnt und diese wöchentlich nur einmal besuchen 
kann. Für die Kinder bleibt dann sehr wenig Zeit übrig. 

Die Beaufsichtigung durch den von der Centrale entsandten Arzt ist 
unentbehrlich und leistet die besten Dienste. Der einzige Fehler besteht 
darin, dass das durch sie gelieferte Material nicht verarbeitet ist und dem¬ 
nach durch die Centrale nicht verwerthet werden kann. 

Das dritte Organ der Beaufsichtigung sind die Aufsichtsdamen, 
deren Wirken nur zur Ergänzung der ärztlichen Controlarbeit dienen kann. 
Die Damen müssen hauptsächlich die Behandlubgsweise, die Kleidung, Woh¬ 
nung, das sittliche Milieu des Kindes controliren. Bei der Verwendung der 
Damen giebt es zwei Systeme. Das eine, nach welchem zeitweise zur Con- 
trolirung der Kinder eine oder mehrere Damen aufgefordert werden, das 
andere, das sogen. Elberfelder System, nach welchem eine Gruppe von Kin¬ 
dern einer Dame zugetheilt werden, die so zu sagen der Vormund der Kinder 
wird und sonst keine andere Aufgabe hat, als sich mit dieser Gruppe zu 
befassen. Unstreitig kann nur mit diesem letzteren System ein Erfolg er¬ 
reicht werden, da nur in diesem Continuität, Folgerichtigkeit zu finden ist 
und wir ja schon nachdrücklichst erwähnten, dass die episodenhafte Controle 
werthlos ist. 

Die Nachtheile der episodenhaften Controle bestehen darin, dass 
der Status quo ante unbekannt ist, daher Vergleiche unmöglich sind. Bei 
jedem einzelnen schlecht aussehendem Kinde wird die Antwort gegeben: 
„Ach, wenn Sie es nur früher gesehen hätten“, „jetzt wird es ja immer 
dicker, aber vorher!“ — und so ist der Werth der Controle zweifelhaft und 
nachdem auch noch die Continuität fehlt, geht fast jeder Werth verloren. 

Um bei diesem Systeme solch glänzende Erfolge zu erzielen, wie der 
Landesverein zum Weissen Kreuze aufzuweisen hat, ist die ausserordent¬ 
liche Gewissenhaftigkeit der Mitwirkenden, ihre unermüdliche Begeisterung 
nothwendig. In unserem Vereine sind diese Bedingungen vorhanden. Jene 
edle Ambition, die den Vereinsleiter, Chefarzt Dr. Szalardi in Budapest, er¬ 
füllt, ging auch auf die unter ihm wirkenden Hülfskräfte über, und nur so 
konnten in den durch die bescheidenen materiellen Mittel errichteten Schranken 
so schöne Resultate erreicht werden. Der Erfolg auch staatlicher Institu¬ 
tionen hängt zweifellos gleichfalls vom Eifer der Mitwirkenden ab, doch 
erscheint es hier als unabweisbar, dass ein möglichst vollkommenes System 
den Rahmen bilde. 

Nach alledem will ich nun jenes System erörtern, welches sich im 
Teme8värer Institute nach längeren Studien und Versuchen herausbildete 
und welches als das allervollkommenste erscheint. Im Temesvärer 
System finden wir die centrale Führung der Controle, ihre Conti¬ 
nuität, endlich die enge Verbindung zwischen ihren einzelnen 
Factoren. Das Temesvärer System vereinigt die Vorzüge der Elberfelder 
und Leipziger Systeme, die Nutzungen der Pariser consultations de nouris- 
sons l \ mit neuen Einrichtungen ergänzt. 

Ueberblicke ich die Postulate, die Baginsky 1886 in seiner wieder- 


*) Siehe „D£population et puericultur Strauss u . Paris 1901. 


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216 


Dr. Alexander Szana, 


holt angeführten Schrift betreffs der Beaufsichtigung der in Aussenpflege 
befindlichen Kinder stellt, so erscheint mir mein nunmehr in die Praxis ein- 
geführtes System als ein Idol, wie es Baginsky selbst zu wünschen nicht 
wagte. Baginsky wünscht: „Jedes in den Büchern der Waisenräthe ge¬ 
führtes Kind ist in den ersten zwei Lebensjahren monatlich wenigstens ein¬ 
mal, später alle Vierteljahre von dem Waisenrathe oder der ihn vertretenden 
Dame zu besuchen. Ueber den Befund der Pflegestelle und des Pflegekindes 
ist ein Fragebogen auszufüllen und am Schlüsse desselben ein summarisches 
Urtheil (Censur) über die Pflege zu geben. Die ausgefüllten Fragebogen 
sind zunächst dem Vorsteher der betr. Wirthschaftscommission einzureichen, 
welcher in allen schleunigen Fällen unter Mitunterschrift des betheiligten 
Waisenrathsmitgliedes der Commission und sachverständiger Aerzte nach 
Befinden definitive Anordnungen, die Pflege betreffend, zu treffen hat. Sämmt- 
liche Berichte gelangen in noch zu bestimmenden, aus der Praxis sich weiter¬ 
hin ergebenden Zeiträumen an den Vormundschaftsrichter." 

Stellen wir dieser damaligen bescheidenen und doch nicht erfüllten 
Pia desideria gegenüber, was bei uns schon thatsächlich eingeführt ist 

Das System ist nicht kostspieliger als die bisherigen Systeme, nur er¬ 
fordert es etwas mehr Arbeit von den einzelnen Mitwirkenden. Diese Arbeit 
wird aber jeder Freund unserer Sache gerne leisten. 

Temesvarer System. Aufnahme. 

Bei der Aufnahme in das Findelhaus, recte Kinderschutzheim, erhält 
jedes Kind einen Kopfzettel. Dieser enthält die Beschreibung der Körper¬ 
entwickelung des Kindes in erster Reihe und hauptsächlich das Körper¬ 
gewicht. Ich finde es für nothwendig, auf dem Kopfzettel auch jene 
anamnestischen Daten zu erwähnen, die auf die hereditären Neigungen des 
Kindes eine Schlussfolgerung gestatten *). Hauptgewicht legen wir jedoch bei 
dieser Gelegenheit, wie auch bei allen weiteren Controlen, auf das Körper¬ 
gewicht, aus dem man, einige seltene Fälle abgerechnet, auf die Entwicke¬ 
lung des Kindes folgern kann. 

Während eines eventuellen Aufenthaltes im Institute, Kinderasyle, wird 
dieser Kopfzettel klinikmässig geführt. 

Hinausgabe. 

Wenn nun das Kind zu seinen Pflegeeltern hinausgegeben wird, wird 
der Kopfzettel keineswegs ad acta gelegt, sondern als Gesundheits¬ 
stammblatt weitergeführt. Gerade so, wie das eigentliche Stammblatt *) 
sämmtliche administrative Daten des Kindes enthält, wird dieser Kopfzettel 
die Gesundheitsgeschichte des Kindes enthalten. Bei der Hinausgabe 
des Kindes wird der Tag der nächsten Controle durch den be¬ 
treffenden Arzt festgesetzt. 

Aufzeichnung der nächsten Controle. 

Der Tag dieser allernächsten Controle wird in dem Controltermin- 

l ) Ein musterhafter Kopfzettel ist „Livret individuel“, welches das Nancyer 
„Goutte de lait“ führt und das 68 Daten über das Kind resp. die Eltern enthält. 

*) „Catasterblatt“ in Steiermark. 


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Beaufsichtigung der in entgeltliehe Aussenpflege gegebenen Kinder. 217 

buch verzeichnet. Dieses Buch ist ein Vermerkskalender, der von folgender 
Eintheilung ist: 

19. Februar 1901. — Montag. 


Name des 

Name 

i 

Wohnort. 

! 

Kopf- 

Wann | Wann muss 

Wer soll 

zu 

der Pflege¬ 

der Pflege¬ 

zettel 

wurde das , es wieder 

1 

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controliren- 

mutter 

mutter 1 

Nr. 

Kind 1 controlirt 

Controle 

den Kindes 

i 



. 

controlirt? | werden? 

üben? 


i 


Zeitpunkt der nächsten Controle. 

Betreffs des Zeitpunktes der nächsten Controle haben wir folgende 
Principien angenommen. 

Bei tadellosem Befunde erfolgt die neuerliche Controle: 

1. Für Kinder unter zwei Jahren bei fremder Pflegemutter im ersten 
Monate nach der Placirung — wöchentlich. 

2. Für Kinder unter zwei Jahren bei fremder Pflegemutter nach einem 
Monate nach der Placirung — monatlich. 

3. Für Kinder unter zwei Jahren bei der eigenen Mutter — alle zwei 
Monate. 

4. In den drei Sommermonaten ist jedes Kind unter zwei Jahren alle 
zwei Wochen zu controliren. 

5. Kinder über zwei Jahre — vierteljährlich. 

6. Kinder über fünf Jahre — halbjährlich. 

Bei nicht zufriedenstellendem Befunde oder Krankheit ist die Controle 
früher durchzuführen. 

Es ist natürlich, dass bei der Hinausgabe des Kindes stets ein Arzt 
anwesend ist und er, der das Ammenbuch unterfertigt, die Fälle genau indi- 
vidualisiren wird. Er wird für Kinder, die während ihres Aufenthaltes im 
Asyl für krank oder wenig widerstandsfähig befunden wurden, einen näheren 
Termin zur Controle bestimmen, als für Kinder mit eiserner Gesundheit. 

Wichtig ist auch die Feststellung, wer die nächste Controle durchführe 
dies wird natürlich durch den speciellen Zweck der Controle bestimmt. 

Die Organe der nächsten Controle. 
a) Die Feststellung des Gewichtes in der Centrale. 

Hauptprincip ist es, und hierauf lege ich grosses Gewicht, dass die 
nicht durch die eigene Mutter genährten Säuglinge (bis zum 
zweiten Lebensalter) in der Centrale durch den Arzt untersucht 
und gewogen werden. Unter diesen Säuglingen ist die Sterblichkeit die 
grösste. Und gerade diese Sterblichkeit kann man am sichersten verhindern. 


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218 


Dr. Alexander Szana, 


Naturgemäss gelangen die meisten dieser Säuglinge zu solchen Müttern, 
deren Milch bedeutend älter als das Kind ist. In den meisten Fällen hindert 
dies nun selbst eine vorzügliche Entwickelung des Kindes nicht 1 ), doch 
manche Frau bat zu dieser Zeit schon eine solch ungeeignete Milch, dass 
das Kind an dieser Brust sich nicht entwickeln könnte. Durch chemische 
Untersuchung der Milch kann dies nicht klargelegt werden; auch ist 
es unmöglich, dies an dem eigenen Kinde der Pflegemutter zu constatiren, 
denn dieses isst im achten bis zwölften Monate ohnehin schon fast Alles. 
Ob nun die Pflegemutter für das ihr übergebene Kind geeignet ist, kann 
man nur durch das wöchentliche Wägen des Kindes eruiren. Wenn das 
Kind* wöchentlich nicht in dem für das einzelne Alter festgesetzten durch¬ 
schnittlichen Procentsatz zunimmt, ist die Frau für dieses Kind ungeeignet, 
und nach zwei- bis dreiwöchentlichem Zuwarten, bei beunruhigender Ab¬ 
nahme schon früher, nehmen wir das Kind einfach fort. Das ist auch der 
Grund, wesshalb das Wä^en in der Centrale zu erfolgen hat. Der Colonie- 
arzt ist aus den früher erwähnten Gründen mit dieser Feststellung des 
Körpergewichtes nur ausnahmsweise zu betrauen. Nur bei sehr schlechter 
Witterung, im frostigsten Winter, liess ich die Säuglinge nicht in die Cen¬ 
trale kommen. Sonst ist es ja eine bekannte Sache, wie gut Säuglinge bei 
sorgsamer Einhüllung den Einflüssen der Witterung widerstehen. Das Wiegen 
selbst kann durch eine einfache Inspection nicht ersetzt werden. Wenn ein 
gut genährter, pausbäckiger Säugling vier Wochen lang auch nicht zunimmt, 
so ist oder kann sein Aeusseres dennoch tadellos sein. Wiederholt bekommen 
wir Meldungen von Seite des Gemeindearztes, das Kind gedeihe wunderbar, 
wogegen die Waage einen Stillstand seit vielen Wochen oder sogar eine 
kleine Abnahme zeigt. Mit freiem Auge ist es nicht zu constatiren, ob das 
Kind nicht zunahm. Daran kann man gar nicht zweifeln, dass eine solche 
Pflegemutter, bei der ein Säugling vier Wochen lang nicht zunimmt, zur 
Weiterernährung nicht geeignet ist. 

In solchen Fällen, ferner in allen ernsteren Fällen, erfolgt die nächste 
Controle in der Centrale. Die Pflicht, in die Centrale zu kommen, ist un¬ 
streitig eine grosse Last für die Pflegemutter, doch wir binden die Hinaus¬ 
gabe des Kindes an diese Verpflichtung, und bisher hat desswegen keine ein¬ 
zige Pflegemutter die Uebernahme des Kindes verweigert. 

Einen weiteren grossen Nutzen dieser ärztlichen Controle in der Centrale 
bilden die sich dort ergebenden Belehrungen. Die Mutter gewöhnt sich 
durch das Wägen des Kindes an eine gewisse Verantwortlichkeit. Sie sieht 
in der Gewichtscontrole des Kindes bald einen Selbstzweck. Jede Gewichts¬ 
steigerung freut sie, jede Abnahme entsetzt sie. Durch Vergleich mit den 
anderen zur Controle hineingekommenen Säuglingen wächst ihre Ambition, 
doch erkennt sie auch bald die Richtigkeit der ärztlichen Belehrungen. Diese 
Zusammenkünfte geben eine wahre Volksschule der Säuglingspflege, und 
jeder Hygieniker wird einer solchen Constdtalion de nourisson mit aufrich¬ 
tiger Freude zusehen. Für die grossen Erfolge dieser ärztlichen Beaufsich¬ 
tigung und Berathung spricht es, dass die Pariser Behörden in den letzten 
zwei Jahren neun solche Säuglingsconsultationen, verbunden mit der Abgabe 

*) Siehe die Arbeiten Epstein’s, dann Czerny und Keller: „Die Ernäh¬ 
rung des Kindes“. Leipzig 1901. 


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Beaufsichtigung der in entgeltliche Aussenpflege gegebenen Kinder. 219 

sterilisirter Milch, errichtet haben l ). Wir geben häufig den Müttern auch 
noch gedruckte Belehrungen 8 ). 

b) Coloniearztcontrole. 

Ausser dem ärztlichen Leiter der Centrale ist als Controlorgan der 
Coloniearzt zu betrachten. Wenn wir die allernächste Controle auf Grund 
der weiter oben ausgeführten Principien dem Coloniearzte überlassen, senden 
wir ihm folgende Postkarte: 


Landesrerein zum Weissen Kreuze. — Temesvärer Filialinstitut. 


Geehrter Herr College! 

Belieben Sie uns über das Körpergewicht (nach Abzug der Kleidung) 

und das Befinden des Kindes Namens. 

(Name der Pflegemutter) .zu berichten. 

Insbesondere ersuchen wir Sie, 

Teme8vär, 190 

Mit collegialem Gruss 

Directionsarzt. 


Der Arzt antwortet ebenfalls auf vorgedruckter Karte, 
c) Aufsichtsdamencontrole. 

Weniger specialistische Beaufsichtigungen kann man den Aufsichtsdamen 
überlassen. Zu solchen fordern wir an dem Aufenthaltsorte des Kindes woh¬ 
nende intelligentere Damen auf und einer Dame geben wir vier, nur noth- 
falls sieben und ausnahmsweise acht Kinder zur Beaufsichtigung. Aufsichts¬ 
damen ernennen wir auf Empfehlung des Geistlichen, Notars oder Colonie- 
arztes der betreffenden Gemeinde. Die Ernennung geschieht mittelst eines 
in warmem Tone gehaltenen Documentes, in dem betont wird, dass die Auf¬ 
sichtsdame berufen ist, das Wirken des Arztes zu ergänzen. Sie ist der 
Vormund der vier Kinder, jede Klage gegen die Pflegemutter genügt, dass 
wir das Kind sofort wegnehmen. Den Namen des Kindes theilen wir auf 
schönem Cartonblatte mit: 


Namens- und Wohnnngsliste 

der durch das Temesvärer Filialinstitut des Landes Vereines zum WeisRen 
Kreuze erzogenen und der Beaufsichtigung der gnädigen Frau 

anvertrauten Kinder. 


*) Siehe Budin, Le nourisson, Paris 1900; Strauss, Depopulation et puäri- 
cultur, Paris 1901; Dr. Szana, Säuglingsmilch in den Städten; Vortrag auf der 
Wanderversammlung ungarischer Aerzte in Bärtfa 1901. 

*) Dr. Neumann, Aerztliche Anweisungen für die Mütter kranker Kinder. 
Berlin. 


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220 


Dr. Alexander Szana, 


Diese vier Kinder können die Damen nach Belieben besuchen, dürfen 
dieselben sogar zu sich bringen lassen. Es ist jedoch bekannt und überall 
wurde die Erfahrung gemacht x ), dass die Damen, so gerne sie sich mit der 
Beaufsichtigung befassen, so schwer sind sie zu schriftlichen Berichten zu 
bewegen. Um hier Abhülfe zu schaffen, senden wir jeder Dame von Zeit zn 
Zeit zehn Exemplare der folgenden Drucksorte nebst entsprechend adressirten 
Rückcouverts. 


Die zu melden gewünschten Daten bitten wir zn unterstreichen! 


Geehrte Direction! 

Ich verständige Sie, dass das Kind Namens 
krank aussieht, 
sich schlecht entwickelt, 
nicht genügende Nahrung erhält, 
unrein gehalten wird, 

keine entsprechende Kleidung, Wäsche, Schuhe hat, 

schlecht behandelt wird, 

in ungesunder Wohnung ist, 

nicht unter gehöriger Aufsicht ist, 

ein unreines Bett hat. 


Unterschrift. 

Datum 


Der Erfolg dieses einfachen Kniffes ist ausgezeichnet. Täglich bringt 
die Post Berichte, welche den Damen nicht mehr Arbeit verursachten, als 
zwei Namen und ein Strich. Manche Dame ist sogar sehr ungeduldig und 
wenn dem Verlangen nach Kleidung nicht sofort entsprochen wird, sendet 
sie wöchentlich selbst zwei Berichte. 

Auch zur Anfachung des Interesses der Damen fanden wir ein gutes 
Mittel. Und zwar besteht dies darin, dass wir die Dame von allen das 
Kind betreffenden Angelegenheiten benachrichtigen. Wir zeigen ihr das 
Resultat der ärztlichen Controle an, verständigen sie von der Uebergabe 
neuer Kleider, lassen sogar einen milden Vorwurf durchschimmern, wenn 
irgend eine Vernachlässigung gefunden wurde. Dieses Vorgehen bewährte 
sich glänzend, und die Damen betrachten einen jeden solchen Bericht als 
neuen Impuls zur sorgfältigeren, eifrigeren Controle. 

Die Damen sind dabei nicht verpflichtet, von allen Controlbesuchen 
Bericht zu erstatten, sondern nur, wenn sie uns etwas mittheilen wollen, 
geschieht dies mittelst des erwähnten Formulars. 

In solchen Fällen nun, in denen die in der Centrale nothwendig befun- 


Waisenhausdirector Stalmann’s (Hamburg) Vortrag: Beaufsichtigung der 
in Familienpflege untergebrachten Kiuder. Stenographischer Bericht über die 
XIX. Jahresversammlung des deutschen Vereines für Armenpflege und Wohlthätig- 
keit. Breslau 1899. 


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Beaufsichtigung der in entgeltliche Aussenpflege gegebenen Kinder. 221 

dene und bestimmte nächste Controle einen Arzt nicht benöthigt, indem 
vielleicht nur von einem kleinen Reinlichkeitsfehler die Rede ist y wird für 
die nächste Controle die Aufsichtsdame in das Controlterminbuch ver¬ 
zeichnet. In diesen Fällen fordern wir die Dame brieflich auf und stellen 
ihr zur Antwort folgende Postkarte zur Verfügung. 


Landesverein zum Weissen Kreuze. — Temesvärer Filialinstitut. 

SßtT* Da» Ueberflüssige bitten wir durchzustreichen. 

Geehrte Direction! 

Auf Ihre Aufforderung verständige ich Sie, dass das Kind Namens 


Bchon [nicht mehr] ganz gesund ist, 
schon [nicht mehr] rein gehalten wird, 

die Wohnung der Pflegemutter schon [nicht mehr] gesund ist, 
die Kleidung schon [nicht mehr] genügend ist. 


Achtungsvoll 


Aufsichtsdame des Temesvärer Filialinstitutes 
des unter dem Protectorate der Erzherzogin 
Clotilde stehenden Landes Vereines vom 
Weissen Kreuze. 


Solche Aufforderungen erwiesen sich gleichfalls als vorzügliche Mittel, 
das Interesse der Damen wachzurufen. Und jetzt senden wir solche Aufforde¬ 
rungen schon regelmässig aus, auch wenn wirkliche Nothwendigkeit es nicht 
erheischt. 

Ein ganz ausserordentlicher Mangel in der Thätigkeit der Aufsichts¬ 
damen stellt sich aber gerade in den kritischen Sommerdiarrhoemonaten 
Juli, August, September ein. In diesen Monaten, in denen die Beaufsichti¬ 
gung der Kinder am dringendsten wäre, sind die meisten Damen verreist 
und die Anwesenden lehnen mit Berufung auf die ausserordentliche Hitze 
oft ein Mandat ab. Am auffallendsten ist dieser Mangel in den Städten. 
Ich war daher im Sommer dieses Jahres gezwungen, eine Dame (die adelige 
Wittwe eines früh verstorbenen Richters) gegen Entgelt als Aufsichtsdame 
für diese drei Monate anzustellen. Sie besucht täglich zehn Kinder, hat die 
Pflicht, überall längere Zeit sich aufzuhalten, helehrend und berathend der 
Pflegemutter beizustehen. Ihre Berichte übergiebt sie auf kleinen Blättchen, 
die auf dem gesundheitlichen Stammblatt aufgeklebt werden. 


Bericht der Aufsichtsdame vom 190 

Name Reinlichkeit | Reinlichkeit | Kenntnisse über | Be¬ 
de» Kindes des Kindes | der Wohnuag Säuglingsernährung merkungen 

i .. . 1 ” 

Tag 

des Besuches 


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222 


Dr. Alexander Szana, 


d) Der controlirende Centralarzt. 

Das vierte, äusserst bedeutungsvolle Mittel der Controle ist die Inspec- 
tionsreise des Centralarztes. Zeitweilig wird nämlich aus der Centrale ein 
Arzt zur Ueberprüfung der Colonieen entsandt. Wie oft dies geschehen soll, 
ist eigentlich eine finanzielle Frage. Je öfter, desto besser. Der exmittirte 
Arzt nimmt folgende Drucksorte mit: 

Landesverein zum Weissen Kreuze. — Temesvärer Filiale. 

Controle 

der . Colonie 

am . 190.. 

Name des Controlarztes 
Begleiter.. 

Weisungen: 

Mit I. wird jenes Kind bezeichnet, das rothe Backen, rothe Nackenhaut, 
reiche Fettpolster und eine seinem Alter entsprechende Entwickelung 
aufweist. Also tadellos ist. 

Mit II. wird berichtet, dass Krankheit wohl nicht zu finden ist, aber das 
ganze Aeussere die obigen Bedingungen nicht erreicht. 

Krankheit wird ausdrücklich benannt. 

Neuerliche Controle erfolgt bei tadellosem Befunde: 

1. Ueber ein Kind unter zwei Jahren bei fremder Pflegemutter, im ersten 
Monate nach der Placirung — wöchentlich. 

2. Ueber ein Kind unter zwei Jahren bei fremder Pflegemutter nach dem 
ersten Monate — monatlich. 

3. Ueber ein Kind unter zwei Jahren bei der eigenen Mutter — zwei¬ 
monatlich. 

4. In den drei Sommermonaten ist jedes Kind unter zwei Jahren zwei* 
wöchentlich zu controliren. J 

5. Kinder über zwei Jahren — vierteljährlich. 

6. Kinder über fünf Jahren — halbjährlich. 

Bei nicht befriedigendem Befunde oder Krankheit ist frühere Controle 

nothwendig. 


Bückseite. 


Nr. 

Name 

des 

Kindes 

Alter 

Name 

der 

Pflege¬ 

mutter 

i Resultat 

der 

letzten 

Controle 

Resultat 

der 

gegen¬ 

wärtigen 

Controle 

Ge¬ 

wicht 

Zeit¬ 
punkt der 
nächsten 
Controle 

i 

i 

1 Bemer¬ 
kungen 
(Reinheit 
etc.) 

i 

i 

j 

1 | 

i 1 

1 

i 





i 

i 

| ' 1 , 

1_ 


Der Vorzug dieses Formulars besteht darin, dass der Arzt orientirt ist 
über die Vergangenheit des Kindes und kann die Aufmerksamkeit in der 
letzten Rubrik noch eigens auf zu berücksichtigende Dinge gelenkt werden. 
Auf Grund der unmittelbaren Eindrücke wird dann der Arzt an Ort und 
Stelle den Zeitpunkt der allernächsten Controle bestimmen. 


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Beaufsichtigung der in entgeltliche Aussenpflege gegebenen Kinder. 223 

Von seiner Inspectionsreise zurückgekehrt, wird das Meldeblatt sofort 
aufgearbeitet. Und zwar a) das Resultat der Controle wird auf dem Kopf¬ 
blatte des betr. Kindes notirt; b) die nächste Controlzeit wird in das Control¬ 
terminbuch verzeichnet; c) vom Resultate werden die betr. Aufsichtsdamen 
verständigt. 

Weitere Controlen. 

Der Tag der weiteren Controlen wird stets anlässlich der letzten Con¬ 
trolen bestimmt. Das ist unstreitig am richtigsten. Es ist der gewonnene 
Eindruck, der über die Dringlichkeit der nächsten Beaufsichtigungen, natür¬ 
lich in dem Rahmen der festgesetzten Principien, entscheidet. 

Es ist nur natürlich, dass diese aus der Centrale dirigirten Beaufsich¬ 
tigungen die öfteren Controlbesuche der Colonieärzte und‘Aufsichtsdamen 
nicht ausschliessen. Im Gegentheile, diese Centralcontrolen bieten einen 
Rahmen, den sämmtliche Factoren mit je häufigeren und wirksamen Con¬ 
trolen auszufüllen bestrebt sein werden, damit die Centralorgane je bessere 
Zustände finden mögen. 


Belehrung der Pflegemütter. 

Ein weiteres Mittel zur Erreichung unseres Zweckes ist die Belehrung der 
Pflegemütter. Diese Belehrung geschieht in erster Reihe im Ammenbuche. 
Vor mir liegen die Ammenweisungen von Steiermark, Halle, Hamburg, Posen, 
Elberfeld und Leipzig. Sie sind alle ähnlich. UnBer von Docent Dr. Sza- 
lardi verfasstes ist vielleicht das allerklarste und kürzeste. Die Centrale 
des Weissen-Kreuz -Vereines pflegt im Juni die Filialanstalten auf die 
Sommerdiarrhoe der Kinder mit der Weisung aufmerksam zu machen, dass 
im Wege der Colonieärzte auf die Pflegemütter eingewirkt werde. Wir in 
Temesvär kommen dieser Aufforderung in der Weise nach, dass wir den 
Pflegemüttern auf l / 4 Bogen härteren Papiers folgende gedruckte Mitthei¬ 
lungen senden: 


Christus sagte: Wer Eines von 
diesen Kleinen aufnimmt, der 
nimmt mich auf. 

Matth&us 18. K. 

In Ungarn sterben jeden Sommer 60 000 Kinder an Diarrhoe! 

Die Pflegemütter, die vom Weissen-Kreuz-Vereine Kinder erziehen, 
werden daher aufmerksam gemacht, dass: 

1. es strenge verboten ist, im Sommer die Kinder zu entwöhnen; 

2. es strenge verboten ist, den Säuglingen etwas anderes, als gleich nach 
dem Melken aufgekochte Milch zu geben, welche Milch vor Genuss 
noch einmal aufgekocht werden muss (hierzu ist auch des Arztes Ein¬ 
willigung nöthig); 

3. wenn das Kind die geringste Diarrhoe hat, man ihm gar nichts mehr 
geben darf, sondern sofort den Arzt rufen muss. 

Diese Belehrung geben wir übrigens auch den Aufsichtsdamen bekannt, 
indem wir für diese Monate um ihre gesteigerte Wirksamkeit bitten. Leider 
ist dies, wie schon bemerkt, gewöhnlich erfolglos, wesshalb wir für diese Zeit 
eine bezahlte Inspectionsdame anstellen. 



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224 


Dr. Alexander Szana, 


Ueberdies haben wir es in unser Programm aufgenommen, im Sommer 
während der Inspectionsreise auf den Golonieen Vorträge zu halten und in 
denselben dem Volke von den Sommergefahren zu erzählen. In Südungarn 
geht das Volk sehr gerne zu diesen Vorlesungen, und wir hielten auch schon 
solche mit grossem Erfolge. Ich bemerke hierbei aber, dass ausser all¬ 
gemeinen Reinheitsregeln ich nur die Principien der Säuglingsernährung 
von ärztlichem Standpunkte zu behandeln die Absicht habe. Für die Er¬ 
nährung der grösseren Kinder hat die ärztliche Wissenschaft noch keine 
bestimmten wissenschaftlichen Principien. Die Auffassungen schwanken 
noch l ) und der Erfolg spricht eher für die in den Bauernhäusern gebräuch¬ 
liche Ernährungsweise, als für den ärztlich dirigirten Speisezettel der vor¬ 
nehmeren Familien 2 ). 

Die Belehrung der Pflegemütter, die ja bei unserer Institution oft die 
eigene Mutter ist, bildet einen wichtigen Punkt der Wirksamkeit der ganzen 
Institution der Kinderasyle. Unsere Erfahrung macht es zweifellos, dass 
die Mehrzahl der sterbenden Säuglinge ein Opfer der Unwissenheit der 
Mutter ist. Jede einzelne von uns unter Androhung von Strafen und Ent¬ 
zug der Pflege belehrte Mutter ist nun nicht nur eine für rationelle Kinder¬ 
pflege gewonnene Mutter, sondern sie bildet gleichzeitig ein Centrum, von 
wo aus die Lehren der richtigen Kindespflege sich ausbreiten. Ihr trefflich 
gedeihendes Kind wird eine Reclame für die Lehren der richtigen Kinder¬ 
pflege. Einzelne besonders ambitionirte Colonieärzte halten im Winter der 
Landbevölkerung Curse über Kinderpflege, und Dr. Gömöry giebt sogar nur 
solchen Frauen die Concession zur Pflegemutter, die sich einer Prüfung ihrer 
Kenntnisse unterziehen. 

Stammbuch der Pflegemütter. 

Eine wichtige Einrichtung ist noch, dass wir über die Pflegemütter ein 
Stammbuch führen. Zu diesem Zwecke gebrauchen wir ein alphabetisches 
Namenregisterbuch. Jeden Tod schreiben wir zu Lasten der Pflegemutter, 
jede besonders gelungene Pflege zu ihren Gunsten. Dies erscheint schon 
desshalb nothwendig, damit wir jener Bestimmung der ministeriellen Verord¬ 
nung Nr. 50000/1898 nachkommen, die verfügt, dass, wo zwei Kinder — 
selbst wenn ohne Verschulden der Pflegemutter — starben, dorthin kein 
weitere^ Kind gegeben werden kann. Die Führung des erwähnten Buches 
ist auch nothwendig zur gerechten Vertheilung der Belohnungen. Wir ver¬ 
achten selbst die so häufigen anonymen Anklagen betreffs der Behandlung 
der Kinder nicht. Der Zweck heiligt die Mittel und wenn irgendwo, gilt 
es hier, dass „Kein Rauch ohne Feuer“. Jede Anzeige wird durch uns 
gründlich untersucht. Das Resultat verzeichnen wir auf dem Stammblatte 
der Pflegemutter. Wenn wir auch nichts Anderes erreichen, so doch das, 
dass die Pflegemutter fühlt, sie werde von geheimen Beobachtern umringt. 

Hiermit glaube ich, die Beschreibung des in Temesvär angewendeten 
Controlsystems beendigen zu können. 

1 ) Prof. Eulenburg: „Hygiene des Kindesalters“. Kleines Journal für Hy¬ 
giene 1900. 

2 ) Dr. Szana: Temesvär, „Untersuchungen über die Ursachen der Ueber- 
ernährung und Unterernährung bei Kindern“. Berlin 1901. 


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Beaufsichtigung der in entgeltliche Aussenpflege gegebenen Kinder. 225 

Die Charakteristik des Systems besteht in Folgendem: 

1. In der Centrale werden Stammblätter geführt über die Gesundheits- 
Verhältnisse t Entwickelung und Gewichts Verhältnisse aller Kinder. 
Diese Daten liefern die Controlen. 

2. Die Controlen sind nicht zufällige, sondern nach bestimmten Princi- 
pien bestimmte, indem bei der letzten Controle stets der Zeitpunkt 
der nächsten festgesetzt, deren pünktliche Einhaltung durch das 
Evidenzhaltungs^uch ermöglicht wird. 

3. Säuglinge, die nicht durch die eigene Mutter genährt werden, werden 
in der Centrale erst wöchentlich, bei befriedigender Entwickelung 
später seltener gewogen. 

4. Ueber vier bis fünf Kinder wird eine Dame mit der vormundschaft¬ 
lichen Beaufsichtigung betraut, und diese Dame referirt der Centrale 
auf unseren Drucksorten durch einfaches Unterstreichen, wogegen sie 
von allen auf das Kind Bezug habenden Daten verständigt wird. 
Nur nothfalls wird über mehrere Kinder eine bezahlte Aufsichtsdame 
angestellt. 

5. Ueber die Pflegeeltern wird ein Stammbuch geführt, in dem alle auf 
dieselben Bezug habenden Daten eingetragen werden. 

Die Vorzüge des Systems über die bisher angewendeten und in der 
Fachliteratur besprochenen Systeme bestehen darin: 

a) die verantwortungspflichtige Centrale vermag täglich über die Ent¬ 
wickelung eines jeden einzelnen Kindes Rechenschaft zu geben; 

b) die Zahl und Zeit der Controlen setzt stets ein Arzt auf Grund der 
Gesundheitsgeschichte des Kindes fest; 

c) Pflegemutter, Coloniearzt und Aufsichtsdame sehen, dass ihre Wirk¬ 
samkeit betreffs jeden einzelnen Kindes controlirt wird; 

d) durch das Wiegen der Säuglinge in der Centrale ist es mit 
Sicherheit zu vermeiden, dass das Kind bei einer ungeeig¬ 
neten Pflegemutter bleibe. Und zwar wird die Ungeeignet¬ 
heit durch das Wiegen zu einer Zeit constatirt, in der 
Hülfe noch möglich ist, während mit freiem Auge zumeist nur 
mehr die nicht wieder gut zu machende Schädigung wahrgenommen 
werden kann. 

Damit dieses System mit all seinen Vorzügen angewendet werden könne, 
sind in das Aufsichtsstatut folgende Punkte aufzunehmen: 

I. Ueber jedes Kind wird ein Gesundheitsstammblatt auf Grund der 
Controlresultate geführt. 

II. Die Bestimmung der Controlzeit erfolgt in der Centrale durch den 
Arzt auf Grund des letzten Befundes und wird in das Controltermin¬ 
buch eingetragen. 

III. Das obligate Wiegen der nicht durch die eigene Mutter genährten 
Säuglinge in der Centrale. 

IV. Die Ernennung und Verwendung der Aufsichtsdamen in der be¬ 
schriebenen Weise. 

V. Die Führung eines Stammbuches über die Pflegemütter. 


VierteljahrBBchrift für Gesundheitspflege, 1902. 


15 


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226 


Wasserbauinspector Schümann, 


Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer 

zu Berlin. 

Von Wasserbauinspector Schümann (Berlin). 


Die Verunreinigung der Berliner Wasserläufe hat in den letzten 
Jahren allgemach einen solchen Umfang angenommen, dass es, abgesehen 
von ästhetischen Bedenken, allein aus gesundheitlichen Gründen geboten 
erscheint, sie auf ihre Ursachen hin zu prüfen und gegebenenfalls Mittel 
zur Abhülfe vorzuschlagen. 

Die Vorwürfe richten sich zumeist dagegen, dass die Nothauslässe zu 
häufig in Thätigkeit treten, worauf nicht nur der äussere Anblick der nach 
jedem stärkeren liegenfall mit schmutzigem Wasser gefüllten Flussbetten, 
sondern auch im Sommer das Fischsterben und an manchen Stellen Aus¬ 
dünstungen hinweisen, die bei den Anwohnern Anstoss und Besorgniss 
erregen. 

Die Forderung, die an den Grad der Reinheit eines Wasserlaufes als 
untere Grenze gestellt werden muss, ist, dass die Verunreinigung ein erträg¬ 
liches Maas8, das von der Natur des Flusses abhängt, nicht überschreitet, 
insbesondere, dass Nase und Auge nicht durch umherschwimmende Stoffe 
belästigt werden, und die Flusssohle nicht übermässig verschlammt ist. 

Bevor nun auf die Berechtigung der vielfach erhobenen Klagen ein¬ 
gegangen wird, soll zunächst die Art der Entwässerung von Berlin und 
seinen Vororten, soweit ihre Vorfluth nach dem Spreebecken weist, und die 
anderweitigen Quellen von Verschmutzungen der öffentlichen Wasserläufe 
kurz berührt werden. 

Bekanntlich wurde Berlin durch die von Alters her übliche Be¬ 
seitigung der Abwässer und die damit verbundene Verjauchung der Wasser¬ 
läufe bei der stetig wachsenden Bevölkerung schon in den fünfziger Jahren 
gezwungen, einer gesundheitsmässigen, unterirdischen Entwässerung der Stadt 
näher zu treten, die nach Hobrecht’sehen Entwürfen in den Jahren 1873 
bis 1893 ausgeführt und seitdem nach Bedarf weiter ausgebaut wurde. 
Aus dem gegenüberstehenden Lageplan sind die Grenzen der 12 Radialbezirke, 
die an einigen Stellen aus örtlichen Gründen über das Weichbild hinausgreifen, 
und auf S. 230 ihre Grösse, das Jahr ihrer Eröffnung und sonstige Angaben 
von Bedeutung ersichtlich; es fehlt demnach nur noch der BezirkXI, dessen 
Ausbau wegen seiner geringen Bebauung noch nicht in Angriff genommen ist. 

Bei der Entscheidung über die Frage, ob Regen- und Hauswässer in 
zwei getrennten oder in einer gemeinsamen Leitung abgeführt werden 
sollen, entschloss sich die Stadt für die letztere Art: das Miscbsystem, in¬ 
dem Hobrecht, gestützt auf die grundlegenden Untersuchungen von 
E. Wiebe, nach Gegenüberstellung der Vorzüge und Nachtheile des Trenn- 
und des Mischsystems, darauf hinwies, dass, „wenn in irgend einer Stadt 


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Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. 227 

das combinirte System den Vorzug verdient, dies in Berlin der Fall ist, 
ja, dass es hier das einzig anwendbare ist“ x ). 

Berlin und Umgebung. 



Legende: Die ganz und die theilweise — gerade und schräg — schraffirten Flächen bezeichnen diejenigen 
Gebiete von Berlin, Charlottenburg und Bixdorf, die canalisirt sind oder noch angeschlossen werden sollen. 


Demgemäss wurden die Abmessungen für das gemeinsame Leitungs¬ 
netz so gross gewählt, dass „ein Regenfall von 4mm Höhe und, unter der 
Voraussetzung, dass in Folge Verdunstung, Versickerung und verlang¬ 
samten Abfluss 2 ) nur ein Drittel des Niederschlages den Leitungen zufliesst 
(da der durchaus sandige Boden von Berlin eine starke Versickerung wahr- 


x ) Hobrecht, Canalisation von Berlin, S. 87. 
*) Ebenda, S. 103. 


15* 


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228 


Wasserbauinspector Schümann, 


sc-heinlich macht), ein Regenfall 1 ) von 12 mm und, halbe vorherige Füllung 
der Leitung vorausgesetzt, ein Regenfall von 6 mm zur gänzlichen Füllung 
derselben erforderlich ist“. Die secundliche Gesammtwassermenge wurde 
zu 22*7 Liter für das Hektar angenommen, von denen auf das Hauswasser 
1*5 Liter und auf das Regenwasser 21*2 Liter entfallen. 

Bei der Ausführung wurden die nach diesen Grundsätzen berechneten 
Abmessungen der Leitungen des weiteren bis um etwa ein Drittel erhöht 
und zur wirksamen Entlastung des Rohrnetzes bei aussergewöhnlichen 
Regenfällen eine Anzahl von Nothauslässen rechnerisch ermittelt, die jedoch 
zur weiteren Sicherheit durch eine Reihe überzähliger Nothauslässe an ört¬ 
lich besonders geeigneten Stellen noch vermehrt wurden. 

Hiernach sind in den zunächst bis zum Jahre 1881 erbauten Radial- 
bezirken I bis IV 30 Nothauslässe von den Strombehörden genehmigt 
worden; dass aber diese Anzahl nicht ausreichte, zeigte das regnerische 
Jahr 1882 mit 763mm Regenhöhe, von denen 188mm allein auf den Juli 
entfielen. In den nächsten Jahren wurden durch 25 weitere Nothauslässe 
die vorhandenen ergänzt, und unter Berücksichtigung der gemachten Er¬ 
fahrungen ihre Anzahl in den übrigen Radialbezirken gleichfalls vermehrt. 
Es sind bis heute für die 11 im Betriebe befindlichen Radialbezirke 120 
Nothauslässe mit einer grossen Anzahl Regenüberfällen genehmigt, von 
denen auf die Spree 53, auf den Landwehr- und Luisenstädtischen Canal 
51 und auf den Spandauer Schifffahrtscanal 10 entfallen, während sechs 
Nothauslässe ohne strombehördliche Genehmigung in den Privatfluss „die 
Panke“ münden. 

Wenngleich die Hobrecht’sehen Annahmen in Betreff der Abfluss¬ 
menge des Regenwassers vielfach und wohl nicht mit Unrecht angegriffen 2 ) 
worden sind, da sie einerseits die Regen höhe und Abfluss men ge zu nie¬ 
drig bemessen, andererseits die Abflussdauer über die Regendauer 
hinaus zu wenig berücksichtigen, so konnte doch thatsächlich eine Ueber- 
einstimmung der Annahmen mit der Wirklichkeit bis in die neuere Zeit 
hinein im Allgemeinen wohl festgestellt werden. Dass trotz der mangel¬ 
haften wissenschaftlichen Unterlagen und der fehlenden Erfahrungen in 
anderen Städten von ähnlicher geologischer Lage die Berliner Canalisation 
sich so lange Jahre bewährt und überall hohe Anerkennung gefunden hat, 
lässt die Verdienste Hob recht* 8 in einem um so helleren Lichte erscheinen. 

Für die Segnungen, die die Stadt Berlin der Canalisation, verbunden 
mit einer reichlichen Trinkwasserversorgung, verdankt, spricht die Abnahme 
der Todesfälle vielleicht die eindringlichste Sprache. Es betrugen 


Die Todesfälle 

In den Jahren 

1875 

1880 

1885 

1890 

1895 

1899 

Ueberhaupt vom Tausend. 

Durch Typhus vom Zehntausend . . 

32 9 

97 

29*7 

4’5 

24-4 

1*6 

21*5 

09 

21*1 

0-6 

19*5 

04 


x ) Ebenda, S. 145. 

*) Z. B. Büsing, Zeitschrift „Gesundheit“, 1900, Nr. 7. 


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Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. 229 

Wenngleich die Verbesserung der Lebenshaltung in Folge des wirth- 
schaftlichen Aufschwunges in den letzten 25 Jahren nicht ohne Einfluss 
auf die Abnahme der Sterblichkeit gewesen ist, so muss doch der Regens¬ 
reichen Einwirkung der Canalisation ein vollgestrichenes Maass zugebilligt 
werden. 

Ueber den gewaltigen Umfang des Betriebes in den Pumpwerken geben 
die von Jahr zu Jahr steigenden Mengen des geförderten Abwassers Auf¬ 
schluss, die wiederum abhängig sind von der Anzahl der angeschlossenen 
Gebäude und ihrer Bewohner, von den zugeführten Reinwassermengen und 
des Theiles der jährlichen Regenmenge, der nicht verdunstet und der durch 
die Nothauslässe entweicht. Ueber diese Regenmenge wird jedoch aus der 
Tabelle kein Aufschluss zu erhalten sein, da nicht nur das aus den Strassen- 
und Hofbrunnen, sondern auch das zu gewerblichen Zwecken aus Tiefbrunnen 
und den Wasserläufen entnommene Wasser zum Theil mit abgeführt wird. 


Jahr 

Einwohner¬ 
zahl des 

Weichbildes 

(Tausend) 

Eröffnung 

des 

Radial¬ 

bezirks 

Nummer 

A nzahl 

Durch die 

Pump- 
, Stationen 
wurden bin- 
ausgefordert 
Cubikmeter 

(Million) 

Wasser¬ 
werke in 
die Stadt 
gepumpt 
Cubikm. 

(Million) 

der an¬ 
geschlossenen 

Grundstücke 

ihrer 

Ein¬ 

wohner 

(Tausend); 

1870 

763 



— 


— 

1876 

998 

III 

1 025 

40 | 


17*5 

1879 

l 089 

I, II u. IV 

3 602 

170 I 

5*13 

19*1 

1881 

1 157 

V 

9 867 

580 1 

20*03 

21*9 

1885 , 

1 316 

VII u. VI 

15 895 

1 000 

37*23 

27*5 

1890 1 

1 579 

x u. vni 

19 898 

1 200 

52*48 

35*4 

1891 ! 

1 607 

- 

21 352 

1 400 

58*72 

38*0 

1892 

1 622 

_ 

22 012 

1*550 1 

61*21 

40*0 

1893 

1 641 

' IX u. XII 

22 578 

1 592 

63*55 

41*6 

1894 

1 656 


23 358 

1 665 

66*31 

41*9 

1895 

1 679 


24 689 

1 677 

69*61 

49*0 

1896 

1 723 

_ 

25 259 

1 716 

71*59 

48*9 

1897 1 

1 759 

— 

25 711 

1 744 

73*18 

49*9 

1898 

1 798 


26 114 

1 774 

75*61 

50*7 

1899 

1 845 


26 435 

1 787 

78*01 

51*3 

1900 

1 8*4 


26 745 

1 968 

80*91 

1 1 

53*9 


Während im Allgemeinen jedes bebaute Grundstück von Berlin auf 
Grund der Polizeiverordnung vom 14. Juli 1874 an den Strassencanal an¬ 
geschlossen werden muss, wird für die Einleitung deijenigen gewerblichen 
Abwässer eine Ausnahme zugelassen, deren einwandfreie Beschaffenheit nur 
zur dauernden Belastung der Pumpwerke dienen würde. Diese Abwässer 
werden auf Grund besonderer Genehmigung von Seiten der Strombehörden 
unmittelbar in die öffentlichen Wasserläufe eingeleitet, nachdem sie durch 
Schlammfänge, Fettabscheider, Coksfilter u. s. w. gereinigt worden sind. 

Die übrigen gewerblichen Abwässer fliessen ohne besondere vorherige 
Reinigung der städtischen Canalisation zu. Eine Beaufsichtigung und Prü- 


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230 


W&B8erbauinspector Schümann, 


fuDg derselben wird von Seiten der Stadt im Allgemeinen nicht ausgeübt; 
es besteht nur mit Rücksicht auf die Schonung der Pumpen und Leitungen 
die Vorschrift, dass mehr als 0*1 Proc. freie Säuren und Alkalien nicht im 
Abwasser enthalten sein dürfen. 


Vermittelst Schwemmcanalisation entwässerten im Jahre 1900: 


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Thatsäch- 

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Druckrohre , 



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A. Berliner Radialbezirk einschl. der Gebietsteile von Schöneberg, 
Charlottenburg, Lichtenberg. 


I. 

I| 1879 

272*8 

12 100 

14 

400 | 

! l 

0*75 


II. 

05 

r>. 

00 

349*2 

16 500 

16 

500 

l 

1*00 


III. 

11876 

389*7 

16 600 

30 

400 

1 

0*75 


IV. 

1879 

361*7 

29 400 

19 

800 

l 

1*00 


V. 

1881 

307*8 

38 700 

4 

760 

l 

1*00 


VI. 

1885 

369*1 

12 300 

11 

380 

1 

0*75 


VII. 

1885 

415*4 

18 100 

7 

350 

l 

0*75 


VIII. 

1890 

705*7 

23 000 

11 

550 

1 

1*00 

ca. 76 Proc. angeschlossen 

IX. 

1893 

518*0 

17 000 

3 

180 

l 

0*75 

desgl. 40 Proc. 

X. 

1890 

460*8 

15 600 

1 

350 

1 | 

0*75 

desgl. 60 Proc. 

XI. 

— 

— 

— 

— 

— 

— | 

— 

noch nicht erbaut 

XII. 

1893 

344*0 

16 700 

4 

280 

l 

0*75 

desgl. 75 Proc. 

zusammen . 

5494 

216 000 

120 

4950 







B. Charlottenburger Radialbezirk 


1. 

11890 

723*9 | 

27 500 

5 

li 

715 | 

1 2 

1 

f 0'60 p 
[ 0-75 


2. 

3. 

J _ 


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_ 

I | 


_ | 

j noch nicht erbaut 


C. Rixdorfer Radialbezirk. 

1. I| 1892 | 659 j ? | 2 j 280 || 1 | 0*60 l| 40 Proc. angeschlossen. 


Was nun die Umgebung von Berlin anbelangt (s. Lageplan S. 227), so war 
zunächst Charlottenburg durch ähnliche UnZuträglichkeiten der Abwasser¬ 
beseitigung, wie seiner Zeit Berlin, im Jahre 1885 zu dem Entschlüsse ge¬ 
kommen, die Schwemmcanalisation einzuführen, deren Erfolg in Berlin immer 
mehr zu Tage trat. Abgesehen von kleineren, der Hauptstadt benachbarten 
Theilen im Nordosten und Südosten von Charlottenburg, die an die anstossenden 


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Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. 


231 


Radialbezirke anschlossen, wurde das Gebiet, den örtlichen Verhältnissen 
entsprechend, in drei Radialbezirke getheilt, von denen bisher erst Bezirk 1 
im Wesentlichen nach Berliner Muster in den Jahren 1888 bis 1890 erbaut 
und seitdem vervollständigt wurde. Zu seiner Entlastung dienen fünf 
Nothauslässe, von denen drei in den Landwehrcanal und zwei in die Spree 
entwässern. 

Die übrigen westlichen Vororte Schöneberg, Wilmersdorf, Frie¬ 
denau »Schmargendorf und Colonie Grunewald , die eine Entwässerungs¬ 
genossenschaft bilden, sind vorläufig auf Grund eines .1905 ablaufenden 
Vertrages mit ihrer Entwässerung an die Charlottenburger Canalisation 
aogeschlossen. Die natürliche Vorfluth der zuerst genannten drei Ge¬ 
meinden bildet der seit 1890 in einen geschlossenen Canal umgewandelte 
„schwarze Graben“, der als Nothauslass des Charlottenburger Pumpwerkes 
in die Spree mündet. 

Im Südosten von Berlin entfernt auch Rixdorf seine Abwässer mittelst 
Canalisation nach Berliner Muster. Das etwa zu zwei Drittel bebaute Ge¬ 
biet bildet einen Radialbezirk, von dessen Nothauslässen erst zwei seit den 
Jahren 1893 und 1899 im Betriebe sind und in den Privatfluss „Wiesen¬ 
graben“ entwässern; zehn weitere Nothauslässe, die theils ebenfalls in den 
Wiesengraben, theils in den Landwehrcanal führen sollen, sind entsprechend 
der zunehmenden Bebauung des Stadtgebietes in Aussicht genommen und 
zum Theil schon von den Strombehörden genehmigt worden. 

Von den übrigen östlichen Vororten ist nur der Theil von Lichten- 
berg westlich der Ringbahn angeschlossen, der übrige Theil führt, ebenso 
wie Rummelsburg, seine häuslichen Abwässer, die nach dem Rothe’sehen 
System mechanisch und chemisch (mittelst Chlorkalk, Eisenvitriol u. s. w.) 
geklärt sind, durch den Kuhgraben dem Rummelsburger See zu, während 
die Regenwässer ungeklärt ablaufen. 

Ebenso entwässert Friedrichsfelde durch den Grenzgraben, welcher 
auch die Abwässer der Rieselgüter Schönhausen und Bürknersfelde auf- 
nimmt. 

Auch Pankow, dessen gesammte Abwässer der Panke zufliessen, be¬ 
sitzt seit 1892 eine künstliche Klärung der Hauswässer nach dem Rothe’- 
schen Systeme. 

Bei sämmtlichen übrigen Gemeinden und den zahlreichen Fabriken, 
gewerblichen Anlagen, Wirthschaften u. 8. w. der Oberspree kann man, ab¬ 
gesehen von rühmlichen Ausnahmen, ohne grossen Fehler annehmen, dass 
mindestens die mehr oder weniger geklärten Haus - und Regenwässer mit 
Unterstützung der meist vorhandenen Wasserleitungen in die Spree ge¬ 
langen, vielleicht mit Ausnahme der mittelst Tonnenabfuhr beseitigten 
Fäcalien. 

Eine andere Quelle der Verschmutzung der öffentlichen Wasserstrassen 
bildet die Schifffahrt mit ihrem regen Lösch- und Ladeverkehr, der an 
zusammen 1070 Ladestellen der Spree und der Canäle abgefertigt wird. 
Am 1. December 1900 wurde eine Schifferbevölkerung von 2951 Per¬ 
sonen auf 899 Fahrzeugen gezählt, die sich auf den zusammen 31 km langen 
Wasserläufen vertheilten. Wenngleich Polizeiverordnungen und an den 
Liegeplätzen eingerichtete Aborte den Versuch machen, der unausrottbaren, 


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232 


Wasserbauinspector Schümann, 


weil zu nahe liegenden Unsitte der Sbhiffer, Alles über Bord zu werfen, 
wenigstens innerhalb des Weichbildes zu steuern, so trägt doch der Schiffs¬ 
verkehr, insbesondere an den Häfen, in erheblichem Grade zur Verschmutzung 
der Wasserläufe bei. 

Es hat sich nun im Laufe des letzten Jahrzehnts, weniger in den länd¬ 
lich bebauten Vororten, als hauptsächlich innerhalb des Weichbildes von 
Berlin und Charlottenburg, in zunehmendem Maasse eine Veränderung 
der Regenwasserabführung insofern bemerkbar gemacht, als in Folge der 
dichteren Bebauung und der Zunahme des wasserdichten Pflasters das Regen¬ 
wasser bedeutend schneller und in grösseren Mengen den Leitungen zu- 
fliesst, als früher, wo die mit rauhem, durchlässigem Pflaster versehenen 
Strassen, die vielfach ungepflasterten Höfe und die noch zahlreichen Gärten 
im Inneren der Stadt, die Hob recht’schen Annahmen eher rechtfertigten. 
In Berlin betrug das wasserdichte Pflaster (Asphalt-, Holz- und Steinpflaster 
mit ausgegossenen Fugen u. s. w.) in den Jahren 

1885 1890 1892 1895 1897 1899 

30*6 53*0 59*9 70*7 75*5 82*8 Proc. 

der gesammten Dammfläche. Heute, wo fast alle Strassen der inneren 
Radialbezirke wasserdicht gepflastert sind, kann auch unter Berücksichtigung 
der Schmuckanlagen und des auf den Bürgersteigen noch vorhandenen 
durchlässigen Mosaikpflasters mit Sicherheit angenommen werden, dass 
selbst bei mässigen Regenfällen der grössere Theil der Niederschläge dem 
Rohrnetze zufliesst, von dem sie zunächst zu den Sandfängen der Pump¬ 
stationen, bei stärkeren Regenfällen aber unmittelbar durch die Nothaus- 
lässe in die öffentlichen Gewässer gelangen. 

Leider ist es bei der Höhenlage der Nothauslässe zur Zeit nicht mög¬ 
lich, über die Häufigkeit und die Dauer ihrer Thätigkeit zuverlässige An¬ 
gaben zu erhalten. Zumeist (bei 82 Proc.) liegt ihre Sohle und bei vielen 
die ganze Mündung unter Wasser und nur sechs der Hauptnothauslässe 
(vom Radialbezirk I bis III, V, IX und XII) werden als Schützenwehre mit 
der Hand geöffnet; alle übrigen (114) sind selbstthätige Ueberfälle, deren 
Schwelle zum Theil so niedrig liegt, dass sie schon in voller Thätigkeit 
sind, wenn erst der schnell steigende Pegelstand in den Sandfängen das 
Oeffnen der Hauptnothauslässe fordert. Von einem Missbrauch der Noth¬ 
auslässe, wie vielfach angenommen wird, kann daher wohl nur in den selten¬ 
sten Fällen die Rede sein. Ihre Thätigkeit ist zumeist an einem leichten 
Kräuseln des Wasserspiegels kenntlich; bei starken, plötzlichen Regen¬ 
fällen werden gröbere Verunreinigungen in breitem Strome ausgespieen, 
die, auf der Oberfläche schwimmend, nach längerer Zeit beobachtet werden 
können. 

Zwar werden die Pegelstände in dön Sandfängen allstündlich abgelesen, 
aber da auch die selbstthätigen Hauptnothauslässe zum Theil durch Einlegen 
von Dammbalken während des Betriebes „nach Bedarf“, d. h. willkürlich 
in ihrer Thätigkeit beeinflusst werden, so sind sichere Schlüsse aus diesen 
Aufzeichnungen nicht zu ziehen, zumal sie durch genaue Angaben über 
Dauer und Höhe der Regenfälle ergänzt werden müssten, die nicht vor¬ 
handen Bind. 


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Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. 233 

Von anderer Seite*) gemachte Versuche, aus den Pegelhöhen der Sand¬ 
fänge Schlüsse auf die Thätigkeit der Nothauslässe zu ziehen, sind eben¬ 
falls gescheitert. 

Während bei der Canalisation in Ripdorf in ähnlicher Weise zwar 
über die Thätigkeit des einen, mit Schützen verschlossenen Nothauslasses 
sorgfältige Aufzeichnungen gemacht werden, aber die des anderen, festen 
Nothauslasses nicht beaufsichtigt werden kann, liegen die Verhältnisse in 
Gharlottenburg bei Weitem klarer. Hier sind alle Nothauslässe als feste 
Ueberfälle ausgebildet, deren niedrigster der Hauptnothauslass der Pump¬ 
station ist. Durch zuverlässige Aufzeichnungen des selbstschreibenden 
Pegels im Sandfang einerseits und dem ebenda aufgestellten selbst- 
schreibenden Regenmesser anderseits ist es möglich, über den 
Zusammenhang zwischen den Regenfallen und dem Speien des Hauptnoth¬ 
auslasses Beziehungen zu finden. 

Zur Verfügung standen die Beobachtungen dieser beiden Apparate aus 
den Jahren 1899 und 1900. Zwar ergab die mittlere Regenhöhe der drei 
Berliner Stationen (Invalidenstrasse, Friedenstrasse und Teltowerstrasse) 
505 und 522 mm, während der Selbstschreiber in Charlottenburg nur 444 und 
508 mm anzeigte, weil er bei Frostwetter versagt; nichtsdestoweniger können 
die weiter unten angegebenen Verhältnisszahlen als zutreffend angesehen 
werden. 

Die mittlere Regenhöhe der letzten 40 Jahre betrug 584 mm, wäh¬ 
rend am häufigsten mässig nasse Jahre mit 600 bis 640 mm Niederschlags¬ 
höhe gemessen wurden 2 ). Demnach waren die beiden Beobachtungsjahre 
trocken, obschon die Anzahl der Regentage in Charlottenburg 372 und 
45*5 Proc. betrug. (Das Mittel der letzten 40 Jahre ist 151*9 Regentage 
im Jahre = 41*5 Proc.) Die Nothauslässe spieen 45 bezw. 55 Mal, zu¬ 
sammen 288*2 und 290*3 Stunden lang, d. h. jedesmal im Mittel 6*4 und 
5*3 Stunden; sie liefen in den beiden Jahren in 15 und 10 Fällen länger 
als 7, und in 6 und 4 Fällen länger als 12 Stunden; die grösste durch 
Regen veranlasste Thätigkeit betrug sogar 14 Stunden. Der Grund dieser 
auffallend langen Dauer waren die Regen fälle, die ausserhalb des 
Radialbezirkes in Schöneberg, Wilmersdorf u. s. w. niedergingen und 
die, wie schon erwähnt, ebenfalls durch den Charlottenburger Hauptnoth¬ 
auslass der Spree zufiossen. ln den Pegelcurven ist die Schöneberger 
Welle meist deutlich sichtbar; sie gelangt gewöhnlich 2 bis 4 Stunden 
später in den Sandfang und veranlasst eine entsprechend längere Thätig¬ 
keit der Nothauslässe, wie aus den auf S. 235 dargestellten Beispielen 
ersichtlich. 

Ferner kann aus der Zeit vom Beginne des Regens bis zum Beginne 
der Thätigkeit des Hauptnothauslasses ein sicheres Urtheil gefällt werden, 
welche Regenfälle die Nothauslässe zum Speien bringen. Aus einer grösseren 
Reihe (56) einwandfreier Beobachtungen von gleichmässigen und genügend 
langen Regenfällen ist die nachstehende Curve gemittelt worden (S. 234), 
nach welcher der Nothauslass in Folge eines Regens von bestimmter 
Stärke nach einer gewissen und wie erkennbar recht kurzen Zeit zu laufen 


l ) Dircksen und Spitta, Arch. f. Hygiene, Bd. 35, S. 111. 
*) Berlin und seine Bauten. I, S. IX. 


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Stündliche Regenhöhe in Millimetern 


234 


Wasserbauinspector Schümann, 


Curve der Regenfälle, 

welche den Charlottenburger Hauptnothauslass in Thätigkeit 
setzten, gemittelt aus 56 Beobachtungen. 



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Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. 
20./27. Juni 1900. 


235 


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Bern.: Der Nothauslass begann seine Tliätigkeit 2 Stunden nach Beginn 
3*86 

des —- = 1*84 mm/St. starken Regen bei einem Pegelstande im Sand fang von 
2*1 

0*8 m. Die Schöneberger Welle setzte 3 l / a Stunden später ein, unterstützt von 
einem in Charlottenburg gefallenen Regen von 2*99 mm Stärke* 


22. Juli 1900. 


s 00 



des — = 30 mm/8t. starken Gewitterregens, der 0*4 Stunden dauerte, gefolgt von 
0*4 

3*9 

einem schwächeren Nachregen von = 2*6 mm/St bei einem Pegelstande im 

1*5 

Sandfange von -f- 1*45 m. Die Schönebergei* Welle setzte 3 l / a Stunden später ein. 


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236 


Wasserbauinspector Schümann. 


beginnt, unter der Voraussetzung, dass dieser so lange anhält. Also nur 
diejenigen Regenfälle, welche kürzere Zeit andauern, als die Curve angiebt, 
sind für die öffentlichen Wasserläufe unschädlich. 

In den beiden Jahren veranlassten 35*4 Proc. und 41/3 Proc. aller 
Regen s tun den, ferner 60*5 Proc. und 67*3 Proc. der gesammten Regen¬ 
höhe ein Ueberlaufen der Nothauslässe; das letzte Drittel umfasste die 
zahlreichen, aber sehr schwachen Regenfalle, deren Niederschlagsmengen 
zum geringeren Theile durch die Pumpen gefördert wurden, während der 
grössere Theil verdunstet oder versickert, daher gar nicht in das Rohrnetz 
gelangt. 

Je nach dem Füllungsgrade des Rohrnetzes, das ist nach der Jahres¬ 
und Tageszeit, nach dem Wetter (Wind, Feuchtigkeitsgehalt u. s. w.) und 
aus sonstigen Zufälligkeiten werden diese Zeiten bis zu etwa 10 Proc. 
unter- oder überschritten. An beiden Enden der Curve sind jedoch grössere 
Abweichungen ersichtlich, die einerseits auf die nicht über das ganze Gebiet 
des Radialbezirkes niedergehenden starken Strich- (Gewitter-) regen, ander¬ 
seits bei den schwachen Regenfällen auf den grösseren oder geringeren 
Wasserverbrauch in den heissen oder kühleren Monaten zurückzuführen sind. 

Die wichtige Frage, welcher Theil der Gesammtwassermenge dem Rohr¬ 
netze zufliesst, war aus den Beobachtungen nicht zu ermitteln. Einigen 
Aufschluss geben die Grenzfälle bei andauerndem schwachen Regen, wo die 
Pumpen soeben im Stande waren, den Pegelstand der Ueberfallschwelle zu 
halten. Auf den 723*87 ha grossen Radialbezirk fallen bei einem Regen 
von z. B. 0*5 mm 


723*87.10000.0*0005 


= 1*02 cbm/sec, 


die von den Pumpen gefördert werden müssten, wenn kein Tropfen zurück¬ 
bliebe oder verdunstete. Hierzu kommen noch im Mittel 0*25 cbm/sec an 
zufliessendem Hauswasser; da die Pumpen aber nur 0*715 cbm fördern 
können, so würde 

1*02 + 0*25 — 0*715 = 0*535 cbm/sec, 
das heisst 52*4 Proc. des Regenwassers verdunsten und nur 47*4 Proc. dem 
Rohrnetze zufliessen. Dies deckt sich auch mit den Beobachtungen, indem 
es z. B. am 8. April 1900 18*3 Stunden lang mit 0*51 mm Höhe regnete 
und erst nach 14*8 Stunden die Nothauslässe zu laufen begannen. An 
heissen Sommertagen konnten die Pumpen nur einen Regen von 0*4 mm halten. 

Man kann demnach annehmen, dass bei schwachem Regen von 0*5 mm 
Höhe etwa 50 Proc. der Regenmenge dem Rohrnetze zufliesst, während 
sein Antheil bei starken Regenfällen erheblich wächst und bei Wolken¬ 
brüchen auf 80 bis 90 Proc. und mehr geschätzt wird. 

Die gefundenen Zahlen, die durch weitere Beobachtungen bestätigt 
und ergänzt werden müssten, sind dem Charlottenburger Radialbezirk eigen- 
thümlich. Der Fassungsraum (siehe Tabelle Seite 230) beträgt 

27 500 _ , /f 

= 38 cbm/ha 


und die Pumpen leisten 


723*87 


= 0*08 1/ha. 


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Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. 


237 


Vergleicht man hiermit die Zahlen der 11 Berliner Bezirke, so beträgt 
deren Leitungsraum im Mittel (siehe S. 230) 


216 000 
5 494 


39*3 cbm/ha, 


während die Pumpwerke zusammen 


4 950 

5 494 


= 0*901/ha 


leisten. Der nicht erhebliche Unterschied wird jedoch dadurch zu Ungunsten 
von Berlin herabgedrückt, dass die inneren Bezirke bei Weitem enger be¬ 
baut und fast durchgängig mit wasserdichtem Pflaster versehen sind im 
Vergleiche zum luftiger bebauten Charlottenburg. 

Es wäre für die Beurtheilung der Verhältnisse sehr wünschenswert^ 
auch für jeden Berliner Bezirk eine solche Curve zu bestimmen, zu deren 
Ermittelung jedoch nur zuverlässige, mittelst Pegel- und Regenselbstschreiber 
gefundene Beobachtungen brauchbar sind. Es würde sich alsdann ergeben, 
dass diese Curven, je nach den Gefallverhältnissen, der Bebauung und 
Pflasterung des Geländes, nach der Grösse seiner Park- und Gartenanlagen, 
ferner nach dem Fassungsraum des Rohrnetzes, der Leistungsfähigkeit 
der Pumpen und Druckrohre u. s. w. in den einzelnen Radialbezirken nicht 
nur örtlich verschieden, sondern auch zeitlich veränderlich sind, da die 
genannten Elemente sich im Laufe oft nur weniger Jahre nicht unwesent¬ 
lich verschieben. Diese Curven würden eine einwandfreie und zuverlässige 
Ueberwachung der Wirksamkeit der ganzen Canalisationsanlage darstellen. 
— Obgleich sie heute noch fehlen, so kann aus einem Vergleiche der 
beiden Canalisationsanlagen selbst doch soviel geschlossen werden, dass 
die Berliner Nothauslässe, insbesondere der inneren Bezirke, zwar früher, 
aber ihrer grossen Zahl wegen nicht so lange speien, als die Charlotten¬ 
burger. 

Wie gewaltige Wassermengen auch schon bei massig starkem Regen 
den öffentlichen Wasserläufen zugeführt werden, erhellt ein Beispiel: bei 
einem 5mm starken Regen, der in den regnerischen Monaten Mai 1899 
und Juni 1900 sechs- und elfmal überschritten wurde, wie aus den Auf¬ 
zeichnungen der drei Regenstationen des Meteorologischen Instituts hervor¬ 
geht, wurde den 11 im Betriebe befindlichen Radialbezirken mit zusammen 
5 494 ha eine Regenmenge von 

5 494 . 10000 . 0*005 t , 

-—- = 76*2 cbm/sec 


zugeführt. Nehmen wir mit Rücksicht auf die noch nicht ausgebauten 
Theile der Radialbezirke VIII bis XII an, dass nur 60 Proc. abfliessen, so 
würden unter Vernachlässigung der Hauswässer 

0*6 . 76*2 = 45*7 cbm/sec 

dem Rohrnetze zufliessen, von denen nur rund 5 cbm durch die Pumpen 
der 11 Bezirke gefördert würden (s. Tabelle Seite 230). Die übrigen 
45*7 — 5*0 = 40*7 cbm/sec 

würden zunächst in 


a / 3 . 39*3 . 5 494 
40*7 . 60 


= 59 Minuten 


(im Inneren der Stadt wahrscheinlich noch schneller) von dem Rohrnetze 


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238 


Wasserbauinspector Schümann, 


aufgenommen und, sobald dieses zu zwei Drittel gefüllt ist, durch die 120 
Nothauslässe den öffentlichen Wasserläufen Zuströmen. 

Nun liegt die Frage nahe, ist es wahrscheinlich, dass den Gewässern 
plötzlich 40 cbm/sec zufliessen, während die Spree selbst, z. B. bei Niedrig¬ 
wasser, nur 10 cbm führt? — Um die 145*5 ha grosse Fläche aller Wasser¬ 
läufe innerhalb des Weichbildes um 1 cm zu erhöhen, sind 14 550 cbm er¬ 
forderlich, die in 

14 550 

—-—— = o Minuten 

40.60 

zufliessen. Nun ist bei starken Regenfallen ein erhebliches Steigen des 
Wasserspiegels des öfteren bemerkt worden (im Landwehrcanal bis 15 cm 
und mehr), der jedoch nach Oeffnen der Wehre alsbald wieder fiel. Auch 
hier wären zuverlässige Beobachtungen an der Mühlendamm-, Stadt-, Unter- 
und Charlottenburger Schleuse durch selbstschreibende Pegel wünschens- 
werth, da die Wasserstände zur Zeit täglich nur einmal abgelesen werden. 

Es unterliegt nach den vorstehenden Ausführungen, die sich auf die 
Beobachtungen der beiden letzten trockenen Jahre stützen, wohl keinem 
Zweifel, dass die Hauptursache der Verschmutzung der Wasserläufe, die 
in regenreichen Jahren bedeutend grösser sein wird, in den Nothauslässen 
zu suchen ist, dass erst in zweiter Linie die Entwässerung der nur un¬ 
vollkommen oder gar nicht canalisirten Gemeinden, gewerblichen Anlagen, 
Wirthschaften u. 8. w. besonders an der Oberspree und sodann der Schiffs¬ 
und Ladeverkehr stehen, entgegen der anderseitig 1 ) ausgesprochenen 
Annahme, dass dem Schiffsverkehr die Hauptschuld beizumessen ist, wenn¬ 
gleich diese letzte Quelle der Verunreinigung bei einer Seuchenverschleppung, 
in erster Linie zu nennen ist. 

Was nun die Beschaffenheit der Verunreinigung anbetriffb, so besteht 
sie, abgesehen von den gröberen schwimmenden Stoffen, wie Papier, Holz¬ 
stückchen, Stroh, Korke, Blätter u. s. w., zunächst aus Sand und ähnlichen 
schweren Stoffen, die alsbald unterhalb der Einwurfstelle sich ablagern 
sodann aus den im Wasser schwebenden, zumeist organischen, todten und 
belebten Massen, dem eigentlichen Plankton, und endlich aus den nur 
mit bewaffnetem Auge sichtbaren Gebilden, unter denen die kleinsten 
Lebewesen die wichtigsten sind. In chemischer Beziehung ist die Ver¬ 
unreinigung erkennbar einerseits durch die Anwesenheit von Chlor, Ammo¬ 
niak, salpetriger Säure u. s. w., anderseits durch den Grad der Abwesen¬ 
heit von Sauerstoff im Wasser, der wiederum von der Menge der in 
Zersetzung befindlichen organischen Stoffe abhängt. Der Sauerstoffgehalt 
der im Wasser gelösten Luft ist erheblich grösser (35*1 Proc.), als der 
der gewöhnlichen Luft (20*84 bis 20*97 Proc.), da das Aufsaugvermögen 
des Wassers für Sauerstoff grösser ist als für Stickstoff. 

Von wesentlichstem Einfluss auf die Verunreinigung und Selbst¬ 
reinigung desWassers ist die Beschaffenheit und Menge seines Planktons 

Während das Plankton der Spree- und Havelseen fast nur aus Algen 
und Diatomeen besteht 2 ), findet man in den Berliner Wasserläufen ausser 

l ) Dircksen und Spitta, Archiv f. Hygiene, Bd. 35, S. 123. 

*) Spitta, Archiv für Hygiene, Bd. 38, 8. 165 ff. 


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Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. 239 

diesen und anderen niederen Pflanzen als Hauptbestandteil viele ab¬ 
gestorbene organische Reste unbestimmbarer Herkunft und an den besonders 
verschmutzten Stellen viele niedere Thierarten (Amöben, Geissei- und Wimper- 
thierchen u. s. w.). 

Die Zersetzung der organischen Stoffe geht nun mit Hülfe der Bacterien 
unter Zehrung von Sauerstoff vor sich, die im Sommer, bei lebhafter Licht- 
und Wärmezufuhr, bedeutend stärker ist, als im Winter, und die einen 
zuverlässigen Maassstab für die Menge der organischen Stoffe bildet. Die 
sehr feinen, in der Schwebe bleibenden Theilchen und die gelösten Stoffe 
zerfallen allmählich auf dem Wege stromabwärts, und der letzte Theil der 
Selbstreinigung spielt sich in den weiten Havelseen unterhalb Spandau ab, 
die gewissermaassen das Klärbecken der Spree Wässer darstellen. 

Die gröberen Stoffe aber, die für zahllose Lebewesen einen willkommenen 
Nährboden abgeben, sinken als Flocken je nach ihrer Grösse und Schwere 
und der Stromgeschwindigkeit langsam zu Boden und bilden an der 
Sohle in lebhafter Fäulniss begriffene Schlammschichten von wechselnder 
Mächtigkeit. 

So lange nun genügend Sauerstoff im Wasser vorhanden ist, kommt es 
nicht zur stinkenden Fäulniss und überreichen Schlammablagerung; findet 
jedoch die Sohle den zur Selbstreinigung erforderlichen Sauerstoff nicht 
mehr vor, weil das Wasser mit Bacterien und organischen Stoffen über¬ 
laden ist, so beginnt unter Einwirkung der anaeroben Bacterien die Gäh- 
rung der Massen, die stinkende Zersetzung, die sich in der Gasbildung offen¬ 
bart. Grosse Fladen brodelnder Massen werden mit emporgerissen, die weit¬ 
hin das Wasser schwärzlich färben und die Luft verpesten. Die Gase bestehen 
zumeist aus Methan (CH 4 ), Kohlensäure (C0 2 ), Kohlenoxyd (CO) u. s. w., 
sowie an einzelnen Stellen auch aus Schwefelwasserstoff (SH 2 ) 1 ). 

Die Gasentwickelung ist das sicherste Anzeichen der versagenden 
Selbstreinigung der Gewässer und geht Hand in Hand mit der Schlamm¬ 
bildung, die als langlebige Quelle einer dauernden Verschmutzung die 
Hauptgefahr für die Wasserläufe bildet. 

In allen Stufen und Abarten sind die geschilderten Verunreinigungen 
in den Berliner Gewässern vertreten. Noch am günstigsten liegen die Ver¬ 
hältnisse in der Spree selbst, zunächst wegen ihrer im Vergleich zu den 
Canälen erheblichen Wasserführung, die im Hauptarm bei mittlerem bis 
höchstem Hochwasser 80 bis 120 cbm/sec mit etwa 50 bis 75 cm Ge¬ 
schwindigkeit, bei Mittelwasser 40 cbm und bei Niedrigwasser nur 10 cbm 
und weniger beträgt. Als kleinste Wassermenge der Gesammtspree ist bei 
Fürsfcenbrunn unterhalb Charlottenburg im Jahre 1892 7 bis 8 cbm 
gemessen worden. 

Ferner ist die Sohle der Spree bei Gelegenheit der Verbesserung des 
Spreelaufs innerhalb der Stadt Berlin in den Jahren 1888 bis 1894 von 
Jannowitz- bis Ebertsbrücke durchgreifend geräumt worden, und im Schiff¬ 
fahrtsinteresse werden alljährlich erhebliche Baggerungen einzelner Barren, 
zumeist unterhalb von Nothauslässen, vorgenommen, deren Umfang in den 
Jahren 1895 bis 1898 allein innerhalb des Weichbildes im Mittel 14800 cbm 


*) Spitta, Archiv für Hygiene, Bd. 38, S. 276. 


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240 


Wasserbäuinspector Schümann, 


jährlich betrug. Auch ausserhalb desselben bis Spandau wurden während 
der letzten fünf Jahre im Mittel je 5500 cbm gebaggert. 

Trotzdem ist die Verunreinigung der Spree ganz beträchtlich. Die 
Menge des Planktons, ferner der Gehalt von Trockenrückstand u. s. w. 
nehmen beim Laufe durch die Stadt in gewaltigem, mit der Jahreszeit 
schwankendem Maasse zu. Die höchsten Werthe liegen zumeist an der 
Eberts-, Marschall- und Moltkebrücke *). Ebenso auch der Keimgehalt, 
der beim Eintritt der Spree in das Weichbild nahezu 100000 auf das Cubik- 
centimet^r beträgt. Wasser aus dem Kuhgraben, in dem die „geklärten“ 
Abwässer von Lichtenberg und die der Rummelsburger Fabriken abgeführt 
werden, enthielt im Juli und August 1897 16 bis 28 Millionen entwickelungs¬ 
fähiger Keime im Cubikcentimeter 2 ). 

Auf der Sohle befindet sich fast durchgängig eine mehr oder weniger 
starke Schicht von schwärzlichem Aussehen, die stellenweise von Sand, den 
die Strömung beim Baggern weiter führte, überlagert ist. Schlammbänke 
bis zu erheblichem Umfange finden sich im Rummelsburger See vor der 
Mündung des Kuh- und Grenzgrabens, ferner in dem breiten Oberlauf von 
der Treptower Eisenbahn- bis zur Schillingsbrücke, wo zu beiden Seiten 
des Stromes mit einigen Unterbrechungen eine fast durchlaufende Bank 
von 10 bis 20 m Breite und 20 bis 40cm Mächtigkeit vorhanden ist, die 
an einzelnen Stellen bis 70 cm steigt, wie örtliche Untersuchungen ergeben 
haben. Ferner ist der Raum zwischen den Stadtbahnbögen 50 bis 80 cm 
hoch aufgeschlammt. Auch an den schmaleren Stellen des Unterlaufes, 
besonders an den Verbreiterungen und an den vollen Seiten der Krüm¬ 
mungen liegen kleinere Bänke. An Gasmengen wurden gewonnen von der 
Bank am Grenzgraben in 1 Minute 200 ccm, an der Ebertsbrücke in 16 
Minuten 300 ccm, am Oberbaum in 27 Minuten 260 ccm u. s. w. 3 ). 

Noch ungünstiger als in der Spree liegen die Dinge im Landwehr¬ 
und Luisenstädtischon Canal. Zwar ist auch die Sohle des ersteren 
bei seiner Uferbekleidung in den Jahren 1882 bis 1885, also nach Betriebs¬ 
eröffnung der benachbarten Radialbezirke I bis III, VI und VII, durch- 
gehends geräumt worden, so dass die von früher herrührende Ver¬ 
schlammung beseitigt worden ist, aber die verhältnissmässig grosse Zahl 
der Nothauslässe (51) und Ladestellen (312) und die geringe Wasserführung 
machen die vorhandene Verschlammung, insbesondere der zweiten Hälfte, 
etwa vom Schöneberger Hafen abwärts, erklärlich. 

Der Querschnitt ist nur ein Drittel bis ein Viertel so gross, wie der 
der Spree und die Wasserführung, die zumeist nur 3 bis 5 cbm bei etwa 10 
bis 15 cm Geschwindigkeit beträgt, sinkt in den Sommermonaten oft auf 
1 cbm und weniger herab. Die des Luisenstädtischen Canals ist noch ge¬ 
ringer; sie wird durch ein in der Seitenmauer der Köpenicker Schleuse 
liegendes verschliessbares Rohr von l’2m Durchmesser mit dem zur Ver¬ 
fügung stehenden Gefälle von 10 bis 20 cm besorgt. Schon hinsichtlich der 
äusseren Eigenschaften steht das Landwehrcanalwasser hinter dem der Spree 
zurück; letzteres ist zwar innerhalb der Stadt schmutzig gelb, trübe und 

l ) Spitta und Dircksen, Archiv f. Hygiene, Bd. 35, ß. 112. 

*) Ebenda, 8. 116. 

3 ) Spitta, Archiv für Hygiene, Bd. 38, S. 277. 


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Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. 


241 


setzt mäs8igen Bodensatz ab, im Landwehrcanal ist es aber dunkelgelb, 
stark getrübt und zeigt eine schmutzige Bodenschicht mit gröberen Ver¬ 
unreinigungen l ). Das Plankton zeigt dichtere, dunklere Beschaffenheit, 
stärkeren Gehalt von abgestorbenen Stoffen und Reichthum an niederen 
Thieren. Die Zahlen für Trockenrückstand sind durchgängig bedeutend 
höher als in der Spree 2 ). 

Grössere Schlammbänke fanden sich oberhalb des unteren Stauwerkes 
mit einer Mächtigkeit von 60 bis 70 cm, die in der Fluth und Fahrrinne 
auf 20 bis 40cm sank; ferner an der Wendestelle, an dem sogenannten 
Studentenbad und den sonstigen Verbreiterungen, sowie in der Nähe der 
grösseren Nothauslässe, wo 0*5 bis 0*8 m Schlamm gepeilt wurde. Im 
Uebrigen fand sich, mit Ausnahme weniger Stellen, an denen in letzter Zeit 
gebaggert war, eine durchgehende Schlammschicht vor, die im mittleren 
Drittel nur dünn, an den Rändern jedoch, besonders in der vollen Uferseite 
der Krümmungen, 20 bis 30 cm stark war. Die in der Mitte durch die 
Schrauben der Dampfer und Staken der Schiffer immer wieder aufgerührten 
Massen häufen sich an den Rändern und im Schutze der Brücken an; sie 
verleihen dem Wasser jene schwärzliche Färbung, die namentlich während 
der Mittagsstunden durch die Wirkung des Lichtes verstärkt wird, indem 
Massen von Algen, Diatomeen und anderen chlorophyllhaltigen Pflanzen, 
die bei gedämpftem Lichte scheinbar leblos auf dem Boden ruhen, vom 
Sonnenlichte getroffen, plötzlich an die Oberfläche emporsteigen, getragen 
von einer reichlichen Entwickelung von Sauerstoff 3 ). 

Die dunkelste Stelle der beiden Canäle ist jedoch die Mündung des 
Wiesengrabens, der das Rixdorfer Gebiet entwässert und dessen Noth¬ 
auslässe aufnimmt. Die Sohle des an seiner Mündung belegenen Hafen¬ 
beckens ist mit einer 0*6 bis 1*2 m starken Schlammschicht bedeckt, die 
zwar von Zeit zu Zeit geräumt wird, aber bald wieder verschlammt ist. 

Die in erster Linie für die Schifffahrt ausgeführten Baggerungen im 
Landwehrcanal betrugen während der Jahre 1895 bis 1899 durchschnittlich 
6 600 cbm. Da dem Canal von der Spree keine Geschiebe zugeführt werden, 
so können diese Massen nur von hineingewehtem Strassenstaub, den Ver¬ 
unreinigungen des Schiffsverkehrs und vor Allem aus den Nothauslässen 
herrühren. 

Der Spandauer Schifffahrtscanal ist in den letzten Jahren ver¬ 
breitert worden, auch münden dort bisher noch wenige Nothauslässe, weil 
seine Umgebung erst seit wenigen Jahren baulich aufgeschlossen wird. 
Nur der Nordhafen mit dem Schönhauser Becken macht eine bedenkliche 
Ausnahme. Die dort mündende Panke mit ihrer geringen Wasserführung 
von rund 0*8 cbm/sec nimmt von Bernau ab die Abwässer mehrerer Ge¬ 
meinden, sodann die der dorthin entwässernden Rieselfelder, die „geklärten“ 
Abwässer von Pankow nebst zahlreichen Gerbereien, und endlich noch 
innerhalb des Weichbildes sechs Nothauslässe auf. Die Verschlammungen 
im Schönhauser Becken haben daher trotz der mehrfachen jährlichen Räu- 


l ) Dircksen und Spitt.a, Archiv für Hygiene, Bd. 33. S. 124. 
*) Ebenda, S. 167. 

3 ) Spitta. Archiv für Hygiene. Bd. 38, S. lv»f. 

ViertcljahrBschrilt für (»esumllieitspHcge, l‘J02. 


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242 Wasserbauiaspector Schümann, 

mungen einen erheblich grösseren Umfang angenommen, als im Becken des 
Wiesengrabens. 

Während des Winters 1899/1900 wurde die Verschlammung der 
Canäle noch durch Einwerfen von schmutzigen Sch nee massen vergrössert. 
Innerhalb des Weichbildes sind rund 71 000cbm eingeworfen worden, von 
denen auf die Spree 22 000 cbm, auf den Landwehrcanal 34 000cbm und 
auf den Luisenstädtischen Canal 25 000 cbm entfielen. Da hierin die Rück¬ 
stände von Pferdedung, Sand, Asche, Sägespänen zu 8 bis 10 Proc. ermittelt 
wurden, so sind allein durch den Schneeeinwurf ganz erhebliche Schlamm¬ 
massen in die Wasserläufe gekommen. 

Endlich sei noch eine im Allgemeinen seltene, aber in den letzten 
Jahren häufigere Art der Verunreinigung erwähnt, die mit schweren wirth- 
schaftlichen Schäden für die Betroffenen verbunden ist: das Fischsterben 
nach heftigem Gewitterregen. Die Ursache wird darauf zurückgeführt, 
dass die plötzliche Thätigkeit der Nothauslässe zu viel organische, in Zer¬ 
setzung befindliche Stoffe den Wasserläufen zuführt, so dass der ganze 
Sauerstoffgehalt des Wassers verzehrt wird, und die Fische ersticken. Da 
aber bei Regengüssen ohne Gewittererscheinung ein Fischsterben noch 
nicht beobachtet worden ist, so scheinen noch gewisse elektrolytische Vor¬ 
gänge 1 ) eine Rolle zu spielen, die den Sauerstoffgehalt des Wassers un¬ 
günstig beeinflussen. Vielleicht tragen auch gewisse gewerbliche Abwässer, 
die zwar an die Canalisation angeschlossen sind, aber bei den Regenfällen 
durch die Nothauslässe den Wasserläufen Zuströmen, zum Fischsterben bei. 

Jedenfalls ist weder das Wasser der Spree und noch weniger des 
Landwehr- und Luisenstädtischen Canals für die meisten gewerblichen 
Zwecke, mit Ausnahme etwa der Gerbereien, Färbereien u. s. w. zu gebrauchen; 
für Badezwecke erklären es Dircksen und Spitta für „untauglich“ 2 ). 
Trotzdem befinden sich in der Spree 29 Badeanstalten, von denen 19 städ¬ 
tisch sind, und in den Canälen weitere drei Privatanstalten. In den städ¬ 
tischen Anstalten wurden im letzten Sommer 1 456 431 Bäder genommen, 
während der Besuch der privaten Anstalten aus geschäftlichen Gründen 
nicht bekannt gegeben wird; er kann jedoch auf mindestens 500 000 Bäder 
geschätzt werden. Wenngleich bei sehr bescheidenen Ansprüchen gegen die 
Lage der städtischen Spreeanstalten nicht viel ein zu wenden ist, muss 
die Lage einzelner Privatanstalten, wie zwischen den Stadtbahnbögen, im 
Wasserthor- und Engelbecken und die der städtischen Anstalt im Nordhafen, 
als bedenklich angesehen werden, namentlich wenn an heissen Sommer¬ 
tagen, wo der Besuch seine höchste Ziffer erreicht, die Wassergeschwindigkeit 
der Spree nach einzelnen Centimetern, und die im Luisenstädtischen Canal 
kaum nach Millimetern zu bemessen ist. 

Somit zeigt die Verunreinigung der Berliner Wasserstrassen ein recht 
trübes Bild. Auch ein Vergleich mit anderen Grossstädten und den Wasser¬ 
mengen ihrer Flüsse fällt zu Ungunsten von Berlin aus. 

Nachstehende Tabelle zeigt, dass ausser Leipzig, Nürnberg und Lille alle 
anderen über 200 000 Einwohner zählenden Städte in Deutschland, Oester- 


l ) Spitta, Archiv für Hygiene, Bd. 38, 8. 250. 

*) Dircksen und Spitta, Archiv für Hygiene, Bd. 35, 8. 125. 


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Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. 


243 


u 

i 

a 

0 

Namen 

Ein¬ 

wohner 

Anzahl 

Fluss 

Wassermenge bei 

tu 

a 

0 

J4 

U 

\ © 
s 
© 

Hoch¬ 

wasser 

cbm 

Mittel¬ 

wasser 

cbm 

Niedrig¬ 

wasser 

cbm 

1 

Berlin . . . 

1 884 345 

Spree . . . 

160 

40 

7—8 


2 

Hamburg . 

704 669 

Elbe . . . 

— 

— 

— 

Tidegebiet 

3 

München 

498 503 

Isar.... 

1 500 

120 

41 


4 

Leipzig . . 

455 089 

Pleisse u. s.w. 



5(?) 


5 

Breslau . . 

422 415 

Oder . . . 

2 450 

138 

60 


6 

Dresden . . 

395 349 

Elbe . . . 

4 600 

270 

79 


7 

Köln . . . 

370 685 

Rhein . . . 

7 000 

2 100 

465 


8 

Frankfurt . 

287 813 

Main . . . 

3 400 

180 

47 


9 

Nürnberg . 

260 743 

Pegnitz . . 

400 


7 


10 

Hannover . 

234 986 

Leine . . . 

1 200 

33 

6 


11 1 

Magdeburg 

229 732 

Elbe . . . 

4 300 

521 

; 120 


12 | 

Düsseldorf . 

212 949 

Rhein . . . 

7 000 

2 100 

465 


13 

Stettin . . 

209 988 ( 

Oder . . . | 

3 160 


160 


14 

Wien . . . 

1 648 000 1! Donau . . 



185 


15 

Budapest . 

509 000 

Donau . . 


I 

700 


16 

Paris . . . 

2 530 000 

Seine . . . 

2 000 

400 

90—60 


17 

Lyon . . . 

466 000 

Rhöne . . 

7 000 

800 

150 


18 

Marseille . 

442 000 

Mittelmeer 

— 

— 

— 

Mittelmeer 

19 

Bordeaux . 

257 000 

Garonne. 

— 

— 

— 

Tidegebiet 

20 

Lille . . . 

216 000 

Deulecanal 

9 

? 

* 

! 



reich und Frankreich in Bezug auf die Wassermenge ihrer Flüsse bedeutend 
besser gestellt sind, als Berlin, und dass im Verhältnis zur Einwohnerzahl 
auch jene genannten Städte voranstehen. 

Es giebt viele Städte, die nicht so sauber gehalten sind, wie Berlin, 
und doch gesunder sind, vornehmlich desshalb, weil sie an einem Gewässer von 
lebhafterem Yerdauungsvermögen, von grösserer Selbstreinigungskraft liegen. 

Berlin hat daher alle Ursache, die trägen und schwachen 
Spreegewässer nicht zu überladen. Als tröstliche Thatsache kann 
dem kaum entgegengehalten werden, dass in Berlin trotz der ungünstigen 
Wasserverhältnisse bisher noch keine Seuche Verbreitung gefunden hat. 

Die Grösse der oben geschilderten Verunreinigungen hat, soweit die 
nur in geringem Umfange vorliegenden Untersuchungen x ) erkennen lassen, 
in deutlicher Weise zugenommen. Die in den Jahren 1886 und 1896 ent¬ 
nommenen Wasserproben ergaben als untere und obere Grenzzahlen an der¬ 
selben Stelle der Spree: 


Für das Jahr | 

i: 

Trocken¬ 
rückstand I 

Organische 

Stoffe 

Chlor 

Kalk 

1886 . 

16*5 und 22*0 

1*49 und 2*50 

| 1*80 und 3*00 

4*1 

und 

10*5 

1896 .| 

18*6 „ 27*0 

2*10 „ 4*00 ! 

2*2 „ 3*5 

i 

■ 

8*7 


l ) Dircksen und Spitta, Archiv für Hygiene, Bd. 35, S. 121. 

16 * 


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244 Wasserbauinspector Schümann, 

Demnach ist die Menge der im Spreewasser mitgeschleppten Stoffe 
(mit Ausnahme von Kalk) in dem zehnjährigen Zeiträume nicht unerheblich 
gestiegen. In ähnlicher Weise hat auch der Keimgehalt zugenommen. 

Da nun die Entwickelung von Gross-Berlin mit gewaltigen Schritten 
weiter fortschreitet: innerhalb des Weichbildes werden immer neue Stadt- 
theile (am Tempelhoferfeld die militärfiscalischen Baulichkeiten, in Moabit 
Radialbezirk VIII, die Judenwiesen und andere Gebiete, ebenso im Radial¬ 
bezirk IX, X und XII, endlich im Osten der Radialbezirk XI) an die Cana- 
lisation angeschlossen, in den Vororten, namentlich in den westlichen, ent¬ 
stehen immer neue Häuserviertel, an der Ober- und Unterspree immer 
neue Fabrikanlagen, die alle nach der Spree entwässern, so dürfte es an 
der Zeit sein, zu erörtern, wie ist der mit Naturnotwendigkeit 
fortschreitenden Verschlammung der Gewässer Einhalt zu 
t h u n ? 

Da drängt sich zunächst die Frage auf, sind die Gründe, die vor 
25 Jahren bei der Canalisation von Berlin für das Mischsystem ausschlag¬ 
gebend waren, auch heute, unter den veränderten und vergrösserten Ver¬ 
hältnissen noch zutreffend? Beim Entwurf sprachen seiner Zeit für das 
Mischsystem a ) im Wesentlichen: 

1. dass der Regen, welcher Höfe und Strassen abwäscht, dem gewöhn¬ 
lichen Hauswasser an Unreinheit fast gleichkommt, sonach bei Ein¬ 
führung aller Regenfälle die Wasserläufe noch bedeutend mehr ver¬ 
unreinigt würden, als bei dem Mischsysteme, dass nur die selten 
auftretenden starken Regen zuführt, 

2. dass durch die gelegentlichen, kräftigen Spülungen mittelst des 
Regenwassers die Leitungen des Mischsystemes so gründlich gereinigt 
werden, wie in keiner anderen Weise, 

3. dass die Grösse der Leitungen des Mischsystemes ihre Beaufsichtigung 
und Reinigung erleichtert und jede Verstopfung ausschliesst, 

4. dass die ebene Lage von Berlin den langsamen Abfluss des Regen¬ 
wassers begünstigt, andererseits aber auch nur geringes Gefälle für 
die Leitungen darbietet. 

Gewiss trafen die Gründe seiner Zeit zu, aber heute, wo die fast durch¬ 
gängig wasserdichte und glatte Pflasterung der Strassen und Höfe etwa 
eine ähnliche Beschleunigung auf die Abführung des Regenwassers ausübt, 
wie die Abholzung der Wälder im Gebirge, wo die Hauptursache des 
Strassenschrautzes, das Pferd, langsam von dem Pflaster verschwindet — 
zur Zeit sind in Berlin mehr als 2000 Selbstfahrer im Betriebe — und wo 
der Strassenreinigung eine viel grössere Sorgfalt gewidmet wird als früher, 
ist der von den Strassen und Höfen herrührende Theil des Regenwassers, 
insbesondere bei stärkeren Niederschlägen, nachdem sie durch die erste 
kräftige Benetzung abgespült sind, verhältnissmässig sauber, während der 
den Dächern entstammende Theil — bei der dichten Bebauung und dem 
starken Gefälle mehr als die Hälfte — wohl von einwandfreier Beschaffen¬ 
heit ist und unbedenklich den Wasserläufen zugeführt werden könnte. 
Auch die übrigen Bedenken gegen das Trennsystem dürften unschwer 


l ) Hobrecht, Canalisation von Berlin, S. 82. 


t 


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Die Verunreinigung der. öffentlichen Gewässer zu Berlin. 


245 


durch zweckentsprechende Maassnahmen beseitigt werden können, zumal 
auch für dasselbe eine Reihe gewichtiger Gründe (billige Anlage, billiger, 
weil gleichmässiger Betrieb, geringere Grösse der Rieselfelder u. s. w.) 
sprechen, die noch mehr ins Gewicht fallen, sobald demnächst das biologische 
Klärsystem der Abwasserreinigung in betriebssicherer Weise durchgebildet 
sein wird, was durch das sogenannte Oxydationsverfahren erreicht zu sein 
scheint l ). 

Von solchen Erwägungen ausgehend, beabsichtigt neuerdings Char¬ 
lottenburg beim Ausbau seines Radialbezirkes III das Mischsystem zu ver¬ 
lassen und die unreinen Regenwässer nach soi'gfältiger Klärung in Schlamm¬ 
fängen u. s. w. durch eine besondere Regenleitung der Spree zuzuführen, 
während die Hauswässer nach dem Rieselfelde gepumpt werden. Die gün¬ 
stige Lage des betreffenden Stadttheiles auf dem rechten Spreeufer, an drei 
Seiten von Wasserläufen umgeben, eignet sich ausserordentlich für den 
Versuch und legt den Wunsch nahe, auch Berlin möchte sich entschliessen, 
die im Radialbezirk VIII bis XII noch der Bebauung harrenden Gebiete, 
soweit angängig, in ähnlicher Weise zu entwässern. Ob auch in anderen, 
schon ausgebauten Radialbezirken, die zu den öffentlichen Wasserläufen 
günstig liegen (Hansaviertel u. ä.), nachträglich der Bau von Regenleitungen 
bei der Ueberlastung vieler Strassen mit Röhren, Kabeln u. s. w. noch an¬ 
hängig ist, muss besonderen Untersuchungen Vorbehalten bleiben; jedoch 
dürfte die Kostenfrage hier, wo es sich um die wichtigste Lebensbedingung 
der Stadt, um die Gesundheit ihrer Bewohner handelt, hintenan zu stellen sein. 

Vielleicht giebt die weitere Erbauung der Unterpflasterbahnen, die ja 
in einschneidender Weise die Versorgungsnetze ganzer Stadttheile in andere 
Bahnen drängt, im Verein mit der zunehmenden Verschmutzung der öffent¬ 
lichen Wasserläufe den gewünschten Anlass, das Mischsystem allmählich zu 
verlassen. 

Unter den heutigen Verhältnissen werden allerdings nur eine Reihe 
von Einzelmaassnahmen zu treffen sein. So müssten zur sicheren Beauf¬ 
sichtigung der Nothausläs8e ihre Schwellen so umgebaut werden, dass — 
ein gleichmässiger Regen vorausgesetzt — zunächst die Hauptnothauslässe 
und dann erst die übrigen selbstthätig und gleichzeitig speien. Während 
die ersteren durch selbstschreibende Pegel in den Sandfängen beaufsichtigt 
werden, müssten elektrische Meldeschwimmer an der letzten Schwelle die 
Thätigkeit der Nebenauslässe auf den Pumpwerken anzeigen. Hierdurch 
wäre ein Maassstab für die den Wasserläufen zugeführten Abwassermengen 
und damit auch für diesen Theil ihrer Verunreinigung gegeben. 

Sodann könnte die Zuführung der gröberen, schwimmenden Schmutz¬ 
stoffe in die öffentlichen Wasserläufe durch Rechen und ähnliche Vor¬ 
richtungen verhindert werden, etwa wie in Wiesbaden und Marburg, wo 
diese Stoffe schon im Rohrnetze nach dem System Riensch 2 ) selbstthätig 
seit längerer Zeit zur vollen Zufriedenheit aufgefischt werden. 

Ferner müsste durch eine Vergrösserung des Fassungsraumes des 


l ) Dunbar, Vierteljahrsschrift f. öffentl. Gesundheitspflege, Bd. 31, S. 136 
und 625. 

*) Dunbar, Vierteljahrsschrift f. öffentl. Gesundheitspflege, Bd. 31, S. 14 o. 


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246 


Wasserbauinspector Schümann, 


Rohrnetzes, sowie dadurch, dass in den zahlreichen mit Bäumen bepflanzten 
Strassen der äusseren Bezirke die Bürgersteige zunächst nach den zu Vor- 
gullies ausgebildeten Pflasteraussparungen der Bäume entwässern und durch 
etwaige sonstige Maassnahmen eine grössere Verzögerung des abfliessenden 
Regens erzielt und endlich durch Vermehrung der Pumpen und vor Allem 
der Druckrohre den veränderten Verhältnissen in höherem Maasse als bis¬ 
her Rechnung getragen werden. Hierin liegt aber wohl eine der Haupt¬ 
schwierigkeiten , indem aus Rücksicht für die Betriebssicherheit die Ge¬ 
schwindigkeit in den Hauptsammlern und Druckrohren eine gewisse Grenze 
nicht überschreiten darf, die oft schon erreicht ist. Andererseits müssten 
die Schwierigkeiten ausserhalb des Weichbildes, die der Stadt z. B. bei 
der Neuverlegung von Druckrohren im Gebiete der berührten Gemeinden 
in Folge ungemessener Forderungen erwachsen, durch Erweiterung des 
Enteignungsrechtes u. s. w. thunlichst beseitigt werden. 

In viel nachdrücklicherer Weise sollten aber die kleineren Vororte, bei 
denen die Verhältnisse einfacher liegen/ und ferner die zahlreichen gewerb¬ 
lichen Anlagen an der Spree angehalten werden, ihre Abwässer nur in 
durchaus einwandfreiem Zustande der Spree zuzuführen. Allerdings dürften 
hierzu die gesetzlichen Handhaben nicht überall ausreichen. Zwar genügen 
wohl die Vorschriften für die gewerblichen Anlagen an öffentlichen 
Flüssen, soweit sie in §. 26 ff. der Reichsgewerbeordnung vom 1. Juli 1883 
gegeben und mit Hülfe des Zuständigkeitsgesetzes vom 1. August 1883 ver¬ 
vollständigt werden können; auch das Fischereigesetz vom 30. Mai 1874 
beschränkt die Verunreinigung der Gewässer durch landwirtschaftliche 
und gewerbliche Betriebe, aber über die freie Benutzung der Privatflüsse 
wird nur in §. 3 des Gesetzes vom 28. Februar 1843 eine Ausnahme hin¬ 
sichtlich der Färbereien, Gerbereien, Walken und ähnlichen Anlageu ge¬ 
macht, während im Uebrigen jeder Uferbesitzer berechtigt ist, das an seinem 
Grundstücke vorüberfliessende Wasser „zu seinem besonderen Vorteil zu 
benutzen“. 

Ueber die Einführung von Abwässern aus städtischen Canalisations- 
anlageu liegen drei Ministerialerlasse*) vor, durch welche die Genehmigung 
zu neuen Canalisationsanlagen vorgeschrieben wird. 

Demnach können die bestehenden gesetzlichen Vorschriften, wie auch 
der Entwurf eines Wassergesetzes vom Jahre 1894 ausspricht, nicht als 
zureichend angesehen werden. Aber die jüngste Allgemeine Ministerial- 
Verfügung vom 20. Februar 1901 stellt eine Neuordnung der gesetzlichen 
Bestimmungen für später in Aussicht, die wegen der Verschiedenartigkeit 
der örtlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der Monarchie 
bei den noch nicht hinreichend geklärten Kenntnissen über den zulässigen 
Grad der Verunreinigung der Vorfluter zur Zeit noch nicht angängig er¬ 
scheint. Sie giebt aber andererseits schon heute in Ergänzung der bestehen¬ 
den Bestimmungen eine willkommene Handhabe, um dort, wo unzweifelhaft 
Missstände vorhanden sind, unter tunlichster Abwägung aller berechtigten 
Interessen eine Besserung anzubahnen, ohne jedoch einer schematischen 

l ) Min. d. öffentl. Arbeiten, des Inneren, für Land Wirtschaft, Domänen und 
Forsten, der geistlichen, Unterrichts- und Medicinai-Angelegenheiten und für 
Handel und Gewerbe vom 1. Sept. 1877, 8. 8ept. 1888 und 30. März 1896. 


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247 


Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. 

Behandlung des verwickelten Gegenstandes, die vielfach zu Härten fuhren 
würde, Vorschub zu leisten. 

Demnach dürfte in vielen Punkten eine schärfere Aufsicht, als bisher, 
auch jetzt schon möglich sein. In Breslau z. B. werden die Abwässer einer 
beständigen Prüfung durch besondere sachverständige Beamte unterzogen, 
die in verdächtigen Fällen das städtische Gesundheitsamt zu Rathe ziehen*). 

Die Quellen der Verunreinigung sind so zahlreich, dass 
jede Möglichkeit der Verbesserung des Spreewassers Beachtung 
verdient. 

So z. B. eröffnet die Erbauung des Teltowcanals für die Reinhaltung 
der Unterspree die Aussicht, dass grösseren Gebietstheilen von Schöneberg, 
Wilmersdorf u. s. w. sogar über die Grenze der natürlichen Vorfluth hin¬ 
aus eine bessere Vorfluth als jetzt eröffnet wird. Die Gemeinden, die mit 
Rücksicht auf den baldigen Ablauf des schon erwähnten Vertrages mit 
Oharlottenburg zur Zeit eigene Entwässerungsanlagen bearbeiten, hätten 
nunmehr Gelegenheit, zur vollkommenen Entlastung des Landwehrcanals 
und der Spree ihre Auslässe dem Teltowcanal zuzuführen. Diese ander¬ 
weitige Regelung der gesammten Vorfluth jener Gebiete, auch des Theiles, 
der nach der Spree hinweist, könnte von der Strombehörde gefordert und 
dadurch erzwungen werden, dass die Genehmigung zur Ausmündung der 
neuen Auslässe in den Landwehrcanal und Spree, die den Ersatz für die 
bestehende Vorfluth durch den überwölbten „Schwarzen Graben“ bilden 
würden, versagt wird, sogar für den Fall, dass die Gemeinden das Trenn¬ 
system durchführen, also die Auslässe nur Regenwasser abführen. 

Die gesetzlichen Vorfluthbestimmungen haben nur Gültigkeit für land¬ 
wirtschaftlich bebaute Grundstücke, aber nicht für solche, die mit Strassen 
und Häusern bebaut sind, durch die die Substanz des Rechts ge¬ 
ändert wird. 

Eine andere Maassnahme, der übermässigen Verunreinigung der öffent¬ 
lichen Wasserläufe entgegenzutreten, wäre die Einführung einer planmässigen, 
kräftigen Spülung der Gewässer, nachdem zuvor durch umfangreiche 
Baggerungen die Schlammablagerungen beseitigt worden sind. Bei der zur 
Zeit üblichen Art der Wasserabführung können durchgreifende Spülungen, 
die den Schlamm der Sohle aufrühren und fortführen, nicht gemacht werden, 
hierzu genügen für gewöhnlich die Wassermengen nicht; nur in den wenigen 
Wochen des Hochwassers reicht die Geschwindigkeit zu; sobald es aber 
im Mai oder Juni abgeflossen ist, stellt sich der alte Zustand bald 
wieder ein. 

In den Sommermonaten müssen die Wehre am Mühlendamm und an 
der Unterschleuse oft längere Zeit vollständig dicht gesetzt werden, um 
für die Schifffahrt den nöthigen Wasserstand zu halten. Zwar sind die 
Schleusenmeister angehalten, bei starken Regenfällen und auf Meldung der 
Pumpstationen die Schützen zu ziehen, aber dies kann der Fahrwassertiefe 
wegen nur so lange geschehen, bis der durch Regen und Nothauslässe ver¬ 
ursachte Aufstau abgeflo8sen ist. 

So wünschenswerth nun in mancher Beziehung für den Schiffsverkehr 


*) Dunbar, Vierteljahrsschrift f. öffentl. Gesundheitspflege, Bd. 31, S. 169. 


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248 


Wasserbauinspector SchümaDn, 


und einzelne gewerbliche Anlagen ein gleich hoher Wasserst and und gleich- 
mässige Wasserabführung auch ist, so müsste doch, zu Gunsten der All¬ 
gemeinheit die Rücksicht zurücktreten. 

Es ist schon bei anderer Gelegenheit l ) darauf hingewiesen worden, wie 
wünschenswerth eine Senkung des Oberwasserspiegels für die Schifffahrt 
sein würde, eine Forderung, die sich mit der vorliegenden vereinigen lässt. 
Wenn die Oberspree, die zur Zeit gleichmässig auf -f- 32*28 gehalten wird, 
bis auf 32*08 abgelassen und nur behufs Spülung bis -|- 32*28 aufgestaut 
würde, so könnte, da die rund 3500 ha grosse obere Haltung mit ihren breiten 
Seenbecken zur Verfügung steht, die für eine kräftige Spülung erforderliche 
Wassergeschwindigkeit wohl erzielt werden. Die Schifffahrt und der Lösch- 
und Ladeverkehr würde etwa mittelst Läutewerke längs der Wasserläufe 
von dem Beginn der Spülung zu unterrichten sein. 

Allerdings finden die Spülungen in der Natur der Spree ihre Grenzen. 
Am wirksamsten sind sie zur Zeit des Hochwassers bis herab zum Mittel¬ 
wasser. Wenn z. B. noch 40 cbm/sec. nach Abzug des Schleusenwassers 
zur Verfügung stehen, so könnte bei der Grösse der oberen Haltung von 
rund 3500 ha eine Spülung nur an jedem 

3500.100 2 .0*20 _ 

24 . 60 2 . 40 “ — 2 

zweiten Tage stattfinden. Mit der weiter abnehmenden Wassermenge werden 
sie immer schwächer und seltener erfolgen können, um gerade dann, wenn 
sie am nöthigsten sind, im Hochsommer, zu versagen. 

Immerhin sind sie während der grösseren Zeit des Jahres möglich; 
ihre Zweckmässigkeit müsste durch Versuche bewiesen werden. 

Auf die Durchführung dieser Spülungen ist jedoch die Erbauung 
des Teltowcanals nicht ohne Einfluss. Obschon die gegenwärtige Hoch¬ 
wasserabführung der Spree durch die vorhandenen Wehre mit voller Sicher¬ 
heit geleistet wird, so kann auf seine Mitwirkung nach der in absehbarer 
Zeit wohl nicht zu umgehenden Erbauung einer zweiten Mühlendamm¬ 
schleuse 2 ) sogar für den tfall einer Senkung des Oberwassers, wenn die 
zweite Schleuse unmittelbar neben der vorhandenen angeordnet wird, nicht 
völlig verzichtet werden, sobald die Hochwassermenge den Betrag von 
etwa 140 cbm übersteigt; denn das bei Machnow geplante Wehr soll nach 
Regulirung des Oberlaufes der Spree vorzugsweise zur Abführung der 
Hochwasserwelle aus dem Spreewald dienen. Wenn demnach ausnahms¬ 
weise die Mitwirkung des Teltowcanals späterhin nicht wird entbehrt werden 
können, so dürfte sie für gewöhnlich nicht willkommen sein. Zwar nimmt 
der Kreis Teltow 3 ) an, dass der gewöhnlicheWasserbedarf des Canals auch 
in den Sommermonaten ohne Entnahme aus der Spree, allein aus dem Zu¬ 
flusse des Niederschlaggebietes gedeckt werden kann, während nur für Spül¬ 
zwecke eine zeitweilige Entnahme von 12 bis 24 cbm beabsichtigt ist. — 
Inwieweit aber diese Annahme bei der landespolizeilichen Genehmigung als 
zutreffend angesehen wird, steht noch dahin; ihr Zugeständniss dürfte die 
Spülkraft der Spree nicht unwesentlich beeinträchtigen. 

l ) Centralblatt der Bauverwaltung 1899, S. 287. 

*) Centralblatt, der Bauverwaltung 1899, S. 249. 

3 ) Havestadt und Contag, Allgem. Entwurf zum Teltowcanal, 8. 32. 


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Die Verunreinigung der öffentlichen Gewässer zu Berlin. 249 

Eine dritte Maassnahme wäre, die Selbstreinigung der Gewässer 
zu unterstützen und zu beschleunigen. Dies ist aber bei dem heutigen 
Stande der Wissenschaft wohl noch nicht möglich; zunächst ist die Frage 
noch nicht entschieden, ob es überhaupt erforderlich ist, alle organischen 
Verunreinigungen zu beseitigen, ob nicht einige derselben und welche 
im Wasser unbedenklich verbleiben können. — So lange die zulässige Grenze 
der Verunreinigung nicht bekannt ist, erscheint ihre völlige Beseitigung 
durch Vergasung und Mineralisirung der organischen Stoffe als erstrebens- 
werth. Aber unter welchen Bedingungen diese Veränderung erfolgt, welche 
Organismen die wesentlichste Rolle spielen u. s. w., das sind noch alles 
mehr oder weniger offene Fragen. 

Die Erfahrung lehrt, dass ein schnell fliessender Strom aus der Luft 
mehr Sauerstoff aufzunehmen vermag, als ein träge dahin fliessendes Ge¬ 
wässer und dass durch die Ausdehnung der Ablagerung über eine längere 
Strecke die Masse der organischen Abfallstoffe mehr vertheilt und besser 
verdaut werden kann. Die Spree vermag offenbar bei der Menge der zu¬ 
geführten Abfallstoffe das Sauerstoffbedürfniss nicht zu befriedigen, dessen 
Aufnahme an vielen Stellen durch den schwer beweglichen, weil zumeist 
mit einer dünnen, fettigen Schmutzschicht, wie mit einer Haut bedeckten 
Wasserspiegel unmöglich ist. Ob und inwieweit durch Spülungen der 
Wasserläufe die Sauerstoffzuführung vermehrt wird, ob dies noch in anderer, 
unmittelbarerer Weise möglich ist, endlich, ob es vielleicht gelingt, be¬ 
sondere Arten von Lebewesen zu züchten und das Wasser im Oberlauf zu 
impfen, um die Flussreinigung zu beschleunigen, das sind alles Aufgaben, 
die noch der Lösung harren. 

Das Ergebniss des Gesagten ist folgendes: Die Berliner Gewässer, ins¬ 
besondere der Landwehr- und Luisenstädtische Canal, befinden sich in einem 
Zustande starker Verunreinigung, der gesundheitlich zu Bedenken Ver¬ 
anlassung gicbt. Dieser Zustand wird sich bei der Entwickelung von Gross- 
Berlin mit Naturnotwendigkeit verschlimmern, wenn nicht alsbald durch¬ 
greifende Maassnahmen getroffen werden. Diene liegen theils auf tech¬ 
nischem, theils auf gesundheitlichem, theils auf verwaltungs¬ 
rechtlichem Gebiete. 

Die zur Zeit bestehende Aufsicht über die Berliner Wasserläufe er¬ 
streckt sich von Seiten der Wasserbauinspectionen auf die Erhaltung 
des freien Querschnittes für die Schifffahrt und die Vorfluth, auf die Rein¬ 
haltung von Seiten der unmittelbar in die Wasserläufe entwässernden 
gewerblichen Anlagen, soweit diese äusserlich erkennbar ist und beguügt 
sich mit einer blossen Kenntnissnahme der durch die Nothauslässe er¬ 
folgenden Verunreinigungen, soweit diese angezeigt werden; sie wird ferner 
von Seiten des Polizei-Schifffahrts-Bureaus im Wesentlichen nur in 
Bezug auf die Reinhaltung der Wasserläufe von Seiten der Schiffer aus¬ 
geübt, während eine Beaufsichtigung der Entwässerungen und Prüfung der 
Beschaffenheit des Spreewassers und seiner Sohle in chemischer und bacte- 
riologischer Beziehung, d. h. in der Hauptsache fehlt. 

Es wäre nun, meines Erachtens, ein dringendes Gebot, die vielseitigen 
und umfangreichen Aufgaben, die eine sachverständige Aufsicht der Ber- 


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250 Wasserbauinspector Schümann, Die Verunreinigung der öffentl. Gewässer. 

liner Wasserläufe bei ihrer ungeheuren Tragweite für das Allgemeinwohl 
fordert, in eine Hand zu legen, die, unterstützt von technischen, biologischen 
und chemischen Hülfskräften, ihr Augenmerk zu richten hätte: 

1. auf die Abwasserbeseitigung von ßerlin und seinen Vororten inner¬ 
halb der Spreewasserscheiden, insbesondere auf die Thätigkeit der 
Nothauslässe im Zusammenhänge mit den Regenfällen, 

2. auf die Grösse, Art und Ursprung der Verunreinigung durch chemische 
und bacteriologische Untersuchungen, die regelmässig und dauernd 
an bestimmten Stellen der Wasserläufe ausgeführt werden, 

3. auf die Vervollständigung und einheitliche Gestaltung der gesetz¬ 
lichen Bestimmungen und auf die Ueberwachung der Verhütungs¬ 
maassnahmen. 

Hierin die Aufsichtsbehörde zu unterstützen und unter Berücksichtigung 
der Eigenschaften der Spree und der wirtschaftlichen und technischen Be¬ 
dürfnisse ihrer Anlieger nicht nur die Grenze festzustellen, bis zu welcher 
die Grösse der Verunreinigung zulässig ist, sondern auch Mittel ausfindig 
zu machen, um diese Grenze nicht zu überschreiten, dürfte eine der vielen 
Aufgaben sein, die die am 1. April 1901 ins Leben getretene „Landes¬ 
anstalt für Abwasserbeseitigung und Wasserversorgung“ zu 
Berlin zu lösen haben wird. 

Berlin hat nach Durchführung der Ho brecht’sehen Canalisation lange 
Jahre das wohl erworbene Vorrecht genossen, eine der gesündesten Städte 
zu sein; es gilt alle Kräfte anzuspannen, dass trotz des gewaltigen Wachs¬ 
thums der Riesenstadt und trotz der ungünstigen VorfluthVerhältnisse dieses 
höchste Lob der Reichshauptstadt nicht verloren geht. 


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Dr. A. Notier, Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten and auf dem Lande. 251 


Wodurch unterscheiden sich 
die Gesundheitsyerhältnisse in Grossstädten 
yon denen auf dem Lande? 

Eine hygienische Studie. 

Von Dr. A. Noder, Türkheim. 


Um zu der vorliegenden Frage Stellung zu nehmen, ist es nöthig, zu¬ 
nächst festzulegen, was unter Gesundheitsverhältnissen im wissenschaftlichen 
Sinne verstanden wird. Nach Pettenkofer x ) nennt man Gesundheit 
„jenen körperlichen und seelischen Zustand, welcher durch eine Summe von 
organisch zusammenwirkenden Functionen uns erleichtert, den Kampf ums 
Dasein zu bestehen“. Wir werden also die Verhältnisse ins Auge zu fassen 
haben, welche diesen Zustand in Stadt und Land beeinflussen, ohne Rück¬ 
sicht darauf, ob diese Verhältnisse ihn günstig (eigentliche Gesundheits¬ 
verhältnisse) oder ungünstig (krankmachend) beeinflussen. Denn obwohl 
der Begriff „Gesundheit“ im wörtlichen Sinne nur das Wohlergehen, das 
Normale des körperlichen Lebens bedeutet, so ist doch im erweiterten Sinne 
auch alles das darunter zusammengefasst, was überhaupt auf unser Befinden 
einwirkt, demnach ebensowohl das Schädliche als das Nützliche. 

Da ferner die Begriffe Stadt und Land eine Summe von Individuen 
bedeuten, welche theilweise nach ihren Berufsarten, theilweise nach ihrer 
Lebensart verschieden sind, anderseits aber wieder in Beruf und Lebens¬ 
art vollkommen gleiche Individuen, bei denen nur die umgebenden Verhält¬ 
nisse der Natur das unterscheidende Moment bieten, so würde die weitere 
Behandlung der Frage nach zweierlei Richtungen gehen müssen, nämlich 

a) nach den allgemeinen Verhältnissen, deren Verschiedenheit ohne 
Rücksicht auf das Individuum sich aus dem Unterschied der von uns unab¬ 
hängigen natürlichen Factoren ergiebt, und 

b) nach den speciellen, bezw. individuellen Gesundheitsverhältnissen, 
welche durch die vom Menschen selbst ausgehenden oder auf ihn zurück¬ 
zuführenden Zustände bedingt werden, und deren Unterschiede sich noch 
mit denen der natürlichen Factoren combiniren. 

Da endlich in dem Begriff des Unterscheidens nothwendig auch der 
des Vergleichens enthalten ist, indem nur durch Feststellung der Ab¬ 
weichungen von einer gemeinsamen Linie das Unterscheidende sich ergiebt, 
so enthält das vorliegende Thema damit auch die Aufgabe, nicht nur die¬ 
jenigen Factoren, welche erfahrungsgemäss zwischen Stadt und Land ver¬ 
schieden sind, zu berücksichtigen, sondern die moderne Hygiene überhaupt 


l ) Pettenkofer, Handbuch d. Hyg. I, 1. Einleitung. 


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252 


Dr. A. Noder. 


kurz zu überblicken und dann aus dem Facit dieses Ueberblickes die 
differenzirenden Momente bervorzuheben. 

Aus diesen Feststellungen heraus ergiebt sich nachstehende Gliederung, 
welche ich der Abhandlung zu Grunde legen will: 

I. Allgemeine Gesundheitsfactoren: 

1. Luft. 2. Wasser. 3. Boden. 4. Licht. 

II. Besondere Gesundheitsfactoren: 

1. Wohnung. 2. Nahrung. 3. Kleidung. 4. Reinlichkeitspflege. 

5. Sociale Stellung. 

III. Wirkung dieser Factoren: 

1. Morbidität. 2. Mortalität. 

Die strenge Durchführung des Princips, zuerst nur die Factoren an 
sich und dann erst deren Unterschiede in Bezug auf Land und Stadt zu 
betrachten, würde indessen zu manchen Wiederholungen führen. Es soll 
daher im Ferneren nach oder theilweise während der Besprechung ihrer 
Eigenschaften auch schon der Hinweis auf ihre Verschiedenheiten und 
Analogieen im Sinne des gestellten Themas bewirkt werden. Soweit aber 
diese Verschiedenheiten auf speciellen Verhältnissen (Wohnung u. s. w.) be¬ 
ruhen, sollen sie erst bei Besprechung dieser Verhältnisse näher berührt 
werden. 


I. Allgemeine Gesundheitsfactoren. 

1. Die Luft. 

Sie hat bekanntlich ein Gewicht von 1*2932 g (pro Liter bei 0° und 
760 mm Druckhöhe) und stellt eine Mischung von Sauerstoff, Stickstoff und 
einigen anderen Gasen dar, deren Mischungsverhältniss ausserordentlich 
geringen Schwankungen unterliegt J ). 

Das Verhältnis beträgt im Mittel 20*9 Sauerstoff zu 79*1 Stickstoff 
(Bunsen, Reiset, Regnault), doch wurden von Jolly, Macagno und 
Morley etwas grössere Differenzen gefunden. Rubner 2 ) giebt nach 
Magnus das Verhältnis an auf 0 = 20*7 Proc., N = 78*8 Proc. (0H 2 
= 0*47 Proc., C0 2 = 0*03 Proc.). Obwohl beständig eine Verminderung 
des Sauerstoffes durch die Athmungsbedürfnise der Menschen, Thiere und 
chlorophylllosen Pflanzen, sowie die Verbrennungsprocesse erfolgt, so ändert 
sich also doch dieses Verhältnis in kaum uennenswerther Weise, da in der 
freien Luft ein beständiger und rascher Austausch der Gase erfolgt und von 
den chlorophyllbaltigen Pflanzen unter Tags Sauerstoff ausgeschieden, 
Kohlensäure absorbirt wird. Man sollte meinen, dass dennoch in den 
Städten, wo viele Menschen zusammen leben und der Ranch zahlloser Kamine 
die Luft „verschlechtert“, das Verhältnis ein wesentlich anderes sein müsste 
als auf dem Lande, wo weuiger Sauerstoff von der geringeren Menge 
athmender Lungen absorbirt und noch dazu durch die vegetationsreichen 
Bodenflächen Sauerstoff an die Luft abgegeben wird; wir werden aber bei 
der Erwähnung des C0 Ä *Gehaltes sehen, wie wenig diese Annahme zutrifft, 
soweit sie die „freie Luft“ angeht. Anders verhält es sich dagegen mit 

l ) Renk, Handbuch d. Hyg. I, 2. b. 

*) Rubner, Hygiene 18i*2. 


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Die Ge8undheit8verliältnisse in Grossstädten und auf dem Lande. 253 

dem Mischungsverhältnis der Luft unter abnormen Verhältnissen, z. B. in 
Bergwerken, in den Häusern, nach Explosionen u. s. w., sowie auch in 
manchen natürlichen Schachten und Höhlen, wobei von verschiedenen 
Forschern Schwankungen bis zu 4*88 Proc. herab gefunden wurden J ). Der 
Stickstoffgehalt der Luft ist nur insofern von Bedeutung, als er gewisser- 
maassen das „Auffüllungsmittel“ darstellt, welches die Mischung in einer 
gewissen Einheit zu erhalten hat. Daher hängt seine Menge stets ab von 
der Menge der übrigen Bestandtheile der Luft, namentlich des Sauerstoffes, 
dann aber auch der C0 2 und anderer Gase. Ein Unterschied, welcher Stadt¬ 
oder Landluft hierin eigentümlich wäre, ist also nicht vorhanden. Trotz 
seiner grossen Menge ist er auch hygienisch ohne weitere Bedeutung 
(Rubner, Renk u. s. w.). 

Von geradezu entgegengesetzter Bedeutung ist die Kohlensäure, welche, 
obgleich im Allgemeinen nur in geringster Menge in der Luft vorhanden, 
doch zu deren einflussreichsten und differentesten Bestandteilen gehört. 
Normal schwankt ihre Menge zwischen 0*3 (von einigen Forschern wurden 
auch 0*25 pro Mille gefunden) bis 0*4 Voluinpromille, und dieses Verhält¬ 
nis ändert sich trotz der gewaltigen Ausscheidung von C0 2 aus ca. 
1510 Millionen Menschenlungen, aus zahllosen Thierlungen und Pflanzen 
(allen chlorophylllosen und den chlorophyllhaltigen auch Nachts) und aus 
den Feuerherden der Grossstädte um kaum mehr als 0*015 pro Mille (Renk). 
Dass demnach auch zwischen Stadt- und Landluft eine Differenz nicht be¬ 
stehen werde, ist zu erwarten und Rubner sagt auch ausdrücklich: „Nicht 
einmal zwischen Stadt- und Landluft ist eine nennenswerte Differenz im 
C0 2 -Gehalt gefunden worden; erstere enthält im Mittel 0‘385, letztere 
0*318 C0 2 pro Mille.“ Wie schon oben erwähnt, beruht dieser Ausgleich 
auf der Gasdiffusion und der Luftbewegung und wird natürlich dort um so 
geringer, wo diese beiden physikalischen Factoren mehr oder weniger aus¬ 
geschaltet werden, nämlich in geschlossenen Räumen und unmittelbar über 
Kohlensäure abgebenden Stätten, z. B. kohlensauren Quellen (Pettenkofer 
fand in Marienbad, 5 cm über der Wasseroberfläche, 31 Proc.), Dungstätten, 
Cloaken, Kohlenlagern (Bunsen, über einem Braunkohlenlager 75 Proc.!), 
Vulkanen u. s. w. a ). Wir werden auf die Verhältnisse in den Wohnungen 
noch zurückkommen; aber auch in Bergwerken und Höhlen finden sich ab¬ 
norme Mengen, welche zum Theil wohl zu den natürlichen Verhältnissen zu 
rechnen sind, indem sie durch die Athmungsthätigkeit der chlorophylllosen 
Pflanzen in der Bodenluft sich entwickeln und durch diese an die Oberfläche 
des Bodens der Höhlen oder Minen gelangen. 

Von anderen noch in der Luft jederzeit vorhandenen Gasen haben 
zur vorliegenden Frage Ozon- und Wasserstoffsuperoxyd in so fern eine 
erhöhte Bedeutung, als thatsächlich hier ein Unterschied zwischen Stadt und 
Land von verschiedenen Forschern angenommen wird. So sagt Rubner 8 ): 
„Ozon findet sich überall im Freien, in Städten weniger, in der Stubenluft 
gar nicht“, ebenso Renk 4 ), welcher annimmt, „dass die Luft im Innern der 

l ) Polek, Die chemische Natur der Minengase, 1867. 

*) Renk, Seite 39. 

*) Rubner, Seite 48. 

4 ) Renk, Seite 50. 


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254 


Dr. A. Noder, 


Städte durch die Unreinigkeit in den Strassen, durch Staub, Kuss und Aus« 
dünstungen sich zersetzender Stoffe ihr Ozon, d. h. das Plus-Molecül ihres 
Sauerstoffes verliere". Die Bedeutung des Ozons für die Gesundheit ist 
aber in neuerer Zeit erheblich gesunken, nachdem die frühere Theorie von 
der Entstehung der Krankheiten durch die „gute oder schlechte Luft“ hin¬ 
fällig geworden, und auch objectiv nachgewiesen ist, dass trotz gleichen 
Ozongehaltes der Luft ein Ort seuchenfrei sein kann, ein anderer nicht. 

Endlich gehört noch zu dieser Zusammensetzung der Luft der Wasser¬ 
dampf, welcher nächst dem Sauerstoff wohl der für die Gesundheit wichtigste 
Bestandteil derselben ist. Seine Menge richtet sich aber nach der 
Temperatur der Luft und ist daher bedeutenden täglichen und jahreszeit¬ 
lichen Schwankungen unterworfen. Eine Differenz in Bezug auf die Luft¬ 
feuchtigkeit findet zwischen Stadt und Land nur in so fern statt, als durch 
die Bauart der Städte die Luftcirculation und Abkühlung mehr gehemmt ist 
als in freiem Felde und offenen Dörfern u. s. w., so dass auch das Sättigungs¬ 
vermögen der Luft dadurch alterirt wird. Da durch den Wasserdampf die 
Sonnenstrahlen in einer gewissen Weise abgelenkt, aber auch gebunden 
werden, so ist der Wasserdampf ebenso für die Wärmeregulirung des Körpers 
von Wichtigkeit (Schweissproduction, Erkältung, nach Rubner). Endlich 
ist die Wasserdampfsättigung der Luft mit ihren Schwankungen die Quelle 
aller atmosphärischen Niederschläge und damit eines wichtigen Factors der 
allgemeinen Gesundheit (Klima). Eine Differenzirung der Reichlichkeit und 
Bedeutung dieser Niederschläge für Stadt und Land habe ich jedoch in der 
zugänglichen Literatur nicht finden können. 

An anderen Gasen findet sich in der Luft noch Ammoniak, freilich in 
geringer und schwankender Menge (0*01 bis 0*05) und salpetrige und 
Salpetersäure, welche, soweit sie nicht zu den Verunreinigungen der Luft 
an bestimmten Stellen zu zählen sind, in der freien Atmosphäre nicht in 
Betracht kommen. Dagegen bilden sie in geschlossenen Räumen, ausgehend 
von Excrementen und Abfallstoflfen, ein wichtiges Kriterium ungesunder 
Zustände und werden bei den speciellen Verhältnissen zu besprechen sein. 

Von auffallenderem Unterschiede ist aber der Gehalt an verunreinigenden 
Bestandteilen, sowohl gasförmiger als geformter (schwebender) Stoffe, 
zwischen der Stadt- und der Landluft. Dies gilt allerdings nur für nicht 
zu grosse Schichten und nicht zu lange Dauer, denn durch die Winde, die 
Diffusion und die Athmungsthätigkeit der Pflanzen werden die einen, durch 
Wind und atmosphärische Niederschläge die anderen stets bald wieder 
aus der Luft entfernt. In Fabrikstädten mit vielen Steinkohlenfeuerungen 
ist es hauptsächlich die Schwefelsäure, welche die Luft verunreinigt und 
durch Sauerstoffzufuhr zu der (eigentlich ausgeschiedenen) schwefligen Säure 
entsteht. Auch Fäulnissgase, namentlich Schwefelwasserstoff, Ammoniak, 
Grubengas und dergl. finden sich über Städten, namentlich solchen, in welchen 
die thierischen Abfallstoffe an der Luft verwesen, oder in denen der Inhalt 
der Canäle und Cloaken, der Fabriken und Abdeckereien, durch Einleiten 
in Flussbette zu Tage gefördert wird, z. B. London und Paris. Ein Theil 
dieser Gase macht sich aber mehr durch seine Wirkung auf die Geruchs- 
organe, als durch nachweisbare Schädigung der Gesundheit bemerkbar. 
Daher häufig von der schlechten Luft in den Städten die Rede ist, während, 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten und auf dem Lande. 255 

wie Renk *) sagt, trotz der colossalen Mengen von Gasen, welche unter 
Umständen der Luft übergeben werden, es nur in den seltensten Fällen 
möglich ist, in der Luft der nächsten Umgebung messbare Mengen derselben 
aufzufinden. Trotzdem sagt Renk, dass die höhere Sterblichkeit der 
Städtebewohner gegenüber der Landbevölkerung auf die durch den mensch¬ 
lichen Athmungsprocess und verschiedene andere Ursachen bedingte Luft- 
verderbniss zurückzuführen sei, welche vor Allem im Inneren bewohnter 
Räume in grossen Städten gefunden wird. Man sei berechtigt, anzunehmen, 
dass diese Stoffe, auch wenn sie nicht direct ins Blut eindringen, durch Ver¬ 
mittelung des Geruchsorganes auf den Gesammtorganismus einwirken. Es 
giebt wie für die Nahrung, so auch für die Luft Genussmittel, welche den 
Athmungsprocess zu einem angenehmeren machen; der Städter sucht die 
freie Landluft auf nicht wegen des Ozongehaltes, sondern wegen der Riech¬ 
stoffe, die sie enthält, der Balsame (1. c. 174, 175). 

Die geformten Bestandteile der Luft sind der Rauch und der Staub, 
welcher in drei Arten vorkommt: als grober, bei jeder Beleuchtung sicht¬ 
barer, als Sonnenstäubchen, welcher nur bei durchfallendem Licht zur Er¬ 
scheinung kommt, und als unsichtbarer, nur mit dem Mikroskop nachweis¬ 
barer, zu welchem aber der für die Gesundheit wichtigste Staubbestandtheil, 
die Pilze, gehören 9 ). 

Der Staub entsteht theils durch natürliche Vorgänge (Abschilferung 
der Haut der Thiere und Pflanzen, Verwitterung der Gesteine, vulcanische 
Asche, Aufnahme von Blüthenstaub und dergl.), theils und zwar grössten¬ 
teils durch die Thätigkeit der Erdbewohner (Verbrennungsproducte und 
Staub aus den gewerblichen Betrieben). Die Menge des Staubes hängt 
demnach sehr von der Stelle ab, an welcher, und den Umständen, unter 
welchen er gesammelt wird; in trockener Luft hält er sich schwebend, 
während er durch den Regen (aber nicht ganz) aus der Luft ausgewaschen 
wird. In der Stadtluft fand Tissandier Staubmengen zwischen 6 und 
23 mg, in der gleichen Luftmenge auf dem Lande 0*25 bis 3 mg, Tisch¬ 
born in der Höhe von 43 m über der Stadt 29*7 Proc., in den Strassen 
selbst 45*2 Proc. brennbare Staubbestandtheile 3 ), so dass also erstere „reinere“ 
Luftschicht wohl mit der des freien Landes identificirt werden und damit 
der Nachweis des Unterschiedes beider Verhältnisse ebenfalls als erbracht 
angesehen werden kann. Ueber das Vorhandensein der pflanzlichen Keime 
sind erst in neuerer Zeit Untersuchungen angestellt und der Nachweis er¬ 
bracht worden, dass eine grosse Menge solcher in der Luft enthalten sind. 
Von direct gesundheitsschädlichen aber sind vorerst nur der Favuspilz, der 
Streptococcus erysipelatis (Hartmann und Emmerich) und der Staphylo- 
coccus pyogenes aureus nachgewiesen, während gerade der Tuberkelbacillus 
in der freien Luft noch nicht aufgefunden wurde (Cornet). In den Städten 
aber enthält die Luft mehr Keime (einige 1000 im m 3 ) als auf dem Lande 
(einige 100 im m 3 ) 4 ) und ist daher gesundheitsschädlicher, wie immer die Ver- 
theilung der Keime in der Luft sich gestalten mag* 

l ) Renk, 8eite 50. 

*) Nägeli, Sitzungsbericht der Acad. d. Wiss. 7, VII, 79. 

8 ) Rubner, 1. c. 43. 

4 ) Rubner, 1. c. 45. 


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256 


Dr. A. Koder, 


2. Das Wasser. 

Das in der Natur vorkommende Wasser ist nie chemisch rein (= 2.H 
l.O), sondern enthält verschiedene Bestandtheile, die es theils aus der 
Luft, theils aus dem Boden aufgenommen hat. Schon Regenwasser enthält 
ausser H 2 0 noch pro Liter 20 bis 30 ccm Gase, welche bestehen aus 25 bis 
32 Proc. Sauerstoff, 62 bis 65 Proc. Stickstoff, 7 bis 13 Proc. Kohlensäure 
und anderen (Ammoniak, Schwefelsäure, Salpetersäure), ferner gelöste und 
ungelöste Stoffe (Kochsalz, Kalksalze, Eisen, Kohle und Bacterien). 

Zur Erde gelangt, nimmt es Stoffe auf und giebt es Bestandtheile ab, 
welche theils mechanisch vom Boden zurückgehalten, theils wirklich absorbirt 
und assimilirt werden, ebenso wie die vom Wasser aufgenommenen Stoffe. 
Zu den mechanisch im Boden abfiltrirten und andererseits wieder auf¬ 
genommenen gehören die Mikroorganismen und alle süspendirten Theilchen 
(Staub, Erde), zu den vom Boden absorbirten vor Allem die Ammoniak¬ 
verbindungen, die Phosphorsäure und die Kalisalze (Düngwerth des Wassers!); 
dann der Sauerstoff, an dessen Stelle Kohlensäure tritt, die dann ihrerseits 
dem Wasser hilft, weitere Körper (kohlensaure Erden, Eisen und Mangan- 
oxydul, Alkalien und Kieselerde) zu lösen oder in lösliche Verbindungen 
überzuführen. Ausserdem treten im Boden die von der Bewohnung her¬ 
rührenden Abfallstoffe in das Wasser ein, namentlich Ammoniak, Salpeter 
und salpetrige Säure und Chlornatrium *). 

Je nach seiner Stellung zum Boden unterscheidet man das Wasser nun 
als Quell- oder Grundwasser, Flusswasser, Seen- und Meerwasser, obwohl 
ja eigentlich alle aus einem und demselben, dem in den Boden eingedrungenen 
Meteorwasser stammen. Quell- und Grundwasser ist solches, welches, im 
Boden an einer undurchlässigen Schicht angelangt, unterirdisch weiterfliesst, 
nur dass ersteres dann an irgend einer Stelle freiwillig zu Tage tritt (Quelle), 
während letzteres erschlossen wird (Brunnen). Bei Bächen, Flüssen und 
Meeren läuft das Wasser nicht unterirdisch, sondern in offenen Rinnsalen 
oder Vertiefungen hin, entstammt aber meist selbst wieder Quellen, seltener 
wird es durch den Regen direct gebildet. 

Als Quell-, Brunnen- und Flusswasser tritt das Wasser in Beziehung 
zur menschlichen Thätigkeit und Gesundheit und zwar als Genuss- und 
Nahrungsmittel einerseits (Trinkwasser), als Reinigungs- und Gebrauchs¬ 
mittel anderseits (Nutzwasser). Die Beschaffenheit dieses Wassers ist also 
vor Allem wichtig für die Gesundheitsverhältnisse und muss in Stadt und 
Land bestimmten Anforderungen entsprechen. 

Es muss klar, geruchlos, frisch und reichlich sein und darf keine Ver¬ 
unreinigungen gasförmiger und mikroskopischer Natur haben. Das alles 
hängt aber grösstentheils vom Boden ab, aus dem es stammt. Schon das 
Regen wasser der Städte ist anders als das des wenig bewohnten Landes; so 
fand Boussingault den Ammoniakgehalt desselben in Paris zu 3 mg, in 
den Vogesen zu 0*79 mg. Aehnlich verhält es sich mit der Salpetersäure, 
welche hauptsächlich durch Oxydation von Ammoniak und stickstoffhaltigen 
Körpern gebildet wird. Der Gehalt an Schwefelsäure in Städten mit Fabrik- 

l ) Kul>n er, Hygiene 279 ff. 


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Die Gesundheitaverhältniaae in GroB88tädten und auf dem Lande. 267 

anlagen, wie Manchester, beträgt nach Smith 50 bis 70 mg im Liter Regen¬ 
wasser, während in der Landluft S0 3 überhaupt nicht yorkommt. 

Da die Bodenbeschaffenheit mit der Verunreinigung durch die Wohn¬ 
stätten im engsten Zusammenhänge steht, so wird das den Boden von 
Städten durchsickernde Wasser auch ungleich mehr verunreinigt als das 
Grundwasser auf dem Lande. Man muss indessen hier immer im Auge 
behalten, dass nicht alles einer Stelle entnommene Grundwasser auch der 
Umgebung seine Entstehung verdankt, sondern von weither zugeflossen sein 
kann, da die Formation der wasserundurchlässigen Bodenschicht von be¬ 
sonderer Wichtigkeit für das Grundwasser ist. Schon die natürliche Boden¬ 
beschaffenheit ändert die Qualität des Wassers. Nach den Untersuchungen 
der Btvers Pollution Commission kommt im Dolomit das unreinste Wasser vor, 
im Granit das weichste (das am wenigsten Calcium- und Magnesiumbicarbonat 
enthält). Wo, wie in Städten, der Boden mit den menschlichen, thierischen 
und gewerblichen Abfallstoffen imprägnirt ist, nimmt das Wasser indessen 
noch ganz andere Elemente in sich auf, daher Wasser im Untergrund von 
Städten stärker verunreinigt ist, als im bebauten Lande 1 ). Nach Wolff 
und Lehmann liefern 100000 Einwohner einer Stadt jährlich über 
45 000 000 kg Excremente (Harn und Fäces); trotz der grossen Assimilations- 
kraft des Bodens nimmt das Wasser hieraus doch nothwendig gewisse Zer- 
setzung8producte auf, namentlich Ammoniak und Kochsalz als Endproducte, 
so dass deren Vorkommen stets als Kriterium für eine Zersetzung von 
organischen Stoffen im Bezugsort des Wassers betrachtet werden kann, ln 
der Nähe von gewerblichen Anlagen finden sich dann im Wasser auch noch 
andere, dem betreffenden Betriebe eigenthümliche Stoffe, z. B. Arsen, Salz¬ 
säure, saure Manganflüssigkeiten, Chlorcalcium, Kupfer, Zinkvitriol, oft auf 
weite Strecken, aus Sodafabriken stammend, Rhodanverbindungen und Theer- 
bestandtheile aus Gasanstalten, Anilin, Arsenik aus Farbenfabriken, Soda, 
Seife, Walkerde, Blutfarbstoff, Alaun und Weinstein aus Textilfabriken, 
organische Zersetzungsproducte, Mikroorganismen und übelriechende Gase 
aus Gerbereien, Schlächtereien, Stärke-, Zucker- und Schnapsfabriken und 
dergl. Besonderes Augenmerk verdienen ausserdem die bacteriellen Bei¬ 
mengungen, einmal die Wasser- und Fäulnissbacterien, welche die Eigen¬ 
schaft besitzen, sich im Wasser zu vermehren, und von denen die ersteren 
in keinem, auch nicht im reinsten Quellwasser fehlen; vor allem aber die 
pathogenen Bacterien, deren schon einige Arten, nämlich Cholera-, Milz¬ 
brand- und Typhusbacillus, darin gefunden worden sind, und für deren 
manche die Wahrscheinlichkeit besteht, ebenfalls im Grundwasser vorhanden 
zu sein und durch dasselbe verbreitet zu werden. Der Keimgehalt des 
Grundwassers der Städte schwankt im Allgemeinen um 500 pro Cubikcenti- 
meter, erhebt sich aber unter Umständen bis zu 17 000 und 20 000, ja im Spree¬ 
leitungswasser (unfiltrirt) der Stralauer Werke wurden von Plagge und 
Proskauer 50 000 bis 100 000 Keime gefunden, während in reinem Quell¬ 
wasser selten mehr als 50 pro Cubikcentimeter enthalten sind *). Der Unter¬ 
schied zwischen dem der Stadt und dem Lande zur Verfügung stehenden 


1 ) Wolffhügel, Wasser, S. 22. 

2 ) Jäger iu Dämmer, Handwörterbuch der Gesundheitspflege. 

Vierteljahrsschrift fftr Gesundheitspflege, 1902. 


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258 


Dr. A. Noder, 


Wasser wäre also enorm, wenn nicht, wie wir später sehen werden, ver¬ 
schiedene Factoren in Betracht kämen, welche das Verhältnis zu verbessern, 
ja sogar häufig umzukehren in der Lage sind. 

3. Das Licht. 

Am wenigsten Unterschied zwischen Land und Stadt bietet dieser dritte 
Factor, da die Sonne dessen einzige gemeinsame Quelle für den Tag ist, und 
die Leuchtkraftausnutzung des Mond- und Sternenlichtes wohl ausgeschlossen 
werden kann; diese letzteren Lichtquellen werden eben in beiden Vergleichs¬ 
gebieten durch künstliche Beleuchtung ersetzt. 

Das Sonnenlicht ist auf die menschliche Gesundheit von hervorragendem 
Einfluss, indem es, abgesehen von der Thatsache, dass unsere gesammte 
Lebensthätigkeit schliesslich auf die Thätigkeit des Lichtes (Bildung der 
Vegetation, dadurch der Nahrungsstoffe u. s. w.) zurückzuführen ist, auch 
directe Einflüsse auf das Individuum besitzt. Dieser Einfluss erstreckt sich 
auf die Psyche, auf den Stoffwechsel und auf die Reinlichkeit. Je mehr 
Licht, je freier, wohler fühlt sich der Mensch, je lebhafter arbeiten Gehirn 
und Muskeln, je eher kommt Schmutz und Unrath zur Erscheinung 1 ) und 
drängt auf Entfernung. 

Dass die Abschliessung des Lichtes demnach entgegengesetzte Wirkung 
haben wird, liegt daher auf der Hand. Es ist aber gleicherweise klar, dass 
ein derartiger Abschluss im Allgemeinen eher in den Grossstädten als auf 
dem Lande stattfindet. Hohe Häuser und enge Strassen entziehen hier dem 
Bewohner sehr häufig die ihm nöthige Menge des Tageslichtes, und sitzende, 
in Bureau, Läden, Kellern und Fabrikräumen sich abspielende Berufsthätig- 
keit verhindert auch, ausserhalb der Wohnung das Licht zu suchen und zu 
gemessen, wie es dem Landbewohner schon in Folge seiner vielfachen Be¬ 
schäftigung im Freien in reicherem Maasse zu Theil wird. Wir werden 
zwar auch hier wahrnehmen, dass durch manche ungünstige Zustände ein 
Theil dieser Vortheile abgeschwächt, bezw. aufgehoben wird. Dies gilt be¬ 
sonders auch von der künstlichen Beleuchtung. 

4. Der Boden. 

Gemeinsam ist dem Boden der Stadt ubd des Landes die Fähigkeit, 
Wasser und Luft aufzunehmen und damit alle jene auf den Gesundheits¬ 
zustand günstig oder ungünstig einwirkenden Bestandtheile, welche wir bei 
der Besprechung dieser Factoren bereits gesehen haben. Diese Aufnahme¬ 
fähigkeit beruht auf den physikalischen Eigenschaften der Porosität, der 
Permeabilität und der Wassercapacität und hängt von der Beschaffenheit 
des Bodens ab, welche ihrerseits an geologische und geographische Unter¬ 
schiede geknüpft ist. Die Lage der Städte kommt hierbei manchmal der 
des Landes gleich, manchmal ist sie von derselben himmelweit verschieden, 
so dass ganz andere Verhältnisse für die Beurtheilung des einen wie des 
anderen in Betracht kommen. 

Die Luft des Bodens enthält ausser Sauerstoff und Stickstoff ebenfalls 
jene Beimengungen, welche schon in der Aussenluft erwähnt wurden: 


l ) Rubner, 1. c. 199. 


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Die Geaundheitsverhältnisse in Gressstädten und auf dem Lande. 259 

Kohlensäure, Ammoniak, Salpeter, salpetrige Säure und Wasserdampf, sowie 
Mikroorganismen. Die Zusammensetzung der nicht anormalen drei Gas¬ 
arten erleidet aber gegenüber der Aussenlnft eine wesentliche Aenderung, 
indem der Sauerstoff in der Grundluft ab-, die Kohlensäure zunimmt. Seit 
den Untersuchungen von Boussingault und Levy wissen wir, dass die 
Ackerkrume z. B. einen weit grösseren Gehalt an CO a aufweist als die 
atmosphärische Luft 1 ), nämlich 9 bis 22 pro Mille gegen 0'3 bis 0*4 pro 
Mille der Atmosphäre. Diese Kohlensäure ist das Endproduct der Zer¬ 
setzung organischer Verbindungen, welche neben der Nitrification jene zwei 
Processe darstellt, in welchen die Mineralisirung der organischen Substanzen 
culminirt 2 ) und welche also als „Selbstreinigung des Bodens“ angesehen 
werden muss. Diese Selbstreinigung bewirkt eben auch die Ueberführung des 
Ammoniaks in Salpeter und salpetrige Säure, sie hat aber insofern ihre 
Grenzen, als bei zu grosser Masse der organischen Verunreinigung (nament¬ 
lich der städtischen Jauche und Abwässer) eine Uebersättigung des Bodens 
mit Ammoniak eintritt, so dass dieses in der Grundluft und im Grundwasser 
nachgewiesen werden kann (so fand Fodor in Budapest bis zu 0*0471 mg 
im Cubikmeter). Es ergiebt sich, dass der Gasgehalt der Grundluft in 
Städten sich also von dem des Landes in wesentlichen Punkten unterscheidet. 
Besonders different aber ist die Zusammensetzung des Grundwassers in dem 
Maasse, als die Verunreinigung desselben eine grössere ist als auf dem 
Lande. Ueber die Beschaffenheit desselben ist schon bei der Besprechung 
des Wassers das Hauptsächlichste erwähnt worden, dadurch aber, dass der 
Boden je nach seiner Porosität und Capacität im Stande ist, das Wasser in 
verschiedenen Höhen festzuhalten, bezw. nach dem Gesetz der Capillarität 
auch zu heben, sowie die darin enthaltenen Stoffe zurückzubehalten, wird 
seine Beschaffenheit von der des eindringenden und durchsickernden 
Wassers wesentlich beeinflusst. In den oberen Schichten des Bodens und 
je nach der Porosität bis zu verschiedenen Tiefen finden sich daher die 
Abfallstoffe, welche wir schon erwähnten, in theils unverändertem, theils in 
Veränderung begriffenem Zustande; von besonderer Bedeutung sind aber hier 
vor allem die Mikroorganismen, welche in reicher Anzahl überall im Boden 
gefunden werden. Die Menge derselben schwankt bis zu 100 000 im 
Cubikcentimeter, ist aber nach R. Koch schon in der Tiefe von 1 m nur 
mehr sehr gering, bei l 1 /* m, namentlich in unbebautem Boden, beinahe ver¬ 
schwunden. Durch den Gehalt an pathogenen Keimen steht der Boden in 
bedeutender Beziehung zur Gesundheit, und es wird später gezeigt werden, 
dass gerade in Bezug auf die Infectionskrankheiten miasmatisch contagiöser 
Natur, wie Cholera, Typhus u. s. w., das Land durchaus nicht gegenüber 
den Grossstädten besonders begünstigt ist. 

Von einigem Unterschied endlich ist die Temperatur des Bodens auf dem 
Lande und in den Städten, indem die Vegetation des ersteren sowohl durch 
die Behinderung der Bodenverdunstung, durch grössere Feuchterhaltung, 
eine Aenderung derselben erzeugt, als auch durch die Art der Bodenfärbung 
das Absorptions- und Emissionsvermögen des Bodens beeinflusst 3 ). Dunkle 

l ) Soyka, Boden, S. 187. 

*) Pettenkofer, Zeitschr. f. Biologie VII, IX. 

*) Soyka, Boden, S. 128 bis 135. 

17* 


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Dr. A. Noder, 


Böden (Aecker) erwärmen sich mehr als helle, dagegen wird ein nackter 
Boden heisser als ein von Pflanzen (Wald) bedeckter. Auch der Grad der 
Bodenfeuchtigkeit richtet sich — abgesehen von den täglichen und jahres¬ 
zeitlichen Einflüssen — nach diesen Verhältnissen, indem die Verdunstungs¬ 
grösse (nach Es er) um so höher ist, je höher der Gehalt an organischen 
Substanzen, so dass Torf und Erde (Humus) die grösste Verdunstung auf¬ 
weisen, welche ausserdem noch durch den Pflanzenwuchs (Vermehrung der 
Verdunstungsoberfläche) besonders begünstigt wird. So war die Ver¬ 
dunstungsmenge pro 1000 qcm innerhalb 31 Tagen nach Es er: bei mit 
lebenden Pflanzen bedecktem Boden 13 902g, bei mit Steinen in nur 1cm 
Höhe bedecktem 1862g, eine Differenz, welche wohl einfach als Differenz 
des Stadtbodens gegenüber freiem Lande betrachtet werden darf. 

Wir haben also die allgemeinen natürlichen Factoren in dem Sinne be¬ 
trachtet, in welchem sie ohne Rücksicht auf den speciellen Charakter der 
Grossstädte und des Landes, d. h. deren Bewohner und Einrichtungen, sich 
verschieden erweisen können, und wollen nunmehr auf die Unterschiede ein- 
gehen, die sich aus den verschiedenartigen Lebens- und Wirkungsverhält¬ 
nissen der beiden Typen ergeben. 

Betrachten wir zuerst 

11. Besondere Gesundheitsfactoren. 

1. Die Wohnung. 

Hier treten wohl schon die durchgreifendsten Unterschiede zwischen 
Stadt und Land in die Erscheinung. Denn die Stadt ist eine Anhäufung 
der verschiedensten Wohnungen und innerhalb dieser und in dem von ihnen 
umschlossenen Gebiete spielt sich das ganze Leben des Stadtbewohners ab. 
Wir werden also zunächst die allgemeinen Wohnungsverhältnisse betrachten 
und dann auf die einzelnen differirenden Momente eingehen. 

Jedes Haus wirkt nach Pettenkofer wie eine auf den Boden auf¬ 
gesetzte Säugpumpe, es saugt die Grundluft ein und wird von derselben 
durchdrungen, so dass in Parterrelocalitäten die Luft bisweilen zur Hälfte 
aus Bodenluft besteht (Förster). Der Boden ist also vor Allem in der 
sorgfältigsten Weise auf seine Zweckdienlichkeit zur Bebauung zu unter¬ 
suchen, ob er nämlich rein, d. h. nicht bereits mit schädlichen Stoffen ge¬ 
sättigt und trocken, d. h. durchlässig für Luft und von genügend tiefem 
Grundwasserstand ist. Den letzteren Bedingungen wird in Stadt und Land 
vielfach nicht entsprochen, die Art aber, wie der eventuellen Feuchtigkeit 
des Untergrundes entgegengetreten wird, ist in der Stadt gewöhnlich eine 
rationellere als auf dem Lande (Anlegung von Luftschächten, Betonunterbau, 
Drainage des Baugrundes). Anders steht es mit der Bodenreinheit. An¬ 
genommen, ein Haus sei auf vollkommen jungfräulichem Boden errichtet, so 
wird binnen Kurzem durch die Bewohner selbst eine Verunreinigung ein- 
treten, indem die durch sie auftretenden Abfallstoffe dem Boden übermittelt 
werden. Diese betragen ungefähr pro Jahr und Kopf*) 34 kg Koth, 428 kg 
Harn, 90kg Küchenabfälle und Kehricht, 15 kg Asche, zusammen 567kg. 


') llubner, Seite 349. 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Grossstädten und auf dem Lande. 2C1 

Ausserdem entsteht noch eine nicht unbedeutende Menge Haus - und 
Gebrauchs wasser, welches den Staub und Schmutz der Wohnung, der 
Geschirre, der Wäsche u. s. w. mitzuführen hat und pro Tag und Person 
nach Pettenkofer 301 beträgt, so dass also der pro Kopf und Jahr ge¬ 
lieferte Abfall eines Hausbewohners auf 7867 kg zu schätzen ist. Diese 
Mengen werden nun in den Städten über Grundflächen erzeugt, welche viel 
zu klein sind, um dieselben verarbeiten zu können, wenn auch die Ver- 
arbeitungskraft des Bodens noch so sehr in Anschlag gebracht wird. Denkt 
man sich *) die Menschen so vertheilt, wie es zu einer guten landwirt¬ 
schaftlichen Düngung wünschenswerth wäre, so ist es mehr als ausreichend, 
wenn 80 Personen auf 1 ha Bodenfläche hausen und letzterem ihre Abfälle 
als Dünger zuführen. Diese Verhältnisse sind aber in den Städten weit 
überschritten. Auf 1 ha wohnen bis zu 800 Personen und darüber; dabei 
ist ganz abgesehen davon, dass in den meisten Städten drei Viertel der 
Bodenfläche mit Häusern bedeckt und dass kein Pflanzenwachsthum vor¬ 
handen ist, um die rasche Zersetzung der Düngstoffe zu begünstigen. 

Zweifellos würden also die Städte gegenüber dem Lande in kürzester 
Zeit die reinsten Pesthöhlen sein, wenn nicht Mittel vorhanden wären, den 
Abfällen einen anderen Abweg zu verschaffen. Auf dem Lande geschieht 
dies durch Senk- und Versitzgruben in allerdings höchst mangelhafter Weise. 
Denn durch diese Gruben wird lediglich der Unrath, statt überall im Boden, 
auf einem Platz desselben deponirt. Die Verunreinigung des Bodens bleibt 
aber auch bei cementirten Gruben die gleiche, da die Jauche auf den Cement 
lösend einwirkt. Setzt man den Gehalt an in Wasser löslichen und unlös¬ 
lichen Stoffen gleich 100 in einem normalen Boden, so befinden sich nach 
Wolffhügel 2 ): unter der Siele 221, unter Abtrittgruben 363, unter Duug- 
gruben 2652, ein Beweis für die colossale Verunreinigung, welche durch 
diese auf dem Lande Übliche Abzugsart der Boden erfährt. In den Städten 
werden diese Stoffe dagegen theils nach verschiedenen Systemen gesammelt 
und fortgeführt, theils in Canäle abgeleitet, welche den gesammten Unrath 
einem Flusse und dergl. zuführen (Schwemmcanalisation). Entschieden wird 
auf diese Weise einer Verunreinigung des Bodens besser vorgebeugt als auf 
dem Lande, andererseits ist damit der Missstand verbunden, dass statt dessen 
Flüsse auf weite Strecken hin verunreinigt werden, oft in einer derartigen 
Weise, dass ihre Ausdünstungen die Luft 3 ) für einige Zeit vollkommen 
ungeniessbar machen (Themse, Seine). In den Städten, welche Schwemm¬ 
canalisation besitzen, ist aber nothwendig auch die ganze Anlage der Aborte 
dem System angepasst, indem dieselben meistens Closets mit Wasserspülung 
besitzen und dadurch, sowie durch die Syphonverschlüsse und genügende 
Luftabzugsvorrichtungen einem Eintritt der Abortgase in das Innere des 
Hauses Vorbeugen. Gegenüber den zuweilen höchst primitiven Einrichtungen 
in den ländlichen Wohnungen fällt auch dies zu Gunsten der Stadt ins Gewicht. 

Einen weiteren wichtigen Factor für die Wohnung liefert die Wasser¬ 
zufuhr, welche in Stadt und Land ebenfalls höchst bedeutende Diffe- 


*) Bubner, 8. 349. 

*) Wolffhügel, 1. c. 
®) Renk, Luft, S. 57. 


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262 


Dr. A. Noder, 


renzen aufweist. Der Landbewohner hält sich zur Gewinnung des Trink- 
und Nutzwassers meist an seinen. in der Nähe des Hauses, selten im 
Inneren, gegrabenen oder geschlagenen Nortonhrunnen, seltener an eine 
Quelle oder an in Deichen weiter hergeleitetes Quellwasser. In letzteren 
beiden Fällen wird das Wasser im Allgemeinen rein, höchstens durch zu¬ 
fällige aus dem Ursprungsort der Quelle oder der Leitungsröhre herrührende 
Beimengungen verunreinigt sein. Bei den Brunnen aber kommt es ganz 
darauf an, auf welchem Platze sie stehen, und ob das Grundwasser dieses 
Platzes es ist, welches sie speist. Nicht selten werden nämlich auf dem 
Lande die Abfallstoffe, wie wir oben gesehen, einfach dem Boden anvertraut 
und durch das eindringende Regenwasser dem Grundwasser zugeführt, 
ebenso häufig aber stehen sogar die Brunnen in solcher Nähe der Dung¬ 
stätten, dass diese Stoffe, ohne erst zum Grundwasser zu gelangen, direct 
in die Brunnen kommen und damit eine schwere Verunreinigung des Trink¬ 
wassers J ) bewirken können. Litthauer hat z. B. gelegentlich der Cholera¬ 
epidemie im Jahre 1873 amtlich festgestellt, dass der Inhalt von auf den 
Düngerhaufen entleerten Eimern direct in den Brunnen geflossen war. Ist 
also im Allgemeinen dadurch, dass der Landbewohner frischeres und reineres 
Grundwas8er besitzt als der Städter, dieser letztere im Nachtheil, so wird 
anderseits dieser Nachtheil häufig durch die unzweckmässige Brunnen¬ 
anlage auf dem Lande aufgehoben, wozu noch kommt 2 ), dass in den meisten 
Grossstädten die Wasserfrage gewöhnlich in hinreichender und hygienisch 
befriedigender Weise gelöst ist. Jede Stadtwohnung ist zumeist an eine 
Wasserleitung angescblossen, welche so angelegt ist, dass pro Kopf und Tag 
eine genügende Quantität (in Berlin 80 Liter, Breslau 81 Liter, Frankfurt 
138 Liter, München 120 Liter) Wasser zur Verfügung steht. (Für kleinere 
Ortschaften und das Land nimmt B. Salbach 45 bis 50 Liter an für die 
menschlichen Gebrauchszwecke, für den Viehstand pro Pferd 50 Liter, 
Rind 40 Liter, Schwein 20 Liter, Fuhrwerke 65 Liter) 3 ). Die Quantitäten 
genügen also meist den Bedürfnissen, die Qualität lässt aber in vielen Fällen 
zu wünschen übrig, namentlich was die Frische (lange Leitung) als auch die 
Beimengungen betrifft. Häufig nimmt, namentlich bei Zutritt von Luft 
(Pettenkofer), das Wasser aus den Leitungsröhren metallische Stoffe auf, 
was besonders bei Bleiröhren zu Intoxicationen führen kann (Massenver¬ 
giftung in Dessau 1886); manchmal auch ist es die natürliche Beschaffenheit 
des Wassers selbst, welche unzuträglich wirkt (Gypsgehalt des Wassers in 
Paris) 4 ). 

Betrachten wir nun das Material und die Construction der Häuser, wie 
sie auf dem Lande und in der Grossstadt sich darbieten, so dürfte, wenigstens 
was bayerische Verhältnisse anlangt, ein recht wesentlicher Unterschied nicht 
vorhanden sein. Die meisten Wohnhäuser des Landes werden wohl aus 
Backsteinen erbaut sein, die Dachdeckung besteht aus Ziegeln, nur in 
wenigen Fällen mehr aus Stroh, Schindeln und dergl., und die Construction 

l ) K 1 os8, Vierteljahrschrift für Gesundheitspflege XXXII, 3. 

*) Officieller Bericht über die IX. Hauptversammlung des Preussischen 
Medicinal-Beamten-Vereins in Berlin, S. 94. 

8 ) Wolffhügel, 1. c. 193. 

4 ) Wolffhügel, Seite 97. 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten und auf dem Lande. 263 

ist im Allgemeinen, bis auf die Unterschiede in Zimmerhöhe und Fenster¬ 
grösse, dieselbe wie bei gleich grossen Häusern der Stadt. 

Anders scheinen in manchen Bezirken Norddeutschlands die Verhält¬ 
nisse zu liegen, von denen Litthauer 1 ) sich folgendermaassen äussert: 
„Sie kennen ja Alle jene kleinen, aus Lehmstacken gebauten Hütten, die 
nicht unterkellert, nicht gedielt sind, und jene kleinen nicht oder sehr schwer 
zu öffnenden Fenster haben. Diese Hütten bilden für vier, sechs, acht 
Familien, je nach ihrer Grösse, die Wohnung, gleichviel ob jede noch zwei, 
vier oder mehr Kinder hat und für die vom landwirtschaftlichen Tagelöhner 
zu haltende Dienstmagd ein besonderer Schlafraum existirt oder nicht. tf 
Hier wären also die Landbewohner in einem bedeutenden Nachtheil gegen¬ 
über den überfülltesten Mietskasernen der Städte, auch hinsichtlich des 
Baumateriales und der Bauführung. 

In Einem aber unterscheidet sich das ländliche Haus zweifellos von 
der Stadtwohnung, in der Lage. In den Grossstädten herrscht grösstenteils 
das geschlossene Bausystem, während die ländlichen Ortschaften fast durch¬ 
weg in freien, von Gärten und grossen Hofräumen umgebenen Einzelhäusern 
erhaut sind. Dadurch werden vor Allem die Luftcirculation (Ventilation) 
und Lichtzufuhr in bedeutender Weise begünstigt, es wird aber auch die 
Reinlichkeit sowohl des Untergrundes (geringere Ausnutzung des Bau¬ 
grundes durch weniger Bewohner pro Bodenfläche) als auch des Hauses 
selbst (weniger Staub, feuchtere Aussenluft) a ) in derselben Weise erhalten 
wie bei dem sogenannten Pavillonsystem. 

Wir kommen damit auf diejenigen Factoren, welche nach allen Forschern 
den Hauptunterschied zwischen den vorliegenden Vergleichsobjecten aus¬ 
machen, die Bebauungsweise und die (Stadt-) Luft. Durch die enge und in 
mehreren Stockwerken über einander angelegte Zahl von Wohnungen wird, 
wie wir schon gesehen haben, zunächst die Beschaffenheit des Bodens in 
schädlichem Sinne geändert. Durch die Unzugänglichkeit zweier Seiten 
des Hauses für die Luft und den Windstoss muss ferner die Ventilation 
leiden, wie durch den Massenbau Luft und Licht den Innenräumen entzogen 
wird. Die compacten Häuser hindern endlich auch die freie Luftbewegung 
in den Höfen und Strassen, und es entstehen alle Folgen der Luftstagnation, 
die Luftverschlechterung und die Hitze in den Sommermonaten (Rubner, 1. c.). 
Zunächst erfährt dabei die Innenluft des Hauses eine Temperaturerhöhung, 
welche aber nicht überall gleich, sondern in verschiedenen Stockwerken ver¬ 
schieden ist. In den Kellerwohnungen ist die Temperatur meist sogar 
niedriger als die Lufttemperatur im Freien, theilweise auch im Erdgeschosse, 
weil es dickere Mauern hat und durch viele Monate seine Wärme an den 
Boden abgiebt. Die Dachwohnungen dagegen erhalten wegen der intensiven 
Sonnenbestrahlung der meist flachen Dächer noch Wärme von oben zu¬ 
geleitet, während im Inneren ohnedies die Wärme nach den oberen Stock¬ 
werken zieht (E. Voit und Förster). Gerade diejenigen Wohnungen also, 
welche von den zahlreicheren Parteien, den armen Leuten, bewohnt sind, 
bieten zur Bewohnung oft untaugliche Temperaturextreme dar. Auch nach 


l ) Litthauer, 1. c. 93. 

*) Rubner, Hygiene 264. 


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264 


Dr. A. Noder, 


aussen wird durch die Häuser die Temperatur in erhöhendem Sinne beein¬ 
flusst. Die mittlere Wintertemperatur ist z. B. in Wien (Stadt) um 0*3°, 
die Sommertemperatur um 0*9° höher als in der Umgebung Wiens (Hann), 
für welche Thatsache wohl die Wärmestrahlung der Häuser ausser der 
geringeren Luftbewegung verantwortlich ist. Durch das Anhäufen der 
Bevölkerung wird ferner die Wohnungsdichte bedeutend erhöht und damit der 
Luftconsum und die durch das Ausathmen geschaffene Luftverschlechterung 
in den Häusern. Es ist oben bereits erwähnt, dass in den Grossstädten 
ungefähr 800 Personen auf den Hektar Bodenfläche treffen, und aus den 
nachfolgenden Zahlen geht diese Thatsache noch deutlicher hervor: Nach 
Adickes kamen 1890: Auf ein bewohntes Grundstück in Berlin 73*0, Bres¬ 
lau 49*7, Hamburg 34*1, München 31*9, Dresden 35*6 u. s. w., im Durch¬ 
schnitt 34*5 — ohne Berlin 27*4 Bewohner, während in England bei dem 
System freier Bebauungsweise (Familienhaus) selbst in London nur 7*9 — 
ohne London sogar nur 5*4 Bewohner auf ein Grundstück treffen *)• 

Nach Farr, welcher die Wohndichtigkeit durch die Berechnung der 
durchschnittlichen Nähe der Bewohner zu einander (proximity of population) 
ausdrückte, ergab sich für London eine Menschennähe von 11*8 Ellen, 
Liverpool 7 gegen eine solche von 99 in ganz England und sogar nur 147 
in den hedlthy districts (Ackerbau treibenden nördlichen Grafschaften) 2 ). Da 
ein erwachsener Mensch in 24 Stunden etwa 542 Liter C0 2 ausathmet, so 
erhellt aus diesen Zahlen allein die Verschlechterung, welche die Luft der 
städtischen Wohnungen durch das Zusammenleben vieler Menschen erfährt; 
durch die in unserem Klima aber während eines grossen Theiles des Jahres 
nothwendige Beheizung, durch die in Folge der intensiven Arbeitsausnutzung 
nothwendige langdauernde Beleuchtung und durch die den Stadtbewohnern 
in weit höherem Maasse als den Landbewohnern zufallende Beschäftigung 
in geschlossenen Räumen wird diese Verschlechterung noch in weiterem 
Maasse vermehrt. Oldendorff führt daher die grössere Mortalität der 
städtischen Bevölkerung auf zwei Ursachen zurück: 1. Auf die Verschieden¬ 
heit der Beschäftigung, 2. auf das gedrängte Zusammenleben der niederen 
socialen Schichten der Bevölkerung in unzureichenden, mangelhaften Woh¬ 
nungen und der damit gegebenen bald grösseren, bald geringeren Ver¬ 
unreinigung von Luft, Boden und Wasser s ). 

Wir werden am Schlüsse auf diese Ausführungen noch näher zurück¬ 
kommen und wollen die Uebersicht über die ferneren Licht- und Schatten¬ 
seiten des städtischen Bebauungssystems zu Ende führen. Hierher gehören 
noch vor Allem die Lichtverhältnisse, die Gefahren der Contactinfectionen 
und die Gefahren bezw. Nachtheile des Verkehrs. Die Beleuchtung der 
Wohnung durch directes Sonnenlicht wird wohl nur wenigen, hier am ersten 
noch den höchstgelegenen Stockwerken zu Theil werden. Der grösste Theil 
der Tagesbeleuchtung muss durch diffuses und das von gegenüberliegenden 
Häuserflächen reflectirte Licht gedeckt werden, da, je höher die Gebäude, 

l ) Adikes, in der XIX. Versammlung des Vereins für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege in Magdeburg. 

*) Finkelnburg, Centralbl. für allgemeine Gesundheitspflege, I. Jahrg., 1, 2. 

8 ) Oldendorff, Einfluss der Wohnung auf die Gesundheit, im Handbuch der 
Hygiene von Weyl, IV, 1. 


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Die GesundheitsVerhältnisse in Grossstädten und auf dem Laude. 265 

desto tiefer die Beschattung wird, und eine den Verhältnissen entsprechende 
Strassenbreite nicht zu beschaffen ist. Stellt man (Rubner) die Anforderung, 
dass Parterrelocalitäten noch bei tiefstem Sonnenstände von gegenüber¬ 
liegenden Gebäuden nicht beschattet werden, so müsste der Abstand der¬ 
selben das Drei- bis Vierfache ihrer Höhe betragen, eine Forderung, welche 
selbstverständlich nicht durchführbar ist. Man begnügt sich daher zu ver¬ 
langen, dass in Parterreräumen wenigstens in einer Entfernung von 2 m vom 
Fenster während des grössten Theiles des Tages noch Licht zum Lesen und 
Schreiben vorhanden sei, und dies giebt bei richtiger Anlage und Grösse der 
Fenster eine Strassenbreite, die der Häuserhöhe entspricht oder sie um 
etwas übertrifft, H : B = 1:1 (Vorschläge des Deutschen Vereins für 
öffentliche Gesundheitspflege) oder 1 :1*3 (Clement) oder 1:1*5 (Prelat). 

Wie häufig indessen dieses Maass in den Gässchen und Gassen einer 
Stadt, dann für alle Kellerwohnungen und Hintergebäude nicht zutrifft, 
braucht gegenüber den hierin entschieden günstigeren Verhältnissen auf 
dem Lande kaum betont zu werden, wenngleich ein Theil dieser freieren 
Lichtzufuhr auf dem Lande durch kleine und unzweckmässige Construction 
der Fenster wieder aufgehoben wird. 

Von schwererem Einfluss auf die allgemeinen Gesundheitsverhältnisse 
gestaltet sich das enge Zusammenwohnen bei Krankheiten, namentlich in- 
fectiösen und epidemischen Charakters. Hierher gehören zunächst jene theils 
dem Boden, theils der Contactübertragung entstammenden Volkskrankheiten, 
wie Typhus und Cholera, theils und vor Allem die drei exquisiten, in der 
schlechten Luft und Ernährung ihre Quellen findenden Krankheiten: 
Kinderdiarrhoe, Lungenschwindsucht und Flecktyphus. Diese Krankheiten 
bilden, wie wir später sehen werden, das Hauptmoment der höheren Morta¬ 
lität der Städte und erklären sich unschwer bei den oft tief darniederliegenden 
Zuständen der städtischen Massenquartiere und Miethskasernen. 

Doch auch zu anderen Krankheiten tragen diese Wohnungsverhältnisse 
noch bei, nämlich zu Herz- und Nierenleiden. Erstere werden vielfach 
durch das häufige hastige Steigen hoher Stiegen bei im Allgemeinen schlecht 
genährtem Herzmuskel und entarteten Thoraxverhältnissen, letztere durch 
den vermehrten Wirths- und Schnapshausbesuch erzeugt, welch letzterer 
indirect eine Folge des Massenwohnens in so fern ist, als der Sinn für 
Häuslichkeit dem städtischen Kleinwohner, dem Arbeiter, sehr häufig ver¬ 
loren geht (Finkelnburg, Oldendorff, 1. c.). 

Zu den Schädlichkeiten, die der Strassenverkehr erzeugt, ist in Bezug 
auf die Wohnung vor Allem der Staub zu zählen, welcher nicht nur durch 
die an den Strassen liegenden Fenster und Thüren in Folge der Luft¬ 
bewegung eintritt, sondern auch durch die Stiefel und Kleider der Bewohner 
täglich und stündlich hereingetragen wird. In diesem Staube aber sind 
gerade die Pilze und Keime jenes Bodens zu einem grossen Theil enthalten, 
dessen Verunreinigung durch die Städte so hervorragend und der hierdurch 
auch noch auf einem zweiten Wege seine Schädlichkeiten an die Bewohner 
abzugeben in der Lage ist. Der Lärm, welcher die nächtliche Ruhe in un¬ 
gleich höherem Maasse als auf dem Lande stört und in die Wohnungen 
dringt, trägt nicht minder zu einer anderen Gesundheitsschädigung, 
der Nervosität, bei. 


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266 


Dr. A. Noder, 


Endlich wirken noch die directen Gefahren des intensiven Verkehrs 
der Städte, welche indessen später besprochen werden sollen. 

2. Die Ernährung. 

Um das Stickstoffgleichgewicht des Körpers zu erhalten, benöthigt der 
erwachsene, nicht zu schwer arbeitende, aber auch nicht ruhende Maun nach 
den Untersuchungen Voits: 118g Eiweiss, 40g Fett, 400g Kohlehydrate; 
die unter den gleichen Bedingungen untersuchte Frau: 90g Eiweiss, 40g 
Fett, 400 g Kohlehydrate. 

In neuerer Zeit sind aber gegen diese Höhe des Eiweissbedarfes mehr¬ 
fache Einsprüche erhoben worden. So fanden Pflüger, Bohland und 
Bleibtreu bei kräftigen Männern nur einen Eiweissumsatz von 90bis 107 g, 
Nakahama nur 70 bis 83g, Scheube und Eppmann 83 biB 90g, 
Hirschfeld, Kumagawa und Andere sogar bei genügend reichlicher Zu¬ 
fuhr von Fett und Kohlehydraten nur 50 g, so dass es nach Munk 1 ) nicht 
mehr zulässig erscheint, an den Voit’schen Grundsätzen festzuhalten. Nach 
den Zusammenstellungen der Autoren sind vielmehr als Mittelmaass für den 
erwachsenen kräftigen Mann bei leichter Arbeit zu fordern: 100g Eiweiss, 
56 g Fett, 400 bis 450 g Kohlehydrate und bei mittlerer, nicht zu an¬ 
gestrengter Arbeit 110 g Eiweiss, 56 g Fett, 500 g Kohlehydrate. Von diesen 
100 bis 110g sollten 90 bis 100g verdaut sein, was vorteilhaft dadurch 
geschieht, dass ein Drittel des Eiweissbedarfes in animalischen Mitteln 
(Fleisch, Milch, Käse) gegeben wird. Im ersteren Falle ist das Verhältniss 
der N-haltigen zu den N-freien Stoffen 1:5, im zweiten 1: 5*3; für die er¬ 
wachsene, arbeitende Frau genügen die von Voit angegebenen Mengen. 

Legt man diese Normalnährstoffmengen zu Grunde, so ergeben sich 
zwischen Stadt und Land keine bedeutenden Unterschiede in Bezug auf den 
Gesammtverbrauch der genannten Nährfactoren, wohl aber in dem Verhält¬ 
niss der einzelnen Gruppen zu einander. 

Diese Unterschiede beziehen sich auf zwei verschiedene Klassen, die 
wohlhabende und die Arbeiterbevölkerung. Auch der wohlhabende Bauer 
deckt seinen Stoffumsatz zum grössten Theil aus vegetabilischen Nahrungs- 
stoffen, während der gut situirte Städter die animalische Kost vorzieht. Der 
Bauer consumirt eben im Grossen und Ganzen das von ihm selbst Producirte 
und ist für Genussmittel und andere hier in Frage kommende Gebrauchs¬ 
gegenstände 2 ) ein geringer Abnehmer. Vor Allem verwendet er, wenigstens 
hier in Süddeutschland, das von seinem eigenen Mehl hergestellte Brot und 
zwar meist kleienhaltiges Roggenbrot, welches nach Rubner weit cellulose¬ 
reicher als Brot aus ganzem Korn ist, und von dem bei der Ausnutzung 
15 Proc. Trockensubstanz, 32 Proc. Eiweiss, 10*9 Proc. Kohlehydrate ver¬ 
loren gehen. Schlimmere Zustände mag es in Norddeutschland geben, wenn 
Dr. Dietrich 3 ) berichten kann: „— wo die Anspruchslosigkeit der Bevölkerung 
in so vieler Hinsicht bis an die Grenze des Menschenwürdigen hinunterreicht, 
und wo die Armuth eine so grosse ist, dass ein bedeutender Theil dieser 

l ) Munk und Uffelmann, Ernährung, I, S. 205. 

a ) Kloss, Vierteljahreschrift für Gesundheitspflege, XXIII, S. 3. 

8 ) Dietrich, Das öffentliche Gesundheitswesen iu Posen in den Jahren 1886 
bis 1888, 8. 158. 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten und auf dem Lande. 267 

Bevölkerung sich kaum an Festtagen den Brotgenuss erlauben kann, da 
kann auch“ — u. s. w. Dieses Brot ist also ungleich weniger nahrhaft, es 
regt aber zu energischerer Darmthätigkeit an, was wohl für die übrige 
voluminöse und ebenfalls nicht sehr gut ausnutzbare bäuerliche Kost von 
Bedeutung ist. 

Zu dieser letzteren gehören als zweites Hauptnahrungsmittel die 
Kartoffeln, deren Eiweissgehalt ein sehr geringer ist (sie enthalten nur ein 
Drittel bis ein Viertel der Eiweissstoffe des Weizenmehls), welche aber 
wegen der geringen Anpflanzungs- und Culturarbeit und des meist reichen 
Ernteerträgnisses, sowie der leichten Zubereitungsart sich zum beliebtesten 
Volksnährmittel entwickelt haben. Freilich bedarf es zur Erhaltung des 
Stickstoffgleichgewichtes dabei colossaler Quantitäten, bei drückenden socialen 
Zuständen werden aber dieselben in manchen Länderstrichen doch consumirt, 
so z. B. in Irland, wo nach den Angaben von Edw. Smith ein Erwachsener 
täglich über zehn englische Pfund Kartoffeln verzehrte 1 ). 

Erst in dritter Linie kommen dann von animalischen Nahrungsmitteln 
die Eier und die Milch, sowie deren Derivate in Betracht. Beide Stoffe 
würden den Ei weissbedarf in der compendiösesten und resorbirbarsten Form 
decken, neben den Kohlehydraten und der Flüssigkeitszufuhr — leider aber 
wird, wenigstens nach meinen hier zu Lande gemachten Erfahrungen, der 
überwiegende Theil derselben lieber verkauft als zum eigenen Bedarf zurück¬ 
behalten. Einen sehr schädlichen Einfluss üben hier vor Allem die in den 
letzten Jahren überall entstandenen Genossenschaftskäsereien, welche von den 
Bauern eines Ortes gegründet und erbaut und an einen Grosskäser verpachtet 
werden, um den stetigen Absatz ihrer Milch zu sichern. Um 8 bis 9 Pfg. 
wandert in Folge dessen der letzte Liter Milch zum Käser, welcher pünktlich 
jeden Monat abrechnet und ausbezahlt, so dass häufig dann in plötzlichen 
Nothfällen (Erkrankung u. s. w.) selbst in den grössten Bauernhöfen die 
Milch zu 12 Pfg. gekauft werden muss, manchmal aber nicht einmal um 
theures Geld zu haben ist. Selbstverständlich ist mit diesem Ausgeben der 
Milch auch der völlige Mangel eigener Butter, eigenen Schmalzes verbunden. 
An ihre Stelle treten die Surrogate, welche vom Krämer oder aus der Stadt 
bezogen werden: Speisefett und Margarine, wie an Stelle der kühlen Milch 
als Getränk dann das Bier tritt, meist das billigere und schlechte Tropfbier 
(Schöps, hier zu Lande Weissbier genannt). 

Fleisch kommt nur in seltenen Fällen auf den Tisch, an grossen Fest¬ 
tagen, nicht einmal an jedem Sonntag 3 ), wird aber dann ebenfalls in grossen 
Quantitäten verzehrt. Ueber den Nährwerth desselben ist ja nichts weiter 
zu erörtern, sehr häufig aber über die Provenienz. Nicht selten wird näm¬ 
lich das Fleisch nothgeschlachteten Thieren entnommen, welche kurz vor 
dem Tode eine schwere Krankheit oder Verletzung erlitten und, wenn Hülfe 
aussichtslos ist, noch im letzten Moment, um das Fleisch genussfähig zu 
erhalten, getödtet wurden. Leicht ist hier der Anlass zu bedeutenden 
hygienischen Missbräuchen gegeben, wenn, wie es auf dem Lande mehrfach 
der Fall, nur bäuerliche Fleischbeschauer angestellt sind, welche, um dem 


') Förster, Ernährung, 8. 105. 

*) Scholtz, Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege, XXVII, S. 4 . 


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Dr. A. Noder, 


Nachbarn hinauszuhelfen, gern ein oder mehr Augen zudrücken. In dieser 
Beziehung werden oft besorgnisserregende Zustände wahrgenommen; so wird 
von einer plötzlich yorgenommenen Nachprüfung der Fleischbeschauer des 
Kreises Liegnitz 1888 berichtet: 21 legten unmittelbar nach der Prüfung 
ihr Amt nieder oder wurden desselben enthoben, mehr als 80 bestanden die 
Prüfung nicht und mussten theils einer Nachprüfung unterworfen, theils 
neu unterrichtet werden; von den untersuchten Mikroskopen wurden 90 
stark verunreinigt oder sonst unbrauchbar gefunden *). Dessgleichen geben 
die grossen Fleischvergiftungs-Epidemieen (von Emmersleben, Andelfingen, 
Kloten und Birmenstorf) Anregung zur Beurtheilung der oft arg darnieder¬ 
liegenden bezüglichen Prophylaxe; und Scholtz (1. c.) weist mit Recht 
darauf hin, dass, wenn so zahlreiche Thiere in städtischen Centralviehhöfen 
als unbrauchbar zurückgewiesen werden — z. B. waren in den preussischen 
Schlachthäusern 1891/92 von 529 792 Rindern 3992, von 784 046 Kälbern 
1148, von 1827 866 Schweine 7376 ganz und Theile von 58 979 Rindern, 
1868 Kälbern und 43 388 Schweinen verworfen worden —, dann gewiss 
auch in den ländlichen Metzgereien viele Hunderte von Thieren angekauft 
und verkauft werden, deren Fleisch als gesundheitswidrig zu erachten ist a ). 
Hier also besonders liegen hygienische Unterschiede zwischen Stadt und 
Land zu Tage. 

Was die Kost des ländlichen Arbeiters gegenüber dem städtischen be¬ 
trifft, so macht sich der Pauperismus bei Beiden meist in gleichem Sinne 
geltend. Nach Scholtz (1. c., S. 331) „beschränkt allerdings sich der 
Landarbeiter der Hauptsache nach auf vegetabilische Kost, Brot, Kartoffeln, 
Graupen und Kraut, beim industriellen aber macht sich das Bedürfniss nach 
animalischer Kost geltend — besonders die Wurst ist als Zukost begehrt“. 
Nach Litthauer aber „fristet die Arbeiterbevölkerung auf dem Lande und 
in kleinen Städten ihr Dasein vorzugsweise mit Kraut und Kartoffeln und 
kennt als alleiniges Mittel zur Anregung und Tröstung über die Misere 
ihres Daseins nur den Schnaps“. Dass dieser letztere auch dem landwirt¬ 
schaftlichen Arbeiter allmählich zuzusetzen beginnt, ist leider mit dem oben 
erwähnten Rückgang der Milch in den bäuerlichen Haushaltungen verbunden 
und findet seinen ziffernmässigen Ausdruck in der Morbidität und Mortalität 
der Nierenkrankheiten, welche in beiden Kategorieen ziemlich hoch, allerdings 
bei den Städtern bedeutend höher ist, und auf welche wir am Schlüsse noch 
zurückkommen werden, ebenso wie auf die Kindermortalität, deren ätio¬ 
logisches Moment in Stadt und Land vielfach in den Ernährungsfehlern zu 
suchen ist und hauptsächlich die kleine und arme Bevölkerung mit zahlreichem 
Kindersegen und schlechten Wohnungs- und Nahrungsverhältnissen betrifft. 

3. Die Kleidung. 

Eine richtige Kleidung soll nach Rubner 3 ) ausreichend zur Wärme¬ 
regulirung, im Sommer dünn, locker und hell, im Winter dick, gut schliessend 
und dunkel sein; in Rücksicht auf die Schweisssecretion das Wasser gut 


J ) Kloss, 1. c., S. 445. 

*) Scholtz, Vierteljahrsschrift f. öffentl. Gesundheitspflege, XXVII, 4, 8. 333. 
a ) Rubner, Kleidung, S. 72 ff. 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten und auf dem Laude. 269 

aufnehmen und in benutztem Zustande leicht austrocknen; im Schnitt vor 
Allem zu enge und drückende Maasse vermeiden, endlich gut zu reinigen, 
leicht und dauerhaft «sein. 

Im Allgemeinen können diese Anforderungen durch die verschiedensten 
Stoffe erfüllt werden, so ungleich dieselben in Bezug auf Wärmeleitungs¬ 
fähigkeit, Aufsaugungavermögen und Durchlässigkeit für Luft und Wasser¬ 
dampf sind. Was die erstere betrifft, so ist nach Krieger die Wärme¬ 
abgabe gehemmt von Seide um 3 Proc., Leinwand um 5 Proc., Flanell um 
14 Proc., Winterbuckskin um 16 bis 26 Proc.; nach Schuster von Lein¬ 
wand (einfache Lage) um 3*9 Proc., Seide 7*9 Proc., Flanell 18*4 Proc., 
Winterbuckskin 27 Proc. Das Aufsaugungsvermögen beträgt nach Nocht: 
a) für hygroskopisch aufgenommenes Wasser (aus der Feuchtigkeit der Atmo¬ 
sphäre): Leinwand 20*6 g, Flanell 28 g, Barchent 16*4 g, Jägertricot 25*5 g 
für 100 g Stoff in 48 Stunden; b) als Volldurchnässung (vollsaugen und ab¬ 
tropfen lassen) Leinwand 1263 g, Flanell 1833 g, Barchent 1626 g, Jäger¬ 
tricot 2850 g für 100 g Stoff, woraus erhellt, dass Leinwand hygroskopisch 
in der Mitte zwischen wollenen und baumwollenen Stoffen steht, jedoch voll¬ 
gesaugt am wenigsten Wasser aufzunehmen vermag; Pettenkofer und 
Nocht haben auch nachgewiesen, dass sie das Wasser am schnellsten wieder 
abgiebt, indem Leinwand pro durchnässten Quadratmeter schon nach acht 
Stunden, Barchent und Flanell nach zehn Stunden, Jägertricot noch nicht nach 
13 Stunden trocken war. Die Durchlässigkeit endlich für Luft hat Petten¬ 
kofer bei 4*5 cbm Druck auf 1 qcm Stoff pro Minute folgendermaassen be¬ 
stimmt: Leinwand 6 03 Liter, Seide 4*14 Liter, Buckskin 6*07 Liter, Flanell 
10*41 Liter. Nachdem aber der Druck in der menschlichen Kleidung (durch 
die Athem- und andere Bewegungen) nicht mehr als 0*04 cbm Wasserdruck 
entspricht, berechnen siöh die Durchgangsmengen der Luft durch Leinwand 
mit 16 Liter, Barchent 25 bis 98 Liter, Flanell 100 bis 128 Liter, Jäger¬ 
tricot 150 Liter, Lahmann’s Stoff 249 Liter x ). Die Wärmeleitung und 
Strahlung der Kleider dagegen ist für alle Stoffe ziemlich gleich, die erstere 
hängt von der Dicke der Schicht ab, die letztere von der Art der Oberfläche, 
wobei zu bemerken ist, dass der Unterschied zwischen glatten und rauhen 
Geweben 25 Proc. betragen kann (Rubner). 

Betrachtet man nun in Rücksicht auf vorstehende Normalsätze die 
Kleidung des Landbewohners und Grossstädters, so ergeben sich für die 
jetzige Zeit keine so bedeutenden Unterschiede wie früher, als noch die 
Volkstrachten in Gebrauch waren, bei denen meist viel schwerere, dichtere, 
oft sehr unhygienisch geschnittene Kleider getragen wurden. Im Allgemeinen 
unterliegen die Kleider auf dem Lande noch nicht so sehr der Mode als in 
den Städten und sind gewöhnlich — der freien und schweren Arbeit ent¬ 
sprechend — freier und gesünder, namentlich fehlt fast immer die Ein¬ 
engung des Halses durch Kragen und die Behinderung der Hautrespiration 
durch appretirte oder gestärkte Stoffe beim männlichen Geschlecht und die 
Beengung durch das Corset bei den Weibern. In der Wahl der Stoffe 
(Leinwand, Shirting, Baumwollen- und Wollenstoffe) sowie in der Anordnung 
der Kleidungsstücke (Hemd und Unterbeinkleid, Weste und Hose, Rock und 


*) Nocht, Zeitschrift für Hygiene, Bd. V. 


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270 


Dr. A. Noder, 


Ueberrock) besteht dagegen kein nennenswertber Unterschied, da beide 
Kategorieen selten mehr selbstverarbeitete Producte benutzen, sondern meist 
den Einkauf in städtischen Geschäften besorgen. Ueber die Kopf- und Fuss- 
bedeckung ist wenig zu bemerken, wenn nicht das, dass auch hier der Land¬ 
bewohner, namentlich die Kinder, lieber und öfter frei und unbeengt (bar¬ 
haupt und barfuss) bleibt, als der Städter. 

Endlich noch das Bett! Die „gute alte Zeit“, in welcher die hohen 
und schweren Bauernbetten sprichwörtlich waren, ist hinfällig geworden 
durch den Verkehr, der den Bäuerinnen einen lohnenderen Absatz für ihre 
Gans- und Entendaunen eröffnet als in den häuslichen Ober- und Unter¬ 
betten. Nichts desto weniger besteht auf dem Lande noch überall, wo über¬ 
haupt nicht die Armuth auf Stroh und Decken nächtigt, die Sitte, das Bett 
möglichst warm zu halten — Unterbett, baumwollenes oder wollenes Laken, 
Oberbett und Decke, während der Städter sich im Allgemeinen auf die 
Rosshaar-, Seegras- oder Springfedermatratze und auf ein leinenes Laken 
eingerichtet hat. 

Sehen wir indessen von der Rolle der Kleidung als wärmeregulirendes 
Mittel ab, so besitzt dieselbe ausserdem noch eine allgemeine hygienische 
Bedeutung als Schutzmittel gegen die äusseren Einflüsse des Staubes und 
der atmosphärischen Niederschläge, anderseits aber auch als Träger des 
Staubes, des Schmutzes der Körperoberfläche und damit als reinhaltendes 
und reinmachendes Mittel oder, wie Nussbaum es ausgedrückt hat, als 
„trockenes Bad“. 

Wir kommen damit zu dem Capitel 

4. Reinlichkeit und Hautpflege 

und wollen dasselbe nach zwei Richtungen in Vergleich ziehen, nämlich als 
allgemeine öffentliche und als individuelle Reinlichkeit. 

Der öffentlichen obliegt die Reinhaltung der Luft, des Bodens und des 
Wassers, der Häuser und Strassen, der privaten die Reinhaltung der 
Wohnung und des Körpers. 

In Bezug auf die Luftverunreinigung übt, wie im allgemeinen Theil 
dieser Arbeit nachgewiesen, die Grossstadt einen erheblicheren Einfluss als 
das Land, wesshalb ihr auch die Reinlichkeitsmaassregeln in erhöhtem Maasse 
obliegen. Fabrikbetrieb und Leichenbestattung sind sowohl durch reichs¬ 
gesetzliche als auch locale Bestimmungen geregelt, ersterer durch die Ge¬ 
werbeordnung für das Deutsche Reich vom 21. Juni 1869 in der Fassung 
vom 26. Juli 1900 und das Gesetz betreffend gewerbliche Anlagen vom 
2. März 1874, letztere durch die verschiedenen Verordnungen über Leichen¬ 
schau, Anlage von Friedhöfen, Leichentransporte u. s. w. 1 ). Auf dem Lande 
herrschen hier aber manchmal noch sehr besserungsbedürftige Zustände. 
Zucker-, Holzstoff- und Papierfabriken, welche häufig auf dem Lande etablirt 
sind, bewirken zuweilen starke Verunreinigung der Grundluft durch Ab¬ 
wässer, ohne dass, wie Dr. Kloss (1. c. S. 448) mittheilt, die Ortspolizei¬ 
behörde die Initiative ergreifen und dagegen einschreiten würde. 

ln Hinsicht auf das Begräbnisswesen beklagt der gleiche Autor: 1. den 


l ) Kuby, Medicinal-Gesetzgebung für Bayern 1883. 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten und auf dem Lande. 271 

Mangel an Leichenhallen, 2. die Unsitte, die Leichen zu Hause lange Zeit 
(in Ostfriesland acht Tage, so dass durch eine Verordnung vom 3. Juli 1888 
die Begräbnissfrist auf 96 bis 120 Stunden festgesetzt wurde!) stehen zu 
lassen oder die geschlossenen Särge nochmals zu öffnen (Kloss, 1. c., S’. 455). 
Dr. Süsskand 1 ) betont, dass Emanation von Leichengasen eintritt, wenn 
die oberhalb der Verwesungszone gelegene Erdschicht sehr seicht, wenn der 
Boden mit Leichenmaterial übersättigt, wenn die Verwesung durch zu grosse 
Feuchtigkeit oder Trockenheit, zu enge Poren hintangehalten wird (Schön- 
feld, Eulenburg) und dass es hauptsächlich die Kohlensäure sei, welche 
gesundheitsgefahrlich hier wirke (namentlich beim Betreten von Grab¬ 
gewölben). Nach preussischen Bestimmungen ist daher die Entfernung des 
Kirchhofes von Ortschaften, also nicht bloss Städten, auf 50 Ruthen = 200 m 
vorgeschrieben (M. E. v. 18. März 1852), nach bayerischen war diesseits 
des Rheines kein bestimmtes Maass angegeben, jenseits bestimmte der Code 
Napoleon dasselbe zu 30 bis 40 m ausserhalb der Enceinte der Städte und 
Ortschaften (Ges. v. 23. Prärial XII, Kuby). In den Dörfern befindet sich 
jedoch häufig noch der Friedhof um die Kirche herum inmitten des Ortes. 

Eine schwere Unsitte ist nach demselben Gewährsmann (1. c., S. 375) 
die Behandlung der Thiercadaver. Bezüglich ihrer Beseitigung, sagt er, be¬ 
steht ein schreiender Gegensatz zwischen Stadt und Land. Während in 
den grösseren Städten wohleingerichtete Abdeckereien existiren, welche alle 
Leichentheile zu industriellen Zwecken verarbeiten, werden auf dem platten 
Lande die Thiercadaver sammt und sonders der Erde zur Verarbeitung 
überliefert. Wenn es auch nur selten Vorkommen dürfte, dass die Cadaver 
unverscharrt der Vernichtung durch Fäulniss und aasfressende Thiere über¬ 
lassen werden (Esser, Abdeckereiwesen; Eulenberg’s Handbuch des Ge¬ 
sundheitswesens, Bd. I), so besteht doch vielfach noch die Unsitte, sie ober¬ 
flächlich in den Boden oder Composthaufen zu verscharren, so dass sie leicht 
von Hunden und Füchsen herausgescharrt und an die Oberfläche befördert 
werden. Auf manchen Gütern herrscht die nicht minder verwerfliche Sitte, 
für etwaige Thierleichen eine Massengrube herzustellen, welche, schlecht 
gedeckt, im Sommer von Maden und verschiedenen Fliegenarten umwimmelt 
wird. Die hygienischen Schäden hieraus liegen auf der Hand: Emanation 
von Leichengasen, Luft- und Grundwasserverderbniss, Gefahr der Erzeugung 
septischer Krankheiten durch Mückenstich sowie durch Uebertragung von 
Zoonosen durch die Thiere, welche die Cadaver ausscharren 3 ) (Rotz, Toll- 
wuth, Trichinose, Milzbrand). 

Eine grössere Verunreinigung als durch diese todten Stoffe entsteht aber 
gewöhnlich durch die Thätigkeit der Lebendigen, durch die Abfallproducte 
des Körpers und Haushaltes. Auch hier ist Massenverunreinigung seitens 
der Städte grösser, hervorragender sind aber auch die Reinigungsvor- 
kehrungen. 

Zur Fortführung der Dejectionen sind in den Grossstädten die ver¬ 
schiedensten, theilweise sehr complicirten und kostspieligen Systeme in Ver¬ 
wendung; ich nenne das Tonnensystem (Heidelberg), das Liernur’sche 


1 ) Süsskand, Vierteljalirsschrift für gerichtliche Medicin, XIV, 8. 2. 
*) Soyka, Abdeckereien. Real-Encyklopädie, Bd. I. 


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272 


Dr. A. Noder, 


Aspirationssystem (Amsterdam), die einfache Canalisation, die Schwemm- 
canalisation (München) und die Schwemmcanalisation mit Rieselfeldern 
(Danzig, Berlin). Alle laufen darauf hinaus, die menschlichen sowie haus- 
wirtschaftlichen und gewerblichen Abfallstoffe möglichst rasch zu entfernen 
und dadurch die Gesundheitsverhältnisse zu bessern, was ja zweifellos ge¬ 
lingt , wie die Typhusverdrängung aus München (Pettenkofer). 

Anders liegen die Verhältnisse auf dem Lande. Hier werden sehr 
häufig die primitivsten Vorkehrungen gegen die aus den menschlichen und 
thierischen Dejectionen herrührende Luft- und Boden Verunreinigung unter¬ 
lassen. Dass die gewöhnlichen Aufnahmsorte der Fäcalien, die Senkgruben, 
ganz durchlässig sind und in welchem Grade sie den Boden verunreinigen, 
wurde schon im allgemeinen Theil besprochen. Die Abfuhr aber auch aus 
solchen Gruben, welche nicht allen Inhalt versitzen lassen, geschieht am 
hellen Tage in Fässern, welche oft durch Lecksein oder Ueberlaufen ganze 
Strassenlängen mit ihrem Inhalt zeichnen und dient nur zur landwirt¬ 
schaftlichen Nutzbarmachung, nie zur Reinhaltung oder Salubrität des Bodens. 
„Alle Sanitätsberichte“, sagt Dr. Eloss 1 ) (1. c., S. 442), „klagen, dass es 
trotz aller Belehrungen nicht gelingen will, Reinlichkeit und Ordnung in 
den ländlichen Ortschaften einzuführen. Ueberall finden sich noch Mist¬ 
haufen, Jauche und Spülwässer in den Höfen, die in Folge schlechter Lage 
nicht selten in die Wohnungen eindringen.“ Und Scholtz 2 ) schreibt, 
dass das Wort Abtritt auf dem Lande nur eine euphemistische Bedeutung 
habe für die Aufstapelung der Fäces zu ebener Erde auf einem von drei 
Seiten notdürftig verbreiterten Holzgestell. Häufig aber würden die 
Dejectionen gar nicht hier, sondern an einer beliebigen Stelle des Hofes 
deponirt und in derselben ungenirten Weise vollziehe sich die Entleerung 
und Entfernung der Schmutzwässer. Oft würden dieselben auf den Dünger¬ 
haufen geschüttet und durch den Regen über den Hof mit der abfliessenden 
Jauche vertheilt, wo sich dann stinkende, im Sommer mit Gasblasen bedeckte 
Lachen bilden, oder sie würden, wenn ein Bach vorhanden, einfach in 
diesen geleert, dem weiter unten ein Anderer wieder sein Gebrauchswasser 
entnehme. 

Wir sehen also, dass hier wiederum die ländlichen Verhältnisse sehr 
hinter den städtischen zurückstehen und nur durch die relativ geringe und 
auf weite Flächen vertheilte Zahl ihrer Schädlichkeitsherde den Vorzug 
haben, trotz der geringen hygienischen Arbeit doch die bessere hygienische 
Situation zu besitzen. Dies gilt auch von der weiteren Luftverunreinigung, 
welche durch den Verkehr zu entstehen pflegt und als Strassenstaub im 
Sommer, als Strassenkoth in den schlechten Monaten zur Schädigung der 
Allgemeingesundheit beiträgt. Auch hier stehen in der Grossstadt die 
Reinigungsmaassregeln, Besprengung der Strassen, Koth- und Schneeabfuhr 
gewöhnlich auf der Höhe der Calamität, das Land aber steht diesen beiden 
Factoren vollkommen unthätig gegenüber. 

Gehen wir nun auf die Verunreinigungen von Luft und Boden in den 
Häusern ein, so macht sich umgekehrt hier die Stadt in ungünstigerem 


*) Kloss, Vierteljakrsschrift für Gesundheitspflege, XXIII, S. 3. 
*) Scholtz, Dieselbe, XXVII, S. 4. 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten und auf dem Lande. 273 

Sinne als das Land bemerkbar. Zwar der wohlhabendste Theil der Be¬ 
wohner wird auch in der Stadt das freiere, schönere und hygienisch besser 
eingerichtete Wohnhaus besitzen (Villenviertel, Familienhäuser, Cottages) 
als der wohlhabende Landbewohner. Für den mittleren und Arbeiterstand 
aber bildet die Dichtigkeit der Bewohnung eine nicht zu behebende Ver¬ 
unreinigung seines nothwendigsten Nahrungsmittels, der Luft. Diese Ver¬ 
unreinigung wird hur in seltenen Fällen behoben, am ehesten dann, wenn 
die Verhältnisse ein directes Eingreifen der öffentlichen Gewalt gestatten, 
wie in Casernen, Krankenhäusern, Erziehungsanstalten, Gefängnissen u. s. w. 
Die Reinigung der Luft geschieht hier häufig durch eigene Ventilations¬ 
systeme, welche entweder nur die schlechte Luft abführen oder ausserdem 
noch frische Luft zuführen; der ersteren Aufgabe dienen die Luftabzugs¬ 
schlote (Muir), die mit Luftheizung verbundenen Luftcanäle (Lockkamine), 
der zweiten die Flügel Ventilatoren und Schleuderbläser. Im Allgemeinen 
aber bleibt die Luftreinigung in den städtischen Wohnhäusern fast überall 
illusorisch und wird dort, wo in Mietliscasernen und Kellern, in Seiten¬ 
gässchen und Hinterhäusern die Armuth und das Elend wohnen, zu einem 
Ding der Unmöglichkeit, worauf wir bei der Erwähnung der socialen Unter- 
scheidungsfactoren noch zurückkommen werden. 

Gehen wir auf dasjenige Mittel ein, welches zur Reinlichkeit aber in 
engster Beziehung steht, das Wasser, so finden wir, dass sowohl in Bezug 
als in der Verwendung desselben zu Zwecken der Reinlichkeit zwischen 
Land- und Grossstadt zwar keine grossen, aber doch bemerkbare Differenzen 
bestehen. Schon bei der Gewinnung des Wassers aus Brunnen und Quellen 
ist es nicht immer mehr so rein, wie es als Nutz- und Trinkwasser sein 
sollte, es bedarf also oft, bevor es zur Reinigung dienlich wird, selbst einer 
Reinigung und Verbesserung *). Dies geschieht entweder auf thermischem 
(Kochen, Gefrieren, Destilliren) oder chemischem Wege, auf welch letzterem 
namentlich zu hartes Wasser verbessert werden kann (Kalkmilch-, Natrium¬ 
baryt- oder Baryumchloridzusatz) oder endlich auf physikalisch-mechanischem 
Wege, indem durch Sedimentiren und Filtriren die unreinen geformten Bei¬ 
mengungen von dem Wasser geschieden werden. Nach den meisten 
Beobachtern sind aber diese Methoden nicht im Stande, was wohl am 
wichtigsten wäre, bacterielle Beimengungen zurückzuhalten, häufig dienen 
sogar die kleinen Hausfiltrirapparate, weil sie nicht genügend rein gehalten 
werden, noch zur Verschlechterung des Wassers, während allerdings die 
meist aus Kies und Sand in einer Gesammtmächtigkeit von 1*5 m bestehenden 
Filteranlagen für Wasserwerke im Grossen bedeutend besser functioniren. 
Es waren z. B. in dem der Stadt Mertys Tydfil gehörigen Filterwerke 
folgende Resultate erzielt: 


1 

Gelöst | 

Suspendirt 

organ. | organ. 1 

Kohlenstoff | Stickstoff 

organisch 

mineral 

1 

Summa 

Vor dem Filtriren . . 1 
Nach dem Filtriren . , 

12-82 '\ 9*52 

1 1 23 0-31 ' 

| 656 

78-8 144-4 

Spuren 


*) Wolffliügel, Wasserversorgung, S. 211 ff. 

Vierteljalirsschrift fUr GesundhciUpflege, 1902. ]g 


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274 


Dr. A. Noder, 


Derartige Reinigungsanlagen werden nun auf dem Lande wohl selten 
verwendet, schon weil dieselben sehr kostspielig sind. Sie finden ihre 
Hauptanwendung hei städtischen Wasserwerken, wenn es auf andere Weise 
nicht möglich ist, genügend reines Wasser zur Versorgung zu gewinnen. 

Auch im Gebrauche seihst unterscheiden sich Land und Grossstadt in 
so fern, als auf der einen Seite ein Zuviel, auf der anderen ein Zuwenig zu 
constatiren ist. Die persönliche Reinlichkeit und Hautpflege ist in den 
Städten gewöhnlich eine bessere als auf dem Lande. Während in Russland, 
im ganzen Orient das Baden eine allgemein verbreitete Volkssitte ist, gilt 
es in Deutschland als eine Art Liebhaberei der bemittelten Kreise. Nach 
Lassar x ) nimmt im westhavelländischen Kreise jeder Einwohner im Durch¬ 
schnitt alle 38 Jahre ein Bad! Aehnliche Verhältnisse herrschen aber fast 
überall in den bäuerlichen Gegenden, besonders wird das Wannen- oder 
Douchebad fast vollkommen vermisst, da es, wie Renk nachweist, hei den 
in Deutschland bestehenden Wohnungsverhältnissen ungeheuer schwierig 
ist, in den Wohnungen selbst Badecabinete zu errichten, deren Wände und 
Boden nicht beständig feucht wären, und welche nicht ihre Feuchtigkeit so¬ 
wie die ihrer Luft anderen Wohnräumen mittheilten 2 ). Auch der Kosten¬ 
punkt der Heizanlagen ist im Allgemeinen für die Minderbemittelten uner¬ 
schwinglich, daher obliegt es nach Renk der öffentlichen Gesundheitspflege, 
zur Ermöglichung einer ausgiebigeren Hautpflege, als sie von den meisten 
Menschen geübt wird, Badeanstalten, welche Jedermann zugänglich sind, 
zu errichten 8 ). Die einzigen derartigen Einrichtungen auf dem Lande be¬ 
stehen nun, wenn überhaupt solche bestehen, meistens nur in Erbauung 
einer Bank oder eines Bretterverschlages an einer geeigneten Stelle eines 
Flusses oder Baches, welcher im Sommer den Genuss eines Freibades er¬ 
möglicht. Häufig ist aber auch nicht einmal diese Bequemlichkeit vor¬ 
gesehen, sondern Wahl des Platzes und Wassers Jedem, der Lust hat — 
und wie Wenige sind dies! —, überlassen. In den Grossstädten dagegen 
sind öffentliche Bäder keine Seltenheit, der allgemeine Gebrauch derselben 
ist aber in Folge der ziemlich hohen Preise für den kleinen Mann ebenfalls 
meist ausgeschlossen gewesen. Erst in neuerer Zeit macht sich durch die 
Errichtung von Volksbädern auch in dieser Hinsicht eine bessere hygienische 
Stellungnahme zu dieser wichtigen Seite des Volkswohles bemerkbar. 
Herrscht also hier ein reichliches Maass der Wasseranwendung in der Gross¬ 
stadt, so wird allerdings in anderer Weise dieselbe manchmal beschränkt 
dadurch, dass das Wasser nicht, wie auf dem Lande, frank und frei ist und 
von Jedem, sofern er es benutzen will, in unbegrenzter Menge verbraucht 
werden kann, sondern Geld kostet und in gewissem Sinne zugemessen wird 
(continuirliches und intermittirendes Abgabesystem, Verbrauchseinschätzung 
und Wassermesser). Dies macht sich weniger für den Gebrauch des Trink- 
und Kochwassers, welches ja überhaupt nur nach Bürkli 4 ) 1 Proc. des ge- 
sammten Wasserbedarfes, nach König-Poppe ein Fünftel bis ein Sechstel 
desselben ausmacht, bemerkbar, sondern für die Verwendung als Nutzwasser 

1 ) Lassar, Die Culturaufgaben der Yolksbäder. 1889. 

2 ) Renk, Volksbäder, Handbuch der Hygiene, II, S. 2. 

3 ) Renk, 1. c., ß. 407. 

A ) Wolffhiigel. 1. c., S. 193. 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Grossstädten und auf dem Lande. 275 

zur Reinigung der Wäsche, Böden, Geschirre u. s. w. Ich glaube, dass hierin 
auf dem Lande, soweit die gleichwerthigen Bevölkerungsschichten in Betracht 
kommen, weniger gespart wird als in den Städten, woselbst häufig schon 
durch die Hausordnungen jede Verwendung von heissem Wasser in der 
Wohnung untersagt und damit manchem Reinigungstrieb die Entfaltung 
genommen wird. 

Ueber die Hautpflege, welche durch häufigen Wechsel der Wäsche und 
Kleidung geübt wird, ist nicht viel zu sagen, da bei dem kleinen Mann hier 
vielfach der Kostenpunkt (geringer Wäschevorrath, Ersparnis der Wäsche¬ 
kosten) in Betracht kommt, und dieser hei beiden Bevölkerungsschichten 
gewöhnlich den Ausschlag giebt. Bei den wohlhabenden Klassen aber steht 
wohl der Bauer in dieser Hinsicht dem Städter, welcher viel auf reine 
Wäsche und wechselnde Kleidung giebt, bedeutend nach, wodurch auch in 
hygienischer Beziehung ein wenn auch kaum zu allgemeinen somatischen 
Störungen sich entwickelnder nachtheiliger Standpunkt bedingt wird. 

Betrachten wir nun schliesslich noch die letzte Gruppe der Factoren, 
welche den Unterschied zwischen den individuellen Verhältnissen der Stadt 
und des Landes bewirken, nämlich 

5. Die socialen Verhältnisse, 

so finden wir deren gesundheitlichen Einfluss nach den verschiedensten 
Richtungen hin bethätigt. Vorerst sind es die Unterschiede der Erziehung, 
welche schon die jugendlichen Gesundheitszustände berühren und zwar die 
körperlichen wie die psychischen. Man macht seit der von Lorinser im 
Jahre 1836 erhobenen Anklage gegen die Schule dieselbe für die mannig¬ 
faltigsten Schädigungen verantwortlich, und es unterliegt nach Erismann 1 ) 
keinem Zweifel, dass in der That eine Reform des gesammten Schulwesens 
ein unabweisbares Bedürfniss geworden sei, wenn nicht die lernende Jugend 
geistig und körperlich arg geschädigt werden solle. Ueber das Wie und 
Warum fehlen aber wissenschaftliche Anhaltspunkte noch so sehr, dass es 
eines langen, weiteren Zusammenarbeitens von Aerzten und Lehrern bedarf, 
um hier exacte Werthe zu schaffen. Schon was die körperlichen Nachtheile 
des Schullebens betriflt, ist keine Uebereinstimmung und Exactheit vorhanden. 
Ernährungs- und Circulationsstörungen sind zwar von manchen beobachtet, 
aber nicht allgemein erwiesen; ebenso Disposition zu Lungen- und Geistes* 
krankheiten und skoliotischen Verkrümmungen; dagegen ist für die Myopie 
der Zusammenhang des Leidens mit der Schule zweifellos und überein¬ 
stimmend von zahlreichen Forschern festgestellt 2 ). Es war vor Allem 
Herrmann Cohn, welcher hier die grundlegenden Untersuchungen vor¬ 
genommen hat und fand, dass die Augen aller Kinder eigentlich hyper- 
metropisch sind und sich der Refractionszustand derselben erst im Lauf der 
Schuljahre ändert. Die Richtigkeit dieser Annahme ergab sich namentlich 
bei den ländlichen Schülern, welche sich (240) nach Atropinisirung ohne 
Ausnahme als hypermetropisch erwiesen. Es wurde von Cohn aber fest¬ 
gestellt, dass in den Dorfschulen überhaupt die entstehende Myopie nicht 
in der Häufigkeit vorhanden war als in den städtischen. Er fand in Dorf- 

l ) ErUmann, Schulhygiene. Handbuch der Hygiene, II, 2, S. 81. 

*) Erismann, 1. c. S. 25 u. ff. 

18 * 


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276 


Dr. A. Noder, 


schulen 1*4 Proc., städtischen Elementarschulen 6*7 Proc., höheren Töchter¬ 
schulen 7*7 Proc., Mittelschulen 10*3 Proc., Realschulen 19*7 Proc. und 
Gymnasien 26*2 Proc. Myopen, so dass also ein Abstand von 5 Proc. zwischen 
den ländlichen und grossstädtischen Schulen hier zu erkennen ist. 

Eine andere Schädigung liegt nach Scholtz 1 ) für die ländlichen 
Schüler in dem Umstande, dass sie in schwach bewohnten Bezirken durch 
Zusammenlegen mehrerer Dörfer zu einer Schule oft sehr weite Wege bei 
schlechtem Wetter und in einer den Unbilden desselben nicht widerstands¬ 
fähigen Kleidung zurücklegen müssen und sich dadurch vielen Erkältungs¬ 
krankheiten aussetzen. Endlich stimmen alle Autoren darin überein, dass 
die Schulbauten auf dem Lande schlechter bedacht sind als in der Mittel¬ 
und Grossstadt, was theilweise (nach Kloss, 1. c., S. 450) auf die Mittellosig¬ 
keit der ärmeren Gemeinden, theilweise auf bäuerliche Unbelehrbarkeit und 
Verbohrtheit in alte Ansichten zurückzuführen (Scholtz) sei. „Wer aus 
einer grösseren Stadt“, bemerkt der letztgenannte Autor, „mit ihren schönen, 
allen Anforderungen moderner Bauart entsprechenden Schulhäusern aufs 
Land in ärmere Gegenden kommt, dem macht sich der Unterschied zwischen 
diesem und der Dorfschule recht eindringlich bemerkbar. Vielerorts existiren 
noch jene kleinen, ebenerdigen, zur Hälfte als Lehrerwohnung, zur anderen 
zu Schulzwecken eingerichteten Häuser, denen man es von aussen nicht an- 
sehen möchte, zu welchen Zwecken sie dienen. Zwar entfällt auf dem Lande 
der anämisirende Einfluss der Schulstube, indem der Unterricht meist nur 
wenige Stunden des Tages beansprucht, und die Kinder durch ausreichende 
Bewegung in frischer Luft die schädlichen Einflüsse auszugleichen vermögen, 
allein der Mangel an Raum, die unzulängliche Belichtung und der Aufent¬ 
halt in den namentlich im Winter schlecht oder gar nicht ventilirbaren 
Zimmern sind genug Momente, um die Aufmerksamkeit des Hygienikers auf 
sich zu lenken“ 2 ). 

Mit diesen Worten ist beinahe das ganze Unterscheidungsresultat der 
beiden Verhältnisse niedergelegt, und wenn auch nach Erismann an die 
Schülerzahl und den Luftcubus der Dorfschulen geringere Maasse angelegt 
werden dürfen als an städtische (erstere etwa 70 Schüler gegen 35 bis 50 
und 3 cbm gegen 6 bis 7), so ist doch zweifellos, dass auch innerhalb dieser 
Grenzen die Zustände noch schwanken und für das Land allgemein schlech¬ 
ter sind als für die Grossstadt 3 ). 

Haben wir im Vorhergehenden die Schule, d.i. die tägliche Vereinigung 
von so und so vielen Kindern auf einem Platze u. A. auch als ein gefähr¬ 
liches Moment erkannt in Bezug auf die Verbreitung ansteckender Krank¬ 
heiten, so trifft dies in gleichem Maasse die Stadt selbst als Vereinigungs¬ 
punkt vieler Menschen, als Gipfelpunkt des bürgerlichen Verkehrs. Durch 
die Intensität desselben unterscheidet sich ja die Grossstadt wesentlich vom 
platten Lande, und die gesundheitlichen Einflüsse desselben gestalten sich 
daher auch wesentlich intensiver in Bezug auf die beiden Bevölkerungs¬ 
gruppen. Der Städter legt im Allgemeinen täglich viel längere Wege von 


’) Scholtz, 1. c., S. 330. 

*) Scholtz, 1. c., S. 330. 

3 ) Erismann, 1. c., S. 41 u. 42. 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten und auf dem Lande. 277 

und nach Hanse zurück als der Landbewohner, weil die Entfernungen in 
den Grossstädten bedeutender sind. Indem er diese Entfernungen möglichst 
zu kürzen sucht, wird er hastiger, aufgeregter und zu dieser schon durch 
den Satz: „Zeit ist Geld a bewirkten Aufregung gesellen sich die übrigen 
Factoren des Verkehrs: Die stete Geistesgegenwart und gespannte Aufmerk¬ 
samkeit, welche das Straspenleben der Grossstadt erfordert, um den Gefahren 
desselben auszuweichen, die Einathmung schlechter staubiger Luft und das 
oftmalige Treppensteigen, welche wir bereits erwähnten, die vielfache Be¬ 
rührung mit Personen und Gegenständen, welche gesundheitsschädlich sein 
können, hier vor Allem die Infection mit ansteckenden Krankheiten. Alle 
diese schädigenden Einflüsse fehlen dem ländlichen Verkehr fast vollständig 
und werden namentlich durch den steten Aufenthalt in der Luft noch in 
weitere Ferne gerückt; sie werden aber in der Stadt theilweise durch die 
Verkehrsmittel (Fuhrwerke, Tram- und Strassenbahnen, elektrische und an¬ 
dere Aufzüge, Strassenaufsicht und Aehnliches) aufgehoben, mehr allerdings 
zu Gunsten der reicheren als der ärmeren Bevölkerung. 

Was die Beschäftigung betrifft, so muss ebenfalls die ländliche im all¬ 
gemeinen Sinn als gesünder erachtet werden, als die grossstädtische. Sie 
spielt sich während ihres grössten Theiles in der, noch dazu durch die Arome 
der Vegetation genussreicheren, durch ihre Bewegung rascher erneuten 
Aussenluft ab, während der Städter umgekehrt den grössten Theil seines 
Lebens Stubenluft athmet und einer alle Muskeln und Sinnesorgane gleich 
beschäftigenden Thätigkeit ermangelt. „Dieser Factor spielt zweifellos eine 
ganz erhebliche Rolle 1 ). Man vergleiche die colossalen Unterschiede, welche 
in England Industriestädte, wie Manchester, Liverpool, den ackerbautreiben¬ 
den Districten, den healthy districts , gegenüber aufweisen. So starben im 
Durchschnitt der Jahre 1849 bis 1853 von je 1000 Lebenden: 

In 51 healthy districts .... 17*5 Männer 16*2 Frauen 

„ Manchester.35*4 „ 30*5 „ 

„ Liverpool.40*9 „ 36*3 „ 

Desshalb tritt dieser Unterschied namentlich im erwerbsfähigen Alter und 
in erheblicherem Grade beim männlichen, als beim weiblichen Geschlecht 
auf.“ Auch Finkelnburg weist bei der Besprechung der Mortalitätsunter¬ 
schiede zwischen Stadt und Land, auf welche wir zum Schlüsse noch ein- 
gehen werden, daraufhin, „dass gerade die hohe Tuberculosesterblichkeit der 
Städte ihren Grund in den bei der Stadtbevölkerung vorherrschenden Be¬ 
schäftigungsweisen findet und dass die aus dem blossen Aufenthalt in der 
Stadt erwachsenden Einflüsse dabei nur eine untergeordnete, vielleicht gar 
keine Rolle spielen“. Auch die Unfallstatistik und Gewerbehygiene erweist, 
dass zahlreichere Gesundheitsbeschädigungen durch den Fabrik- und Ge¬ 
werbebetrieb als durch ländliche Arbeiten erfolgen. Betrachtet man z. B. 
nur die von Hirt 2 ) zusammengestellten Fälle von Staubinhalationskrank¬ 
heiten — chronischen Bronchialkatarrh, Emphysem, Pneumonie und Phthise —, 
so findet man das bedeutende Ueberwiegen fabrikstädtischer Berufsarten in 
einem so horrenden Maasse, dass fast alle Erkrankungen auf diese, nur ein 
geringer Procentsatz aber auf solche Arbeiter trifft, die als ländliche be- 

') Oldendorff, im Handbuch der Hygiene v. Weyl, IV, 1, 8. 2. 

*) Hirt und Merkel, Gewerbekrankheiten. Handbuch der Hygiene. 


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278 Dr. A. Noder, 

zeichnet werden könnten (Tagelöhner, Strassenkehrer). Rechnet man näm¬ 
lich zu den ersteren (Gruppe I) alle Staubarbeiter, welche nach Hirt von 
metallischem, mineralischem, vegetabilischem und animalischem Staube, zur 
letzteren (Gruppe II) alle, welche von Staubgemischen und keinem Staub 
angegriffen waren, so ergeben sich folgende Unterschiede: 

Es litten on: 

Gruppe I Gruppe II 

chronischem Bronchial-Katarrh . . 58*4 Proc. 18’4 Proc. 


Emphysem.19*8 „ 5*1 „ 

Pneumonie.30*4 „ 6*0 „ 

Phthisis.87*3 „ 22*6 „ 


Eine weitere Schädigung der Gesundheit bewirken die grossstädtischen 
Berufe auch durch das vielfache Hereinziehen der Frauen- und Kinder¬ 
arbeit, sowie der Nachtarbeit. Alle Gefahren, die schon für die Erwachsenen 
GeBundheitsschädigungen herbeiführen, sind doppelt schädlich für das Kind. 
Die Beschäftigung in monotoner Arbeitsstellung, die Ueberanstrengung, 
hemmen und stören das normale Wachsthum. Knochenverbildungen, Scrophu- 
lose, Lungenkrankheiten sind häufig. Die ungenügende Erfahrung der 
Kinder führt viele traumatische Schädigungen herbei. Wird das Kind schon 
frühzeitig zur Fabrikarbeit zugelassen, so leidet auch die Schulerziehung 
desselben, die Jugend verwildert, wird roh 1 ). Auch Frauen, namentlich 
schwangere, sind durch die Fabrikarbeit gefährdet. Frühgeburten und grosse 
Kindersterblichkeit zeigen sich in vielen Betrieben häufig. Nicht nur die 
Frau und ihre Nachkommenschaft leidet unter der Anstrengung und den 
unsanitären Verhältnissen der Fabrik (Rubner, 1. c., S. 741). Eine weitere 
Folge der Frauenarbeit ist sehr häufig auch die, dass denselben nicht ge¬ 
nügend Zeit zur Bereitung des Essens bleibt, dass also die Gesammternäh- 
rung entweder verschlechtert, oder wenn der Arbeiter damit auf das Wirths- 
haus angewiesen ist, die Lebenshaltung erschwert und der Sinn für 
Häuslichkeit und Familie untergraben wird. 

Wir kommen damit auf eine weitere Differenz zwischen Stadt und 
Land — auf den Pauperismus, das Proletarierwesen und seine Folgen, den 
bei dem Schlafstellen- und Aftermiethwesen überhand nehmenden Geschlechts¬ 
verkehr, die Prostitution, die unehelichen Geburten, kurz die moralischen 
Gesundheitsschädigungen, welche zweifellos in den Städten überwiegender 
sind als auf dem platten Lande. Begünstigt werden diese Verhältnisse 
durch die Wohnungsdichtigkeit und Lebensweise, durch die Erwerbs- und 
Lohnverhältnisse und endlich durch die sittlichen Anschauungen der be¬ 
treffenden Kreise. Was erstere betrifft, so haben wir schon bei dem Capitel 
Wohnung auf diese Einflüsse in den Städten hingewiesen, andererseits aber 
auch ähnliche Zustände auf dem Lande anzuführen Gelegenheit gehabt; es 
ist auch fraglos, dass bei Wohnungsnoth und engem Zusammenwohnen die 
Verhältnisse sich hier nicht viel anders gestalten werden als in der Grossstadt; 
die Erwerbs- und Lohn Verhältnisse sind im Allgemeinen in den Städten 
bessere als auf dem Lande; der dadurch hervorgerufene Massenzuzug von 
Arbeitskräften wirkt aber dann im Besondern lohn- und erwerbsmindernd, 
so dass namentlich bei den gesteigerten Lebensansprüchen und höheren 

l ) Rubner, Hygiene, S. 740. 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten und auf dem Lande. 279 

Wohnungspreisen der Verdienst nicht mehr mit den Ausgaben in Einklang 
steht, der Arbeiter in immer billigere und elendere Wohnungen (Mansarden, 
Keller) und zu immer schlechterer Kost (Pferde-, Hundefleisch, Surrogaten, 
Schnaps) gedrängt wird und schliesslich die Kraft und Lust zur Arbeit, 
damit aber auch bald die Arbeit selbst einbüsst, physisch und psychisch 
degenerirt. Die sittlichen Anschauungen endlich sind insofern anders, als 
auf dem Lande mehr dem ausserehelichen, in der Stadt dem Prostitutions¬ 
geschlechtsverkehr gehuldigt wird. Durch ersteren wird die Zahl der un¬ 
ehelich Gehörnen, aber auch die Kindersterblichkeit vermehrt, denn je grösser 
die Zahl der unehelichen Kinder, desto grösser ist auch die Kindersterblich¬ 
keit und auch unter sonst gleichen Verhältnissen die allgemeine Sterblich¬ 
keit, wie aus folgenden Ziffern ersichtlich. 

Von je 100 in — bezw. 100 ausser der Ehe lebendgebornen Kindern 
starben im 1. Lebensjahre in 

Bayern . . . (1876 bis 1880) 28*52 eheliche 38*29 uneheliche 

Sachsen. (1865 „ 1883) 26*60 „ 35*22 B 

Württemberg . (1876 „ 1882) 30*33 „ 37*59 „ 

Besonders ersichtlich wird aber dies Verhältniss in Ländern mit vor¬ 
wiegend landwirtschaftlicher Beschäftigung wie 

Ostpreussen .... mit 20*3 ehelichen 37*9 unehelichen 
Westpreussen ... „ 20*8 „ 43*0 „ 

Posen .... „ 19*3 „ : 42*7 „ 

während Berlin ein Verhältniss von 21:28 aufwies 1 ). 

Andererseits aber bewirkt die Prostitution, indem sie zwar den ausser¬ 
ehelichen Verkehr von den Frauen und Mädchen ablenkt, eine Zunahme 
der syphilitischen Erkrankungen durch Weiterverbreitung, welche nicht 
minder evident ist. 

Nach Pistor 2 ) waren 1885 von 12450 Prostituirten syphilitisch 1101, 
60 Syphilitische in Polzeigewahrsam, 

1886 von 14 438 : 1129 und 55 

1887 „ 13 358:1174 „ 30 

1888 „ 16 258:1577 B 23 

Von 195 724 Mitgliedern des Gewerkkrankenvereins waren 8327 = 4*2Proc., 
von den Soldaten der Berliner Garnison 508 = 2*3 Proc. syphilitisch. 

Den angeführten Uebelständen stehen nun, wie schon mehrere Male 
gelegentlich der Besprechung der einzelnen Abschnitte bemerkt werden 
musste, Vorkehrungen und Verbesserungen hygienischer und polizeilicher 
Natur gegenüber, welche im Allgemeinen den Städten mehr als dem Lande 
zu Gute kommen. Wir haben die Bauordnungen und Bebauungspläne in 
der Wohnungshygiene, die Trink- und Sielwasserverbesserungen, die Abfuhr 
und Entfernung des Unraths, die grossen Abdeckereien, die Leichenhallen 
und Friedhofsanlagen, die Einrichtung öffentlicher Bäder, die Schaffung ge¬ 
sunder Schullocale, die Erleichterungen im Verkehr u. dergl. bereits erwähnt, 
wir dürfen aber auch den rein gesundheitlichen Schutz, der in der Errich¬ 
tung grosser Kranken- und Gebäranstalten, in der zahlreichen Niederlassung 

l ) Bähts in Dammev’s Lexikon, Sterblichkeit. 

*) Pistor, General-Bericht über das Medicinal- und Sauitätswesen der Stadt 
Berlin 1883/1888. 


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280 


Dr. A. Noder, 


von Aerzten, in der Stiftung von Waisen-, Findel- und Erziehungsanstalten 
aller Art der Grossstadt zu Gute kommt, nicht vergessen. Mehr als auf dem 
Lande wird gegen alle gesundheitlichen Schädigungen theilweise abwehrend, 
theilweise vorkehrend Front gemacht, und eine Menge segensreicher Ein¬ 
richtungen sucht der ungünstigeren hygienischen Stellung der Stadt gegen¬ 
über dem Lande ihre Schärfe zu nehmen. 

III. Morbidität und Mortalität. 

Es erübrigt uns nunmehr noch, unserm Plane folgend, an der Hand 
der statistischen Beweiserhebung die Summe alles dessen zu ziehen, was im 
Vorhergegangenen über die gesundheitlichen Verhältnisse der beiden Ver¬ 
gleichsobjecte niedergelegt ist, und diese Beweiserhebung beruht auf zwei 
statistischen Systemen: auf der Statistik der Morbidität und der Mortalität. 

Die erstere, welche eigentlich den genauesten Aufschluss über Gesund¬ 
heitsverhältnisse geben würde, ist schwierig und ungenau, da sie nur in den 
seltensten Fällen allgemein durchgeführt und keineswegs auf alle Krank¬ 
heiten ausgedehnt ist. Wir besitzen in Deutschland nur eine Pockenstatistik 
und eine Statistik für ansteckende Krankheiten, zu welchen beiden jeder 
Arzt, ja auch jeder Laie verpflichtet ist; beide sind aber für das allgemeine 
Vergleichungsgebiet, um welches es sich handelt, ungenügend. Ebensowenig 
eignen sich die Statistiken der Krankenhäuser, wie der Armee und Marine 
zum vorliegenden Zweck. Dagegen habe ich versucht, aus den Morbiditäts¬ 
sammelberichten für Schwaben aus den Jahren 1895, 1896, 1897 und 1898 
wenigstens über das Verhalten von Stadt und Land zu den Infectionskrank- 
heiten Aufschluss zu erhalten und werde diesen Versuch, da er in einigen 
wesentlichen Punkten von den Ergebnissen anderer Forschungen ab weicht, 
erst am Schlüsse der Arbeit zur Verwerthung bringen. Diese anderen Er¬ 
gebnisse aber beziehen sich nicht auf die Morbidität, sondern auf die Morta¬ 
lität und sind insofern unantastbarer, als in den Leichenschauscheinen des 
gesammten Reiches ein so sicheres und allgemein zugängliches Material zu 
Grunde liegt, dass für alle vorkommenden Fragen (nach Alter, Beruf, Land, 
Familienstand etc.) aus denselben Aufschluss zu erhalten ist. 

Betrachten wir also die gestellte Frage: „Welchen Unterschied zeigeu 
die Gesundheitsverhältnisse in Grossstädten gegenüber dem platten Lande?“ 
im Lichte der Mortalitätsstatistik, so ergeben sich folgende Aufschlüsse: 

Die Sterbeziffern pro 10 000 Einwohner in Preussen (1849 bis 1880) 
waren durchschnittlich auf dem Lande 280, in den Städten 304; in England 
195 und 242; in Italien (1862 bis 1880) 287 und 327. Diese Zahlen sind 
die Durchschnittsziffern aus den Sterbeziffern der einzelnen (32) Jahre, und 
die Schwankungen dieser Einzelziffern betrugen im arithmetischen Mittel für 


Staat 

Stadt 

| Land 

i 

Proc. | 

d. mittleren 
Sterbeziffer j 


Proc. 

d. mittleren 
Sterbeziffer 

Preussen. 

27-8 

91 

18-3 

6*5 

England. 

10*0 

413 

8’0 

410 

Italien. 

21-8 

6-7 

13*8 

i 

4*8 


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Die GesundheitBverhältnisBe in Gressstädten und auf dem Lande. 281 

woraus hervorgeht, dass 1. die Sterblichkeit auf dem Lande im Durchschnitt 
niederer ist als in den Städten; 2. die Sterblichkeitsschwankungen im Ganzen 
und Grossen parallel sind 1 ). Der Procentsatz, um welchen die Städter¬ 
sterblichkeit höher ist als die ländliche, beträgt somit in Preussen 2*4 pro 
Mille, in England 4*7 pro Mille und in Italien 4*0 pro Mille, und dieser 
Unterschied gewinnt noch an Bedeutung, wenn man erwägt, dass in Folge 
steten Zuströmens der lebenskräftigsten Bevölkerung in den Städten ein 
wesentlich höherer Bestand von Leuten des mittleren Alters vorhanden ist, 
als auf dem Lande. Für diese Thatsache ist aber weniger der Aufenthalt 
allein ausschlaggebend, als vielmehr eine Reihe wirthschaftlicher und socialer 
Einflüsse. Vor Allem die Beschäftigung. Nach Finkelnburg bildet den 
bedeutsamsten Wendepunkt für den Gegensatz städtischer und ländlicher 
Gesundheitsverhältnisse das Alter beginnender Berufsarbeit, das 16. bis 20. 
Lebensjahr. Vom 16. Jahre an beginnt ein rasch zunehmendes Uebergewicht 
der Sterblichkeit bei der Stadtbevölkerung, welches indess zum weitaus 
grössten Theile auf Rechnung des männlichen Geschlechtes kommt. Diese 
Mehrsterblichkeit wird aber zunächst fast ausschliesslich durch das Auftreten 
der Lungentuberculose bedingt, wie sofort sichtbar wird: 

Die Sterblichkeit (auf 1000 Lebendgeborene) in der Rheinprovinz 
betrug: 


Im Begierungsbezirk | 

in den Städten 

auf dem Lande 

Düsseldorf.. 

25’7 

23-5 

Aachen. 

26*4 

24*7 

Köln. 

27*3 

25*9 

O oblenz. 

25*2 

25*4 

Trier. 

22*4 

| 24*2 

I 


Das heisst: In den mit industriellen Arbeitern gefüllten Städten der Kreise 
Düsseldorf, Aachen und Köln überwog die städtische Sterblichkeit; dies 
kehrte sich aber bei Coblenz und Trier geradezu um, weil in diesen Bezirken 
hauptsächlich die ländliche Bevölkerung in industriellen Betrieben beschäf¬ 
tigt ist. Noch deutlicher erscheint nun dieser Einfluss der Beschäftigung, 
wenn man die Mortalität an Tuberculose vergleicht. 

Es starben daran (pro 1000 Lebende): 


Begierungs bezirk 

| in den Städten 

auf dem Lande 

männlich 

weiblich 

männlich 

weiblich 

Köln.. 

6-0 

3-9 

57 

5*1 

Düsseldorf. 

6*4 

4*7 

5*7 

50 

Aachen . 

4*3 

3*2 

4*7 

4-5 

Coblenz. . 

4'5 

41 

! 4*7 

4*2 

Trier. 

3*8 

3*4 

1 3*7 

! 

3*5 

! 


l ) Oldendorff, Die periodischen Sterblichkeits-Schwankungen, ihre Gesetze 
und Ursachen. Centralbl. f. allgem. Gesundheitspfl., II, 1, 1885. 


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282 


Dr. A. Noder, 


so dass die Männer in den Städten, die Frauen auf dem Lande häufiger an 
Tuberculose zu Grunde gingen. Wenn der Aufenthalt in der Stadt allein 
hieran schuld wäre, so mussten die Frauen davon ebenso betroffen sein, wie 
die Männer; dies ist aber nicht der Fall, vielmehr zeigt sich auch hier 
wiederum, dass sogar dort, wo die industrielle Beschäftigung sich auf die 
ländlichen Bezirke hinaus erstreckt, die Tuberculosesterblichkeit dann auch 
auf dem Lande höher wird (vide Coblenz und Trier). Die gleichen Erfahrungen 
sind fernerhin gemacht für Preussen überhaupt, wo die gleichen Ziffern be¬ 
tragen in den Stadtgemeinden männliche 3*8 pro Mille, weibliche 3*0 pro 
Mille, in den Landgemeinden männliche 3*3 pro Mille, weibliche 2*9 pro Mille. 
In der Schweiz (Vogt, Zeitschr. f. Schweiz. Statist. 1887, 1888) betrug die 
mittlere allgemeine Sterblichkeit und die mittlere Sterblichkeit an Lungen¬ 
schwindsucht: 


Berufsart ! 

i 

| allgemeine 

Sterblichkeit 

Sterblichkeit an 
Tuberculose 

Landwirthschaftliche Arbeiter. 

110 

18 

Fabrikarbeiter. 

138 

41 

Höher Gebildete.. 

151 

42 

i 

Handwerker:. 

160 

43 

Handels- und Verkehrsangehörige . . . . 

164 

i 

40 


woraus ebenfalls die geringere Tuberculosesterblichkeit des Landbewohners 
hervorvorgeht. Eine ähnliche Aufklärung giebt folgende englische Tabelle: 
Es starben im Alter von 25 bis 65 Jahren: 


Berufsart 

überhaupt 

an Tuber- ■ 
j culose 

an anderen 
Lungen¬ 
krankheiten 

Fischer. 

1 797 

108 

1 90 

Bauern. 

644 

115 

122 

Krämer. 

771 

, 167 

116 

Tuchhändler. 

j 883 

301 

I 129 

Schneider. 

l 1051 

285 

186 

Buchdrucker. 

1071 

461 

1 

166 

l 


d. h. die im Freien arbeitenden Berufe waren auch hier an günstigster Stelle. 
Die anderen Lungenkrankheiten, Pneumonie, Kehlkopf- und Bronchialerkran¬ 
kungen, scheinen indessen nach Finkelnburg weniger mit der Beschäf¬ 
tigung als mit anderen Einflüssen zusammenzuhängen, da sie Männer und 
Frauen in gleichem Maasse betreffen. So waren es in der Rheinprovinz 
hauptsächlich die Städte mit massenhafter Steinkohlenfeuerung (Essen, 
Bochum, Duisburg, Dortmund), in denen diese Krankheiten zu ungewöhn¬ 
licher Höhe anstiegen, wobei erinnerlich, dass nach Smith in der Luft über 
den grossen Fabrikstädten Englands freie Salz- und Schwefelsäure in ziem¬ 
licher Menge gefunden wird *). 

*) Renk, Die Luft. 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten und auf dem Lande. 283 


Wie schon erwähnt, bildet aber die Erwerbsweise nicht den einzigen 
Grund der höheren Mortalität der Städte. Betrachtet man die Todesursachen¬ 
tabellen, so findet man vor Allem die Krankheiten des Säuglingsalters und 
gewisse Infectionskrankheiten überwiegen, wie aus folgender Tabelle her¬ 
vorgeht : 

Es starben (auf 10 000 Lebende berechnet) 1877: 


Name der Krankheit 

auf dem Lande 1 

i in den Städten 

Preussens 

Bayerns 

Preussens 

Bayerns 

Männl. 1 

l 

Weibl. 

Männl. 

Weibl. 

Lebensschwäche. 

13*58 

10*39 

18*9 

12*79 

10*24 

19*1 

Durchfall | ( 

154 

1*18 

15*6 

7*10 

5*75 

28*3 

Abzehrung > der Kinder . j 

8*01 

7*58 

25*8 

10*46 

9*79 

33*9 

Fraisen j ( 

— 

— 

52*0 

— 

— 

27*4 

Typhus . 

6*04 

5*49 

5*4 

6*35 

5*90 

9*2 

Kindbettfieber. 

— 

— 

1*4 

5*03 | 

4*16 

1*6 

Blattern. 

0*04 

0*04 

3*8 

0*04 1 

0*02 

4*2 

Scharlach. 

8*21 

7*28 

6*8 

8*28 

7*37 

4*3 

Masern. 

5*45 

4*97 

2*0 1 

3*43 

3*38 

1*8 

Keuchhusten. 

7*09 

7*30 

7*2 

4*46 

5*48 

3*5 

Diphtherie. 

19*21 ! 

16*64 

10*3 

14*00 

13*20 ! 

7*5 

Brustfellentzündung . . . 

12*28 

8*87 

20*7 I 

j 20 73 

16*79 

26*9 

Tuberculose. 

31*96 

26*63 

21*2 

i 42 76 

32*00 | 

45*3 

Organisches Herzleiden . 

0*93 

0*94 

4*0 | 

3*03 

3*38 

9*0 

Gehirnschlag. 

11*08 

7*80 

9*2 

15*33 

11*54 

12*3 

Altersschwäche. 

26*06 

29*63 

26*0 

15*77 

22*38 

20*9 


Das Ueberwiegen dieser Krankheiten weist aber darauf hin, dass die 
zweite Ursache der Mehrsterblichkeit der Städte zu suchen ist in dem da¬ 
selbst gedrängten Zusammenleben der niedern socialen Schichten in unzu¬ 
reichenden mangelhaften Wohnungen und der damit gegebenen bald grösseren, 
bald geringeren Verunreinigung von Luft, Boden und Wasser (Oldendorff, 
1. c.). Die Kindersterblichkeit zunächst ist in der ersten Lebenswoche noch 
auf dem Lande etwas grösser als in den Städten, was (Finkelnburg) theil- 
weise mit dem zu frühen zur Taufe tragen bei ungünstigem Wetter zu¬ 
sammenhängt. Vom zweiten Lebensmonat an beginnt aber mehr und mehr 
das Uebergewicht der städtischen Kindersterblichkeit, und vom sechsten an 
ist dies so allgemein der Fall, dass die Gesammtsterblichkeit des ersten 
Lebensjahres absolut davon beeinflusst ist, wie aus folgenden zwei Tabellen 
hervorgeht: 

Von je 100 im ersten Lebensjahr gestorbenen Kindern in Preussen waren 


im Alter bis 

in Gross¬ 
städten 

in Klein¬ 
städten 

im Alter bis 

in Gross¬ 
städten 

in Klein¬ 
städten 

15 Tage .... 

16*1 

18*1 

3 bis 4 Monat . | 

10 0 

9*1 

V* bis 1 Monat . 

9*0 

9 0 

4 bis 5 „ . . 

8*2 

7*8 

1 bis 2 „ . . 

12*5 j 

11*8 

5 bis 6 „ . . 

6*8 

6*3 

2 bis 3 „ . . 

10*7 

10*7 

6 bis 12 „ . . 

26*8 

27*6 


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284 


Dr. A. Noder, 


Von 1000 Lebendgeborenen der Rheinprovinz (1875 bis 1877) starben 


Alter | 

in den Städten 

auf dem Lande 

in der 1. Woche. 

20 

23 

im 1. Monat. 

46 

48 

in den ersten 6 Monaten. 

130 

119 

im 1. Jahr.| 

188 

167 


Das Ansteigen des Uebergewichts beruht auf den gastrischen Kinder¬ 
krankheiten — Diarrhoe und Brechdurchfall —, welche besonders während 
des Sommers in den Städten derartige Opfer fordern, dass z. B. in Berlin 
zwei Drittel der Gesammtkindermortalität auf das Sommerquartal treffen. 
Hier handelt es sich also um einen ganz durchschlagenden Einfluss des 
Stadtaufenthalts, welcher um so stärker ist, je dichter bewohnt eine Stadt 
ist. Dieser Einfluss macht sich (nach Finkelnburg) besonders bemerk¬ 
bar, wenn die socialen Verhältnisse ausserdem noch ungünstige sind, so dass 
auch Landgemeinden mit verwahrloster Arbeiterbevölkerung die gleichen, 
ja noch höhere Mortalitätsgrade aufweisen können, als die Stadt (wie bei 
Trier: Stadt 18, Trier Land 24; Coblenz: Stadt wie Land 23 etc.). Aehn- 
lich hat Geigel für Würzburg nachgewiesen, dass, während der II. und III. 
District mit grösseren Strassen und wohlhabenderer Bevölkerung 5*3 und 
5*7 Proc. Säuglingssterblichkeit aufwies, der V. District mit engen Gässchen 
und schmutzigen, übervölkerten Häusern eine solche von 11*4 Proc. darbot 
(Geigel, Kindersterblichkeit in Würzburg, Verein f. öffentl. Gesundheitspfl. 
1871). Das gleiche oder vielmehr ein noch exorbitanteres Verhalten werde 
ich später für Augsburg durch die schwäbische Morbiditätstatistik nachweisen. 

Was die Infectionskrankheiten betrifft, so ist nach Oldendorff hervor¬ 
zuheben, dass sich hier bedeutende locale Verschiedenheiten zeigen. In 
England überwiegen in den Städten sämmtliche Krankheiten dieser Klasse, 
in Preussen zeigen Masern, Keuchhusten, Diphtheritis und in Bayern ausser¬ 
dem noch Scharlach eine Präponderanz des Landes, nicht der Städte. Be¬ 
sondere Bedeutung verdient vor Allem der Typhus, für welchen in Bezug 
auf seinen Zusammenhang mit der Wohnungsdichtigkeit nachstehende Ziffern 
bemerkenswerth sind. 

Es erkrankten in Berlin bei einer Durchschnittseinwohnerzahl in einem 
Hause von 


42*2 Einwohnern an Typhus 


42*7 

45*1 

46*3 

50*4 

57*5 


n 

TI 

rt 

rt 

n 


58*3 


600 

62*6 

630 


n 


51 


65*2 


n 

55 

n 

TI 

51 

51 

n 

51 

51 

n 


0 

1 

2 

3 

4 

5 

6 


Personen 

51 

n 

n 

ii 

n 

"51 


8 

9 

10 bis 14 


n 

n 


n 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Grossstädten und auf dem Lande. 285 


7 2'4 Einwohner an Tvphns . . 

. . 

. 15 

bis 19 

Personen 

90*3 „ n 

. 

. 20 

. 24 

T> 

94*4 „ , . . 

. 

. 25 

. 29 

n 

972 „ „ . . 

. 

. 31 

» 53 

T> 


Dass übrigens die Wohuungsdichtigkeit allein dafür doch nicht maassgebend, 
betont Finkelnburg, indem er daraufhinweist, dass in der Rheinprovinz 
die Städte nicht so sehr nach dem Maass ihrer Bevölkerungsmenge und 
-dichte, als vielmehr nach dem Verhältniss vorwiegender Arbeiterbevölkerung 
und deren socialer Zustände, sowie nach dem Verhältniss öffentlicher Für¬ 
sorge (bezw. Vernachlässigung für Bodenreinigung und Wasserversorgung) 
heimgesucht wurden. Wie berechtigt diese Annahme ist, ergiebt sich nega¬ 
tiv aus der schon erwähnten Herabminderung der Typhusmorbidität und 
Mortalität für München l ), Berlin, Danzig und viele andere Grossstädte; 
andererseits werde ich es durch die Morbidität Augsburgs gegenüber der 
Schwabens auch positiv darzulegen im Stande sein. 

Gehen wir noch weiterhin auf die Todesursachen ein, so finden wir so¬ 
wohl in der Gruppe der Herzleiden als der Apoplexieen ein reichliches Ueber- 
wiegen der Städte, und auch dies ist recht gut zu erklären. Dass die Mehr- 
sterblichkeit bei ersteren beide Geschlechter, sogar die Frauen etwas höher 
als die Männer, betrifft, muss seinen Grund wiederum wie bei den Lungen¬ 
krankheiten (excl. Phthise) in einer gemeinsamen Ursache haben und diese 
liegt auch nicht fern von der Hand. Sie ist eine doppelte und längst durch 
praktische ärztliche Beobachtung constatirt. Einmal ist es die Blutarmuth 
der städtischen Bevölkerung, von welcher wir wissen, dass sie durch Er¬ 
nährungsstörungen des Herzens häufig tiefere organische Veränderungen 
einleitet, sodann die Nervosität, die nervösen Herzerregungen, welche als ein 
bedeutendes Moment zu tieferen Herzstörungen erkannt sind (Finkeln¬ 
burg, 1. c.). Insofern ist sie eine Theilerscheinung der für die städtische 
Hygiene im Allgemeinen so bedeutungsvollen Ueberreizung des Nerven¬ 
systems, der Neurasthenie, die aus den verschiedensten Factoren des gross¬ 
städtischen Lebens sich zusammenfügt. „Die unruhige Erregung der Sinnes¬ 
nerven durch grellere und wechselndere Eindrücke“, sagt der mehrfach 
citirte Verfasser, „unter denen schon der Strassenlärm an sich eine unver¬ 
meidliche Stelle einnimmt, die beständigen Anreize zur Begehrlichkeit, zur 
Genusssucht, zu Leidenschaften der edelsten wie der gemeinsten Gattung, 
das fieberhafte Arbeiten unter der Peitsche der geschäftlichen und nicht 
minder der gesellschaftlichen Concurrenz, die lebhafte Theilnahme an öffent¬ 
lichen Angelegenheiten und am Parteigetriebe, das rastlose Pflücken der 
Zeit, welches selbst bei Mahlzeiten keine Gemüthsruhe aufkommen lässt, 
alle diese Anstürme machen es nur zu leicht erklärlich, dass das Heer der 
Nervenkrankheiten und insbesondere diejenigen des Gehirns und die Seelen¬ 
störungen eine weit stärkere Verbreitung und eine hartnäckigere Verlaufs¬ 
weise bei den Bewohnern der Grossstädte zeigen, als bei den Bewohnern 
ländlicher Orte.“ Ganz ähnlich spricht sich Ziemssen 2 ) über die Neur- 

l ) Soyka, Deutsche Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, XIV, 1; Weyl, 
Die Einwirkung hygienischer Werke auf die Gesundheit der Städte 1893. 

*) Ziemssen, Klinische Vorträge, IV, ‘2. 


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286 


Dr. A. Noder, 


asthenie aus und schreibt ebenfalls dem Grossstadtleben den hervorragend¬ 
sten Antheil an ihrer Entstehung und Vermehrung zu, wenn auch für die¬ 
selbe der statistische Nachweis der Frequenzzunahme nicht in dem Maasse 
zu führen sei, wie für die Psychosen. Da die Neurasthenie selten bald zum 
Tode führt, so ist aus der Mortalitätsziffer allerdings nichts für sie zu 
eruiren; dagegen ist nach Finkelnburg zu erwarten, dass der Gegensatz 
zwischen Stadt und Land sich in den Ziffern der Sterblichkeit an Gehirn¬ 
krankheiten wiederspiegele. In der That zeigt eine vergleichende Zusammen¬ 
stellung für den Zeitraum von 1875 bis 1879 in der Rheinprovinz folgende 
Resultate: 

Es starben an Gehirnerkrankungen von je 10 000 Einwohnern: 



in den Städten 

auf dem Lande 

Männl. 

Weibl. 

Summa 

1 Männl. 

Weibl. 

Summa 

Rheinprovinz. 

10*8 

9*4 

20*2 

4’4 

34 

7-8 

Köln. 

12*5 

in 

23*6 

1 5,1 

4-0 J 

9*1 

Düsseldorf. 

10-2 

90 ; 

• 19*2 

5’4 

4-8 

10*2 

Aachen. 

9 7 

* 7 8 

17-5 

30 

29 

59 

Coblenz ... . 

10‘3 

81 

18*4 

4*2 

25 

6 7 

Trier. 

109 

1 9'0 

19 9 

2*2 

1 7 

| 39 

in Preussen. 

! 98 

75 

17*3 

| 32 

2*6 

5-8 

in der Stadt Köln .... 

135 

1 12*3 

25-8 


— 

— 

in der Stadt Berlin . . . 

14-6 

10*9 

1 

25*5 

1 1 

— 

1 “ 


Die Sterblichkeit an Gehirnleiden in den Städten übertraf also die auf 
dem Lande um das Zwei- und Dreifache, ja sogar in Trier um das Sechs¬ 
fache und zwar in für beide Geschlechter ziemlich parallel laufendem Maasse. 
Noch deutlicher wird dies, wenn man Köln Land der Stadt Köln allein ent¬ 
gegenstellt, wo in ersterem 9T, in letzterer 25*8 auf 10 000 Einwohner 
starben, ebenso Berlin gegen Preussen (Land), wo die betreffenden Zahlen 
25*5 gegen 5*8 betragen. 

Endlich ist unter den Todesursachen noch die vorwiegende Bedeutung 
der Nierenkrankheiten für die Morbiditätsdifferenz zwischen Stadt und Land 
beachtenswerth, welche durch folgende Ziffern erläutert wird: 

Es starben (1875 bis 1879) in der Rheinprovinz und Preussen auf je 


10 000 Lebende 

an Nierenkrankheiten: 





|| in den Städten j 

auf dem Lande 


lj Männlich i 

Weiblich 

1 Männlich 

Weiblich 

Preussen .... 

.i 2-8 

i 

! '7 , 

0*8 

0-4 

Rheinprovinz. . 

.!' 19 ! 

1*4 ' 

, 0 5 

0‘3 


was ein Ueberwiegen der Städter um das Vierfache bedeutet und als directes 
Symptom des stärkeren Alkoholmissbrauches derselben betrachtet werden 
kann. Da aber nach der von der Harveyan Society angestellten Enquete die 
Betheiligung der Alkoholiker an Nierentodesfallen noch gegen diejenige an 
Tod durch Leber- und Verdauungskrankheiten zurücksteht, da der Alko- 


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Die Gesundheitsverhältnisse in Gressstädten und auf dem Lande. 287 


holmissbrauch namentlich auch das Hauptcontingent zur Irren-, Selbstmord- 
und Verbrecherziffer stellt, welche hier gar nicht in Betracht gezogen sind, 
so ist zweifellos, dass ein wesentlicher hygienischer Nachtheil der Gross¬ 


stadt auch in der Leichtigkeit der Erlangung 

von 

Alkohol liegt, wofür 

nur noch folgende Ziffern anführen wollen. 





Es treffen Wirthschaften 





in Hamburg. 

1 

auf 

71 

Einwohner 

Lübeck. 

1 

n 

116 

n 

Darmstadt. 

1 

n 

119 

r > 

Bremen. 

1 

V 

141 

n 

Berlin. 

1 

» 

160 

n 


während für ganz Deutschland erst 1 auf 200 Einwohner trifft. Der Bier- 
consum beträgt jährlich pro Kopf der Bevölkerung für Deutschland 87*5 Liter 
(Württemberg 186 Liter, Bayern 233 Liter), während er z. B. für München 
432 Liter beträgt, ungerechnet den Export J ). 

Dass aber nicht nur bestimmte Krankheiten in den Grossstädten einen 
nachtheiligeren Einfluss auf den Menschen ausüben als auf dem Lande, 
sondern dass in den Luft- und Lichtverhältnissen der Städte selber noch 
ein nicht zu unterschätzender Factor für dieses Missverhältniss liegt, dafür 
sprechen die Erfahrungen, welche bezüglich der jahreszeitlichen und monat¬ 
lichen Mortalität gemacht worden sind und im Folgenden ihren Ausdruck 
finden: 

Es starben in 


den Monaten 

in Preussen 

in Berlin 

Januar mit März. 

95*8 

81*7 

April „ Juni. 

84-6 

90*6 

Juli * September. 

89*5 

107-8 

October „ December. . 

83*7 

80*4 


Die höchste Sterblichkeit fällt also in der Grossstadt auf den Sommer, 
wo die städtischen Wohnungen und Strassen nicht mehr entwärmt, wo die 
Ventilation der bewohnten Räume und Gebiete nicht mehr genügend vor¬ 
genommen werden kann, wo gastrische und Infectionskrankheiten durch 
ZersetzungsVorgänge in den Nahrungsmitteln und im Boden leichter auf- 
treten und wo überhaupt die Widerstandskraft der städtischen Bevölkerung 
gegen Krankheiten noch in höherem Grade als sonst verringert ist. Dass 
von diesen Factoren die Kinder